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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

von Sören Stumpf (Autor)
Dissertation XVIII, 543 Seiten
Open Access

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Exploration des Untersuchungsgegenstands
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Untersuchungsgegenstand und Problembereich
  • 1.2 Zielsetzungen und Fragestellungen der Arbeit
  • 1.3 Methodologie: Empirisches und theoretisches Vorgehen
  • 2. Phraseologie und formelhafte Sprache: Eine problemorientierte Bestandsaufnahme im Hinblick auf „phraseologische Irregularitäten“
  • 2.1 Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels
  • 2.2 Forschungsgeschichte der Phraseologie, oder: Die Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die damit einhergehende Vernachlässigung „phraseologischer Irregularitäten“
  • 2.3 Zur (Phraseologie-)Terminologie
  • 2.4 Eigenschaften formelhafter Wendungen und die Abgrenzungsproblematik zu freien Wortverbindungen
  • 2.4.1 Die Vielfalt phraseologischer Eigenschaften
  • 2.4.2 Polylexikalität
  • 2.4.3 Festigkeit
  • 2.4.4 Idiomatizität
  • 2.4.5 Frequenz und Kookkurrenz
  • 2.5 Klassen an formelhaften Wendungen
  • 2.6 Zentrum-Peripherie-Modell der Phraseologie
  • 2.7 Konzept der idiomatischen Prägung und das Ebenen-Modell nach Feilke
  • 3. Begriffsbestimmung: Formelhafte (Ir-)Regularitäten
  • 3.1 Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels
  • 3.2 Terminologie: Etablierung des Terminus „formelhafte (Ir-)Regularität“
  • 3.3 Forschungsstand: Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Forschungsdesiderat
  • 3.4 Welche sprachlichen Einheiten sind „formelhaft (ir-)regulär“? – Das weite Spektrum formelhafter (Ir-)Regularitäten
  • 3.5 Was heißt „formelhafte (Ir-)Regularität“? – Eigenschaften formelhaft (ir-)regulärer Wendungen
  • Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Formelhafte (Ir-)Regularitäten in der bisherigen Phraseologieforschung und die Frage nach der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen
  • II. Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten
  • 4. Unikalia
  • 4.1 Definition
  • 4.2 Diachrone Entwicklung: Entstehungsprozesse von Unikalia
  • 4.3 Bisherige Kategorisierungsmodelle und ihre grundlegende Problematik
  • 4.3.1 Kategorisierungsmodelle von Dobrovol’skij, Feyaerts und Dobrovol’skij/ Piirainen
  • 4.3.2 Problematik der bisherigen Definitionen und Kategorisierungsmodelle
  • 4.4 Korpusauswertung
  • 4.4.1 Vorgehensweise
  • 4.4.2 Ergebnis: Unikalia als prototypische Kategorie
  • 4.5 Überlegungen zur freien Verwendung von Unikalia
  • 4.5.1 Vorbemerkungen: Autonomisierung von Unikalia
  • 4.5.2 Semantische Teilbarkeit als entscheidender Faktor für die freie Verwendung
  • 4.5.3 Freie Verwendung von Unikalia als Beitrag zur Wortschatzerweiterung
  • 4.5.4 Psycholinguistischer Erklärungsansatz für die freie Verwendung von Unikalia
  • 5. Dativ-e
  • 5.1 Definition
  • 5.2 Diachrone Entwicklung: Das Dativ-e im Laufe der Zeit
  • 5.3 Korpusauswertung
  • 5.3.1 Vorgehensweise
  • 5.3.2 Ergebnis: Schwankungen in der Dativ-e-Markierung
  • 5.3.3 Erklärungsansätze für die Bewahrung des Dativ-e
  • 5.4 Das Dativ-e außerhalb formelhafter Wendungen
  • 5.5 Lexikografische Probleme und ein (korpusanalytischer) Lösungsansatz
  • 5.6 Beispielanalyse: zu Tode X[Verb] – eine produktive Modellbildung mit Dativ-e
  • 6. Unflektiertes Adjektivattribut
  • 6.1 Definition
  • 6.2 Diachrone Entwicklung: Flexions- und Stellungswandel von Adjektivattributen
  • 6.3 Korpusauswertung
  • 6.3.1 Vorgehensweise
  • 6.3.2 Ergebnis: Schwankungen zwischen unflektierten und flektierten Adjektivattributen
  • 6.4 Unflektierte Adjektivattribute außerhalb formelhafter Wendungen
  • 6.4.1 Pränominale Adjektivattribute
  • 6.4.2 Adjektivattribute postnominal
  • 6.5 Beispielanalysen: Neue produktive Konstruktionen mit Adjektivbesonderheiten
  • 6.5.1 lecker Gaumenschmaus – Eine Modellbildung mit unflektiertem Adjektivattribut
  • 6.5.2 Formelhaftigkeit pur – Eine Modellbildung mit nachgestelltem Adjektivattribut
  • 7. Vorangestelltes Genitivattribut
  • 7.1 Definition
  • 7.2 Diachrone Entwicklung: Die Etablierung des vorangestellten Genitivattributs
  • 7.3 Korpusauswertung
  • 7.3.1 Vorgehensweise
  • 7.3.2 Ergebnis: Schwankungen zwischen Voran- und Nachstellung des Genitivattributs
  • 7.4 Vorangestellte Genitivattribute außerhalb formelhafter Wendungen
  • 7.5 Beispielanalyse: etw. ist (nicht) jedermanns X[Nomen] als produktive Modellbildung
  • 8. Genitivobjekt
  • 8.1 Definition
  • 8.2 Diachrone Entwicklung: Der Rückgang genitivregierender Verben
  • 8.3 Korpusauswertung
  • 8.3.1 Vorgehensweise
  • 8.3.2 Ergebnis: Kontinuum zwischen freien und phraseologisch gebundenen Genitivobjekten
  • 8.4 Genitivobjekte außerhalb formelhafter Wendungen
  • 9. Adverbialer und prädikativer Genitiv
  • 9.1 Definition: Adverbialer Genitiv
  • 9.2 Diachrone Entwicklung adverbialer Genitive
  • 9.3 Adverbiale Genitive im Gegenwartsdeutsch
  • 9.3.1 Vorbemerkungen: Die Bewahrung adverbialer Genitive in formelhaften Wendungen
  • 9.3.2 Temporale und lokale Adverbiale sowie adverbiale Einstellungsoperatoren
  • 9.3.3 Modale adverbiale Genitive als produktive (Phrasem-)Konstruktionen
  • 9.4 Definition: Prädikativer Genitiv
  • 9.5 Prädikative Genitive im Gegenwartsdeutsch
  • 9.6 Überschneidungen zwischen adverbialer und prädikativer Verwendung
  • 10. Artikel(ir)regularität
  • 10.1 Definition
  • 10.2 Diachrone Entwicklung: Die Herausbildung des Artikels
  • 10.3 Formelhafte Wendungen mit Nullartikel
  • 10.3.1 Empirisches Vorgehen
  • 10.3.2 Die Konstruktion „N[Akk] + V“: Leine ziehen
  • 10.3.3 Die Konstruktion „Präp + N + V“: in Angriff nehmen
  • 10.3.4 Die Konstruktion „Präp + N“: zu Fuß
  • 10.3.5 Die Konstruktion „N + Konj/Präp + N“: Haus und Hof, Hand in Hand
  • 10.3.6 Die Konstruktion „N ist N“: Geschäft ist Geschäft
  • 10.3.7 Satzwertige Phraseme: Alter schützt vor Torheit nicht
  • 10.4 Nullartikel außerhalb formelhafter Wendungen
  • 10.5 Beispielanalysen: Neue produktive Phrasem-Konstruktionen mit Nullartikel
  • 10.5.1 Mario Götze hat Vertrag bis 2014 und Basta!
  • 10.5.2 Kann Merkel Kanzlerin?
  • 10.5.3 So geht Energiewende und so muss Party
  • 11. Valenz(ir)regularität
