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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

von Sören Stumpf (Autor)
Dissertation XVIII, 543 Seiten
Open Access

Inhaltsverzeichnis


I.
Exploration des Untersuchungsgegenstands

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1.  Einleitung

1.1  Untersuchungsgegenstand und Problembereich

Sprache ist etwas Ordentliches, ohne Zweifel; und darin liegt das Hauptinteresse an ihr als einem wissenschaftlichen Gegenstand. Die in den letzten fünfundzwanzig Jahren entwickelten formalen Mittel zur Erklärung der Strukturen, die die Ordnung ausmachen, haben eine solche Faszination ausgeübt, daß sie die Aufmerksamkeit von allem, was die Ordnung stört, fast vollständig abgezogen haben. Hierfür war ein gerütteltes Maß an Idealisierung nötig, die die Sprache als ein variationsloses, konsistentes und determiniertes System erscheinen ließ. Für idiomatische Wendungen und sonstige feststehende Kollokationen war in einer solchen Konzeption kein Platz, denn sie sind ja geradezu das Paradigma der gestörten Ordnung. (COULMAS 1981a: 29f.)

Die Unvereinbarkeit fester Wortverbindungen mit der (generativistischen) Ordnung einer Sprache – wie sie im obigen Zitat angesprochen wird – galt lange Zeit geradezu als ein Gemeinplatz innerhalb der modernen Linguistik; sind es doch vor allem idiomatische Wendungen, die sich dem formalistischen Regelapparat einer Generativen Grammatik widersetzen. Unter der Annahme, Phraseme nähmen nur einen kleinen, vernachlässigbaren Teil des Sprachsystems ein, wurde diese „Lücke“ der Theorie jedoch getrost in Kauf genommen. Angesichts dieser stark idealisierten und realitätsfernen Auffassung ließen kritische Stimmen nicht lange auf sich warten. Primär waren und sind es die Phraseologie und seit Ende der 1980er Jahre die Konstruktionsgrammatik, die die postulierte Vernachlässigbarkeit fester Wortverbindungen anzweifeln. Oberste Prämisse beider Forschungsrichtungen ist die Überzeugung, dass vorgeformte sprachliche Einheiten nicht der Sonderfall, sondern vielmehr das Fundament und somit der Normalfall einer jeden Sprache sind. Die Argumentation erfolgt dabei – und dies ist das entscheidende Plus gegenüber allen generativistisch orientierten Ansätzen – auf der Grundlage von authentischem Sprachmaterial. So zeigen Sprachgebrauchsanalysen, dass formelhafte Mehrwortverbindungen einen Hauptbestandteil in der alltäglichen Kommunikation einnehmen und keinesfalls als periphere Bausteine einer Sprache aufgefasst werden dürfen.

Als anschauliches Beispiel, das den hohen Stellenwert fester Wendungen verdeutlicht, kann die wohl berühmteste Internetseite Deutschlands angeführt werden: Auch die deutschsprachige Google-Homepage, die im Oktober 2014 ← 3 | 4 → mit über 51 Millionen Besuchern1 auf Platz eins der meistgenutzten Websites liegt, enthält eine phraseologische Wortverbindung.2 Bei näherer Betrachtung der Startseite findet man neben der bekannten „Google-Suche“ die mittels eines Phrasems betitelte Funktion „Auf gut Glück!“ (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1:  Google-Startseite mit „Auf gut Glück!“-Funktion

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Bei auf gut Glück handelt es sich nicht nur um ein gewöhnliches, sondern um ein recht spezielles Phrasem, da es in Form des unflektierten Adjektivattributs gut eine sprachliche Erscheinung enthält, die dergestalt im freien Sprachgebrauch nicht (mehr) vorzufinden ist. Werden „normale“ feststehende Wendungen – wie im Eingangszitat angeführt – bereits als vermeintliche Paradigmen der gestörten Ordnung empfunden, so trifft dies auf ein solches Phrasem wie auf gut Glück umso mehr zu. Scheint es durch die Bewahrung des unflektierten Adjektivattributs doch allein schon aufgrund seiner Ausdrucksseite im Widerspruch zum synchronen Regelsystem zu stehen. Solche Phraseme nehmen daher selbst in der Phraseologieforschung eine Sonder- bzw. Randstellung ein und werden als sogenannte „phraseologische Irregularitäten“ von „regulären“ Phrasemen abgegrenzt (vgl. FLEISCHER 1997a: 47).

Unter „phraseologische Irregularitäten“ fallen beispielsweise so unterschiedliche Erscheinungsformen wie unikale Komponenten (z. B. klipp und klar)3, vorangestellte Genitivattribute (z. B. um des Kaisers Barte) oder auch innerphraseologische Valenzbesonderheiten (z. B. jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren ← 4 | 5 → gefressen). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie „Abweichungen“ von strukturellen und/oder semantischen Regularitäten des freien4 Sprachgebrauchs aufweisen, die größtenteils nur (noch) innerhalb fester Wendungen anzutreffen sind. Gerade weil „phraseologische Irregularitäten“ dem allgemeinen, freien Sprachgebrauch widersprechen, gelten sie gemeinhin als phraseologietypisch, als phraseologiespezifisch, ja geradezu als ein Phraseologie-Indikator (vgl. NEUBERT 1977: 9 und ETTINGER 1998: 205). Zudem werden sie immer dann hervorgehoben, wenn das Phraseologizitätsmerkmal der Festigkeit thematisiert wird. So gelten sie aufgrund der Tradierung älterer Sprachverhältnisse als (vermeintliche) Prototypen phraseologischer Festigkeit (vgl. u. a. KORHONEN 1992a: 49 und STÖCKL 2004: 159). Mehr noch: Insbesondere in früheren Werken werden „phraseologische Irregularitäten“ nicht selten als ein notwendiges Charakteristikum für phraseologische Einheiten angeführt in dem Sinne, dass nur solche Wortverbindungen phraseologisch sind, die form- und/oder inhaltsseitige Besonderheiten aufweisen:

Many researchers choose to define formulaic language as only those items […] with irregular features of semantics or grammar […]. (WRAY 2009: 34; Hervorhebung im Original)5

Im Gegensatz zu BURGER (2012), der in einem resümierenden Überblick über die (historische) Phraseologie konstatiert, dass es sich bei „phraseologischen Irregularitäten“ um einen Gegenstandsbereich handelt, „zu dem das Wichtige wohl gesagt ist und der keiner neuen Diskussion bedarf“, bin ich der Ansicht, dass zu diesem Phänomen noch nicht alles gesagt und geschrieben ist und neue Diskussionen durchaus sinnvoll erscheinen. Betrachtet man die bisherige Behandlung „irregulärer“ Wortverbindungen innerhalb der Phraseologie genauer, so wird diese Forschungslücke offensichtlich: „Phraseologische Irregularitäten“ ← 5 | 6 → wurden trotz (oder gerade wegen?) ihrer Allgegenwärtigkeit und scheinbar zentralen phraseologischen Stellung, die ihnen „als Identifikationskriterien für formelhafte Wendungen“ (FILATKINA 2013: 37) zugesprochen wird, bislang kaum erforscht. Mit Ausnahme „lexikalischer Irregularitäten“ (Unikalia) und „semantischer Irregularitäten“ (Idiomatizität/Idiome) liegen keine größeren oder weiterführenden Studien zu diesem Gegenstandsbereich vor. Nach WEICKERT (1997: 90) kann daher Folgendes konstatiert werden, das auch im Jahr 2015 nicht an Aktualität verloren hat:

Aus dem fehlenden Interesse resultiert bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine unbefriedigende Aufarbeitung. Es existiert weder eine einheitliche Terminologie noch eine genaue Definition, die Ein- und Ausgrenzung des Gegenstandsbereichs fällt teilweise sehr unterschiedlich aus und auch eine (korpusbasierte) exhaustive Sprachgebrauchsanalyse fehlt bislang, geschweige denn sind sprachtheoretische Verortungen des Phänomens vorgenommen worden. Zwar werden Wendungen, die in irgendeiner Weise „irregulär“ erscheinen, bereits in den Anfängen der Phraseologieforschung (sprich: Idiomatik) thematisiert, ihre Beschreibung beschränkt sich dabei aber ausschließlich auf eine introspektive, lediglich mit wenigen Beispielen arbeitende und daher verkürzte Darstellung. Systematisch angelegte, dem Untersuchungsgegenstand aus einer empirisch-analytischen und theoretisch-fundierten Perspektive begegnende Studien liegen nicht vor.

Die Feststellung BURGERS (2012), „phraseologische Irregularitäten“ seien ausreichend untersucht, muss angesichts dieses defizitären Forschungsstands zur Diskussion gestellt werden. Mit FILATKINA (2013: 37) lässt sich vielmehr festhalten, dass insbesondere die systematische – sowohl synchrone als auch diachrone – Analyse der verschiedenen Typen „phraseologischer Irregularitäten“ immer noch ein Desiderat darstellt. So

Die vorliegende Arbeit nimmt sich dieses Desiderats an, indem erstmals das Phänomen sogenannter „phraseologischer Irregularitäten“ Gegenstand umfangreicher empirischer sowie theoretischer Untersuchungen ist. Ziel ist es also, eine Forschungslücke zu schließen, die seit der Frühzeit der Phraseologie bis heute ← 6 | 7 → Bestand hat. Neben einer exhaustiven Beschreibung geht es in erster Linie darum, den „irregulären“ Status „phraseologischer Irregularitäten“ zu relativieren und aufzuzeigen, dass diese genauso wenig wie unmarkierte Phraseme die Ordnung einer (formelhaften) Sprache stören und keineswegs als Ausnahmen, sondern als Normalfälle zu betrachten sind.

1.2  Zielsetzungen und Fragestellungen der Arbeit

Da eine umfassende Zusammenstellung, empirische Analyse und theoretische Einbettung von „phraseologischen Irregularitäten“ – wie oben beschrieben – noch aussteht, ist es das Bestreben der Arbeit, die gesamte Vielfalt „phraseologischer Irregularitäten“ systematisch aufzuzeigen, ihren tatsächlichen Gebrauch korpuslinguistisch auszuwerten und den Gegenstandsbereich mit unterschiedlichen sprachtheoretischen Ansätzen in Verbindung zu bringen. Es wird also darauf abgezielt, die verschiedenen Arten von „phraseologischen Irregularitäten“ einer theoretisch fundierten sowie empirisch validen Untersuchung auf synchroner und teilweise diachroner Ebene zu unterziehen. Insgesamt liegt der Arbeit eine allgemeinere Zielsetzung zugrunde, aus der sich konkretere empirische sowie theoretische Zielsetzungen und Fragestellungen ergeben:

    Allgemeine Zielsetzung: „Phraseologische Irregularitäten“ nehmen gerade wegen ihrer signifikanten Abweichung vom außerphraseologischen Sprachgebrauch nicht nur in der Phraseologie, sondern auch innerhalb der (deutschen) Sprache an sich eine Sonderstellung ein. Eine detaillierte Erforschung ist deshalb sinnvoll, da durch diese nicht nur Erkenntnisse für die formelhafte Sprache im Speziellen (z. B. über das komplexe Spannungsverhältnis zwischen phraseologischer Peripherie und phraseologischem Zentrum), sondern ebenso neue Erkenntnisse für die Sprache im Allgemeinen (z. B. in Bezug auf Sprachnorm und Sprachwandel) gewonnen werden können. Zentral ist insbesondere die Relativierung des „irregulären“, „anomalen“ Charakters bzw. ein sensiblerer Umgang in der Beurteilung von „Irregularität“ und „Regularität“ innerhalb einer (formelhaften) Sprache. So wird sich zeigen – und dies kann als das allgemeinere Ziel der Arbeit betrachtet werden –, dass der dem Untersuchungsgegenstand anhaftende Irregularitätscharakter gleich aus mehrfacher Sicht überdacht werden muss.

    Empirische Zielsetzungen: Es wird erstmals eine exhaustive Sammlung und Kategorisierung der „phraseologischen Irregularitäten“ des gegenwärtigen Deutsch angestrebt. Die erstellte Datenbasis dient als Grundlage für korpusbasierte Auswertungen, mit deren Hilfe Aussagen über den tatsächlichen ← 7 | 8 → Gebrauch dieser Erscheinungen gemacht werden können. Die Arbeit richtet sich nach dem Leitsatz, dass eine erschöpfende und der Sprachrealität angemessene Beschreibung „phraseologischer Irregularitäten“ nur durch die Untersuchung authentischen Sprachmaterials geleistet werden kann.

    Theoretische Zielsetzungen: Neben der Auseinandersetzung mit der bisherigen Terminologie, die schließlich zur Ablösung des negativ konnotierten Begriffs „phraseologische Irregularität“ und zur Einführung des neutralen Begriffs „formelhafte (Ir-)Regularität“ führt, wird eine Begriffsbestimmung erarbeitet. Abgesehen von terminologischen Fragen und Definitionsfragen wird der Überlegung nachgegangen, wie sich diese besonderen phraseologischen Wendungen aus sprachtheoretischer Sicht beschreiben lassen. Insgesamt werden vier Bereiche fokussiert und mit dem Untersuchungsgegenstand in Verbindung gebracht:

          Sprachnorm: Wie der Terminus „phraseologische Irregularität“ bereits andeutet, stehen diese Wendungen im Kontrast zur außerphraseologischen Sprachnorm. Es wird daher die Beziehung zwischen regulärer Sprachnorm und „irregulären“ Erscheinungen in Phrasemen genauer betrachtet und der Frage nachgegangen, inwiefern die vorzufindenden Sprachverhältnisse norm- bzw. sogar systemwidrig sind.

          Sprachwandel: Die Arbeit nimmt darüber hinaus die Entstehungsprozesse sowohl aus synchroner als auch diachroner Perspektive in den Blick. Es stellt sich die Frage, wie „phraseologische Irregularitäten“ in Konzepte moderner Sprachwandeltheorien einzuordnen sind. Mit anderen Worten: Können Sprachwandeltheorien die Tradierung älteren Sprachguts und älterer grammatischer Verhältnisse innerhalb von Phrasemen adäquat erklären bzw. wie lässt sich dieses Phänomen mit aktuellen Sprachwandeltheorien in Einklang bringen?

          Konstruktionsgrammatik: Aus grammatik-theoretischer Sicht werden „phraseologische Irregularitäten“ unter einem konstruktionsgrammatischen Blickwinkel betrachtet. Die Konstruktionsgrammatik bietet sich deswegen an, da sie in ihren Anfängen insbesondere auf (idiomatische) Phraseme zurückgreift und die Trennung zwischen „Regularität“ und „Irregularität“ generell infrage stellt.

          Formelhafte Sprache/Phraseologie: Besondere Aufmerksamkeit wird nicht zuletzt der Stellung „phraseologischer Irregularitäten“ innerhalb der formelhaften Sprache/Phraseologie geschenkt, wobei vor allem deren ← 8 | 9 → Einordnung in die zwei sprachtheoretischen Konzepte des Zentrum- Peripherie-Modells und des Feilkeschen Ebenen-Modells fokussiert wird.

1.3  Methodologie: Empirisches und theoretisches Vorgehen

Im Zuge der Arbeit ist es zunächst notwendig, relevante Untersuchungsschwerpunkte festzulegen und angemessene Beschreibungsinstrumentarien zu entwickeln, da auf diesem Feld empirisch sowie theoretisch kaum Vorarbeiten existieren. Dem Bereich der „phraseologischen Irregularitäten“ wird dabei mithilfe empirischer Methodik und unter Berücksichtigung moderner linguistischer Theorien begegnet:

    Empirisches Vorgehen: Zwar sind in der bisherigen Forschung bereits gewisse Klassifikationen „phraseologischer Irregularitäten“ vorhanden, diese basieren aber auf keiner empirischen Grundlage, sondern werden jeweils nur mit wenigen Beispielen vorgestellt. Im Gegensatz dazu stützt sich die vorliegende Arbeit auf eine möglichst vollständige Zusammenstellung „phraseologischer Irregularitäten“. Diese erfolgt zum einen mithilfe der bereits in der Forschungsliteratur angeführten Beispiele und zum anderen durch selbstständige Recherche. Mittels der Durchsicht der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011) werden die in der Forschung bereits bekannten „Irregularitäten“ ergänzt und vervollständigt. Die erstellte Sammlung bildet die Grundlage für weiterführende Kategorisierungsvorschläge und Analyseschritte. Zentral ist dabei die Methode der Korpusanalyse. Zur korpuslinguistischen Erforschung „phraseologischer Irregularitäten“ bedient sich die Arbeit des größten elektronischen Korpus deutschsprachiger Texte – dem Deutschen Referenzkorpus (im Folgenden DEREKO) – und dem dazugehörigen Korpusrecherche- und -analysesystem COSMAS-II (vgl. BELICA/STEYER 2008: 9).6 Neben dem DEREKO wird an einigen Stellen zudem auf „das größte Korpus der Welt – das Internet“ (SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 322) zurückgegriffen.7 Dabei stehen sowohl quantitative als auch ← 9 | 10 → qualitative Korpusanalysen im Fokus. In Form zahlreicher Einzelanalysen werden gezielt Besonderheiten „irregulärer“ Phraseme hervorgehoben. Darüber hinaus wird die aktuellste Datenbank zur historischen Phraseologie herangezogen, die im Rahmen des Projekts „Historische formelhafte Sprache und Traditionen des Formulierens“ (HiFoS)8 entstanden ist und mit deren Hilfe das Phänomen auch aus diachroner Perspektive in den Blick genommen werden kann.

    Theoretisches Vorgehen: „Phraseologischen Irregularitäten“ wird nicht nur auf empirischer, korpusbasierter Weise begegnet, sondern sie werden auch sprachtheoretisch verortet. Der Untersuchungsgegenstand wird mit linguistischen Theorien und Modellen in Beziehung gesetzt und somit eine erstmalige theoretische Einordnung dieser besonderen Erscheinungsformen in den Bereich der Phraseologie fokussiert. Es wird sich dabei nicht nur auf phraseologiespezifische Aspekte beschränkt, sondern es werden Forschungserkenntnisse und Analysekategorien aus anderen (benachbarten) linguistischen (Teil-)Disziplinen wie der Lexikografie, Kognitions- und Psycholinguistik, Wortbildung, Sprachnormforschung, Sprachwandelforschung und Konstruktionsgrammatik in die Untersuchung miteinbezogen. Nur unter der Voraussetzung einer derartigen multiperspektivischen und universellen Betrachtungsweise können diese heterogenen und sich auf nahezu allen Ebenen des Sprachsystems manifestierenden Erscheinungen angemessen beschrieben werden.

Insgesamt ist der methodische Ansatz also dahingehend gewählt, neuere Theoriebildung und linguistische Analyseverfahren (z. B. Korpuslinguistik, Sprachwandeltheorien und Konstruktionsgrammatik) einander zu ergänzen und den Untersuchungsgegenstand mithilfe innerdisziplinärer Verbindungen möglichst detailliert und ausführlich zu beschreiben. Insofern handelt es sich bei diesem Vorgehen auch um eine Neuperspektivierung des Untersuchungsgegenstands auf der Grundlage empirisch extrahierter Ergebnisse. ← 10 | 11 →


1      In der vorliegenden Arbeit wird durchgehend das generische Maskulinum verwendet. Weibliche Personen (wie Besucherinnen, Sprecherinnen, Sprachteilnehmerinnen, Forscherinnen, Linguistinnen etc.) sind dabei selbstverständlich mitgemeint.

2      http://de.statista.com/statistik/daten/studie/180570/umfrage/meistbesuchte-websites-in-deutschland-nach-anzahl-der-besucher/ (Stand 21.02.2015).

3      Unikalia(-kandidaten) werden in der gesamten Arbeit (fett) hervorgehoben.

4      „Frei“ wird in der Arbeit als Gegensatz zu „phraseologisch“ verwendet. Dass es sich hierbei nicht um eine völlige Entfaltungsfreiheit handelt, sondern die entsprechenden Elemente morphosyntaktischen und semantischen Regularitäten unterliegen, ist dabei jedoch selbstverständlich. „Frei“ sollte daher immer in Anführungszeichen gedacht werden.

5      Angesichts einer weiten Auffassung von Phraseologie stellt eine solche Betrachtungsweise jedoch eine unzureichende Verkürzung dar. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist man sich innerhalb der Forschung weitgehend einig, dass Formelhaftigkeit weit über grammatische und semantische „Irregularitäten“ hinausgeht: „Stipulating irregularity or non-transparency as the marker of formulaicity is a means of ensuring that all the examples identified definitely are formulaic. However, according to the morpheme-equivalence model, the definition is too conservative, because it excludes formulaic material that has not yet developed any oddities of form or meaning […]“ (WRAY 2009: 38).

6      http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/web-app/ (Stand 20.03.2015).

7      Außerdem wurde stichprobenartig in der „Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD2)“ des IDS in Mannheim nach „phraseologischen Irregularitäten“ gesucht. Erste Suchanfragen ergaben jedoch zu geringe Trefferzahlen (z. B. nur zwei Treffer für etw. auf dem Kerbholz haben oder einen Treffer für in Teufels Küche kommen/geraten), weshalb sich die Korpusanalyse der vorliegenden Arbeit primär auf geschriebene Texte des DEREKO stützt.

8      Siehe http://hifos.uni-trier.de/ (Stand 22.10.2014).

2.  Phraseologie und formelhafte Sprache: Eine problemorientierte Bestandsaufnahme im Hinblick auf „phraseologische Irregularitäten“

2.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Die Phraseologie ist als eigenständige Forschungsdisziplin aus der Sprachwissenschaft nicht mehr wegzudenken, gerade auch, weil sie sich als eine fruchtbare Quelle für innerdisziplinäre Forschungs- und Erklärungsansätze erweist.9 DOBROVOLSKIJ (1992: 29) spricht der Phraseologie sogar eine zentrale Stellung innerhalb der modernen Linguistik zu, die vor allem aus der Aufweichung der traditionellen Phraseologie-Grenzen, die in den frühen Ansätzen meist nicht über das Feld der Idiomatik im klassischen Sinne hinausreichen, und der damit verbundenen Kooperation mit verschiedenen linguistischen Theorien, Methoden und Disziplinen resultiere.10 Dabei ist es gerade die inner- und interdisziplinäre Kooperation, die die Grenzen des Untersuchungsgegenstands erheblich aufweicht und zwangsläufig zu Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber anderen linguistischen Teildisziplinen führt (vgl. STEIN 1994: 153). Die im Laufe der Zeit entstandenen fließenden Grenzen veranlassen BÖHMER (1997) sogar zu der Frage, ob die Phraseologie heute noch als einheitliches Gebiet haltbar ist. Hierzu ist zu sagen, dass die Phraseologie zum gegenwärtigen Zeitpunkt trotz der sukzessiven Ausweitung ihres Untersuchungsgegenstands und ihrer innerdisziplinären ← 11 | 12 → Öffnung als einheitliches Gebiet angesehen werden kann. Der Untersuchungsbereich hat sich zwar stark erweitert – mit der Folge, dass die Grenzen zu Nachbardisziplinen wie zum Beispiel der Syntax und der Textlinguistik immer mehr verschwimmen –, diese Entwicklung ist aber noch lange kein Grund, der Phraseologie ihre Eigenständigkeit abzusprechen. Ganz im Gegenteil: Es zeichnet sich immer mehr ab, wie viel „Phraseologisches“ in anderen linguistischen Teildisziplinen steckt.

Das folgende Kapitel skizziert Formen dieser Ausweitung und gibt einen problemorientierten Einblick in den gegenwärtigen Stand der Phraseologieforschung. Es werden die Forschungsgeschichte, terminologische Fragen, Eigenschaften und Klassen formelhafter Wendungen sowie zwei Modelle zur Kategorisierung des phraseologischen Bestandes genauer und vor allem immer im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit betrachtet. Zentral ist dabei die Frage, inwiefern sich die phraseologietypischen Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität bei „irregulären“ Phrasemen ausdrücken und ob es hierbei auffällige Unterschiede zu unmarkierten Wendungen gibt. Das Kapitel dient zudem der Einführung in das Zentrum-Peripherie-Modell und das Ebenen-Modell, auf die gegen Ende der Arbeit nochmals intensiver im Zusammenhang mit der theoretischen Einordnung „phraseologischer Irregularitäten“ eingegangen wird (siehe Kapitel 18.5 und 18.6).

2.2  Forschungsgeschichte der Phraseologie, oder: Die Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die damit einhergehende Vernachlässigung „phraseologischer Irregularitäten“

Die Forschungsgeschichte der deutschen Phraseologie kann nach KÜHN (2007) in drei Phasen unterteilt werden (siehe Übersicht 2–1).

1)  Die vorwissenschaftliche Vorphase (circa 1500–1970) ist geprägt vom intensiven Sammeln und Dokumentieren von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten (vgl. KÜHN 2007: 620f.). Diese „historische Sprichwörterlexikographie“ liefert allerdings „keine Impulse für die Ausarbeitung einer linguistisch fundierten Phraseographie oder Phraseologie“ (KÜHN 2007: 621).

2)  Eine eigentliche Phraseologieforschung – so wie wir sie heute kennen – kristallisiert sich in Deutschland erst Anfang der 1970er Jahre durch den Einfluss sowjetischer Forschung heraus. In der Anfangsphase geht es vor ← 12 | 13 → allem darum, den Gegenstandsbereich und die Klassifikation von Phrasemen sprachstrukturell zu erfassen (vgl. KÜHN 2007: 621–626).

3)  Die allmähliche Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die Erkenntnis des graduellen Charakters phraseologischer Einheiten leiten in die sogenannte Konsolidierungsphase über, an deren Anfang vor allem die (Einführungs-)Werke von BURGER u. a. (1982) und FLEISCHER (1982) stehen (vgl. KÜHN 2007: 626–631). Der sprachstrukturelle Ansatz wird zunehmend durch semantische, pragmatische und textuelle Fragestellungen ersetzt. Die weitere Auffassung von „Festigkeit“ und das damit verbundene Konzept der „Formelhaftigkeit“ bereiten darüber hinaus den Weg zur Verknüpfung der Phraseologieforschung mit angrenzenden linguistischen Teildisziplinen (z. B. Gesprochene Sprache Forschung und Textlinguistik).

Übersicht 2-1:  Forschungsgeschichte der (germanistischen) Phraseologie nach KÜHN (2007), erweitert durch STUMPF

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Ein Ende der Konsolidierungsphase sieht KÜHN (2007) nicht, wobei gerade der Sammelband „Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung.“, in dem dieser Aufsatz publiziert ist, eine weitere Zäsur ermöglicht und die Konsolidierungsphase bereits für abgeschlossen erklärt werden kann. Die Aufnahme der Phraseologie in die renommierte Reihe „Handbücher zur ← 14 | 15 → Sprach- und Kommunikationswissenschaft“ zeigt, dass sie sich längst zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt hat und eine neue Phase eingeleitet ist:

4)  Die nun folgende Spezialisierungsphase ist bzw. wird meines Erachtens geprägt vom Versuch, die Grenzen zwischen freiem und phraseologischem Sprachgebrauch mittels intensiver Kollokationsforschung11 weiter zu relativieren, sowie der zunehmenden inner- und interdisziplinären und sprachvergleichenden Vernetzung. Darüber hinaus zeichnen sich korpus- und computerlinguistische Ansätze immer mehr als solide und für die phraseologische Forschung nutzbringende Methoden ab, die es ermöglichen, hochfrequente Muster unseres Sprachgebrauchs aufzudecken (siehe BUBENHOFER 2009 sowie STEYER 2013). Ein wichtiges, zum Teil jedoch vernachlässigtes Anliegen ist außerdem schon seit Längerem und auch heute noch, die Phraseologie auf eine solide theoretische Grundlage zu stellen. Mit FEILKES (1994, 1996, 1998) Konzept der idiomatischen Prägung sowie dem daraus resultierenden Ebenen-Modell (siehe FEILKE 2004) sind hierfür bereits vielversprechende Ansätze vorhanden, die in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Im Fokus zukünftiger Phraseologieforschung werden zudem Untersuchungen stehen, die formelhafte Sprache mit der zurzeit äußerst „attraktiven“ Konstruktionsgrammatik in Verbindung bringen; die Konstruktionsgrammatik bietet sich für eine stärkere theoretische Fundierung der Phraseologie geradezu an. Diesbezüglich stellt FEILKE (2007: 63) fest, dass

     es – vielleicht abgesehen von der aktuellen Hochkonjunktur der Kollokationsforschung – kaum ein phraseologisches Forschungsgebiet [gibt], das in der jüngsten Forschungsentwicklung eine vergleichbar große Aufmerksamkeit in der allgemeinen Sprachtheorie gefunden hätte.

     Ein großes Desiderat besteht weiterhin im Bereich einer historischen Aufarbeitung formelhafter Sprache. Zwar sind durch das HiFoS-Projekt an der Universität Trier das Althochdeutsche und zum Teil auch das Mittelhochdeutsche und Frühneuhochdeutsche einer phraseologischen Analyse unterzogen worden, eine größere und zusammenhängende Arbeit, die diese Ergebnisse bündelt und für die Forschungsgemeinschaft aufbereitet, steht aber noch aus (siehe FILATKINA in Vorbereitung). Darüber hinaus kann sich die Diskurslinguistik in den nächsten Jahren sicherlich nicht (mehr) davor versperren, auch feste Wortverbindungen als diskursanalytisches Zugriffsobjekt genauer in ← 15 | 16 → den Blick zu nehmen.12 Dass Phraseme ein „diskursmarkierendes Potenzial“ besitzen, verdeutlichen KREUZ/STUMPF (2014) anhand eines anschaulichen Beispiels und plädieren daher „für eine intensivere Vernetzung der beiden sprachwissenschaftlichen Forschungszweige“ (KREUZ/STUMPF 2014: 50).

Während in den Anfängen der (germanistischen) Phraseologieforschung vor allem feste und idiomatische Wortverbindungen (Idiome) im Mittelpunkt stehen, dehnt sich im Laufe der Jahre der Untersuchungsbereich auch auf Einheiten aus, die die traditionellen Definitionsmerkmale nur noch teilweise aufweisen (z. B. Routineformeln) (vgl. SCHMALE 2011: 179). Es setzt sich die Unterscheidung zwischen einem „engen“ (polylexikalisch, fest, idiomatisch) und einem „weiten“ Phraseologiebegriff (polylexikalisch, fest) durch (vgl. BURGER 2010: 14). Diese könnte angesichts der sukzessiven Erweiterung des Untersuchungsgegenstands sogar um einen „sehr weiten“ Phraseologiebegriff ergänzt werden, da es zum einen formelhafte Erscheinungen gibt, die nicht polylexikalisch sind (z. B. pragmatische Einwortäußerungen wie hallo, dankeschön und tschüs) bzw. dieses Kriterium weit überschreiten (formelhafte Texte). Zum anderen zeigen korpuslinguistische Studien, dass sich Formelhaftigkeit nicht nur in Form semantischer, struktureller oder pragmatischer Festigkeit bemerkbar macht, sondern dass sich formelhafte Einheiten auch durch hohe Gebrauchshäufigkeit bzw. Kookkurrenz etablieren können (sogenannte usuelle Wortverbindungen nach STEYER 2013).13 Von einer „sehr weiten Fassung“ der Phraseologie spricht auch SCHINDLER (1996a: 22), indem er das Merkmal der Reproduziertheit anführt, das sich gerade auch auf völlig reguläre Verbindungen anwenden lasse. SCHINDLER (1996a: 23) geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht von einer „extrem weite[n] Fassung von ← 16 | 17 → Phraseologie […], wenn man darunter generell die Untersuchung der Verbindbarkeit der Lexeme einer Sprache versteht, so daß auch freie Wortverbindungen zum Phänomenbereich zählen.“ Er kommt jedoch zu dem Schluss – dem ich mich anschließen möchte –, dass solch eine „extrem weite“ Auffassung angesichts der unendlichen Größe frei produzierter Verbindungen unzweckmäßig ist.

