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Die napoleonische Epoche zwischen Erfahrung und Memoria

Erinnerungskulturelle Funktionalisierung der Konsulats- und Kaiserreichsmemoiren in Frankreich im 19. Jahrhundert

von Michaela Bacher (Autor:in)
Dissertation 364 Seiten
Reihe: Konsulat und Kaiserreich, Band 6

Zusammenfassung

Wie wurde in Frankreich im langen 19. Jahrhundert an Napoleon Bonaparte (1769–1821) und die von ihm geprägte Epoche von Konsulat und Kaiserreich erinnert? In einem emotional aufgeladenen Diskurs setzten sich die Franzosen mit dem Leben und Wirken Napoleons auseinander und suchten nach Antworten auf die brennenden zeitgeschichtlichen Fragen. Am Beispiel ausgewählter Memoiren ehemaliger Zeitgenossen geht die Autorin dem Ursprung des bis heute gespaltenen Umgangs mit der Erinnerung an diesen Abschnitt der französischen Geschichte nach und nimmt die von verschiedenen Ansprüchen und Bedürfnissen geprägten Erinnerungskulturen in den jeweiligen Gegenwarten dieses bewegten Säkulums in den Blick.
Dabei wird die Wirkungsweise von Memoiren als erinnerungskulturelles Medium analysiert und nach dem Beitrag ihrer Verfasser zur Durchsetzung bestimmter Erinnerungskonstruktionen gefragt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Memoria und Memoirentradition in Frankreich
  • 1.2 Memoiren als Erinnerungsort
  • 1.3 Memoiren als erinnerungskulturelles Medium
  • 1.4 Memoiren zwischen Geschichts- und Literaturwissenschaft
  • 1.5 Methodisches Vorgehen und Fragestellungen
  • 2. Erinnerungskultur und Memoirenkonjunktur: Rahmenbedingungen narrativer Erinnerungskonstruktion
  • 2.1 Während Restauration und Julimonarchie (1815–1848)
  • 2.1.1 Restaurative Erinnerungspolitik
  • 2.1.2 Memoria im Moment politischer Leere
  • 2.1.3 Liberaler Auftakt erinnerungskultureller Aufarbeitung
  • 2.1.4 Erinnerungskulturelles Fundament
  • 2.1.5 Erinnerungskultur der Romantik
  • 2.1.6 Gestalter literarischer Erinnerung
  • 2.1.7 Napoleonkult Anfang der 1830er Jahre
  • 2.1.8 Funktionalisierung von Memoria während der Julimonarchie
  • 2.2 Während der Zweiten Republik und des Zweiten Kaiserreichs (1848–1870)
  • 2.2.1 Staatlich verordneter Napoleonkult
  • 2.2.2 Erinnerung militärisch funktionalisiert
  • 2.2.3 Erinnerung literarisch inszeniert
  • 2.2.4 Erinnerung oppositionell instrumentalisiert
  • 2.3 Von der Dritten Republik bis zum Fin de Siècle (1870–1900)
  • 2.3.1 Wiederbelebung der légende noire in den 1870er Jahren
  • 2.3.2 Republikaner im Konflikt mit der napoleonischen Memoria
  • 2.3.3 Neue Publikationswelle während der Belle Époque
  • 3. Erinnerungskultur und Memoirenproduktion: Analyse narrativer Erinnerungskonstruktion
  • 3.1 Zeugenschaft: Begründung der Deutungskompetenz
  • 3.1.1 Personenbezogene Beglaubigung
  • 3.1.2 Erfahrungsgestützte Ermächtigung
  • 3.1.3 Selbstverpflichtung zur Wahrheit
  • 3.1.4 Quellen und Hilfsmittel
  • 3.1.5 Auslassungen und Erinnerungsgrenzen
  • 3.2 Selbstdarstellung: Ziele und Strategien in den Deutungsangeboten der Autoren
  • 3.2.1 Vermächtnis
  • 3.2.2 Selbstbeweihräucherung
  • 3.2.3 Rechtfertigung
  • 3.2.4 Emotionales Nacherleben
  • 3.2.5 Verdienstmöglichkeit
  • 4. Memoirenproduktion und Memoria: Produzentenseitige Funktionalisierung zwischen mémoire und contre-mémoire
  • 4.1 Aushandlung: Zeitgeschichtlicher Erinnerungsdiskurs
  • 4.1.1 Perspektivität
  • 4.1.2 Variabilität
  • 4.1.3 Fehlerbewertung und Beweisaufnahme
  • 4.1.4 Bezugnahme und Berichtigung
  • 4.2 Verdichtung: Napoleon als zentrale Erinnerungsfigur
  • 4.2.1 Identifikation
  • 4.2.2 Distanzierung
  • 4.2.3 Charakterisierung
  • 4.2.4 Verehrung und Verteidigung
  • 4.2.5 Verachtung und Verdammung
  • 4.3 Sinnstiftung: Die napoleonische Epoche als zentraler Erinnerungsgegenstand
  • 4.3.1 Erinnern und Reflektieren
  • 4.3.2 Selektieren und Berichten
  • 4.3.3 Erzählen und Historisieren
  • 5. Memoria und Memoirenrezeption: Funktionalisierung von Konsulats- und Kaiserreichsmemoiren
  • 5.1 Funktionalisierung der Memorialistik in den Geschichtswerken von Adolphe Thiers, Jules Michelet und Hippolyte Taine
  • 5.1.1 Intention und Wirkung
  • 5.1.2 Quellenauswahl
  • 5.1.3 Memoirenauswahl
  • 5.1.4 Wissensreservoir und Stimmungsbilder
  • 5.1.5 Charakterstudien
  • 5.2 Aufnahme der Memorialistik in zeitgenössischen Zeitschriften
  • 5.2.1 Ankündigungen
  • 5.2.2 Besprechungen
  • 5.3 Memorialistik zwischen Angebot und Nachfrage
  • 5.3.1 Verbreitungsgrad
  • 5.3.2 Verbreitungsbemühungen
  • 6. Schlussbetrachtung
  • 7. Quellen- und Literaturverzeichnis

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1.  Einleitung

Erinnerungen „gehören zum eigensten Wesen und Bedürfnis des Menschen und der Menschheit“, bemerkte der deutsche Geschichtstheoretiker Johann Gustav Droysen.1 Sie sind „ein Band zwischen den Seelen, die sich in ihnen begegnen“ und, so Droysen weiter, „keine menschliche Gemeinschaft ist ohne sie; jede hat in ihrem Gewordensein, ihrer Geschichte das Bild ihres gewordenen Seins, gleichsam die Erklärung und das Bewußtsein über sich selbst, – ein Gemeinbesitz der Beteiligten, der ihre Gemeinschaft um so fester und inniger macht, je reicher er ist“.2 Welche Bedeutung und Dynamik entfaltete die Erinnerung an Napoleon Bonaparte (1769–1821) und die von ihm geprägte Epoche von Konsulat und Kaiserreich, in einer von verschiedenen Bedürfnissen und Ansprüchen geformten Erinnerungskultur in Frankreich im 19. Jahrhundert?