  • 11.1 Vorbemerkungen: Valenz verbaler Idiome
  • 11.2 Definition
  • 11.3 Diachrone Entwicklung: Valenzwandel
  • 11.4 Beispielanalysen: Stemmatische Darstellung von Valenz(ir)regularitäten
  • 11.4.1 jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen
  • 11.4.2 jmd. liegt jmdm. (mit etw.) in den Ohren
  • 11.4.3 etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln
  • 11.4.4 jmd. fällt (mit etw.) auf die Nase
  • 11.4.5 jmd. freut sich des Lebens
  • 11.5 Erklärungsansatz zur Entstehung von Valenz(ir)regularitäten
  • 12. Pronomen(ir)regularität
  • 12.1 Definition
  • 12.2 Das Pronomen es in formelhaften Wendungen
  • 12.3 Die Pronomen eins, einen, eine in formelhaften Wendungen
  • 12.3.1 Vorbemerkungen zum Vorgehen und zum pronominalen Status der eins/einen/eine-Wendungen
  • 12.3.2 Onomasiologische Bereiche
  • 12.3.3 Ellipsenähnlicher Charakter zur Vermeidung von Tabuausdrücken
  • 12.3.4 Relativierung des „irregulären“ Charakters aus psycholinguistischer und framesemantischer Sicht sowie mithilfe konversationeller Implikaturen
  • 12.3.5 Konstruktionsmodelle mit eins, einen und eine
  • 13. Idiomatizität
  • 13.1 Definition
  • 13.2 Diachrone Entwicklung: Die Entstehung idiomatischer Wendungen
  • 13.3 Prototypisches Idiomatizitätskonzept von Dobrovol’skij
  • 13.4 Relativierung der „Irregularität“ von Idiomatizität
  • 14. Weitere formelhafte (Ir-)Regularitäten
  • 14.1 Vorbemerkungen
  • 14.2 Semantische (Ir-)Regularitäten: Semantische Fossilierung
  • 14.3 Phonetisch/Phonologische (Ir-)Regularitäten: Apokope
  • 14.4 Orthografische (Ir-)Regularitäten: Phraseonyme und phraseologische Termini
  • 14.5 Nonverbale, gestische (Ir-)Regularitäten: Pseudokinegramme
  • 14.6 Vereinzelte formelhafte (Ir-)Regularitäten
  • Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten und die Frage nach ihrer sprachtheoretischen Verortung
  • III. Sprachtheoretische Verortung
  • 15. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachnorm
  • 15.1 Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels
  • 15.2 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als phraseologische Fehler?
  • 15.3 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Variationen?
  • 15.4 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als sprachliche Zweifelsfälle?
  • 15.5 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als (Norm-)Abweichungen?
  • 15.6 Exkurs: Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachkritik
  • 15.7 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als reguläre kommunikativpragmatische Einheiten
  • 16. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachwandel
  • 16.1 Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels
  • 16.2 Diachrone Perspektive: Entstehung formelhafter (Ir-)Regularitäten durch Sprachwandel
  • 16.2.1 Vorbemerkungen: Historische Phraseologie und formelhafte (Ir-)Regularitäten
  • 16.2.2 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Produkt von Sprachwandelprozessen
  • 16.2.3 „Affixoidähnliche“ formelhafte (Ir-)Regularitäten
  • 16.2.4 Formelhafte (Ir-)Regularitäten in der HiFoS-Datenbank
  • 16.3 Synchrone Perspektive: Entstehung formelhafter (Ir-)Regularitäten durch kreativen oder „falschen“ Sprachgebrauch
  • 16.3.1 Vorbemerkungen: Ad hoc gebildete formelhafte (Ir-)Regularitäten
  • 16.3.2 Kreativer Sprachgebrauch: Jugendsprache und Werbesprache
  • 16.3.3 „Falscher“ Sprachgebrauch: Sich verfestigende (ungrammatische) Aussagen
  • 16.3.4 Weitere Beispiele ad hoc gebildeter formelhafter (Ir-)Regularitäten
  • 16.4 Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Sprachwandeltheorien
  • 16.4.1 „Unsichtbare Hand“-Theorie: Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Invisible-hand-Prozesse
  • 16.4.2 Natürlichkeitstheorie: Formelhafte (Ir-)Regularitäten im Kontext von Natürlichkeit und Markiertheit
  • 16.5 Diachronie und Synchronie versus „Irregularität“
  • 17. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Konstruktionsgrammatik
  • 17.1 Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels
  • 17.2 Konstruktionsgrammatik – eine kurze Einführung
  • 17.3 Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Konstruktionen
  • 17.4 Konstruktionsmodelle und Modellierbarkeit der Phraseologie
  • 17.4.1 Vorbemerkungen: Die Bandbreite von Konstruktionen und die Frage nach Modellen in der Phraseologie
  • 17.4.2 Der Modellbegriff in der Phraseologie
  • 17.4.3 Modellierbarkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten
  • 17.4.4 Modellierbarkeit versus „Irregularität“
  • 17.5 Die kognitive Perspektive, oder: Warum leistet sich eine Sprachgemeinschaft den „Luxus“, „irreguläre“ Formen zu tradieren?
  • 17.6 Exkurs: Konstruktionsgrammatik und Phraseologie – eine kritische Bilanz
  • 18. Formelhafte (Ir-)Regularitäten und formelhafte Sprache/Phraseologie
  • 18.1 Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels
  • 18.2 Formelhafte (Ir-)Regularitäten außerhalb der formelhaften Sprache
  • 18.3 Vielfalt, Quantität und Phrasemklassen-Vorkommen formelhafter (Ir-)Regularitäten
  • 18.4 Modifizierbarkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten
  • 18.4.1 Beispielanalysen modifizierter „irregulärer“ Wendungen
  • 18.4.2 Abgrenzungsproblematik zwischen Modifikationen und Modellbildungen
  • 18.5 Formelhafte (Ir-)Regularitäten im Zentrum-Peripherie-Modell
  • 18.6 Idiomatische Prägung formelhafter (Ir-)Regularitäten und ihre Stellung im Ebenen-Modell
  • IV. Fazit und Ausblick
  • 19. Fazit
  • 20. Ausblick
  • 20.1 Formelhafte (Ir-)Regularitäten im Rahmen der Phraseodidaktik
  • 20.2 Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Phraseologieforschung: Impulse und Tendenzen
  • 20.2.1 Der Blick nach innen: Phraseologieinterne Impulse und Tendenzen
  • 20.2.2 Der Blick nach außen: Phraseologie im sprachwissenschaftlichen Diskurs
  • Verzeichnis der Übersichten und Abbildungen
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang
  • Anhang 1: Korpusauswertung zur formelhaften Gebundenheit unikaler Komponenten
  • Anhang 2: Korpusauswertung zum Dativ-e in formelhaften Wendungen
  • Anhang 3: Korpusauswertung unflektierter Adjektivattribute in formelhaften Wendungen
  • Anhang 4: Korpusauswertung vorangestellter Genitivattribute in formelhaften Wendungen
  • Reihenübersicht