An den Bereich einer „sehr weiten“ Phraseologie knüpft in letzter Zeit der relativ neue konstruktionsgrammatische Ansatz an, der davon ausgeht, dass eine natürliche Sprache aus mehr oder weniger vorgefertigten und routinierten Konstruktionen besteht. Danach können sprachliche Einheiten als Form-Bedeutungspaare (sogenannte Konstruktionen) beschrieben werden (vgl. STEFANOWITSCH 2011a: 181), die zum Teil dem Bereich der Phraseologie angehören, zum Teil jedoch die Grenzen einer „sehr weiten“ Konzeption sprengen (z. B. abstrakte, lexikalisch nicht-spezifizierte Satzbaupläne). Auf die Gefahr, dass der Phraseologiebegriff im Falle eines Einbezugs syntaktischer Musterhaftigkeit im Sinne der Konstruktionsgrammatik überstrapaziert wird, macht FEILKE (2007: 64) aufmerksam, wenn er die berechtigte Frage stellt,

Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist anzumerken, dass trotz des steigenden Interesses an peripheren phraseologischen Klassen (vgl. BURGER 2004: 38) kaum Studien zu den wohl zentralsten Phrasemtypen vorliegen: Phraseme mit formalen und/oder semantischen „Irregularitäten“. Feste Wortverbindungen, die in ihrer Struktur oder Semantik in irgendeiner Weise vom freien Sprachgebrauch abweichen, werden seit jeher aufgrund ihres stark „irregulären“ Charakters als die typischsten festen Wortverbindungen angesehen: sozusagen Phraseme par excellence. Die stetige Ausweitung des Gegenstandsbereichs steht im Widerspruch mit der kaum vorhandenen Grundlagenforschung zu „irregulären“ phraseologischen Einheiten. Die Verlagerung des Forschungsschwerpunkts hin zu peripheren, regulären formelhaften Wendungen erfolgte ohne die wirkliche Auseinandersetzung mit den scheinbar im Zentrum stehenden „irregulären“ Phänomenen.14 Die vorliegende Arbeit wirkt diesem defizitären Forschungsstand entgegen und befasst sich zum ersten Mal intensiver mit diesen Phrasemtypen. ← 17 | 18 →

2.3  Zur (Phraseologie-)Terminologie

Ein großes Problem der Phraseologieforschung bestand lange Zeit in der überaus heterogenen Terminologie für die Bezeichnung des Untersuchungsgegenstands. Während die Begrifflichkeiten (insbesondere in der sogenannten Anfangsphase) kaum an zwei Händen abzählbar waren,15 hat man sich in der heutigen Phraseologieforschung im Großen und Ganzen auf die beiden synonym verwendeten Termini „Phrasem“ bzw. „Phraseologismus“ festgelegt.16 Der die Teildisziplin benennende Terminus „Phraseologie“, der in früheren Arbeiten oft mit „Idiomatik“ gleichgesetzt wird, steht in der heutigen Forschung fast ausschließlich für eine weite Konzeption des Untersuchungsgegenstands (vgl. LÜGER 1999: 31).17

Ein weiterer wichtiger und für die heutige Forschung geradezu richtungsweisender Terminus gelangt mit der Erforschung von (sprachlichen) Routinen und in Anlehnung an die Kommunikationstheorie, Ritualforschung und Textsortenlinguistik in die Phraseologieforschung: formelhafte Sprache bzw. Formelhaftigkeit (vgl. FILATKINA 2011: 79). Der Terminus spiegelt die Ausweitung des Gegenstandsbereichs wider, da er sich vor allem auf Einheiten bezieht, die nicht mehr dem traditionellen Kernbereich angehören (z. B. pragmatische Phraseme, Kollokationen und Modellbildungen):

Als ‚phraseologisch‘ werden also längst nicht mehr allein Einheiten mit idiomatischer Bedeutung angesehen, sondern auch solche Wendungen, die sich durch häufige Verwendung in fester Form auszeichnen. Der Bezeichnung ‚phraseologisch‘ kommt somit mittlerweile ein sehr breites Bedeutungsspektrum zu: Im engen (und klassischen) Sinne wird ‚phraseologisch‘ gleichgesetzt mit ‚idiomatisch‘, im weiten Sinne heißt ‚phraseologisch‘ (lediglich) ‚formelhaft‘. (STEIN 1994: 153)

„Phraseologisch“ ist mit „formelhaft“ bzw. „Phraseologie“ mit „Formelhaftigkeit/formelhafter Sprache“ nicht gleichzusetzen. Es lassen sich Merkmale anführen, die eine Unterscheidung der beiden Termini „Phraseologie“ und „Formelhaftigkeit/formelhafte Sprache“ rechtfertigen. Am deutlichsten werden die ← 18 | 19 → Berechtigung und der Nutzen einer solchen Differenzierung anhand der Definition von „formelhafter Sprache“ nach STEIN (1995: 57):

Die Definition zeigt zwei wichtige Unterscheidungspunkte zwischen „Phraseologie“ und „formelhafter Sprache“: zum einen im Bereich der Festigkeit, die sich bei formelhaften Wendungen nicht durch Idiomatizität, sondern durch ihre Rekurrenz ergibt, und zum anderen die Besonderheit, dass auch Erscheinungsformen als formelhaft analysiert werden können, die den Prozess der Lexikalisierung noch nicht vollständig durchlaufen und abgeschlossen haben.18

Insgesamt ist „Formelhaftigkeit“ also weiter zu fassen als „Phraseologie“ (vgl. FILATKINA 2009a: 146). Der Terminus „Formelhaftigkeit“ bzw. „formelhafte Sprache“ schließt alle Erscheinungsformen des traditionellen Begriffs der Phraseologie mit ein. „Formelhafte Wendung“ ist nicht als Synonym, sondern als Hyperonym für „Phrasem“ zu betrachten (vgl. STEIN 1995: 43f.).19 Die vorliegende Arbeit schließt sich dieser terminologischen Unterscheidung an. Wenn im Folgenden von „formelhaft“ bzw. „formelhaften Wendungen“ die Rede ist, bedeutet dies eine weite Konzeption des Untersuchungsgegenstands, wodurch die peripheren Erscheinungsformen – aber eben auch die zentralen Vertreter – und somit der gesamte Bereich der formelhaften Sprache mitinbegriffen sind.20 Die ← 19 | 20 → Berücksichtigung peripherer formelhafter Wendungen ist deswegen wichtig, da diese ebenfalls „phraseologische Irregularitäten“ aufweisen (können): beispielsweise Unikalia in Routineformeln (z. B. mein lieber Scholli!) oder Modellbildungen (z. B. im/aus dem Umkreis von X[Nominalphrase]). Des Weiteren spielen auch solche Wendungen eine Rolle, die keinerlei Idiomatizität besitzen und die sich durch eine hohe Gebrauchshäufigkeit bzw. Kookkurrenz verfestigt haben oder sich auf dem Weg der Stabilisierung befinden: z. B. die Unikalia am/an den Stadtrand, vor/bei/nach Tagesanbruch und Abstand nehmen/wahren/halten // mit Abstand.

Nicht zuletzt kann ein weiteres Merkmal formelhafter Sprache am Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit aufgezeigt werden. Formelhafte Wendungen sind nach STEIN (1995: 57f.) auf keine lexikalische bzw. syntaktische Unter- oder Obergrenze festgelegt. So existieren beispielsweise auch unikale formelhafte Einwortäußerungen. Hierbei handelt es sich um Routineformeln, die aus einem Wort bestehen, das für gewöhnlich nur innerhalb einer speziellen kommunikativen Situation funktional (z. B. als (Empfindungs-)Ausruf, Begrüßung oder Verabschiedung) eingesetzt werden kann (z. B. Pustekuchen, igitt, hurra, hallo und tschüs), außerhalb dieser Kontexte demnach nicht frei auftritt.21 Diese Erscheinungen sind nicht – wie bei einer traditionellen Unikalia-Auffassung – an bestimmte Wörter, sondern an spezielle (Kommunikations-)Situationen gebunden, weshalb SCHINDLER (1996a: 12) diese auch als „pragmatisch gebundene Wörter“ bezeichnet.22 Angesichts des Einbezugs solcher Einwortunikalia sowie weiterer peripherer Klassen deckt die vorliegende Studie das ganze Spektrum einer engen und (sehr) weiten Phraseologiekonzeption ab.23 ← 20 | 21 →

Es sollte deutlich werden, dass sich die beiden Begriffe „Phraseologie“ und „Formelhaftigkeit“ nicht unvereinbar gegenüber stehen oder sich gar widersprechen, sondern beide in unmittelbarer Beziehung zueinander stehen und die parallele Verwendung nicht unbedingt einen Widerspruch darstellt. Letztlich ist es auch immer eine Frage der Perspektive, wie man die beiden Termini „Phraseologie“ und „Formelhafte Sprache“ gegenüberstellt und unter- bzw. überordnet. Es spräche beispielsweise auch nichts dagegen, formelhafte Sprache als eine spezifische Erscheinungsform der Phraseologie zu betrachten (Formelhaftigkeit also im Grunde nur als eine Ausprägung der Phraseologie).

Bezieht man neben den beiden Termini der „Phraseologie“ und der „Formelhaftigkeit“ noch die der „Idiomatik“ und der „Konstruktion“ in die Bestimmung des Untersuchungsgegenstands mit ein, so ergibt sich das in Übersicht 2–2 dargestellte Bild, das neben den terminologischen (Hierarchie-)Zusammenhängen auch die sukzessive Ausweitung des „phraseologischen“ Untersuchungsgegenstands veranschaulicht:

Übersicht 2-2:  (terminologische) Ausweitung des „phraseologischen“ Untersuchungsgegenstands

image ← 21 | 22 →

Zu sehen ist das klassische Zentrum-Peripherie-Modell, das vor allem zu Beginn der Phraseologieforschung zur Ein- und Ausgrenzung des Gegenstandsbereichs diente (siehe Kapitel 2.6). Innerhalb des Modells ist gekennzeichnet, welche sprachlichen (Mehrwort-)Erscheinungen jeweils von den unterschiedlichen Termini erfasst werden. Während sich die Idiomatik ausschließlich mit den im Zentrum stehenden Einheiten – d. h. Idiomen und Teil-Idiomen – beschäftigt, ist der Phraseologiebegriff weitergefasst. Der Untersuchungsbereich der Phraseologie geht über den klassischen Bereich der Idiomatik hinaus, da er beispielsweise auch nicht-idiomatische und satzförmige Wortverbindungen umfasst. Zum Teil werden auch pragmatische Wendungen, Kollokationen sowie Modellbildungen als phraseologisch bezeichnet. Für diese Erscheinungsformen hat sich jedoch der Terminus Formelhaftigkeit bzw. formelhafte Sprache etabliert. Der aus der Konstruktionsgrammatik stammende Begriff der Konstruktion (Form-Bedeutungspaar) kann als oberstes Hyperonym angesehen werden. Er umschließt zum einen idiomatische, phraseologische und formelhafte Wortverbindungen, zum anderen aber auch Erscheinungen, die weit über diese Bereiche hinausgehen, die also nicht mehr zum Untersuchungsgebiet der formelhaften Sprache gehören. Beispielsweise werden unter Konstruktionen auch abstrakte Satzmodelle zusammengefasst, die keine (festen) lexikalischen Bestandteile aufweisen, wie etwa sogenannte Ditransitiv-Konstruktionen nach dem Muster [[NPNom] [VP] [NPDat] [NPAkk]] à Hans schenkt Anna ein Buch (vgl. ZIEM/LASCH 2013: 19).24 Insgesamt verdeutlicht Übersicht 2–2, dass alle Erscheinungsformen einer niedrigeren Ebene auch zum Untersuchungsbereich der jeweils darüberliegenden Ebene gerechnet werden können. Im Grunde handelt es sich bei den Begriffen Idiomatik, Phraseologie, Formelhaftigkeit und Konstruktion somit um Hyperonymie- und Hyponymie-Verhältnisse. In der vorliegenden Arbeit spielen alle Termini eine Rolle, da sich „phraseologische Irregularitäten“ mehr oder weniger in alle vier Bereiche einordnen lassen.

2.4  Eigenschaften formelhafter Wendungen und die Abgrenzungsproblematik zu freien Wortverbindungen

2.4.1  Die Vielfalt phraseologischer Eigenschaften

Im Laufe der Jahre werden viele verschiedene Eigenschaften angeführt, die zum einen die Besonderheiten von Phrasemen aufzeigen und zum anderen als Abgrenzungskriterien zu freien Wortverbindungen fungieren sollen. Die ← 22 | 23 → Wichtigkeit der verschiedenen Merkmale analysiert SCHINDLER (1996a) anhand von 49 phraseologischen Werken, indem er deren Nennungshäufigkeit überprüft (siehe Übersicht 2–3):

Übersicht 2-3:  Häufigkeit phraseologischer Merkmale in der Forschungsliteratur nach SCHINDLER (1996a)

 

Eigenschaft

Häufigkeit der Nennung

1

Idiomatizität

26 (sehr häufig)

2

Stabilität/Festigkeit

22 (sehr häufig)

3

Mehrwortigkeit/Polylexikalität

18 (sehr häufig)

4

Reproduziertheit/Reproduzierbarkeit

17 (sehr häufig)

5

Lexikalisiertheit

13 (sehr häufig)

6

Übersetzbarkeit

7 (manchmal)

7

Wortäquivalenz

6 (manchmal)

8

Kontextrestriktion

6 (manchmal)

9

Expressivität

5 (manchmal)

10

Bildhaftigkeit

3 (selten)

11

Stilistische Markiertheit

3 (selten)

12

pragmatische Gebundenheit/Fixiertheit

2 (selten)

13

Nichtsatzhaftigkeit

2 (selten)

14

Normative Festlegung

2 (selten)

15

Assoziation 2

(selten)

16

Bewusstheit/Geläufigkeit

1 (selten)

17

Frequenz

1 (selten)

image

Seine Stichprobenauswertung zeigt deutlich, dass Polylexikalität, Idiomatizität und Festigkeit (zur Festigkeit zähle ich Reproduziertheit/Reproduzierbarkeit sowie Lexikalisiertheit mit hinzu)25 als die drei wichtigsten Eigenschaften angesehen werden. Die letzten Plätze nehmen u. a. die Kriterien „pragmatische Gebundenheit/Fixiertheit“, „Bewusstheit/Geläufigkeit“ und „Frequenz“ ein, obwohl diese gerade für formelhafte Wendungen signifikant sind und somit aus heutiger Sicht sicherlich eine höhere Position in einer Eigenschaftsrangliste phraseologischer Einheiten einnehmen würden.26 ← 23 | 24 →

Eine für die vorliegende Arbeit interessante phraseologische Eigenschaft führen u. a. ŁABNO-FALĘCKA (1995) und DONALIES (2005) an, indem sie auf das Merkmal der „morphosyntaktischen Anomalie“ hinweisen. Für ŁABNO-FALĘCKA (1995: 166) ist dieses gar „das wichtigste Identifikationsmittel, um Phraseme von freien Wortverbindungen abzugrenzen“. Mit SCHMALE (2011: 182) muss jedoch konstatiert werden, dass morphosyntaktische Abweichungen kein „ausreichendes Kriterium für die Definition phraseologischer Ausdrücke darstellen.“27 Gerade mit der Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und der Hinwendung zu peripheren Klassen zeigt sich, dass viele Wortverbindungen als morphosyntaktisch wohlgeformte, den Regeln des freien Sprachgebrauchs entsprechende Erscheinungen angesehen werden müssen. Das Vorhandensein von „Irregularität“ ist demnach zwar eine auffällige, jedoch keine notwendige Eigenschaft phraseologischer Einheiten:

Will jemand ausschließlich solche speziellen Ausnahmen zu Phrasemen erklären und alles Andere zu Nichtphrasemen? Morphosyntaktische Anomalie ist also wohl doch kein brauchbares Kernkriterium für Phraseme. (DONALIES 2005: 342)

Im Folgenden werden die drei Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität sowie die in SCHINDLERS (1996a) Auswertung zwar noch als „selten“ markierte, heute aber kaum wegzudenkende Eigenschaft der Gebrauchsfrequenz bzw. Kookkurrenz (siehe u. a. STEYER 2000, 2002, 2003, 2004) erläutert. Ziel ist es, diese Kriterien nicht nur vorzustellen und zu beschreiben, sondern vor allem ihre Abgrenzungstauglichkeit gegenüber freien Wortverbindungen kritisch zu hinterfragen. Darüber hinaus steht die Verbindung der vorgestellten Merkmale mit der Klasse „phraseologischer Irregularitäten“ im Mittelpunkt. Fokussiert wird dabei, inwieweit die wesentlichen phraseologischen Kriterien auch bei diesen besonderen Wendungen anzutreffen sind.

2.4.2  Polylexikalität

Zwar stellen LÜGER (1999: 6) und BURGER (2002: 392, 2010: 15) fest, dass es sich bei Polylexikalität um ein „relativ unproblematisches“ Merkmal handelt, d. h. aber nicht, dass bezüglich dieses Kriteriums keinerlei Schwierigkeiten auftreten können. Zum einen stellt sich die Frage, wie mit Erscheinungsformen umzugehen ← 24 | 25 → ist, die nur monolexikalischer Natur sind (Grenzziehung „nach unten“) und zum anderen drückt die Eigenschaft der Polylexikalität keine obere Grenze phraseologischer bzw. formelhafter Einheiten aus (Grenzziehung „nach oben“).

Grenzziehung „nach unten“:

1)  Im Zusammenhang mit Ausnahmen der Mehrgliedrigkeit verweist STEIN (1995: 27) auf sogenannte dialektale Zusammenziehungen wie beispielsweise von weißt du? zu weißt(e)?, von siehst du? zu siehste? oder gar von guten Abend zu nabend. Hier spielt es keine Rolle, ob diese polylexikalisch oder monolexikalisch realisiert werden; auf die gesprächsspezifische Funktion dieser Ausdrücke hat dies keine Auswirkungen.

2)  Ein ähnlicher Fall, bei dem die pragmatische Funktion nicht von der Polylexikalität bzw. Nicht-Polylexikalität des Ausdrucks beeinflusst wird, liegt bei formelhaften Einwortäußerungen wie hallo, danke und tschüs vor (vgl. STEIN 1995: 27). So macht es keinen Unterschied (außer vielleicht einen sozialen bzw. stilistischen), ob das Gegenüber mit guten Tag oder hallo begrüßt wird, man sich bei jemandem mit vielen Dank oder danke erkenntlich zeigt oder man sich mit auf Wiedersehen oder tschüs verabschiedet. Obwohl sie das Kriterium der Polylexikalität nicht erfüllen, gehören solche formelhaften Einwortäußerungen dennoch aufgrund ihrer pragmatischen Festigkeit zum Bereich der Formelhaftigkeit (vgl. FILATKINA 2007a: 143). Auch im Bereich „phraseologischer Irregularitäten“ lassen sich Phänomene finden, bei denen das Kriterium der Polylexikalität zu unflexibel erscheint. Mit anderen Worten: Auch bei monolexikalischen Einheiten lassen sich teilweise dieselben „irregulären“ Erscheinungsformen finden wie bei den in der vorliegenden Arbeit behandelten Mehrwortverbindungen. Beispielsweise gibt es – wie weiter oben vorgestellt – auch Routineformeln, die aus einer einzigen, „unikalen“ Komponente bestehen (z. B. Donnerwetter, Scheibenkleister, pfui und dankeschön). Zudem muss erwähnt werden, dass das Konzept der Unikalität ursprünglich aus der Morphologie stammt und sich auf Morpheme bezieht, die nur (noch) innerhalb eines einzigen Lexems vorkommen (z. B. Schornstein und Brombeere) (vgl. DONALIES 2007: 10 sowie FLEISCHER/BARZ 2012: 65f.). Des Weiteren lassen sich im Rahmen der „phraseologischen Irregularität“ des adverbialen Genitivs Einwort-Konstruktionen finden, in denen diese ebenfalls auch heutzutage noch erhalten ist (z. B. morgens und sonntags). Im Hinblick auf das polylexikalische Kriterium sind hier vor allem solche Beispiele interessant, in denen eine monolexikalische Einheit vorliegt, die diachron aus einer polylexikalischen Wortverbindung durch Zusammenrücken entstanden ← 25 | 26 → ist (z. B. erstmals, mancherorts, dummerweise, keineswegs, jedenfalls und jederzeit) (vgl. EGOROVA 2006: 92f.). Ferner kann semantische Fossilierung nicht nur bei Paarformeln beobachtet werden (z. B. recht und billig), sondern auch bei einfachen Komposita (z. B. Tollhaus und Tollwut). Die Bewahrung älterer grammatischer respektive semantischer Strukturen in einer jüngeren Sprachstufe ist also kein Phänomen, das nur polylexikalischen Einheiten vorbehalten ist. Aufgrund dessen ist das Kriterium der Polylexikalität auch im Bereich „phraseologischer Irregularitäten“ zum Teil problematisch. In der vorliegenden Arbeit werden primär Mehrwortverbindungen analysiert. Die Tatsache, dass „irreguläre“ Erscheinungen auch in einfachen Lexemen existieren können, sollte dabei aber immer im Hinterkopf behalten werden.

3)  Als dritten Typ führt STEIN (1995: 27) idiomatische Komposita wie Angsthase, Dreikäsehoch und Grünschnabel an.28 Die Problematik ist hier offensichtlich: Auf der einen Seite weisen solche Erscheinungen das phraseologische Merkmal der Idiomatizität auf, auf der anderen Seite widersprechen sie aber dem Kriterium der Mehrgliedrigkeit. Diese sogenannten „Einwortphraseologismen“ bzw. „Einwortidiome“ sind Gegenstand zahlreicher Diskussionen, wobei es sich im Grunde immer nur um die Frage dreht, welches Kriterium – das der Polylexikalität oder das der Idiomatizität – stärker zu gewichten ist.29 Die vorliegende Arbeit bezieht demgegenüber eine klare Stellung und sieht in der Eigenschaft der Polylexikalität das wichtigste Definitionskriterium phraseologischer Einheiten (Ausnahmen bilden hier nur die oben vorgestellten formelhaften Einwortäußerungen). Die Bezeichnung „Einwortphraseologismus“ ist demnach ein Widerspruch in sich (vgl. BURGER u. a. 2007: 9 sowie HEINE 2010: 12). Bei solchen Lexemen wie Tapetenwechsel oder Naschkatze handelt es sich nicht um Phraseme, da diese trotz einer idiomatischen Ausprägung die Struktur einer Wortzusammensetzung und eben nicht einer Wortgruppe besitzen (vgl. HENSCHEL 1987: 846); morphosyntaktisch haben sie klar den Status von Wörtern und nicht von Phrasemen (vgl. BURGER 2002: 393). Aufgrund dessen schließe ich mich der Meinung FLEISCHERS (1997: 249) an, der die Bezeichnung „Einwortphraseologismus“ bzw. „Einwortidiom“ als eine Überdehnung des Phraseologiebegriffs erachtet. ← 26 | 27 → Unproblematisch wäre es, von „(teil-)idiomatischen Komposita“ zu sprechen, „da ‚Idiomatizität‘ eine Eigenschaft ist, die zwar prototypisch in der Phraseologie anzutreffen ist, die aber nicht auf die Phraseologie beschränkt sein muss“ (BURGER 2002: 393).30 Insgesamt besitzen idiomatische Komposita Affinitäten zu frei verwendeten Unikalia (also Unikalia, die aus Phrasemen herausgelöst werden, siehe Kapitel 4.5). Denn auch bei re-unikalisierten Wörtern – wie beispielsweise Fettnäpfchen mit der phraseologisch motivierten Semantik ‚eine unbedachte, taktlose Bemerkung, Verhaltensweise‘ – lässt sich die Gesamtbedeutung nicht aus der Semantik der einzelnen Komponenten, sondern nur im Hinblick auf das ursprüngliche Idiom erschließen.

4)  Ein vierter Problembereich ist mit orthografischen Konventionen verbunden (vgl. COULMAS 1985: 253). Bezüglich der Polylexikalität rückt hier vor allem die orthografische Schwierigkeit der „Getrennt- und Zusammenschreibung“ in den Mittelpunkt (vgl. LEVIN-STEINMANN 2007: 37).31 Es stellt sich die Frage, wie mit sprachlichen Einheiten umzugehen ist, die sich entweder im Prozess der Grammatikalisierung von festen Mehrwortverbindungen zu Univerbierungen entwickeln (z. B. auf Grund/aufgrund und mit Hilfe/mithilfe) (vgl. EISENBERG 1998: 317) oder durch Orthografiereformen erst einen polylexikalischen Status erhalten bzw. diesen verlieren (z. B. sitzen bleiben und eislaufen) (vgl. LEVIN-STEINMANN 2007: 40).32 Auch hier ist es sinnvoll, die Polylexikalität als obligatorisches Merkmal anzusetzen und Zusammenziehungen aus dem Untersuchungsbereich auszugliedern. DONALIES (2005: 339f.) macht ebenfalls darauf aufmerksam, dass im Deutschen tatsächlich die „grafische Lücke“ als Unterscheidungskriterium zwischen Phrasemen und Wortbildungsprodukten herangezogen werden kann und der orthografische Usus somit von entscheidender Bedeutung ist (vgl. auch TOPCZEWSKA 2004: 24).33 Im Bereich der „phraseologischen Irregularitäten“ tauchen vor ← 27 | 28 → allem bei Unikalia Schwierigkeiten bezüglich der Getrennt- und Zusammenschreibung auf. Hierbei handelt es sich um Konstruktionen, die sich aus einem Verb und einer präpositionalen Substantivgruppe zusammensetzen, wobei die Substantivgruppe in der heutigen Gegenwartssprache als ein Wort aufzufassen ist und demnach zusammengeschrieben wird. Als Beispiele können angeführt werden: außerstande sein, instand halten/setzen/bringen und zustande kommen (vgl. EISENBERG 1981: 85). Da die präpositionale Substantivgruppe in den meisten dieser Konstruktionen nicht als selbstständiges Lexem existiert und in ihrer Verwendung an bestimmte Verben gebunden ist, kann sie als unikale Komponente identifiziert werden (vgl. FLEISCHER 1997a: 92f.). Neben der Zusammenschreibung sind in gegenwartssprachlichen Texten jedoch auch häufig noch Getrenntschreibungen zu finden (außer Stande sein, zu Nutze machen und zu Grunde gehen). Problematisch ist nun, dass bei der grammatikalisierten zusammengeschriebenen Variante unikale Komponenten entstehen, bei der nicht-grammatikalisierten getrenntgeschriebenen jedoch nicht. Beispielsweise beinhaltet die Nennform etw. instand setzen die unikale Komponente instand, die Nennform etw. in Stand setzen weist dagegen kein phraseologisch gebundenes Wort auf, da in, Stand und setzen auch im freien Sprachgebrauch auftreten können. In der vorliegenden Arbeit wird sich bei solchen Fällen auf ein korpusanalytisches Vorgehen gestützt. Lassen sich zu einer Konstruktion univerbierte präpositionale Substantivgruppen im DEREKO finden, werden diese als Unikalia klassifiziert.

5)  Ein besonderes Phänomen stellt die Wortbildung auf der Grundlage von Phrasemen dar. Feste Wortverbindungen verlieren im Zuge dieses Prozesses ihre Polylexikalität und werden sozusagen in monolexikalischen Wortbildungsprodukten kondensiert (z. B. Haarspalterei).34 Obwohl dieses Phänomen überwiegend unter der Bezeichnung „dephraseologische Derivation“ bekannt ist, fungieren als Wortbildungsarten bzw. -produkte neben der Derivation (z. B. Schwarzseher) auch die Konversion (z. B. [das] Auf-die-Tube-Drücken) und die Komposition (z. B. Vieraugengespräch) (vgl. STEIN 2012: 232). Erwähnenswert ist hierbei, dass auch Phraseme mit „Irregularitäten“ als Ausgangseinheiten für die dephraseologische Wortbildung fungieren können. Übersicht 2–4 zeigt eine Auswahl an authentischen Belegen für Wortbildungsprodukte, die sich aus Phrasemen mit unikaler Komponente zusammensetzen: ← 28 | 29 →

Übersicht 2-4:  Dephraseologische Wortbildung auf Grundlage von Unikalia-Phrasemen

Phrasem

dephraseologisches Wortbildungsprodukt

ins Fettnäpfchen treten

Sollte Steinbrück wieder ein Buch ablassen wollen: Der Verlag für Neu-Kapriolen stünde schon fest. Je tiefer der Fettnapftritt, je begehrter das Skript.35

im Rampenlicht stehen

[…] was ich aber aus den letzten Jahren in Bezug auf kleinkarierte Kommunalpolitik weiß, oder glaube erfahren zu haben, ist, dass viele „Möchtegern-im-Rampenlicht-Steher“ Meinungen verbreiten, oder sich zu eigen machen, die allein dem politischen Kalkül geschuldet sind […].36

das Tanzbein schwingen

Mit großem Saal im Erdgeschoss für das „normale Volk“ und Spiegelsaal im ersten Stock für die vornehmere Gesellschaft war reichlich Platz für tanzbeinschwingende Berliner.37

die Werbetrommel rühren

Die Werbetrommelrührerin muss ich enttäuschen: weder im Bekannten- noch Verwandtschaftskreis würde je einer solch eine Party besuchen und auch sicher keinen Verkaufs-Schwätzer ins Haus lassen.38

schimpfen wie ein Rohrspatz

Es sind nicht nur „Rohrspatzschimpfer“, die von allen Parteien die Nase voll haben.39

die Oberhand gewinnen

Im übrigen halte ich den Auslöser für die Oberhandgewinnung des „bösen“ Gollum über den „guten“ Smeagol weniger die Schlag- und Trittszene vernatwortlich, sondern das Gefühl Gollums von seinem Herrn, dem einzigen dem er halbwechs zu trauen scheint, verraten worden zu sein.40

im Brustton der Überzeugung

Daraufhin der Gang zur Filialleiterin, die mir aus tiefster Brusttonüberzeugung heraus mitteilt, dass es sehr wohl österr. Obst gäbe und sie würde es mir sofort zeigen.41

← 29 | 30 →

Zeter und Mordio schreien

Irgendwie warte ich schon die ganze Zeit auf den ersten Zeter und Mordio Schrei zu diesem Thema…42

jmdm. Paroli bieten

Familie bleibt aber weiterhin ohne Perspektive, wenn Widerstand und das Parolibieten einziger Grund bleiben sollten, eine Familie zu gründen.43

ins Hintertreffen geraten

Ein Grund für das ins-Hintertreffen-geraten der ländlichen Regionen ist die gängige politische Fokussierung auf günstige Versorgungsstrukturen in den Städten mithilfe von Produkten aus der Agrarindustrie.44

jmdn. ins Bockshorn jagen

Rechts der CDU hat die Jahrzehntelange „Bockshornjagd“ durch unsere Dompteure eine „no-vote-area“ hinterlassen.45

in Windeseile

Die Tiere mutieren nicht nur windeseilig zu Zombie-Kühen, nein, auch ihre Milch zeigt unangenehme Wirkungen beim Endverbraucher…46

     Die Belege machen deutlich, dass es sich bei Phrasemen mit unikalen Komponenten keineswegs um „tote“ bzw. völlig erstarrte Wendungen handelt, die zu keinem kreativen Sprachspiel mehr gebraucht werden können. Ganz im Gegenteil: Die zum Teil äußerst einfallsreichen dephraseologischen Wortbildungen zeigen, dass unikale Komponenten kein Hindernis für sprachlich-innovative Modifizierungen darstellen. Die angeführten Wortbildungsprodukte lassen zudem darauf schließen, dass Sprecher mit Unikalia trotz ihrer phraseologischen Gebundenheit Assoziationen bzw. Bedeutungsaspekte verbinden, die ihnen bei dephraseologischen Produktionsprozessen zugutekommen und diese im Grunde erst ermöglichen. Aus der Perspektive der dephraseologischen Wortbildung besteht daher kein Unterschied zwischen Phrasemen, die sich aus freien Lexemen zusammensetzen, und Phrasemen mit Unikalia.

Grenzziehung „nach oben“:

    BURGER (2010: 15) hält fest, dass eine obere Grenze der Wortmenge eines Phrasems nicht angegeben werden kann, da diese nicht lexikalisch, sondern syntaktisch festgelegt ist. Der Satz gilt demnach als Obergrenze ← 30 | 31 → phraseologischer Einheiten.47 Dabei ist es erstaunlich, dass trotz der langen Forschungstradition satzwertiger Phraseme in Form von Sprichwörtern bzw. sprichwörtlichen Redensarten (Vorphase der phraseologischen Forschung) lange Zeit kein Konsens darüber herrscht, ob diese Einheiten zum phraseologischen Untersuchungsgegenstand gehören. Diese Skepsis ist auch heute noch daran zu erkennen, dass im traditionellen Zentrum-Peripherie-Modell satzwertige Verbindungen in der Peripherie angesiedelt und satzgliedwertige Einheiten immer noch als Prototypen dargestellt werden (vgl. u. a. LÜGER 1999: 49 sowie GLÄSER 1988: 276).

    BURGER (2010: 15) hebt gesondert hervor, dass es teilweise Texte gibt, die mehr als einen Satz umfassen (Sprüche, Gedichte, Gebete) und dennoch einen phraseologischen Status besitzen können. BURGER (2010) meint mit diesen Ausnahmen jedoch nicht das inzwischen gut untersuchte Phänomen der formelhaften Texte.48 Die von ihm angeführten Sprüche, Gedichte und Gebete stellen keine (prototypischen) formelhaften Texte dar, da sie als Ganzes (auswendig) gelernt werden und darüber hinaus nicht das Kriterium des Leerstellencharakters aufweisen. Formelhafte Texte wie Bahnansagen und Verkehrsmeldungen im Radio verfestigen sich nicht durch einen Prozess des Auswendiglernens, sondern durch häufigen Gebrauch. Dabei stellt sich jedoch die entscheidende Frage, ob es wirklich plausibel erscheint, Reproduzierbarkeit auch für Einheiten auf Textebene anzunehmen, da es mehr als fraglich ist, ob die Speicherbarkeit fertiger Texte nicht an mentale Grenzen stößt (vgl. STEIN 1995: 308).49

Betrachtet man den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit im Hinblick auf das polylexikalische Kriterium, kann festgehalten werden, dass „phraseologische Irregularitäten“ sowohl in Wendungen mit geringer als auch hoher ← 31 | 32 → Polylexikalität auftreten; sie dehnen sich – wie Übersicht 2–5 zeigt – über die gesamte Bandbreite der Mehrgliedrigkeit aus:

Übersicht 2-5:  Polylexikalität formelhafter (Ir-)Regularitäten

image

Phraseme mit „Irregularitäten“ erstrecken sich von formelhaften Einwortäußerungen (z. B. Menschenskind(er) und bitteschön) und autonomisierten Unikalia (z. B. Fettnäpfchen und Bärendienst) über zwei- und mehrgliedrige Phraseme mit Satzgliedfunktion (z. B. letzten Endes, Kölnisch Wasser und bis zum Gehtnichtmehr, in diesem Sinne) und satzförmige Wendungen mit Leerstellen für Satzglieder (z. B. jmd. rückt jmdm. zu Leibe und etw. ist nicht jedermanns Geschmack) bis hin zu zahlreichen satzwertigen Einheiten (z. B. Gut Ding will Weile haben, Viele Hunde sind des Hasen Tod und Der Mensch ist ein Gewohnheitstier). Zudem können laut GÜLICH (1997: 149) auch formelhafte Texte zum Teil „archaische Elemente“ enthalten (z. B. an Eides Statt, beehrt sich oder gestattet sich). Für sie ist „die Bindung an einen formelhaften Text häufig gerade die Voraussetzung für die Tradierung der Formeln“ (ebd.).50 ← 32 | 33 →

2.4.3  Festigkeit

Das Merkmal der Festigkeit kann nach BURGER (2002: 393–398) auf drei Ebenen unterschieden werden:

1)  Psycholinguistisch fest sind Phraseme, da sie mental als Einheit „gespeichert“ sind (vgl. BURGER 2010: 16). Sie werden also im Unterschied zu freien Wortverbindungen, die mittels morphosyntaktischer Regeln gebildet werden, ganzheitlich aus unterschiedlichen Speichermedien abgerufen und sozusagen reproduziert (vgl. STEIN 1995: 35). Auch wenn sich FEILKE (1996: 204, 2004: 52f.) gegen das Kriterium der Wiederholung (d. h. der Festigkeit als Folge häufiger Verwendung) ausspricht, kann nicht bestritten werden, dass die Verfestigung nicht-idiomatischer, formelhafter Wendungen vor allem durch ihren wiederholten Gebrauch entsteht (vgl. LÜGER 1999: 26). STEIN (1995: 39) macht darauf aufmerksam, dass ein Bedingungsverhältnis zwischen Vorkommenshäufigkeit und psycholinguistischer Verfestigung vorliegt in dem Sinne, dass Wortverbindungen deswegen psycholinguistisch fest werden, weil sie sprachlich fest sind, und weil sie psycholinguistisch fest geworden sind, werden sie (sprachlich) in immer gleicher Form verwendet. Für Phraseme, die „Irregularitäten“ enthalten, spielt das Frequenzkriterium scheinbar keine Rolle. Sie werden laut STEIN (1995: 39) primär „aufgrund ihres Irregulär-Seins als feste Verbindung gelernt und schließlich ganzheitlich reproduziert.“51 Der große Vorteil des psycholinguistischen Kriteriums ist darin zu sehen, dass es für alle Phraseme gilt. Neben der aufwendigen empirischen Vorgehensweise zum Nachweis der psycholinguistischen Festigkeit liegt der entscheidende Nachteil jedoch auf der Hand: Als ein aus den Kriterien der Idiomatizität und Festigkeit lediglich abgeleitetes Merkmal ist es allein nicht operationalisierbar (vgl. FLEISCHER 1997a: 64) und eignet sich somit nicht für die Abgrenzung eines linguistischen Gebietes auf der System-Ebene (vgl. BURGER 2002: 394).

