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Wirtschaft, Wissenschaft und Weltgeltung.

Die Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien am Botanischen Garten und Museum Berlin (1891–1920)

von Katja Kaiser (Autor:in)
Dissertation 562 Seiten

Zusammenfassung

Diese Publikation untersucht die Beziehungen zwischen Wissenschaften und Kolonialismus am Beispiel der Berliner botanischen Einrichtungen. Im Fokus steht die dem Botanischen Garten und Museum angegliederte Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien. Ihre Tätigkeit bestimmte die Verknüpfung von wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kolonialpolitischen Interessen. Die Studie beschreibt die Aufgabenbereiche der Botanischen Zentralstelle und die Motive der wichtigsten Akteure. Mit der Untersuchung der botanischen Netzwerke leistet sie einen Beitrag zu transimperialen Ansätzen der Kolonialgeschichtsschreibung. Exemplarische Objekt- und Sammlerbiographien widmen sich außerdem eingehend wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten und der Aufarbeitung von Provenienzen kolonialer Sammlungen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Zusammenfassung
  • Abstract
  • Résumé
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Zur Abbildung auf dem Umschlag
  • I. Einleitung
  • Untersuchungsgegenstand
  • Methode
  • Forschungsstand
  • Quellen
  • Vorgehen
  • II. Zooming in: Botanik und Kolonialexpansion Dachbodenfund 1 – Wardscher Kasten
  • III. Die Botanische Zentralstelle am Botanischen Garten und Museum Berlin
  • III.1 Gründung und Entwicklung der Botanischen Zentralstelle
  • Anlass
  • Vertrag
  • Interessenkonflikte
  • III.2 Debatte um den Standortwechsel des Botanischen Gartens und Museums
  • Argumente
  • Verhandlungen
  • III.3 Neuanlage des Botanischen Gartens und Museums
  • Planung
  • Konzeption
  • Umsetzung
  • Nutzung
  • IV. Die Aufgaben der Botanischen Zentralstelle
  • Kellerfund: Herbarbeleg Beilschmiedia staudtii
  • IV.1 Versand und Anbauversuche
  • Pflanzentransfers
  • Forschungsinstitute
  • IV.2 Sammlung und Forschung
  • Sammlungspolitik
  • Sammelpraxis
  • Bearbeitung
  • IV.3 Ausbildung und Popularisierung
  • Gärtnerausbildung
  • Wissensverbreitung
  • Wissenspopularisierung
  • V. Zooming out: Netzwerke und Kontinuitäten Dachbodenfund 2 – Photographie Plantage Kyimbila
  • VI. Ausblick
  • VII. Schlussbemerkungen
  • Anhang
  • Kurzbiographien der an der Botanischen Zentralstelle für den Kolonialdienst ausgebildeten Gärtner
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Dieses Buch basiert auf meiner im Sommer 2019 am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität angenommenen Dissertation. Für die Drucklegung erfolgte eine geringfügige Überarbeitung. Allen voran danke ich ganz herzlich meinen Betreuern, insbesondere Prof. Dr. Uwe Puschner, dessen Ermutigung der Idee zu dieser Arbeit den entscheidenden Anstoß zu ihrer Umsetzung gab und der meine historischen Forschungen von Beginn an mit großer Freundlichkeit und Interesse sowie mit wichtigen inhaltlichen Hinweisen begleitet hat. Zudem unterstützte er vorbehaltlos meine gleichzeitige Mitarbeit in Ausstellungs- und weiteren Forschungsprojekten. Prof. Dr. Sebastian Conrad hat als Zweitbetreuer die Genese des Textes aufmerksam verfolgt sowie mit kritischen Nachfragen und Diskussionen die Anbindung an aktuelle Methoden und Debatten gefördert.