I.
Exploration des Untersuchungsgegenstands

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1.  Einleitung

1.1  Untersuchungsgegenstand und Problembereich

Sprache ist etwas Ordentliches, ohne Zweifel; und darin liegt das Hauptinteresse an ihr als einem wissenschaftlichen Gegenstand. Die in den letzten fünfundzwanzig Jahren entwickelten formalen Mittel zur Erklärung der Strukturen, die die Ordnung ausmachen, haben eine solche Faszination ausgeübt, daß sie die Aufmerksamkeit von allem, was die Ordnung stört, fast vollständig abgezogen haben. Hierfür war ein gerütteltes Maß an Idealisierung nötig, die die Sprache als ein variationsloses, konsistentes und determiniertes System erscheinen ließ. Für idiomatische Wendungen und sonstige feststehende Kollokationen war in einer solchen Konzeption kein Platz, denn sie sind ja geradezu das Paradigma der gestörten Ordnung. (COULMAS 1981a: 29f.)

Die Unvereinbarkeit fester Wortverbindungen mit der (generativistischen) Ordnung einer Sprache – wie sie im obigen Zitat angesprochen wird – galt lange Zeit geradezu als ein Gemeinplatz innerhalb der modernen Linguistik; sind es doch vor allem idiomatische Wendungen, die sich dem formalistischen Regelapparat einer Generativen Grammatik widersetzen. Unter der Annahme, Phraseme nähmen nur einen kleinen, vernachlässigbaren Teil des Sprachsystems ein, wurde diese „Lücke“ der Theorie jedoch getrost in Kauf genommen. Angesichts dieser stark idealisierten und realitätsfernen Auffassung ließen kritische Stimmen nicht lange auf sich warten. Primär waren und sind es die Phraseologie und seit Ende der 1980er Jahre die Konstruktionsgrammatik, die die postulierte Vernachlässigbarkeit fester Wortverbindungen anzweifeln. Oberste Prämisse beider Forschungsrichtungen ist die Überzeugung, dass vorgeformte sprachliche Einheiten nicht der Sonderfall, sondern vielmehr das Fundament und somit der Normalfall einer jeden Sprache sind. Die Argumentation erfolgt dabei – und dies ist das entscheidende Plus gegenüber allen generativistisch orientierten Ansätzen – auf der Grundlage von authentischem Sprachmaterial. So zeigen Sprachgebrauchsanalysen, dass formelhafte Mehrwortverbindungen einen Hauptbestandteil in der alltäglichen Kommunikation einnehmen und keinesfalls als periphere Bausteine einer Sprache aufgefasst werden dürfen.

Als anschauliches Beispiel, das den hohen Stellenwert fester Wendungen verdeutlicht, kann die wohl berühmteste Internetseite Deutschlands angeführt werden: Auch die deutschsprachige Google-Homepage, die im Oktober 2014 ← 3 | 4 → mit über 51 Millionen Besuchern1 auf Platz eins der meistgenutzten Websites liegt, enthält eine phraseologische Wortverbindung.2 Bei näherer Betrachtung der Startseite findet man neben der bekannten „Google-Suche“ die mittels eines Phrasems betitelte Funktion „Auf gut Glück!“ (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1:  Google-Startseite mit „Auf gut Glück!“-Funktion

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Bei auf gut Glück handelt es sich nicht nur um ein gewöhnliches, sondern um ein recht spezielles Phrasem, da es in Form des unflektierten Adjektivattributs gut eine sprachliche Erscheinung enthält, die dergestalt im freien Sprachgebrauch nicht (mehr) vorzufinden ist. Werden „normale“ feststehende Wendungen – wie im Eingangszitat angeführt – bereits als vermeintliche Paradigmen der gestörten Ordnung empfunden, so trifft dies auf ein solches Phrasem wie auf gut Glück umso mehr zu. Scheint es durch die Bewahrung des unflektierten Adjektivattributs doch allein schon aufgrund seiner Ausdrucksseite im Widerspruch zum synchronen Regelsystem zu stehen. Solche Phraseme nehmen daher selbst in der Phraseologieforschung eine Sonder- bzw. Randstellung ein und werden als sogenannte „phraseologische Irregularitäten“ von „regulären“ Phrasemen abgegrenzt (vgl. FLEISCHER 1997a: 47).