Der bekannte französische Schriftsteller und Zeitgenosse Napoleons, François- René de Chateaubriand (1768–1848) bemerkte: „Bonaparte war so sehr ein Mann der absoluten Herrschaft, dass wir, nachdem wir dem Despotismus seiner Person erlegen sind, nun dem Despotismus seiner Erinnerung erliegen müssen.“3 Diese Feststellung brachte er zur Zeit der Julimonarchie (1830–1848) zu Papier, einer Phase wahrer „Gedächtnis-Katharsis“4, wenn es um die Erinnerung an die damals jüngste Zeitgeschichte von Konsulat und Kaiserreich ging. Bereits im Jahr 1818 prognostizierte der Romancier Stendhal, mit dem bürgerlichem Namen Henri Beyle (1783–1842), dass in den kommenden fünfzig Jahren die Geschichte Napoleons jedes Jahr neu geschrieben werden müsse.5

Tatsächlich dauerte der erinnerungskulturelle Aushandlungsprozess um die napoleonische Erinnerung deutlich länger an als von Stendhal prophezeit und reicht bis zu den aktuellen Debatten im heutigen Frankreich. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy beobachtet allerdings in unserer Zeit ein „gewisses Unbehagen“, vor allem in Frankreich, wenn es darum geht, Napoleon angemessen zu ← 11 | 12 → gedenken.6 Das begründet sie erstens mit der langen Zeitdauer, welche die französische Napoleon-Forschung zwischen Verherrlichung und Verurteilung benötigte, um sich vollständig von den Legenden zu befreien. Zweitens, meint Savoy, könne es an der überdimensionalen Größe liegen, die Napoleon im kollektiven europäischen Gedächtnis innehabe. Für die meisten europäischen Länder ist die Erinnerung an die napoleonische Zeit zu einem festen Bestandteil ihrer Ursprungsmythen geworden.7 Der Historiker Erich Pelzer begründet den gespaltenen Umgang in Frankreich mit dem napoleonischen Erbe in zweifacher Weise: Napoleon führte die französische Nation in ihrer wechselvollen Geschichte nicht nur zu größtem Ruhm, sondern auch auf das Schlachtfeld von Waterloo, dem Schauplatz einer der größten Niederlagen Frankreichs.8 Zudem diente Napoleon den Menschen in Europa als Hoffnungsträger, trieb aber zugleich den Kontinent an den Rand der Verzweiflung.9 Der besiegte und nach Sankt Helena verbannte erste Kaiser der Franzosen, polemisiert der Feuilletonkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Andreas Kilb, habe gerade deshalb die „Schlacht um die Erinnerung“ gewonnen, weil es ihm gelungen sei, die französische Nation endgültig zu spalten.10

Im gegenwärtigen Frankreich lässt sich tatsächlich Uneinigkeit feststellen, vor allem wenn es um den Umgang mit der Erinnerung an die napoleonische Epoche anlässlich ihrer Jahrestage geht. Das zeigen die polemischen Debatten, die auf den Verzicht auf offizielle Gedenkveranstaltungen zum 200. Jahrestag der Schlacht von Austerlitz im Jahr 2005 folgten. In einem öffentlichen Brief an den Staatspräsidenten Jacques Chirac beklagte sich Pierre Nora, Mitglied der Académie française, bitterlich über das offizielle Schweigen zur eigenen Geschichte.11 Der französische Napoleon-Historiker Jean Tulard übte 2006 in einem Interview ebenfalls harsche Kritik an dem Verzicht der französischen Regierung, ← 12 | 13 → vergangene Größe zu kommemorieren: „Wir haben Austerlitz ignoriert, aber einen französischen Flugzeugträger zu den Feiern des britischen Sieges bei Trafalgar entsandt – weiter kann man den Napoleon-Hass nicht treiben“.12 Bei der royalistischen Rechten und der extremen Linken war Napoleon immer schon verhasst. Der geringschätzige Umgang mit Napoleon, die damnatio memoriæ, begann für Tulard jedoch erst mit der Präsidentschaft Jacques Chiracs und der gemeinsam mit seinem Premier, Dominique de Villepin, getroffenen Entscheidung, keinerlei Siege zeremoniell zu präsentieren.13 Bis dahin habe Napoleon immer einen festen Platz im offiziellen Leben Frankreichs gehabt. Bei Unterzeichnung des Versailler Vertrages 1919 beschwuren die Marschälle Ferdinand Foch und Joseph Joffre noch feierlich das napoleonische Erbe.14 Und anlässlich seines 200. Geburtstags am 15. August 1969 habe sich Paris in einem regelrechten Jubiläumstaumel befunden.

Die Vorbereitungen auf diese erinnerungskulturellen Feierlichkeiten dauerten fünf Jahre.15 Eigens dazu wurde ein Nationalkomitee mit Charles de Gaulle als Ehrenvorsitzendem gegründet. Napoleon, so befand de Gaulle im Gespräch mit seinem einstigen Kulturminister André Malraux, „hat Frankreich kleiner zurückgelassen, als er es vorfand; doch eine Nation definiert sich nicht auf solche Weise. Für Frankreich war es nötig, daß es ihn gab. Von ihm gilt ein wenig, was für Versailles gilt: es mußte gebaut werden. Um Größe soll man nicht feilschen.“16 Für ihn zählte nicht, dass „Napoleon ein verstümmeltes Frankreich hinterlassen hat: für ihn ist wichtig, daß der Kaiser den Franzosen bewiesen hat, daß Frankreich existiert.“17

Um dieses Vermächtnis zu ehren und ihm zu gedenken, wurde vom Organisationskomitee so viel geplant und vorbereitet, dass die Feierlichkeiten sich über mehrere Monate hinzogen. Es gab eine Messe in der Pariser Kathedrale Notre-Dame, Militärparaden, historische Spiele und Volksfeste, Sendungen im Fernsehen, Zeitungsserien, teilweise auf empire-grünem Sonderpapier, diverse Ausstellungen und sogar eine Kreuzfahrt des Luxusdampfers France nach ← 13 | 14 → Korsika, Elba und Sankt Helena.18 Von Juni bis Dezember 1969 wurde im Grand Palais eine reich bestückte Napoleon-Ausstellung gezeigt, in der „in erster Linie das wundersame Schicksal […] des Bonaparte und sein Werk als Staatsmann anhand wichtiger offizieller Dokumente“ illustriert werden sollte, so lauteten die Worte in der Pressemitteilung des französischen Kulturministeriums.19 Doch konnte die „staatliche Erinnerungsorgie des Jahres 1969“20 die erinnerungskulturelle Spaltung in Frankreich nicht verdecken. Während führende Politiker, wie auch der damalige Präsident Georges Pompidou, Verteidigungsminister Michel Debré und hohe Militärs Napoleon huldigten, verlangte Frankreichs Linke im Wochenmagazin Nouvel Observateur auch für das Napoleon-Jahr das Recht zu rufen: „Nieder mit dem Kaiser“.21 Die Historiker veranstalteten ihrerseits verschiedene Tagungen mit dem expliziten Ziel, die strukturellen Veränderungen im napoleonischen Frankreich und Europa zu erforschen, statt der damals bereits umfassenden Napoleon-Bibliographie noch weitere hagiographische Studien hinzuzufügen.22 Nach dem erinnerungskulturellen Kulminationspunkt Ende der 1960er Jahre entschleunigte sich das offizielle Gedenken an die napoleonische Epoche. Viele der napoleonischen Institutionen wie der Conseil d’état, die Légion d’honneur und die Banque de France feierten ihre eigenen Gründungstage eher zurückhaltend. In bescheidenem Format gab es kleinere Ausstellungen zu Napoleon und seiner Zeit zum Beispiel in Malmaison, in Compiègne, in Fontainebleau, in Versailles oder im Louvre. Auf groß angelegte, umfangreiche Ausstellungen zum Kaiserreich wurde jedoch verzichtet und die Erinnerung vielmehr auf die „Revolution als positive Heldin“ konzentriert.23