2)  Ein auf der sprachlichen System-Ebene gut zu beschreibendes Merkmal ist die strukturelle Festigkeit. Strukturell fest heißt, dass bei phraseologischen Einheiten im Gegensatz zu freien Wortverbindungen entweder gar keine oder nur eine begrenzte Veränderbarkeit der Ausdrucksseite besteht (vgl. ← 33 | 34 → LÜGER 1999: 8). Als besondere Erscheinungsformen struktureller Festigkeit werden in den meisten Werken die im vorliegenden Buch behandelten „phraseologischen Irregularitäten“ sowie morphosyntaktische und lexikalisch-semantische Restriktionen angeführt (z. B. in BURGER 2010: 19–23). In der heutigen Phraseologieforschung besteht jedoch Konsens darüber, dass absolute formale Unveränderlichkeit eher die Ausnahme als die Regel ist (vgl. u. a. STEIN 1995: 33; FELLBAUM/STATHI 2006: 128 sowie PTASHNYK 2009: 16f.). Zahlreiche Studien zeigen, dass das Variations- und Modifikationspotenzial phraseologischer Einheiten überaus hoch ist (siehe u. a. BARZ 1992; PTASHNYK 2009 und JAKI 2014). Daher betonen bereits BURGER u. a. (1982: 68), dass es kaum eine Veränderung eines Phrasems gibt, die in irgendeinem Kontext nicht möglich und sinnvoll ist. Selbst „phraseologische Irregularitäten“ lassen Variationen zu (siehe Kapitel 15.3).

3)  Unter pragmatischer Festigkeit versteht FILATKINA (2007a: 143) Typen formelhafter Wendungen, die sich nur mit pragmatischen Kategorien beschreiben lassen, da sich ihre Verfestigung aus ihrer pragmatischen Leistung im kommunikativen Geschehen speist. Obwohl pragmatische Phraseme strukturell höchst variabel sind, kann ihnen eine Festigkeit zugesprochen werden, da sie den Sprechern zur Bewältigung rekurrenter kommunikativer Situationen und Aufgaben zur Verfügung stehen (vgl. STEIN 2007a: 226). Bezüglich des Kriteriums der Polylexikalität ist die Klasse pragmatischer Phraseme sehr heterogen, da zum einen auch formelhafte Einwortäußerungen als pragmatisch fest bezeichnet werden können und zum anderen auch die Funktionen der meisten satzwertigen Phraseme und formelhaften Texte zum Teil nur unter Berücksichtigung ihrer kommunikativen Kontexteinbettung angemessen beschrieben werden können (vgl. STEIN 2004a: 267).52 Pragmatische Phraseme lassen sich nach STEIN (2010a: 413) aufgrund des Grades ihrer Situationsgebundenheit in zwei Klassen unterscheiden: situationsgebundene Routineformeln (z. B. vielen Dank und auf Wiedersehen) und situationsungebundene gesprächsspezifische Formeln/Phraseme (z. B. ich würde sagen und was weiß ich). Sowohl innerhalb von Routineformeln als auch in gesprächsspezifischen Formeln finden sich „phraseologische Irregularitäten“ wie beispielsweise ach du heiliger Bimbam (Unikalia), (immer) ruhig Blut (unflektiertes Adjektivattribut), in drei/aller/des Teufels Namen ← 34 | 35 → (Voranstellung des Genitivattributs) und meines Wissens (adverbialer Genitiv). Es zeigt sich also, dass „phraseologische Irregularitäten“ nicht nur in Phrasemen auftreten, die im klassischen Zentrum anzusiedeln sind, sondern auch in peripheren Klassen (siehe Kapitel 18.5).

Obwohl – wie bereits erwähnt – weitgehend Konsens darüber herrscht, dass es sich bei der Festigkeit um ein graduelles Merkmal handelt, existiert in der Phraseologieforschung teilweise die Auffassung (bzw. die volle Überzeugung), dass es gerade „phraseologische Irregularitäten“ sind, die prototypisch die Unveränderlichkeit phraseologischer Verbindungen offenbaren:

Diese Meinung teilt die vorliegende Arbeit nicht. Durch die empirische Analyse wird ersichtlich, dass das Merkmal der Festigkeit auch bei hoch „irregulären“ Phrasemen gradueller Natur ist. Beispielsweise weisen die meisten Phraseme mit unikalen Komponenten lexikalische Varianten auf (z. B. das Kriegsbeil begraben/ausgraben/eingraben und jmdn. am Gängelband führen/haben/halten/nehmen // am Gängelband gehen/hängen). Der Behauptung KORHONENS (1992a: 49) stehen zudem die korpusanalytischen Befunde der vorliegenden Arbeit gegenüber, die bei morphosyntaktischen „Irregularitäten“ auf eine Varianz zwischen „irregulärer“ und „regulärer“ Realisierung hindeuten (z. B. etw. wie sauer/saures Bier anbieten/anpreisen, von seiner Hände Arbeit leben/von der Arbeit seiner Hände leben, im Sande/Sand verlaufen) (siehe Kapitel 15.3). Ein Beweis für das Modifikationspotenzial „phraseologischer Irregularitäten“ ist zudem die oben aufgezeigte Fähigkeit zur dephraseologischen Wortbildung (siehe auch Kapitel 18.4).

Die (Fehl-)Einschätzung der Unveränderlichkeit von Unikalia-Phrasemen findet sich auch in phraseologischen Wörterbüchern. Eine von mir durchgeführte Korpusanalyse von 153 Phrasemen mit Unikalia, die der „Liste der lebendigen Unikalia-Idiome“ von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) entnommen sind, verdeutlicht, dass bei circa einem Drittel der Idiome die tatsächlichen Realisierungsformen von der phraseografischen Angabe im DUDEN (2008) abweichen. Beispielsweise lautet die Nennform des folgenden Unikalia-Idioms im DUDEN (2008: 858) jmdn. [bis] zur Weißglut bringen/reizen. Die Korpusanalyse deckt auf, dass Weißglut zwar mit den Verben bringen und reizen realisiert werden kann, darüber hinaus aber auch (am zweithäufigsten nach bringen) mit dem Verb treiben. Eine noch größere Varianz weist die unikale Komponente Abschussliste auf. Laut DUDEN (2008: 30) ← 35 | 36 → kookkurriert diese nur mit dem Verb stehen. Im DEREKO taucht es in usueller Form jedoch u. a. auch mit den Verben stellen, geraten und landen auf.53

Auf ein offensichtliches Paradoxon bezüglich der phraseologischen Festigkeit macht STAFFELDT (2011) aufmerksam. In seiner konstruktionsgrammatisch orientierten Studie zu Phrasemen des Typs „in … Hand“ bringt er die quasi komplementären Zielsetzungen seitens konstruktionsgrammatischer und phraseologischer Forschungsansätze wie folgt auf den Punkt:

Während es die Grundannahme der Konstruktionsgrammatik ist, dass sich viele freie Einheiten in bestimmter Weise phraseologisch verhalten, entdeckt die Phraseologie gerade, dass viele phraseologische Einheiten freier sind als angenommen. (STAFFELDT 2011: 134)54

Im Sinne der konstruktionsgrammatischen Idee, dass der scheinbar freie Sprachgebrauch in höherem Maße feste Strukturen aufweist und somit erheblich „idiosynkratischer“ ist als bisher angenommen, argumentiert auch FEILKE (2004: 57) mit Verweis auf das Konzept der idiomatischen Prägung, wenn er anmerkt, dass „[d]as vermeintlich Freie in der Sprache […], wenn auch nicht fest, so doch in erheblicher und bisher nicht ausgemessener Reichweite idiomatisch geprägt [ist].“

Auch bei Phrasemen mit „Irregularitäten“ existieren unterschiedliche Grade an Festigkeit (siehe Übersicht 2–6):

Übersicht 2-6:  Festigkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten

image ← 36 | 37 →

Das Spektrum verläuft hierbei von absolut unveränderlichen Wendungen (z. B. mit Fug und Recht) über Varianten (z. B. jmd. ist leichten/reinen Herzens) bis hin zu Modellbildungen mit Leerstellencharakter (z. B. einen + Verb[Infinitiv] + lassen). Zudem gestaltet sich der Übergang zu freien Wortverbindungen fließend, da trotz vorhandener „Irregularität“ bei einigen Wortverbindungen nicht exakt entschieden werden kann, ob es sich um phraseologische handelt oder nicht (z. B. in/aus Nachbars Garten).

2.4.4  Idiomatizität

Idiomatisch ist ein (komplexer) Ausdruck dann, wenn sich seine Bedeutung nicht (kompositionell) aus der Summe der Einzelbedeutungen seiner Bestandteile ergibt (vgl. STEIN 1995: 30 sowie ROOS 2001: 9).55 Idiomatizität erweist sich dabei als eine graduelle Eigenschaft. Sie kann entweder nicht (z. B. sich die Zähne putzen), teilweise (z. B. einen Streit vom Zaun brechen) oder voll ausgeprägt sein (z. B. Öl ins Feuer gießen).56 Zwei weitere und differenziertere Klassifizierungsmöglichkeiten führen STEIN (1995) und LÜGER (1999) an:

    STEIN (1995: 31) betont, dass die wörtliche Bedeutung eines Phrasems nicht nur zugunsten einer übertragenen Bedeutung verloren gehen kann, sondern auch „zugunsten einer semantischen Reduzierung oder auch einer semantischen Leere, an deren Stelle eine oder mehrere kommunikative Funktionen treten.“ Dies zeigt sich insbesondere bei sogenannten gesprächsspezifischen Formeln wie und so weiter, pass mal auf, ich würde sagen und ich denke. ← 37 | 38 →

    LÜGER (1999) unterteilt idiomatisierte Phraseme unter Einbezug des Kriteriums der Motiviertheit in zwei Klassen.57 An der Spitze der Idiomatizitätsskala befinden sich vollidiomatisierte und gleichzeitig unmotivierte Wortverbindungen, „die vollkommen undurchsichtig sind und deren Gesamtbedeutung aus synchronischer Perspektive nicht von der wörtlichen Bedeutung her erschließbar ist“ (LÜGER 1999: 15) (z. B. Eulen nach Athen tragen ‚etwas Überflüssiges tun‘) (siehe Übersicht 2–7). Ferner bezeichnet er solche Ausdrücke als idiomatisch, „deren phraseologische Bedeutung zwar ebenfalls nicht mit der wörtlichen Lesart übereinstimmt, die aber aufgrund des vermittelten Bildes mehr oder weniger eindeutig erschließbar ist“ (ebd.) (z. B. das fünfte Rad am Wagen sein ‚überflüssig sein‘). LÜGER (1999) verbindet somit geschickt die beiden Merkmale der Idiomatizität und der Motiviertheit und zeigt auf, dass diese mehr als nur reine Gegenbegriffe darstellen, bei denen jede Idiomatizitätsausprägung eine entsprechende Motiviertheitsausprägung besitzt (nicht-idiomatisch = motiviert; teil-idiomatisch = teil-motiviert; voll-idiomatisch = unmotiviert). Denn wäre Motiviertheit lediglich der Gegenbegriff zu Idiomatizität, wäre er entbehrlich und „man könnte sich mit einer Typologie der Idiomatizität begnügen“ (BURGER 2002: 399). Durch seine verfeinerte Unterscheidung in „vollidiomatisierte/unmotivierte“ und „idiomatisierte/bildhaft motivierte“ Phraseme zeigt LÜGER (1999: 21) jedoch eine „Lücke“ auf, die somit die Daseinsberechtigung des Motiviertheitsbegriffs überhaupt erst rechtfertigt. (Voll-)idiomatisch ist demnach nicht gleich (voll-)idiomatisch: Als motiviert gelten daher nicht nur die nicht- und teilidiomatischen Wortverbindungen, sondern auch die sogenannten metaphorischen Idiome (vgl. BURGER 2010: 70).

Übersicht 2-7:  Zusammenhang zwischen Idiomatizität und Motiviertheit nach LÜGER (1999)

Idiomatizität

Motiviertheit

Beispiel

voll-idiomatisiert

unmotiviert

Eulen nach Athen tragen

idiomatisiert

bildhaft motiviert

das fünfte Rad am Wagen sein

teil-idiomatisiert

teil-motiviert

jmdn. auf Herz und Nieren prüfen

nicht-idiomatisiert

direkt motiviert

Dank sagen

← 38 | 39 →

Unter den „phraseologischen Irregularitäten“ werden vor allem Phraseme mit Unikalia immer wieder als höchst idiomatisch bezeichnet (vgl. u. a. HÔCKI BUHOFER 2002a: 429). Die empirischen Analysen zeigen demgegenüber ein differenzierteres Bild: Unikalia-Phraseme erstrecken sich über das gesamte Spektrum an Idiomatizität. So existieren neben voll-idiomatischen Wendungen (z. B. jmdm. ein Schnippchen schlagen) auch idiomatische/bildhaft motivierte (z. B. in der Schusslinie stehen/in die Schusslinie geraten), teil-idiomatische (z. B. sich freuen wie ein Schneekönig) und sogar nicht-idiomatische (z. B. in Bedrängnis oder unbeschrankter Bahnübergang). Bei nicht-idiomatischen Wendungen ist die unikale Komponente zwar auf ihre phraseologische Einbettung beschränkt, ihre Semantik bzw. die Semantik der gesamten Wortverbindung aber vollkommen durchsichtig. Distributionelle Beschränkungen von Wörtern sind somit nicht zwangsläufig mit semantischer Verblassung bzw. idiomatischen Prozessen verbunden. Bei teil-idiomatischen Unikalia-Phrasemen resultiert der Grad der Idiomatizität nicht (nur) aus der phraseologisch gebundenen Komponente, sondern alle anderen Komponenten müssen bei der Beurteilung der Idiomatizität mitberücksichtigt werden. Beispielsweise gibt es Unikalia-Idiome, bei denen zumindest die wörtliche Bedeutung einer Komponente auch in der Gesamtbedeutung des phraseologischen Ausdrucks zur Geltung kommt (z. B. jmdm. reißt der Geduldsfaden, das Tanzbein schwingen, im Brustton der Überzeugung und am Hungertuch nagen). Besonders häufig tritt dies bei Paarformeln (z. B. klipp und klar, erstunken und erlogen und mit Fug und Recht) und komparativen Phrasemen auf (z. B. dumm wie Bohnenstroh sein, weinen wie ein Schlosshund und aufpassen wie ein Schießhund).

Insgesamt erstrecken sich „phraseologische Irregularitäten“ über die gesamte Bandbreite der Idiomatizität. Folgendes Schema verdeutlicht die graduellen Abstufungen (siehe Übersicht 2–8):

Übersicht 2-8:  Idiomatizität formelhafter (Ir-)Regularitäten

image ← 39 | 40 →

Es existieren sowohl vollidiomatische, nicht-motivierte Wendungen wie etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln als auch idiomatische, bildhaft motivierte Wendungen wie viele Hunde/Jäger sind des Hasen Tod und teilidiomatische Wendungen wie etw. läuft/verkauft sich/geht weg wie geschnitten Brot. Darüber hinaus gibt es auch „irreguläre“ Wendungen, die keinerlei (semantische) Idiomatizität aufweisen, wie beispielsweise zu Boden gehen oder in Reih und Glied. „Phraseologische Irregularitäten“ sind demzufolge nicht zwangsläufig idiomatisch. Semantische Idiomatizität ist vielmehr nur eine Erscheinungsform „phraseologischer Irregularitäten“ unter vielen anderen.

2.4.5  Frequenz und Kookkurrenz

Grundsätzlich müssen die beiden Termini „Frequenz“ und „Kookkurrenz“ strikt voneinander getrennt werden; sie sind nicht synonym:

1)  Für das Kriterium der Frequenz plädiert vor allem FIRTH (1964) (vgl. DONALIES 2009: 13).58 Aufgrund des methodischen Ignorierens von nichtfrequenten Wortverbindungen hat die Herangehensweise des sogenannten britischen Kontextualismus jedoch vielfach in der Kritik gestanden (vgl. STEYER 1998: 99f.). Hierbei tritt eine grundsätzliche Frage an die Oberfläche; nämlich die, ab welcher Quantität man von Frequenz sprechen kann:

     Does frequent […] mean ‚more than once‘, or twice, or even higher frequencies? None of the general definitions […] make absolute statements regarding this question. (BARTSCH 2004: 59f.)

     DONALIES (2009: 13) fragt im Weiteren, ob alles, was irgendwie frequent ist, ein Phrasem ist. Sie zeigt auf, dass in den IDS-Korpora der geschriebenen Sprache beispielsweise weiße Weihnacht 119mal belegt ist, weiße Wand sogar 238mal. Ist nun weiße Wand „mehr“ ein Phrasem als weiße Weihnacht, da diese Verbindung doppelt so oft vorkommt bzw. ist weiße Wand überhaupt eine feste Wortverbindung? Die Gefahren von reinen Frequenzanalysen sind demnach offensichtlich: niedrig frequente, aber hoch idiomatische Wendungen werden nicht aufgedeckt, im Gegensatz dazu jedoch hochfrequente Verbindungen – jedweder Art – auf diese Weise als phraseologisch klassifiziert. DONALIES (2009: 14) hält daher fest, dass exakte Frequenzanalysen keine wirkliche Hilfe für die Analyse von Phrasemen darstellen. Auch im Bereich „phraseologischer Irregularitäten“ ist das Frequenzkriterium unerheblich. So gibt es zum ← 40 | 41 → einen Wortverbindungen mit hohen Trefferzahlen (z. B. aus/in aller Herren Länder(n) = 4.772) und zum anderen solche mit relativ wenigen Belegen (z. B. des Wahnsinns fette Beute = 90). Trotz dieses enormen Frequenzunterschieds werden beide Beispiele als Phraseme mit vorangestelltem Genitivattribut zu den „phraseologischen Irregularitäten“ gezählt.59 Auch FEILKE (2004: 52) übt Kritik am Frequenzkriterium, indem er darauf verweist, dass die Auftretenshäufigkeit für die Qualität und Leistung eines Zeichens völlig unerheblich ist. Vor allem ist es der nicht linguistisch zu fassende Charakter des Frequenzkriteriums, weswegen er dieses grundsätzlich ablehnt:

     Das Kriterium des mehr oder weniger frequenten Gebrauchs oder gar die Kriterien der Reproduziertheit und Gespeichertheit, zu denen die Linguistik kraft Amtes gar nichts sagen kann – und meines Erachtens auch nichts sagen sollte –, trägt zur Qualifizierung in Frage stehender Einheiten als Zeichen nichts bei. (FEILKE 2004: 52f.)

     Die Argumentation FEILKES (2004) ist zwar durchaus nachzuvollziehen, sein angeführtes Beispiel zur Verdeutlichung seiner Aussagen kann jedoch nicht völlig überzeugen. FEILKE (2004: 53) stellt fest, dass es im Bereich der Katalysatortechnik die Kollokation einen Temperaturbereich durchfahren gibt, diese jedoch in allgemeinsprachlichen Wörterbüchern nicht zu finden ist und wir diese und auch weitere Kollokationen noch nie produziert bzw. noch nie gehört haben. Die Krux an FEILKES (2004) Beispiel liegt jedoch im Detail: Dass diese Kollokation in allgemeinsprachlichen Wörterbüchern nicht lemmatisiert ist, liegt weniger daran, dass sie in alltäglichen Kommunikationssituationen nicht frequent ist, als daran, dass sie auf einen sehr speziellen Kontext beschränkt ist. Es liegt schlichtweg eine fachspezifische Wendung vor, die innerhalb eines gewissen Fachbereichs durchaus frequent bzw. usuell-rekurrent sein kann. Zur Verdeutlichung dieser „fachspezifischen Frequenz“ sei auf die Wortverbindung einen Topspin ziehen hingewiesen, die zwar im DEREKO nur 26mal belegt ist, im Bereich des Tischtennissports jedoch eine hochfrequente und allseits bekannte Kollokation darstellt. ← 41 | 42 →

2)  Kookkurrenz unterscheidet sich insofern von Frequenz, als dass es sich hierbei nicht um rein quantitatives Auftreten handelt – also um zahlreiches Auftreten eines Wortes in der Nähe eines Bezugswortes oder um häufiges Miteinanderauftreten einer Wortverbindung (vgl. STEYER 2004: 96) –, sondern „um die Erfassung von Zeichenketten, die im Vergleich mit ihrem Gesamtvorkommen statistisch überproportional häufig in der Umgebung anderer Zeichenkettenkonfigurationen vorkommen“ (BELICA/STEYER 2008: 12). Warum Kookkurrenz für die Phraseologieforschung von entscheidender Bedeutung sein kann bzw. welche Bedeutung diesem Merkmal überhaupt in Bezug auf formelhafte Einheiten zukommt, fasst STEYER (2003: Anmerkung 1) zusammen:

     Kookkurrenz verstehen wir als Oberbegriff für das statistisch signifikante Miteinandervorkommen von Textwörtern (tokens). Usuelle Kookkurrenzen sind in erster Instanz binäre Relationen zwischen autosemantischen Wortschatzelementen (Kollokationen). Dazu gehören auch all jene Wortverbindungen, die einen Mehrwortstatus aufweisen, also selbst als lexikalisch-semantische, grammatische und/oder pragmatische Einheiten anzusehen sind (z. B. Idiome, kommunikative Formeln, Funktionsverbgefüge usw.).

     Die statistische Kookkurrenzanalyse stellt somit ein Instrumentarium dar, das uns ermöglicht, viele syntagmatische Muster als feste, lexikalisierte Wortverbindungen zu analysieren (vgl. STEYER/LAUER 2007: 495). Diese werden von STEYER (2013) als „usuelle Wortverbindungen“ bezeichnet. Usuelle Wortverbindungen umfassen polylexikalische sprachliche Erscheinungen,

     die als komplexere Einheiten reproduziert werden können und deren Elemente einen höheren Wahrscheinlichkeitsgrad des Miteinandervorkommens besitzen, als das bei okkasionellen Wortverbindungen der Fall ist. (STEYER 2000: 108)

     Sie sind demnach auch nicht an das Kriterium der Idiomatizität gebunden. Ihre formelhafte Struktur ergibt sich vielmehr aus einem historisch gewachsenen Prozess, dessen Endpunkt eine Gebrauchsnorm ist, die sozusagen als „Standardverwendung“ fungiert und in diesem Sinne typisch ist (vgl. STEYER 2000: 108). STEYER (2003: 37) hebt dabei deutlich hervor, dass es ein weit verbreiteter Irrtum ist, anzunehmen, die Selektion von usuellen Wortverbindungen erfolge nach dem Frequenzkriterium. Kookkurrenz bedeutet zunächst einmal nur, dass bestimmte Wörter in Relation zu ihrem Gesamtvorkommen im Korpus auffällig oft im Kontext des Bezugswortes realisiert sind (vgl. STEYER 2004: 96). Mit Frequenz hat dies in erster Linie nichts zu tun, wie STEYER (2003: 37; Hervorhebung im Original) anhand idiomatischer Verbindungen sowie unikaler Komponenten verdeutlicht: ← 42 | 43 →

     Bei usuellen Kookkurrenzen handelt es sich nicht in jedem Fall um hochfrequente Verbindungen. Im Gegenteil: Idiomatische Verbindungen weisen in der Regel keine hohe Frequenz auf, werden aber mit unserer Methode ebenso erfasst. Oft findet man idiomatische Kookkurrenzen sogar in den oberen Rängen der statistischen Signifikanzlisten. Der Rechner interessiert sich, wie eben beschrieben, für jegliche Auffälligkeiten in der Umgebung eines Wortes. Auffällig kann aber auch bedeuten, dass ein sehr seltenes Wort (z. B. eine unikale Einheit wie balbieren) immer in der Umgebung eines anderen Wortes (Löffel) vorkommt. Damit weist diese Wortverbindung trotz geringer Vorkommenshäufigkeit einen hohen Kohäsionsgrad auf.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit erweisen sich die Kookkurrenzanalyse und das Konzept der usuellen Wortverbindungen als überaus hilfreich, wenn es um die Frage geht, welche Komponenten unikaler Natur sind. Darüber hinaus hilft die Kookkurrenzanalyse bei der Frage, ob es sich bei bestimmten Wortverbindungen überhaupt um musterhafte Wendungen handelt, in die Unikalia-Kandidaten eingebettet sind. Denn obwohl das Merkmal der Unikalität bisher immer als der Phraseologie-Indikator schlechthin postuliert wurde (vgl. u. a. RÖMER/SOEHN 2007: 6), zeigen zahlreiche Belege, dass teilweise sogar bei Wörtern, die zu über 80% an andere Wörter gebunden sind, nicht eindeutig entschieden werden kann, ob es sich hierbei tatsächlich um eine formelhafte Wendung handelt oder nicht (z. B. bei der präpositionalen Phrase am/an den Stadtrand).

Bei solchen Fällen liefert das Kookkurrenzkriterium einen entscheidenden Hinweis dafür, dass formelhafte Wendungen mit unikalen Komponenten vorliegen. Denn im DEREKO ist das Wort Stadtrand in über 80% der Belege mit der Präposition an/am belegt, was auf eine usuell gewordene Wortverbindung hindeutet. In der vorliegenden Arbeit werden solche distributionell eingeschränkten Wörter als unikal klassifiziert, auch wenn die Wortverbindungen, in die sie eingebettet sind, auf den ersten Blick nicht phraseologisch erscheinen. Die Kookkurrenzanalyse ermöglicht es, diese formelhaften, nicht-idiomatischen Fügungen aufgrund ihrer hohen Signifikanz tatsächlich als „Halbfertigprodukte der Sprache“ (HAUSMANN 1984: 398) zu identifizieren (vgl. STEYER 2003: 42). Die Unikalität einer Komponente wird durch den erkennbaren Grad an Fixiertheit aufgedeckt, der sich oft nicht in Form einer regelhaften, systembedingten Gebundenheit ergibt, sondern im Gebrauch begründet ist (vgl. STEYER 2004: 91). Es geht also um die Erfassung der „besonders typischen sprachlichen Einheiten in der Umgebung eines Wortes“ (vgl. STEYER 2004: 92).

Ist die syntagmatische Verkettung eines Wortes in hohem Maße auf nur (noch) sehr wenige, bestimmte Lexeme eingeschränkt (beispielsweise Stadtrand mit an/am), liegt meines Erachtens eine unikale Komponente und demnach ← 43 | 44 → auch eine formelhafte Wendung vor, in der diese realisiert ist. Zur Bestimmung unikaler Komponenten spielen demnach nicht nur idiomatische, feste Wendungen, in denen die einzelnen Wörter fixiert sind, eine Rolle, sondern auch zentrale Verwendungen der Wörter, Wahrscheinlichkeiten, Erwartungen und quantitative Verteilungen (vgl. STUBBS 1997: 157).

Aufgrund dieser Definition kommen im Zuge der Kookkurrenzanalyse usuelle Wortverbindungen mit unikalen Komponenten zum Vorschein, die bisher seitens der Unikalia-Forschung nicht beachtet wurden und wahrscheinlich auch niemals als solche identifiziert worden wären. In solchen Fällen handelt es sich nicht mehr um die klassischen, idiomatischen und oft als „irregulär“ bezeichneten Unikalia-Phraseme, sondern um Wörter, die sich durch Verbindungskonventionen mit anderen Wörtern, durch Traditionen des Formulierens und somit durch Gebrauchskonventionen zu unikalen Komponenten entwickelt haben oder sich gerade auf dem Weg zur Unikalität befinden (vgl. STEYER 2004: 91). Es handelt sich hierbei größtenteils um präpositionale Verfestigungen oder um Nomen-Verb-Kollokationen.60 Zur Verdeutlichung werden in Übersicht 2–9 einige solcher Fügungen und ihre formelhafte Gebundenheit angeführt:

Übersicht 2-9:  Formelhafte Gebundenheit nicht-idiomatischer, usueller Wortverbindungen

Unikalia-Kandidat

verfestigte Einbettung/formelhafte Wendung

Gebundenheit

Eigendynamik

eine Eigendynamik gewinnen/entwickeln/entstehen/bekommen/entfalten

54%

Lebensunterhalt

seinen Lebensunterhalt von/mit etw. bestreiten/finanzieren/sichern // seinen Lebensunterhalt verdienen

60%

Sekundenbruchteil

innerhalb von/in/innert/binnen/für Sekundenbruchteile(n)

63%

Zeitlupe

in Zeitlupe

65%

Tagesanbruch

vor/bei/nach Tagesanbruch

68%

Unding

etw. ist ein Unding

69%

Gesetzeskraft

Gesetzeskraft haben/geben/erlangen/erhalten

70%

Dienstschluss

(kurz) vor/nach Dienstschluss

75%

← 44 | 45 →

Schnäppchenpreis

zum Schnäppchenpreis

76%

Abhilfe

Abhilfe schaffen/leisten/bringen/sorgen/bieten/verschaffen/versprechen // für Abhilfe sorgen

79%

Zehenspitze

auf (den/die) Zehenspitzen

79%

Geschmackssache

etw. ist Geschmackssache

81%

Vortag

am/vom Vortag

81%

Anschein

den Anschein haben/erwecken/machen // dem/allen Anschein(s) nach

82%

Mordverdacht

unter Mordverdacht (stehen) // wegen Mordverdacht // in Mordverdacht (geraten)

84%

Rettungsschuss

der finale Rettungsschuss

89%

Familienkreis

im engsten Familienkreis

89%

Augenwinkel

aus dem/im Augenwinkel

89%

Aufschluss

(über etw.) Aufschluss geben/gewinnen/erhoffen/liefern/bringen

89%

Umkreis

im/aus dem Umkreis von X[Nominalphrase]

94%

Faible

ein Faible für X[Nominalphrase] (haben)

95%

Platzgrund

aus Platzgründen

98%

Morgenstunde

in/seit/vor/den/zur Morgenstunde

98%

image

Insgesamt lässt sich in Bezug auf die Eigenschaften phraseologischer Wortverbindungen Folgendes konstatieren: Auf der einen Seite können zwar durchaus typische Phraseologie-Eigenschaften festgestellt werden, mithilfe derer sich das phraseologische Inventar relativ gut eingrenzen lässt. Auf der anderen Seite zeigt jedoch die Abgrenzungsproblematik, dass von eindeutigen Merkmalen kaum die Rede sein kann. Denn selbst die auf den ersten Blick scheinbar distinktiven Merkmale können nicht verbergen, dass fließende Übergänge zwischen festen und freien Wortverbindungen bestehen. Phraseologische Eigenschaften sind somit nicht dichotomischer, sondern gradueller Natur:

Insgesamt zeigt die Diskussion der Merkmale fester Wortverbindungen, daß sich auf ihrer Grundlage keine allgemeingültige Definition aufstellen läßt, die eine scharfe und eindeutige Grenzziehung etwa zwischen freien und festen Wortverbindungen oder ← 45 | 46 → zwischen verschiedenen Erscheinungsformen fester Wortverbindungen ermöglicht. (STEIN 1995: 41)

Setzt man die traditionellen Phraseologie-Merkmale mit dem Merkmal der „phraseologischen Irregularität“ in Beziehung, so zeigt sich, dass „irreguläre“ Besonderheiten sowohl bei monolexikalischen als auch polylexikalischen, festen und variablen sowie hochidiomatischen und nicht-idiomatischen sprachlichen Erscheinungen zu finden sind. „Phraseologische Irregularitäten“ verhalten sich somit in Bezug auf die drei prototypischen phraseologischen Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität sehr heterogen. Sie vereinen nicht – wie bisher weitgehend angenommen – die stärksten Ausprägungen dieser Eigenschaften in sich (also satzgliedwertige Polylexikalität, absolute Unveränderlichkeit und volle Idiomatizität), sondern verteilen sich ebenso über die graduellen Abstufungen wie unmarkierte feste Wendungen auch. Der Übergang zu freien Wortverbindungen ist demzufolge im Hinblick auf diese drei Eigenschaften ebenfalls graduell. „Phraseologische Irregularitäten“ dürfen daher genau genommen nicht pauschal als prototypische Vertreter der Phraseologie angesehen werden, da die aufgezeigten Merkmale auch auf sie nur mehr oder weniger zutreffen.

2.5  Klassen an formelhaften Wendungen

Eine grundlegende Basisklassifikation des phraseologischen Bestandes nimmt BURGER (2010: 36) anhand des Kriteriums der Zeichenfunktion vor, die Phraseme in der Kommunikation haben:

    referentielle Phraseme: Bezug auf Objekte, Vorgänge oder Sachverhalte der Wirklichkeit (z. B. jmdn. auf die Palme bringen, schwarzes Brett und Der frühe Vogel fängt den Wurm)

    strukturelle Phraseme: Herstellung von (grammatischen) Relationen innerhalb einer Sprache (z. B. in Bezug auf und nicht nur […] sondern auch […])

    kommunikative Phraseme: Erfüllen bestimmte Aufgaben bei der Herstellung, Definition, dem Vollzug und der Beendigung kommunikativer Handlungen (z. B. guten Tag und ich denke)

Für eine erste grobe Einteilung der Phraseologie bietet sich sicherlich eine solche Basisklassifikation an. Sollen jedoch speziellere Klassen voneinander abgegrenzt werden, greift das Kriterium der Zeichenfunktion zu kurz. Der Gegenstandsbereich der Phraseologie ist zum Teil so heterogen und vielfältig, dass eine Kategorisierung auf Grundlage eines einheitlichen Kriterienkatalogs nicht ← 46 | 47 → ausreicht, um das weite Spektrum formelhafter bzw. vorgeprägter Sprache abzudecken (vgl. BUSSE 2002: 408). Es erscheint daher sinnvoll, eine Kombination aus überwiegend strukturellen, semantischen und pragmatischen Kriterien zu verwenden (vgl. KORHONEN 2002: 402 und FÖLDES 2007: 424).

Übersicht 2–10 bietet eine gebündelte Zusammenstellung der in der Forschung herausgearbeiteten Phrasemklassen, die zum größten Teil auf BURGER (2010) und eigenen Ergänzungen beruht. Trotz der auf den ersten Blick statischen Klassifizierung ist zu betonen, dass eine klare und eindeutige Abgrenzung der Phrasemklassen voneinander illusorisch erscheint und es in der Realität vielmehr der Fall ist, dass zwischen den einzelnen Klassen nicht selten fließende Grenzen bestehen bzw. es zu Überschneidungen kommen kann (vgl. FILATKINA 2005: 112).

