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Linguistische Beiträge zur Slavistik

XXV. JungslavistInnen-Treffen in Göttingen, 13.–16. September 2016

von Genia Böhnisch (Band-Herausgeber:in) Uwe Junghanns (Band-Herausgeber:in) Hagen Pitsch (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 206 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband enthält Beiträge des XXV. JungslavistInnen-Treffens, das vom 13. bis 16. September 2016 am Seminar für Slavische Philologie der Universität Göttingen stattfand. In ihren Aufsätzen geben die AutorInnen Einblick in Themen und Ergebnisse ihrer aktuellen Forschungen auf verschiedensten Gebieten der slavistischen Sprachwissenschaft, darunter der synchronen und diachronen Linguistik, der Semantik und Pragmatik, der Sozio- und Kontaktlinguistik und der Spracherwerbsforschung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Russen und Turken im Kontakt (Alexander Böhnisch)
  • Der Einfluss von Emoticons auf die Interpretation schriftlicher Äußerungen (Genia Böhnisch)
  • Bosnische, kroatische, montenegrinische und serbische Sprachenpolitik im europäischen Kontext (Daniel Bunčić)
  • Zielona przestrzeń, teren zielony – eine Korpusuntersuchung zur Wortstellung polnischer Farbadjektive (Christina Clasmeier)
  • Schriftlichkeitsdiglossie, Bibelsprache und Emblematik (Thomas Daiber)
  • Sprachenkonflikt oder situative Sprachverwendung? Das Ukrainische und das Russische in der gegenwärtigen Literatur in der Ukraine (Donbas – arena vijny) (Martin Henzelmann)
  • Konditionale Infinitive im Tschechischen (Uwe Junghanns & Hagen Pitsch)
  • Wie slavisch ist das Polnische? Zur Typologie klitischer Systeme im Slavischen (Irenäus Kulik)
  • Zur sprachlichen Vitalität der Bergitka Roma in Polen (Anna-Maria Meyer)
  • Glamouröser Patriotismus. Politische Rhetorik und populäre Kultur in Russland nach 2014 (Marina Scharlaj)
  • Zu Wortfolge und Informationsstruktur von russischen Elementarkonstruktionen/Adversativen Impersonalen (Katrin Schlund)

Russen und Turken im Kontakt

Alexander Böhnisch (Göttingen)

Abstract

This article („Russians and Turks in contact“) takes a closer look at the contacts between speakers of Russian and the diverse native Turkic languages of Russia, focusing on those Turkic languages spoken west of the Urals. The article itself is divided in three major parts, which cover general, geographical and historical as well as contemporary aspects, respectively, of the relevant contact situations.

Einleitung

Wie kein anderer Staat in Europa ist Russland geprägt von einer Vielzahl an großen, kleinen und kleinsten Ethnien, die in vielen Fällen ihre Ethnosprache bis heute bewahren konnten. Die meisten dieser Ethnien sind im heutigen Russland autochthon, oder bereits vor dem Eintreffen der Ostslaven zugewandert. Die Entwicklung der Sprache der ostslavischen Neusiedler und ihre Ausbildung zur modernen russischen Sprache fand dementsprechend nicht „im leeren Raum“ statt, sondern in einem Areal, in dem aufgrund bestehender Vorbevölkerung mit nicht unerheblichen sprachlichen Wechselwirkungen zu rechnen ist.

Das Ziel dieses Artikels ist es, Licht auf das historische Verhältnis zwischen den Trägern des Russischen auf der einen und der verschiedenen Turksprachen1 des europäischen Russlands auf der anderen Seite zu werfen. Im Rahmen dieses Artikels wird der Zeitraum zwischen der ostslavischen Erstbesiedlung des heutigen europäischen Russlands und dem Beginn der slavischen Eroberung Sibiriens mit dem Falle Kasans im Jahre 1552 betrachtet. ← 9 | 10

Generelle Aspekte

Beim heutigen Russland handelt es sich um den kulturell und sprachlich diversifiziertesten Staat Europas. Der erste Band des großen Handbuchs zu den Sprachen der Sowjetunion, Языки народов СССР, gibt an, dass auf dem Areal der Sowjetunion „около 130 наций и народностей“ leben (Dešeriev 1966: 9). Mit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1990 befanden sich die Siedlungsgebiete einer ganzen Reihe von Völkerschaften teilweise oder komplett außerhalb des Staatsgebietes des neuen Staates Russland.2

Die Erhebung der genauen Anzahl autochthoner Minoritäten im heutigen Russland ist an nicht unerhebliche Probleme geknüpft. Hierhin gehören unter anderem Probleme mit den Modalitäten der beiden russischen Volkszählungen aus den Jahren 2002 und 20103, die Folgen historischer Migrationsbewegungen und der sowjetischen Bevölkerungspolitik4 sowie der Angabe anderer Ethnien als der eigenen Herkunftsgruppe aus sozio-kulturellen Gründen.