Unter „phraseologische Irregularitäten“ fallen beispielsweise so unterschiedliche Erscheinungsformen wie unikale Komponenten (z. B. klipp und klar)3, vorangestellte Genitivattribute (z. B. um des Kaisers Barte) oder auch innerphraseologische Valenzbesonderheiten (z. B. jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren ← 4 | 5 → gefressen). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie „Abweichungen“ von strukturellen und/oder semantischen Regularitäten des freien4 Sprachgebrauchs aufweisen, die größtenteils nur (noch) innerhalb fester Wendungen anzutreffen sind. Gerade weil „phraseologische Irregularitäten“ dem allgemeinen, freien Sprachgebrauch widersprechen, gelten sie gemeinhin als phraseologietypisch, als phraseologiespezifisch, ja geradezu als ein Phraseologie-Indikator (vgl. NEUBERT 1977: 9 und ETTINGER 1998: 205). Zudem werden sie immer dann hervorgehoben, wenn das Phraseologizitätsmerkmal der Festigkeit thematisiert wird. So gelten sie aufgrund der Tradierung älterer Sprachverhältnisse als (vermeintliche) Prototypen phraseologischer Festigkeit (vgl. u. a. KORHONEN 1992a: 49 und STÖCKL 2004: 159). Mehr noch: Insbesondere in früheren Werken werden „phraseologische Irregularitäten“ nicht selten als ein notwendiges Charakteristikum für phraseologische Einheiten angeführt in dem Sinne, dass nur solche Wortverbindungen phraseologisch sind, die form- und/oder inhaltsseitige Besonderheiten aufweisen:

Many researchers choose to define formulaic language as only those items […] with irregular features of semantics or grammar […]. (WRAY 2009: 34; Hervorhebung im Original)5

Im Gegensatz zu BURGER (2012), der in einem resümierenden Überblick über die (historische) Phraseologie konstatiert, dass es sich bei „phraseologischen Irregularitäten“ um einen Gegenstandsbereich handelt, „zu dem das Wichtige wohl gesagt ist und der keiner neuen Diskussion bedarf“, bin ich der Ansicht, dass zu diesem Phänomen noch nicht alles gesagt und geschrieben ist und neue Diskussionen durchaus sinnvoll erscheinen. Betrachtet man die bisherige Behandlung „irregulärer“ Wortverbindungen innerhalb der Phraseologie genauer, so wird diese Forschungslücke offensichtlich: „Phraseologische Irregularitäten“ ← 5 | 6 → wurden trotz (oder gerade wegen?) ihrer Allgegenwärtigkeit und scheinbar zentralen phraseologischen Stellung, die ihnen „als Identifikationskriterien für formelhafte Wendungen“ (FILATKINA 2013: 37) zugesprochen wird, bislang kaum erforscht. Mit Ausnahme „lexikalischer Irregularitäten“ (Unikalia) und „semantischer Irregularitäten“ (Idiomatizität/Idiome) liegen keine größeren oder weiterführenden Studien zu diesem Gegenstandsbereich vor. Nach WEICKERT (1997: 90) kann daher Folgendes konstatiert werden, das auch im Jahr 2015 nicht an Aktualität verloren hat:

Aus dem fehlenden Interesse resultiert bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine unbefriedigende Aufarbeitung. Es existiert weder eine einheitliche Terminologie noch eine genaue Definition, die Ein- und Ausgrenzung des Gegenstandsbereichs fällt teilweise sehr unterschiedlich aus und auch eine (korpusbasierte) exhaustive Sprachgebrauchsanalyse fehlt bislang, geschweige denn sind sprachtheoretische Verortungen des Phänomens vorgenommen worden. Zwar werden Wendungen, die in irgendeiner Weise „irregulär“ erscheinen, bereits in den Anfängen der Phraseologieforschung (sprich: Idiomatik) thematisiert, ihre Beschreibung beschränkt sich dabei aber ausschließlich auf eine introspektive, lediglich mit wenigen Beispielen arbeitende und daher verkürzte Darstellung. Systematisch angelegte, dem Untersuchungsgegenstand aus einer empirisch-analytischen und theoretisch-fundierten Perspektive begegnende Studien liegen nicht vor.

Die Feststellung BURGERS (2012), „phraseologische Irregularitäten“ seien ausreichend untersucht, muss angesichts dieses defizitären Forschungsstands zur Diskussion gestellt werden. Mit FILATKINA (2013: 37) lässt sich vielmehr festhalten, dass insbesondere die systematische – sowohl synchrone als auch diachrone – Analyse der verschiedenen Typen „phraseologischer Irregularitäten“ immer noch ein Desiderat darstellt. So

Die vorliegende Arbeit nimmt sich dieses Desiderats an, indem erstmals das Phänomen sogenannter „phraseologischer Irregularitäten“ Gegenstand umfangreicher empirischer sowie theoretischer Untersuchungen ist. Ziel ist es also, eine Forschungslücke zu schließen, die seit der Frühzeit der Phraseologie bis heute ← 6 | 7 → Bestand hat. Neben einer exhaustiven Beschreibung geht es in erster Linie darum, den „irregulären“ Status „phraseologischer Irregularitäten“ zu relativieren und aufzuzeigen, dass diese genauso wenig wie unmarkierte Phraseme die Ordnung einer (formelhaften) Sprache stören und keineswegs als Ausnahmen, sondern als Normalfälle zu betrachten sind.

1.2  Zielsetzungen und Fragestellungen der Arbeit

Da eine umfassende Zusammenstellung, empirische Analyse und theoretische Einbettung von „phraseologischen Irregularitäten“ – wie oben beschrieben – noch aussteht, ist es das Bestreben der Arbeit, die gesamte Vielfalt „phraseologischer Irregularitäten“ systematisch aufzuzeigen, ihren tatsächlichen Gebrauch korpuslinguistisch auszuwerten und den Gegenstandsbereich mit unterschiedlichen sprachtheoretischen Ansätzen in Verbindung zu bringen. Es wird also darauf abgezielt, die verschiedenen Arten von „phraseologischen Irregularitäten“ einer theoretisch fundierten sowie empirisch validen Untersuchung auf synchroner und teilweise diachroner Ebene zu unterziehen. Insgesamt liegt der Arbeit eine allgemeinere Zielsetzung zugrunde, aus der sich konkretere empirische sowie theoretische Zielsetzungen und Fragestellungen ergeben:

    Allgemeine Zielsetzung: „Phraseologische Irregularitäten“ nehmen gerade wegen ihrer signifikanten Abweichung vom außerphraseologischen Sprachgebrauch nicht nur in der Phraseologie, sondern auch innerhalb der (deutschen) Sprache an sich eine Sonderstellung ein. Eine detaillierte Erforschung ist deshalb sinnvoll, da durch diese nicht nur Erkenntnisse für die formelhafte Sprache im Speziellen (z. B. über das komplexe Spannungsverhältnis zwischen phraseologischer Peripherie und phraseologischem Zentrum), sondern ebenso neue Erkenntnisse für die Sprache im Allgemeinen (z. B. in Bezug auf Sprachnorm und Sprachwandel) gewonnen werden können. Zentral ist insbesondere die Relativierung des „irregulären“, „anomalen“ Charakters bzw. ein sensiblerer Umgang in der Beurteilung von „Irregularität“ und „Regularität“ innerhalb einer (formelhaften) Sprache. So wird sich zeigen – und dies kann als das allgemeinere Ziel der Arbeit betrachtet werden –, dass der dem Untersuchungsgegenstand anhaftende Irregularitätscharakter gleich aus mehrfacher Sicht überdacht werden muss.