Mein Vorhaben erhielt außerdem vielfältige Unterstützung von Wissenschaftlern am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin (BGBM). Prof. Dr. Hans Walter Lack, der sich über Jahre mit Publikationen und Ausstellungen der Geschichte der Institution gewidmet hat, bestärkte mich darin, deren koloniale Vergangenheit umfassend zu untersuchen. Er bereicherte mit zahlreichen Auskünften zur Institutionen- und Disziplinengeschichte wie auch zur Arbeitspraxis der Botanik diese Studie maßgeblich. Den ehemaligen Mitarbeitern am BGBM, Prof. Dr. Bernhard Zepernick (†) und Prof. Dr. Paul Hiepko (†), danke ich für Hinweise zu Quellen und Sammlungen und dafür, dass sie ihre Einblicke als Zeitzeugen der Entwicklungen der Institution insbesondere in den 1970er- und 1980er-Jahren mit mir geteilt haben. Darüber hinaus brachte Dr. Robert Vogt viel Interesse und Geduld auf, um mir in unzähligen Stunden im Herbariumkeller sowie in der Holz- und Alkoholsammlung Kenntnisse zu Arbeitsabläufen und Ordnungskriterien in den Sammlungen zu vermitteln und ausgewählte Objekte herauszusuchen. Ein Glücksfall war überdies die Unterstützung, die ich durch Dr. Patricia Rahemipour als Leiterin der Abteilung Wissenskommunikation am BGBM erfuhr. Mit großem Tatendrang hat sie die Präsentation erster Ergebnisse in verschiedenen Formaten ermöglicht sowie im Rahmen des von ihr initiierten Forschungsverbundes KOSMOS Berlin – Forschungsperspektive Sammlungen die institutionenübergreifende und interdisziplinäre Weiterbeschäftigung mit den kolonialen Sammlungen des BGBM gefördert. Sie hat ebenso wie Kathrin Grotz und Dr. Nils Köster Teile der Dissertation gelesen und sachkundig kommentiert. Kathrin Grotz danke ich ←11 | 12→außerdem für die Bereitstellung von Abbildungsvorlagen und die Erteilung der Druckgenehmigung. Prof. Dr. Thomas Borsch verfolgte als Direktor des BGBM die Arbeit interessiert. Mein Dank gebührt schließlich Dr. Norbert Kilian und allen Mitarbeiterinnen der Bibliothek am Botanischen Museum für ihre Hilfe bezüglich der Einsicht in Archivunterlagen und Spezialliteratur.

Ein unvergessliches Erlebnis war die Archivreise nach Herrnhut. Dank des großzügigen Austauschs mit dem ehemaligen Leiter des Unitätsarchivs, Dr. Rüdiger Kröger, der eigene Studien zu einem in dieser Arbeit in Zusammenhang mit einer Objektbiographie näher betrachteten Missionar der Brüdergemeine betrieben hatte, konnte ich zahlreiche wichtige Photographien und Schriftquellen im Unitätsarchiv ausfindig machen. Dabei unterstützte mich auch der stellvertretende Archivleiter Olaf Nippe. Für inhaltliche Hinweise zu einem weiteren für die Untersuchung zentralen Sammler, Georg Zenker, danke ich Tristan Oestermann, Jonathan Fine und Dr. Matthias Schultz vom Botanischen Garten in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Matthias Glaubrecht im DFG-Forschungsprojekt zu den Schriften und Sammlungen des Dichters und Naturforschers Adelbert von Chamissos hat mein Verständnis für naturkundliches Sammeln in kolonialen Kontexten und zur Wissenschaftsgeschichte der Botanik weiter vertieft.

Sehr wertvoll waren die Diskussionen im Kolloquium zur Geschichte des Wissens bei Prof. Dr. Anke te Heesen und mit verschiedenen KollegInnen, genannt seien hier insbesondere Dr. Johannes Zechner, Stefan Noack, Dr. Minakshi Menon und Gabriele Kranz. Zu Dank verpflichtet bin ich all jenen, die das Manuskript gelesen und mit inhaltlichen sowie stilistischen Anmerkungen verbessert haben: speziell Dr. Johannes Zechner, Dr. Arnulf Scriba, Dr. Franka Bindernagel, Petra Heise, Imke Barfknecht wie auch Birte und Dirk Reppin. Die Übersetzung des Abstracts ins Französische hat dankenswerterweise Eva Zimmermann übernommen. Ein besonderer Dank gilt dem Evangelischen Studienwerk Villigst e. V. für die Gewährung eines Promotionsstipendiums und die herzliche Betreuung. Bei den Herausgebern bedanke ich mich für die Aufnahme in die Reihe Zivilisationen und Geschichte.

