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Harmonie – musikalisch, philosophisch, psychologisch, neurologisch

von Martin Ebeling (Band-Herausgeber) Morgana Petrik (Band-Herausgeber)
Sammelband 164 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Der Begriff der Harmonie und die ganzzahligen Schwingungsverhältnisse
  • Virtuelle Tonhöhe(n) und harmonischer Grundton: Zufällige Übereinstimmung oder ›fundamentale‹ Relation?
  • Harmoniewahrnehmung durch Periodizitätsdetektion
  • Spezifische Energien, Synergien, neuronale Periodizität und Verschmelzung
  • Kulturelle Evolution, Musik und Erkenntnistheorie
  • Die Renaissance des Harmonischen im Tintinnabuli-Stil Arvo Pärts
  • Bestimmt das Konsonanzphänomen, was schöne Musik ist?
  • Räumliche Anagramme – Plastische Analogie zum phonetischen Regelkreis

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Vorwort

Der Begriff „Harmonie“ ist ein wesentlicher Schlüsselbegriff im Schaffen von Carl Stumpf. In diesem Sinne lautete das Thema der 5. Jahrestagung der Carl Stumpf Gesellschaft, die von 2. bis 4. Oktober im Festsaal der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) stattfand, „Harmonie – musikalisch, philosophisch, psychologisch, neurologisch“. Gastgeber waren die Österreichische Gesellschaft für zeitgenössische Musik (ÖGZM), die der Carl Stumpf Gesellschaft bereits seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist, und deren Projektpartner MDW und Österreichischer Komponistenbund (ÖKB).

Unter den Hörern fanden sich unter anderem auch zahlreiche Komponistinnen und Komponisten, von denen wiederum viele erstmals auf die Forschungen von Carl Stumpf sowie auf die Carl Stumpf Gesellschaft und deren Aktivitäten aufmerksam wurden.

Der vorliegende Band dokumentiert die ganze Bedeutungsspanne, die der Begriff der Harmonie umfasst. In der Musiktheorie ist das Fach Harmonielehre eine Kerndisziplin, die sich als Teil der Kompositionslehre in der abendländischen Musiktradition entwickelt hat und lehrt, wie aus gleichzeitigen Tönen Mehrklänge zu bilden sind, und wie die verschiedenen Klänge miteinander verbunden werden sollen. Das Begriffspaar Konsonanz und Dissonanz steht in der althergebrachten Musiktheorie seit der Antike beziehungsweise dem späten Mittelalter für Intervalle, die entweder „gut zueinander passen“ (consonare = zusammenklingen) und einen „Wohlklang“ ergeben oder „nicht gut zueinander passen“ (dissonare = auseinanderklingen) und einen „Missklang“ ergeben. Der Höreindruck – Stumpf benutzt in diesem Zusammenhang den Begriff der Tonverschmelzung – und das ästhetische Urteil werden so in der hergebrachten Musiktheorie unmittelbar miteinander verbunden. Klänge, die aus konsonanten Intervallen gebildet sind, gelten nach dieser Auffassung als besonders harmonisch. Aus der Musiktheorie ist der Begriff der Harmonie in andere Bedeutungszusammenhänge übertragen worden, um den Eindruck zu beschreiben, dass mehrere Dinge gut zueinander passen.

Der einleitende Beitrag von Margret Kaiser-el-Safti: Harmonie – musikalisch, philosophisch, psychologisch, neurologisch gibt hierzu einen kurz gefassten Überblick.

Den Ursprung des Harmoniebegriffs im antiken Griechenland stellt der Aufsatz: Der Begriff der Harmonie und die ganzzahligen Schwingungsverhältnisse von Martin Ebeling dar. Darin wird gezeigt, dass die Oktave, Quinte und Quarte ←7 | 8→schon vor den zahlenspekulativen Betrachtungen der pythagoreischen Schule bekannt und in der Musik im Gebrauch waren.

Stumpf hat die Konsonanz als musikalisches Phänomen psychologisch mit der Verschmelzung konsonanter Intervalltöne zu einer klanglichen Einheit erklärt. Die Gesetze der Tonverschmelzung wurden von Stumpf über Jahre in umfangreichen Hörversuchen empirisch untersucht und im zweiten Band der Tonpsychologie (1890), aber auch in späteren Schriften, etwa in Konsonanz und Konkordanz (1911) dargestellt. Stumpf betreibt aber keine Musiktheorie; ihn interessieren die Phänomene des Hörens aus psychologischer und erkenntnistheoretischer Sicht. Als Philosoph bettet Stumpf seine Untersuchungen zum Verschmelzungsphänomen sowohl historisch als auch philosophisch ein und leistet damit einen empirisch fundierten Beitrag zur Philosophie der Teile und des Ganzen. Er kann als einer der wichtigsten und einflussreichsten Mitbegründer der Phänomenologie und der Gestaltpsychologie angesehen werden.