Allmählich verschwand Napoleon aus den zentral festgelegten Lehrplänen an Frankreichs Schulen. Das bremste jedoch nicht seine Popularität. Eine größere und nachhaltigere Beschäftigung, sowohl in historischer Forschung als auch in Literatur und Film, hat wohl kaum eine andere Person der abendländischen ← 14 | 15 → Geschichte erfahren.24 Mit ungebrochener Wucht entfaltete seine Erinnerung medial eine suggestive Kraft in Film und Fernsehen, Historienromanen, sogar in Videospielen und Comics.25 Einen festen Platz in der Filmgeschichte hat sich Sergei Fjodorowitsch Bondartschuks Waterloo-Verfilmung von 1970 gesichert. Und auch die vierteilige Filmproduktion mit Christian Clavier als Napoleon war 2002 nicht nur in Frankreich, sondern europaweit ein Riesenerfolg. Wie populär Napoleon noch in unserer Zeit ist, zeigen auch Auktionen, bei denen ehemalige Besitztümer Napoleons wie Kleidung, Gemälde, Briefe und andere persönliche Gegenstände zu sehr hohen Beträgen versteigert werden. Die im Jahr 1987 gegründete Fondation Napoléon kümmert sich unter anderem um diese Form von Erinnerungspflege und kauft seit 1990 solche Gegenstände an. Eine Baumwollweste und eine Halbhose aus Kaschmir, die Napoleon getragen haben soll, gehört zu ihren Schätzen.26 Bei einer Auktion in Fontainebleau im Jahr 2014 ersteigerte ein Sammler aus Südkorea einen von angeblich 19 noch existierenden Zweispitzen Napoleons. Für die Rekordsumme von fast 1,9 Millionen Euro erhielt der Meistbietende den Zuschlag für jene markante Kopfbedeckung aus schwarzem Filz, die Napoleon während der Schlacht von Marengo in Italien getragen haben soll.27 Bis heute erinnert dieses Markenzeichen Napoleons „an die Substanz und die Widersprüche Europas zur Zeit der Revolutions- und Napoleonischen Kriege“.28

Dass dagegen die staatliche Erinnerung an Napoleon in Frankreich ein sensibles Feld darstellt, mag daran liegen, dass jede Vergegenwärtigung des Kaiserreichs nur das Bewusstsein der verlorenen Größe, des déclin français als Weltmacht, verstärkt.29 Die für das nationale Kulturerbe Frankreichs zuständigen Institutionen hatten seit der Retrospektive in den Galeries nationales du Grand Palais von 1969 keine Veranstaltung von internationaler Bedeutung zu Napoleon mehr angeschoben. Der ehemalige Direktor des Musée de l’Armée in Paris, Général Robert Bresse, erklärte dieses „einige Jahrzehnte währende Unwohlsein“ mit ← 15 | 16 → der gewaltigen Komplexität der Aufgabe, das Leben und Wirken von Napoleon in einer kritischen Synthese zu bearbeiten.30

Erst im Frühjahr 2013 wurde die von Bénédicte Savoy kuratierte und unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel sowie Nicolas Sarkozy stehende Ausstellung „Napoleon und Europa. Traum und Trauma“ nach ihrer Station in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn 2010/2011 auch im Musée de l’Armée in Paris, ganz in der Nähe von Napoleons Grab im Invalidendom, gezeigt. In gesamteuropäischer Perspektive wurde in dieser Ausstellung das huldigende Fahrwasser früherer Ausstellungen verlassen und das napoleonische Erbe als „Ergebnis komplexer Wechselwirkungen, grenzüberschreitender Dynamiken und vielschichtiger Erinnerungskonstruktionen“31 betrachtet. Es hätte wohl kein besserer Ort für diese Ausstellung gefunden werden können. Denn „wenn es um die Erinnerung an Napoleon geht“, meinte Bresse, „ist das Hôtel des Invalides mit seinen Museen einer der bedeutendsten Orte in Frankreich und auf der Welt“.32 Die zahlreichen Besucher, die täglich zu Napoleons Grab pilgern, werden im Ehrenhof der Anlage von seiner überlebensgroßen Statue begrüßt und das angegliederte Museum sieht es als seine wichtigste Aufgabe, die Siege der Grande Armée zu verherrlichen.33 Im jährlichen Bericht des Musée de l’Armée wird der Erfolg der Ausstellung hervorgehoben: 74 118 Besucher34 sahen sich zwischen März und Juli 2013 Napoléon et l’Europe an.35 An gleicher Stelle wurde von April bis Juli 2016 eine neue Ausstellung mit dem Titel Napoléon à Sainte-Hélène. La conquête de la mémoire gezeigt.36

Die Anlage des Hôtel national des Invalides mit der Dauerausstellung, wechselnden Ausstellungen und dem Grabmal Napoleons gehört zu den am ← 16 | 17 → häufigsten besuchten Sehenswürdigkeiten von Paris37, ein weiterer Beleg für die starke „Kraft seines Namens, nicht nur für die Franzosen“38. „Sie kennen sein Grabmal“, meinte Charles de Gaulle weiter und fragte: „Wo je sahen wir die Menge den Schauder der Größe gewaltiger erleben?“39

Beim Betrachten des Stadtplans der französischen Hauptstadt fällt auf, wie sehr die napoleonische Epoche im Straßenbild noch heute präsent ist und die Erinnerung damit aufrechterhalten wird: Metrostationen40 wie Pyramides und Campo Formio oder die sternförmig zum Triumphbogen führenden Avenuen, wie die Avenue de la Grande Armée, Avenue de Friedland, Avenue d’Iéna, oder Avenue de Wagram, kommemorieren die Siege Napoleons, Boulevards und Plätze tragen die Namen seiner Marschälle, wie der Boulevard Masséna. Der eigenen Niederlagen hingegen wird nicht gedacht. Nichts erinnert zum Beispiel an die verlorene Völkerschlacht bei Leipzig.41 Obwohl es hinsichtlich der Größe der Armee, der Zeitdauer und der geographischen Ausdehnung die größte Schlacht Napoleons war, weiß man in Frankreich nichts darüber, kritisiert der Historiker ← 17 | 18 → Bruno Colson in seiner 2013 erschienenen Studie.42 Natürlich kann man fragen, welches Land sich gerne an seine Niederlagen erinnert. Und dennoch, von allen geschlagenen Schlachten ist Napoleons letzte Niederlage die wohl bekannteste. Der Fokus der erinnerungskulturellen Aufarbeitung durch Geschichtsschreibung, Literatur und Malerei liegt deutlich auf der Schlacht bei Waterloo.43

In den europäischen Hauptstädten wird bis heute das Andenken an Namen, Orte und Ereignisse der napoleonischen Epoche konserviert. Ein Bahnhof und eine Brücke wurden jedoch nicht in Paris, sondern in London, im Land von Wellington, nach der finalen Schlacht benannt, ein „deutlicher Beleg für den selektiv-perspektivischen Charakter des nationalen Gedächtnisses“44. Durch die Erinnerung an die eigenen Siege, das darf nicht vergessen werden, manifestieren sich die Niederlagen der einstigen Gegner im Gedächtnis und „verlängern historische Konfrontationen weit über ihre Zeit hinaus“45. Deshalb unterscheiden sich je nach Land die erinnerten Elemente der gemeinsamen Geschichte.46 In Frankreich erinnert man sich an Waterloo als „un horrible affrontement franco-britannique“. Für die Engländer handelt es sich um „une de leurs plus grandes victoires“.47 Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Entente cordiale zwischen England und Frankreich im Jahr 2004 wurde auf Schloss Windsor der einzige für die Veranstaltung geeignete Saal, die sogenannte Waterloo-Chamber, in „Musik-Zimmer“ umbenannt. Die Porträts der siegreichen Gegner Napoleons blieben aber hängen.48 Für die Franzosen stellt Waterloo unbestritten ein Synonym für die totale Niederlage da. Die Redewendung „sein Waterloo erleben“ steht auch in der deutschen Sprache für das totale Scheitern. ← 18 | 19 →

