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Erhabenheit und Kunstautonomie

Schillers Poetik des Unendlichen

by Sofia Avgerinou (Author)
©2021 Thesis 398 Pages

Summary

Friedrich Schillers Stilisierung als Dichter der Versöhnung und der ästhetischen Erziehung wird das konkurrierende Bild eines Ästhetikers des Widerspruchs immer entschiedener entgegengesetzt. In wie fern lässt sich aber die Forderung nach einer autonomen Kunst mit dem Erhabenen vereinbaren? Sind diese Begriffe dem heutigen Menschen noch ein Begriff? Auf denselben semantischen Elementen beruhend und eine Umdeutung der traditionellen Mimesis erstrebend, führen Schillers Versöhnungsaporien immer wieder zu neuen Trennungen und zu der Anerkennung der grundsätzlichen Widersprüchlichkeit des Daseins.

Table Of Contents

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1. Gegenstand der Arbeit
  • 1.2. Forschungsstand
  • 1.3. Methodologische Vorbemerkung
  • 2. Schillers Konzeption der Kunstautonomie
  • 2.1. Schillers Auffassung von Kunstautonomie im Rahmen der Kunsttheorie im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts
  • 2.2. Schönheit als Freiheit in der Erscheinung: Dynamik und Subjektivierung des Schönen in den Kallias-​Briefen
  • 2.3. Schönheit und Freiheit in Über Anmut und Würde
  • 2.4. Versöhnung im Ästhetischen?: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen
  • 2.5. Der Widerspruch in Schillers Konzeption der Kunstautonomie
  • 2.5.1. Aspekte des Widerspruchs
  • 2.5.2. Kunst als Gewalt und das Verhältnis von Form und Stoff
  • 5.2.3. Die Kunst und das Subjekt
  • 2.5.4. Kunst und Leben
  • 3. Schillers Konzeption des Erhabenen
  • 3.1. Das Erhabene als Gewalt
  • 3.1.1. Überblick der Geschichte des Begriffs
  • 3.1.2. Die Gewalt des Erhabenen bei Longin, Kant und Schiller
  • 3.2. Das Erhabene als Widerspruch
  • 3.3. Darstellung des Undarstellbaren: Die Umdeutung der Mimesis
  • 3.3.1. Darstellung als Problem des ästhetischen Diskurses
  • 3.3.2. Nachahmung und Darstellung in den Kallias-​Briefen
  • 3.3.3. Theorie der dramatischen Nachahmung
  • 3.3.4. Exkurs: Poetische gegen historische Wahrheit
  • 3.3.5. Darstellung des Ideals: Über naive und sentimentalische Dichtung
  • 3.4. Schein und Leben: Wo bleibt die Katharsis?
  • 3.5. Kunstautonomie und Erhabenheit in Schillers Konzept vom „erhabenen Verbrecher“
  • 3.6. Schillers „Große Sünder“
  • 3.6.1. Jugenddramen
  • 3.6.2. Wallenstein
  • 3.6.3. Maria Stuart
  • 3.6.4. Demetrius
  • 3.6.5. Ästhetische Theorie als Maßstab für die poetische Praxis?
  • 4. Zum Verhältnis von Erhabenheit und Kunstautonomie
  • 4.1. Kunstautonomie als Erfahrung des Erhabenen
  • 4.2. Fazit
  • 5. Literaturverzeichnis

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Abkürzungsverzeichnis

ÄE: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen

AW: Über Anmut und Würde

GV: Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen

NS: Über naive und sentimentalische Dichtung

TK: Über die tragische Kunst

ÜE: Über das Erhabene

ÜP: Über das Pathetische

VE: Vom Erhabenen

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3. Schillers Konzeption des Erhabenen

„Μit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät“.527
Friedrich Schiller

3.1. Das Erhabene als Gewalt

3.1.1. Überblick der Geschichte des Begriffs

Schillers Begriff von Erhabenheit, wie überhaupt seine Kunstphilosophie, steht nicht vereinzelt da, etwa als Anhang zur Kantischen oder auch nur zur deutschen Ästhetik der Spätaufklärung. Es ist heute bekannt, dass für den Ästhetiker Schiller die europäische Philosophie weit wichtiger war als die deutschen Denker, Kant ausgenommen.528 In dieser Hinsicht lohnt es sich, der jahrtausendealten Geschichte des Begriffs von ὓψος bzw. Erhabenheit auch nur andeutend nachzugehen.