Berlin, im August 2020 Katja Kaiser

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Zur Abbildung auf dem Umschlag

Die zum Photoprojekt „Zenkeri“ von Yana Wernicke und Jonas Feige gehörende Aufnahme zeigt das Wohnhaus der Familie Zenker im Urwald bei Bipindi in Kamerun. Der aus Leipzig stammende Gärtner Georg Zenker begleitete 1889 als Präparator für geologische, zoologische und botanische Zwecke eine vom Auswärtigen Amt initiierte Expedition ins Inland von Kamerun und übernahm dort die Leitung der erst kurz zuvor gegründeten Station Jaunde. Er legte umfangreiche naturkundliche und ethnologische Sammlungen an, die er an das Berliner Botanische Museum, das Museum für Naturkunde und das Ethnologische Museum schickte. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Kolonialdienst 1895 sammelte Zenker weiter für die Berliner Museen und führte eine Plantage für Kaffee, Kakao und Kautschuk in Bipindi in der Nähe von Kribi an der Straße nach Jaunde. Sein Haus beschrieben zeitgenössische Berichte als Museum voller Ethnographica, Herbarien, Tierfelle, Schädel, Photographien und Aquarellskizzen. Heute leben dort seine Nachfahren.

Georg Zenker sammelte über einen außergewöhnlich langen Zeitraum von mehr als 20 Jahren in Kamerun und im Zuge der Beschäftigung mit kolonialen Sammlungen ist Zenker heute von besonderem Interesse als einer der wichtigsten Sammler in Westafrika zur Zeit der deutschen Kolonialexpansion sowohl für aktuelle Forschungen am Berliner Botanischen Museum wie auch am Museum für Naturkunde und am Ethnologischen Museum. In diesen drei Häusern haben sich verschiedene Spuren seiner Sammeltätigkeit erhalten wie Objekte, Zeichnungen und Korrespondenzen. Im Kapitel zur Forschung am Botanischen Museum wird näher auf Zenkers Biographie und seine botanischen Sammlungen eingegangen.

Die Photographen Yana Wernicke und Jonas Feige arbeiten seit 2013 an dem Photoprojekt „Zenkeri“ und sehen Georg Zenker als eine ambivalente Person in der Geschichte des deutschen Kolonialismus. Sie reisten mehrmals nach Kamerun, um in Bipindi Zenkers Nachfahren zu treffen. Mit Photographien und Interviews dokumentierten sie die Lebensumstände der Familie Zenker, für die ihr deutsches Erbe zwiespältige Gefühle und Erfahrungen mit sich bringt. Das umfasst sowohl ein ständiges Infragestellen der eigenen Identität wie auch die Sorge um den Erhalt der durch Zenker im Kolonialstil erbauten Villa, in dem ein Teil der Familie weiterhin lebt. Weitere Reisen zu Nachfahren von Georg Zenker in Deutschland, Belgien und den Niederlanden vervollständigten das Photoprojekt, das durch Aufnahmen aus den Sammlungen der Berliner Museen und ←13 | 14→von Teilen des im Familienbesitz befindlichen Nachlasses in Form von Tagebüchern und Korrespondenzen zudem einen umfassenden Begriff vom „kolonialen Erbe“ vermittelt. Ein ausführlicher Photoband erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2021 beim Schweizer Kunstbuchverlag Edition Patrick Frey.

Ich danke Yana Wernicke und Jonas Feige für ihre Zustimmung, die Photographie des Wohnhauses für den Umschlag des vorliegenden Bandes verwenden zu dürfen und für ihre fortdauernde Unterstützung dabei, die Berliner Museen und die Familie Zenker für die Planung eines Forschungsprojektes und gemeinsame Überlegungen zum Erhalt des Hauses in Bipindi zusammenzubringen.