Mehr als 200 Jahre sind nun vergangen, seitdem die napoleonische Herrschaft über Europa mit der Schlacht bei Waterloo ihr Ende nahm und Napoleon in die Verbannung nach Sankt Helena geschickt wurde. Ist 2015 damit in der Reihe von Jahrestagen das Erinnerungsjahr par excellence? Im Epilog zu seinem im Waterloo-Gedenkjahr 2015 erschienenen Buch stellt der französische Essayist Dimitri Casali die Frage: „Avons-nous besoin de Napoléon en 2015?“49

Tatsächlich gab es anlässlich des 200. Jahrestags die größte historische Nachstellung der Schlacht mit mehr als 5 000 Statisten, 300 Pferden und 100 Kanonen bei jenem Ort 20 Kilometer südlich von Brüssel, den Kirstin Buchinger in ihrer Habilitation als „europäischen Gedächtnisort“50 bezeichnete. Die Organisatoren dieses bislang größten Reenactments hofften auf den Besuch des französischen Präsidenten oder des Premierministers.

Noch im November 2013 unterstrich das französische Staatsoberhaupt die Bedeutung des Gedenkens in Zusammenhang mit den Jahrestagen zum Ersten Weltkrieg: „Commémorer, c’est renouveler le patriotisme. Commémorer, c’est porter un message de confiance dans notre pays.“51 Im Gegensatz dazu kam es jedoch nicht infrage, an den Feierlichkeiten der französischen Niederlage in Belgien teilzunehmen: „Le président ne va pas se précipiter à être le premier chef d’Etat à célébrer une défaite française.“52 Während Großbritannien, Belgien und die Niederlande Mitglieder der Königsfamilien als Repräsentanten zu dem Erinnerungsspektakel schickten, erschien als Vertreter Frankreichs nur der französische Botschafter in Belgien. „C’est un non-sujet pour nous“53 hörte man aus dem Außenministerium am Quai d’Orsay.

Wie schwer sich die Verantwortlichen in Frankreich mit der Erinnerung an jene Schlacht tun, zeigt auch ihre Reaktion im Frühjahr 2015 auf eine in Belgien geplante Sonderprägung offizieller Zwei-Euro-Münzen mit Waterloo-Motiv. Die französische Regierung meinte, dass solche Münzen „zu unnötigen Spannungen in Europa“ und „ungünstigen Reaktionen in Frankreich“ führen würden.54 Nach dem französischen Veto mussten die bereits geprägten 180 000 Münzen wieder ← 19 | 20 → eingeschmolzen werden. Die belgische Regierung ließ sich davon jedoch nicht beirren und brachte anlässlich der Gedenkfeiern im Juni 2015 zwei Sondermünzen zu einem nicht üblichen Nennwert von 2,50 Euro und zehn Euro heraus. Damit umging sie die Bestimmungen der Euro-Zone, wonach jedem Mitgliedsland ein Widerspruchsrecht eingeräumt werde, wenn ein Münzentwurf „ablehnende Reaktionen bei seinen Bürgern hervorzurufen drohe“.55 Die 2,50-Euro-Münze zeigt den Löwenhügel auf dem Schlachtfeld, die Zehn-Euro-Münze bildete die Silhouette Napoleons und zwei Szenen der Schlacht ab.

Dennoch zeichnet sich im heutigen Frankreich, mit Ausnahme der Reaktion französischer Eliten auf den geschilderten vent mémoriel aus Belgien, eine Entspannung im erinnerungskulturellen Umgang mit dem napoleonischen Erbe ab. Im Vergleich zu dem von Polemik und Empörung geprägten Klima im Jahr 2005 sieht der französische Historiker und Vertreter der Fondation Napoléon, Pierre Branda, zehn Jahre später in Frankreich Zeichen der Beruhigung. In den Vorworten zu den Katalogen der beiden im Waterloo-Gedenkjahr kuratierten Ausstellungen Napoléon et Paris56 im Musée Carnavalet sowie Pie VII face à Napoléon57 im Schloss Fontainebleau, liest er eine wohlwollende Neutralität „autour de la mémoire du vainqueur d’Austerlitz“58 heraus.

Insgesamt sei der Ton in den Jahr für Jahr erscheinenden Publikationen zur napoleonischen Epoche ausgeglichener geworden. Dies gilt auch für den Katalog zur Waterloo-Ausstellung, die vom 15. April bis zum 11. Juli 2015 in der südwestlich von Paris gelegenen Stadt Boulogne-Billancourt gezeigt wurde.59 Im Frankreich von 2015, meint Dimitri Casali, sei Napoleon als Identitätsfigur nicht wegzudenken: „Pour tous ceux ayant besoin de se rassembler autour d’une des figures tutélaires de l’identité française il est le personnage indispensable“.60 ← 20 | 21 →

1.1  Memoria und Memoirentradition in Frankreich

Die vorliegende Arbeit legt ihren Fokus auf den Ursprung dieses erinnerungskulturellen Umgangs mit dem napoleonischen Erbe in Frankreich im 19. Jahrhundert. Mit dem Begriff der Memoria bezeichnet man gemeinhin das Gedenken und die Erinnerung. Bereits in der lateinischen Antike lassen sich zwei Pole des Begriffs memoria ausmachen.61 Auf der einen Seite steht memoria im Sinne der kognitiven Erinnerung für das Wissen um beispielsweise geschichtliche Zusammenhänge. Auf der anderen Seite steht sie im Sinne der commemoratio, dem feierlichen Erinnern zum Beispiel an Jahrestagen.62 Sowohl die Wissenserinnerung als auch die feierliche kommemorative Erinnerung wirken auf die Deutung historischer Ereignisse ein.63 Dabei wird Vergangenheit sowohl kognitiv als auch sozial rekonstruiert. Doch wie genau findet diese Rekonstruktion von zeitgeschichtlicher Erfahrung statt? Wie gedenkt und erinnert sich eine Gesellschaft ihrer Geschichte? Was veranlasst eine Gesellschaft zu Memoria? Und welche Voraussetzungen hat dieser Prozess, den sowohl einzelne Personen als auch eine Gemeinschaft einleiten können, welche Form nimmt er an?64 Es gibt ganz unterschiedliche Formen, in denen sich Memoria manifestieren kann.65 Neben Archiven, Denkmälern, Gedenksteinen gehört dazu die in Frankreich so traditionsreiche Gattung der Memoiren.66 Diese bildet in vorliegendem Forschungsvorhaben die Grundlage der beabsichtigten Untersuchung der napoleonischen Epoche zwischen Erfahrung und Memoria. ← 21 | 22 →

