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Transkulturalität / Interkulturalität. Konzepte, Methoden, Anwendungen

von Martina Engelbrecht (Band-Herausgeber:in) Gabriela Ociepa-Joachimsthaler (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 244 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorbemerkung
  • Die Interköpfe und die Transköpfe. Interkulturalität und Transkulturalität in kulturtheoretischer und literaturwissenschaftlicher Sicht: (Norbert Mecklenburg)
  • Kulturverstehen – Kulturmethode: (Hans-Günther Schwarz)
  • Kein Idealismus ohne Platonismus: Über die Anfänge des Idealismus im Tübinger Stift: (Jens Halfwassen)
  • Transkulturalität verstehen. Monica Juneja und Christian Kravagna im Gespräch
  • Wie, wann, wo und warum eigentlich Transkulturalität? Wissen und Macht – ein Blick auf China im globalen Kontext: (Barbara Mittler)
  • Trans- und interkulturelle Zeichen in der Alltagsästhetik: (Susanne Palme-Waldemer)
  • Transkulturelle Kommunikation in der Hochschule – von der Notwendigkeit eines Perspektivwechsels in Theorie und Praxis: (Silvia Machein)
  • Interkulturalität/Transkulturalität: Gegenüberstellung versus Verflechtung am Beispiel ausgewählter Fragmente von Franz Hodjak und Herta Müller: (Daniela Ionescu-Bonanni)
  • Musik und Transkulturalität, diskutiert an Beispielen aus der europäischen Musikgeschichte: (Dorothea Redepenning)
  • Übersetzung als Grenzüberschreitung zwischen Sprachen, Kulturen und Nationen: (Jekatherina Lebedewa)
  • Transkulturelle Variationen. Deutsch in Lodz: Lodzer Deutsch und Lodzerdeutsch: (Jörg Riecke)
  • Interkulturalität, Transkulturalität, X-Kulturalität? Eine notwendige Begriffsklärung mit Hilfe der Literatur, insbesondere der Romane von Saša Stanišić: (Jürgen Joachimsthaler)
  • Reihenübersicht

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Vorbemerkung

Dieser Sammelband geht auf eine Ringvorlesung zurück, die im Sommersemester 2014 am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg zum Thema „Transkulturalität / Interkulturalität. Konzepte, Methoden, Anwendungen“ gehalten wurde. Jürgen Joachimsthaler und Martina Engelbrecht haben mit dieser Veranstaltung Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Disziplinen Raum für die Auseinandersetzung mit den beiden Begriffen geboten. Die Themenwahl der Ringvorlesung korrespondierte mit dem Lehr- und Forschungsprofil des Instituts, das seinem Auftrag zu Folge Inter- und Transkulturalität seit seiner Entstehung im Jahr 1975 praktiziert, wissenschaftlich reflektiert und in der Lehre vermittelt. So nähern sich die Beiträge in diesem Band dem Themenkomplex grundsätzlich oder exemplarisch, loten die Applizierbarkeit der beiden Begriffe aus und fächern ein Feld auf, das von literatur- und kulturwissenschaftlichen Fragen über philosophische und ästhetische Ansätze reicht. Auch Themen wie Sprachvarietäten, Kulturübersetzung, Wissenstransfer und interkulturelle Hochschulkommunikation werden in den Blick genommen.

Durch den tragischen Tod von Jürgen Joachimsthaler wurde dieser Band unter besonderen Umständen abgeschlossen. Die von seinen Marburger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern redigierten Beiträge konnte Jürgen Joachimsthaler im Herbst 2017 noch einsehen. Es war uns ein wichtiges Anliegen, diesen Zustand der von ihm gesichteten Texte weitestgehend zu erhalten. Aus diesem Grund haben wir die Autorinnen und Autoren gebeten, nur die absolut notwendigen Änderungen im Sinne der Aktualität vorzunehmen. Der Band umfasst – auch in dieser Hinsicht haben wir die ursprüngliche Planung beibehalten – zwei Beiträge, die bereits publiziert wurden. Teile eines weiteren Beitrags wurden in der Einleitung zu einer Anthologie verwendet.