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I. Einleitung

Als eine Sonderausstellung „ganz im Zeichen des beliebtesten Getränks der Deutschen“1 pries eine hauseigene Vorankündigung die Schau „Kaffee. Ein globaler Erfolg“ an, die von Mai 2013 bis Februar 2014 im Botanischen Museum Berlin sowie in den Gewächshäusern und im Freiland des Botanischen Gartens stattfand. Präsentiert wurden dort unter anderem zwei in Alkohol konservierte Zweige von Kaffeepflanzen, in deren Früchten – Kirschen genannt – sich als Samen die Kaffeebohnen befinden (Abb. 1).2 Auf der Objektbeschriftung war zu lesen, dass es sich bei den Nasspräparaten um Coffea canephora und Coffea liberica handelte. Diese zwei Arten aus der Gattung Coffea propagierten Botaniker Ende des 19. Jahrhunderts als Alternative zu dem bis dahin weit verbreiteten Coffea arabica. Dem Ausstellungskatalog zufolge kam der Arabica-Kaffee ursprünglich aus dem Hochland Äthiopiens und wurde bis 1699 nur im Jemen kommerziell angebaut, bevor die niederländische Ostindien-Kompanie die Monopolstellung der dortigen Kaffeebauern brach und den Anbau von Coffea arabica auf Plantagen in Java begann.3 Später erwies sich Coffea canephora aus Afrika – auch Robusta- oder Tiefland-Kaffee genannt – als besser geeignet für die niedrig gelegenen Plantagen in Asien. Die 1897 beschriebene Art wurde überdies dem kurz zuvor gefundenen, im westafrikanischen Flachland wachsenden Liberica-Kaffee vorgezogen. Wie die Objektbeschriftung erläuterte, zeichnet sich der Robusta-Kaffee durch ein schnelleres Wachstum der in größerer Zahl ausgebildeten Früchte sowie eine bessere Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und Krankheiten aus. Heute trägt der in Südostasien, Westafrika und Brasilien angebaute Robusta-Kaffee etwa ein Drittel zur Welternte bei und Arabica-Kaffee zwei Drittel, der Liberica-Kaffe ist hingegen nur noch von geringer wirtschaftlicher Bedeutung.

Die Ausstellung konzentrierte sich auf wissenschaftliche Fragestellungen der Botanik und attraktive Inszenierungen kulturhistorischer Phänomene wie traditionelle Zeremonien der Kaffeezubereitung und des Kaffeegenusses. Sie ←17 | 18→thematisierte zudem den Aspekt von Kaffee als „Kolonialprodukt“ und deutete den Kontext von Welthandel und Imperialgeschichte an. Wie es an Hand der „modernen britischen Tasse Tee“4 bereits mehrfach eindrücklich vorgeführt wurde, ließ sich hier auch am Beispiel des Kaffees „die erfolgreiche Umdeutung eines exotischen Erzeugnisses“5 zu einem Symbol der nationalen Kultur nachvollziehen. Eine Erläuterung der in der vorliegenden Studie untersuchten Beteiligung des Berliner Botanischen Gartens und Museums an der Erforschung tropischer Nutzpflanzen wie Coffea und an Pflanzentransfers in die Kolonien fehlte allerdings, obwohl sie beispielsweise an den beiden Alkoholpräparaten darstellbar gewesen wäre. Nur am Rande wurde außerdem auf die damals wie heute negativen sozialen und ökologischen Folgen der Kaffeeproduktion eingegangen. Diese wird weiterhin von den ehemaligen Kolonialmächten dominiert und während westliche Konzerne mit Kaffeeprodukten hohe Gewinne erzielen, verarmen die Rohkaffee liefernden Kleinbauern in den Herkunftsregionen. Ausgedehnte Plantagen mit Monokulturen ohne Schattenbäume belasten die Böden, die weniger vor Erosion geschützt sind, und führen zur Abnahme der Artenvielfalt insbesondere von Vögeln und Insekten.6 Die Katalog- und Ausstellungstexte wiesen ferner am Beispiel des Kaffees auf den globalen Transfer tropischer Nutzpflanzen hin, der im Zuge der europäischen Kolonialexpansion in einem neuen Ausmaß stattfand. Gelenkt wurde die Verbreitung gewinnversprechender Arten durch die ökonomischen Interessen der Kolonialmächte.

