Lade Inhalt...

Fremde und eigene Sprachen. Linguistische Perspektiven / Foreign and Own Languages. Linguistic Perspectives

Akten des 51. Linguistischen Kolloquiums in Vilnius 2016 / Selected Papers of the 51st Linguistics Colloquium in Vilnius 2016

von Virginija Masiulionytė (Band-Herausgeber:in) Skaistė Volungevičienė (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 494 Seiten
Reihe: Linguistik International, Band 40

Zusammenfassung

Dieses Buch präsentiert den Ertrag des 51. Linguistischen Kolloquiums 2016 in Vilnius (Litauen). Unter dem Rahmenthema «Fremde und eigene Sprachen» behandeln die 31 Beiträge in deutscher und englischer Sprache vor allem Probleme des Sprachvergleichs, des Sprachkontakts, der Mehrsprachigkeit, des Zweitspracherwerbs, der Übersetzung und der zwischensprachlichen Kommunikation vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels in Europa. Darüber hinaus kommen auch sich wandelnde Funktionen der Linguistik und pragmatische, lexikalische, semantische und grammatische Phänomene einzelner europäischer Sprachen und ihrer Varietäten in systematischer und historischer Hinsicht zur Sprache.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Das Fremde, das Eigene und die Sprache/The Foreign, the Own and the Language
  • Markierung fremder Rede: Typen und Funktionen (Axel Holvoet)
  • Das Fremde in der eigenen Sprache (Wolfgang Pöckl)
  • Wie eine fremde Sprache zur eigenen wird: Der Fall „Deutsche Philologie“ an der Universität Vilnius (Diana Šileikaitė-Kaishauri)
  • Die eigene Sprache in Europa (Gerhard Stickel)
  • Fünfzig Jahre Linguistisches Kolloquium – Zur Funktion der Linguistik in ihrem historischen Umfeld (Heinrich Weber)
  • Diskursanalytische Aspekte/Discourse Analytical Aspects of Study
  • (Mis)understanding metaphorically used names (Angelika Bergien)
  • Discourse Analysis of the Category of Subject (Marina Fomina)
  • Globalisierungs-Topoi im Bologna-Diskurs: Eine exemplarische diachrone Darstellung (Tanja Škerlavaj)
  • Mehrsprachigkeit und Interkulturelle Kommunikation/Plurilingualism and Intercultural Communication
  • Fremde Sprachen im beruflichen Kontext: Zur Sprachbewusstheit von Mitarbeiter/inne/n hinsichtlich plurilingualer Phänomene (Margit Breckle)
  • Fremdverstehen und seine Dimensionen in den interkulturell orientierten Lernsettings (Agnieszka Fus)
  • Zur Verwendung des Deutschen oder des Albanischen in familiären Kommunikationssituationen. Ein Einblick in ein Dissertationsprojekt (Nesrin Limani / Beate Henn-Memmesheimer)
  • Sprachhistorische Aspekte/Historical-Linguistic Aspects of Study
  • Das lexikalische Feld Wasser in der eschatologischen Literatur des Mittelalters (Aleksej Burov / Daumantas Katinas)
  • Feste Wortverbindungen in der altlitauischen Lexikographie (Skaistė Volungevičienė / Vilma Zubaitienė)
  • Varietätenlinguistische Aspekte/Sociolinguistic Aspects of Study
  • Rumäniendeutsch als Varietät des Deutschen (Ioana-Narcisa Crețu)
  • English in German-Speaking Switzerland (Jürg Strässler)
  • Translationswissenschaftliche Aspekte/Translation Strategies and Techniques
  • Schimpfwörter in der deutschen Übersetzung der Romane „Sterne der Eiszeit“ und „Blaubarts Kinder“ von R. Šerelytė (Gražina Droessiger)
  • Medien in der Medizin: Visual Storytelling in der Pharmawerbung (Cornelia Feyrer)
  • Zur Häufung von Adjektiven im Sprachvergleich Deutsch-Litauisch: Eine übersetzungsbezogene Untersuchung (Skaidra Girdenienė)
  • Semantische und pragmatische Aspekte/Semantic and Pragmatic Aspects of Study
  • Eine Sicht auf die Perspektive (Bernhard Fisseni)
  • Form, signification, and location as basic categories for a theory of language (Kazimierz A. Sroka)
  • Lexikologische und lexikografische Aspekte/Lexicological and Lexicographic Aspects of Study
  • Von Advodan bis DanX: Dänische Organisationsnamen mit dem choronymischen Wortbestandteil dan (Klaus Geyer)
  • Sprichwörter in deutsch-litauischen Wörterbüchern. Eine kritische Bestandsaufnahme (Lina Plaušinaitytė / Skaistė Volungevičienė)
  • Grammatische Aspekte/Grammatical Aspects of Study
  • Between stub compounds and blends (Camiel Hamans)
  • Verbkonstruktionen im Georgischen und Entstehung neuer Wörter (Lela Samushia)
  • Zur Diminution der Substantive: Bulgarische Diminutive mit dem Suffix -ец (Bisserka Veleva)
  • Der Absentiv aus der Perspektive des Litauischen (Vaiva Žeimantienė)
  • Sprachpolitische Aspekte/Language Policy
  • Spracheinstellungen als Indikatoren für das Prestige von Sprachen: Ein soziolinguistisches Experiment in Litauen (Anastasija Kostiučenko)
  • „Urlaubsgasthaus“ oder doch „Holiday Inn“? Sprachpolitik in Litauen im Spiegel von Facebook-Witzen (Virginija Masiulionytė / Birutė Ryvitytė / Inesa Šeškauskienė)
  • Spracherwerb und sprachdidaktische Aspekte/Language Acquisition and Didactic Aspects of Study
  • Willingness to Communicate and Achievement in Speaking Skill in Monolingual and Bilingual EFL Learners (Vladimir Legac)
  • Disambiguation: Learning strategy or outcome of word learning? – Insights from mono- and bilingual children (Kate M. Repnik)
  • The phonological tasks for children in a bilingual education. Report from the studies (Małgorzata Rocławska-Daniluk)
  • Autorenverzeichnis/List of authors
  • Reihenübersicht