Übersicht 2-10:  Klassen an formelhaften Wendungen

image ← 47 | 48 →

image ← 48 | 49 →

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Wie Übersicht 2–10 zu entnehmen ist, liegt der vorliegenden Arbeit ein (sehr) weiter Phraseologiebegriff zugrunde. Als phraseologisch bzw. formelhaft werden alle (polylexikalischen) sprachlichen Erscheinungen angesehen, die sich unter dem verbindenden Merkmal der Reproduzierbarkeit subsumieren lassen (vgl. STEIN 1995: 43). Eine zu enge Auffassung von Phraseologie, wie sie beispielsweise STEFFENS (1989: 81) vertritt, indem sie Nominationsstereotype, kommunikative Formeln und Phraseoschablonen „aufgrund des Fehlens eines wesentlichen Merkmals“ als „freie Wortverbindungen“ behandelt, ist in der heutigen Phraseologieforschung sicherlich die Ausnahme. Dabei wählt STEFFENS (1989: 81) zur Begründung des Ausschlusses von Nominationsstereotypen, die sie als „relativ stabile nicht-idiomatische Wendungen“ definiert, ein geradezu prototypisches Phrasem, nämlich eine Wortverbindung mit unikaler Komponente (gesunder Menschenverstand), die ja bekanntlich als Phraseologie-Indikator schlechthin fungiert.62

In Bezug auf „phraseologische Irregularitäten“ lässt sich konstatieren, dass diese sowohl in allen drei Basisklassen als auch in allen oben aufgelisteten speziellen Klassen vorkommen. Sie beschränken sich somit nicht nur auf die ← 49 | 50 → „traditionellen“, zentralen Vertreter der Phraseologie wie Idiome (z. B. etw. (gegen jmdn./etw.) im Schilde führen) oder Teil-Idiome (z. B. scharf wie Nachbars Lumpi sein), sondern finden sich ebenso in Klassen eines weiteren Phraseologiebegriffs wie Routineformeln (z. B. Gut Blatt!), Funktionsverbgefügen (z. B. etw. in Betracht ziehen), strukturellen Phrasemen (z. B. geschweige denn) und Modellbildungen (z. B. jmdn./etw. zu Tode X[Verb]) (siehe Kapitel 18.5).

2.6  Zentrum-Peripherie-Modell der Phraseologie

Der Grundgedanke, den phraseologischen Bestand mithilfe eines Zentrum-Peripherie-Modells zu kategorisieren, ergibt sich aus der Tatsache, dass nicht alle phraseologischen Merkmale auf alle Klassen gleichermaßen zutreffen und es somit zu Abstufungen und Übergangsbereichen kommen kann (vgl. FLEISCHER u. a. 1983: 311).63 Grob unterscheidet man zwischen einem Kernbereich, in dem satzgliedwertige feste Ausdrücke mit nichtkompositioneller Bedeutung angesiedelt sind, und einer Peripherie, die durch zunehmende bzw. abnehmende Polylexikalität sowie abnehmende Festigkeit und abnehmende Idiomatizität gekennzeichnet ist (vgl. FEILKE 1996: 194). Das Zentrum-Peripherie-Modell bietet dabei vor allem Vorteile in Bezug auf die interne Gliederung und die externe Abgrenzung des Phraseologiebestandes:64

    Interne Gliederung: Für die interne Gliederung des Phraseologiebestandes bringt das Zentrum-Peripherie-Modell den Vorteil mit sich, dass es die Bündelung verschiedener Kriterien im Kernbereich erlaubt, wohingegen die Peripherie dadurch charakterisiert ist, dass dort verschiedene im Zentrum noch anzutreffende Merkmale ihre Geltung verlieren (vgl. FEILKE 1996: 194). Mithilfe dieses Schemas kann der Bestand der formelhaften Sprache somit intern prototypisch angeordnet werden, mit dem Ziel, bestimmte Eigenschaften (z. B. Idiomatizität) als typischer für Phraseme anzusehen als andere. Demnach geht es im Grunde nicht nur um die (grafische) Klassifikation phraseologischer Einheiten, sondern gezielt auch darum, die einzelnen Merkmale hierarchisch zu gewichten, um somit die phraseologischen Klassen gemäß der Erfüllung bzw. Nicht-Erfüllung der Kriterien anordnen ← 50 | 51 → zu können. Zentral sind somit feste Wendungen, die die Eigenschaften der Polylexikalität, der Idiomatizität und der Festigkeit in besonderem Maße aufweisen. Je näher man an die Ränder der Phraseologie gelangt, desto geringer wird die Idiomatizität, desto variabler die Festigkeit und desto mehr verändert sich die Polylexikalität in quantitativer Hinsicht (von formelhaften Einwortäußerungen und „Einwortidiomen“ bis hin zu satzwertigen Phrasemen und formelhaften Texten).

    Externe Abgrenzung: Das Zentrum-Peripherie-Modell vermittelt darüber hinaus einen Einblick in die Schwierigkeiten, den phraseologischen Bestand insgesamt ein- und von freien Wortverbindungen abzugrenzen (vgl. LÜGER 1999: 37). Es verdeutlicht, dass es kaum möglich ist, die Grenzen der Phraseologie zu bestimmen. Das Modell vermag es, die Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die damit verbundene Unschärfe der Ränder zu externen Bereichen (z. B. Wortbildung und Text(sorten)linguistik) zu erfassen und visuell hervorzuheben. Die Frage, ab wann Phraseologie aufhört und beispielsweise Wortbildung oder Text(sorten)linguistik beginnen, kann daher nicht eindeutig beantwortet werden, woraus STEIN (1994: 153) schlussfolgert, dass sich die Phraseologieforschung weniger denn je als klar definierter und abgrenzbarer Teilbereich der Linguistik entpuppt.

Die vorliegende Arbeit geht von einem sehr weiten Phraseologiebegriff aus und sieht die Abgrenzungsproblematik zwischen festen und freien Wortverbindungen nicht als Nachteil oder Hindernis, sondern als eine grundlegende Eigenschaft der (formelhaften) Sprache selbst. Unschärfe ist demzufolge nicht der markierte, sondern vielmehr der unmarkierte Fall aller sprachlichen Kategorisierungsversuche bzw. Beschreibungsmodelle:

Ein letzter Gedanke zu dieser Thematik: Bei der (immer wiederkehrenden und dennoch bisher unbeantwortet gebliebenen) Frage, welche Erscheinungen zur Phraseologie gehören und welche nicht, wird vernachlässigt, dass es letztlich irrelevant ist, ob formelhafte Texte, „Einwortidiome“, Modellbildungen, Sprichwörter, Kollokationen oder auch Routineformeln Bestandteile der Phraseologie sind oder nicht. Tatsache ist vielmehr, dass diese sprachlichen Erscheinungen existieren und deshalb einer sprachwissenschaftlichen Analyse bedürfen. In welchem Teilbereich der Linguistik dies letztendlich geschieht (z. B. Textlinguistik, ← 51 | 52 → Lexikologie, Phraseologie, Syntax, Wortbildung oder Pragmatik) ist im Grunde nur von sekundärer Bedeutung.

In Bezug auf den vorliegenden Gegenstand stellt sich die Frage, welche Position „phraseologische Irregularitäten“ im Zentrum-Peripherie-Modell einnehmen. Aufgrund ihrer strukturellen und/oder semantischen „Anomalie“ gelten sie gemeinhin als prototypische Vertreter der Phraseologie und werden daher in der Regel im Kernbereich verortet. Angesichts empirischer und theoretischer Erkenntnisse wird sich jedoch zeigen, dass das (Vor-)Urteil über ihre zentrale Stellung zu überdenken ist (siehe Kapitel 18.5).

2.7  Konzept der idiomatischen Prägung und das Ebenen-Modell nach Feilke

Um das Konzept der idiomatischen Prägung (besser) nachvollziehen zu können, ist es wichtig zu beachten, dass sich nach FEILKE (1993, 1994, 1996, 1998, 2004) „die idiomatische Qualität von komplexen Ausdrücken längst nicht nur an syntaktischen und semantischen Struktureigenschaften festmacht, sondern auch allein an einer pragmatischen Bindung“ (STEIN 2010b: 60). „Idiomatisch“ heißt demnach zum einen, dass aus einem „Spektrum von Konstruktionsmöglichkeiten für Ausdrücke […] durch die Konventionalisierung von Selektions- und Kombinationsmöglichkeiten bestimmte verbindlich geworden [sind]“ (FEILKE 1998: 74), und zum anderen, dass Ausdrücke usuelle Verwendungskontexte bzw. spezifische Verwendungsschemata konnotieren (vgl. FEILKE 2004: 49).65 Mit anderen Worten: Das Konzept der idiomatischen Prägung manifestiert sich einerseits in historisch gewachsenen ausdrucksseitigen Distributionsbeschränkungen sprachlicher (Mehrwort-)Einheiten und andererseits in dem (pragmatischen) Wissen eines jeden Sprachteilhabers, wofür man bestimmte Ausdrücke gebrauchen kann und wofür sie typischerweise gebraucht werden (vgl. FEILKE 1996: 202):66 ← 52 | 53 →

Für ausdrucksseitige Selektions- und Kombinationspräferenzen führt FEILKE (1998: 74f.) zahlreiche Beispiele an. So heißt es Ebbe und Flut und nicht etwa *Flut und Ebbe, eine schwere Krankheit und nicht *eine starke Krankheit oder auch sich die Haare waschen und sich die Zähne putzen, aber nicht *sich die Haare putzen oder *sich die Zähne waschen. Die Prägung auf kommunikativ-pragmatischer Ebene veranschaulicht FEILKE (2004: 47) anhand der Formel Ich liebe dich, die nicht deswegen idiomatisch erscheint, weil spezifische syntaktische und semantische „Irregularitäten“ oder Restriktionen vorliegen, sondern weil sie pragmatisch an einen üblichen Gebrauchszusammenhang (z. B. der Liebeserklärung) gebunden ist.67

Aus FEILKES (1998: 73) Sicht reicht die idiomatische Prägung somit „weit über den Begriff des Idiomatischen und Phraseologischen im engeren Sinne hinaus“, wodurch Phänomene ins Zentrum des Interesses rücken, die bisher als peripher befunden werden (vgl. FEILKE 1994: 377). Als Konsequenz ergibt sich daraus zwangsläufig eine Kritik am bestehenden Zentrum-Peripherie-Modell, da

[d]er typische Fall idiomatischer Prägung […] – wenn überhaupt – in der Perspektive der am Zentrum-Peripherie-Schema orientierten Phraseologie marginal [erscheint], und zwar, weil ihm wesentliche Merkmale der Idiomatizität und Phraseologizität fehlen bzw. für die Definition irrelevant sind. (FEILKE 1998: 73; Hervorhebung im Original)

Angesichts der Tatsache, „dass semantisch und syntaktisch wohlgeformte Ausdrücke ohne jede Einschränkung idiomatisch sein können, wenn sie hinsichtlich eines oder mehrerer pragmatischer Kontextparameter geprägt […] sind“ (FEILKE 2004: 49),68 betont FEILKE (2004: 57), dass der traditionelle phraseologische Kernbereich „im Gesamtspektrum der idiomatischen Prägung keine zentrale Rolle [spielt].“ Das Zentrum-Peripherie-Modell ersetzt er deshalb durch ein Ebenen-Modell idiomatischer Prägung (siehe Abbildung 2), dessen ← 53 | 54 → breite Basis die bisher als peripher eingestuften formelhaften Einheiten (z. B. Routineformeln und Kollokationen) einnehmen, während die traditionell als zentral charakterisierten (semantisch bzw. syntaktisch „irregulären“) Wortverbindungen sozusagen die quantitativ gesehen kleine Spitze des phraseologischen Bestandes bilden (vgl. FEILKE 2004: 58):

Abbildung 2:  Ebenen-Modell der Phraseologie nach FEILKE (2004)

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Für die vorliegende Arbeit drängt sich die Frage auf, ob die hier behandelten „phraseologischen Irregularitäten“ tatsächlich nur die kleine „Spitze des Eisbergs“ formelhafter Sprache einnehmen, oder aber, ob sie in Bezug auf das Konzept der idiomatischen Prägung und des daraus resultierenden Ebenen-Modells differenzierter betrachtet werden müssen. Detailliert beschäftigt sich Kapitel 18.6 mit dieser Thematik. So viel sei vorweggenommen: Es wird sich zeigen, dass „Irregularitäten“ auch in der scheinbar „regulären“ phraseologischen Peripherie bzw. Basis zu finden sind und sich somit das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie bzw. den Ebenen in FEILKES (2004) Modell in Bezug auf „Regularität“ versus „Irregularität“ komplexer und dynamischer gestaltet als bisher angenommen. ← 54 | 55 →


9      Vgl. u. a. die Integration phraseologischer Konzepte in die Text(sorten)linguistik (formelhafte Texte), in die Spracherwerbsforschung, in die Syntax- (Modellbildungen) sowie Grammatikforschung (Konstruktionsgrammatik), in die Pragmatik (pragmatische Phraseme), in die Wissenssoziologie (kommunikative Gattungen) sowie in die Konversationsanalyse (Vorgeformtheit als Ressource im konversationellen Formulierungs- und Verständnisprozess) (vgl. SCHMALE 2011: 179).

10    DOBROVOLSKIJ (1992) führt hierfür die Semiotik (SIALM 1987), die propositionale Semantik (WOTJAK, G. 1986), die vergleichende Kulturologie (GRÉCIANO 1989), die Strukturtypologie und Universalienlinguistik (DOBROVOLSKIJ 1988), die Computerlinguistik (DOBROVOLSKIJ 1989a) und die kognitive Semantik (BARANOV/DOBROVOLSKIJ 1991) an. Ob die Phraseologie tatsächlich eine zentrale Stellung im sprachwissenschaftlichen Diskurs besitzt, kann meines Erachtens jedoch stark angezweifelt werden (siehe Kapitel 20.2.2).

11    Einen guten Überblick über die bisherigen Beschreibungsansätze in der Kollokationsforschung gibt KONECNY (2010).

12    So werden Phraseme innerhalb der Diskurslinguistik zwar neben Lexemen als für die linguistische Beschreibung relevante Entitäten erwähnt (vgl. GARDT 2007: 31 sowie FELDER 2013: 175), bleiben in bisherigen diskursanalytischen Studien aber weitgehend unberücksichtigt (siehe auch STUMPF/KREUZ in Vorbereitung). Eine Ausnahme stellt ROTH (2015: Kapitel 11.2.1) dar, der den Phrasemgebrauch aus diskurspragmatischer Sicht betrachtet.

13    Für die Etablierung eines „sehr weiten“ Phraseologiebegriffs spricht auch die Tatsache, dass LÜGER (1999) in seiner sehr ausführlichen Darstellung des phraseologischen Gegenstandsbereichs unter Einbezug des Zentrum-Peripherie-Modells beispielsweise formelhafte Texte und Kollokationen aus dem Zuständigkeitsbereich einer „weiten“ Phraseologie ausschließt (siehe die Abbildungen in LÜGER 1999: 39, 43, 49). Da in der gegenwärtigen Phraseologieforschung jedoch weitgehend Konsens darüber herrscht, dass auch diese beiden Phänomene im Bereich der formelhaften Sprache anzusiedeln sind, könnte man hier einen „sehr weiten“ Phraseologiebegriff ansetzen.

14    Ausnahmen sind semantisch und lexikalisch „irreguläre“ Wendungen (sprich: Idiome und Unikalia) (siehe Kapitel 3.3).

15    Eine Auflistung verschiedener Termini sowie Überlegungen zu diesem Problem finden sich u. a. in ROTHKEGEL (1973: 5); THUN (1978); PILZ (1978, 1981, 1983a, 1983b); BURGER u. a. (2007) sowie DONALIES (1994), für die englischsprachige Forschung in WRAY/PERKINS (2000: 3).

16    In der vorliegenden Arbeit wird durchgängig „Phrasem“ gebraucht.

17    Eine andere Perspektive nimmt STEYER (2000: 112) mit ihrem Konzept der usuellen Wortverbindungen ein, wenn sie Idiomatizität als die Haupteigenschaft von Phrasemen ansieht und ganz explizit für einen engen Phraseologiebegriff plädiert.

18    Dieses zweite Merkmal heben auch FILATKINA u. a. (2009: 344) hervor und betonen dessen Wichtigkeit für die Analyse der formelhaften Sprache vergangener Sprachstufen (besonders des Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen), da es „erlaubt, auch die Strukturen zur Analyse heranzuziehen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen niedrigen Grad an syntaktischer Festigkeit aufweisen, variabel sind, nie idiomatisch werden und es auch nie geworden sind.“

19    Ebenso wie STEIN (1995) und FILATKINA u. a. (2009) fasst auch MARGEWITSCH (2006) das Verhältnis zwischen „Formelhaftigkeit“ und „Phraseologie“ auf. Sie erachtet „formelhafte Sprache“ als Oberbegriff und ordnet alle Arten vorgeprägter bzw. usuell gewordener Sprache diesem unter. Siehe hierfür vor allem Kapitel 2.2 in MARGEWITSCH (2006), in dem sie den Bereich der formelhaften Sprache in Anlehnung an BURGER (1998a) in referentielle, strukturelle und kommunikative formelhafte Wendungen unterteilt.

20    Ausführungen zur formelhaften Sprache in Bezug auf das Englische finden sich in WRAY (2002, 2008, 2009) sowie WRAY/PERKINS (2000). WRAY (2002: 9) definiert „formulaic sequences“ wie folgt: „A sequence, continuous or discontinuous, of words or other elements, which is, or appears to be, prefabricated: that is, stored and retrieved whole from memory at the time of use, rather than being subject to generation or analysis by the language grammar.“

21    Solche pragmatisch verfestigten und situationsabhängigen „Einwortunikalia“ weisen starke Parallelen zu Interjektionen auf, die ja bekanntlich auch pragmatisch fixiert sind und „zum Ausdruck von Empfindungen, Flüchen und Verwünschungen sowie zur Kontaktaufnahme dienen“ (BUSSMANN 2008: 302). Zu Interjektionen siehe u. a. KÜHN (1979); BURGER (1980); TRABANT (1983); FRIES (1992); BURKHARDT (1998); REISIGL (1999); YANG (2001) und NÜBLING (2004a).

22    So weist SCHINDLER (1996a: 12) dem Wort hallo die gleiche (pragmatische) Bindung zu wie Grüß Gott, nämlich die im Rahmen eines „Begegnungsskripts“.

23    Es ist zu betonen, dass das Hyperonymie- und Hyponymie-Verhältnis der beiden Termini „Formelhaftigkeit“ und „Phraseologie“ einen gleichzeitigen Gebrauch nicht nur ermöglicht, sondern sich dieser geradezu anbietet. In der vorliegenden Arbeit wird daher an Stellen, an denen beispielsweise der Terminus „Phrasem“ vollkommen ausreicht, dieser verwendet. Werden explizit periphere Erscheinungsformen fokussiert, wird auf alternative und treffendere Termini zurückgegriffen (beispielsweise werden musterhafte und schablonenartig vorgefertigte Texte als „formelhafte Texte“ und nicht etwa als „phraseologische Texte“ bezeichnet).

24    In der Valenzgrammatik spricht man hierbei auch von „Satzbaupläne[n]“ (EROMS 2000: 315). Für zahlreiche konkrete Beispiele siehe HERINGER (1988: 132–136).

25    Auch BURGER (2010) ordnet die psycholinguistische Festigkeit als eine besondere Art der Festigkeit dieser Kategorie unter.

26    Die seltene Nennung dieser drei Eigenschaften resultiert sicherlich auch daraus, dass das Durchschnittserscheinungsjahr der ausgewerteten Werke im Jahre 1983 anzusiedeln ist. Neuere Arbeiten, die vor allem die Gebrauchsfrequenz als entscheidendes Merkmal der Verfestigung formelhafter Sprache ansehen (z. B. STEIN 1995), sind in SCHINDLERS (1996a) Auswertung noch nicht mitberücksichtigt.

27    Vgl. auch WRAY (2002: 49): „[I]rregularity is not in itself a sufficient defining feature of formulaic sequences.“

28    Eine der ersten Arbeiten, in denen auf diese aufmerksam gemacht wird, ist ein Aufsatz von PÜSCHEL (1978), in dem er sie als sogenannte „Wortbildungsidiome“ den Idiomen zuordnet (vgl. PÜSCHEL 1978: 156).

29    Siehe u. a. HENSCHEL (1987); DUHME (1991, 1995); GONDEK/SZCZEK (2002); ÁGEL (2004a); SZCZEK (2004) sowie HEINE (2010).

30    Ist man trotz allem gewillt, solche monolexikalischen idiomatischen Erscheinungen als phraseologisch zu bewerten, werden sie fast ausschließlich in der phraseologischen Peripherie angesiedelt (siehe STEIN 1995: 42 sowie LÜGER 1999: 36f.).

31    Zur Problematik der Getrennt- und Zusammenschreibung siehe FUHRHOP (2007) sowie EISENBERG (1998: Kapitel 8.4).

32    Anhand des Beispiels auf Grund/aufgrund weist SCHINDLER (2002: 36) darauf hin, dass es sich bei solchen Fällen vom Standpunkt des Lexikons aus um „orthographische Scheinprobleme“ handelt, da hier zwei alternative graphematische Ausdrucksseiten mit einem Inhalt und einheitlichen syntaktischen Merkmalen lexikalisch verbunden sind.

33    DONALIES (2005: 340) betont jedoch explizit, dass Orthografisches höchstens im Deutschen aussagekräftig ist, da in anderen Sprachen dieser Usus weniger strikt reglementiert erscheint (z. B. engl. wordformation, word-formation, word formation oder girlfriend, girl-friend, girl friend).

34    Für zahlreiche Beispiele siehe FLEISCHER (1997a: 185–189).

35    http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-28785/wahlkampfgenie-tritt-ins-fettnaepfchen-steinbrueck-schockiert-mit-aeusserungen-zu-merkels-gehalt_aid_889420.html (Stand 27.02.2015).

36    http://www.rosalux.de/fileadmin/ls_sanh/pdf/2015/St%C3%A9phane_Hessel__95_Geburtstag__Ablehnung_der_beantragten_Ehrenb%C3%BCrgerschaft_durch_den_Weimarer_Stadtrat.pdf (Stand 27.02.2015).

37    http://blog.inberlin.de/2013/03/ab-zum-schwoofen-in-claerchens-ballhaus/ (Stand 27.02.2015).

38    http://www.focus.de/finanzen/videos/alle-ist-eine-reisserische-uebertreibung-neues-modell-zu-kaufen-kommentar_id_5964598.html (Stand 27.02.2015).

39    http://blog.wawzyniak.de/parteivorstandssitzung-nr-6/ (Stand 27.02.2015).

40    http://archiv.herr-der-ringe-film.de/showflat.php/Number/1317409 (Stand 27.02.2015).

41    http://guidoschwarz.at/blog/neues-vom-fressen/ (Stand 27.02.2015).

42    http://www.parents.at/forum/showthread.php?t=641245&page=2 (Stand 27.02.2015).

43    http://www.carl-auer.de/blogs/kehrwoche/asthetik-der-geschlechter/ (Stand 27.02.2015).

44    http://www.alnatura.de/Panorama/anthroposophie/denken-wirkt/hunger-und-armut-warum (Stand 27.02.2015).

45    https://efeder.wordpress.com/2010/01/14/cdu-will-spd-wahler-kodern/ (Stand 27.02.2015).

46    http://www.moviepilot.de/movies/milchprodukte-des-grauens (Stand 27.02.2015).

47    Zur Klassifikation satzwertiger Phraseme siehe u. a. BURGER (2010: 36–42) sowie LÜGER (1999: 125–136).

48    Zum Konzept der formelhaften Texte siehe DAUSENDSCHÖN-GAY u. a. (2007a, 2007b); GÜLICH (1997); GÜLICH/KRAFFT (1998) sowie STEIN (2001, 2011a).

49    Auch wenn die Speicherbarkeit komplexer Texte aus kognitiver Perspektive eher unwahrscheinlich ist, deuten textlinguistische Studien dennoch darauf hin, dass Sprachteilhaber zumindest den Aufbau, d. h. die Makrostruktur, und zum Teil die Mesostruktur von häufig gebrauchten Texten erlernen bzw. kennen und sie demnach über ein nicht zu unterschätzendes Textsorten- bzw. Textmusterwissen verfügen (siehe u. a. HEINEMANN/VIEHWEGER 1991: 109–111 sowie HEINEMANN/HEINEMANN 2002: 135–140).

50    Vgl. hierzu auch DAUSENDSCHÖN-GAY u. a. (2007a: 474f.), die ebenfalls auf gewisse sprachliche „Irregularitäten“ formelhafter Texte hinweisen: „Dementsprechend betrachtet man stark ‚idiomatische‘ Texte als, wenn man so sagen darf, formelhafteste Texte. Es sind Texte, deren Realisierung syntaktische und semantische ‚Defekte‘ zulässt oder erfordert und die man nicht nur zu verfassen, sondern manchmal auch zu lesen lernen muss. […] Es gibt Texte, die sehr engen Regelungen unterliegen […] oder sogar morphologische, syntaktische und lexikalische ‚Defekte‘ zulassen […].“

51    Ignoriert werden sollte hierbei aber nicht die Tatsache, dass „irreguläre“ Formen auch in peripheren Klassen wie beispielsweise Routineformeln und Modellbildungen auftreten (siehe Kapitel 18.5), bei denen sich die Festigkeit vor allem durch rekurrenten Gebrauch ergibt.

52    So beispielsweise bei Gemeinplätzen (siehe GÜLICH 1978 und SABBAN 1994), geflügelten Worten und Sprichwörtern (siehe SCHEMANN 1987; HARNISH 1995 und LÜGER 1999).

53    Zu Unikalia aus lexikografischer Sicht siehe auch HOLZINGER (2013).

54    STAFFELDT (2011: 134) vermag nicht zu beantworten, „[w]o diese Konvergenz hinführt“ und stellt die Überlegung an, dass es sich hierbei vielleicht einfach um eine „Frage der Perspektivierung“ handelt. Etwas unglücklich und problematisch fällt dabei die Wahl der Adverbiale gerade aus. Die Phraseologieforschung entdeckte nicht erst um das Jahr 2010, dass Phraseme nur „mehr oder weniger“ fest sind; die absolute Stabilität wird bereits zu Beginn der sogenannten Konsolidierungsphase, teilweise sogar schon in der Anfangsphase angezweifelt und relativiert.

55    In der heutigen Phraseologieforschung herrscht weitgehend Konsens über die hier angeführte Merkmalsdefinition. Es lassen sich jedoch bei genauerer Betrachtung auch noch zahlreiche weitere Begriffspräzisierungen von Idiomatizität finden, was ein Problem darstellen kann (siehe hierzu DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 450), da sich diese teilweise unvereinbar gegenüberstehen und somit zu entgegengesetzten Idiomatizitätsurteilen über dasselbe Sprachmaterial führen können (vgl. FEYAERTS 1994: 136).

56    Obwohl Idiomatizität eine Zeitlang als das phraseologische Merkmal schlechthin galt, ist es im Grunde gar keine phraseologiespezifische Eigenschaft. Auch bei Wortbildungsprodukten kann Idiomatizität vorliegen (vgl. ROOS 2001: 9f.). Die bereits angesprochenen „Einwortidiome“ bzw. besser „idiomatischen Komposita“ (z. B. Drahtesel, Geldspritze und Kuhhandel) zeigen deutlich, dass es für die Phraseologie nicht von Vorteil ist, alles, was irgendwie idiomatisch aussieht, als Phrasem auszuzeichnen (vgl. DONALIES 2005: 344).

57    Zu grundlegenden Problemen des Motiviertheitsbegriffs siehe DOBROVOLSKIJ vgl. u. a. (1995: 41–45); zu verschiedenen Typen der Motivation DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (2009: Kapitel 1).

58    Einen guten Überblick über Kookkurrenzen und vor allem den Zusammenhang zwischen Kollokationen und Kookkurrenzen gibt BUBENHOFER (2009: 111–129).

59    Für die Identifizierung als formelhafte Wendung reicht bei „phraseologischen Irregularitäten“ häufig das Vorhandensein einer ausdrucks- und/oder inhaltsseitigen „Irregularität“. Es muss jedoch betont werden, dass das bloße Auftreten „irregulärer“ Erscheinungsformen keine Garantie dafür ist, dass es sich bei entsprechender Wortverbindung auch um eine phraseologische handelt. Denn die von der bisherigen Forschung als phraseologiespezifisch deklarierten „Irregularitäten“ treten auch teilweise (noch) in freien Wortverbindungen auf (siehe Kapitel 18.2).

60    Vgl. auch HÄCKI BUHOFER (2011: 524), die betont, dass „Kollokationen oft Basiswortschatzlemmata in Kombination mit sehr allgemeinen und sehr spezifischen, veralteten, eventuell auch unikalen Elementen enthalten.“

61    Beispiel aus STEIN (2001: 25).

62    Auch STEYER/LAUER (2007: 499) kommen zu dem Ergebnis, dass „ein signifikanter Kookkurrenzpartner des Adjektivs gesund […] das Nomen Menschenverstand [ist].“

63    Für detaillierte Ausführungen zum phraseologischen Zentrum-Peripherie-Modell sei auf LÜGER (1999) und GLÄSER (1988, 1990) verwiesen.

64    Angesichts des Erkenntnisinteresses bzw. des Kenntnisstands der heutigen Phraseologieforschung kann durchaus die (berechtigte) Frage gestellt werden, ob das Zentrum-Peripherie-Modell überhaupt noch zeitgemäß ist. Kritische Worte finden sich beispielsweise bei FEILKE (1996: 209) und BURGER (2012: 17).

65    STÖCKL (2004: 176) spricht hierbei auch von „[z]wei Spielarten idiomatischer Prägung“.

66    Die Grundidee der „idiomatischen Prägung“ findet sich meines Erachtens bereits bei HÄUSERMANN (1977: 8): „Einer Trennung in ‚phraseologische‘ und ‚nichtphraseologische‘ feste Einheiten muss nun aber die Tatsache entgegengehalten werden, dass jede Wortverbindung irgendeine Spezialisierung in der Anwendung erfährt, sobald sie ‚fest‘ wird. Oder umgekehrt formuliert: Nur wenn eine Verbindung von Wörtern eine ganz bestimmte Aufgabe erhalten soll, wird sie in der Sprache zu einer festen Einheit. In diesem Sinne ist die Bedeutung jedes Frasmus [= Phrasem, SöSt] ‚übertragen‘ – oder besser: spezialisiert.“

67    FEILKE (2004: 47) greift darüber hinaus auf einen frametheoretischen Erklärungsansatz zurück, indem er feststellt, dass ein sprachlicher Ausdruck als „frame“ konventionell die mit ihm vernetzte „scene“ indiziert.

68    Vgl. hierzu auch AUGST (1993: 3): „Der Anteil des Geprägten geht weit ins Regelhafte hinein.“

3.  Begriffsbestimmung: Formelhafte (Ir-)Regularitäten

3.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Bevor in Kapitel II die Vielfalt an „phraseologischen Irregularitäten“ im Einzelnen thematisiert wird, ist es notwendig, folgende Fragen zu beantworten: Wie kann der Phänomenbereich der sogenannten „phraseologischen Irregularitäten“ terminologisch einheitlich gefasst werden? Welche Studien haben sich bis dato mit diesen Besonderheiten befasst? Und schließlich die entscheidenden (Definitions-) Fragen: Welche Wendungen gehören zum Untersuchungsgegenstand und welche Eigenschaften weisen „irreguläre“ feste Wortverbindungen auf? Das erklärte Ziel des Kapitels ist es also, die Fragen „welche sprachlichen Einheiten sind formelhaft (ir-)regulär?“ und „was heißt formelhafte (Ir-)Regularität?“ zu beantworten und somit zum ersten Mal eine genaue Begriffsbestimmung dieses Phänomens vorzunehmen.69

3.2  Terminologie: Etablierung des Terminus „formelhafte (Ir-)Regularität“

Das Hauptproblem der bisherigen Terminologie besteht darin, dass zwar immer wieder bestimmte einzelne „irreguläre“ Erscheinungsformen benannt und vorgestellt werden, ein passendes Hyperonym jedoch nicht existiert. Wird ein Oberbegriff angeführt, unter den sich mehr oder weniger alle Arten an „Irregularitäten“ subsumieren lassen, spielt dieser entweder auf den „irregulären“ Charakter in Bezug auf eine außerphraseologische Norm oder aber auf die historische/diachrone (Entstehungs-)Perspektive dieser Erscheinungsformen an. Übersicht 3–1 gibt einen Einblick in die verwendeten Oberbegriffe: ← 55 | 56 →

Übersicht 3-1:  Oberbegriffe für den Untersuchungsgegenstand seitens der Forschung

 

Terminus

Autoren (in Auswahl)

„Norm“-Bezug

Abweichungen

HESSKY (1992)

Besonderheiten (Irregularitäten)

STEIN (1995)

Oberflächenanomalien

KEIL (1997)

phraseologische Anomalität (Irregularität)

VAJIČKOVÁ (2003)

gewisse „Unregelmäßigkeiten“

SCHMALE (2011)

historischer/diachroner Bezug

Konservativismus

MOKIENKO (2002)

erstarrte Sonderformen

EICHINGER/PLEWNIA (2006)

erstarrte Reste

NÜBLING u. a. (2010)

Überbleibsel/Archaismen bzw. archaische Formen

DRÄGER (2012)

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Der archaische Charakter bzw. die historische Perspektive macht sich fast ausschließlich in rein sprachhistorischen Publikationen terminologisch bemerkbar. In phraseologischen Werken spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle; hier wird in den meisten Fällen auf den von der Norm abweichenden Status dieser Erscheinungen Bezug genommen.70 Dies ist vor allem an den Bezeichnungen für die speziellen Unterklassen des Phänomens erkennbar (siehe Übersicht 3–2):

Übersicht 3-2:  Bezeichnungen für die Unterklassen „phraseologischer Irregularitäten“ seitens der Forschung

Terminus

Autoren (in Auswahl)

lexikalische Anomalie

FLEISCHER (1997a); KEIL (1997); PALM (1997)

morphologische Anomalie

DOBROVOLSKIJ (1978); FLEISCHER (1997a)

morphologisch-flexivische Anomalie

FLEISCHER (1997a); KEIL (1997)

morphosyntaktische Anomalie

NAUMANN (1989); DONALIES (2005)

syntaktische Anomalie
syntactic anomalies

SABBAN (1998); PTASHNYK (2009); JAKI (2014)

semantische Anomalie

DONALIES (2005); BURGER (2010)

grammatische Anomalie

WEICKERT (1997)

orthografische Anomalie

DOBROVOLSKIJ (1978)

← 56 | 57 →

phonetische Anomalie

DOBROVOLSKIJ (1978, 1989)

lexikalische Irregularität

NAUMANN (1985); FILATKINA (2013)

morpho-lexikalische Irregularität

VAJIČKOVÁ (2003)

morphosyntaktische Irregularität

HESSKY (1992); BURGER (2010); SAVA (2012)

syntactic irregularity

WRAY/PERKINS (2000)

semantische Irregularität/semantic irregularity

KOLLER (1977); WRAY/PERKINS (2000)

Die in der Forschung verwendeten Ober- und Unterbegriffe sind kritisch zu bewerten: Zum einen ist es problematisch, die hier behandelten Erscheinungen ausschließlich als Relikte vergangener Sprachzustände aufzufassen und zum anderen sind es vor allem die stark negativ konnotierten Termini der „Irregularität“ und der „Anomalie“, die die Perspektive auf diesen Untersuchungsgegenstand unnötig einschränken und diesen ungerechterweise als etwas Defizitäres brandmarken.