Die Arbeit an dem Band wurde von zwei weiteren Todesfällen überschattet: Im Mai 2019 verstarb Professor Jörg Riecke, im Februar 2020 Professor Jens Halfwassen. Dem Andenken von Jens Halfwassen, Jürgen Joachimsthaler und Jörg Riecke ist dieser Band gewidmet.

Für die großzügige Unterstützung bei der Fertigstellung des Bandes sind wir dem Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität Marburg und dem Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg zu Dank verpflichtet.

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An der Redaktion des Bandes waren maßgeblich Frau Verena Thinnes und Frau Romy Traeber beteiligt; für ihre Hilfe bei der Korrektur und der Zusammenführung der Redaktionsdurchgänge danken wir außerdem Herrn Philipp Meine und Frau Rebecca Ruth.

Martina Engelbrecht, Gabriela Ociepa im Juni 2020

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Norbert Mecklenburg

Die Interköpfe und die Transköpfe.

Interkulturalität und Transkulturalität
in kulturtheoretischer und
literaturwissenschaftlicher Sicht

Seitdem Alois Wierlacher dem Fach Deutsch als Fremdsprache vor rund vierzig Jahren in Heidelberg eine interkulturelle Ausrichtung gab und seitdem er vor dreißig Jahren die Gesellschaft für interkulturelle Germanistik, die GiG, gründete, in der ich von Anfang an bis heute mitarbeite, hat das Konzept der Interkulturalität Karriere gemacht, jedoch nicht ohne kritische Debatten. In diesen ist zunehmend das der Transkulturalität ins Spiel gebracht worden, und beide Konzepte wurden lange Zeit in Konkurrenz zueinander gedacht. So schrieb mir einmal Michael Hofmann, der gleichfalls im Bereich interkultureller Literaturstudien arbeitet,1 von den „ideologischen Kämpfen zwischen Inter und Trans“. Wie wahr, denn diese Kämpfe erschüttern nicht nur die Kulturwissenschaften, sondern sogar die Menschen in der Alltagskultur, bis in die Familien hinein!

Ich selbst erlebe das hautnah: Meine Frau Zehra Ipşiroğlu lebt, denkt und arbeitet als türkische Autorin, Kritikerin und Professorin wahrhaft interkulturell zwischen Istanbul und Köln, z.T. auch mit mir zusammen, z.B. auf vielen GiG-Tagungen. Wenn sie aber mit ihrem Bruder Osman debattiert, der viele Jahre jünger ist, einen türkischen und österreichischen Pass hat, in Kanada als Professor für Kindermedizin arbeitet und aus transdisziplinären Gründen auch noch einen PhD für Kulturanthropologie gemacht hat, dann greift Osman, der es schon als kleiner Junge liebte, seine Abla, d.h. ältere Schwester, auf Korrektheit zu überwachen, gern zu dem kategorischen Imperativ: „Sag Trans, nicht Inter!“ Könnte der Titel eines satirischen Stücks von Brecht: Die Rundköpfe und die Spitzköpfe zu einer Wissenschaftssatire mit dem Titel Die Interköpfe und die Transköpfe anregen?

Inzwischen hat sich, meinem Eindruck nach, wenigstens im literaturwissenschaftlichen Feld die Lage etwas entspannt. Zunehmend findet eine Position ←11 | 12→Zustimmung, für die ich in meinem Buch Das Mädchen aus der Fremde2 plädiert habe: Inter- und Transkulturalität sind nicht einander entgegengesetzte, sondern sich ergänzende Begriffe. Darum möchte ich diese Argumentation hier im Rahmen einer inter- oder transdisziplinären Ringvorlesung, die genau diesem Begriffspaar gilt, erneut vortragen und mit wenigen Beispielen veranschaulichen. In einem ersten Gedankengang versuche ich, zu beiden Begriffen elementare Klärungen zu geben. Dann folgt die ausführliche Vorstellung eines literarischen Beispiels: Goethes Bearbeitung eines indianischen Kannibalenliedes. Auf dieser doppelten Grundlage setze ich mich mit dem wohl bekanntesten Plädoyer für Transkulturalität und gegen Interkulturalität kritisch auseinander, das der postmoderne Philosoph Wolfgang Welsch mit unphilosophisch schwachen Argumenten vorgetragen hat, was jedoch keineswegs verhinderte, dass diese bis heute allenthalben gebetsmühlenhaft nachgeplappert werden.