Auf die Bedeutung der literarisch wie historisch bedeutsamen „Verdopplung in Mann der Feder und Mann der Tat“67 wies bereits Chateaubriand zu Beginn des 19. Jahrhunderts hin, indem er die Frage formulierte: „Pourquoi n’avons-nous que des mémoires au lieu d’histoire, et pourquoi ces mémoires sont-ils pour la plupart excellents?“68 Auch Jules Michelet schrieb im Jahr 1831 über die französische Memoirentradition: „Le génie démocratique de notre nation n’apparaît nulle part mieux que dans son caractère éminemment prosaïque“.69 In der Forschung nimmt die Gattung der Memoiren gemeinhin mit dem Werk von Philippe de Commynes (1447–1511) ihren Anfang.70 Commynes, so der französische Mediävist Jean Dufournet, „est à la fois acteur et auteur, témoin et interprète d’une histoire qu’il a vécue“.71 Mit dieser „naissance d’un nouveau genre historique“72 begann die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte einer Literatur- und Quellengattung. Bereits mit Beginn des 16. Jahrhunderts zeigte sich ihre Popularität: „Chaque événement, pour peu qu’il s’accompagne de troubles et de factures (guerres de Religion, régence d’Anne d’Autriche, Fronde, guerres de Louis XIV …), produit sa moisson de Mémoires.“73

Seit der Renaissance war es ein durchgängiger Topos, folgt man Pierre Nora, „dass Frankreich weder eine Geschichte noch Historiker besitze, die dieses Namens würdig wären, sondern dass es Memoiren habe und dass diese Memoiren unsere Tradition der nationalen Geschichte seien.“74 Diese in Frankreich kontinuierlich blühende Tradition wurde jedoch erst durch eine sich vertiefende ← 22 | 23 → Selbsterfahrung, dem Verschwinden einer von Gottes Gnaden abgeleiteten Staatsmacht und einer sich immer mehr beschleunigenden Geschichte am Ende des 18. Jahrhunderts endgültig in ihrer demokratischen Tradition fixiert.75

Parallel zu dieser Entwicklung formte sich auch der Memoirenbegriff als Gattungsbezeichnung.76 Ende des 17. Jahrhunderts wurden Memoiren im Dictionnaire universel von Antoine Furetière wie folgt definiert: „Mémoires au pluriel se dit des livres des historiens escrits par ceux qui ont eu part aux affaires ou qui en ont été témoins oculaires ou qui contiennent leur vie et leurs principales actions.“77 Diese in der Forschungsliteratur häufig zitierte Beschreibung besitzt, trotz ihrer Reduzierung auf das einfachste Merkmal, bis heute ihre Berechtigung: Die Zeit- und Augenzeugenschaft war und ist seit jeher grundlegendes Kennzeichen von Memoiren. In ihr liegt zum einen die besondere Anziehungskraft, der Grund für die andauernd große Beliebtheit; zum anderen ist dies zugleich einer der Gründe, weshalb die Gattung besonderer Kritik ausgesetzt war.

Die Memoirendefinition von Furetière hat sich über zwei Jahrhunderte kaum verändert. Noch Ende des 19. Jahrhunderts findet man in La Grande Encyclopédie von Marcellin Berthelot unter dem Eintrag Mémoires einen ähnlich lautenden Definitionsvorschlag: „Les mémoires historiques sont des recueils où l’écrivain raconte les événements auxquels il a pris part ou assisté: c’est qui les différencie des Chroniques: les mémoires sont pour l’historien des sources précieuses mais peu sûres.“78 Hier trennte diese Enzyklopädie explizit Mémoires von den Chroniques. Im Grand dictionnaire universel du XIXe siècle von Pierre Larousse verwies die im Jahr 1874 gegebene Definition auf die Vielzahl dessen, was unter ← 23 | 24 → dem Begriff subsumiert wird und unterschied zwei Klassen von Memoiren: „les mémoires où l’on disserte et les mémoires où l’on raconte.“79 Die mémoires historiques zählte er ebenso wie die mémoires biographiques zu der zweiten Kategorie. Diese seien „extrêment riche, chez nous surtout.“80 Wenngleich Larousse das biographische vom historischen Element innerhalb des Begriffs der Memoiren trennte, machten die drei genannten Definitionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert noch keinen Unterschied zwischen Memoiren und Autobiographien.

Die moderne Differenzierung zwischen diesen beiden Gattungen lässt die Autobiographie dort beginnen, wo die Memoiren enden: im privaten Bereich.81 Die Autobiographie „kommt vom Menschen her, von seiner inneren Geschichte“82 und stellt damit gemeinhin eine rückblickende Selbstbefragung dar, „die vom Interesse an der eigenen Person und deren Wirken ausgeht“, ihr Augenmerk also „auf das individuelle Leben legt und nicht auf Zeitläufe, die in politischen Erinnerungen breiten Raum einnehmen.“83 Die Memoiren kommen mehr „von den Dingen her, von der äußeren Geschichte des Menschen mit den Dingen“.84 Sowohl in der aktuellen Memoirenforschung als auch im heutigen Sprachgebrauch gelten Memoiren gemeinhin „als Erinnerungsschriften einzelner Personen, die die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit im Konnex mit historischen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen ihrer Zeit darstellen.“85 In genau diesem Verhältnis zwischen persönlichem Erleben einer einzelnen Person auf der einen und den historischen Entwicklungen auf der anderen Seite, der Verbindung zwischen individueller und nationaler Geschichte, besteht das ← 24 | 25 → konstitutive Element der Gattung.86 Es ist zugleich diese persönliche Beziehung zur Macht, die Nähe zu den historischen Personen und Ereignissen, die es dem Leser erlauben, tief in die Geschichte der jeweiligen Zeit einzutauchen, ob nun in das gerade erloschene Zeitgeschehen oder in eine weit zurückliegende Vergangenheit. Denn es geht den Autoren von Memoiren nicht nur darum, vergangene Geschehnisse zu beschreiben, sondern als Regisseur ihrer eigenen Erinnerungen über persönliche Erlebnisse vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse zu berichten, Informationen preiszugeben und Geheimnisse zu enthüllen. Sie reproduzieren damit „über die eigene Biographie hinaus einen sozialen Kontext aus dem persönlichen heraus“.87

Der französische Literaturwissenschaftler Damien Zanone betont in seiner Memoirendefinition das Element der Erinnerung: Memoiren, „ce sont des livres où l’on exemplifie l’acte de se souvenir, et des Mémoires historiques, des ouvrages où l’on se souvient de la période historique qu’on a traversée.“88 Memoiren sind eine Form, in der sich Memoria manifestiert. In ihnen vollzieht der Autor den Akt des Erinnerns. In den historischen Memoiren werden die Erinnerungen an die jeweils erlebte historische Epoche als persönliche Sicht auf die Zeitgeschichte, „die ihren Ausgang noch nicht kennt“89, festgehalten. Denn Zeitgeschichte, so die Definition von Ernst Schulin, bedeutete auch im 19. Jahrhundert „Gegenwartsvorgeschichte über einen von großen historischen Veränderungen begrenzten Zeitraum von 30 bis 60 Jahren“.90

Entsprechend der klassischen Unterscheidung von Droysen zwischen „Tradition“ und „Überrest“ werden Memoiren der Tradition zugeordnet, weil sie laut der Definition des Historikers Ahasver von Brandt „eigens und absichtlich zum ← 25 | 26 → Zweck (historischer) Unterrichtung geschaffen worden“ seien.91 Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Memoiren entsprechend klassischer Quellenkritik ist in der aktuellen Memoirenforschung nicht von Interesse. In ihrer Dissertation über Revolution und Zeitgeschichte plädierte Anna Karla dafür, unter Verwendung eines sozialen Begriffs von Zeugenschaft, die „heuristischen Grenzen zwischen stilisierten Quellenbeständen der ‚Tradition‘ und vermeintlich authentischen ‚Überresten‘ zu überschreiten“.92 Begreift man Memoiren als Zeugnis selbst erlebter Zeitgeschichte sind sie sowohl Traditionsquellen, „weil sie über weite Strecken die Resultate expliziter Darlegung und intendierter Rhetorik sind“ als auch Überreste, „weil sie Auskunft über unbewusste Erzählmechanismen und über hergebrachte Rezeptionsgewohnheiten geben“.93 Auch der Historiker Philip G. Dwyer regte in seiner Studie einen neuen Forschungsansatz an, in dem Memoiren nicht „as historical documents in any traditional sense“ sondern „as sources of information about how the past was recalled and recollected“ zu lesen seien.94