1)  Zur historischen Perspektive: Alle Termini, in denen zum Ausdruck gebracht wird, dass es sich bei „phraseologischen Irregularitäten“ um konservierte Phänomene aus älteren Sprachepochen handelt, treffen zwar auf viele der hier behandelten Erscheinungen zu, aber eben nicht auf alle. Trotz der weit verbreiteten Überzeugung, unikale Komponenten seien automatisch veraltete Überreste aus vergangenen Sprachverhältnissen (Archaismen, Historismen), können sie auch ad hoc gebildet werden (z. B. in der Jugendsprache: eine Flatter machen) (vgl. HÄCKI BUHOFER 1998: 162 sowie ANDROUTSOPOULOS 1998: 231). Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Unikalia, bei denen es sich schlichtweg um distributionell stark eingeschränkte, aber gleichzeitig hochmotivierte Wörter handelt (z. B. auf der Siegerstraße sein, in Torlaune sein und zum Nulltarif). Auch bei Pronomina, die in Phrasemen keinen Kontextbezug aufweisen (z. B. es schwer haben, sich einen hinter die Krawatte kippen, jmdm. eine knallen und jmdm. eins auswischen), spielen diachrone Erklärungsansätze wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle.

2)  Zu den Termini „Irregularität“ und „Anomalie“: DUDEN (1999: 1981) definiert „Irregularität“ u. a. als eine „vom üblichen Sprachgebrauch abweichende Erscheinung“. „Anomalie“ wird allgemeiner als „Abweichung vom Normalen, Abnormität“ paraphrasiert (DUDEN 1999: 232). Die beiden Termini drücken demnach nichts anderes aus, als dass es sich hierbei um eine Mangelerscheinung handelt (vgl. NÜBLING 2004b: 175). Während jedoch „Irregularität“ im ← 57 | 58 → sprachwissenschaftlichen Diskurs durchaus gebräuchlich ist (und im DUDEN 1999 auch mit „Sprachw.“ gekennzeichnet ist), liegt im Falle von „Anomalie“ ein innerhalb der Linguistik eher unüblicher Terminus vor. Aus diesem Grund wird dieser Negativbegriff für die Beschreibung der vorliegenden Phänomene grundsätzlich abgelehnt. Aber auch der Terminus „Irregularität“ ist stark negativ konnotiert und impliziert „die Abwesenheit eigentlich erwünschter Regularität“ (NÜBLING 1998: 36). Es stellt sich dabei zwangsläufig die Frage, was genau das „Regelhafte“ ist. Darüber hinaus ist zu überprüfen, ob die in Phrasemen anzutreffenden „Irregularitäten“ wirklich nicht (mehr) im freien Sprachgebrauch existieren. Dass dies teilweise durchaus der Fall ist, wird in der vorliegenden Untersuchung immer wieder hervorgehoben. Der Terminus „Irregularität“ verliert somit seine dichotomische Grundbedeutung (als Gegensatz zu „regulären“ Erscheinungsformen), da diese Phänomene, die nach Ansicht vieler Forscher nur (noch) in Phrasemen auftreten, zum Teil auch in außerphraseologischen Konstruktionen oder Kontexten vorzufinden sind. Und selbst wenn bestimmte Erscheinungen heute nur (noch) in festen Wendungen anzutreffen sind, muss dies nicht automatisch bedeuten, dass es sich hierbei um „irreguläre“ Formen handelt. Es wird sich zeigen, dass auch Phraseme mit „phraseologischen Irregularitäten“ nicht selten durch produktive Muster erzeugt werden (können). Nähert man sich dem Phänomen aus unterschiedlichen Richtungen, verliert die Trennung zwischen „Regularität“ und „Irregularität“ an Schärfe; auch gerade deshalb, weil innerhalb vermeintlich „irregulärer“ Phraseme gewisse Regelmäßigkeiten (z. B. in ihrer Bildung und ihrem Gebrauch) vorzufinden sind, die eine oberflächliche Etikettierung als „Irregularität“ mehr als fragwürdig erscheinen lassen.71

Die vorliegende Arbeit legt sich auf folgenden Oberbegriff für sämtliche hier behandelten phraseologischen Erscheinungen fest: „Formelhafte (Ir-) ← 58 | 59 → Regularitäten“.72 Der Terminus stellt drei entscheidende Vorteile gegenüber allen bisherigen Begrifflichkeiten zur Diskussion:

1)  Er ist nicht nur auf solche Phraseme beschränkt, die in ihrer festen Struktur ältere Sprachzustände konserviert haben, sondern auch ad hoc gebildete und synchron entstandene (Ir-)Regularitäten werden von ihm erfasst.

2)  Das Attribut „formelhaft“ verdeutlicht, dass (Ir-)Regularitäten nicht nur im klassischen Kernbereich der Phraseologie, sondern auch in Klassen der (scheinbaren) Peripherie zu finden sind (z. B. in Routineformeln, Sprichwörtern und Modellbildungen).

3)  Der Terminus relativiert – indem er in Anlehnung an PLANK (1981)73 das Präfix ir- in Klammern setzt – die vorherrschende Annahme, man hätte es bei diesem Phänomen ausschließlich mit hoch „irregulären“, von der außerphraseologischen Norm bzw. den Regeln abweichenden Erscheinungen zu tun. Er betont vielmehr das Regelmäßige innerhalb dieser „Abweichungen“ (vgl. COSERIU 1994: 160).74

3.3  Forschungsstand: Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Forschungsdesiderat

Während Unikalia bzw. phraseologisch gebundene Formative eine mehr oder weniger umfangreiche Forschungsgeschichte besitzen, werden die übrigen formelhaften (Ir-)Regularitäten vonseiten der Phraseologie bisher eher stiefmütterlich behandelt. Dementsprechend wird zunächst ein Forschungsüberblick über Unikalia und anschließend über die weiteren formelhaften (Ir-)Regularitäten gegeben: ← 59 | 60 →

1)  Unikalia weisen ein weites Spektrum an Forschungsansätzen auf. Sie sind u. a. aus diachroner Perspektive (siehe WEICKERT 1997 sowie HÄCKI BUHOFER 1998, 2002b), unter kontrastivem Aspekt (siehe RAJCHŠTEJN 1980; DOBROVOLSKIJ 1988; PIIRAINEN 1996 sowie FEYAERTS 1990), aus dialektologischer (siehe PIIRAINEN 1991), lexikografischer (siehe MELČUK/TILMANN 1984 und Weickert 1997) und vor allem taxonomischer Sicht untersucht worden (siehe DOBROVOLSKIJ 1978, 1979, 1989b; ŠMELEV 1981; DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a, 1994b sowie FEYAERTS 1994). Die erste ausführliche Analyse der deutschen Unikalia stellt die im Jahre 1978 erschienene Dissertation von DOBROVOLSKIJ dar. Ebenso wird Unikalia in der im Jahre 1982 erstmals erschienenen Auflage des Einführungswerks „Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache“ von FLEISCHER Aufmerksamkeit geschenkt – dort jedoch fast ausschließlich als Rezeption von DOBROVOLSKIJ (1978). Bis heute wird das Phänomen in den grundlegenden Phraseologie-Einführungen zumindest am Rande erwähnt (siehe PALM 1997; FLEISCHER 1997a; DONALIES 2009 sowie BURGER 2010). Die neuesten Untersuchungen stehen vor allem in Zusammenhang mit dem Projekt A5: „Distributionsidiosynkrasien“ des Tübinger Sonderforschungsbereichs 411 unter der Leitung von Frank Richter.75 Obwohl der Schwerpunkt dieses Projekts in erster Linie nicht in der Erforschung unikaler Komponenten liegt, sind zahlreiche Arbeiten veröffentlicht worden, die dieses Phänomen zumindest tangieren (siehe SOEHN 2003, 2004, 2006a, 2006b; SOEHN/RÖMER 2006; SOEHN/SAILER 2003; SOEHN u. a. 2010; RÖMER/SOEHN 2007; RICHTER/SAILER 2003; SAILER 2004 sowie TRAWIŃSKI u. a. 2005, 2008). Darüber hinaus ist im Zuge des Projekts eine online verfügbare „Sammlung unikaler Wörter des Deutschen“ erstellt worden.76 Trotz dieser recht breit gefächerten Forschungslage lässt sich festhalten, dass

     die sogenannten unikalen Konstituenten oder phraseologisch gebundenen Formative seit den Arbeiten Dobrovol’skijs (1978, 1989, zusammen mit E. Piirainen 1994) kaum mehr nennenswerte Aufmerksamkeit gefunden [haben]; sie bedürfen dringend sowohl einer gegenwartssprachlich synchronen wie auch einer diachronen morphologischen und semantischen Analyse. (BARZ 2002: 455) ← 60 | 61 →

     Dem Appell von BARZ (2002), unikalen Komponenten wieder verstärkt Interesse zu schenken, folgten bis auf vereinzelte Aufsätze keine größeren und vor allem neue Erkenntnisse hervorbringende Studien. Die vorliegende Arbeit nimmt sich dieses Forschungsdesiderats an und versucht, mithilfe korpuslinguistischer Auswertungen ein umfangreiches Bild dieses Phänomens auf synchroner Ebene zu zeichnen.77

2)  Im Gegensatz zu (Ir-)Regularitäten auf lexikalischer Ebene sind die übrigen Besonderheiten von der Forschung bisher weitgehend vernachlässigt worden. Meist werden diese als eine besondere Form der strukturellen Festigkeit behandelt und lediglich mit wenigen Beispielen belegt (vgl. u. a. FLEISCHER 1997a: 47–49; PALM 1997: 31f.; HESSKY 1992: 81; BURGER 2010: 19f.; KEIL 1997: 21f.; PTASHNYK 2009: 15; SABBAN 1998: 31; CHANG 2003: 62f.; KORHONEN 1995: 77; MOKIENKO 2002: 234f.; DRÄGER 2012: 125–127; SOEHN 2006: 12–15; SOEHN/RÖMER 2006: 146f. und RÖMER/SOEHN 2007: 6f.). Die meines Wissens erste (deutschsprachige) Arbeit, die auf dieses Phänomen aufmerksam macht, reicht bis in die Anfänge der germanistischen Phraseologieforschung zurück. In seiner „Idiomatik des Deutschen“ beschreibt BURGER (1973) verschiedenste Arten von älteren Sprachverhältnissen, die in neuhochdeutschen Phrasemen tradiert werden. Seit 1973 hat sich der Forschungsstand bezüglich dieser Erscheinungen jedoch nicht weiterentwickelt. Am umfangreichsten sind hierbei noch die Ausführungen von FLEISCHER (1997a: 47–49), der versucht, diese Erscheinungen nach der Art ihrer grammatischen „Irregularität“ zu kategorisieren. Außer dieser Klassifizierung, der wohlgemerkt keine repräsentative und umfangreiche Analyse des deutschen Sprachgebrauchs zugrunde liegt, sind keine nennenswerten Untersuchungen vorhanden, die sich intensiver mit der Materie beschäftigen. Obwohl diese „archaischen Elemente“ (BURGER/LINKE 1998: 753) als Indikatoren für die „Diachronie in der Synchronie“ (BURGER 1998b: 82) bezeichnet werden, da sie häufig älteres Sprachgut bzw. grammatische Verhältnisse tradieren, werden sie auch in der historischen Phraseologieforschung nur am Rande erwähnt und keiner detaillierten Analyse unterzogen. Eher beiläufig verweisen phraseodidaktische Arbeiten auf formelhafte (Ir-)Regularitäten, wobei betont wird, dass sie der Grund für vielfältige didaktische Probleme sein können (vgl. VAJIČKOVÁ 2003: 602; SAVA 2012: 157f. sowie HALLSTEINSDÓTTIR 1999: 93f.). Eine speziellere Untersuchung von grammatischen „Irregularitäten“ nimmt WEICKERT (1997) vor. WEICKERT (1997: 90) analysiert in dem Kapitel ← 61 | 62 → „Grammatische Anomalien in Phraseologismen in Sprachlehren“ deren Behandlung und lexikografische Erfassung in älteren Grammatiken. Neben phraseologischen Arbeiten, in denen das Phänomen der „Irregularitäten“ angeschnitten wird, sind es vor allem auch sprachhistorische Einführungswerke und Aufsätze, die zumindest am Rande auf diese Tradierung verweisen (siehe u. a. STRICKER u. a. 2012: Kapitel 13.2, 13.4, 13.10; EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1061; SZCZEPANIAK 2011: 105f. und NÜBLING u. a. 2010: 100, 102). Daneben stellen Idiosynkrasien in Phrasemen, sprich formelhafte (Ir-)Regularitäten, auch einen nicht zu unterschätzenden Problembereich und somit eine Herausforderung innerhalb des sogenannten Natural Language Processing dar, weshalb ihnen in diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird (siehe u. a. LI/SPORLEDER 2009 und SPORLEDER u. a. 2010):

     Idiomatic expressions are abundant in natural language. They also often behave idiosyncratically and are therefore a significant challenge for natural language processing systems. (LI/SPORLEDER 2009: 1)

Die bisherigen Forschungsansätze zu formelhaften (Ir-)Regularitäten sind überwiegend deskriptiver Natur und bleiben meist auf der Ebene der Nennung und Beispielaufzählung stehen. Es existiert keine Arbeit, in der diesem Phänomenbereich sowohl aus empirischer als auch theoretischer Perspektive begegnet wird. Die vorliegende Studie setzt an dieser defizitären Forschungslage an und versteht sich als „Türöffner“ zu einem bisher zu Unrecht vernachlässigten Bereich der formelhaften Sprache.

3.4  Welche sprachlichen Einheiten sind „formelhaft (ir-)regulär“? – Das weite Spektrum formelhafter (Ir-)Regularitäten

In der bisherigen Forschungsliteratur finden sich zahlreiche Beispiele für formelhafte (Ir-)Regularitäten. Sie erstrecken sich über nahezu alle phraseologischen Klassen und manifestieren sich auf verschiedenen sprachlichen Ebenen. Diese Besonderheiten sind somit bei weitem nicht nur auf Lexik und (Morpho-) Syntax beschränkt, wie Übersicht 3–3 verdeutlicht:

Übersicht 3-3:  Sprachliche (System-)Ebenen formelhafter (Ir-)Regularitäten

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Eine genauere Kategorisierung nimmt FLEISCHER (1997a: 47–49) vor, der die „Irregularitäten“ bzw. „Anomalien“ folgendermaßen gliedert:

1)  unflektierter Gebrauch des attributiven Adjektivs (oder adjektivisch gebrauchten Partizips): frei Haus, ein gerüttelt Maß (an Schuld)

2)  adverbialer Genitiv und Genitivkonstruktion als Objekt: schweren Herzens, seines Weges gehen

3)  Voranstellung des attributiven Genitivs: auf (des) Messers Schneide stehen

4)  sonstige Rektionsanomalien: jmdn. Lügen strafen

5)  Anomalien im Artikelgebrauch: vor Ort

6)  Anomalien im Gebrauch der Pronomina, insbesondere des Pronomens es ohne Verweis auf ein Kontextelement: es sich leicht/schwer machen

7)  Anomalien im Gebrauch von Präpositionen: jmd./etw. ist nicht (so ganz) ohne

Die vorliegende Arbeit bezieht alle von FLEISCHER (1997a) genannten Erscheinungen in den Untersuchungsgegenstand mit ein, fasst jedoch noch weitere Phänomene als formelhafte (Ir-)Regularitäten auf. Da den einzelnen Besonderheiten an späterer Stelle jeweils ein eigenständiges Kapitel gewidmet ist, werden die verschiedenen Arten an (Ir-)Regularitäten im Folgenden lediglich kurz vorgestellt und mithilfe eines authentischen Textbelegs veranschaulicht.

Abbildung 3:  Beleg „Unikalia“ (www.lz.de, Stand 14.07.2015)

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Bei Unikalia bzw. phraseologisch gebundenen Formativen handelt es sich um Wörter, die nur (noch) im Konstituentenbestand von Phrasemen vorzufinden sind, die im freien Sprachgebrauch demnach nicht (mehr) auftreten (z. B. die Oberhand behalten) (siehe Abbildung 3). Obwohl FLEISCHER (1997a) Unikalia nicht als „Irregularität“ auflistet, herrscht dennoch weitgehend Konsens darüber, sie innerhalb dieses Phänomenbereichs einzuordnen (siehe u. a. STEIN 1995 und KEIL 1997). Dass Unikalia allerdings nicht denselben Status besitzen wie beispielsweise morphosyntaktische Abweichungen, erkennt man daran, dass ihnen meist ein von den übrigen Abweichungsformen getrenntes Kapitel gewidmet wird und sie somit oft nicht explizit unter den Bereich der „phraseologischen Irregularitäten“ subsumiert werden (so auch bei FLEISCHER 1997a). HESSKY (1992: ← 63 | 64 → 81) spricht daher bei unikalen Konstituenten von einem „Sonderfall der Irregularität“. Die vorliegende Arbeit stuft Unikalia als eine Unterklasse der formelhaften (Ir-)Regularitäten ein.

Abbildung 4:  Beleg „Dativ-e“ (www.zeit.de, Stand 14.07.2015)

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Phraseme, die FLEISCHER (1997a) ebenfalls nicht auflistet, sind solche, in denen eine Komponente mit sogenanntem Dativ-e realisiert ist (z. B. wie jmd./etw. im Buche steht) (siehe Abbildung 4). Diese Besonderheit wird generell äußerst selten im Rahmen der „phraseologischen Irregularitäten“ angeführt (u. a. in ŠICHOVÁ 2013: 58). Die vorliegende Arbeit bezieht sie jedoch aufgrund der Bewahrung einer veralteten Flexionsform in die Untersuchung mit ein.

Abbildung 5:  Beleg „unflektiertes vorangestelltes Adjektivattribut“ (www.sueddeutsche.de, Stand 14.07.2015)

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Abbildung 6:  Beleg „nachgestelltes Adjektivattribut“ (www.brigitte.de, Stand 14.07.2015)

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Unflektierte Adjektivattribute stellen morphosyntaktische „Abweichungen“ dar. Die Nicht-Flektiertheit hat sich aus älteren Sprachepochen in der festen Struktur von Phrasemen bewahrt. Unflektierte Adjektivattribute tauchen sowohl in Voran- als auch Nachstellung zu ihrem Bezugswort auf (z. B. Gut Ding will Weile haben und Forelle blau) (siehe Abbildung 5 und Abbildung 6).

Abbildung 7:  Beleg „vorangestelltes Genitivattribut“ (www.sueddeutsche.de, Stand 14.07.2015)

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Auf syntaktischer Ebene spiegeln u. a. vorangestellte Genitivattribute wie in dem Phrasem in Teufels Küche kommen/geraten bzw. jmdn. in Teufels Küche bringen die Verhältnisse älterer Sprachstufen wider (vgl. STRICKER u. a. 2012: 146) (siehe Abbildung 7). Während im Neuhochdeutschen nur (noch) Eigennamen vorangestellt werden, zeigen Phraseme, dass vor allem im Alt- und Mittelhochdeutschen auch bei nichtbelebten Substantiven die Voranstellung des Genitivattributs der unmarkierte Fall gewesen ist (vgl. STRICKER u. a. 2012: 139).

Abbildung 8:  Beleg „Genitivobjekt“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Abbildung 9:  Beleg „adverbialer Genitiv“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Abbildung 10:  Beleg „prädikativer Genitiv“ (www.motorsport-total.com, Stand 14.07.2015)

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(Ir-)Regularitäten bezüglich des Genitivs sind außerdem die von FLEISCHER (1997a) zusammengefassten Phänomene des Genitivs als Objekt (z. B. jmdn. keines Blickes würdigen) (siehe Abbildung 8) und des adverbialen Genitivs (z. B. allen Ernstes) (siehe Abbildung 9). Verben, die den Genitiv fordern, sind im Neuhochdeutschen äußerst selten (vgl. EISENBERG/VOIGT 1990: 11). Feste Wendungen mit einem Genitivobjekt verdeutlichen jedoch die frühere Aktivität dieses Kasus. Auch der adverbiale Genitiv ist im heutigen Gebrauch kaum mehr produktiv, in zahlreichen Phrasemen jedoch noch erhalten. Neben adverbialen Genitiven existieren zudem als formelhafte Wendungen tradierte prädikative Genitive (z. B. guter Dinge sein) (siehe Abbildung 10). Bei diesen handelt es sich um Prädikativa, die im Genitiv realisiert sind.

Abbildung 11:  Beleg „Artikel(ir)regularität“ (www.taz.de, Stand 14.07.2015)

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Ein relativ häufig bei formelhaften Wendungen anzutreffendes Phänomen ist die Artikel(ir)regularität. Der bei Konkreta im Singular obligatorische Artikel ist in bestimmten Phrasemen nicht existent (z. B. Flagge zeigen) (siehe Abbildung 11). ← 66 | 67 → Der „Nullartikel“ stellt eine Besonderheit in der syntagmatischen Verknüpfung phraseologischer Komponenten und somit eine syntaktische (Ir-)Regularität dar (vgl. PTASHNYK 2009: 15).

Abbildung 12:  Beleg „Valenz(ir)regularität“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Als eine besondere Art formelhafter (Ir-)Regularität gelten sogenannte Valenz(ir) regularitäten. So ist beispielsweise die präpositionale Ergänzung an jmdm. in dem Phrasem jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen nicht aus der Valenz von fressen in freier Verwendung erklärbar (vgl. BURGER 2002: 394) (siehe Abbildung 12).

Abbildung 13:  Beleg „Pronomen(ir)regularität“ (www.recklinghaeuser-zeitung.de, Stand 14.07.2015)

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Eine weitere (Ir-)Regularität manifestiert sich gewissermaßen auf Textebene, da die kohäsive Verknüpfung von Sätzen im Mittelpunkt steht (z. B. es schwer haben) (siehe Abbildung 13). Es handelt sich hierbei um Besonderheiten in der Verwendung des Pronomens, insofern sich dieses textlinguistisch als referenzlos darstellt, d. h. weder anaphorisch noch kataphorisch interpretiert werden kann (vgl. BURGER 2010: 20). ← 67 | 68 →

Abbildung 14:  Beleg „Idiomatizität“ (www.faz.de, Stand 14.07.2015)

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Idiomatizität, wie sie beispielsweise in dem Phrasem jmdm. reinen Wein einschenken zum Vorschein kommt (siehe Abbildung 14), wird nur zum Teil als eine Variante „phraseologischer Irregularität“ aufgefasst (siehe u. a. HESSKY 1992; STEIN 1995; WRAY/PERKINS 2000 und DONALIES 2005). Da sie sich nicht in der Oberflächenstruktur bemerkbar macht, sondern semantischer Natur ist, betrachtet die vorliegende Arbeit Idiomatizität als eine besondere Art formelhafter (Ir-)Regularität.

Abbildung 15:  Beleg „semantische Fossilierung“ (www.faz.de, Stand 14.07.2015)

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Eine diachron motivierte Besonderheit stellt die semantische Fossilierung, sprich die Tradierung der Semantik einzelner Komponenten dar (siehe Abbildung 15). In der Paarformel lieb und teuer wird die veraltete Bedeutung von teuer ‚vortrefflich, lieb, wert, geschätzt‘ bewahrt (vgl. KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 89). Auch auf semantischer Ebene kann sich demzufolge Diachronie in der Synchronie zeigen. ← 68 | 69 →

Abbildung 16:  Beleg „Apokope“ (www.stern.de, Stand 14.07.2015)

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Auf phonetisch-phonologischer Ebene ist die (Ir-)Regularität der Apokope anzusiedeln. Diese Besonderheit tritt vor allem in Paarformeln auf und ist meist aus rhythmischen Gründen motiviert. So ist in der paarigen Wendung Katz und Maus spielen das auslautende -e bei der Komponente Katze apokopiert (siehe Abbildung 16).

Abbildung 17:  Beleg „Adjektivgroßschreibung/Phraseonym“ (www.faz.de, Stand 14.07.2015)

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Eine spezielle Klasse an Phrasemen weicht auf orthografischer Ebene von der freien Sprachnorm ab. In sogenannten onymischen Phrasemen/Phraseonymen wie das Weiße Haus findet sich die in der außerphraseologischen Orthografie nicht (mehr) praktizierte Adjektivgroßschreibung (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 198) (siehe Abbildung 17).

Abbildung 18:  Beleg „Pseudokinegramm“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Eine besondere (Ir-)Regularität sind sogenannte Pseudokinegramme (z. B. für jmdn. die Hand ins Feuer legen) (siehe Abbildung 18). Hierbei handelt es sich um ← 69 | 70 → Phraseme, die nonverbales Verhalten beschreiben, das jedoch kaum realisierbar ist (vgl. BAUR/CHLOSTA 2005: 70). Diese Besonderheit manifestiert sich somit nicht direkt auf einer sprachlichen, sondern vielmehr auf einer nonverbalen, gestischen Ebene.

Die exemplarisch skizzierten formelhaften (Ir-)Regularitäten stellen den größten Anteil dieses Phänomens dar. Darüber hinaus gibt es jedoch noch vereinzelt vorkommende Besonderheiten wie die von FLEISCHER (1997a: 49) genannte „Anomalie im Gebrauch von Präpositionen“, die in Kapitel 14.6 tabellarisch vorgestellt werden. Im Großen und Ganzen umfasst das Phänomen der formelhaften (Ir-) Regularitäten somit folgende Erscheinungen (siehe Übersicht 3–4):

Übersicht 3-4:  Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten

formelhafte (Ir-)Regularität

Beispiele

sprachliche Systemebene

Unikalia

etw. auf dem Kerbholz haben, im Handumdrehen

lexikalisch

Dativ-e

wie jmd./etw. im Buche steht, die Unschuld vom Lande

morphosyntaktisch

unflektiertes Adjektivattribut

Gut Ding will Weile haben, Forelle blau

morphosyntaktisch

vorangestelltes Genitivattribut

des Pudels Kern sein, auf (des) Messers Schneide stehen

syntaktisch

Genitivobjekt

sich des Lebens freuen, jmdn. eines Besseren belehren

syntaktisch

adverbialer Genitiv

letzten Endes, schweren Herzens

syntaktisch

prädikativer Genitiv

guter Dinge sein, anderer Meinung sein

syntaktisch

Artikel(ir)regularität

Lunte riechen, vor Ort

syntaktisch

Valenz(ir)regularität

jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen, etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln

syntaktisch

Pronomen(ir)regularität

es schwer haben, sich einen hinter die Krawatte kippen

textuell

Idiomatizität

den Faden verlieren, Schmetterlinge im Bauch haben

semantisch

semantische Fossilierung

recht und billig, lieb und teuer

semantisch

← 70 | 71 →

Apokope

Katz und Maus spielen, ohne Rast und Ruh

phonetisch/phonologisch

Adjektivgroßschreibung

das Weiße Haus, die Französische Revolution

orthografisch

Pseudokinegramme

jmdm. auf der Nase herumtanzen, jmdm. den Buckel runterrutschen

nonverbal/gestisch

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3.5  Was heißt „formelhafte (Ir-)Regularität“? – Eigenschaften formelhaft (ir-)regulärer Wendungen

Bereits BURGER u. a. (1982: 1) lassen in ihre Phraseologie-Definition den Aspekt der Regularität bzw. der Irregularität einfließen:

Phraseologisch ist eine Verbindung von zwei oder mehr Wörtern dann, wenn (1) die Wörter eine durch die syntaktischen und semantischen Regularitäten der Verknüpfung nicht voll erklärbare Einheit bilden, und wenn (2) die Wortverbindung in der Sprachgemeinschaft, ähnlich wie ein Lexem, gebräuchlich ist.

Es stellt sich jedoch die Frage, was genau mit „syntaktischen und semantischen Regularitäten“ gemeint ist. Eine Annäherung darauf findet sich bei SABBAN (1998: 31), die beschreibt, dass es sich hierbei um Phraseme handelt, die „in irgendeiner Weise von den üblichen syntaktischen oder semantischen Regeln abweichen“. Semantische „Irregularität“ bezieht sich somit auf das Kriterium der Idiomatizität. Mit syntaktischer „Irregularität“ werden zum einen Erscheinungsformen erfasst, die in der Oberflächenstruktur der Wendung existieren und zum anderen verweist der Terminus auf die Tatsache, dass sich viele Idiome den syntaktischen Transformationen freier Wortverbindungen widersetzen (z. B. Relativsatzbildung).

Im Grunde geht es bei dem Begriffspaar der „Regularität“ und „Irregularität“ also immer um den Abgleich mit dem außerphraseologischen, freien Sprachgebrauch und dessen (synchronem) Regelsystem. Formelhafte (Ir-)Regularitäten liegen laut der bisherigen Forschung demnach dann vor, wenn Abweichungen verschiedenster Art von außerphraseologischen Regeln das Phrasem kennzeichnen (vgl. HESSKY 1992: 81). Dieses grundlegende Charakteristikum spielt dementsprechend bei den einschlägigen Definitionen die wichtigste Rolle, wie in Übersicht 3–5 zu erkennen ist: ← 71 | 72 →

Übersicht 3-5:  Definitionsauszüge zu formelhaften (Ir-)Regularitäten

Definitionsauszüge (Hervorhebung von SöSt)

Autor

Abweichung von der Regel o. Norm. Ungewöhnliche, unregelmäßige, archaische Erscheinung.“

GÜNTHER (1990: 22)

„Im Hinblick auf die Identifizierung von Phraseologismen kann ihre Analyse nach den morphosyntaktischen und semantischen Regularitäten der Sprache ebenfalls wichtige zusätzliche Anhaltspunkte liefern: Abweichungen verschiedenster Art von diesen Regularitäten können als Zeichen für phraseologisierte, d. h. festgeprägte Fügungen gelten […].“

HESSKY (1992: 81)

„[…] ältere Konstruktionsmöglichkeiten, die außerhalb der Phraseologismen nicht mehr üblich sind, im festen Verband der Phraseologismen bewahrt worden sind […].“

FLEISCHER (1997a: 47)

„Syntaktisch-anomal sind diese Phraseologismen deshalb, weil ihre Komponenten in einer ungewöhnlichen Kombinatorik erscheinen, die in nicht-phraseologischen Wortverbindungen nicht frei produziert werden […].“

KEIL (1997: 21)

„Grundsätzlich gilt, daß grammatische Anomalien nicht als Definiens für Phraseologismen zu betrachten sind. […] Umgekehrt trifft aber auch zu, daß sie in freien Fügungen per definitionem nicht auftreten können.“

WEICKERT (1997: 90)

Anomalien zeigen sich in der Irregularität der regulären paradigmatischen und syntaktischen Beziehungen zwischen den Wörtern bei deren Eintritt in die phraseologische Einheit und bei deren syntaktischen Starrheit sowie Unvollständigkeit paradigmatischer Formen des Phrasems bzw. der Defektivität des regulären Paradigmas phraseologischer Komponenten.“

VAJIČKOVÁ (2003: 602)

„Diese Anomalien kommen nicht in freier Verwendung vor […]. Diese Konstruktionen […] folgen also nicht den normalen Syntaxregeln […].“

RÖMER/SOEHN0 (2007: 7)

Die Annahme, eine eindeutige Grenze zwischen außerphraseologischen Regeln und phraseologischen Abweichungen ziehen zu können, muss kritisch hinterfragt werden. Dabei sind für die vorliegende Arbeit vor allem drei Aspekte von Bedeutung:

    Zum einen muss geklärt werden, was überhaupt der „freie Sprachgebrauch“ bzw. das „außerphraseologische Regelsystem“ ist und wie dieser bzw. dieses adäquat erfasst werden kann. Dabei ist vor allem das Diktum zu hinterfragen, man hätte es mit einer klar zu fassenden außerphraseologischen Norm zu tun. Wie diese aussieht, ist bisher jedoch noch in keinen Arbeiten, die auf „phraseologische Irregularitäten“ verweisen, näher beschrieben bzw. konkretisiert worden (siehe Kapitel 15). ← 72 | 73 →

    Darüber hinaus darf angesichts zahlreicher konkreter Beispiele angezweifelt werden, ob die scheinbar nur in Phrasemen vorhandenen „Abweichungen“ tatsächlich nicht (mehr) im freien Sprachgebrauch auftreten. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass teilweise auch im freien Sprachgebrauch dieselben Besonderheiten anzutreffen sind, die bisher als phraseologiespezifisch deklariert werden (siehe u. a. Kapitel 18.2). Wie an vielen formelhaften (Ir-) Regularitäten zu sehen sein wird, bestehen durchaus graduelle Übergänge zwischen „regulären, außerphraseologischen“ und „irregulären, phraseologischen“ Erscheinungen. Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind daher ein Beweis für die – zumindest aus phraseologischer Perspektive – empirisch nicht haltbare dichotomische Trennung in Norm und „Nicht-Norm“.

    Des Weiteren muss die berechtigte Frage gestellt werden, ob es überhaupt so etwas wie „(phraseologische) Irregularität“ innerhalb unseres Sprachsystems gibt oder es vor dem Hintergrund konstruktionsgrammatischer Überlegungen nicht sinnvoller wäre, eine derartige Grenzziehung zwischen „regulären“ und „irregulären“ Konstruktionen aufzugeben (siehe Kapitel 17).

Eine Besonderheit formelhafter (Ir-)Regularitäten ist die Vielfalt und das weite Spektrum dieser Erscheinungen. In allen phraseologischen Klassen lassen sich formelhafte (Ir-)Regularitäten finden (z. B. in Paarformeln wie in Reih und Glied (Apokope), komparativen Phrasemen wie wie jmd./etw. im Buche steht (Dativ-e), Modellbildungen wie was X[Nominalphrase] anbetrifft (Unikalia) und Routineformeln wie ruhig Blut! (unflektiertes Adjektivattribut)). Darüber hinaus manifestieren sie sich auf allen traditionellen Sprachbeschreibungsebenen und sind somit bei weitem nicht nur auf lexikalische oder syntaktische Phänomene beschränkt (siehe Übersicht 3–3). Zudem ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Phrasem mehrere „Irregularitäten“ aufweist und demzufolge ein und dasselbe Phrasem mitunter unterschiedlichen formelhaften (Ir-)Regularitäten zugeordnet werden kann. Beispielsweise ist erhobenen Hauptes ein adverbialer Genitiv und kann aufgrund des Nullartikels auch als Artikel(ir)regularität klassifiziert werden, die Wendung das Kind mit dem Bade ausschütten ist einerseits aufgrund ihrer hohen Idiomatizität semantisch „irregulär“, andererseits weist sie mit Bade ein Dativ-e auf und die adverbial verwendete gesprächsspezifische Formel meines Erachtens steht nicht nur im Genitiv, sondern beinhaltet zudem eine unikale Komponente.