1. Elementare begriffliche Klärungen

Die terminologische Klärung der Ausdrücke ‚interkulturell‘ und ‚transkulturell‘ möchte ich hier, dem von mir gelernten und ausgeübten Fach entsprechend, in erster Linie auf ein Phänomenfeld der Literaturwissenschaft beziehen, auch wenn diese Ausdrücke mittlerweile in vielen kulturellen Bereichen und wissenschaftlichen Disziplinen verwendet werden, in verschiedenen Disziplinen möglicherweise verschieden. Aber gerade das hat die unangenehme Nebenwirkung, dass sie ihren Wert als Begriffe, d. h. als wissenschaftliche Zugriffe auf eine Sache, einbüßen und zu ebenso modischen wie leeren Worthülsen werden können. Die Substantivierungen ‚Interkulturalität‘ und ‚Transkulturalität‘ sind alles andere als ein Schutz dagegen, sie klingen zwar hochgestochen wissenschaftlich, aber sie führen leicht in die Irre. Denn sie können als Eigenschaften suggerieren, was in Wahrheit Beziehungen sind, z. B. in dem Satz: ‚Transkulturalität ist eine Eigenschaft heutiger Kulturen.‘ Die Begriffe werden dann zu ähnlichen Begriffsgespenstern wie das lange Zeit modische Substantiv des ‚Fremden‘, das eine ganze gespenstische ‚Fremdheitsforschung‘ nach sich gezogen hat, für die dann auch noch extra ein Fremdwort erfunden wurde: Xenologie.

Die Irreführung durch terminologische Hochstapelei kann sich dadurch noch steigern, dass die beiden Begriffe ‚Interkulturalität‘ und ‚Transkulturalität‘ zu Markenzeichen auf dem Markt wissenschaftlicher Theorien, zu Fahnenwörtern ihrer Konkurrenzkämpfe und somit in Gegensatz zueinander gebracht werden, ←12 | 13→besonders gern von Begriffsmodenarren unter den Kulturwissenschaftlern. Die lange Zeit vorherrschende postmoderne Denk- und Redemode bevorzugt alles Trans und verdächtigt alles Inter. Sie redet von Transkulturellem statt von Interkulturellem, von Transnationalem statt von Internationalem – als eigneten sich diese Begriffe nicht nebeneinander für jeweils Verschiedenes.

Von Interkulturellem und Transkulturellem ist mittlerweile in vielen Wissenschaften die Rede, in den Literaturwissenschaften inzwischen keineswegs nur bei der Richtung, die sich selbst ‚interkulturelle Germanistik‘ nennt, sondern ebenso in der Komparatistik, der postkolonialen Kritik und vielen anderen Subdisziplinen. Nun ist diese transdisziplinäre Karriere des Inter- und Transkulturellen nicht nur etwas Wissenschaftsinternes, sondern eng verflochten mit dem noch unabsehbar tiefgreifenden kulturellen Wandel in unserer Zeit. Zu ihm gehört das Phänomen zunehmend ‚multikultureller‘ Gesellschaften ebenso wie die Globalisierung mit ihren kulturellen Auswirkungen und Widersprüchen. Da diese unterschiedlich interpretiert werden, fließen auch in den scheinbar neutralen, wertfreien wissenschaftlichen Gebrauch der Begriffe solche Interpretationsdifferenzen ein. Das lässt sich auch am Pro und Contra zu Inter und Trans, an den „ideologischen Kämpfen“ zwischen ihnen, beobachten.