VIRGINIJA MASIULIONYTĖ /
SKAISTĖ VOLUNGEVIČIENĖ (HRSG.)

FREMDE UND EIGENE
SPRACHEN. LINGUISTISCHE
PERSPEKTIVEN

FOREIGN AND OWN
LANGUAGES. LINGUISTIC
PERSPECTIVES

AKTEN DES 51. LINGUISTISCHEN KOLLOQUIUMS
IN VILNIUS 2016

SELECTED PAPERS OF THE 51ST LINGUISTICS
COLLOQUIUM IN VILNIUS 2016

Herausgeberangaben

Virginija Masiulionytė ist Dozentin am Institut für Sprachen und Kulturen im Ostseeraum, Universität Vilnius (Litauen). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Humorforschung, Translation und Rechtssprache.

Skaistė Volungevičienė ist Dozentin am Institut für Sprachen und Kulturen im Ostseeraum, Universität Vilnius (Litauen). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Korpuslinguistik und Translation.

Über das Buch

Dieses Buch präsentiert den Ertrag des 51. Linguistischen Kolloquiums 2016 in Vilnius (Litauen). Unter dem Rahmenthema „Fremde und eigene Sprachen“ behandeln die 31 Beiträge in deutscher und englischer Sprache vor allem Probleme des Sprachvergleichs, des Sprachkontakts, der Mehrsprachigkeit, des Zweitspracherwerbs, der Übersetzung und der zwischensprachlichen Kommunikation vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels in Europa. Darüber hinaus kommen auch sich wandelnde Funktionen der Linguistik und pragmatische, lexikalische, semantische und grammatische Phänomene einzelner europäischer Sprachen und ihrer Varietäten in systematischer und historischer Hinsicht zur Sprache.