Von formelhaften (Ir-)Regularitäten muss grundsätzlich die sogenannte „transformationelle Defektivität“ abgegrenzt werden (vgl. GLÄSER 1990: 60), die sich in Form morphosyntaktischer und lexikalisch-semantischer Restriktionen bemerkbar macht (vgl. BURGER 2010: 21–23): Morphosyntaktische Restriktionen äußern sich darin, dass bestimmte morphologische und/oder ← 73 | 74 → syntaktische Operationen, die bei freien Wortverbindungen möglich sind, bei Phrasemen nicht vorgenommen werden können, ohne dass die phraseologische Bedeutung in Mitleidenschaft gerät (z. B. Das ist kalter Kaffee ‚das ist längst bekannt, uninteressant‘ à ?Das ist Kaffee, der kalt ist). Lexikalisch-semantisch eingeschränkt sind Wendungen, wenn sich ihre Komponenten nicht durch synonyme bzw. bedeutungsähnliche Lexeme ohne Bedeutungsverlust ersetzen lassen (z. B. die Flinte ins Korn werfen à ?das Gewehr ins Korn werfen bzw. ?die Flinte in den Hafer werfen).78

In diesem Zusammenhang sei auf ein grundlegendes Problem hingewiesen: Die Beispiele, die als Beweis des transformationellen Defizits von Phrasemen angeführt werden, basieren in den meisten Fällen nicht auf empirischen Analysen. Das Kriterium der Restriktion ist rein theoretisch und gelangt dann an seine Grenzen, wenn man sich den tatsächlichen Sprachgebrauch ansieht. Als Veranschaulichung dieser Problematik sei an dieser Stelle eine etwas längere Argumentation von DONALIES (2005: 341) angeführt:

,Die syntaktisch-strukturelle Stabilität lässt sich in einer Reihe von transformationellen Defekten erfassen‘ (Chrissou 2000, S. 32). So sollen etwa Relativtransformationen nicht möglich sein, z. B. ‚*der Korb, den er mir gegeben hat‘ (ebd., S. 33). Ist das wirklich ungrammatisch? Ich habe kein Problem, sowas zu formulieren wie: den Korb, den er mir da gegeben hat, den kann er sich an den Hut stecken. Ich habe auch kein Problem, sowas zu belegen: Doch das Lamentieren der USA über den Korb, den die EU der Türkei gegeben hat, hilft nicht weiter (Die Presse, 05.05.1998), mit dem Korb, den er Festspiel-Intendant Mortier 1995 gab (Oberösterreichische Nachrichten, 22.10.1999), Jacqueline Fehr nahm den Korb, den ihr der GBKZ gegeben hatte, gestern gelassen entgegen (Züricher Tagesanzeiger, 11.09.1999).

BURGER (2002: 395f.) kommt daher zu dem Schluss, dass die formalen und semantischen Restriktionen nicht für alle Phraseme in gleich starkem Maße gelten. ← 74 | 75 → Auch handelt es sich hierbei nicht um vollkommen ungrammatische Konstruktionen, da – auch wenn ein Phrasem durch eine gewisse Transformation seinen phraseologischen Status verliert – es nicht zu fehlerhaften Äußerungen kommt. BURGER (2010: 23) stimmt außerdem mit DONALIES (2005) überein, wenn er nochmals betont, dass sich im Grunde alle Operationen, die man nach der eigenen Sprachintuition für unmöglich halten würde, sowohl in gesprochenen als auch geschriebenen Texten finden lassen.79 Die vorliegende Arbeit blendet solche transformationellen Defekte aus dem Bereich der formelhaften (Ir-)Regularitäten aus. Denn zum einen ist dieses stark generativistisch orientierte Charakteristikum – wie oben besprochen – empirisch nur schwer haltbar und zum anderen beziehen sich Verwendungsrestriktionen auf die Formveränderlichkeit einzelner Komponenten, die nur mithilfe verschiedener operationeller Tests in Form grammatischer Umformungen (z. B. Passiv-, Relativsatz- und Fragesatz-transformation) ermittelt werden können (vgl. HESSKY 2000: 2103 und KEIL 1997: 22). Für formelhafte (Ir-)Regularitäten ist es jedoch entscheidend, dass diese unmittelbar an der kontextunabhängigen Nennform bzw. in der Oberflächenstruktur der Wendung zu erkennen sind. Für ihre Identifikation sind keine Umformungstests notwendig.

Der Verweis darauf, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten ältere Sprachbestände transportieren, ist in der Forschung häufig zu finden. Es handelt sich hierbei aber nicht um ein notwendiges Merkmal. In erster Linie geht es um den Vergleich mit dem außerphraseologischen Sprachgebrauch auf synchroner Ebene. Die Tatsache, dass es infolgedessen zu „Abweichungen“ kommen kann, weil in einer Wendung eine historische Form erhalten geblieben ist, die im heutigen freien Sprachgebrauch nicht mehr vorkommt, ist zwar für viele formelhafte (Ir-)Regularitäten charakteristisch, aber eben nicht die einzige Möglichkeit. Die „Irregularität“ muss nicht immer historisch bedingt sein, sondern kann auch in gewisser Weise synchron, ad hoc entstehen (siehe Kapitel 16.3).

Zusammenfassend weisen formelhafte (Ir-)Regularitäten folgende thesenartig aufgelisteten Merkmale auf: ← 75 | 76 →

1)  Sie sind größtenteils nur (noch) innerhalb formelhafter Wendungen anzutreffen.

2)  Sie weichen mehr oder weniger von den Regeln/Normen des außerformelhaften, synchronen Sprachgebrauchs ab.

3)  Sie befinden sich in der Oberflächenstruktur oder Semantik der kontextunabhängigen Nennform; d. h. im Gegensatz zu phraseologischen Restriktionen erkennt man formelhafte (Ir-)Regularitäten ohne transformationelle Operationen.

4)  Sie erstrecken sich über alle phraseologischen Klassen sowie über verschiedenste Sprachbeschreibungsebenen.

5)  Sie sind häufig Relikte vergangener Sprachverhältnisse, die in der festen Struktur der Wendungen tradiert werden. ← 76 | 77 →


69    Siehe hierzu auch STUMPF (im Druck1).

70    Bereits JESPERSEN (1948: 24) differenziert zwischen „regulären“ und „irregulären“ formelhaften Wendungen: „[H]ence formulas may be regular or irregular, but free expressions always show a regular formation.“

71    Eine neutralere Bezeichnung verwenden GRÉCIANO (1999: 4) und DONALIES (2005: 342). Sie sprechen von einer „gewisse[n] Eigenwilligkeit“. Einen fast schon positiv konnotierten Begriff wählt STEIN (1995: 39), wenn er von Phrasemen spricht, die „Besonderheiten“ aufweisen. Will man nur den historischen Charakter solcher Wortverbindungen betonen, die älteres Sprachgut bzw. grammatische Verhältnisse vergangener Sprachepochen tradieren, so eignet sich durchaus auch der im Grunde neutrale Terminus der „Archaizität“ (vgl. u. a. HIGI-WYDLER 1989: 63 sowie Dräger 2012: 126). Hierbei sollte aber klar sein, dass – wie weiter oben thematisiert – im Sinne dieser diachronen Perspektive längst nicht alle in der heutigen Phraseologieforschung als „irregulär“ bezeichneten Wendungen erfasst werden (siehe auch Kapitel 16.3).

72    Der Terminus „formelhafte (Ir-)Regularität“ wird in der Arbeit zum einen für die Besonderheit/Ausprägung als solche als auch für die gesamte Wendung, innerhalb der die „Irregularität“ auftritt, verwendet. Beispielsweise kann sowohl das unflektierte Adjektiv gut in auf gut Glück als auch die komplette Wortverbindung als „formelhafte (Ir-)Regularität“ bezeichnet werden, wobei im zweiten Fall des Öfteren auch auf die Umschreibung „formelhaft (ir-)reguläre Wendung/Wortverbindung“ zurückgegriffen wird.

73    PLANK (1981) behandelt in seiner Arbeit mit dem Titel „Morphologische (Ir-)Regularitäten“ derivations- und flexionsmorphologische Aspekte.

74    Die speziellen Unterklassen formelhafter (Ir-)Regularitäten können entweder nach der sprachlichen Ebene, auf der sie anzutreffen sind (morphologisch, syntaktisch, semantisch etc.), oder schlichtweg nach der exakten Ausprägung der (Ir-)Regularität bezeichnet werden (Dativ-e, unflektiertes Adjektivattribut, Artikel(ir)regularität/Nullartikel etc.) (siehe Übersicht 3–4).

75    Für nähere Informationen zu diesem Projekt siehe http://www.english-linguistics.de/sfb441/a5/ (Stand 03.11.2014).

76    Für nähere Informationen über die Sammlung siehe SAILER/TRAWIŃSKI (2006). Die komplette Sammlung ist unter folgendem Link verfügbar: http://www.english-linguistics.de/codii/ (Stand 03.11.2014).

77    Siehe auch STUMPF (2014).

78    Die angeführten Beispiele stammen aus BURGER (2010: 21f.). Für ausführlichere Informationen zu den verschiedenen Arten der morphosyntaktischen Restriktionen siehe u. a. FLEISCHER (1997a: 49–58); MÖHRING (1996a, 1996b); PIITULAINEN (1996a, 1996b) sowie DOBROVOLSKIJ (1999a). Eine besondere Form phraseologischer Gebrauchsrestriktionen stellen geschlechtsspezifische Einschränkungen dar. So gibt es nicht wenige Idiome, die – vor allem aufgrund ihres Ausgangs- und/oder Zielkonzepts – nur auf ein Geschlecht referieren (können). Als Beispiel ließe sich die Wendung sich etwas in den Bart murmeln/brummen anführen, deren Ergänzungen aufgrund biologisch-anatomischer Faktoren in sämtlichen von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (2009: 138) ausgewerteten Belegstellen ausschließlich Männer sind. Zu geschlechtsbedingten Restriktionen siehe vor allem PIIRAINEN (1999, 2000: Kapitel 5.1, 2001, 2004) sowie DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (2009: Kapitel 5).

79    So auch HESSKY (1992: 81): „Zweifellos gibt es diese Phänomene auf der Systemebene, zugleich aber findet man unschwer eine Fülle von Belegen dafür, daß in konkreten Textzusammenhängen so gut wie sämtliche Restriktionen und Irregularitäten aufgehoben werden können […].“

Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Formelhafte (Ir-)Regularitäten in der bisherigen Phraseologieforschung und die Frage nach der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen

Der in den beiden vorangehenden Kapiteln geworfene Blick auf die Phraseologieforschung im Allgemeinen und ihre Verbindung zu formelhaften (Ir-)Regularitäten im Speziellen sowie die genauere Begriffsbestimmung dieses Phänomens liefert sechs wichtige Erkenntnisse, aus denen sich mitunter die Ziele dieser Arbeit ergeben und die ich daher an dieser Stelle nochmals zusammenfasse:

    Terminologie: Die Ersetzung des vorherrschenden und negativ konnotierten Terminus „phraseologische Irregularität/Anomalie“ durch „formelhafte (Ir-)Regularität“ zeigt einerseits durch das Attribut formelhaft die Ausdehnung des Untersuchungsgegenstands bis hin zur phraseologischen Peripherie und andererseits relativiert die In-Klammer-Setzung des Präfix ir- die Irregularität und damit einhergehend den defizitären Status der entsprechenden Wendungen. Denn wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit herausstellen wird, sollte die introspektive Irregularitätsstigmatisierung angesichts der empirischen und theoretischen Erkenntnisse mit äußerster Vorsicht genossen werden.

    Forschungsstand: Der sich ständig ausweitende Untersuchungsgegenstand der Phraseologie kann als spezifisches Merkmal dieser Disziplin angesehen werden (Idiomatik à Phraseologie à formelhafte Sprache à Konstruktionen). Die kontinuierliche Ausweitung hat ein Sich-Abwenden von in früheren Arbeiten zentralen Mehrwortverbindungen, die in irgendeiner Weise strukturell und/oder semantisch „irregulär“ erscheinen und die für gewöhnlich undifferenziert unter dem Namen „Idiom“ zusammengefasst werden, zur Folge. Angesichts des großen Interesses an diesen „irregulären“ Phrasemen in den Anfängen der Phraseologie ist es mehr als verwunderlich, dass keine tiefergehenden Studien zu formelhaft (ir-)regulären Wortverbindungen vorliegen. Ein wirklicher Forschungsstand existiert höchstens für lexikalisch „irreguläre“ und semantisch „irreguläre“ Wendungen in Form der besonders von DOBROVOLSKIJ (1978, 1979, 1989, 1995, 1997a) vorangetriebenen Unikalia- und Idiomforschung. Studien zu morphosyntaktisch „irregulären“ ← 77 | 78 → Wendungen sind kaum vorhanden. In einschlägigen Einführungswerken werden sie wenn überhaupt nur am Rande erwähnt und mit den gleichen immer wiederkehrenden Beispielen veranschaulicht. Es fehlt daher eine wirkliche empirische und theoretische Auseinandersetzung mit allen Typen an formelhaften (Ir-)Regularitäten. Die vorliegende Arbeit wirkt diesem Desiderat entgegen.

    Definition: Die Begriffsbestimmung zeigt, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten einen äußerst heterogenen Untersuchungsgegenstand darstellen. Sie manifestieren sich in nahezu allen Sprachbeschreibungsebenen und weisen auch im Detail eine äußerst weite Streuung auf von beispielsweise veralteten Dativ-e-Endungen über Besonderheiten im textuellen Pronomengebrauch bis hin zu tradiertem nonverbalen, gestischen Verhalten (Pseudokinegramme). Formelhafte (Ir-)Regularitäten müssen von sogenannten morphosyntaktischen Restriktionen abgegrenzt werden. Denn sie existieren größtenteils nur (noch) in der Oberfläche formelhafter Wendungen. Da es sich in vielen – aber nicht in allen – Fällen um Fossilien älterer Sprachepochen handelt, besteht eine mehr oder weniger große Diskrepanz zur gegenwartssprachlichen außerphraseologischen Norm.

    Eigenschaften von Phrasemen: Die prototypischen Eigenschaften (Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität) treffen auf formelhaft (ir-)reguläre Wendungen ebenso wie auf „reguläre“ Wendungen nur mehr oder weniger zu. Sie besitzen nicht zwangsläufig nur die prototypische Ausprägung der entsprechenden Merkmale. So decken formelhaft (ir-)reguläre Wortverbindungen die ganze Bandbreite der drei Eigenschaften ab: von monolexikalisch bis hin zur Satz- und Textebene, von nicht-idiomatisch bis hin zu voll-idiomatisch sowie von stark variabel und modellartig bis hin zu vollkommen stabil. Aus dieser Perspektive dürfen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen nicht von „regulären“ unterschieden werden.

    Phrasemklassen: In Bezug auf den Untersuchungsgegenstand ist es notwendig, von einer weiten Konzeption vorgeformter Sprache auszugehen. Da formelhafte (Ir-)Regularitäten in allen Klassen anzutreffen sind – von zentralen bis zu peripheren –, müssen auch alle Klassen berücksichtigt werden.

    Phraseologische Modelle: Die Vorstellung der beiden wichtigsten phraseologischen Modelle – das Zentrum-Peripherie-Modell und das Ebenen-Modell – dient der späteren theoretischen Einordnung des Phänomens. Konkret stellt sich die Frage, welche Stellung formelhafte (Ir-)Regularitäten in den ← 78 | 79 → Modellen einnehmen und ob die Modelle in Anbetracht des vorliegenden Gegenstandsbereichs überdacht werden sollten.

Im folgenden Kapitel steht die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten im Mittelpunkt. Jeder einzelnen Ausprägung und Erscheinungsform ist ein eigenständiges Kapitel gewidmet. Die Kapitel sind überwiegend nach einem einheitlichen Muster gegliedert, das sich aus den Fragestellungen und Zielsetzungen ergibt:

    Zunächst wird der jeweilige formelhafte (Ir-)Regularitätstyp definiert und mit Beispielen verdeutlicht.

    Falls vorhanden, folgt daraufhin die diachrone Entwicklung der innerhalb der Wendungen tradierten Sprachverhältnisse.

    Wenn möglich, wird eine Zusammenstellung aller Wendungen angefertigt, die diese formelhaften (Ir-)Regularitäten enthalten.

    Die zusammengestellten Listen dienen als Grundlage empirischer Fragestellungen und werden einer Korpusanalyse unterzogen.

    Darüber hinaus werden – falls vorhanden – Kontexte aufgezeigt, in denen die jeweilige formelhafte (Ir-)Regularität auch außerhalb der Phraseologie anzutreffen ist. Dies soll veranschaulichen, dass es sich hierbei nicht (nur) um ein phraseologiespezifisches Phänomen handelt.

    Zudem dienen Beispielanalysen einzelner formelhaft (ir-)regulärer Wendungen der Vorstellung von Besonderheiten wie beispielsweise der Existenz von (ir-)regulären Konstruktionsmodellen.

Das Großkapitel II „Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten“ zielt insgesamt auf eine umfangreiche und alle formelhaften (Ir-)Regularitäten berücksichtigende Darstellung ab. Eine solche detaillierte Vorstellung der einzelnen Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten und deren empirische Analyse ist ein Novum innerhalb der Phraseologieforschung. Das Kapitel stellt diesen Gegenstandsbereich zum ersten Mal auf eine breite Basis und bietet der zukünftigen Forschung eine Zusammenstellung, die weit über das reine Aufzählen der verschiedenen Erscheinungsformen hinausgeht. Die einzelnen Kapitel verstehen sich dabei als in sich geschlossene (Nachschlage-)Kapitel zu einzelnen formelhaften (Ir-)Regularitätstypen und können auch (weitgehend) unabhängig von den anderen Kapiteln konsultiert werden. ← 79 | 80 → ← 80 | 81 →

II.
Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten

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4.  Unikalia

4.1  Definition

In der bisherigen Forschung werden Unikalia als Wörter definiert, die nur (noch) im Konstituentenbestand von Phrasemen vorzufinden sind (z. B. jmdm. ein Schnippchen schlagen, klipp und klar und seit Menschengedenken) (vgl. u. a. DOBROVOLSKIJ 1989b: 57; FLEISCHER 1997a: 37; HÄCKI BUHOFER 2002a: 429 und ČERMÁK 2007: 21). Aufgrund der Annahme, dass ihre Realisierung auf Phraseme beschränkt ist und sie im freien Sprachgebrauch nicht (mehr) in Erscheinung treten, werden sie auch als „phraseologisch gebundene Formative“ bezeichnet.80 Die „Irregularität“ drückt sich hierbei auf lexikalischer Ebene aus.

Der Terminus der Unikalität besitzt seinen Ursprung in der Morphologie (vgl. DONALIES 2011: 30f.). Als unikal werden Morpheme bezeichnet, die in einer Sprache nur einmal als Stamm- bzw. Kompositionsglied auftreten und deren Bedeutung synchron nicht mehr analysierbar ist (vgl. GENADIEVA 2006: 124). Als Beispiel wird häufig das Morphem him in Himbeere angeführt. Dessen bedeutungstragende Funktion ist zwar noch durch den Vergleich mit Erd-, Stachel-, Blaubeere etc. zu erkennen, eine eigenständige Bedeutung kann aber nicht angeben werden (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 127).81

Unikalisierung kann als semantischer Strukturverlust, als Endpunkt der Lexikalisierung und als stärkste lexikalische Restriktion verstanden werden (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002a: 429). Diese semantische Auffassung von Unikalität lässt sich aber in der Phraseologie auf die meisten als „unikal“ aufgefassten Elemente nicht übertragen (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 126). Denn zum einen stellt der Bereich der Homonymie die Unikalität der Komponenten infrage (z. B. auf der Hut ← 83 | 84 → sein)82 und zum anderen zeigt die Affinität mancher Phraseme dieser Gruppe zur Bildung phraseologischer Paradigmen (z. B. jmdm. einen Denkzettel geben/erteilen/verpassen // einen Denkzettel erhalten), dass sie „keine ‚absoluten Unikalien‘ darstellen, sondern Elemente der Sprache [sind], die zwar starken syntagmatischen Restriktionen unterliegen, aber systemhafter paradigmatischer Entfaltung fähig sind“ (DOBROVOLSKIJ 1989b: 75). Laut HÄCKI BUHOFER (2002b: 155) sollte der Terminus der „Unikalität“ daher vermieden werden. In der vorliegenden Arbeit wird dennoch auf ihn zurückgegriffen, da er innerhalb der Phraseologieforschung den Status eines allgemein bekannten Terminus besitzt.

Unikalia werden in der bisherigen Forschung überwiegend als Erscheinungen betrachtet, die prototypisch die Festigkeit und Fixiertheit von Phrasemen offenbaren (vgl. u. a. KORHONEN 1992a: 49 und HÄCKI BUHOFER 2002b: 129). Häufig ist es veraltetes oder selten gewordenes Wortgut, das in freier Verwendung nicht mehr auftritt und somit nur noch in phraseologischen Wortgruppen vorzufinden ist.83 Die Fossilisation dieser Elemente in Phrasemen zeigt deren phraseologische Gebundenheit und ist als Zeichen für den stabilisierenden Effekt von Phrasemen anzusehen (vgl. PALM 1997: 30). Phraseme stellen also durch ihre Festigkeit Bewahrungsorte für solche archaischen Sprachteile dar. Es ist jedoch zu betonen, dass – genauso wie bei „normalen“ Phrasemen – auch bei unikalen Wendungen zum Teil eine hohe strukturelle Varianz zu finden ist (z. B. geschmückt/herausgeputzt/aussehen/vorgeführt werden wie ein Pfingstochse).

Die bis heute vorherrschende Überzeugung, dass Unikalia einen hohen Grad an Idiomatizität aufweisen, da in ihrer phraseologischen Isolierung einer der Gründe dafür liegt, dass sich die Gesamtbedeutung des Phrasems nicht als Summe der Elementbedeutungen ermitteln lässt (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002a: 429), muss in Anbetracht meiner empirischen Analyse relativiert werden. Phraseme mit Unikalia können auch gänzlich nicht-idiomatisch sein (z. B. unbeschrankter Bahnübergang). In diesen Fällen liegt ein vollkommen durchsichtiges Wort vor, ← 84 | 85 → das deswegen als unikal bezeichnet werden kann, da es seine syntagmatische Verknüpfung mit anderen Wörtern fast vollständig eingebüßt hat. Auch FLEISCHER (1997a: 42f.) macht auf idiomatische Abstufungen der Phraseme mit Unikalia aufmerksam. Hierbei verweist er auf solche Komponenten wie Fug (mit Fug und Recht) oder Lauer (auf der Lauer liegen), deren Grundmorpheme auch Bestandteile von Wortbildungskonstruktionen außerhalb von Phrasemen sind (Un-fug, be-fug-t und be-lauer-n), sowie auf Wörter wie Kerbholz (etw. auf dem Kerbholz haben) oder Fersengeld (Fersengeld geben), die aus kulturgeschichtlichen oder anderen Sachkenntnissen heraus motiviert werden können.

Bezüglich ihrer Wortart lassen sich Unikalia nach FLEISCHER (1989: 121–123) in Substantive (z. B. jmdn. (bis) zur Weißglut bringen/reizen/treiben), Adjektive/Adverbien (z. B. jmdn. mundtot machen) und Verben (z. B. an jmdm. ein Exempel statuieren) unterscheiden, wobei Substantive die Mehrheit der deutschen Unikalia stellen. Eine weitere Wortart wird in der bisherigen Forschung nicht berücksichtigt: Betrachtet man Wortverbindungen wie sowohl […] als auch […] oder entweder […] oder […] als formelhaft im Sinne von strukturellen Phrasemen, existieren auch phraseologisch gebundene Konjunktionen.

4.2  Diachrone Entwicklung: Entstehungsprozesse von Unikalia

PIIRAINEN (1996) beschreibt den Unikalisierungsprozess u. a. als einen Übergang von einem peripheren zu einem phraseologisch gebundenen Wort. Zur Veranschaulichung führt sie das Phrasem auf Schusters Rappen an und stellt fest: „[S]elbst wenn man über ein erlerntes Wissen verfügt, daß Rappe ‚schwarzes Pferd‘ bedeutet, ruft das Idiom keine Assoziationen zu einem Pferd hervor“ (PIIRAINEN 1996: 324). Als verwandtes Beispiel verweist sie auf das Phrasem auf dem hohen Ross sitzen, für das ein ähnlicher Prozess der Unikalisierung denkbar sei. Eine weitere Form der Unikalisierung sieht PIIRAINEN (1996: 325) im Phänomen der Diminutiva. Den Wörtern Zünglein, Kämmerlein und Stündlein sagt sie eine analoge Entwicklung voraus wie den bereits phraseologisch gebundenen Hintertürchen, Oberstübchen und Mütchen. Auch die empirische Auswertung der vorliegenden Arbeit bestätigt die Vermutung, dass Diminutive innerhalb von Phrasemen zur Unikalität tendieren. So bringt die Korpusanalyse eine ganze Reihe an (mehr oder weniger) stark phraseologisch gebundenen Diminutiven hervor (z. B. aus dem Nähkästchen plaudern, sich ins Fäustchen lachen, Däumchen drehen/drücken und wie am Schnürchen laufen/gehen/klappen). Diese Beispiele verdeutlichen, dass Unikalisierung nicht nur ein Phänomen veralteter, ← 85 | 86 → nicht mehr gebräuchlicher Wörter aus älteren Sprachverhältnissen darstellt, sondern sie sich auch auf synchroner Ebene vollziehen kann.84

Nach FLEISCHER (1989) lassen sich darüber hinaus mehrere Abstufungen des Unikalisierungsprozesses unterscheiden:

1)  Laut ihm ist eine Zwischenstufe dieses Prozesses erreicht, sobald eine lexikalische Einheit im autonomen Gebrauch im Lexikon als „veraltend“ oder „veraltet“ markiert wird (vgl. FLEISCHER 1989: 118). Die Markierung „gehoben“ kann dabei auf einen solchen Unikalisierungsprozess hinweisen. Unikalia können somit infolge von im Sprachgebrauch veralteten Lexemen entstehen, insofern diese Bestandteile von festen Wortverbindungen sind. Der Archaismuscharakter von Wörtern führt zu ihrer phraseologischen Gebundenheit.

2)  Über Zwischenstufen verläuft laut FLEISCHER (1989: 119) auch die Integration regionaldialektal begrenzter Ausdrücke in den Allgemeinwortschatz als phraseologisch gebundene Komponente. Als Beispiel führt er das Wort Hucke an, das in den Lexika als „landschaftlich“ oder „salopp“ markiert ist. Den Phrasemen jmdm./sich die Hucke vollhauen sowie sich die Hucke vollsaufen fehlt jedoch die territoriale Markierung; sie sind als „umgangssprachlich“ gekennzeichnet.85

3)  Analog zur Integration regionaldialektal begrenzter Ausdrücke in den Allgemeinwortschatz verhält es sich auch mit Lehnwörtern (vgl. FLEISCHER 1989: 119). Als Beispiele können hier etw. ad acta legen oder auch etw. in petto haben angeführt werden.

4)  Die Integrationsvorgänge, wie sie in (2) und (3) beschrieben werden, lassen sich auch auf Ausdrücke fachsprachlichen Charakters übertragen. Die Integration fachspezifischer Termini stellt sich jedoch als problematischer dar als die beiden genannten Prozesse. Die entscheidende Frage ist, ob es sich bei bestimmten Wörtern (noch) um Fachtermini handelt oder nicht. Ist eine fachbezogene Komponente (z. B. einen Drehwurm haben/bekommen) dem Allgemeinwortschatz völlig fremd, kann diese laut FLEISCHER (1997a: 41) als „phraseologisch gebunden“ bezeichnet werden. Die Frage, ob eine bestimmte Komponente Eingang in den Allgemeinwortschatz gefunden hat, ist jedoch nicht ohne Weiteres eindeutig zu beantworten und kann nur mithilfe ← 86 | 87 → umfangreicher Korpusauswertungen oder durch Probandenbefragungen, wie sie beispielsweise DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) durchführen, gelöst werden.

Vonseiten der linguistischen Forschung ist insbesondere die sogenannte „Usus-Ambivalenz“ (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 451) von Unikalia interessant. Auch wenn Unikalia häufig Relikte älterer Sprachverhältnisse darstellen (Archaismen, Historismen), sind die Phraseme, in denen sie auftreten, nicht zwangsläufig veraltet (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a: 65). Die Auffassung von der Archaizität der Phraseme mit Unikalia kommt durch die Verwechslung von zwei Ebenen zustande: erstens die Ebene des gebundenen Formativs an sich und zweitens die Ebene des gesamten Phrasems, in dem dieses auftritt. So sind die lexikalischen Archaismen Fug, Hehl und Trübsal sowie die Historismen Fettnäpfchen, Kerbholz und Pranger Bestandteile von häufig gebrauchten Phrasemen (vgl. PIIRAINEN 1995: 849).

Eine einseitige Betrachtung von Unikalia als veraltete Überreste aus vergangenen Sprachverhältnissen hat den Blick auf dieses Phänomen bisher verengt. Denn im Gegensatz zu Archaismen und Historismen existieren auch okkasionelle unikale Komponenten (vgl. FORGÁCS 2004a: 120). Diese Tatsache stellt ihren angeblichen „Nekrotismus“-Charakter (siehe AMOSOVA 1963) infrage. Auch die nicht selten anzutreffende Modifikation von unikalen Komponenten spricht gegen den ihnen anhaftenden archaischen Status. In folgendem Textbeleg wird beispielsweise Spalier durch die Hinzufügung von Meisterschafts- modifiziert:

Auch mithilfe eines empirischen Blickwinkels wird ersichtlich, dass phraseologische Gebundenheit bei weitem keine Eigenschaft ist, die sich auf veraltete Lexeme beschränkt. Wörter können auch deshalb (mehr oder weniger) phraseologisch gebunden sein, weil ihre kontextuell-syntagmatischen Entfaltungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind, sie also nur mit bestimmten Wörtern in bestimmten formelhaften Zusammensetzungen auftreten.87 So kommen manche Wörter fast ausschließlich mit einer Präposition (z. B. am/an den Stadtrand, im engsten Familienkreis, aus Platzgründen) oder als Kollokationen mit bestimmten Verben vor ← 87 | 88 → (z. B. (über etw.) Aufschluss geben/gewinnen/erhoffen/liefern/bringen). Die Beispiele zeigen, dass es sich bei diesen höchstens um vorgeprägte, usuell verfestigte Wortverbindungen im Sinne STEYERS (2013) handelt und keinesfalls um idiomatische Phraseme im traditionellen Sinne. Das Merkmal der Unikalität ist also nicht auf vollkommen semantisch „irreguläre“ Wendungen beschränkt, sondern kann auch in (mehr oder weniger) „regulären“, nicht-idiomatischen Verbindungen auftreten. Ein zu eng gefasster Unikalitätsbegriff ist daher nicht dienlich; er stand der bisherigen Forschung mehr im Weg, als dass er ihr nützlich gewesen ist.

4.3  Bisherige Kategorisierungsmodelle und ihre grundlegende Problematik

4.3.1  Kategorisierungsmodelle von Dobrovol’skij, FEYAERTS und DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN

Die folgenden Kategorisierungsmodelle sollen das bisherige Vorgehen der Forschung aufzeigen, das vor allem durch eine statische und dichotomische Auffassung phraseologischer Gebundenheit gekennzeichnet ist. Zunächst wird der Ansatz von DOBROVOLSKIJ (1978, 1979, 1989b) vorgestellt, der Unikalia nach genetischen, etymologischen und strukturtypologischen Aspekten unterteilt. Im Gegensatz dazu geht FEYAERTS (1994) von einer systematischen Beschreibung der phraseologischen Semantik aus und charakterisiert diese Erscheinungen aus lexikalisch-semantischer Perspektive. Im Zentrum der Analyse von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) steht der Versuch einer Trennung in „veraltete“ und „lebendige“ Unikalia-Idiome.

Die formal oder semantisch an ein Phrasem gebundenen Wörter werden von DOBROVOLSKIJ (1978) zunächst in zwei Gruppen unterschieden:

1)  Phraseme mit phraseologisch gebundenen Formativen: DOBROVOLSKIJ (1978: 27) definiert diese Wörter als „Konstituente[n] […], deren Lautkörper heute nur im Konstituentenbestand der Phraseologismen anzutreffen ist.“ D. h. sie besitzen synchron gesehen keine gleichlautenden korrespondierenden freien „Ausdrucksseiten“ (z. B. jmdm. den Garaus machen).

2)  Phraseme mit phraseologisch gebundenen Bedeutungen: Der Begriff der „phraseologisch gebundenen Bedeutung“ wird bereits von SCHMIDT (1966: 69) als ein besonderes Phänomen der Phraseologie definiert. Wörter mit phraseologisch gebundener Bedeutung existieren zwar im freien Sprachgebrauch, weisen innerhalb des Phrasems aber eine „unikale“, an die feste Wortverbindung gebundene Bedeutung auf (vgl. DOBROVOLSKIJ 1982: 52). Ihre wendungsinterne Bedeutung weicht von ihrer wendungsexternen ab (z. B. Schwein haben ‚Glück haben‘). ← 88 | 89 →

In der vorliegenden Arbeit stehen aufgrund der enorm schwierigen Abgrenzung der phraseologisch gebundenen Bedeutungen von freien Wörtern, die sich vor allem daraus ergibt, dass die Kriterien für die Selektion gebundener Homonyme recht subjektiv und unzuverlässig sind (vgl. DOBROVOLSKIJ 1988: 101), phraseologisch gebundene Formative (Unikalia) im Mittelpunkt der Betrachtungen. Es werden nur solche Wörter als phraseologisch gebunden angesehen, die ausdrucksseitig unikal sind.

Nach DOBROVOLSKIJ (1989b) können Unikalia anhand dreier selbstständiger Klassifikationskriterien beschrieben werden:

1)  Der sogenannten genetischen Klassifikation liegt die Auffassung zugrunde, dass Unikalia-Idiome aus freien Wortgruppen entstehen, wodurch ihre phraseologisch gebundenen Komponenten diachron auf freie Lexeme zurückführbar sind (vgl. DOBROVOLSKIJ 1979: 42). Ziel dieser Klassifikation ist die Analyse der sprachlichen Mechanismen, deren Einfluss zur formalen Isolation der Wörter geführt hat (vgl. DOBROVOLSKIJ 1989b: 58). Auf Grundlage der genetischen Untersuchung erkennt die Forschung die phraseologischen Konstituenten als ehemalige eigenständige Lexeme an, weshalb ihr Wortcharakter auch auf synchroner Ebene hervorgehoben werden muss.88

2)  In der etymologischen Klassifikation steht die äußere Dynamik der Phraseologisierungsprozesse im Mittelpunkt. Sie unterscheidet sich von der genetischen Betrachtungsweise insofern, als sie eine Quellenforschung erfordert und somit von einem außersprachlichen, kulturhistorischen Charakter geprägt ist (vgl. DOBROVOLSKIJ 1989b: 61). Es ist jedoch hervorzuheben, dass aufgrund systeminterner und außersprachlicher Faktoren beide – genetische und etymologische – Kategorisierungen eng miteinander verknüpft sind und sich teilweise in wechselseitiger Abhängigkeit befinden (vgl. DOBROVOLSKIJ 1989b: 62).