Und zwar auch im Feld der Literaturwissenschaft: Diese war, vor etwa einem halben Jahrhundert, mit einem ersten turn, über die traditionelle Nationalphilologie bzw. Ein-Sprachen-Philologie hinausgelangt und hatte sich komparatistisch für das Mit- und Ineinander der Literaturen der Welt geöffnet. Vor etwa einem Vierteljahrhundert rückte dann der allgemeine cultural turn nicht nur Kulturelles, sondern damit notwendig auch Inter- und Transkulturelles noch stärker in den Blick. Denn Literatur ist nicht nur in kulturelle Kontexte eingebettet, sondern bewegt sich seit je auch über sie hinaus. Anders wäre nicht möglich, was wir seit Goethe Weltliteratur nennen.

Mit dem Adjektiv ‚interkulturell‘ werden alle Arten von Beziehungen zwischen zwei oder mehreren verschiedenen Kulturen benannt, mit ‚transkulturell‘ Übergänge, Vernetzungen und Phänomene, welche einzelne oder alle Kulturen übergreifen. Beide Begriffe setzen somit den Grundbegriff der Kultur voraus, und zwar sowohl in der Verwendung im Plural als auch im Singular: Sie setzen einerseits voraus, dass es eine Pluralität von Kulturen gibt, also auch Kulturgrenzen und Kulturunterschiede, ganz gleich, wie sie definiert werden, andererseits, dass diese Grenzen nicht undurchlässig und diese Unterschiede nicht absolut sind. Denn sonst gäbe es weder ein Inter noch ein Trans. Beide Begriffe gehen also von beobachtbaren Beziehungen zwischen Kulturen aus. Ihre sinnvolle Verwendung schließt zwei Extreme aus: dass Kulturen in sich geschlossene, homogene, ←13 | 14→inkommensurable Ganzheiten sind, ebenso wie dass sie sich in einem differenzen- und grenzenlosen Kontinuum restlos auflösen.

Die Begriffe des Interkulturellen und des Transkulturellen setzen aber gleichfalls Kultur im Singular voraus. Denn worauf sie sich auch beziehen, immer geht es dabei um solches Kulturelle, welches über die Grenzen einzelner Kulturen hinausgeht, potentiell weltweit. Dazu gehört seit Jahrtausenden die Kunst, seit Jahrhunderten die Wissenschaft, seit etwa einem Jahrhundert die Kulturindustrie, seit etwa einem Jahrzehnt das Internet als dominantes Medium von Informationsaustausch. Diese Kulturphänomene bilden sowohl einen Teil der Kulturen und Gesellschaften, in deren Rahmen sie produziert und rezipiert werden, als auch einen Teil der ‚Zwischenwelt‘ symbolischer Formen, die nach Ernst Cassirer Kultur im Singular, d. h. im anthropologischen Sinne, ausmacht.3 Diese doppelte Zuordnung kultureller Einzelphänomene zu Kulturen und zu Kultur darf jedoch nicht kulturalistisch verengt werden, denn sie stehen immer auch noch in geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Literatur z.B. ist kulturell, interkulturell, transkulturell, aber all das ist sie nur in der Weise, dass sie zugleich geschichtlich und gesellschaftlich ist.

Wie die Begriffe des Interkulturellen und des Transkulturellen Begriffe von Kultur(en) voraussetzen, so lassen sich diese ihrerseits nicht ohne Bezug auf Inter- und Transkulturelles bestimmen, das macht ihre Dialektik aus: Was eine Kultur ist, bestimmt sich nicht nur aus – gegebenen oder erfundenen – Differenzen zu anderen Kulturen, sondern auch aus Konfigurationen von Überlappungen und Übergängen sowie von intrakultureller Heterogenität. Um Intra-, Inter- und Transkulturelles überhaupt beobachten zu können, muss man voraussetzen, dass Kulturen bis zu einem gewissen Grad als Konstanten gesehen werden; und umgekehrt: um Kulturen zu identifizieren, zu definieren, d. h. durch Abgrenzung zu bestimmen, muss man sie aus ihren multi-, inter- und transkulturellen Verflechtungen herausheben. Dieser Dialektik wird man in keiner Weise dadurch gerecht, dass man glaubt, den Kulturbegriff durch Voranstellung eines Inter- oder Trans- einfach auflösen zu können. Außerdem würde das unmöglich machen, zwei andere Begriffe, denen im heutigen kulturtheoretischen Feld gleichfalls ein gewisses Gewicht beigemessen wird, überhaupt sinnvoll anzuwenden: die Begriffe der kulturellen Vielfalt und der kulturellen Alterität.