Zitierfähigkeit des eBooks

Diese Ausgabe des eBooks ist zitierfähig. Dazu wurden der Beginn und das Ende einer Seite gekennzeichnet. Sollte eine neue Seite genau in einem Wort beginnen, erfolgt diese Kennzeichnung auch exakt an dieser Stelle, so dass ein Wort durch diese Darstellung getrennt sein kann.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das Fremde, das Eigene und die Sprache/ The Foreign, the Own and the Language

Axel Holvoet

Markierung fremder Rede: Typen und Funktionen

Wolfgang Pöckl

Das Fremde in der eigenen Sprache

Diana Šileikaitė-Kaishauri

Wie eine fremde Sprache zur eigenen wird: Der Fall „Deutsche Philologie“ an der Universität Vilnius

Gerhard Stickel

Die eigene Sprache in Europa

Heinrich Weber

Fünfzig Jahre Linguistisches Kolloquium – Zur Funktion der Linguistik in ihrem historischen Umfeld

Diskursanalytische Aspekte/ Discourse Analytical Aspects of Study

Angelika Bergien

(Mis)understanding metaphorically used names

Marina Fomina

Discourse Analysis of the Category of Subject

Tanja Škerlavaj

Globalisierungs-Topoi im Bologna-Diskurs: Eine exemplarische diachrone Darstellung←5 | 6→

Mehrsprachigkeit und Interkulturelle Kommunikation/ Plurilingualism and Intercultural Communication

Margit Breckle

Fremde Sprachen im beruflichen Kontext: Zur Sprachbewusstheit von Mitarbeiter/inne/n hinsichtlich plurilingualer Phänomene

Agnieszka Fus

Fremdverstehen und seine Dimensionen in den interkulturell orientierten Lernsettings

Nesrin Limani, Beate Henn-Memmesheimer

Zur Verwendung des Deutschen oder des Albanischen in familiären Kommunikationssituationen. Ein Einblick in ein Dissertationsprojekt

Sprachhistorische Aspekte/ Historical-Linguistic Aspects of Study

Aleksej Burov, Daumantas Katinas

Das lexikalische Feld Wasser in der eschatologischen Literatur des Mittelalters

Skaistė Volungevičienė, Vilma Zubaitienė

Feste Wortverbindungen in der altlitauischen Lexikographie

Varietätenlinguistische Aspekte/ Sociolinguistic Aspects of Study

Ioana-Narcisa Crețu

Rumäniendeutsch als Varietät des Deutschen

Jürg Strässler

English in German-Speaking Switzerland

Translationswissenschaftliche Aspekte/ Translation Strategies and Techniques

Gražina Droessiger

Schimpfwörter in der deutschen Übersetzung der Romane „Sterne der Eiszeit“ und „Blaubarts Kinder“ von R. Šerelytė←6 | 7→

Cornelia Feyrer

Medien in der Medizin: Visual Storytelling in der Pharmawerbung

Skaidra Girdenienė

Zur Häufung von Adjektiven im Sprachvergleich Deutsch-Litauisch: Eine übersetzungsbezogene Untersuchung

Semantische und pragmatische Aspekte/ Semantic and Pragmatic Aspects of Study

Bernhard Fisseni

Eine Sicht auf die Perspektive

Kazimierz A. Sroka

Form, signification, and location as basic categories for a theory of language

Lexikologische und lexikografische Aspekte/ Lexicological and Lexicographic Aspects of Study

Klaus Geyer

Von Advodan bis DanX: Dänische Organisationsnamen mit dem choronymischen Wortbestandteil dan

Lina Plaušinaitytė, Skaistė Volungevičienė

Sprichwörter in deutsch-litauischen Wörterbüchern. Eine kritische Bestandsaufnahme

Grammatische Aspekte/ Grammatical Aspects of Study

Camiel Hamans

Between stub compounds and blends

Lela Samushia

Verbkonstruktionen im Georgischen und Entstehung neuer Wörter

Bisserka Veleva

Zur Diminution der Substantive: Bulgarische Diminutive mit dem Suffix -ец←7 | 8→

Vaiva Žeimantienė

Der Absentiv aus der Perspektive des Litauischen

Sprachpolitische Aspekte/ Language Policy

Anastasija Kostiučenko

Spracheinstellungen als Indikatoren für das Prestige von Sprachen: Ein soziolinguistisches Experiment in Litauen

Virginija Masiulionytė, Birutė Ryvitytė, Inesa Šeškauskienė

„Urlaubsgasthaus“ oder doch „Holiday Inn“? Sprachpolitik in Litauen im Spiegel von Facebook-Witzen

Spracherwerb und sprachdidaktische Aspekte/ Language Acquisition and Didactic Aspects of Study