3)   Die strukturtypologische Klassifikation beschäftigt sich mit dem determinierenden bzw. determinierten Charakter der Konstituenten. Die determinierende Konstituente eines Phrasems wird als Grundkonstituente bezeichnet und ist mit der unikalen Komponente identisch (vgl. ← 89 | 90 → DOBROVOLSKIJ 1978: 29). Aus strukturell-morphologischer Sicht lassen sich nach DOBROVOLSKIJ (1989b: 68–75) vier Klassen unterscheiden: Grundmorpheme (z. B. mit Fug und Recht), Wortbildungskonstruktionen (z. B. von Kindesbeinen an), Wortformanomalien (z. B. auf großem Fuße leben) und sich wechselseitig determinierende Konstituenten (z. B. Zeter und Mordio schreien).89

FEYAERTS (1994: 136) kritisiert die bisherigen semantischen Beschreibungen von Unikalia als zu allgemein und unnuanciert. Seine Kategorisierung verfolgt das Ziel, die komplexe Semantik unikaler Komponenten unter Einbeziehung ihrer wesentlichen lexikalisch-semantischen Eigenschaften zu typologisieren. Als Klassifikationsbasis macht sich FEYAERTS (1994: 137–145) das prismatische Bedeutungsmodell nach GEERAERTS/BAKEMA (1993) zunutze. Dieses bringt den Vorteil mit sich, dass neben der Idiomatizität auch noch weitere semantische Eigenschaften wie z. B. Motiviertheit und Isomorphie mitberücksichtigt werden (vgl. FEYAERTS 1994: 137).90 FEYAERTS (1994: 148–159) führt schließlich Eigenschaften an, die als Dimensionen für die Einteilung von (niederländischen) Unikalia fungieren, die sich aber größtenteils mit der strukturtypologischen Klassifizierung von DOBROVOLSKIJ (1978) decken: ausschließliches Vorkommen der Form in festen Verbindungen, Fehlen einer wendungsexternen Bedeutung, phraseologisch gebundene Simplizia, phraseologisch gebundene Wortbildungskonstruktionen, formal-semantische Verwandtschaft mit freien Lexemen, Wortformanomalien, Unikalia mit wechselseitiger Determination.

FEYAERTS (1994: 155) veranschaulicht seine Klassifizierung mithilfe einer Grafik und niederländischen Beispielen. Die grafische Darstellung verdeutlicht, dass die sieben angeführten Merkmale keineswegs als statisch aufzufassen sind, sondern durchaus Überschneidungen zwischen einzelnen Merkmalen bestehen. Dieser dynamische Ansatz wird demnach der (semantischen) Heterogenität unikaler Komponenten gerecht, da er graduelle Übergänge aufdeckt. FEYAERTS ← 90 | 91 → (1994: 159f.) schlussfolgert daher, dass es sich bei Unikalia in Bezug auf ihre Semantik um eine prototypische Kategorie handelt. Der Überlegung, wie der Prototyp aussehen könnte, geht er jedoch nicht weiter nach (vgl. FEYAERTS 1994: 160).

DOBROVOLSKIJ/PIIRAINENS (1994a, 1994b) Ziel ist die Erstellung einer Liste mit „lebendigen“ Unikalia-Idiomen. Sie führen hierfür Informantenbefragungen durch. Verschiedenen Gewährspersonen wird eine Ausgangsliste mit Unikalia-Idiomen vorgelegt. Die Teilnehmergruppe gliedert sich nach Alter in drei Gruppen: (a) die Gruppe der 60–80jährigen, (b) die der 30–50jährigen sowie (c) Schüler im Alter von 13–19 Jahren. Aufgrund des Altersunterschieds der Gruppen kommen DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 69) zu dem Ergebnis, dass „viele Idiome, die der ältesten Gruppe geläufig erschienen, den Jugendlichen nicht einmal vom Hören bekannt [waren].“ Beispielsweise kannte niemand der mittleren und jüngeren Generation das Phrasem seinen Kotau machen. Das Ergebnis der Untersuchung von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) besteht somit in der Erkenntnis, dass sich Unikalia-Idiome in „lebendige“, d. h. gebräuchliche, und in „veraltete“ unterteilen lassen, was analog auch für viele andere Phraseme gilt, die keine unikalen Elemente aufweisen. Es handelt sich hierbei also keineswegs um ein spezifisches Merkmal von Wendungen mit Unikalia.

Auf drei Kritikpunkte, die speziell das (methodische) Vorgehen von DOBROVOLSKIJ/PIRRAINEN (1994a, 1994b) betreffen, muss an dieser Stelle noch hingewiesen werden:

    Das elementare Problem der Informantenbefragung besteht darin, dass DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) ihre Kriterien zur Klassifikation eines Idioms als „lebendig“ oder „veraltet“ nicht transparent machen.91 Statistische Informationen, die zur Aufklärung dieser Frage beitragen könnten wie beispielsweise die Anzahl der Versuchspersonen, werden nicht angegeben. Demnach sind auch keine Hinweise darüber zu finden, wie viele Personen ein Phrasem kennen müssen, damit dieses als „lebendig“ klassifiziert werden kann.

    DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 75) führen ergänzend eine Textstichprobe durch und kommen zu dem Ergebnis, dass sowohl „lebendige“ als auch „veraltete“ Unikalia-Idiome in Texten realisiert werden. Ihrer Ansicht nach zeugt dies davon, dass mentale Präsenz und Frequenz nicht identisch ← 91 | 92 → sind und dass bestimmte Texte unter Verwendung von Sprachmaterial konstruiert werden, das dem durchschnittlichen Sprachbenutzer nicht unbedingt bekannt ist (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a: 75f.). Dies darf jedoch nicht so einfach pauschalisiert werden. Die von mir durchgeführte Korpusanalyse von Unikalia zeigt – im Gegensatz zu den kleinen Stichproben, die DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 75) vornehmen –, dass die Frequenz vieler „veralteter“ Unikalia-Idiome (z. B. aus Jux und Tollerei) nicht gerade gering ist. Demgegenüber sind bestimmte Unikalia-Idiome, die von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 71f.) als „lebendig“ gekennzeichnet werden (z. B. sich mausig machen), kaum belegt.

    Im Grunde ist die Unterscheidung in „lebendige“ und „veraltete“ Unikalia-Idiome genauso wenig haltbar wie die Klassifizierung in „phraseologisch gebundene“ und „nicht phraseologisch gebundene“ Konstituenten. Denn die Informantenbefragung von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) testiert neben den „lebendigen“ und „veralteten“ Unikalia-Idiomen auch eine große Gruppe, die dem Grenzbereich dieser beiden Kategorien zuzuordnen ist, die also weder eindeutig als „lebendig“ noch eindeutig als „veraltet“ klassifiziert werden kann (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a: 70).

4.3.2  Problematik der bisherigen Definitionen und Kategorisierungsmodelle

Die bisherigen Kategorisierungsansätze sind theoretisch fundiert und beziehen verschiedene Beschreibungsebenen mit ein (strukturell, semantisch, etymologisch etc.), besitzen aber eine eklatante Schwachstelle: Sie erwecken die Vorstellung, man könne problemlos zwischen „phraseologisch gebundenen“ und „nicht phraseologisch gebundenen“ Elementen unterscheiden und infolge dessen eine geschlossene und repräsentative Liste an phraseologisch gebundenen Komponenten aufstellen. So liegt DOBROVOLSKIJS (1978) Untersuchung zwar eine Liste mit Unikalia zugrunde, deren Anfertigung geht allerdings auf sein eigenes Sprachgefühl zurück. Auch die Vorgehensweise von FEYAERTS (1994) erscheint angesichts der Tatsache problematisch, dass seine lexikalisch-semantische Kategorisierung ausschließlich auf theoretischen Überlegungen basiert, die lediglich durch einige Beispiele gestützt werden.92 Und auch die Studie von ← 92 | 93 → DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) basiert wie schon die Arbeit von DOBROVOLSKIJ (1978) auf einer introspektiv erstellten Sammlung.

Anhand der drei Klassifikationsmodelle wird die vorherrschende Sichtweise der Forschung deutlich, man habe es mit einer dichotomischen Kategorie zu tun: Entweder eine Komponente ist phraseologisch gebunden oder sie ist es nicht. Demgegenüber fällt dem aufmerksamen Beobachter auf, dass bestimmte in der Forschung als unikal aufgefasste Wörter auch in außerphraseologischen Kontexten auftreten (können). So auch die folgenden drei Beispiele, die dem DEREKO entnommen sind:

     (2)    Ungeschriebene Bekleidungsregeln sind ein häufiges Fettnäpfchen für Berufseinsteiger. (Braunschweiger Zeitung, 28.08.2010)

     (3)    Man kann ja über alles nachdenken und planen, bloß sollten Luftschlösser ausgeschlossen bleiben. (Niederösterreichische Nachrichten, 15.03.2012)

     (4)    Der „glücklichste Formulierer“ […] ist der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber noch nie gewesen. […] Nun schien wieder so ein Tag eines Stoiber’schen Bärendienstes zu sein. (Rhein-Zeitung, 11.08.2005)

Der entscheidende Punkt in Bezug auf solche Belege ist die augenfällige Tatsache, dass diese der starren, dichotomischen Unikalia-Definition widersprechen: Sie zeigen von der Forschung als unikal klassifizierte Komponenten in freier Verwendung. Die Beobachtung, dass das eine oder andere unikale Wort auch frei vorkommen kann, ist innerhalb der Unikalia-Forschung nichts vollkommen Neues. So stellt HÄCKI BUHOFER (2002b: 154) fest, dass „[j]edes einigermassen aktuell motivierbare Lexem aus Phraseologismen mit so genannten unikalen Komponenten […] jederzeit als Einzellexem verwendet werden [kann].“ Deshalb kommt sie zu dem Schluss, dass

Die problematische Ausgangssituation sieht demnach wie folgt aus: Auf der einen Seite stehen die in der bisherigen Phraseologieforschung vorherrschende dichotomische Definition und die daraus resultierenden Klassifikationsversuche (entweder eine Komponente ist phraseologisch gebunden oder sie ist es nicht). Auf der anderen Seite widersprechen dieser Auffassung jedoch sowohl die angeführten außerphraseologischen Belege als auch die Anmerkungen von Phraseologieforschern, die die außerphraseologische Verwendung grundsätzlich nicht für unmöglich halten. Es stellt sich also die Frage, wie mit einer solchen Ausgangslage umzugehen ist bzw. wie dieser Widerspruch aufgelöst werden kann. ← 93 | 94 → Als Möglichkeit kommt hierbei meines Erachtens nur ein empirisches Vorgehen infrage. Nur mithilfe der Empirie kann der bisherigen weitgehend rein introspektiven und theoretischen Unikalia-Forschung entgegengewirkt werden.

4.4  Korpusauswertung

4.4.1  Vorgehensweise

Für die empirische Überprüfung bzw. die Widerlegung der dichotomischen Trennung in Unikalia und freie Lexeme bietet sich die Methode der Korpusanalyse an. Denn nur durch ein systematisches korpusanalytisches Vorgehen kann der wirkliche Gebrauch (vermeintlich) unikaler Komponenten ermittelt und das Wesen von Unikalität auf einer empirischen Basis beschrieben werden. Auf die korpusbasierte Überprüfungsmöglichkeit macht bereits STEYER (2000: Anmerkung 16) aufmerksam:

Auch eine angenommene unikale Komponente, also die Gebundenheit eines Elements an die jeweilige Wortverbindung bzw. das Nicht-Mehr-Vorkommen außerhalb des Phraseologismus lässt sich durch Korpuserhebung überprüfen.93

Im Mittelpunkt des empirischen Teils steht die Frage, wie stark phraseologisch gebunden die Elemente tatsächlich sind.94 Als Grundlage der Analyse dient das DEREKO, mit dessen Hilfe in Millionen von Texten nach Wörtern gesucht und deren Verwendungsweise – zumindest in der geschriebenen Sprache – festgestellt werden kann.95 Die phraseologische Gebundenheit der Elemente ← 94 | 95 → wird demzufolge nicht mittels Introspektion oder eng gesteckten Befragungen mit ungenügender Reichweite, sondern anhand sprachlicher Massendaten aufgedeckt und beschrieben (vgl. STEYER 2004a: 94). Mithilfe der aus der Korpusanalyse gewonnenen Erkenntnisse kann der Unikalitätsbegriff auf Grundlage empirischer Forschung skizziert werden.

Für die korpusbasierte Auswertung der phraseologischen Gebundenheit ist es erforderlich, eine möglichst große Anzahl an Phrasemen zugrunde zu legen. Während in STUMPF (2014) die von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) aufgestellte Liste der „lebendigen“ Unikalia-Idiome als Basis dient, wird im Zuge der vorliegenden Arbeit eine weitaus größere Liste mit sogenannten „Unikalia-Kandidaten“ erstellt. In der Liste sind alle in der bisherigen Unikalia-Forschung angeführten Beispiele enthalten. Die Beispiele der Forschung werden mittels einer Wörterbuchdurchsicht durch weitere Phraseme ergänzt. Als Grundlage dienen hierfür die phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008), QUASTHOFF (2010) und SCHEMANN (2011). Das Ergebnis dieses Arbeitsschritts ist eine Liste mit Phrasemen, in denen Wörter realisiert sind, die den Verdacht auf Unikalität erwecken. Insgesamt können auf diese Weise 1.909 Komponenten gesammelt werden, die mehr oder weniger phraseologisch gebunden sind.

Im Rahmen der Korpusanalyse kann nicht die komplette Liste ausgewertet werden. Zum einen treten nicht alle Wendungen in ausreichender Quantität im DEREKO auf und zum anderen ergeben sich Schwierigkeiten, die durch die Semantik einiger Unikalia bedingt sind. Hierunter fallen in erster Linie Unikalia, die auch als Eigennamen auftreten und somit rein quantitativ nicht differenziert betrachtet werden können (z. B. auf der Lauer liegen // sich auf die Lauer legen) (vgl. STEYER 2002: 222).96 Letztendlich können von den 1.909 Unikalia-Kandidaten 1.318 analysiert werden. Die quantitative Analyse gliedert sich dabei in drei Schritte: ← 95 | 96 →

1)  Ermittlung der absoluten Quantität der Unikalia: Der erste Analyseschritt besteht in der Aufdeckung der absoluten Quantität der einzelnen Wörter (z. B. die Suche nach Gängelband). Das Suchergebnis offenbart das absolute Vorkommen der Konstituente: Gängelband ist zum Zeitpunkt der Suchabfrage insgesamt 848mal im DEREKO realisiert. Innerhalb dieser Treffermenge sind logischerweise sowohl alle phraseologisch gebundenen als auch alle freien Realisierungen enthalten.

2)  Ermittlung der außerphraseologischen Verwendung der Unikalia: Dem zweiten Analyseschritt liegt die Frage zugrunde, in wie vielen Fällen der absoluten Trefferzahl die unikale Komponente in einem außerphraseologischen Kontext, d. h. in freier Verwendung realisiert ist. Um den freien Gebrauch transparent zu machen, werden mittels differenzierter Suchanfragen diejenigen Fälle aus der Suche ausgeschlossen, in denen das Wort in phraseologischen Verbindungen realisiert ist. Für die Ermittlung der Nennform eines Unikalia-Idioms werden Kookkurrenzanalysen durchgeführt, die Wörter sichtbar machen, die auffällig häufig mit dem Suchwort realisiert sind und somit Varianten ein und desselben Phrasems sind (z. B. jmdn. am Gängelband führen/haben/halten // jmdn. vom Gängelband befreien/lösen). Phraseologische Wörterbücher erweisen sich hierbei als zu unzuverlässig, da diese in den seltensten Fällen das gesamte Variationsspektrum abdecken.97 Die Komponente Gängelband ist bezüglich der Suchanfrage ein relativ unproblematisches Beispiel, da die Variationen und Modifikationen des Idioms (relativ) überschaubar sind. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen eine überaus komplexe, alle Varianten und Modifikationen berücksichtigende Suchanfrage gestellt werden muss.98 Die durch den zweiten Analyseschritt erzielte Trefferzahl zeigt das untersuchte Wort in außerphraseologischen Textrealisierungen. Gängelband tritt 91mal nicht in der Wortverbindung jmdn. am Gängelband führen/haben/halten // jmdn. vom Gängelband befreien/lösen auf. Durch die „Gesamt-Volltext“-Anzeige können diese freien Realisierungen eingesehen werden, z. B.: ← 96 | 97 →

     (5)    Dabei wären viele Firmen in Mittelfranken bereit, Behinderte ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen, „wenn das Gängelband der Politik nicht wäre“. Es sei schließlich „gesellschaftliche Pflicht, etwas für die Menschen zu tun, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.“ (Nürnberger Nachrichten, 01.05.2003)

3)  Berechnung der phraseologischen Gebundenheit: In einem dritten und letzten Schritt werden die freien Verwendungen mit den phraseologischen in ein prozentuales Verhältnis gesetzt. Das Wort Gängelband ist 848mal zu finden (= 100%). Von diesen 848 Realisierungen wird es 91mal in einem außerphraseologischen Kontext verwendet (= circa 11%). Es kann demnach konstatiert werden, dass das Wort Gängelband (nur) in circa 89% der Belege in einer phraseologischen Wortverbindung auftritt. 99

4.4.2  Ergebnis: Unikalia als prototypische Kategorie

Die Korpusanalyse verdeutlicht, dass die Unikalia-Kandidaten bezüglich ihrer phraseologischen Gebundenheit sehr heterogen sind. So lassen sich die Komponenten nach dem Grad ihrer phraseologischen Gebundenheit hierarchisch auflisten (siehe Anhang 1). Neben Wörtern, die ausschließlich in einem formelhaften Kontext realisiert sind (z. B. Schnippchen in jmdm. ein Schnippchen schlagen), fördert die Korpusanalyse auch solche Wörter zutage, die nur in geringem Maße gebunden sind (z. B. Gardinenpredigt in jmdm. eine Gardinenpredigt halten). Das eigentlich Interessante zeigt sich jedoch darin, dass zahlreiche Wörter im Zwischenbereich dieser beiden Extrempunkte anzusiedeln sind (z. B. Schokoladenseite und Armutszeugnis). Korpusanalytisch lässt sich also eine graduelle ← 97 | 98 → Verteilung von stark phraseologisch bis hin zu kaum phraseologisch gebundenen Konstituenten feststellen. Das empirische Vorgehen widerlegt die in den bisherigen Unikalia-Definitionen vorherrschende Dichotomie: Eine Komponente ist nicht „entweder – oder“, sondern „mehr oder weniger“ phraseologisch gebunden. Die dichotomische Trennung in Unikalia und freie Lexeme muss daher relativiert werden und an ihre Stelle ein dynamischeres System treten. In Anbetracht der empirischen Ergebnisse drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei Unikalia um eine prototypische Kategorie handelt.

Es bietet sich ein Vergleich an zwischen den korpusanalytischen Ergebnis-sen und den Charakteristika prototypischer Kategorien, wie sie u. a. bei KLEIBER (1993: 33) und MANGASSER-WAHL (1996: 83, 2000: 12–20) zu finden sind. Der Vergleich dient der Überprüfung, welche Merkmale prototypischer Kategorien auf die Unikalia-Kategorie zutreffen und welche nicht:100

1)  Kategorien werden eher selten durch die Verbindung von notwendigen und hinreichenden Kriterien gebildet: Die Unikalia-Kategorie wird nicht durch notwendige und hinreichende Kriterien konstituiert. Denn für ihre Kategorisierung ist per definitionem nur ein Kriterium entscheidend: die phraseologische Gebundenheit. Da dieses Kriterium graduell ist, steht es der statischen Auffassung notwendiger und hinreichender Bedingungen unvereinbar gegenüber.

2)  Merkmale sind nicht immer dichotomisch, sie können auch „mehr“ oder „weniger“ zutreffen: Das Merkmal der phraseologischen Gebundenheit kann aus korpusanalytischer Sicht nicht als statisches Kriterium aufgefasst werden. Es ermöglicht nicht, „phraseologisch gebundene“ Konstituenten von „nicht phraseologisch gebundenen“ zu trennen. So gibt es vielmehr Wörter, die dieses Charakteristikum „mehr“ (z. B. Schusslinie), und andere, die es „weniger“ aufweisen (z. B. Sitzfleisch).

3)  Eine Kategorie besitzt eine prototypische interne Struktur: Durch die Feststellung, dass bestimmte kategoriebildende Merkmale auf die Kategorienvertreter „mehr“ oder „weniger“ zutreffen können, ergibt sich eine graduelle, aber auch hierarchische Struktur (vgl. MANGASSER-WAHL 1997: 364–366). Im Sinne des Modells existieren somit „typischere“ (= stärker phraseologisch gebundene) und „weniger typische“ (= schwächer phraseologisch gebundene) Vertreter der Unikalia-Kategorie. Das Zentrum bildet der Prototyp als „bestes“ Exemplar der gesamten Kategorie (vgl. LEWANDOWSKA-TOMASZCZYK ← 98 | 99 → 2007: 145). Prototypische Unikalia stellen Komponenten dar, die ausschließlich in phraseologischer Verwendung realisiert sind (z. B. Umschweife).

4)  Der Repräsentativitätsgrad eines Elements entspricht dem Grad seiner Zugehörigkeit zur Kategorie: Je näher die einzelnen Elemente am Prototyp angesiedelt sind, umso höher ist ihr Zugehörigkeitsgrad zur Kategorie (vgl. KLEIBER 1993: 106). So ist Bedrängnis mit 93%-iger phraseologischer Gebundenheit beispielsweise repräsentativer für die Unikalia-Kategorie als Krokodilsträne(n), das (nur) in circa 40% der Belege innerhalb einer festen Wortverbindung auftritt.

5)  Die Vertreter einer Kategorie verfügen nicht über Eigenschaften, die allen Vertretern gemeinsam sind, sondern werden durch eine „Familienähnlichkeit“ zusammengehalten: Die Unikalia-Kategorie wird nicht durch eine „Familienähnlichkeit“ zusammengehalten. Da das entscheidende Merkmal dieser Klasse per definitionem ihre phraseologische Gebundenheit ist, existiert ein einziges Merkmal, das kategorienbildend wirkt. Alle Mitglieder der Kategorie müssen – entweder mehr oder weniger stark ausgeprägt – das Merkmal der phraseologischen Gebundenheit besitzen.

6)  Die Grenzen zwischen einzelnen (prototypischen) Kategorien sind unscharf: Die Unschärfe gegenüber anderen, angrenzenden Kategorien ist eines der wichtigsten Merkmale einer prototypischen Kategorie (vgl. BÄRENFÄNGER 2002: 11). Auch bei der Unikalia-Kategorie kann keine feste Grenze gezogen werden, ab wann ein Wort „phraseologisch gebunden“ und somit als unikal zu klassifizieren ist. Lediglich die beiden Extrempunkte können (empirisch) exakt bestimmt werden: zum einen, dass beispielsweise 96–100% phraseologisch gebundene Konstituenten (z. B. Stegreif und Vorschein) definitiv der Kategorie angehören, und zum anderen, dass Lexeme wie Tisch, Stuhl und spielen definitiv nicht dieser Kategorie zuzuordnen sind. Nicht überwindbare Kategorisierungsprobleme entstehen jedoch zwangsläufig bei Wörtern, die zwischen diesen beiden (Extrem-)Polen anzusiedeln sind und bei denen nicht eindeutig gesagt werden kann, ob sie „phraseologisch gebundene“ oder „nicht phraseologisch gebundene“ Elemente unseres Sprachsystems sind (z. B. Daumenschraube(n) und Schweinsgalopp). Aus prototypischer Sicht stellen solche Konstituenten dagegen keine Problemfälle dar, sondern sind feste Bestandteile der prototypischen Struktur der Kategorie selbst. ← 99 | 100 →

Die Unikalia-Kategorie lässt sich mithilfe eines Zentrum-Peripherie-Modells visualisieren (siehe Übersicht 4–1).101 Hoch phraseologisch gebundene Wörter (z. B. Kieker) stellen prototypische Vertreter der Unikalia-Kategorie dar und sind somit zentraler anzusiedeln als Wörter, die eine geringere Ausprägung an Unikalität besitzen (z. B. Zwickmühle, Denkzettel und Irrweg). Außerhalb der peripheren Grenzen befinden sich Lexeme, die nicht an einen formelhaften Kontext gebunden sind (z. B. Garage).

Übersicht 4-1:  Zentrum-Peripherie-Modell der Unikalia

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4.5  Überlegungen zur freien Verwendung von Unikalia

4.5.1  Vorbemerkungen: Autonomisierung von Unikalia

Zweifelsohne existieren Unikalia, die innerhalb einer bestimmten Fachsprache als freie Lexeme verwendet werden (z. B. Grundeis, Abstellgleis und Abschussliste), was eine Art der außerphraseologischen Verwendung darstellt. Darüber hinaus gibt es Unikalia, die den von FLEISCHER (1989) charakterisierten Unikalisierungsprozess noch nicht komplett abgeschlossen haben und somit auch (noch) frei gebraucht werden (können). Diese beiden Arten der außerphraseologischen Verwendung stehen im folgenden Kapitel nicht primär im Mittelpunkt. Vielmehr werden unikale Komponenten fokussiert, deren freie Verwendung darauf ← 100 | 101 → zurückzuführen ist, dass diese aus ihrem Ausgangsphrasem herausgelöst werden. So steht in folgendem Textauszug die unikale Komponente Werbetrommel außerhalb des Phrasems die Werbetrommel rühren/schwingen/schlagen:

     (6)    Mit großer Werbetrommel haben gestern Staatsminister Erwin Vetter und die beteiligten Rundfunksender das baden-württembergische DAB-Pilotprojekt eröffnet. (Mannheimer Morgen, 26.08.1995)

Die nachfolgenden Überlegungen fußen darauf, dass zwischen dem lexikalischen und phraseologischen Bestand einer Sprache ein ständiger wechselseitiger Austausch von freien Wortgruppen zu Phrasemen und in entgegengesetzter Richtung von Phrasemen zu Wörtern abläuft (vgl. FÖLDES 1988: 68). Bereits HÄUSERMANN (1977: 83) stellt fest, dass in der Sprache Tendenzen zur Auflösung von Phrasemen zu beobachten sind. Dem Prozess der Phraseologisierung, der die Bildung freier Wortverbindungen zu Phrasemen beschreibt, steht somit das Phänomen der Isolierung von Konstituenten aus festen Wortverbindungen, d. h. deren Autonomisierung gegenüber (vgl. HÄCKI BUHOFER 1999: 70).

Zunächst richtet sich der Blick auf die sogenannte semantische Teilbarkeit, die als entscheidender Faktor für den freien Gebrauch unikaler Komponenten angesehen werden kann. Im Anschluss wird gezeigt, dass frei verwendbare Unikalia zur Wortschatzerweiterung beitragen können. In einem letzten Punkt wird aus kognitiver Sicht der Frage nachgegangen, wie frei verwendbare Unikalia in unserem mentalen Lexikon abgespeichert sind.

4.5.2  Semantische Teilbarkeit als entscheidender Faktor für die freie Verwendung102

Angesichts der relativen Gebundenheit unikaler Komponenten drängt sich folgende Frage auf: Wie kommt es zur freien Verwendung von Unikalia? Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die semantische Teilbarkeit der Idiome, in denen unikale Komponenten realisiert sind. Ausgangspunkt der Theorie der semantischen Teilbarkeit ist das Kompositionalitätsprinzip (siehe FREGE 1923),103 nach dem die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks durch die Bedeutungen seiner Teile und die ← 101 | 102 → Art der Zusammensetzung bestimmt ist (vgl. RABANUS u. a. 2008: 28). Bei phraseologischen Wortverbindungen hängt die semantische Teilbarkeit mit der Parallelität in der Gliederung der lexikalischen und semantischen Struktur eines Idioms und demzufolge mit dem semantischen Status einzelner Konstituenten zusammen (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 2009: 46).104 Semantisch teilbar sind also Idiome, deren Konstituenten bzw. Konstituentengruppen als relativ selbstständige bedeutungstragende Einheit agieren wie beispielsweise das Idiom (leeres) Stroh dreschen, in dem der phraseologischen Komponente Stroh die Bedeutung ‚dummes, inhaltsloses Zeug‘ zugeschrieben werden kann (vgl. DOBROVOLSKIJ 1988: 131f.):

(leeres) Stroh

dreschen

‚dummes, inhaltsloses Zeug

reden‘

Die durch die semantische Teilbarkeit hervorgerufene Re-Unikalisierung wird auch innerhalb der Forschung hervorgehoben:

Da die Konstituenten der sekundär motivierten, semantisch teilbaren Phraseologismen eine selbstständige Bedeutung haben, tendieren sie besonders zur Autonomisierung […]. Die semantische Teilbarkeit der Phraseologismen ist demzufolge […] eine Voraussetzung für das Auftreten neuer Sememe bei einem Wort, die einem Phraseologismus entsprungen sind. (FÖLDES/GYÖRKE 1988: 105; ähnlich auch FÖLDES 1988: 71 und PTASHNYK 2005: 92f.)

Dieser bisher lediglich an einzelnen Beispielen illustrierten Vermutung bin ich empirisch nachgegangen. Es wurden 153 Wendungen, die der Liste der „lebendigen“ Unikalia-Idiome von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) entnommen sind, im Hinblick auf ihre semantische Teilbarkeit überprüft. Zentral ist dabei die Frage, in welchem Verhältnis die semantische Teilbarkeit einer unikalen Komponente mit ihrer phraseologischen Gebundenheit steht.105 ← 102 | 103 →

Insgesamt sind 59 (circa 39%) der 153 Unikalia-Idiome semantisch teilbar (z. B. jmdm. eine Standpauke halten). Die Beziehung zwischen der semantischen Teilbarkeit und dem Grad der phraseologischen Gebundenheit der Unikalia-Idiome verdeutlicht Übersicht 4–2:

Übersicht 4-2:  Quantitative Verteilung der semantischen Teilbarkeit unikaler Komponenten

image

Wie anhand des Säulendiagramms erkennbar ist, steht die semantische Teilbarkeit mit der phraseologischen Gebundenheit in einem sichtbaren Verhältnis. Die empirische Untersuchung zeigt, dass der Anteil an semantisch teilbaren Unikalia-Idiomen mit Zunahme des Grades der phraseologischen Gebundenheit bedeutsam abnimmt. Semantisch teilbare Unikalia sind tendenziell weniger stark phraseologisch gebunden, da ihnen eine gewisse Eigenbedeutung zugesprochen werden kann, die es ermöglicht, diese auch außerhalb des Phrasems zu verwenden. Beispielsweise sind 90% aller Unikalia, die nur zwischen 0–29% phraseologisch gebunden sind, semantisch teilbar. Umgekehrt weisen lediglich circa 6% derjenigen Unikalia, die fast nur noch in Phrasemen auftreten (sprich: die in über 96% der Belege phraseologisch gebunden sind), das Merkmal der ← 103 | 104 → semantischen Teilbarkeit auf. Die semantische Teilbarkeit nimmt somit ab, während die phraseologische Gebundenheit ansteigt.

Es kann konstatiert werden, dass die wichtigste Eigenschaft für den Autonomisierungsprozess die semantische Teilbarkeit darstellt. Durch sie lässt sich die phraseologische Bedeutung gewissermaßen auf die einzelnen Konstituenten aufteilen (vgl. BARZ 2007a: 16). Auf diese Weise erlangen die unikalen Komponenten eine morphosyntaktische Selbstständigkeit und entfalten semantischassoziative Potenzen (vgl. FLEISCHER 1997a: 240).106 Die semantische Teilbarkeit führt zur freien Verwendung der Unikalia in einer phraseologisch motivierten Bedeutung (vgl. BARZ 2007b: 33).

4.5.3  Freie Verwendung von Unikalia als Beitrag zur Wortschatzerweiterung

Es stellt sich die Frage, welchen (lexikalischen) Status frei verwendete Unikalia besitzen: In erster Linie geht es hierbei um den Zusammenhang zwischen Phraseologie und Wortbildung,107 der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sich sowohl die in der Wortbildung als auch in der Phraseologie angelegten Bildungsmöglichkeiten als Quelle lexikalisch-semantischer Innovationen erweisen (vgl. STEIN 2012: 230). Phraseme können als Ausgangseinheiten für sekundäre Wörter und Bedeutungen sowie für die entsprechenden Bildungsverfahren/-produkte fungieren (vgl. BARZ 2007a: 8). Im Falle der Unikalia spielt die sogenannte dephraseologische Derivation die wichtigste Rolle für deren Autonomisierung. Unter dephraseologischer Derivation versteht FÖLDES (1988: 69) die Entstehung von Wortbildungskonstruktionen auf der Basis eines Phrasems. Dieser Prozess, der sich bei der Autonomisierung von Unikalia vollzieht, kann als „elliptische Bedeutungsbildung“ bezeichnet werden (vgl. STEIN 2012: 235).