Mit dem Aufschwung der Rhetorik im antiken Athen wird die Macht des sprachlichen Ausdrucks an sich für jedes erdenkliche Ziel in Anspruch genommen, ohne Rücksicht auf dessen Legitimität oder auf die Korrespondenz der Worte des Rhetors mit der Wahrheit. Die Überredung, die πειθώ, ersetzt die βία.529 Sie beschränkt sich nicht nur auf die Herbeiführung der freiwilligen ←173 | 174→Akzeptanz der Argumente des Redners, sondern sie ersetzt vielfach die rohe politische Macht der Oligarchie oder Tyrannei durch die psychologische Gewalt einer fast magisch wirkenden Sprache. Die Sprache selbst ist ein δυνάστης μέγας [großer Tyrann], sie nötigt die Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen.530 In Gorgias’ Denken tritt die Auffassung auf, dass die Sprache und die Leidenschaften, die durch den geeigneten Gebrauch der Sprache entstehen, die Freiheit der individuellen Entscheidung beeinträchtigen und den Menschen zu einer Art Unmündigkeit zurückführen können. Longin wiederum bezeichnet dasjenige große, verzehrende Pathos als erhaben, das so stark ist, dass es unaussprechlich bleiben muss. Je unaussprechlicher, desto erhabener. Nach Longinus übt das Erhabene eine unwiderstehliche Macht und Gewalt aus, δυναστείαν καὶ βίαν ἄμαχον –​ ein Ausdruck, der die positiven und negativen Konnotationen der Macht (δύναμις) subsumiert.531

Das Erhabene war, im Zuge seiner langen Geschichte, zuerst eine Qualität der Worte, die aus der Psyche des Dichters stammten und beim Leser bestimmte Gefühle der Begeisterung hervorriefen, um dann zu einer Qualität Gottes und der Natur zu werden, was mit dem langen Prozess der Psychologisierung des Erhabenen bei Burke und Kant (allerdings unter entgegengesetzten Prämissen) und mit dessen Substanzwerden bei Schiller weitergeht. Es handelt sich um einen Prozess der Emanzipation der ganzheitlichen Naturwahrnehmung von der rhetorischen Tradition: nicht nur um Kunst und Sprache geht es, sondern auch um eine Art der Weltwahrnehmung.532 Davon finden sich die Keime schon in Περί ὓψους.

Das Werk wurde in der Vergangenheit dem Philologen und Kritiker Cassius Longinus zugeschrieben, der angeregt durch eine gleichnamige Schrift von Caecilius seinem Freund Postumius Terentianus seine Überlegungen über das Erhabene ←174 | 175→mitteilte.533 Die Vaterschaft des Werkes ist aber umstritten; meistens erscheint es in den Manuskripten als Werk des Dionysius und/​oder des Longin, doch es gibt wichtige Argumente gegen die Urheberschaft sowohl des Cassius Longinus als auch des Dionysius von Halikarnassos.534 Im Folgenden wird der Autor der Schrift konventionsgemäß als „Longinus“ angeführt.

Wie Paul Barone notiert, verdankt die Schrift ihre Beliebtheit

„ihrer leidenschaftlichen Begeisterung für das Große, Machtvolle und Gewaltige in der Dichtung, ihrer Polemik gegen ein glattes Schönheitsideal, gegen das bloß Anmutige und Gefällige“.535

Es wäre nicht übertrieben, die Geschichte des Erhabenen als eine kritische Auseinandersetzung mit und Distanzierung von Longinus’ Schrift zu bezeichnen. Longinus beschränkt sich nicht auf das rhetorische oder poetische Erhabene der Worte. Er untersucht, wenn auch fragmentarisch und unsystematisch, sowohl das Erhabene als Redestil, als auch die Erhabenheit der großen Ideen und der Naturphänomene, wie der Nil oder der Ätna. Allerdings besteht eine sehr starke Form des Erhabenen in der Dichtung gerade in der Absenz von Wörtern, in der Absenz der Sprache selbst.536