Vladimir Legac

Willingness to Communicate and Achievement in Speaking Skill in Monolingual and Bilingual EFL Learners

Kate M. Repnik

Disambiguation: Learning strategy or outcome of word learning? – Insights from mono- and bilingual children

Małgorzata Rocławska-Daniluk

The phonological tasks for children in a bilingual education. Report from the studies

Autorenverzeichnis/List of authors←8 | 9→

Vorwort

Der vorliegende Sammelband, der den Untertitel „Akten des 51. Linguistischen Kolloquiums in Vilnius“ trägt, umfasst thematisch breit gestreute Beiträge. Diese Beiträge stellen Weiterentwicklungen und Überarbeitungen der im Rahmen des 51. Linguistischen Kolloquiums gehaltenen Vorträge dar. Diese traditionsreiche internationale Tagung, die Sprachwissenschaftler(innen) aus unterschiedlichsten Ländern jährlich zusammenbringt, fand im Jahre 2016 an der Philologischen Fakultät der Universität Vilnius (Litauen) statt und trug das Motto „Fremde und eigene Sprachen. Linguistische Perspektiven“. Thematisch stand dabei die mehrsprachige Linguistik im Vordergrund, vor allem die Auslandslinguistik, die durch kontrastiven Forschungsansatz, Wechselbeziehung zwischen der eigenen Muttersprache und – häufig mehreren – Fremdsprachen sowie durch Annahme unterschiedlicher Forschungsperspektiven geprägt ist.

Die Beiträge in diesem Sammelband spiegeln die Vielfalt dieser Perspektiven wider, die sich für die Linguistinnen und Linguisten durch verschiedene „eigene“ und „fremde“ Sprachen eröffnen. Dabei geht es häufig um kontrastive Forschungsansätze, um interkulturelle Interaktionen und übersetzungsbezogene Fragestellungen, um bi- und plurilinguale Phänomene beim Spracherwerb und in alltäglicher Kommunikation, um grammatikalische, lexikalische und diskursbezogene Besonderheiten verschiedener europäischer und außereuropäischer Sprachen und ihrer Varietäten, um Spracheinstellungen und Sprachpolitik sowie um historische Dimensionen der Sprachwissenschaft. Dieser Sammelband versteht sich als ein weiterer Beitrag zu linguistischen Untersuchungen und soll die Tradition des Linguistischen Kolloquiums mit neuen Untersuchungen fortsetzen.

Die Herausgeberinnen danken allen Autor(inn)en und Gutachter(inne)n für ihre enge und konstruktive Zusammenarbeit bei der Vorbereitung der Publikation. Dem Peter-Lang-Verlag gilt unser Dank für die Hilfe und freundliche Unterstützung bei der Herausgabe dieses Sammelbandes.

Die Herausgeberinnen

Vilnius, im November 2017←9 | 10→ ←10 | 11→

Axel Holvoet

Markierung fremder Rede: Typen und Funktionen1

Abstract: The article deals with the types of linguistic marking of reference to other people’s speech, and with their functions. I distinguish evidential, quotative and echoic markers. Quotatives, unlike evidentials, focus on verbal and non-verbal form rather than propositional content; echoic use mostly refers to imputed utterances as reflecting a certain mindset or way of thinking.

Schlüsselwörter: Redewiedergabe; Evidentialität; Quotative; echoische Verwendung

Keywords: speech representation; evidentials; quotatives; echoic use

Zum Forschungsbereich der Redewiedergabe gehören neben dem eigentlichen Zitieren (der sogenannten „direkten Rede“2), bei dem die wiedergegebene Aussage formal autonom dasteht und nur minimal mit dem syntaktischen Kontext in Wechselwirkung tritt, verschiedene Formen der „Verarbeitung“ fremder Aussagen, bei der ihr Inhalt, ihre Form oder ihre illokutive Kraft zu weiteren kommunikativen Zwecken benutzt werden und diese Tatsache auch mit grammatischen oder lexikalischen Mitteln markiert wird. Ich möchte hier drei Funktionen dieser Markierung hervorheben. Erstens sind fremde äußerungen eine Informationsquelle. In vielen Sprachen gibt es Angaben zur faktischen Begründung der Aussage in der Form sogenannter evidentieller Markierung („evidentials show the kind of justification for a factual claim which is available to the person making that claim“, Anderson 1986), und dieser Begründung dienen oft fremde äußerungen. Zweitens ist die Wiedergabe von äußerungen ein Mittel zum Schildern einer Geistesverfassung, eines Gedankentrends oder eines Charakters. Drittens spiegeln fremde äußerungen oft fremde Auffassungen wider, die als Hintergrund für die Bekundung eigener Ansichten dienen können. Den letzteren Funktionen ist bisher weniger Aufmerksamkeit gewidmet worden als der Evidentialität. Ich werde mich in diesem Aufsatz bemühen, ein grobes Gesamtbild der Typen des Bezugs auf fremde Aussagen sowie ihrer unterschiedlichen Funktionen zu skizzieren.