    Empirische Zielsetzungen: Es wird erstmals eine exhaustive Sammlung und Kategorisierung der „phraseologischen Irregularitäten“ des gegenwärtigen Deutsch angestrebt. Die erstellte Datenbasis dient als Grundlage für korpusbasierte Auswertungen, mit deren Hilfe Aussagen über den tatsächlichen ← 7 | 8 → Gebrauch dieser Erscheinungen gemacht werden können. Die Arbeit richtet sich nach dem Leitsatz, dass eine erschöpfende und der Sprachrealität angemessene Beschreibung „phraseologischer Irregularitäten“ nur durch die Untersuchung authentischen Sprachmaterials geleistet werden kann.

    Theoretische Zielsetzungen: Neben der Auseinandersetzung mit der bisherigen Terminologie, die schließlich zur Ablösung des negativ konnotierten Begriffs „phraseologische Irregularität“ und zur Einführung des neutralen Begriffs „formelhafte (Ir-)Regularität“ führt, wird eine Begriffsbestimmung erarbeitet. Abgesehen von terminologischen Fragen und Definitionsfragen wird der Überlegung nachgegangen, wie sich diese besonderen phraseologischen Wendungen aus sprachtheoretischer Sicht beschreiben lassen. Insgesamt werden vier Bereiche fokussiert und mit dem Untersuchungsgegenstand in Verbindung gebracht:

          Sprachnorm: Wie der Terminus „phraseologische Irregularität“ bereits andeutet, stehen diese Wendungen im Kontrast zur außerphraseologischen Sprachnorm. Es wird daher die Beziehung zwischen regulärer Sprachnorm und „irregulären“ Erscheinungen in Phrasemen genauer betrachtet und der Frage nachgegangen, inwiefern die vorzufindenden Sprachverhältnisse norm- bzw. sogar systemwidrig sind.

          Sprachwandel: Die Arbeit nimmt darüber hinaus die Entstehungsprozesse sowohl aus synchroner als auch diachroner Perspektive in den Blick. Es stellt sich die Frage, wie „phraseologische Irregularitäten“ in Konzepte moderner Sprachwandeltheorien einzuordnen sind. Mit anderen Worten: Können Sprachwandeltheorien die Tradierung älteren Sprachguts und älterer grammatischer Verhältnisse innerhalb von Phrasemen adäquat erklären bzw. wie lässt sich dieses Phänomen mit aktuellen Sprachwandeltheorien in Einklang bringen?

          Konstruktionsgrammatik: Aus grammatik-theoretischer Sicht werden „phraseologische Irregularitäten“ unter einem konstruktionsgrammatischen Blickwinkel betrachtet. Die Konstruktionsgrammatik bietet sich deswegen an, da sie in ihren Anfängen insbesondere auf (idiomatische) Phraseme zurückgreift und die Trennung zwischen „Regularität“ und „Irregularität“ generell infrage stellt.

          Formelhafte Sprache/Phraseologie: Besondere Aufmerksamkeit wird nicht zuletzt der Stellung „phraseologischer Irregularitäten“ innerhalb der formelhaften Sprache/Phraseologie geschenkt, wobei vor allem deren ← 8 | 9 → Einordnung in die zwei sprachtheoretischen Konzepte des Zentrum- Peripherie-Modells und des Feilkeschen Ebenen-Modells fokussiert wird.

1.3  Methodologie: Empirisches und theoretisches Vorgehen

Im Zuge der Arbeit ist es zunächst notwendig, relevante Untersuchungsschwerpunkte festzulegen und angemessene Beschreibungsinstrumentarien zu entwickeln, da auf diesem Feld empirisch sowie theoretisch kaum Vorarbeiten existieren. Dem Bereich der „phraseologischen Irregularitäten“ wird dabei mithilfe empirischer Methodik und unter Berücksichtigung moderner linguistischer Theorien begegnet:

    Empirisches Vorgehen: Zwar sind in der bisherigen Forschung bereits gewisse Klassifikationen „phraseologischer Irregularitäten“ vorhanden, diese basieren aber auf keiner empirischen Grundlage, sondern werden jeweils nur mit wenigen Beispielen vorgestellt. Im Gegensatz dazu stützt sich die vorliegende Arbeit auf eine möglichst vollständige Zusammenstellung „phraseologischer Irregularitäten“. Diese erfolgt zum einen mithilfe der bereits in der Forschungsliteratur angeführten Beispiele und zum anderen durch selbstständige Recherche. Mittels der Durchsicht der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011) werden die in der Forschung bereits bekannten „Irregularitäten“ ergänzt und vervollständigt. Die erstellte Sammlung bildet die Grundlage für weiterführende Kategorisierungsvorschläge und Analyseschritte. Zentral ist dabei die Methode der Korpusanalyse. Zur korpuslinguistischen Erforschung „phraseologischer Irregularitäten“ bedient sich die Arbeit des größten elektronischen Korpus deutschsprachiger Texte – dem Deutschen Referenzkorpus (im Folgenden DEREKO) – und dem dazugehörigen Korpusrecherche- und -analysesystem COSMAS-II (vgl. BELICA/STEYER 2008: 9).6 Neben dem DEREKO wird an einigen Stellen zudem auf „das größte Korpus der Welt – das Internet“ (SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 322) zurückgegriffen.7 Dabei stehen sowohl quantitative als auch ← 9 | 10 → qualitative Korpusanalysen im Fokus. In Form zahlreicher Einzelanalysen werden gezielt Besonderheiten „irregulärer“ Phraseme hervorgehoben. Darüber hinaus wird die aktuellste Datenbank zur historischen Phraseologie herangezogen, die im Rahmen des Projekts „Historische formelhafte Sprache und Traditionen des Formulierens“ (HiFoS)8 entstanden ist und mit deren Hilfe das Phänomen auch aus diachroner Perspektive in den Blick genommen werden kann.