Kommen wir von diesen allzu weit und zugleich allzu flüchtig ausgreifenden Überlegungen zu der elementaren Frage zurück: Wie bestimmen wir nicht einen ←14 | 15→Gegensatz oder gar eine Konkurrenz, sondern so einfach und klar wie möglich Unterschiede in der Verwendung der Ausdrücke ,interkulturell‘ und ‚transkulturell‘? Schon die Vorsilben können das anzeigen: ‚inter‘ bedeutet ‚zwischen‘ und ‚gegenseitig‘, ‚trans‘ bedeutet ‚quer hindurch‘, ‚über hinaus‘, ‚jenseits‘. Bei ‚inter‘ werden eher Abstand und Verbindung, bei ‚trans‘ Übergang und Bewegung konnotiert. Dementsprechend wird der Ausdruck ‚interkulturell‘ in der Regel auf etwas bezogen, das es zwischen zwei oder mehreren bestimmten Kulturen zu beobachten gibt: Unterschiede, Ähnlichkeiten, Beziehungen, Prozesse, Austausch, Kommunikation, Konflikte. Und der Ausdruck ‚transkulturell‘ bezeichnet etwas, das kulturübergreifend vorkommt. Das kann zweierlei meinen: (a) über viele oder sogar über alle einzelnen Kulturen hinausgehend, (b) über eine bestimmte Kultur hinausgehend. In der Bedeutungsvariante (a) können z. B. symbolisches Handeln, Religion, Kunst als transkulturell bezeichnet werden, denn sie kommen in praktisch allen Kulturen vor, sie sind kulturelle bzw. anthropologische Universalien.4 Der Ausdruck ‚transkulturell‘ in diesem Sinne (a) deckt sich also teilweise mit dem Ausdruck ‚universal‘. Im zweiten Fall (b) bedeutet er jedoch nur: über eine Kultur hinausgehend und damit in andere übergehend. Wissenschaft verbreitet sich in diesem Sinne transkulturell, d. h. sie erfährt einen Transfer über Kulturgrenzen hinaus, ebenso Kunst und also auch Literatur.

Sofern ihrer Verbreitung auch Übersetzungen dienen, ist das zugleich trans- und interkulturell: Als transkulturell erweist sich das literarische Potential von Werken der Weltliteratur, wenn sie in viele Sprachen übersetzt werden; interkulturell sind die einzelnen Übersetzungen, wenn mit einer Zielsprache zugleich eine bestimmte ‚Zielkultur‘ verbunden ist – was keineswegs immer der Fall sein muss, z. B. bei Übersetzungen in die Weltsprache Englisch. So war z. B. die Hafis-Übersetzung von Joseph von Hammer, deren Lektüre Goethe zu seinem Divan angeregt hat, ausgesprochen interkulturell, indem sie die fremdartigen orientalischen Formelemente mit solchen der damals sehr vertrauten europäischen Literaturtradition der Anakreontik überschrieb und auf diese Weise das lyrische Werk des persischen Dichters aus dem 14. Jahrhundert im deutschen Literaturraum ‚einzubürgern‘ versuchte. Ohne diese interkulturelle Brücke wäre Goethes Divan vermutlich nicht entstanden.

Fassen wir zusammen: 1. Es gibt Kultur, und es gibt Kulturen. 2. Zwischen diesen gibt es Beziehungen und Unterschiede, Gemeinsames und Verschiedenes, ←15 | 16→Ähnliches und Unähnliches, Überlappungen und Abgrenzungen. 3. Beobachtet man das, so kann man den Akzent mehr auf Interkulturelles legen, dann treten Aspekte wie Vielfalt, Kontrast, Alterität mehr hervor, oder mehr auf Transkulturelles, dann treten die Aspekte Gemeinsames, Übergänge, Überlappungen mehr hervor.