Zum ausgiebig erforschten Gebiet der Evidentialität erhebe ich nicht den Anspruch, etwas Neues zu sagen. Ich will nur daran erinnern, dass (ganz abgesehen von der Frage, ob Evidentialität an sich eine Spielart der propositionalen Modalität←13 | 14→ oder eine eigenständige Kategorie ist, vgl. dazu die bei Boye 2012, 1–2 erwähnte Literatur) die evidentielle Markierung oft epistemische Färbung annimmt, indem sie als Abwälzung der Verantwortung für den Wahrheitsgehalt einer Behauptung oder sogar als negative Beurteilung des Wahrheitsgehalts gedeutet wird (vgl. dazu Aikhenvald 2004, 179–185). Ich werde unten darauf zurückkommen.

Der zweiten der oben erwähnten Funktionen dienen die sogenannten Quotative, die ich im Sinne von etwa Golato (2000) oder Buchstaller/van Alphen (2012) von der Evidentialität trennen möchte. Die betreffende Verwendungsweise des Terminus „quotativ“ weicht von einer schon einigermaßen etablierten Tradition ab, in der Quotativität als Spielart der Reportativität mit Angabe der Mitteilungsquelle verstanden wird (vgl. für das Deutsche vor allem Diewald/Smirnova 2010, 66 ff., wo etwa der deutsche Konjunktiv der indirekten Rede der Quotativität zugeordnet wird). Quotative, wie ich sie hier im Anschluss an Buchstaller/van Alphen u. a. verstehen werde, dienen nicht zur Wiedergabe des propositionalen Gehalts einer Äußerung, was den Hauptbereich evidentieller Markierung ausmacht, sondern sie markieren eine ungefähre Wiedergabe einer äußerung mit Einbezug zusätzlicher sprachlicher Elemente wie Stil, Register oder Intonation, sowie nichtsprachlicher Elemente wie Mimik. Daher eignen sie sich für solche Zwecke wie die Schilderung eines Verhaltens oder einer Mentalität. Bekannte Beispiele quotativer Markierung in diesem Sinne sind Ausdrücke wie englisch and (s)he’s like oder deutsch und sie/er so:

(1) Und ich so: Äh. (Filmtitel)

(2) They told me the number and I was like, ‘Yeah right.’3

Ein propositionaler Gehalt, der sich mit alternativen sprachlichen Mitteln paraphrasieren ließe, liegt hier nicht vor und ist für quotative Markierung offenbar nicht von wesentlicher Bedeutung. Die Äußerung kann aus lauter Interjektionen bestehen. Ist hier übrigens eine verbale Äußerung überhaupt noch notwendig? Diese Frage erhebt sich bei der russischen Partikel mol, die häufig jemandes Gedanken oder dasjenige, was jemand in einer gewissen Situation hätte sagen können, wiedergibt:

image

Gesagt wird hier offensichtlich nichts, da aber das nichtverbale Verhalten über die kommunikative Absicht des Subjekts Aufschluss gibt, kann diese in einer vom←14 | 15→ Sprecher annähernd rekonstruierten verbalen Gestalt gekennzeichnet werden. Dass diese Rekonstruktion nur annähernd sein kann (im Geist des Subjekts wird vielleicht nichts verbalisiert) ist wohl kein ernsthafter Einwand, denn Quotative brauchen überhaupt keine genaue Wiedergabe des Gesagten zu gewährleisten: Sie geben bloß eine Idee der Sprechintention sowie der Art und der formalen Mittel ihrer Wiedergabe.