    Theoretisches Vorgehen: „Phraseologischen Irregularitäten“ wird nicht nur auf empirischer, korpusbasierter Weise begegnet, sondern sie werden auch sprachtheoretisch verortet. Der Untersuchungsgegenstand wird mit linguistischen Theorien und Modellen in Beziehung gesetzt und somit eine erstmalige theoretische Einordnung dieser besonderen Erscheinungsformen in den Bereich der Phraseologie fokussiert. Es wird sich dabei nicht nur auf phraseologiespezifische Aspekte beschränkt, sondern es werden Forschungserkenntnisse und Analysekategorien aus anderen (benachbarten) linguistischen (Teil-)Disziplinen wie der Lexikografie, Kognitions- und Psycholinguistik, Wortbildung, Sprachnormforschung, Sprachwandelforschung und Konstruktionsgrammatik in die Untersuchung miteinbezogen. Nur unter der Voraussetzung einer derartigen multiperspektivischen und universellen Betrachtungsweise können diese heterogenen und sich auf nahezu allen Ebenen des Sprachsystems manifestierenden Erscheinungen angemessen beschrieben werden.

Insgesamt ist der methodische Ansatz also dahingehend gewählt, neuere Theoriebildung und linguistische Analyseverfahren (z. B. Korpuslinguistik, Sprachwandeltheorien und Konstruktionsgrammatik) einander zu ergänzen und den Untersuchungsgegenstand mithilfe innerdisziplinärer Verbindungen möglichst detailliert und ausführlich zu beschreiben. Insofern handelt es sich bei diesem Vorgehen auch um eine Neuperspektivierung des Untersuchungsgegenstands auf der Grundlage empirisch extrahierter Ergebnisse. ← 10 | 11 →


1      In der vorliegenden Arbeit wird durchgehend das generische Maskulinum verwendet. Weibliche Personen (wie Besucherinnen, Sprecherinnen, Sprachteilnehmerinnen, Forscherinnen, Linguistinnen etc.) sind dabei selbstverständlich mitgemeint.

2      http://de.statista.com/statistik/daten/studie/180570/umfrage/meistbesuchte-websites-in-deutschland-nach-anzahl-der-besucher/ (Stand 21.02.2015).

3      Unikalia(-kandidaten) werden in der gesamten Arbeit (fett) hervorgehoben.

4      „Frei“ wird in der Arbeit als Gegensatz zu „phraseologisch“ verwendet. Dass es sich hierbei nicht um eine völlige Entfaltungsfreiheit handelt, sondern die entsprechenden Elemente morphosyntaktischen und semantischen Regularitäten unterliegen, ist dabei jedoch selbstverständlich. „Frei“ sollte daher immer in Anführungszeichen gedacht werden.

5      Angesichts einer weiten Auffassung von Phraseologie stellt eine solche Betrachtungsweise jedoch eine unzureichende Verkürzung dar. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist man sich innerhalb der Forschung weitgehend einig, dass Formelhaftigkeit weit über grammatische und semantische „Irregularitäten“ hinausgeht: „Stipulating irregularity or non-transparency as the marker of formulaicity is a means of ensuring that all the examples identified definitely are formulaic. However, according to the morpheme-equivalence model, the definition is too conservative, because it excludes formulaic material that has not yet developed any oddities of form or meaning […]“ (WRAY 2009: 38).

6      http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/web-app/ (Stand 20.03.2015).

7      Außerdem wurde stichprobenartig in der „Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD2)“ des IDS in Mannheim nach „phraseologischen Irregularitäten“ gesucht. Erste Suchanfragen ergaben jedoch zu geringe Trefferzahlen (z. B. nur zwei Treffer für etw. auf dem Kerbholz haben oder einen Treffer für in Teufels Küche kommen/geraten), weshalb sich die Korpusanalyse der vorliegenden Arbeit primär auf geschriebene Texte des DEREKO stützt.

8      Siehe http://hifos.uni-trier.de/ (Stand 22.10.2014).

2.  Phraseologie und formelhafte Sprache: Eine problemorientierte Bestandsaufnahme im Hinblick auf „phraseologische Irregularitäten“

2.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Die Phraseologie ist als eigenständige Forschungsdisziplin aus der Sprachwissenschaft nicht mehr wegzudenken, gerade auch, weil sie sich als eine fruchtbare Quelle für innerdisziplinäre Forschungs- und Erklärungsansätze erweist.9 DOBROVOLSKIJ (1992: 29) spricht der Phraseologie sogar eine zentrale Stellung innerhalb der modernen Linguistik zu, die vor allem aus der Aufweichung der traditionellen Phraseologie-Grenzen, die in den frühen Ansätzen meist nicht über das Feld der Idiomatik im klassischen Sinne hinausreichen, und der damit verbundenen Kooperation mit verschiedenen linguistischen Theorien, Methoden und Disziplinen resultiere.10 Dabei ist es gerade die inner- und interdisziplinäre Kooperation, die die Grenzen des Untersuchungsgegenstands erheblich aufweicht und zwangsläufig zu Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber anderen linguistischen Teildisziplinen führt (vgl. STEIN 1994: 153). Die im Laufe der Zeit entstandenen fließenden Grenzen veranlassen BÖHMER (1997) sogar zu der Frage, ob die Phraseologie heute noch als einheitliches Gebiet haltbar ist. Hierzu ist zu sagen, dass die Phraseologie zum gegenwärtigen Zeitpunkt trotz der sukzessiven Ausweitung ihres Untersuchungsgegenstands und ihrer innerdisziplinären ← 11 | 12 → Öffnung als einheitliches Gebiet angesehen werden kann. Der Untersuchungsbereich hat sich zwar stark erweitert – mit der Folge, dass die Grenzen zu Nachbardisziplinen wie zum Beispiel der Syntax und der Textlinguistik immer mehr verschwimmen –, diese Entwicklung ist aber noch lange kein Grund, der Phraseologie ihre Eigenständigkeit abzusprechen. Ganz im Gegenteil: Es zeichnet sich immer mehr ab, wie viel „Phraseologisches“ in anderen linguistischen Teildisziplinen steckt.