Dass die Ausdrücke ‚interkulturell‘ und ‚transkulturell‘ problemlos nebeneinander bestehen können, weil sie sich auf verschiedene Sachverhalte beziehen, ließe sich an vielen Beispielen aus Kunst und Literatur demonstrieren. So ist z. B. Erzählen ein transkulturelles Phänomen, sowohl in der Bedeutung (a): es kommt vermutlich in allen Kulturen vor und gehört damit zu den Universalien; als auch in der Bedeutung (b): Erzählstoffe wie die der griechischen Mythologie, der jüdischen Bibel oder der Märchen aus Tausendundeiner Nacht und Erzähltechniken wie z. B. personales Erzählen haben sich über die jeweilige Entstehungskultur hinaus verbreitet. Erzählen ist aber ebenso ein interkulturelles Phänomen, z. B. in Form von literarischen Übersetzungen, von Intertextualität als Nach- und Umerzählung, wie Goethe es immer wieder meisterhaft gemacht hat, im West-östlichen Divan z. B. mit Der Winter und Timur und Siebenschläfer, auch in seinen beiden indischen Legenden Der Gott und die Bajadere und Paria, die der Autor in Reiseberichten gefunden hatte. Inhaltsbezogen betrachtet, ist Erzählen ein interkulturelles Phänomen in Gestalt von Erzählungen – sei es von Menschen aus einer anderen Kultur, sei es von Begegnungen oder Konflikten zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen, sei es von Menschen, die Kulturgrenzen überschreiten, sei es, allgemeiner, vom Umgang mit kultureller Vielfalt und Alterität, mit Stereotypen und Diskursen über die Anderen, über das Eigene und das Fremde. Auf dieser zuletzt genannten Linie hat z. B. Jürgen Joachimsthaler in einem material- und aspektreichen Werk die „kulturelle Vielfalt in Mitteleuropa als Darstellungsproblem deutscher Literatur“, namentlich die Bilder der Anderen in deutschen Texten, untersucht.5

Wie Literatur mit vorgegebenen Bildern der Anderen umgeht, entweder festschreibend, in Form von Othering, d. h. Festlegung der Anderen auf eigene Muster von ihnen, oder ‚zerschreibend‘ im Sinne von subversiv oder dekonstruktiv, daran bemisst sich ihr interkulturelles Potential. Das klassische europäische Muster von Othering ist der von den Griechen erfundene Barbaren-Topos.6 Affirmativ und ethnozentrisch festgeschrieben hat diesen Topos vor zweieinhalb ←16 | 17→Jahrtausenden Euripides: wie in anderen seiner Dramen so auch in seiner Iphigenie bei den Taurern, einem Stück von weltliterarischem Rang, beachtlichem transkulturellen Potential und einzigartiger Wirkungsgeschichte. Die Handlung, ein Teil der Atridengeschichte, spielt in mythischer Vorzeit in Tauris, d.h. auf der Krim, wo sich zur Zeit des Euripides bereits eine griechische Stadt befand, Chersonesos, nahe dem heutigen Sewastopol.

In dieser Tragödie, deren Konflikt eine interkulturelle Dimension hat, weil Personen zweier Völker und Kulturen aufeinandertreffen: Griechen als Fremde und Taurer bzw. Skythen als Einheimische, werden die Griechen als die überlegenen Zivilisierten, die Skythen als die dummen, rohen, primitiven Barbaren dargestellt, die noch Menschenopfer praktizieren. Seit der Renaissance, in der das Stück wiederentdeckt wurde, erfuhr es zweieinhalb Jahrhunderte lang in vielen Variationen eine christliche ‚Konversion‘: Die Griechen traten wie Christen auf, die ‚Barbaren‘ wie Heiden, die Taurer wie Türken.7 Bevor Zarin Katharina die Krim, die sich unter osmanischer Herrschaft befand, ihrem Reich einverleibte, gab sie, aus durchsichtigen Propagandagründen, eine italienische Oper Ifigenia in Tauride in Auftrag, um ihre militärische mission civilisatrice zu legitimieren.