Vor linguistischem Hintergrund ist zu bemerken, dass die jeweilige(n) Muttersprache(n) im Rahmen der Volkszählung nicht erhoben wurde(n); Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen jedoch, dass die Anzahl der Sprachträger in vielen Fällen deutlich unter der Anzahl der sich dem Ethnos zugehörig fühlenden Personen liegt.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Probleme der Bestimmung der gegenwärtigen autochthonen Ethnien, so lässt sich erahnen, dass die Klärung der historischen Siedlungsverhältnisse des Areals eine sehr schwierige ← 10 | 11 Aufgabe ist, da viele Völker und Details für immer im Dunkel der Geschichte verschwunden sind.

Geographische und historische Aspekte

Mit ihrer Ostbewegung stoßen ostslavische Stämme zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert in die Areale vor, die heute der europäische Teil Russlands sind. Der Vorstoß findet aus dem Westen kommend erst in östliche Richtung statt (die Gründung der Stadt Kiew fand verschiedenen Ansichten zufolge entweder im 6. Jahrhundert als slavische Neugründung oder im 9. Jahrhundert als Heerlager chasarischer Söldner mit späterer Eroberung durch ostslavische Stämme statt); mit geringer Verzögerung wurden auch die Bereiche nördlich davon durch Slaven besiedelt (erste Erwähnung Rostows 862, erste Erwähnung Susdals 937, erste Erwähnung Wladimirs 990). Allerspätestens mit der Gründung der Stadt Pskow im Jahre 903 werden die ost–slavischen Stämme auch in direktem Kontakt mit autochthonen Völkern entlang der Südküste des Finnischen Meerbusens gestanden haben.

Betrachtet man die Besiedlungssituation im heutigen Russland sowie die aus Chroniken bekannten Siedlungsgebiete autochthoner Völker, so lassen sich historisch sechs Hauptkontaktbereiche annehmen:

Als potentieller siebter Kontaktbereich käme der Nordrand des großen Kaukasus in Frage. Die russische Eroberung des Kaukasusareals begann ab 1768 im Zuge des 5. Türkenkrieges; bis zu diesem Zeitpunkt stand das nördliche Kaukasusvorland unter Herrschaft des Osmanischen Reiches und des Krim-Khanats. Ein möglicher direkter Einfluss der betreffenden Turksprachen des Areals auf das Russische zu der hier betrachteten Zeit dürfte nicht auf dem Kaukasus oder seinem Vorland stattgefunden haben, sondern in dem Steppengürtel Südrusslands und der Ukraine, der die ungehinderte Landverbindung zwischen Westchina und Südosteuropa darstellt. Über diese Route sind historisch ← 11 | 12 → nicht nur verschiedene Turkvölker, sondern auch die Ungarn nach Europa gelangt.

Da dieser Artikel spezifisch die Kontakte zwischen den späteren Russen und Turkvölkern bzw. Trägern von Turksprachen untersucht, sind die hier als Kontaktbereiche 1-3 angeführten Areale nicht von näherem Interesse.5

Auch Areale jenseits des Urals kommen in diesem Artikel nicht in Betracht; die heutige russische Literatursprache ist auf der Grundlage des mittelrussischen Dialekts das Raumes Moskau kodifiziert worden, somit müssen alle potentiellen externen strukturellen Einflüsse auf die russische Sprache aus historischen Gründen innerhalb oder in direkter Nachbarschaft des sog. „Primärformationsgebietes“ der russischen Sprache stattgefunden haben.6

Um einen Überblick über die historische Besiedlungssituation des Areals zu bekommen, reicht für gewöhnlich ein Blick in russische Chroniken und europäische Geschichtswerke der damaligen Zeit; die relevantesten Aufzählungen finden sich in der Повесть временных лет (der sog. Nestorchronik), der Hamburger Kirchengeschichte Adams von Bremen und der Getica Jordanes’. Die umfangreichste und verlässlichste Quelle stellt jedoch die Nestorchronik dar, in der sich folgende ‚Völkertafel‘ findet:

„в Афетовѣ же части сѣдѧть Русь. Чюдь. и вси язъıци. Мерѧ. Мурома Весь Моръдва. Заволочьская Чюдь. Пермь Печера Ямь. Оугра Литва. Зимѣгола Корсь. Сѣмьгола Любь Лѧхове же и Пруси Чюдь пресѣдѧть к морю Варѧжьскому“7