Zu ergänzen ist aus einer breiteren Perspektive, dass das Wissen um die Schätze der Pflanzenwelt, das „grüne Gold“, generell als der Schlüssel zu Reichtum und Macht galt. Wissenschaftliche Untersuchungen begleiteten die kommerziellen Unternehmungen, sodass bei der botanischen Erforschung der Kolonialgebiete „big science and big business“7 von Beginn an zusammenwirkten. Nutzpflanzen besaßen eine zentrale Bedeutung für die ökonomische und politische Expansion der europäischen Kolonialmächte und die Botanik lieferte wichtige Kenntnisse, um profitable Cash Crops anzubauen, die nicht für den lokalen Verbrauch, sondern für die Befriedigung der Bedürfnisse des Westens bestimmt waren.8 Die ←18 | 19→in der Kaffee-Ausstellung im Botanischen Garten und Museum präsentierten Pflanzentransfers und Forschungen standen fast am Ende einer langen Reihe politisch wie wirtschaftlich bedeutender Einführungen von Pflanzen während der europäischen Kolonialexpansion. So waren beispielsweise 1854 Samen und junge Lebendexemplare von Chinarindenbäumen und 1876 Saatgut der Kautschukpflanze Hevea aus ihren südamerikanischen Herkunftsregionen zunächst nach Europa gebracht worden, um dann für den Anbau auf Plantagen in den britischen und niederländischen Kolonien in Asien genutzt zu werden. Die dortige massenhafte Anpflanzung der zuvor nur im Hochwald der Anden vorkommenden Chinarindenbäume verschaffte den Kolonialmächten Kontrolle über die Gewinnung von Chinin aus der Rinde der Bäume und ermöglichte die billigere Herstellung dieses bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs einzigen bekannten Wirkstoffes zur Behandlung von Malaria. Damit war die Voraussetzung geschaffen für die Erschließung von Gebieten, die bis dahin als „white man’s grave“ galten, und so konnten sich zunehmend Europäer in den Tropen ansiedeln. Im Fall des Kautschuks, der eine große Rolle in der wachsenden Industrie spielte, sollten die Transfers verschiedener Arten sowie die Erforschung von Zapf- und Verarbeitungsmethoden des pflanzlichen Milchsaftes die Unabhängigkeit von teuren Exporten aus den schrumpfenden wilden Beständen sicherstellen. Die zunächst vorherrschenden präindustriellen landwirtschaftlichen Modelle wie die Ausbeutung natürlicher Vorkommen durch einheimische Sammelwirtschaft reichten nicht aus, um den steigenden Bedarf an Nahrungs- und Genussmittel liefernden Arten oder solchen, die sich für medizinische und technische Zwecke einsetzen ließen, zu decken. Kapital, Wissen und Technologien aus Europa trieben daher in den Kolonialgebieten den Aufbau einer profitablen Plantagenwirtschaft voran.9

Botanische Gärten in Europa und in den Kolonien bildeten zentrale Knotenpunkte in den globalen Netzwerken des Pflanzen- und Wissenstransfers. Botaniker forschten an den als koloniale Archive dienenden Sammlungen in den Metropolen wie auch an Versuchseinrichtungen in den Tropen zur Flora der in Besitz genommenen Gebiete und suchten nach Nutzpflanzen. Sammeln, Beschreiben und Klassifizieren bestimmte die auf aufklärerischen Idealen beruhende naturwissenschaftliche Praxis und mit der Durchsetzung der auf Carl von Linné zurückgehenden binären Nomenklatur erfolgte die Standardisierung botanischen und zoologischen Wissens, das einen universellen Anspruch ←19 | 20→vertrat. Motivation und Auftrag der Botaniker war es, die Pflanzenwelt der Kolonialreiche zu ordnen, zu beherrschen und nutzbar zu machen. Dafür galt es als notwendig, möglichst viel Material für die systematische Forschung und das auf Vergleich basierende Begründungsverfahren vorzuhalten und ein Vollständigkeitsparadigma leitete dementsprechend die Erweiterungen der Sammlungen.10 Die Aneignung von Dingen, Menschen und Orten zeigte sich gerade auch im Bereich der Botanik als inhärentes Merkmal der Kolonialexpansion und die während dieser Epoche zusammengetragenen Objekte bilden bis heute die Basis wissenschaftlicher Forschungen.11