Longinus nimmt Bezug auf gewaltige Naturphänomene, die unsere Seele in Ekstase bringen und uns unserer Freiheit berauben: „δύσκολος δε μάλλον δ’ ←175 | 176→ἀδύνατος ἡ κατεξανάστασις».537 Gerade darin liegt der Skandal für Kant, der sich deshalb nicht davor scheut, mit der ganzen Tradition des Erhabenen vor ihm zu brechen und das Verhältnis zwischen Gewalt und Individuum gerade umzukehren. Die englische Tradition des Erhabenen, wie auch die erste deutschsprachige Analyse von Bodmer und Breitinger, indem sie die Beziehung des Erhabenen zur Einbildungskraft betonen, beabsichtigen eine gewisse Distanzierung des Erhabenen von der Beraubung der Freiheit; Kant selbst thematisiert das erste Moment des Erhabenen als „Beraubung der Freiheit der Einbildungskraft“, wobei er das zweite Moment als Garanten der menschlichen Freiheit gegenüber der Naturgewalt einführt. Während das antike Erhabene als einschlägiger Selbstverlust verstanden wurde, erscheint das Erhabene Kants und Schillers als eine Erziehung zur Freiheit.

Nach der traditionellen Rhetorik gab es drei Redestile (tria genera dicendi): genus subtile, genus medium, genus grande. Jedoch bezieht sich die Abhandlung Περί ὓψους nicht nur auf das genus grande, sondern man kann das Erhabene bei allen drei Redestilen finden, denn es steht für einen extremen Moment in einem Kunstwerk. Was mehr ist -​ das Erhabene ist nicht unbedingt mit der Tragödie verbunden und es ist keine ausschließliche Eigenschaft einer besonderen Nationalliteratur oder einer historischen Epoche. Erhaben kann nicht nur ein ganzer Text sein, sondern auch nur ein Teil dessen, ein Satz, eine Redewendung, ein einziges Wort.538 Etwas Gewöhnliches kann durch die Komposition als sublim erscheinen. Niedere Gedanken würden die erhabene Wirkung verhindern, eine fehlerhafte Expression würde dem Ausdruck erhabener Ideen schaden. Ein Zusammenhang von Gedanken und Ausdruck ist dabei die Norm. Aber der Vorrang wird dem Inhalt gegeben. Große Gedanken ohne guten Stil können doch noch nicht niedrig erscheinen, aber der Ausdruck an sich, als verbales Mittel, kann im Extremfall durch Schweigen ersetzt werden, ohne dass die Erhabenheit Schaden erleidet.539

Den Ausdruck ὓψος λόγου finden wir zum ersten Mal in der Odyssee, wo Antinoos den Telemachus als ὑψαγόρη kennzeichnet, was so viel wie „der ←176 | 177→selbstbewusst und groß Sprechende“ bedeutet. Das Nomen ὓψος bekommt eine metaphorische Bedeutung bei Schriftstellern des 1. Jahrhunderts n.C. Bei Dionysios von Halikarnassos scheint es mit dem hohen bzw. majestätischen Stil (genus grande) verbunden zu sein. Longinus selbst gibt keine klare Definition des ὓψος. Er postuliert nur, dass es um „einen Gipfel und eine Eminenz des Diskurses“ handelt (ἀκρότης καὶ ἐξοχή τις λόγων).540 Was er über dessen Eigenschaften schreibt, kann folgendermaßen zusammengefasst werden: das ὓψος ist etwas Außerordentliches innerhalb der Rede, der Höhepunkt der Kunst eines Schriftstellers und es kann sich auf Ideen, Phrasen, Rhythmen, Redewendungen oder Worten beziehen.