Werden die in der Nestorchronik angegebenen Ethnonyme vor dem Hintergrund der historisch belegten und den heute noch im europäischen Teil Russlands ansässigen Völkerschaften untersucht, so zeigt sich, dass die meisten der ← 12 | 13 Völkerschaften mit finnisch-ugrischen und baltischen Gruppen in direkter Verbindung stehen; eine deutlich kleinere Gruppe verweist auf Stämme slavischen Hintergrundes. Dem gegenüber finden sich keine Ethnonyme, die auf Turkvölker hindeuten – dies stellt ein nicht unerhebliches Problem dar, da sich zu diesem Zeitpunkt mit dem Reich der Wolgabolgaren8 und dem Reich der Chasaren9 bereits turkische Staatsgebilde im europäischen Teil Russlands nachweisen lassen.10 Auch die Kumanen, die damals nördlich des großen Kaukasus siedelten, müssen den russischen Fürsten bekannt gewesen sein, bevor die Goldene Horde über Russland kam.11 Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen den in der ‚Völkertafel‘ erwähnten slavischen, uralischen und baltischen Stämmen auf der einen und den nichterwähnten turkischen Stämmen auf der anderen Seite ist gerade mit Blick auf die Bedeutsamkeit der Turkvölker verwunderlich. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Ostslaven keine Kenntnis von ihren turkischen Nachbarn im Osten hatten oder nicht im Kontakt zu ihnen standen, ist eher davon auszugehen, dass die Nichterwähnung mit dem Tributverhältnis zusammenhing. Während die baltischen und uralischen Stämme des Areals entweder sehr schnell zu Untertanen der russischen Fürsten wurden oder ihnen zumindest tributpflichtig waren, waren die russischen Fürsten ihrerseits den turkischen und mongolischen Staatsgebilden im Osten tributpflichtig, die somit nicht zum Herrschafts- bzw. Einflussgebiet zählen konnten. ← 13 | 14

Im Verlaufe der Jahrhunderte standen jene ostslavischen Stämme, die heute die slavische Komponente des russischen Volkes konstituieren, höchstwahrscheinlich durchgehend in direktem Kontakt mit Turkvölkern. Erstmals geschichtlich fassbar werden Turken in Russland in Form der Wolgabolgaren, deren Staatsgebilde an der mittleren Wolga ein Nachfolgerstaat des Großreiches der Protobolgaren war, das in der Zeit zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert entstand und bis zum Mongolensturm im Jahr 1236 existierte. Seitdem besteht durchgehend direkter Kontakt zwischen Slaven und Turken nicht nur im Bereich des ehemaligen Reiches der Wolgabolgaren, sondern in vielen Gebieten des (europäischen) Russlands.

Ein weiteres, ebenfalls nicht unerhebliches Problem stellt bis heute die Frage nach der ethnisch-sprachlichen Identität der Hunnen, der Awaren und der Protobolgaren dar. Während die Zusammensetzung der Goldenen Horde heute weitgehend als geklärt betrachtet werden kann,12 sind die Hunnen, Awaren und Protobolgaren in ihrer genauen ethnischen Zusammensetzung heute nicht mehr fassbar. Sie werden üblicherweise entweder dem mongolischen oder turkischen Ethnos zugerechnet;13 dies stützt sich jedoch mehr auf die Herkunft dieser Völkerschaften oder Stammesverbände aus dem Steppengürtel Mittelasiens und Westchinas denn auf wirklich belastbare Quellen; sollte es sich bei diesen Gruppen doch um Turkstämme gehandelt haben, so ist das Vordringen von Turkvölkern in den europäischen Teil Russlands weiter vorzudatieren.

Details

Seiten
206
ISBN (PDF)
9783631795767
ISBN (ePUB)
9783631795774
ISBN (MOBI)
9783631795781
ISBN (Paperback)
9783631795750
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
Slavische Philologie Sprachwissenschaft (Linguistik) Slavische Sprachen Syntax Pragmatik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 206 S., 7 s/w Abb., 12 s/w Tab.

Biographische Angaben

Genia Böhnisch (Band-Herausgeber:in) Uwe Junghanns (Band-Herausgeber:in) Hagen Pitsch (Band-Herausgeber:in)

Genia Böhnisch ist wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Slavische Philologie der Universität Göttingen. Uwe Junghanns ist Inhaber des Lehrstuhls für slavistische Linguistik am Seminar für Slavische Philologie der Universität Göttingen. Hagen Pitsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Slavische Philologie der Universität Göttingen.

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Titel: Linguistische Beiträge zur Slavistik