Untersuchungsgegenstand

In der Kaffee-Ausstellung im Botanischen Garten und Museum erfuhren die Besucher nur wenig über diese Zusammenhänge und erhielten keine Informationen zur Rolle der Einrichtung – zu der Zeit Königlicher Botanischer Garten und Botanisches Museum genannt12 – im Rahmen der Kolonialexpansion des Deutschen Reiches. Dabei gehörten Nutzpflanzentransfers und -forschungen zu den Aufgaben der am Berliner Botanischen Garten und Museum ab 1891 angesiedelten Botanischen Zentralstelle für die deutschen Kolonien, die im Fokus der vorliegenden Untersuchung steht. Ihren Jahresberichten zufolge versandte die Botanische Zentralstelle Kaffee- und Kautschukpflanzen, Chinarindenbäume und unzählige weitere Nutzgewächse als Lebendexemplare oder Saatgut an botanische Gärten, Forschungsstationen, private Pflanzungsunternehmen und Missionsstationen in den deutschen Kolonien und erhielt von dort sowie aus botanischen Einrichtungen anderer europäischer Kolonialmächte Pflanzenmaterial zur wissenschaftlichen Bearbeitung, Vermehrung und Weitergabe.

Die Botanische Zentralstelle wurde vom Deutschen Reich mitfinanziert und fungierte im Auftrag des Auswärtigen Amtes als primäre Vermittlungsstelle für ←20 | 21→die globale Zirkulation von Pflanzenmaterial aus den Kolonialgebieten sowie von botanischem Wissen zur Flora dieser Regionen. Der Berliner Botanische Garten und das Botanische Museum hatten damit eine herausgehobene Stellung unter den deutschen botanischen Einrichtungen inne. Dieser Teil der Institutionen- und Sammlungsgeschichte ist auch in die Biographien der ausgestellten Kaffee-Objekte eingeschrieben. So geben die vergilbten Etiketten auf den Gläsern mit den Kaffeezweigen ihre Herkunft von zwei der wichtigsten tropischen Forschungsinstitute an, mit denen die Botanische Zentralstelle in regem Austausch stand: Der Zweig von Coffea canephora war 1907 am Kaiserlichen Biologisch-Landwirtschaftlichen Institut Amani in der Kolonie Deutsch-Ostafrika aufgesammelt worden und der von Coffea liberica 1902 im Botanischen Garten Buitenzorg/Bogor in der niederländischen Kolonie Java. Das Forschungsinstitut Amani war 1902 in den Usambara-Bergen vor dem Hintergrund von Schwierigkeiten deutscher Kaffeeplantagen gegründet worden, um Anbau, Ernte, Krankheiten und Schädlinge der Kaffeepflanzen zu studieren und damit den Pflanzungen zu Gewinnen zu verhelfen. Darüber hinaus umfasste das Aufgabenspektrum der Einrichtung die Förderung weiterer Plantagenkulturen wie Kautschuk, Sisal und Baumwolle. Als Grundstock hatte Amani von der Botanischen Zentralstelle Lebendpflanzen und Saatgut erhalten und die regelmäßigen Sendungen von Pflanzenmaterial in beide Richtungen hielten bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs an.13 Als Vorbild für Amani galt der Botanische Garten Buitenzorg/Bogor auf Java, der sich unter der Leitung von Melchior Treub ab 1880 zu einem international angesehenen Forschungsinstitut entwickelt hatte, an dem zahlreiche deutsche Botaniker hospitierten und von dem die Botanische Zentralstelle tropische Pflanzen und Saatgut bezog.14