Das Konzept der Tonverschmelzung findet eine Bestätigung in neueren neuroakustischen Forschungsergebnissen. Martin Ebeling ist 2007 mit mathematischen Mitteln der Nachweis gelungen, dass sich die Tonverschmelzung auf der Grundlage der neuronalen Mechanismen zur Tonhöhendetektion im auditorischen System erklären lässt (Ebeling 2007). Damit ist erwiesen, dass die Tonverschmelzung eine physiologische Grundlage hat – Stumpf hat dies aufgrund seiner genauen Analyse des Phänomens zwar behauptet, aber noch nicht nachweisen können, weil die neuroakustischen Kenntnisse dazu noch fehlten (Stumpf 1890, S. 211).

Erst die bahnbrechenden Forschungsergebnisse von Gerald Langner zur neuronalen Detektion der Tonhöhe durch eine neuronale Periodizitätsanalyse sowie zur Repräsentation von Tonhöhe und Klangfarbe im Colliculus inferior haben diese Voraussetzungen geschaffen (Langner 1981 u. 2015). Auf der Wiener Tagung hat Gerald Langner, Professor für Neuroaktustik an der TU Darmstadt, seine Forschungen dargelegt. Auf eine Verschriftlichung seines Beitrags hat er aber verzichtet, weil er zu diesem Thema bereits auf der ersten Jahrestagung der CSG in Halle 2010 vorgetragen und im Tagungsband publiziert hatte (Langner 2011).

Langners Untersuchungen zur neuronalen Periodizitätsdetektion sind grundlegend für die Beiträge von Andreas Moraitis (Virtuelle Tonhöhe(n) und harmonischer Grundton: Zufällige Übereinstimmung oder ›fundamentale‹ Relation?) und Frieder Stolzenburg (Harmoniewahrnehmung durch Periodizitätsdetektion) im vorliegenden Band. Der Artikel von Martin Ebeling Spezifische Energien, Synergien, neuronale Periodizität und Verschmelzung beschäftigt sich mit der Theorie der spezifischen Energien von Johannes Müller, der eine der bedeutendsten ←8 | 9→Physiologen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Stumpf greift auf dieses Modell zurück, um die Tonverschmelzung durch spezifische Synergien beim Zusammenklang zweier Intervalltöne zu charakterisieren.

Stumpf hat immer wieder über die phänomenologischen und psychologischen Voraussetzungen der Musik nachgedacht. Wie sich die verschiedenen Musikkulturen auf dieser Grundlage entwickelt haben, legte Stumpf in Die Anfänge der Musik (1911) dar, eine Schrift, die zugleich zum Ausgangspunkt weiterer musikethnologischer Forschungen wurde. Der Beitrag Kulturelle Evolution, Musik und Erkenntnistheorie von Jan Reinhardt vergleicht Stumpfs Überlegungen mit neueren neurobiologischen Erkenntnissen.

Dass das mit der Tonverschmelzung zusammenhängende Phänomen von Konsonanz und Dissonanz auch in der zeitgenössischen Musik von Bedeutung ist, stellt Leopold Brauneis, ein Kenner der Kompositionstechnik von Arvo Pärt, in seinem Beitrag Die Renaissance des Harmonischen im Tintinnabuli-Stil Arvo Pärts dar.

Stumpf macht deutlich, dass die Tonverschmelzung als Verhältnis unmittelbar an das Hören von Simultanintervallen gebunden ist, ästhetische Urteile aber mit höheren psychischen Funktionen zusammenhängen. Daher können nach Carl Stumpf aus dem Konsonanz-Dissonanz-Phänomen keine ästhetischen Urteile unmittelbar abgeleitet werden.

Dies hat Martin Ebeling auch in einem in der Mitgliederinformation Herbst/Winter 2015 des ÖKB erschienenen Artikel klargestellt, der mit kleinen Ergänzungen im vorliegenden Band unter dem Titel Вestimmt das Konsonanzphänomen, was schöne Musik ist? abgedruckt wurde.

Schließlich sei noch unseren Mitgliedern Margret Kaiser-el-Safti und Reinhard Kowal-Gradl für gewissenhaftes und gründliches Korrekturlesen der Beiträge gedankt.

Die Herausgeberin Der Mitherausgeber

Morgana Petrik Martin Ebeling

Biographische Angaben

Martin Ebeling (Band-Herausgeber) Morgana Petrik (Band-Herausgeber)

Martin Ebeling studierte Schulmusik, Mathematik und Orchesterleitung, war Kapellmeister an der Oper und ist Dozent für Korrepetition am Konservatorium Mainz. Er promovierte und habilitierte in systematischer Musikwissenschaft, ist außerplanmäßiger Professor an der TU Dortmund und Gründungsmitglied der Carl Stumpf Gesellschaft. Morgana Petrik studierte Deutsche Philologie, Musikwissenschaft und Komposition in Wien. Ihre Dissertationsschrift «Die Leiden der Neuen Musik» erschien auch als Buch bei der Edition Monochrom (Wien 2008). Sie ist seit geraumer Zeit Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik (ÖGZM) und Vizepräsidentin des Österreichischen Komponistenbundes (ÖKB). In diesen Funktionen kuratiert und organisiert sie Jahr für Jahr bis zu zwanzig Konzerte, wissenschaftliche Tagungen und sonstige Veranstaltungen.

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Titel: Harmonie – musikalisch, philosophisch, psychologisch, neurologisch