Wie weit sind wir aber bereit, den Begriff Quotativ zu strecken? In solchen Fällen wie (3) könnte man geltend machen, dass es sich letzten Endes um einen mit nichtverbalen Mitteln vollzogenen Kommunikationsakt handelt, deren Inhalt man bloß zu verbalisieren braucht. Die Schwierigkeiten häufen sich aber, wenn es weder eine konkrete kommunikative Situation noch einen konkreten Kommunikationsteilnehmer gibt, und eine sprachliche Form bloß als ungefähre Wiedergabe dessen, was jemand in einer ähnlichen Situation hätte sagen bzw. denken können, hingestellt wird. Um klarzustellen, was hier gemeint ist, möchte ich mich hier des Beispiels einer spezifischen Verwendungsweise des russischen Imperativs bedienen. Dieser hat neben seiner eigentlich imperativischen Grundbedeutung eine sekundäre Verwendungsweise, mittels derer der Sprecher seine Empörung über etwas ihm Zugemutetes zum Ausdruck bringt, wie etwa in (4)

image

Durch die Verwendung des Imperativs wird hier auf eine imaginäre Situation Bezug genommen, in der jemand „Bleibe hier sitzen!“ gesagt hätte. Zutreffend sagt die russische Akademiegrammatik von 1970, es handle sich bei solchen Verwendungsweisen nicht um einen eigentlichen Imperativ, sondern um „eine den Imperativ wiedergebende Form“ (Švedova 1970, 579). Ich möchte nahelegen, dass wir uns hier außerhalb des Bereichs des eigentlichen Zitierens begeben. Die Imperativform in (4) möchte ich als echoischen Imperativ kennzeichnen. Es handelt sich um eine Verwendungsweise, die Sperber und Wilson (1986) als „echoische Interpretation“ bezeichnen. Wie Sperber und Wilson hervorheben, können sprachliche Ausdrücke sich nicht nur auf außersprachliche Sachverhalte beziehen, sondern auch auf sprachliche äußerungen, denen sie formverwandt sind. Solches liegt natürlich vor allem beim Zitieren vor, aber eine Aussage kann auch, ohne dass das für Zitieren erforderliche Maß der Genauigkeit der Wiedergabe erreicht wird, auf eine andere Aussage hinlenken, indem sie dieser sprachliches Material entnimmt. Eine Aussage kann auf einen gewissen Typ der Aussage Bezug nehmen und dadurch den Eindruck hervorrufen, was mit einer solchen Aussage üblicherweise bewirkt wird; Bezug auf einen konkreten Sprecher und eine konkrete Sprechsituation ist hier nicht mehr notwendig. Eben dies ist in (4) zu beobachten: Vielleicht waren es eher äußere Umstände als ein individuelles Gebot bzw. Verbot, durch die die Situation,←15 | 16→ die die Empörung des Sprechers hervorruft, entstanden ist, die echoische Wiedergabe eines typischen direktiven Sprechakts eignet sich aber für die Kennzeichnung der Situation sowie für ihre Bewertung. Hervorzuheben ist, dass die interpretative Verwendungsweise nicht der metalinguistischen gleichzusetzen ist: Bei metalinguistischer Verwendung beziehen sich sprachliche Ausdrücke auf sich selbst, bei echoischer Verwendung dagegen auf äußerungen, in denen sie auftreten.

Wie es für Informationen aus zweiter Hand sowie für die lebhafte Schilderung realer äußerungen eigens bestimmte Typen sprachlicher Markierung gibt, so gibt es sie auch für echoische Verwendung. Die in (3) verwendete russische Partikel mol wäre ein Beispiel dafür. In (3) bezieht sie sich auf das, was in einer konkreten Situation hätte gesagt werden können, in (5) dagegen wird bloß ein Gedankentrend charakterisiert:

image

Allerdings gibt es auch Fälle, in denen explizite Markierung der echoischen Verwendung überflüssig ist. Im Russischen hat der echoische Imperativ als Merkmal, dass er nicht konjugiert wird, sondern als erstarrte Form der 2. Person Singular erscheint, also ja, ty, on/ona, my, vy, oni rabotaj ‘mir/dir/ihm/ihr/uns/euch/ihnen wird zugemutet, zu arbeiten’, was eindeutig darauf hinweist, dass es sich um eine aus einem anderen Sprechakt verschleppte und an den aktuellen morphosyntaktischen Kontext nur teilweise angepasste grammatische Form handelt. Infolge mangelnder Anpassung an den morphosyntaktischen Kontext steht der echoische Imperativ des Russischen in der Aussage als Fremdkörper da, dessen echoische Eigenart ebendeshalb leicht nachzuweisen ist: Ein wirklicher Imperativ der 2. Person kann ja nicht mit einem Personalpronomen der 1. Person verbunden werden. Somit erübrigt sich die weitere Markierung des echoischen Charakters des betreffenden Aussageteils. In dieser Hinsicht nehmen echoisch verwendete deontische Ausdrücke (dazu vgl. Holvoet/Konickaja 2011) unter den Typen der echoischen Verwendung eine Sonderstellung ein. Auf Fälle, in denen das Fehlen sonstiger Anzeichen der echoischen Verwendung deren explizite Markierung erforderlich macht, komme ich unten noch zurück.

Zunächst aber möchte ich auf die (über die echoische Verwendung hinausgehende) Bedeutung deontischer Ausdrücke für die Wiedergabe fremder Behauptungen hinweisen. Als Beispiel diene hier das Slowenische. Diese Sprache besitzt eine hortative Partikel naj, die in Verbindung mit einer Präsensform den Imperativ für die 3. Person ersetzt:←16 | 17→

image

‘James Bond möge hierher nach Slowenien kommen!’4

Dieselbe Partikel kann aber mit der 1. Person Singular verwendet werden in sogenannten deontischen Fragen, d. h. wenn der Sprecher von seiner Frage eher eine Anweisung als eine Auskunft erhofft:

image

‘Wie und was soll ich essen, damit mein Blutzucker niedriger wird?’5

Fragen dieses Typs entwickeln sich weiter zu Aussagen, in denen der Sprecher seine Empörung über eine Zumutung ausdrückt. Es handelt sich hier nur noch bloß formal um einen Fragesatz, und das Verb tritt immer in der Irrealisform auf, die die Irrealität des dem Sprecher Zugemuteten hervorhebt:

image

In einem nächsten Schritt wird „Ablehnung einer Zumutung“ durch „Ablehnung einer Behauptung“ ersetzt:

image

‘Ich soll dich etwa sexuell belästigt und auf Sex mit dir angespielt haben?’6

Dieser Funktionswandel rührt daher, dass eine fremde Behauptung oft als Willensäußerung konzeptualisiert wird. Sprecher sind geneigt, sich selbst die Fähigkeit unvoreingenommener Beobachtung zuzutrauen, während Befürworter abweichender←17 | 18→ Meinungen im Verdacht stehen, die Dinge so zu sehen, wie sie sie tückischer Weise sehen wollen. Das Prinzip „Fremde Behauptung ist Willensakt“ äußert sich in vielen Sprachen etwa in der Verwendung des Verbs „wollen“ zur Wiedergabe fremder Meinungen:

(10) … so dass man diesem Metall weder eine unentbehrliche noch auch nur nützliche Rolle, wenn auch vielleicht nicht eine gerade schädliche, wie manche Autoren es wollen, zuschreibt. (P. Vageler, Die mineralischen Nährstoffe der Pflanze)

(11) Il est peut-être vrai, comme le veulent certains écrivains religieux russes, que leur mal représente le péché principal de l’occident.

Biographische Angaben

Virginija Masiulionytė (Band-Herausgeber:in) Skaistė Volungevičienė (Band-Herausgeber:in)

Virginija Masiulionytė ist Dozentin am Institut für Sprachen und Kulturen im Ostseeraum, Universität Vilnius (Litauen). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Humorforschung, Translation und Rechtssprache. Skaistė Volungevičienė ist Dozentin am Institut für Sprachen und Kulturen im Ostseeraum, Universität Vilnius (Litauen). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Korpuslinguistik und Translation.

Zurück

Titel: Fremde und eigene Sprachen. Linguistische Perspektiven / Foreign and Own Languages. Linguistic Perspectives