Wie BARZ (2007a: 13) herausstellt, basiert jene phraseologische Bedeutungsbildung auf dem Prinzip des elliptischen Sprachgebrauchs. Diesem Prinzip zufolge können Teile eines komplexen Ausdrucks eingespart werden, sofern die ← 104 | 105 → Kommunikationspartner ausreichend gemeinsames (Vor-)Wissen besitzen (vgl. FRITZ 2006: 51). Die reduzierten Ausdrücke sind daher Inhalte, die im sprachlichen Ausdruck unberücksichtigt sind, aber zu ihm hinzugedacht werden müssen (vgl. VON POLENZ 2008: 302).108 Frei verwendete Unikalia können somit zur Wortschatzerweiterung beitragen, wobei sie die Bedeutung des Phrasems übernehmen, aus dem sie herausgelöst werden (vgl. BARZ 2007a: 7). Auf diese besondere Art der Wortschatzerweiterung macht bereits FÖLDES (1988: 71) aufmerksam, wenn er betont, dass sich das herausgelöste Element formal-syntaktisch verselbstständigt und „die Semantik der gesamten Konstruktion absorbiert.“ Diese „Absorbierung“ der Phrasembedeutung zeigt sich deutlich in folgenden Beispielen:109

1)  Sitzfleisch (phraseologische Gebundenheit circa 35%)

kein

Sitzfleisch

haben

,keine

Ausdauer

haben‘

     Strapazierfähiges Sitzfleisch ist neben guter Kondition wichtig, wenn 35 Mitglieder des RV Wanderlust Beddingen am Montag, 17. Juli, sich auf den Weg zum Bundestreffen in Kiel machen. Vor den Radsportlern liegen 375 Kilometer, die an sechs Tagen auf den Zweirädern bewältigt werden müssen. (Braunschweiger Zeitung, 13.07.2006)

2)  Kohldampf (phraseologische Gebundenheit circa 57%)

Kohldampf

schieben

,Hunger

haben‘

     Mächtiger Kohldampf muß einen jungen Mann in Berlin verleitet haben, den Ausdruck Schnellimbiß zu wörtlich zu nehmen. (Rhein-Zeitung, 28.01.1998)

3)  Daumenschrauben (phraseologische Gebundenheit circa 72%)

die

Daumenschrauben

anziehen

,den

Druck ‚(mehr) Zwang

erhöhen‘ ausüben‘

← 105 | 106 →

Auch Großbritannien und Frankreich, die im UN-Sicherheitsrat wie die USA, Russland und China ein Vetorecht haben, forderten weitere Daumenschrauben für die Führung in Teheran. (Hannoversche Allgemeine, 05.12.2007)

In den angeführten Belegen besitzt Sitzfleisch die Bedeutung ‚Ausdauer/Durchhaltevermögen‘, Kohldampf die Bedeutung ‚(großer) Hunger‘ und Daumenschrauben die Bedeutung ‚Druck/Zwang/Sanktionen‘. Dadurch, dass die Konstituenten aus ihrem phraseologischen Kontext herausgelöst werden, liegt eine freie Verwendung vor, die durch die phraseologische Bedeutung motiviert ist (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 135). Im Falle der Unikalia kann auf diese Weise ein neues Lexem entstehen, da es zuvor außerhalb des Phrasems nicht (mehr) geläufig gewesen ist (vgl. BARZ 2007a: 14).110

Im Falle der elliptischen Bedeutungsbildung auf phraseologischer Grundlage kommt BARZ (2007b: 33) zu dem Ergebnis, diese führe im Vergleich zur wortbildungsbasierten wesentlich seltener zur Lexikonerweiterung, da die meisten freien Verwendungen der Unikalia rein okkasioneller Natur seien.111 Meine Korpusanalyse verdeutlicht jedoch, dass bei frei verwendeten Unikalia nicht mehr nur von okkasionellen Modifikationen die Rede sein kann. Manche Unikalia tragen zur Wortschatzerweiterung bei, da sie den Prozess der Lexikalisierung bereits vollständig durchlaufen haben und dem Sprecher als freie Lexeme mit Eigenbedeutung zur Verfügung stehen. Die entscheidende Frage ist, ab wann eine unikale Komponente, die auch in außerphraseologischen Kontexten verwendet wird, den Status eines eigenständigen Lexems erlangt. Hierfür kann die in der ← 106 | 107 → vorliegenden Arbeit durchgeführte quantitative Analyse des Grades der phraseologischen Gebundenheit eine entscheidende Hilfe sein. Unikalia, die zum einen semantisch teilbar sind und zum anderen in beispielsweise über 50% der Belege in freier Verwendung auftreten, kann meines Erachtens eine gewisse usualisierte Eigenbedeutung und somit ein Lexemstatus nicht abgesprochen werden (z. B. Denkzettel und Krokodilsträne(n)).

Für die Lexikografie bedeutet ein solcher Re-Unikalisierungsprozess selbstverständlich auch die Übernahme der entsprechenden Elemente ins Wörterbuch. Im Online-Duden sind re-unikalisierte Lemmata zu finden wie beispielsweise Schattendasein mit der Semantik ‚Zustand geringer Bedeutung, weitgehender Vergessenheit‘ 112 oder Luftschloss mit der Bedeutung ‚etwas Erwünschtes, was sich jemand in seiner Fantasie ausmalt, was aber nicht zu realisieren ist‘113. Demgegenüber finden sich beispielsweise keine Einträge für die Wörter Bärendienst und Extrawurst, denen man aufgrund ihrer graduellen phraseologischen Gebundenheit sowie ihrer semantischen Teilbarkeit ebenfalls eine gewisse Autonomie attestieren kann. So könnte man Bärendienst mit ‚eine gute Absicht, die jedoch jemand anderem schadet‘ und Extrawurst mit ‚ein Extrawunsch, eine bevorzugte Behandlung‘ paraphrasieren.

4.5.4  Psycholinguistischer Erklärungsansatz für die freie Verwendung von Unikalia

Die freie Verwendung von Unikalia kann auch vor dem Hintergrund psycholinguistischer Befunde erklärt werden. Dabei ist es insbesondere die Sprachverarbeitungsforschung, die auf einen wichtigen Aspekt des Verhältnisses von Phrasemen zu Wort und freiem Syntagma aufmerksam macht: Zwar sind Phraseme ähnlich wie Wörter mental als Einheiten repräsentiert, werden vom Sprecher bzw. vom Hörer aber nicht zwangsläufig als zusammengehörige Einheiten behandelt (vgl. BURGER u. a. 1982: 187), sondern unterliegen durchaus den Mechanismen des Gebrauchs freier Syntagmen (vgl. BARZ 2007a: 9). Einen Anhaltspunkt für die Annahme, dass Phraseme nicht immer als ganze Einheit gespeichert werden, liefern beispielsweise phraseologische Varianten, die psycholinguistisch gesehen Hinweise darauf sind, dass Phraseme als kognitive Einheiten durch Produktionsprozesse zustande kommen (vgl. HÄCKI BUHOFER 1999: 71). Durch die Variabilität wird die syntaktisch-semantische Einheit des Phrasems aufgespalten, wodurch es – zumindest teilweise – als aus selbstständigen Teilen zusammengesetzt und damit strukturiertes Ganzes erscheint (vgl. SABBAN 1998: 108). Auch Unikalia-Phraseme werden im mentalen ← 107 | 108 → Lexikon durchaus als semantisch (relativ) selbstständige Entitäten verarbeitet (vgl. DOBROVOLSKIJ 1995: 24). Der Sprecher speichert diese zwar als Ganzes, ist jedoch bereit, auch ihre einzelnen Konstituenten als selbstständige Wörter mit spezifischer Bedeutung aufzufassen. Gemäß dieser Annahme werden die entsprechenden Unikalia-Idiome vom Sprecher als nach den Regeln der semantischen Komposition produzierte Lexikoneinheiten empfunden (vgl. DOBROVOLSKIJ 1995: 25), wodurch ihre Autonomisierung und damit einhergehend ihr außerphraseologischer Gebrauch begünstigt wird.

Häufig ist Sprechern die phraseologische Gebundenheit einzelner Komponenten überhaupt nicht bewusst. So verweist BURGER (2010: 98) darauf, dass Versuchspersonen durchaus in der Lage sind, sich unter bestimmten Unikalia (z. B. Hungertuch, Kerbholz und Maulaffen) etwas vorzustellen, und sie gar in der Lage sind, mit diesen Wörtern assoziierte Merkmale anzugeben.114 Aus kognitivistischer Sicht muss also der „Nekrotismus“-Charakter unikaler Komponenten stark relativiert werden, der zum Teil sogar infrage stellt, ob es sich bei diesen Elementen aufgrund des Fehlens einer Inhaltsseite überhaupt noch um Wörter handelt (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 449). Kognitive Tests zeigen, dass auch unikalen Komponenten trotz ihrer phraseologischen Isolation durchaus eine Inhaltsseite zugesprochen werden kann:

Selbst wenn Muttersprachler bei einzelnen PGF [= phraseologisch gebundene Formative, SöSt] nicht wissen, was sie bedeuten, betrachten sie PGF zwar als veraltete, archaische, unverständliche usw., aber doch als Wörter. Mehr noch: in bestimmten Fällen wird den PGF sogar eine selbstständige Bedeutung zugesprochen (die ihnen genetischetymologisch gar nicht zukommt), werden sie remotiviert, wie Kohldampf, mundtot. (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 449)

Mit HALLSTEINSDÓTTIR (2001: 278) kann daher festgehalten werden:

Eine unikale Komponente wird isoliert nicht als bedeutungslos angesehen, sondern ihr wird eine Bedeutung zugeordnet, die als die wörtliche Bedeutung aufgefasst wird. Auch wenn die etymologisch korrekte Bedeutung nicht bekannt ist, können Sprecher bei unikalen Komponenten – durch eine Quasimotivierung […] – eine wörtliche Bedeutung konstruieren.115 ← 108 | 109 →

In Bezug auf die freie Verwendung von Unikalia muss sich der Blick zwangsläufig auch auf den Prozess der Unikalisierung, d. h. auf das umgekehrte Phänomen richten. Der Unikalisierungsprozess stellt eine Art Endpunkt dar, durch den die phraseologisch gebundene Komponente ihre Berechtigung als eigenständiges Wortschatzelement verliert (vgl. FLEISCHER 1997b: 12). Die Korpusanalyse zeigt jedoch auch den umgekehrten Fall: Phraseologisch gebundene Konstituenten können durch elliptische Bedeutungsbildung und durch „kognitive Prozesse der Remotivierung“ (HÄCKI BUHOFER 2002a: 432) wieder zu festen Bedeutungsbestandteilen des Lexikons werden. Der Endpunkt der Unikalisierung kann demzufolge überwunden werden und Unikalia können wieder eine – wenn auch etwas andere als ihre ursprüngliche – Bedeutung erlangen:

HÄCKI BUHOFER (2002a: 432) sieht die besondere Leistung der kognitivistischen Perspektive vor allem darin, dass mit ihrer Hilfe die Möglichkeit beschrieben und erklärt werden kann, dass Unikalia aus ihrer phraseologischen Gebundenheit herausgelöst und in (re-)motivierter Bedeutung (noch bzw. auch wieder) frei verwendet werden können. Sprachteilnehmer besitzen demzufolge eine starke kognitive Tendenz, den Komponenten eine Bedeutung zuzuschreiben, die aus sprach- oder sachgeschichtlich korrekten, ebenso wie unkorrekten Wissensbeständen oder aus synchronen aktuellen Motivierungsprozessen stammen können (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 156). Aus rein psycholinguistischer Perspektive stellt das Konzept der Unikalität für HÄCKI BUHOFER (2002b: 135) deswegen einen Widerspruch an sich dar und würde aufgrund psycholinguistischer Erkenntnisse fast ausnahmslos seine Legitimation verlieren:


80    Die beiden Termini „Unikalia“ und „phraseologisch gebundene Formative“ sind die in der deutschsprachigen Linguistik am weitesten verbreiteten und geläufigsten Bezeichnungen für dieses Phänomen. Darüber hinaus existieren weitere Termini, die ebenfalls synonym verwendet werden: beispielsweise „formal gebundene phraseologische Konstituenten“ (siehe DOBROVOLSKIJ 1989b), „phraseologisch isolierte Wörter und Wortformen“ (siehe HÄCKI BUHOFER 2002a) sowie „unikale Komponenten“ (siehe BURGER 2010).

81    Die Bezeichnung von Unikalia im Englischen lehnt sich an das Phänomen der unikalen Morpheme an. Neben den Termini „bound words“ (siehe u. a. SOEHN 2004), „unique components“ (siehe u. a. HÄCKI BUHOFER 1998) und „unique elements“ (siehe JAKI 2014) sind u. a. der auf ARONOFF (1976: 15) zurückgehende Begriff „cranberry words“ (siehe u. a. RICHTER/SAILER 2003) sowie „cranberry collocations“ (siehe u. a. MOON 1998) in der englischsprachigen Forschungsliteratur zu finden.

82    Hut ist in diesem Fall homonym zu ‚Kopfbedeckung‘ und somit nicht als unikal zu klassifizieren.

83    HÄCKI BUHOFER (2002b: 150) kommt jedoch in ihrer diachronen Analyse zu der Erkenntnis, „dass das fragliche Wort in vielen Fällen nicht seine morphologische Vernetzung im Wortschatz einbüsst, sondern sein Gebrauch eingeschränkt wird, ohne dass das Wort an sich veralten würde oder synchron nicht mehr durchschaubar wäre.“ Als Beispiel führt sie das Idiom keinen Deut wert sein // keinen Deut verstehen von etw. an. Ihrer Ansicht nach könne Deut auch in einem Satz wie Jemandem keinen Deut schuldig sein gebraucht werden, wodurch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes auch auf synchroner Ebene rekonstruierbar sei (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 150).

84    Die Korpusanalyse dient dabei als entscheidendes Hilfsmittel, da mit ihr aus der Analyse des Regelhaften Prognosen wie beispielsweise die Unikalisierung von Diminutiven abgeleitet werden können.

85    Für Unikalia des Pfälzischen siehe beispielsweise KNOP (2011: Anmerkung 96).

86    Sämtliche in Originalbelegen (fett) hervorgehobenen und unterstrichenen Einheiten stammen – wenn nicht anders vermerkt – von mir persönlich und dienen primär der Hervorhebung der Phraseme.

87    Nach STEYER (2013: 75) stellen diese also „geronnene syntagmatische Strukturen“ dar.

88    Kritisch anzumerken ist, dass der phraseologisch gebundene Charakter einiger Beispiele, die DOBROVOLSKIJ (1979: 58f., 1988: 108) für seine genetische Klassifikation der Lehnübersetzung auflistet, aufgrund ihres Eigennamencharakters angezweifelt werden kann (z. B. seit Olims Zeiten, der Dolch des Brutus, die Büchse der Pandora, das Schwert des Damokles und den Rubikon überschreiten). Er bezeichnet diese daher als „Grenzfälle der phraseologischen Gebundenheit des Formativs“ (DOBROVOLSKIJ 1988: 108).

89    Es muss jedoch betont werden, dass die sogenannten Wortformanomalien meines Erachtens keine Unikalia sind, da es sich hierbei nicht um ein lexikalisches, sondern ein morphosyntaktisches Phänomen handelt. Sie werden in der vorliegenden Arbeit daher als eigenständige formelhafte (Ir-)Regularität in Kapitel 5 („Dativ-e“) behandelt.

90    GEERAERTS/BAKEMA (1993) nehmen in ihrem Modell eine Unterscheidung in Syntagmatik (= Beschreibung des Verhältnisses zwischen den Komponentenbedeutungen und der Gesamtbedeutung) und Paradigmatik (= Beschreibung des Verhältnisses zwischen phraseologischer und wendungsexterner Bedeutung) vor. Der Vorteil des Modells besteht für FEYAERTS (1994: 141) darin, dass es „sowohl die syntagmatische als auch die paradigmatische Bedeutungssystematik in sich vereint.“

91    Darüber hinaus sind die von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) gewählten Termini „lebendig“ und „veraltet“ zu überdenken. Besser wäre hier beispielsweise die Unterscheidung in „gebräuchlich“ versus „nicht (mehr) gebräuchlich“ respektive „mental präsent“ versus „nicht mental präsent“.

92    Darüber hinaus führt FEYAERTS (1994) nur niederländische Beispiele an, wodurch seine Kategorisierung auf das Deutsche strenggenommen nicht eins zu eins übertragbar ist.

93    Bisher wurde diese Methode in der Unikalia-Forschung jedoch kaum angewendet.

94    An dieser Stelle ist die Arbeit von BARZ (2007a) hervorzuheben. Diese geht der Frage nach, inwiefern die Phraseologie als Quelle lexikalischer Neuerungen fungiert. Für ihre Analyse wählt BARZ (2007a) ein ähnliches Vorgehen wie die Korpusanalyse der vorliegenden Arbeit. Als Grundlage dient ihr ebenfalls die Liste von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b). Als Korpus verwendet sie nicht das DEREKO, sondern das Leipziger Wortschatzkorpus. Darüber hinaus erforscht BARZ (2007a: 8) jeweils nur die ersten hundert Belegsätze. Die Analyse der vorliegenden Arbeit verfolgt somit nicht nur einen etwas anderen Blickwinkel auf dieses Phänomen, sondern wertet auch ein wesentlich größeres Korpus mit weitaus mehr Textbelegen aus.

95    Es ist jedoch zu betonen, dass sich die Grenzen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit teilweise verschieben. Zum einen kann eine „,Verschriftlichung‘ der gesprochenen Sprache“ (KLEIN 1985: 25) und zum anderen eine „Vermündlichung“ der geschriebenen Sprache (vgl. SIEBER 1998: 197) beobachtet werden (siehe auch BETZ 2006; SCHWITALLA/BETZ 2006 und ANDROUTSOPOULOS 2007). Auch in Bezug auf die Verwendung von Phrasemen sind – wie STEIN (2007a: 234) konstatiert – diese beiden Tendenzen sichtbar: „Der Gebrauch eher nähesprachlicher Phraseme gegen ihre diatextuelle bzw. diamediale Markierung in Äußerungsformen der Distanzkommunikation stellt dabei zwar nur eine Facette im Zusammenhang mit anderen Vermündlichungstendenzen in der Entwicklung der Gegenwartssprache dar, aber auch in der Phrasemverwendung äußert sich das Bedürfnis, die medial bedingte Distanz von Kommunikation in bestimmten Domänen konzeptioneller Schriftlichkeit zu verringern.“

96    Die Auslese von Unikalia, die zugleich als Eigennamen fungieren, beruht auf einer umfangreichen Korpusanalyse. Die aussortierten „Eigennamen-Unikalia“ werden nicht vor der eigentlichen Analyse introspektiv ausgeschlossen, sondern kommen erst mithilfe der Kookkurrenzanalyse zum Vorschein. Die Menge der Eigennamen ist relativ groß, da es sich dabei nicht nur um Personennamen handelt (z. B. in Bausch und Bogen; „Zu den Unterzeichnern zählt auch Rita Bausch, Seelsorgerin für Asylbewerber.“ St. Galler Tagblatt, 09.01.2013), sondern beispielsweise auch um Straßennamen (z. B. auf dem Holzweg sein // auf den Holzweg kommen/geraten; „Ihr 80. Lebensjahr vollendet Getrud Giesecke in Liedingen, Holzweg 7.“ Braunschweiger Zeitung, 04.11.2005).

97    Für einen Einblick in die Probleme und Mängel der Phraseografie sei u. a. auf KORHONEN (1992b); PILZ (1987, 1995, 2004); MÜLLER/KUNKEL-RAZUM (2007) sowie DRÄGER (2010) verwiesen.

98    Beispielsweise bei der unikalen Komponente Lebensgeister, die u. a. mit folgenden Verben phraseologisch – sei es als Variation oder Modifikation – verwendet wird: wecken, erwachen, zurückkehren, aktivieren, einhauchen, erwecken, ankurbeln.

99    Über den phraseologischen Status einiger Wortverbindungen, die im Korpus enthalten sind, kann durchaus gestritten werden (z. B. am/an den Stadtrand). Es muss an dieser Stelle daher Folgendes geklärt werden: Der Unikalia-Auswertung liegt die Annahme zugrunde, dass es in einer Sprache Wörter gibt, die gewisse syntagmatische Beschränkungen aufweisen in dem Sinne, dass diese mehr oder weniger nur in Verbindung mit anderen Wörtern auftreten. Mittels Kookkurrenzanalyse und detaillierter Suchanfragen werden zunächst einmal nur „Wörter“ und nicht „Unikalia“ im Hinblick auf ihre syntagmatische Entfaltung ausgewertet. Mit anderen Worten: Sind die Wörter auf bestimmte „formelhafte“ (Wort-)Umgebungen eingeschränkt? Die Frage, ob es sich bei einer Mehrwortverbindung wie am/an den Stadtrand um ein Phrasem handelt, möchte ich in erster Linie gar nicht beantworten (was angesichts der unscharfen Grenzen zwischen „Phraseologie“ und „freiem“ Sprachgebrauch ohnehin nicht möglich ist). Ich sage also nicht, dass das Wort Stadtrand zu so und so viel Prozent phraseologisch gebunden ist, sondern lediglich, dass dieses zu so und so viel Prozent mit der Präposition am/an vorkommt. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

100  Siehe hierzu auch STUMPF (2014: 104–107).

101  Vgl. auch HOLZINGER (2013: 64), der von einem „Kontinuum“ spricht.

102  Siehe hierzu auch STUMPF (im Druck2).

103  KLOS (2011: 42) verweist jedoch darauf, „dass das Kompositionalitätsprinzip nicht ohne weiteres Frege zugewiesen werden kann.“ Ihrer Meinung nach verläuft die „Spurensuche“ nach den Ursprüngen des Kompositionalitätsprinzips in den Werken Freges wenig erfolgreich. Es muss daher „unterschieden werden zwischen dem, was explizit in seinen Schriften auftaucht, und dem, was andere in seine Aussagen hineininterpretiert haben“ (KLOS 2011: 39).

104  Die Theorie der semantischen Teilbarkeit geht im Grunde auf die „Dekompositionshypothese“ zurück, die vor allem von Raymond Gibbs und dessen Kollegen vertreten wird (siehe GiBBS 1990; GIBBS/NAYAK 1989 sowie GIBBS u. a. 1989a, 1989b). Nach ihrer Hypothese besteht die Möglichkeit, viele Idiome in sinnvolle Bestandteile zu zerlegen, wogegen es andere Idiome gibt, deren Konstituenten nicht zur aktuellen Bedeutung des Gesamtausdrucks beitragen (vgl. DOBROVOLSKIJ 1997a: 23). Die Idiome einer Sprache können nach dieser Auffassung in sogenannte „decomposable“ bzw. „analyzable phrases“ einerseits und „noncomposable“ bzw. „nonanalyzable phrases“ andererseits unterschieden werden, wobei graduelle Abstufungen möglich sind (siehe hierzu auch NUNBERG 1978).

105  Für die Analyse der semantischen Teilbarkeit bevorzugt die vorliegende Arbeit eine Kombination verschiedener Methoden (vgl. DOBROVOLSKIJ 1988: 157). Neben einem Vergleich der Struktur des Idioms mit der Struktur seines semantischen Äquivalents stehen besonders syntaktische Modifikationsmöglichkeiten im Vordergrund (siehe DOBROVOLSKIJ 2000a und 2004). Darüber hinaus wird versucht, für Unikalia-Idiome, die offensichtlich aufgrund syntaktischer Modifikationen semantisch teilbar sind, eine Beschreibung der Bedeutung der einzelnen Konstituenten zu leisten.

106  Diese morphosyntaktische Selbstständigkeit zeigt sich dabei u. a. in Verwendungsweisen, die sonst nur „freien“ Wörtern vorbehalten sind. Beispielsweise wird die (unikale) substantivische Komponente des Phrasems Luftschlösser bauen in folgendem Textbeleg zum einen im Singular und zum anderen in der Funktion eines Genitivattributs gebraucht: Auch der Einsturz des Luftschlosses „Einkaufszentrum“ wird in Lampertheim kein großes Bedauern auslösen. (Mannheimer Morgen, 20.12.2000).

107  Zum Verhältnis zwischen Phraseologie und Wortbildung siehe FLEISCHER (1976, 1992a); PÜSCHEL (1978); OHNHEISER (1998); SCHMIDT (2000); BARZ (2007b, 2010); ScHEMANN (2008) sowie STEIN (2012).

108  Dabei kann nicht von Synonymie zwischen dem Phrasem und der autonomisierten Konstituente gesprochen werden, da sich die ausgesparten Sequenzen bei der autonomisierten Verwendung einer unikalen Komponente nicht ergänzen lassen (wie es beispielsweise bei der Ellipse in Syntax und Wortbildung der Fall ist) (vgl. BARZ 2007a: 16).

109  Bedeutungsangaben nach DUDEN (2008).

110  Bereits HÄCKI BUHOFER (2002b: 155) macht darauf aufmerksam, dass eine Aufteilung der phraseologischen Bedeutung auf die verschiedenen Komponenten des Unikalia-Idioms möglich ist und die unikale Komponente dadurch eine eigenständige, freie Bedeutung erlangen kann: „[D]as Fettnäpfchen bedeutet dann beispielsweise ‚soziales Danebenverhalten‘ – unabhängig davon, was es sachgeschichtlich ‚richtig‘ bedeutete. Das Tanzbein ist dann – jenseits jeder Unikalität – das Bein, mit dem man tanzt, unabhängig davon, ob man den Ausdruck ausserhalb der phraseologischen Verbindung üblicherweise gebraucht: man könnte das ohne weiteres tun, weil die Teile nicht unikal sind und die Komposition den üblichen Regeln folgt.“

111  Entscheidender Faktor für die Wortschatzerweiterung ist die Lexikalisierung der Ausgangseinheit, sprich der usuelle Gebrauch des entsprechenden Wortes (vgl. BARZ 2005: 1671). Eine Einheit gilt erst dann als lexikalisiert, wenn sie als eine neue Möglichkeit für die Sprecher infrage kommt (vgl. CHERUBIM 1980: 132). Dabei kann jedoch nicht strikt zwischen lexikalischen und nicht-lexikalischen Einheiten differenziert werden. Die Lexikalisierung ist vielmehr ein graduelles Phänomen (vgl. COULMAS 1985: 253; LIPKA 1990: 95 sowie KASTOVSKY 1995: 104).

112  http://www.duden.de/rechtschreibung/Schattendasein (Stand 03.03.2015).

113  http://www.duden.de/rechtschreibung/Luftschloss (Stand 03.03.2015).

114  Siehe hierzu bereits BURGER (1973: 27): „Für Idiome ist es charakteristisch, daß sie sprachliche Elemente in einem bestimmten Kontext tradieren, auch dann, wenn eines der Elemente oder eine bestimmte Bedeutung eines Elementes aus dem freien Gebrauch schwindet. Wenn irgend möglich, wird dann aber das nicht mehr Verständliche an Verständliches angeknüpft, auch wenn die Assoziation noch so vage ist.“

115  In gewisser Weise handelt es sich hierbei also um eine (besondere) Art der Volksetymologie.

5.  Dativ-e

5.1  Definition

Die formelhafte (Ir-)Regularität des Dativ-e spiegelt sich in der alten Dativ Singular Kasusendung bei Maskulina und Neutra wider, die in der festen Struktur von formelhaften Wendungen bewahrt bleibt (z. B. jmdn./etw. zu Grabe tragen, zu Rate ziehen und die Unschuld vom Lande) (vgl. GROSSE 2000: 1847f. sowie HIGI-WYDLER 1989: 64). Während das Dativ-e als reguläres Flexionsallomorph im freien Sprachgebrauch fast vollkommen verschwunden ist, stellen feste Wortverbindungen somit „die letzte Bastion“ (RIEGER 2007: 1) dieser Kasusendung dar.

Die Bewahrung des Dativ-e ist eine besondere formelhafte (Ir-)Regularität. Denn obwohl sich diese Endung spätestens seit dem Frühneuhochdeutschen auf dem Rückzug befindet und in der Gegenwartssprache keine grammatische Notwendigkeit mehr besitzt, findet man sie zum Teil auch heute noch bei freien Lexemen (vgl. PFEFFER/JANDA 1979: 34 sowie DOBROVOLSKIJ 1989b: 72).116 Die Setzung des Dativsuffix -e gilt im heutigen Deutsch demnach als fakultativ (vgl. DARSKI 1979: 194) und ist keineswegs ungrammatisch:

In fact, however, although the e-dative is old-fashioned and dispreferred, it is nonetheless fully grammatical. (STERNEFELD 2004: 272)

Trotz alledem stellt das Dativ-e außerhalb formelhafter Wendungen sicherlich eine Randerscheinung dar (vgl. KONOPKA 2010: 27), „die Verwendung dieser Form [ist] in verschiedener Weise auffällig (geworden)“ (EICHINGER 2013: 140).

Als wesentlichen Unterschied zwischen phraseologisch und außerphraseologisch gebrauchtem Dativ-e führt DOBROVOLSKIJ (1978: 68) an, dass diese Kasusendung in den entsprechenden Wendungen, in denen sie noch erhalten ist, obligatorisch ist, während der außerphraseologische, freie Gebrauch längst fakultativ geworden ist. Dieses Abgrenzungsargument hält einer empirischen Analyse jedoch nicht stand, da es auch innerhalb formelhafter Wendungen Schwankungen bezüglich der Realisierung bzw. Nicht-Realisierung des e-Dativs gibt (siehe Kapitel 5.3.2). Die Grenzziehung „Dativ-e in Phrasemen = obligatorisch“ versus „Dativ-e außerhalb von Phrasemen = fakultativ“ ist somit eine unzutreffende Verkürzung der sprachlichen Wirklichkeit. Darüber hinaus kann das Dativ-e im freien Sprachgebrauch nicht an jedes beliebige Substantiv treten; es gibt bestimmte ← 111 | 112 → Gebrauchsbeschränkungen, die ein Konglomerat aus prosodischen, semantischen und syntaktischen Bedingungen darstellen (vgl. KONOPKA 2010: 27).117

5.2  Diachrone Entwicklung: Das Dativ-e im Laufe der Zeit

Noch im 18. Jahrhundert wird in den meisten Grammatiken die Bewahrung des Dativ-e propagiert und die Weglassung kritisiert (vgl. KONOPKA 2012: 115).118 Deutliche (sprachkritische) Worte findet beispielsweise ADELUNG (1782: 400; Hervorhebung im Original):

Wo das e im Genitive nicht verbissen werden darf, da kann es im Dative noch weniger wegfallen, weil er dessen characteristischer Biegungslaut ist. Folglich sind dem Baume, dem Arme, zu seinem Wohle, an diesem Abende u. s. f. richtiger, als ohne e.

Trotz aller Bemühungen seitens der Grammatikschreiber konnte der Erhalt des Dativ-e nicht „gesichert“ werden:

    Der Rückgang der Kasusendung beginnt bereits im Mittelhochdeutschen und schreitet von da an rasch voran.119 So konstatiert PAUL (2007: 188), dass die Dativ Singular Formen ohne -e zunächst bei mehrsilbigen Lexemen auf -el, -er, -en und -em sowie bei einsilbigen auf -t erscheinen. Konkret verweist er darauf, dass in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts circa 2% aller entsprechenden Dativ-Belege ohne -e realisiert und in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts im Bairischen und Ostfränkischen bereits über 60% der Dativformen mit e-Apokope zu finden sind.

    Im Zuge der allgemeinen e-Apokope wird das Dativ-e im Frühneuhochdeutschen weiter zurückgedrängt (vgl. EBERT u. a. 1993: 169). Beispielsweise fehlt die Endung in obersächsischen Drucken von circa 1450 bis 1600 in fast der Hälfte und im Thüringischen im Zeitraum von 1550 bis 1600 in über 50% der Belege (vgl. VON POLENZ 1994: 254). HARTWEG/WEGERA (2005: ← 112 | 113 → 154) halten fest, dass das Dativ-e bis zum 16. Jahrhundert im Oberdeutschen nahezu ganz, im Westmitteldeutschen weitestgehend und im Ostmitteldeutschen ansatzweise verschwindet. Als besondere Entwicklung merken WEGERA/SOLMS (2000: 1543) jedoch an, dass die Verwendung seit dem 16. Jahrhundert – ausgehend vom Ostmitteldeutschen – wieder etwas zunimmt, im Ganzen aber fakultativ bleibt.

    Im Neuhochdeutschen reiht sich der Dativ-e-Rückgang in den generellen Abbau synthetischer Kasusflexive ein. Die frühneuhochdeutsche Kasusnivellierung setzt sich nicht nur fort, sondern intensiviert sich (vgl. ÁGEL 2000a: 1858). Nach ÁGEL (2006: 320) verläuft die Tilgung des Dativ-e deshalb relativ problemlos,

     weil (a) es sich um das phonologisch leichteste Flexiv handelt, weil (b) es im Gegensatz zum Plural-e weder Genus noch Numerus markieren musste und weil (c) die Apokope keine strukturellen Auswirkungen auf die Flexionsklasse hatte.

Im gegenwärtigen Deutsch ist das Dativ-e für gewöhnlich nur noch in formelhaften Wortverbindungen zu finden.120 Bis auf wenige Ausnahmen (siehe Kapitel 5.4) ist diese Kasusendung vollständig aus dem freien Sprachgebrauch verschwunden, weshalb ÁGEL (2006: 320) zu dem Schluss kommt, dass das Dativ-e „der Vergangenheit an[gehört]“ und es „kein Bestandteil des gegenwartsdeutschen Flexionssystems [ist]“.

5.3  Korpusauswertung

5.3.1  Vorgehensweise

Das Ziel der Korpusanalyse ist die Ermittlung des tatsächlichen Gebrauchs des Dativ-e in formelhaften Wendungen. Primär steht die Frage im Vordergrund, ob bei diesem Phänomen Schwankungen zwischen der markierten und der unmarkierten Variante existieren. Erste empirische Ergebnisse von KONOPKA (2010, 2012) weisen auf eine solche graduelle Ausprägung hin. Er wertet 100 Dativ-e-Verbindungen im Hinblick auf die Realisierung der e-Endung aus und kommt zu dem Ergebnis, dass es Wendungen gibt, in denen der Dativ-e-Anteil sehr hoch ist, aber auch solche, in denen diese Kasusmarkierung kaum auftritt (vgl. KONOPKA 2010: 30).121 ← 113 | 114 →

Die Analyse der vorliegenden Arbeit orientiert sich an der Methodik KONOPKAS (2010, 2012), indem ebenfalls auf das DEREKO zurückgegriffen wird. Im Gegensatz zu Konopka (2010, 2012) liegt der Untersuchung jedoch eine weitaus größere Anzahl an möglichen Dativ-e-Phrasemen zugrunde. Ausgangspunkt stellt eine eigens erstellte Liste mit 436 formelhaften Wendungen dar, die in der Nennform ein Lexem aufweisen, das zum einen dativ-e-fähig ist und zum anderen innerhalb des Phrasems im Dativ steht. Die Listenerstellung erfolgt zum einen auf der Grundlage bereits in der Forschungsliteratur verzeichneter Dativ-e-Wendungen und zum anderen aus der Durchsicht der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011).

Mithilfe detaillierter Suchanfragen können 253 der 436 Wendungen in Bezug auf die Realisierung bzw. Nicht-Realisierung des Dativ-e ausgewertet werden. Die restlichen Wendungen können deshalb nicht ausgewertet werden, weil ihre Quantität im DEREKO zu gering ist oder sie – was meistens der Fall ist – überhaupt nicht belegt sind (z. B. etw. mit dem Schwerte erlangen oder seinem Maule keine Stiefmutter sein). Als Mindestgrenze wird eine Trefferanzahl von 20 Belegen angesetzt.

5.3.2  Ergebnis: Schwankungen in der Dativ-e-Markierung

Die Ergebnisse der Korpusanalyse sind im Anhang 2 festgehalten. Zu sehen sind neben der formelhaften Wendung und der betreffenden Komponente (fett hervorgehoben) zum einen die jeweilige Quantität des Gebrauchs mit und ohne -e und zum anderen der Anteil der Dativ-e-Realisierung in Prozent.

Details

Seiten
XVIII, 543
ISBN (PDF)
9783653060782
ISBN (ePUB)
9783653956368
ISBN (MOBI)
9783653956351
ISBN (Buch)
9783631668467
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Schlagworte
Formelhaftigkeit Sprachnorm Konstruktionsgrammatik Sprachwandel Korpuslinguistik Irregularität Phraseologie
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. XVIII, 543 S., 4 farb. Abb., 17 s/w Abb., 72 Tab.

Biographische Angaben

Sören Stumpf (Autor)

Sören Stumpf studierte Germanistik, Geschichtswissenschaften und Bildungswissenschaften an der Universität Trier. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Germanistischen Linguistik der Universität Trier.

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Titel: Formelhafte (Ir-)Regularitäten