Was die erhabenen Objekte betrifft, weisen sie Attribute wie das Paradoxe, das Abscheuliche und Majestätische, das Riskante und Absurde, das Übermäßige und Kosmologische, das Erschreckende und Wunderbare, das Überraschende und Gewaltige auf. Die Form des Erhabenen ist keineswegs fixiert: es kann in einfacher und komplexer, klarer und dunkler Weise ausgedrückt werden. Auch nur kleine Bruchstücke des Werkes können erhaben sein, solange sie den Leser in Ekstase bringen.541 Um das Erhabene zu erreichen, muss der Schriftsteller von Natur aus dazu begabt sein. Jedoch helfen dabei die Anpassung an die Regeln des schönen Schreibens und die Nachahmung der großen Vorbilder der Vergangenheit. Dazu muss der Schriftsteller ein hervorragendes Individuum sein, denn das Erhabene ist „Abklang einer großen Seele“ (μεγαλοφροσύνης ἀπήχημα).542 Das Erhabene bei einem Schriftsteller ist Ausdruck einer schon erreichten moralischen Integrität, welche auch die Verwendung der Kraft des Erhabenen zu illegitimen Zwecken ausschließt.543 Das wahrhaftig Erhabene kann von allen Lesern aller Zeiten anerkannt werden, es ist eine objektive Eigenschaft des Werkes und allgemein verbindlich als ästhetisches Phänomen. Deshalb kann nur das Erhabene seinem Urheber den ewigen Ruhm schenken: es handelt sich um die höchste ästhetische Tugend eines Werkes.

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Es gibt nach Longinus fünf Grundlagen des Erhabenen in der Dichtung: die „kraftvolle Fähigkeit, erhabene Gedanken zu zeugen“; die „starke, begeisterte Leidenschaft“; die „besondere Bildung der Figuren“; die „großartige Sprache“ und „die würdevolle, gehobene Wort-​ und Satzfügung“.544 Die ersten zwei sind angeboren, die letzten drei stellen Leistungen der Kunst dar. Allenfalls werden diese fünf Elemente sowohl als Quellen als auch als Ausdrucksweisen des Erhabenen verstanden, was eine Reziprozität von Mitteln und Zwecken voraussetzt: „the Longinian sublime appears to be simultaneously end and means towards itself“.545 Natur schließt eine Art Kunst mit ein, das Genie ist mit Natur und Kunst kompatibel. Auf dieser Weise wird die Opposition von Natur und Kunst relativiert und durch seinen doppelten Ursprung erhält das Erhabene eine Vermittlungsfunktion zwischen Natur und Kunst: „Im Erhabenen durchdringen sich Natur und Kunst, Rationalität und Irrationalität“; so wird die Unterscheidung von natürlich und rhetorisch Erhabenem hinfällig.546

Was mehr ist, das Erhabene von Longinus bedeutet eine Transgression aller herkömmlichen Oppositionsschemata (Form und Stoff, Kunst und Natur, Wahrheit und Lüge). Dasselbe Erhabene, wenn es von der Seite der Natur betrachtet wird, ist etwas Edles und Spontanes, aber von der Seite der Kunst her, etwas Verfälschtes und Manipulatives, da die rhetorische Kunst schon vom Begriff her eine Art Manipulation beinhaltet. Das Erhabene ist eine Macht und Gewalt –​ soviel gibt Longin selbst zu. Es bringt das Subjekt außer sich (Ekstase); das Subjekt glaubt sogar, das Gehörte selbst gesagt zu haben: es handelt sich um eine Selbstentfremdung und Aneignung des Fremden, also um eine Grenze, wo die Schranken der Personen fließend werden. Dieses Erhabene bedeutet einen Verlust der stabilen Identität des Subjekts; es übersteigt den Hörenden und erfüllt ihn völlig mit den fremden Worten. Diese Worte besitzen eine Macht des Überredens und der Verführung.547 Die Individualität des Sprechenden wird zugunsten der des Hörenden eliminiert und das resultiert in den Stellenwechsel zwischen dem Selbst und dem Anderen. Das Subjekt der Rede bewegt sich im Bereich des Sich-​selbst-​Verlierens, des Unbewußten, das fiktive Subjekt im Kunstwerk in demjenigen des freien Sprechens, des Willens. Wenn sich beide verwechseln, tritt ←178 | 179→das unsichere Subjekt in die Ordnung des Imaginären ein: es könnte auch der Andere sein: „the Longinian sublime implies a dynamic overlapping between the orders of the symbolic and the imaginary“.548

Das Erhabene resultiert allenfalls aus einer Vorstellung der Größe, des Ungewöhnlichen, des den menschlichen Geist Überschreitenden:

„Deshalb genügt dem Schauen und Sinnen der menschlichen Kühnheit nicht einmal die ganze Welt, sondern oft überschreitet unser Denken sogar die Grenzen, die uns einschließen. Und wer beim Blick ins Leben ringsum sieht, welchen Vorrang das Ungemeine, Große und Schöne überall genießt, dem wird die Bestimmung des Menschen bald offenbar werden. Daher bewundern wir aus einem natürlichen Trieb wahrhaftig nicht die kleinen Bäche, wenn sie auch klar und nützlich sind, sondern den Nil, die Donau oder den Rhein und viel mehr noch den Ozean“.549

Das Erhabene impliziert nicht nur die Höhe, sondern auch die Größe und die übermäßige Gewalt der Naturelemente, die notwendig auch Schrecken hervorrufen. Der Unterschied des Gefühls beim Betrachten kleiner Bäche und großer Flüsse, den Longinus benutzt, um die qualitative Differenzierung bei der Rezeption von Größe und Kleinheit und die Entsprechung von Größe und Erhabenheit zu veranschaulichen, wird schließlich auf die Kunst übertragen: dem Genie wird der Vorrang über die Mediokrität des technisch perfekten Stils eines unbegabten Autors gegeben. Ein Genie, welches Fehler begeht, ist einer goldenen Mediokrität zu bevorzugen.

„Ich weiß nun wohl, daß große Naturen keineswegs fehlerfrei sind; Korrektheit nämlich in allem birgt die Gefahr, kleinlich zu werden. Im Großen aber muß, wie bei Reichtum im Übermaß, auch etwas sein, das vernachlässigt wird; und vielleicht muß es sogar so sein, daß kleine und mittelmäßige Geister, die nie etwas wagen und nicht nach den Sternen greifen, in der Regel fehlerfrei und sicher bleiben, während das Große eben durch seine Größe strauchelt“.550

Das Erhabene ist dem Genialen und dem Schrecklichen bedeutungsnah –​ und das wird in der Neuzeit seine gute Folge finden. Barone bemerkt, dass „sowohl die Ästhetik des Erhabenen als auch die Genieästhetik des 18. Jahrhunderts, ihren provozierenden Neuansatz, der den klassizistischen Regel-​ und Normenkodex durchbrach, von der antiken Folie des Longinischen Traktats her zu legitimieren ←179 | 180→[versuchten]“.551 Der Instinkt für Größe spornt die inspirierten Schriftsteller an und angesichts einer erhabenen Wirkung riskieren sie auch die Fehler.552 Das Erhabene ist eine Art Transzendenz, wo die Natur zwar die erste Rolle spielt, wo aber die Kunst nicht unbeteiligt ist: große Ideen und Gefühle sind nicht ganz ohne Kunst zum Ausdruck zu bringen. In diesem Geiste versteht Longinus das Verhältnis des Autors zum Text: obwohl der Text die abstrakte Referenz in sich selbst als Präsenz bzw. Vergegenwärtigung des Abstrakten wiederherstellt, wird er nie vom Autor losgelöst. Das Ethos, die Persönlichkeit, der Charakter des Schriftstellers bleiben für die erhabene Qualität des Textes von entscheidender Bedeutung (das ὓψος ist Abklang einer großen Seele). Schon auf diesem Punkt findet der dekonstruktive Versuch, das Longinische ὓψος als Abschaffung der Differenz zu deuten, seine Grenzen.553

Longinus versucht, die Wirkung des Erhabenen vor allem der Dichtung zuzuschreiben. Seine Argumentation beruht auf dem Unterschied von plastischen Künsten und Literatur. Da die Aufgabe der ersten in der Nachahmung der Natur als Prototyp besteht, sind ihre Werke gelungen, wenn sie ihrem Prototyp genau entsprechen. Nun ist die Dichtung das Produkt der menschlichen Vernunft, welche ihrerseits das Analogon der Natur ist. Bei den Schöpfungen der Natur bewundern wir, wie oben angeführt, die Größe. Die Größe muss also auch bei den Schöpfungen der Literatur das Anzustrebende und zu Bewundernde sein. Also suchen wir bei der Literatur das, was die menschlichen Kräfte überschreitet.554

Natürlich bleiben die Ausführungen von Longinus dem Nachahmungsgedanken verpflichtet, welcher sich damals wegen der notwendigen Anerkennung der hervorragenden Qualität der Werke des klassischen Jahrhunderts formuliert hat. Die Nachahmung der großen Schriftsteller und Dichter der Vergangenheit ist auch ein Weg zum Erhabenen. Das Genie der Älteren ist Inspiration für die Nacheifernden.555