Das folgende Kapitel skizziert Formen dieser Ausweitung und gibt einen problemorientierten Einblick in den gegenwärtigen Stand der Phraseologieforschung. Es werden die Forschungsgeschichte, terminologische Fragen, Eigenschaften und Klassen formelhafter Wendungen sowie zwei Modelle zur Kategorisierung des phraseologischen Bestandes genauer und vor allem immer im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit betrachtet. Zentral ist dabei die Frage, inwiefern sich die phraseologietypischen Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität bei „irregulären“ Phrasemen ausdrücken und ob es hierbei auffällige Unterschiede zu unmarkierten Wendungen gibt. Das Kapitel dient zudem der Einführung in das Zentrum-Peripherie-Modell und das Ebenen-Modell, auf die gegen Ende der Arbeit nochmals intensiver im Zusammenhang mit der theoretischen Einordnung „phraseologischer Irregularitäten“ eingegangen wird (siehe Kapitel 18.5 und 18.6).

2.2  Forschungsgeschichte der Phraseologie, oder: Die Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die damit einhergehende Vernachlässigung „phraseologischer Irregularitäten“

Die Forschungsgeschichte der deutschen Phraseologie kann nach KÜHN (2007) in drei Phasen unterteilt werden (siehe Übersicht 2–1).

1)  Die vorwissenschaftliche Vorphase (circa 1500–1970) ist geprägt vom intensiven Sammeln und Dokumentieren von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten (vgl. KÜHN 2007: 620f.). Diese „historische Sprichwörterlexikographie“ liefert allerdings „keine Impulse für die Ausarbeitung einer linguistisch fundierten Phraseographie oder Phraseologie“ (KÜHN 2007: 621).

2)  Eine eigentliche Phraseologieforschung – so wie wir sie heute kennen – kristallisiert sich in Deutschland erst Anfang der 1970er Jahre durch den Einfluss sowjetischer Forschung heraus. In der Anfangsphase geht es vor ← 12 | 13 → allem darum, den Gegenstandsbereich und die Klassifikation von Phrasemen sprachstrukturell zu erfassen (vgl. KÜHN 2007: 621–626).

3)  Die allmähliche Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die Erkenntnis des graduellen Charakters phraseologischer Einheiten leiten in die sogenannte Konsolidierungsphase über, an deren Anfang vor allem die (Einführungs-)Werke von BURGER u. a. (1982) und FLEISCHER (1982) stehen (vgl. KÜHN 2007: 626–631). Der sprachstrukturelle Ansatz wird zunehmend durch semantische, pragmatische und textuelle Fragestellungen ersetzt. Die weitere Auffassung von „Festigkeit“ und das damit verbundene Konzept der „Formelhaftigkeit“ bereiten darüber hinaus den Weg zur Verknüpfung der Phraseologieforschung mit angrenzenden linguistischen Teildisziplinen (z. B. Gesprochene Sprache Forschung und Textlinguistik).

Übersicht 2-1:  Forschungsgeschichte der (germanistischen) Phraseologie nach KÜHN (2007), erweitert durch STUMPF

image ← 13 | 14 →

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Ein Ende der Konsolidierungsphase sieht KÜHN (2007) nicht, wobei gerade der Sammelband „Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung.“, in dem dieser Aufsatz publiziert ist, eine weitere Zäsur ermöglicht und die Konsolidierungsphase bereits für abgeschlossen erklärt werden kann. Die Aufnahme der Phraseologie in die renommierte Reihe „Handbücher zur ← 14 | 15 → Sprach- und Kommunikationswissenschaft“ zeigt, dass sie sich längst zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt hat und eine neue Phase eingeleitet ist:

4)  Die nun folgende Spezialisierungsphase ist bzw. wird meines Erachtens geprägt vom Versuch, die Grenzen zwischen freiem und phraseologischem Sprachgebrauch mittels intensiver Kollokationsforschung11 weiter zu relativieren, sowie der zunehmenden inner- und interdisziplinären und sprachvergleichenden Vernetzung. Darüber hinaus zeichnen sich korpus- und computerlinguistische Ansätze immer mehr als solide und für die phraseologische Forschung nutzbringende Methoden ab, die es ermöglichen, hochfrequente Muster unseres Sprachgebrauchs aufzudecken (siehe BUBENHOFER 2009 sowie STEYER 2013). Ein wichtiges, zum Teil jedoch vernachlässigtes Anliegen ist außerdem schon seit Längerem und auch heute noch, die Phraseologie auf eine solide theoretische Grundlage zu stellen. Mit FEILKES (1994, 1996, 1998) Konzept der idiomatischen Prägung sowie dem daraus resultierenden Ebenen-Modell (siehe FEILKE 2004) sind hierfür bereits vielversprechende Ansätze vorhanden, die in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Im Fokus zukünftiger Phraseologieforschung werden zudem Untersuchungen stehen, die formelhafte Sprache mit der zurzeit äußerst „attraktiven“ Konstruktionsgrammatik in Verbindung bringen; die Konstruktionsgrammatik bietet sich für eine stärkere theoretische Fundierung der Phraseologie geradezu an. Diesbezüglich stellt FEILKE (2007: 63) fest, dass

     es – vielleicht abgesehen von der aktuellen Hochkonjunktur der Kollokationsforschung – kaum ein phraseologisches Forschungsgebiet [gibt], das in der jüngsten Forschungsentwicklung eine vergleichbar große Aufmerksamkeit in der allgemeinen Sprachtheorie gefunden hätte.

     Ein großes Desiderat besteht weiterhin im Bereich einer historischen Aufarbeitung formelhafter Sprache. Zwar sind durch das HiFoS-Projekt an der Universität Trier das Althochdeutsche und zum Teil auch das Mittelhochdeutsche und Frühneuhochdeutsche einer phraseologischen Analyse unterzogen worden, eine größere und zusammenhängende Arbeit, die diese Ergebnisse bündelt und für die Forschungsgemeinschaft aufbereitet, steht aber noch aus (siehe FILATKINA in Vorbereitung). Darüber hinaus kann sich die Diskurslinguistik in den nächsten Jahren sicherlich nicht (mehr) davor versperren, auch feste Wortverbindungen als diskursanalytisches Zugriffsobjekt genauer in ← 15 | 16 → den Blick zu nehmen.12 Dass Phraseme ein „diskursmarkierendes Potenzial“ besitzen, verdeutlichen KREUZ/STUMPF (2014) anhand eines anschaulichen Beispiels und plädieren daher „für eine intensivere Vernetzung der beiden sprachwissenschaftlichen Forschungszweige“ (KREUZ/STUMPF 2014: 50).