In Anknüpfung an diesen neueren forschungsgeschichtlichen Umgang mit dem traditionsreichen Genre werden Memoiren in der vorliegenden Arbeit definiert als narrative Erinnerungskonstruktionen zeitgeschichtlicher Erfahrung. Sie sollen auf ihre mediale Mittlerrolle zwischen individueller zeitgeschichtlicher Erfahrung und Memoria, im Sinne von kollektiver kultureller Erinnerung, untersucht werden. Diese Forschungsperspektive setzt die Kenntnis und Anwendung kulturwissenschaftlicher Gedächtnistheorien voraus. Begrifflichkeiten wie Erinnerung und Erfahrung, Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis sollen im Folgenden für die vorliegende Forschungsarbeit nutzbar gemacht werden.

Der Historiker Reinhart Koselleck äußerte die Überzeugung, dass „es keine Geschichte gibt, ohne dass sie durch Erfahrungen und Erwartungen der handelnden oder leidenden Menschen konstituiert worden wäre“.95 Im alltäglichen ← 26 | 27 → Sprachgebrauch ist der Ausdruck „Erfahrung“ ein sehr geläufiger und wird gemeinhin mit Erlebnissen und Situationen gleichgesetzt.96 Koselleck definierte Erfahrung als „gegenwärtige Vergangenheit, deren Ereignisse einverleibt worden sind und erinnert werden können“.97

Nach 1815 wurden individuelle Erfahrungen der napoleonischen Epoche von vielen Zeitgenossen narrativ in den Memoiren erinnert und, so die Annahme, durch erinnerungskulturelle Prozesse integrativer Bestandteil der Memoria Frankreichs. Der Begriff der „Erfahrung“ dient vor allem denjenigen, „die nach der unverstellten Nahperspektive historischer Akteure“ suchen.98 In der Geschichtswissenschaft wurde der Begriff lange „dem subjektiven Bereich zeitgenössischer Selbstdeutung zugeordnet“.99 Der Sozialhistoriker Reinhard Sieder kritisierte in den 1990er Jahren, dass darin „die mit Erfahrung verbundene Tätigkeit der Akteure sowie die äußeren Umstände, in denen die Akteure handeln“, unberücksichtigt bliebe.100 Bei der Beschäftigung mit der Gattung der Memoiren muss beachtet werden, dass diese aus erinnerter Erfahrung bestehen, in der sich sowohl „rationale Verarbeitung wie unbewußte Verhaltensweisen, die nicht oder nicht mehr im Wissen präsent sein müssen“101, zusammenschließen. Darüber hinaus enthält die Erfahrung der Autoren „durch Generationen oder Institutionen vermittelt“ immer auch fremde Erfahrung.102 Häufig beginnen die Autoren mit dem Schreiben ihrer Memoiren erst Jahre oder gar Jahrzehnte nach der Erfahrung, die sie beschreiben. Deshalb müssen bei einer Memoirenanalyse die sich verändernden Einflussfaktoren auf die Erfahrung der Autoren, das „dialektische Verhältnis zwischen Akteur und Gesellschaft, zwischen Handeln und Sozialstruktur, zwischen subjektiven und objektiven Faktoren menschlicher ← 27 | 28 → Wirklichkeit“103 berücksichtigt werden. An bereits von anderen Autoren zur napoleonischen Epoche veröffentlichte Memoiren oder Geschichtswerke ist dabei ebenso zu denken wie an Veränderungen in der Staatsform, der Geschichtspolitik, des Literaturmarktes oder Unterschiede im Bereich gesellschaftlicher Normen und Erwartungen.

Disziplinen übergreifend besteht Konsens darüber, „dass Erinnern als ein Prozess, Erinnerungen als dessen Ergebnis und Gedächtnis als eine Fähigkeit oder eine veränderliche Struktur zu konzipieren ist“, das sich jedoch nicht beobachten lässt.104 Der als Gründungsvater der Forschungen zum kollektiven Gedächtnis bekannte und vielfach rezipierte französische Soziologe Maurice Halbwachs (1877–1945) legte dar, dass Gedächtnis erst über individuelle Erinnerungsakte beobachtbar wird. Denn „jedes individuelle Gedächtnis“ sei „ein Ausblickspunkt auf das kollektive Gedächtnis“.105 In seinen Studien zu mémoire collective vereinte Halbwachs zwei grundlegende Konzepte von kollektivem Gedächtnis: Erstens verwies er auf die soziale Bedingtheit individueller Erinnerung und verdeutlichte, dass der Rückgriff auf cadres sociaux, soziale Bezugsrahmen, die notwendige Bedingung für jede individuelle Erinnerung ist.106 Kollektives Gedächtnis wird in dieser Hinsicht verstanden als „organisches Gedächtnis des Individuums, das sich im Horizont eines soziokulturellen Umfeldes herausbildet“.107 Zweitens machte Halbwachs deutlich, dass kollektives Gedächtnis von den Individuen zum Beispiel durch gemeinsame Bilder, Symbole, Denkmäler oder auch Texte konstruiert wird, in denen sich Erinnerung und Gedenken kristallisiert. Es umfasst zwar „die individuellen Gedächtnisse, aber verschmilzt nicht mit ihnen“ und ist „immer nur vorläufiges Produkt einer (Re-)Konstruktion, die beständig aktiviert werden will und verschiedener Impulse bedarf, einem permanenten recall“.108 In dieser Auffassung ist kollektives Gedächtnis eine Bezugnahme auf ← 28 | 29 → Vergangenes, die innerhalb von sozialen Gruppen und Kulturgemeinschaften durch Interaktion, Kommunikation und Medien erfolgt.109 Eine zentrale Funktion dieser Form des Vergangenheitsbezugs stellt die Identitätsbildung dar.110 Das, was dem Selbstbild und den Interessen der Gruppe entspricht, wird erinnert.111 Dabei werden vor allem Ähnlichkeiten und Kontinuitäten hervorgehoben, die demonstrieren sollen, dass die Gruppe dieselbe geblieben ist.112

In der kulturwissenschaftlichen Forschung floriert der Gedächtnisbegriff seit den 1980er Jahren über alle Disziplinen hinweg. Die Untersuchungen zum Gedächtnis als „kollektiv bedingtes oder Kultur konstituierendes und kontinuierendes Phänomen“ sind allerdings nicht unumstritten.113 Die Übertragung individualpsychologischer Begriffe, wie Erinnerung, auf die kollektive Ebene ist dabei einer der Kritikpunkte.114 Institutionen wie Nationen oder Kirche, soziale Gruppen wie Religionsgemeinschaften, Familien oder Vereine „verfügen nicht über ein Gedächtnis nach Art des individuellen Gedächtnisses, denn es gibt dort nichts, was der biologischen Grundlage, der anthropologischen Disposition und den naturwüchsigen Mechanismen des Erinnerns entspricht.“115 Dennoch ist der Begriff sowohl in Wissenschaft und Forschung als auch in der öffentlichen Wahrnehmung omnipräsent. Ob in den täglichen Nachrichten, in Stellungnahmen und Interviews von Politikern oder Personen des öffentlichen Interesses, den Feuilletons namhafter Zeitschriften oder der Literatur, die Menschen sind auf der Suche nach den Spuren in ihrem kollektiven Gedächtnis. Mit dem kollektiven Gedächtnis ist dabei weder eine Kollektivseele noch ein objektiver Geist verbunden, sondern die „Gesellschaft mit ihren Medien und Institutionen, ihren Zeichen und Symbolen“ und gehöre damit lebendigen Trägern mit parteiischen Perspektiven.116 ← 29 | 30 →