„Wenn wir also etwas bearbeiten, was hohen Ausdruck und großen Sinn fordert, ist es auch für uns gut, sich auszumalen, wie Homer an solcher Stelle eben dies gesagt, wie es Platon oder Demosthenes erhaben ausgedrückt hätten oder in der Geschichtsschreibung Thukydides“.556

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Nach dem Traktat von Longinus, wo das ὓψος mit der Literatur verbunden wird, beziehen es die lateinischen Redner auf die Rhetorik. Sublime, als Neutrum des Adjektiven sublimis, erscheint als Synonym von „ernst“, „hoch“, „vehement“ oder „schrecklich“. Schon Cicero hat es auf den großen Stil bezogen, als etwas Schreckliches und zugleich Hohes. Quintilian wird das als genus sublime dicendi bezeichnen. Beide beschränken das ὓψος auf einen bestimmten Redestil, was bei Longinus nicht der Fall war. Jedes der drei genera dicendi verbindet sich mit einer verschiedenen Wirkung bzw. Intention: das genus sublime mit movere (Affektbewegung), das genus subtile mit docere (belehren), das genus medium mit delectare (Unterhaltung). Alle drei stehen unter dem Zeichen der persuasio (Überreden), als Endziel der Rhetorik überhaupt. In der Tradition der Stoa dagegen, welche das Ideal der Apathie als Ausdruck eines freien Menschen bevorzugt, werden solche Phänomene der Freiheitsberaubung und der Herrschaft der Leidenschaften schroff abgelehnt, allerdings ohne bestimmten Bezug auf die Macht der Sprache.

Wie kam es aber dazu, das ὓψος als sublime zu übersetzen? Die Etymologie von sublime ist unsicher. Das Präfix sub-​ bedeutet nicht nur „unter“, sondern auch eine Umsetzung ins Höhere und bezieht sich auf „super“, wie ὑπό auf ὑπέρ. Der zweite Bestandteil des Wortes (-​lime) bezieht sich entweder auf limis (ein Aufheben in indirekter Weise), limen (Schwelle) oder limus (entlang). Ovid unterscheidet in den Metamorphosen den Menschen von den anderen Tieren durch sein „erhobenes Gesicht“ (os sublime), was ihm gestattet, die Sterne anzuschauen. Ovid benutzt auch den Ausdruck sublimem aliquem rapere für den Moment des in-​die Höhe-​Aufhebens.

Ιn den nachfolgenden Jahrhunderten fand die Umwechslung des Hypsos mit sublime statt und ersteres wurde allmählich vergessen –​ ähnlich wie die aristotelische mimesis durch die lateinische imitatio ersetzt und entstellt wurde.557 Die ←181 | 182→Verbindung erfolgte im Rahmen der Rhetorik. Aber auch in Περί ὓψους ist nicht nur ὓψος mit sublime gleichzusetzen. Longinus benutzt auch μεγαλοπρεπής, μέγεθος, μεγαληγορία, μεγαλοφροσύνη, μεγαλοφυΐα, μεγαλοψυχία, ἀδρός und vor allem δεινός. Das Wort ὓψος wird bis zum 2. Jh. n. C. nicht so oft benutzt.558 Auf thematischer Ebene bezieht sich ὓψος auf Tod, hinreißende Leidenschaft, Rivalität mit dem Vater, Schrecken vor unüberwindlichen Hindernissen.

Details

Pages
398
Publication Year
2021
ISBN (Hardcover)
9783631816691
ISBN (PDF)
9783631841754
ISBN (ePUB)
9783631841761
ISBN (MOBI)
9783631841778
DOI
10.3726/b17838
Language
German
Publication date
2021 (March)
Keywords
Widerspruch Negativität Schönheit Freiheit Gewalt Undarstellbares Grenzsituation Dichtungstheorie Moderne Mimesis
Published
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 398 S.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Sofia Avgerinou (Author)

Sofia Avgerinou ist Schriftstellerin und Übersetzerin. 2019 promovierte sie mit der vorliegenden Dissertation an der Athener Germanistischen Fakultät.

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