Noch bis vor Kurzem war es für den Umgang des Berliner Botanischen Gartens und Museums mit der eigenen – bislang wenig erforschten – kolonialen Vergangenheit symptomatisch, sich kaum oder nur aus einer fachwissenschaftlichen Perspektive damit auseinanderzusetzen und insbesondere politische Aspekte auszublenden. Die wenigen Publikationen aus den Reihen von Mitarbeitern zur Geschichte des Hauses kennzeichnet durchgängig eine unkritische Haltung zur Einbindung in das koloniale Projekt. Sie stellen aus botanischer Sicht die ←21 | 22→wissenschaftlichen und praktischen Beiträge der Institution zu Unternehmungen in den Kolonien heraus und beschreiben die koloniale Ära in erster Linie als Zeit eines „grenzenlosen Wachstums“15, in der die Sammlungen einen bedeutenden Zuwachs erfuhren. In seiner Untersuchung des Botanischen Gartens und Museums Berlin als Schauplatz der kolonialen Umweltgeschichte konstatiert der Historiker Lars Kreye ebenfalls, dass „die ‚hauseigene‘ Geschichtsschreibung bis heute kein kritisches Verhältnis zur kolonialen Epoche der Institution entwickelt hat.“16 Gerade vor dem Hintergrund der seit einigen Jahren an Museen und Universitäten geführten Debatten hauptsächlich über ethnologische Museen und ihre kolonialen Sammlungen, die sich längst auf andere Museumstypen und eine breitere Öffentlichkeit ausgeweitet haben, erscheint eine kritische Auseinandersetzung mit den kolonialen Verflechtungen des Berliner Botanischen Gartens und Museums überfällig und wird inzwischen von der Leitungsebene der Institution auch angestrebt. Das von der Forschung als „colonial durability“17 wahrgenommene Fortbestehen von Strukturen, Symbolen und Repräsentationssowie Blickweisen hat derweil zur öffentlichen Forderung geführt, Museen zu „dekolonisieren“. Voraussetzung dafür ist die Untersuchung der kolonialen Institutionen- und Sammlungsgeschichte dieser Häuser, um zukünftig darauf basierend in verantwortlicher Weise die originären Aufgaben von Museen wahrzunehmen: Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen.18

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Die vorliegende Arbeit setzt hier an und widmet sich der Kolonialgeschichte des Botanischen Gartens und Museums Berlin. Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet dabei die Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien, die der Einrichtung von 1891 bis 1920 angegliedert war. Ihre offizielle Gründung markierte ein Vertrag zwischen dem Preußischen Kultusministerium (zu der Zeit Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten genannt), dem der Botanische Garten und das Botanische Museum als wissenschaftliche Einrichtungen der Friedrich-Wilhelms-Universität unterstanden, und dem Auswärtigen Amt, das für kolonialpolitische Belange ab 1890 eine Kolonialabteilung unter direkter Verantwortlichkeit des Reichskanzlers besaß, die für die Verwaltung der deutschen Kolonien zuständig war – mit Ausnahme des dem Reichsmarineamt unterstellten Pachtgebiets Kiautschou/Jiaozhou in China.19 Zu den Hauptaufgaben der von diesen beiden Ministerien finanzierten Botanischen Zentralstelle zählten die Beschaffung, Anzucht und Vermehrung von Nutzpflanzen sowie deren Versand an botanische Versuchseinrichtungen, Gouvernementsgärten, Missionsstationen und Plantagengesellschaften in den deutschen Kolonien. Die Beamten am Botanischen Museum übernahmen außerdem die wissenschaftliche Bearbeitung der aus den Kolonien eingesandten Pflanzen, die überwiegend im getrockneten und gepressten Zustand als Herbarbelege in Berlin eintrafen. Sie verglichen diese mit den in den Sammlungen bereits vorhandenen Belegen, bestimmten und beschrieben sie und führten Forschungen zur Systematik, Pflanzengeographie und angewandten Botanik durch, deren Ergebnisse sie in Periodika und Monographien veröffentlichten. Einige Proben von Nutzpflanzen wie Holzscheiben, Früchte und Milchsäfte durchliefen weitergehende Untersuchungen, um die chemischen Eigenschaften und den wirtschaftlichen Wert zu ermitteln. Die Botanische Zentralstelle gab Informationen zu Nutzpflanzen und Auskünfte zur kolonialen Landwirtschaft weiter an Kolonialbehörden sowie an botanische Gärten und Versuchsstationen in den Kolonien, ferner an Kolonial-, Missions- oder Pflanzungsgesellschaften, Firmen und Privatpersonen. Sie schulte außerdem Gärtner für den Kolonialdienst und verteilte Sammelausrüstungen an Wissenschaftler und Reisende. Im ←23 | 24→Botanischen Garten und Museum schließlich trugen spezielle Ausstellungsbereiche zur Popularisierung der Kenntnisse über die Pflanzenwelt der Kolonien und deren landwirtschaftliche Nutzung bei.20