Die Literaturwissenschaftlerin Astrid Erll sieht im kollektiven Gedächtnis den „Fokus kulturwissenschaftlicher Neugier“, deren Untersuchungsgegenstand Erinnerungskulturen sind.117 Das kollektive Gedächtnis sei „keine Alternative zur Geschichte“ und auch „kein Gegenpol zur individuellen Lebenserinnerung“. Es stelle den Gesamtkontext dar, innerhalb dessen verschiedenartige kulturelle Phänomene entstünden und diene damit als „Oberbegriff für all jene Vorgänge organischer, medialer und institutioneller Art, denen Bedeutung bei der wechselseitigen Beeinflussung von Vergangenem und Gegenwärtigem in soziokulturellen Kontexten zukommt.“118

Die Konsulats- und Kaiserreichsmemoiren als Ergebnisse individueller Erinnerung sind nicht nur soziokulturell bedingt, sondern bieten gleichzeitig eine Perspektive auf das Erinnerungsgeschehen der französischen Gesellschaft. Die Memoria zur napoleonischen Epoche ist damit auch kein endlicher, sondern ein sich stetig wandelnder Prozess der Einflussnahme verschiedenster Provenienzen, des Ringens um Teilhabe am kollektiven Gedächtnis. Einen Gegenstand wie Memoria kann man allerdings nicht ohne Metaphern denken.119

Erll spricht in Verbindung mit kollektivem Gedächtnis von Tropen, das heißt von „Ausdrücken mit übertragener Bedeutung“. In der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung werden zwei Verwendungsweisen von Tropen unterschieden: „kollektives Gedächtnis als Metapher und als Metonymie“.120

Jeffrey Olick, ein amerikanischer Soziologe, spricht von den zwei Kulturen der Gedächtnisforschung: „collected vs. collective memory“. Geht es um das sozial und kulturell geprägte individuelle Gedächtnis, wird der Gedächtnisbegriff in wörtlichem Sinne gebraucht unter einer metonymischen Verwendung des Attributs kollektiv.121

Damit wird deutlich, dass es um den Einfluss des soziokulturellen Umfeldes auf das Gedächtnis des Einzelnen geht. Spricht man hingegen von einem medial und institutionell etablierten Gedächtnis einer kulturellen Gemeinschaft, erfolgt eine Metaphorisierung des Gedächtnisbegriffs. Der gesellschaftliche Vergangenheitsbezug erfolgt durch Symbole, Medien oder Institutionen und wird metaphorisch als Gedächtnis bezeichnet.122 Häufig wird im Sprachgebrauch allerdings die Gedächtnis-Metapher als Abkürzung für die Rolle von Medien ← 30 | 31 → und Institutionen genutzt, wenn es um die kollektive Aneignung von Vergangenheit geht. Mehrere Stufen komplexer kultureller Prozesse werden dabei übersprungen: Archive, Statuen oder Literatur sind kein Gedächtnis, sondern „Medien des kollektiven Gedächtnisses, die Informationen enkodieren und zum Erinnern oder Vergessen anregen können.“123 Auch bei Noras Konzeption der Erinnerungsorte ist dies kritisch zu beobachten. Er verortete beispielsweise die Tradition der Staatsmemoiren in das nationale Gedächtnis Frankreichs. Das von ihm initiierte Konzept erläutert zwar die Bedeutung der Erinnerungsorte für die französische Nation, zeigt jedoch nicht, wie diese in das kollektive Gedächtnis transportiert werden.

Ihre Wirksamkeit entfalten beide Formen kollektiven Gedächtnisses nur durch das Zusammenspiel von individueller und kollektiver Ebene. Erst durch ihr Zusammenwirken entsteht Erinnerungskultur.124 Dieser theoretische Ansatz soll helfen, die Wirkungsweise von Memoiren in vorliegender Arbeit zu untersuchen. Beim Schreiben der Konsulats- und Kaiserreichsmemoiren im Frankreich des 19. Jahrhunderts, so die Hypothese, wirkten kulturspezifische Schemata zum einen auf die individuellen Gedächtnisse der Memoirenschreiber. Dabei wurden Erfahrungen aus zweiter Hand, zum Beispiel aus anderen Memoiren, aber auch aus Presse, Tagesgeschehen und Geschichtsschreibung in den eigenen Erfahrungsschatz assimiliert. Zum anderen beeinflussten sie das Gedenken, die institutionell und medial etablierte Memoria der napoleonischen Epoche.

1.2  Memoiren als Erinnerungsort

Zunächst sollen die Forschungsimpulse von Pierre Noras Kollektivprojekt Les Lieux de mémoire125 für die beabsichtigte Untersuchung der Konsulats- und Kaiserreichsmemoiren dargelegt werden. Sein bis heute einflussreiches Konzept gründet auf einem Verständnis von kollektivem Gedächtnis als einem dynamischen Prozess „mehr oder minder geteilter Erinnerungen“, als einem Gedächtnis, das nicht vom Einzelnen, sondern von allen Mitgliedern einer homogenen Gemeinschaft geteilt wird.126 Zivilisationskritisch resümierte Nora mit Blick ← 31 | 32 → auf unsere Zeit: „Es gibt lieux de mémoire, weil es keine milieux de mémoire mehr gibt. Man spricht nur deshalb so viel vom Gedächtnis, weil es keines mehr gibt“.127 Lieux de mémoire „entspringen und leben aus dem Gefühl, dass es kein spontanes Gedächtnis gibt, dass man Archive schaffen, an den Jahrestagen festhalten, Feiern organisieren […] muss.“128 Denn „ohne die Macht des Eingedenkens fegte die Geschichte die Erinnerungsorte bald hinweg. Lebte man die in ihnen eingeschlossenen Erinnerungen wirklich, so wären die Erinnerungsorte unnütz.“129 Für Nora sind Erinnerungsorte „wie Muscheln am Strand, wenn das Meer des lebendigen Gedächtnisses sich zurückzieht.“130

Zu den zwei wesentlichen Grundsätzen der Geschichtswissenschaft gehören die Trennung von Vergangenheit und Gegenwart einerseits und die Trennung von Fakten und Fiktionen andererseits. Noras Projekt einer Interaktion von Geschichte und Gedächtnis schafft diese beiden Grundsätze keineswegs ab, doch suspendiert er sie auf eine methodisch kontrollierte Weise. In seinem Ansatz trennte er nicht zwischen Fakten und Fiktionen, weil er von der Macht des Symbolischen und der Geschichtsmacht der Repräsentationssysteme ausging.131 Mit seinen Lieux de mémoire versammelte Nora „Fundstellen der nationalen Tradition Frankreichs“ und zeigte, „wie sie zugleich noch die Qualität eines kollektiven Gedächtnisses besaßen und doch auch schon Historie repräsentierten, oder […] noch Bedeutung tradierten und doch schon begonnen hatten, sich in die Abstraktionen historischer Zeit und die Ausdifferenzierung einer sinnlosen Archivierungsmanie zu verlieren.“132 In seinem Beitrag „Die Staatsmemoiren von Commynes bis de Gaulle“ verortete Nora die Gattung in ein Panorama des nationalen Gedächtnisses Frankreichs: „Von Sully bis de Gaulle, vom Testament Richelieus bis zum Mémorial de Sainte-Hélène hat die Gattung, unabhängig von der unterschiedlichen Qualität der Texte, ihre Konstanten und spezifischen Züge.“ Sie impliziert „eine Kenntnis der anderen Memoiren, eine Verdopplung in Mann der Feder und Mann der Tat, die Identifizierung einer individuellen ← 32 | 33 → Rede mit einem kollektiven Diskurs, die Einbettung einer Räson des einzelnen in eine Staatsräson.“133