Auch, aber nicht nur vor diesem Hintergrund nimmt sich Goethes Drama Iphigenie auf Tauris als bedeutendste Umgestaltung in der gesamten Wirkungsgeschichte des Euripides-Stücks aus. Ein Kernpunkt dabei ist sein Umgang mit dem Barbaren-Topos: Auf der Grundlage humanistischer, universalistischer, also transkultureller Ethik dekonstruiert Goethe diesen Topos mit dramatischen Mitteln. Die leitenden interkulturellen Konzepte heißen nicht mehr Hegemonie und Diktat, sondern Dialog und wechselseitige Anerkennung. Im vergangenen Jahrhundert der Extreme sind neue Iphigenie-Bearbeitungen gegen diesen Humanismus entworfen worden. Am interessantesten finde ich zwei Stücke von nicht-europäischen Autoren: Ifigenia cruel des Mexikaners Alfonso Reyes und Iphigenia Tauris’te des Türken Selâhattin Batu. Beide Autoren machen, sozusagen unter dem Motto ‚Tauris writes back‘, Iphigenie zur kulturellen Überläuferin: Bei ihnen bleibt sie in Tauris. – Im Folgenden möchte ich zur Veranschaulichung der bisherigen terminologischen Überlegungen ein weiteres, aber in Unterschied zur Iphigenie fast unbekanntes und zudem besser überschaubares Textbeispiel vorstellen.

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2. Goethes Bearbeitung eines Kannibalenliedes

Goethes interkulturelle Offenheit und transkulturelle Denk- und Schreibweise zeigen sich an poetischen Projekten von seiner Jugendzeit bis ins hohe Alter sowie an seiner Entwicklung der Idee einer ‚Weltliteratur‘.8 In den vielen Arbeiten der Goethe-Forschung zu dieser Idee gibt es ein merkwürdiges Defizit: Sie ignorieren Goethes lebenslanges Interesse am Volkslied, obwohl er diese lyrische Gattung zweifellos als Teilbereich der Weltliteratur oder ,Weltpoesie‘ ansah. Er hat als Student in Straßburg und als Schüler Herders, der damals an seiner großen Volksliedersammlung arbeitete, im Elsass selber Volkslieder gesammelt und aufgezeichnet; er hat publizierte Volkslieder: griechische, serbische und aus vielen anderen Ländern, übersetzt, bearbeitet oder die Publikationen in Besprechungen empfohlen.

Zusammenfassung

Das Forschungsfeld der Transkulturalität und Interkulturalität reicht von literatur- und kulturwissenschaftlichen Fragen über philosophische und ästhetische Ansätze.
In diesem Sammelband setzen sich Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Disziplinen mit der Frage auseinander, was der Gegenstandsbereich der Interkulturalität und Transkulturalität umfasst. Sie untersuchen den Verwendungszweck beider Begriffe und erörtern ob diese sich gegenseitig ergänzen oder ausschließen. Die Beiträger nehmen hierzu auch Themen wie Sprachvarietäten, Kulturübersetzung, Wissenstransfer und interkulturelle Hochschulkommunikation in den Fokus.

Details

Seiten
244
ISBN (PDF)
9783631837245
ISBN (ePUB)
9783631837252
ISBN (MOBI)
9783631837269
ISBN (Buch)
9783631835838
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
Kultur Vielfalt Kulturtransfer Sprachvarietät Übersetzung Postkolonialismus Kommunikation Idealismus Ästhetik Musik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 244 S., 4 farb. Abb., 17 s/w Abb.

Biographische Angaben

Martina Engelbrecht (Band-Herausgeber:in) Gabriela Ociepa-Joachimsthaler (Band-Herausgeber:in)

Martina Engelbrecht ist Kunsthistorikern und wissenschaftliche Koordinatorin an der Neuphilologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Gabriela Ociepa war langjährige Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Wrocław (Breslau) und von 2015 bis 2018 Gastwissenschaftlerin im Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften der Universität Marburg. Zur Zeit ist sie als freie Germanistin in Marburg tätig.

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Titel: Transkulturalität / Interkulturalität. Konzepte, Methoden, Anwendungen