Während in den Anfängen der (germanistischen) Phraseologieforschung vor allem feste und idiomatische Wortverbindungen (Idiome) im Mittelpunkt stehen, dehnt sich im Laufe der Jahre der Untersuchungsbereich auch auf Einheiten aus, die die traditionellen Definitionsmerkmale nur noch teilweise aufweisen (z. B. Routineformeln) (vgl. SCHMALE 2011: 179). Es setzt sich die Unterscheidung zwischen einem „engen“ (polylexikalisch, fest, idiomatisch) und einem „weiten“ Phraseologiebegriff (polylexikalisch, fest) durch (vgl. BURGER 2010: 14). Diese könnte angesichts der sukzessiven Erweiterung des Untersuchungsgegenstands sogar um einen „sehr weiten“ Phraseologiebegriff ergänzt werden, da es zum einen formelhafte Erscheinungen gibt, die nicht polylexikalisch sind (z. B. pragmatische Einwortäußerungen wie hallo, dankeschön und tschüs) bzw. dieses Kriterium weit überschreiten (formelhafte Texte). Zum anderen zeigen korpuslinguistische Studien, dass sich Formelhaftigkeit nicht nur in Form semantischer, struktureller oder pragmatischer Festigkeit bemerkbar macht, sondern dass sich formelhafte Einheiten auch durch hohe Gebrauchshäufigkeit bzw. Kookkurrenz etablieren können (sogenannte usuelle Wortverbindungen nach STEYER 2013).13 Von einer „sehr weiten Fassung“ der Phraseologie spricht auch SCHINDLER (1996a: 22), indem er das Merkmal der Reproduziertheit anführt, das sich gerade auch auf völlig reguläre Verbindungen anwenden lasse. SCHINDLER (1996a: 23) geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht von einer „extrem weite[n] Fassung von ← 16 | 17 → Phraseologie […], wenn man darunter generell die Untersuchung der Verbindbarkeit der Lexeme einer Sprache versteht, so daß auch freie Wortverbindungen zum Phänomenbereich zählen.“ Er kommt jedoch zu dem Schluss – dem ich mich anschließen möchte –, dass solch eine „extrem weite“ Auffassung angesichts der unendlichen Größe frei produzierter Verbindungen unzweckmäßig ist.

An den Bereich einer „sehr weiten“ Phraseologie knüpft in letzter Zeit der relativ neue konstruktionsgrammatische Ansatz an, der davon ausgeht, dass eine natürliche Sprache aus mehr oder weniger vorgefertigten und routinierten Konstruktionen besteht. Danach können sprachliche Einheiten als Form-Bedeutungspaare (sogenannte Konstruktionen) beschrieben werden (vgl. STEFANOWITSCH 2011a: 181), die zum Teil dem Bereich der Phraseologie angehören, zum Teil jedoch die Grenzen einer „sehr weiten“ Konzeption sprengen (z. B. abstrakte, lexikalisch nicht-spezifizierte Satzbaupläne). Auf die Gefahr, dass der Phraseologiebegriff im Falle eines Einbezugs syntaktischer Musterhaftigkeit im Sinne der Konstruktionsgrammatik überstrapaziert wird, macht FEILKE (2007: 64) aufmerksam, wenn er die berechtigte Frage stellt,

Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist anzumerken, dass trotz des steigenden Interesses an peripheren phraseologischen Klassen (vgl. BURGER 2004: 38) kaum Studien zu den wohl zentralsten Phrasemtypen vorliegen: Phraseme mit formalen und/oder semantischen „Irregularitäten“. Feste Wortverbindungen, die in ihrer Struktur oder Semantik in irgendeiner Weise vom freien Sprachgebrauch abweichen, werden seit jeher aufgrund ihres stark „irregulären“ Charakters als die typischsten festen Wortverbindungen angesehen: sozusagen Phraseme par excellence. Die stetige Ausweitung des Gegenstandsbereichs steht im Widerspruch mit der kaum vorhandenen Grundlagenforschung zu „irregulären“ phraseologischen Einheiten. Die Verlagerung des Forschungsschwerpunkts hin zu peripheren, regulären formelhaften Wendungen erfolgte ohne die wirkliche Auseinandersetzung mit den scheinbar im Zentrum stehenden „irregulären“ Phänomenen.14 Die vorliegende Arbeit wirkt diesem defizitären Forschungsstand entgegen und befasst sich zum ersten Mal intensiver mit diesen Phrasemtypen. ← 17 | 18 →

2.3  Zur (Phraseologie-)Terminologie

Ein großes Problem der Phraseologieforschung bestand lange Zeit in der überaus heterogenen Terminologie für die Bezeichnung des Untersuchungsgegenstands. Während die Begrifflichkeiten (insbesondere in der sogenannten Anfangsphase) kaum an zwei Händen abzählbar waren,15 hat man sich in der heutigen Phraseologieforschung im Großen und Ganzen auf die beiden synonym verwendeten Termini „Phrasem“ bzw. „Phraseologismus“ festgelegt.16 Der die Teildisziplin benennende Terminus „Phraseologie“, der in früheren Arbeiten oft mit „Idiomatik“ gleichgesetzt wird, steht in der heutigen Forschung fast ausschließlich für eine weite Konzeption des Untersuchungsgegenstands (vgl. LÜGER 1999: 31).17

Ein weiterer wichtiger und für die heutige Forschung geradezu richtungsweisender Terminus gelangt mit der Erforschung von (sprachlichen) Routinen und in Anlehnung an die Kommunikationstheorie, Ritualforschung und Textsortenlinguistik in die Phraseologieforschung: formelhafte Sprache bzw. Formelhaftigkeit (vgl. FILATKINA 2011: 79). Der Terminus spiegelt die Ausweitung des Gegenstandsbereichs wider, da er sich vor allem auf Einheiten bezieht, die nicht mehr dem traditionellen Kernbereich angehören (z. B. pragmatische Phraseme, Kollokationen und Modellbildungen):

Details

Seiten
XVIII, 543
ISBN (PDF)
9783653060782
ISBN (ePUB)
9783653956368
ISBN (MOBI)
9783653956351
ISBN (Buch)
9783631668467
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. XVIII, 543 S., 4 farb. Abb., 17 s/w Abb., 72 Tab.

Biographische Angaben

Sören Stumpf (Autor)

Sören Stumpf studierte Germanistik, Geschichtswissenschaften und Bildungswissenschaften an der Universität Trier. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Germanistischen Linguistik der Universität Trier.

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Titel: Formelhafte (Ir-)Regularitäten