Als Erinnerungsort Frankreichs stellen Staatsmemoiren für Pierre Nora die „via regia, wenn nicht gar die via sacra zu unserer nationalen Identität“ dar.134 Sie seien gekennzeichnet durch einen materiellen, funktionalen und symbolischen Sinn.135 Diese Einordnung befruchtete die in dieser Arbeit verwendete Definition von Memoiren als narrativer Erinnerungskonstruktion in ihrer methodischen Dimension: Memoiren sind in dieser Hinsicht materiell aufgrund der in ihnen enthaltenen Erinnerung; funktional, da in ihnen das Gedächtnis ihrer Zeit fortlebt, ihr Inhalt bewahrt und nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht wird; symbolisch, weil sie anhand der Erzählung von Erfahrungen und Ereignissen, die nur wenige erlebt haben, eine Mehrheit charakterisieren, die nicht Teil der Ereignisse war.

Die weitreichende Rezeption von Noras Konzept der Erinnerungsorte über Frankreich hinaus verdeutlicht ein gesellschaftlich bedeutendes Phänomen: den Versuch, eine kollektive Identität durch die Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit zu stiften.136 Indem vergangene Ereignisse vergegenwärtigt werden, befriedigen Gemeinschaften ihr Bedürfnis, sich ihrer selbst zu vergewissern.137 Eine Gesellschaft braucht die Erinnerung, um sich ihrer Geschichte zu versichern, die Gegenwart zu leben und die Zukunft zu gestalten. Ob als mahnendes Symbol, Zeichen eigener Stärke, Relikt alten Glanzes und Ruhmes, Denkmal vergangener Zeit, die in den Memoiren enthaltene Geschichte ist, gewollt oder ungewollt, Gegenstand des Gedenkens für gegenwärtige und künftige Generationen. Denn Identitäten werden, so die deutsche Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, zusammengehalten durch einen „gemeinsamen Willen für die Zukunft“ und eine „gemeinsame Erfahrung in der Vergangenheit“.138 Doch das von Nora initiierte Konzept der Erinnerungsorte war und ist in der Forschung auch Gegenstand deutlicher Kritik. Die Historikerin Hue-Tam Ho Tai beispielsweise kritisierte, dass Nora bei der von ihm initiierten Sammlung französischer Erinnerungsorte die französischen ← 33 | 34 → Kolonien wie auch die Immigranten unbeachtet ließ.139 Auch sein „zivilisationskritisches Timbre“,140 mit dem er das „Ende der Gedächtnisgesellschaften“ zeichnet, wurde kritisch betrachtet. Ein wiederkehrender Einwand besteht zudem in der Nichtbeachtung der memorialen Funktion von Geschichtsschreibung.

Die kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorien von Halbwachs und Nora betonen den konstruktivistischen, identitätssichernden Charakter der Erinnerung und affirmieren deren Recht gegenüber einer objektiven, neutralen Geschichtswissenschaft. Die Leitopposition zwischen Geschichte und Gedächtnis lässt sich aber, wie Aleida Assmann betont, immer weniger aufrechterhalten. Besteht doch mittlerweile ein Konsens darüber, dass es keine Geschichtsschreibung gibt, die nicht zugleich auch Gedächtnisarbeit sei, also abhängt von den „Bedingungen der Sinngebung, Parteilichkeit und Identitätsstiftung“.141 Bei Halbwachs und Nora schließen sich Geschichte und Gedächtnis nicht nur aus, sie stellen sich auch ständig gegenseitig infrage.

Aleida Assmann möchte die beiden Konstrukte jedoch nicht in der üblichen Weise als dualistisches Gegensatzpaar verstehen, sondern bezieht diese produktiv aufeinander.142 Gemeinsam mit Jan Assmann arbeitet sie seit Ende der 1980er Jahren an der Unterscheidung des kollektiven Gedächtnisses in „kommunikatives Gedächtnis“, das nur die Erinnerungen der lebenden Generationen umfasst und „kulturelles Gedächtnis“, das den Kern ihrer Theorie bildet und sich auf die institutionell geformte Erinnerung bezieht. Erinnerung bedeutet gemäß dem kommunikativen Gedächtnis, dass vergangene Ereignisse, ob selbst erlebt oder durch mediale Darstellungen erfahren, im sozialen Nahhorizont verortet werden. Sie wird als Bestandteil der von sozialen Gruppen geteilten Lebenserfahrungen verstanden, die im Horizont dieser begrenzten Formationen sinnhaft ist. Diese Erinnerung ist gruppenspezifisch und produziert sozialen Sinn.143

Gemäß dem kulturellen Gedächtnis bedeutet Erinnerung hingegen, dass vergangene Ereignisse im kulturellen Fernhorizont verortet werden. Sie werden als fundierende Ereignisse verstanden, die weitreichende Bedeutung für die gesamte kulturelle Formation haben. Diese Erinnerung ist kultur- oder ← 34 | 35 → nationenspezifisch und produziert kulturellen Sinn.144 Mit dem Assmannschen Modell könnte man die Transformation von Erfahrung über das kommunikative in das kulturelle Gedächtnis untersuchen.145

Doch eignet sich dieses Modell mit all seinen Vorzügen und Möglichkeiten für die beabsichtigte Erforschung der napoleonischen Memoirenliteratur zwischen Erfahrung und Memoria nur bedingt. Ein gemeinsames Merkmal von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis liegt in dem vorwiegend intentionalen Umgang mit Vergangenheit. Die beabsichtigte Teilnahme an der Geschichtsschreibung durch die Memoirenschreiber ist zwar ein spezifisches Kennzeichen dieser Gattung, und auch die Memoirenrezeption erfolgt, so die Hypothese, zum Teil intentional. Doch werden durch den öffentlichen Umgang mit Memoiren in einer Erinnerungskultur Geschichtsbilder auch ohne bewusste Intentionalität in das kollektive Gedächtnis transportiert.146

1.3  Memoiren als erinnerungskulturelles Medium

Details

Seiten
364
ISBN (PDF)
9783631765845
ISBN (ePUB)
9783631765852
ISBN (MOBI)
9783631765869
ISBN (Hardcover)
9783631765821
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Neuere Geschichte Geschichtspolitik Erinnerungskultur Erinnerungsliteratur Napoleon Bonaparte Kollektives Gedächtnis
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 364 S.

Biographische Angaben

Michaela Bacher (Autor:in)

Michaela Bacher studierte Geschichte und Wirtschaftspädagogik in Mannheim und Montpellier. Ihre wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind die Neuere und Neueste Geschichte Frankreichs und die Geschichte von Erinnerungskulturen. Sie promovierte am Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim.

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Titel: Die napoleonische Epoche zwischen Erfahrung und Memoria