Obwohl das Augenmerk der Studie hauptsächlich auf der Botanischen Zentralstelle liegt, lässt sich deren Tätigkeit – wie die Aufzählung der Aufgabengebiete bereits andeutet – nicht immer klar von den Arbeitsbereichen des Botanischen Gartens und Museums trennen. Der primär institutionengeschichtliche Ansatz der Untersuchung erlaubt es, die Einbettung der Tätigkeitsfelder und Funktionen der Botanischen Zentralstelle in das Gesamtgefüge der Einrichtung nachzuvollziehen. Damit werden die Institutionalisierungspraxis auf die Kolonien bezogener Aufgaben am Botanischen Garten und Museum und die wesentlichen Festlegungen zur Einbindung einer preußischen universitären Einrichtung in kolonialwirtschaftliche und -politische Vorhaben auf Reichsebene beleuchtet. Rechtliche Rahmenbedingungen wie der Vertrag über die Gründung der Botanischen Zentralstelle zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Preußischen Kultusministerium finden dafür eine detaillierte Betrachtung ebenso wie die nachfolgenden Verhandlungen über Umfang und Zweckgebundenheit der durch die Ministerien bewilligten Finanzierung sowie über die Ausgestaltung der Aufgabenbereiche der Botanischen Zentralstelle. Als Teil des Institutionalisierungsprozesses wird zudem die praktische Organisation der Tätigkeiten der Botanischen Zentralstelle erörtert. Von Bedeutung für das Forschen und Sammeln am Botanischen Museum war des Weiteren ein Bundesratsbeschluss aus dem Jahr 1889, der die Zentralisierung der aus den deutschen Kolonien stammenden wissenschaftlichen Sammlungen von auf Reichskosten ausgerüsteten Expeditionen an drei Berliner Museen festlegte: dem Botanischen Museum, dem Museum für Naturkunde und dem Museum für Völkerkunde. Die erstmalige umfassende Auswertung dieser Regelung und der mit ihr verbundenen Sonderstellung dieser Museen beim Zusammentragen und Erforschen von Objekten aus den Kolonien verspricht Ergebnisse, die über den Botanischen Garten und das Botanische Museum hinausgehen und die Rolle der Wissenschaften in der Reichshauptstadt und Kolonialmetropole Berlin breiter erfassen.21

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Der Frage nach dem Verhältnis von Wissen(schaften) und Kolonialismus sind in den letzten vier Jahrzehnten und verstärkt im Zuge der breiten Rezeption der Ansätze der postcolonial studies eine große Zahl von Studien nachgegangen.22 Brett M. Bennet und Joseph M. Hodge haben einführend zu dem von ihnen herausgegebenen Sammelband zutreffend bemerkt: „The history of science and empire is a burgeoning field that continues to expand yearly.“23 Diese Einleitung bietet einen breiten Überblick über die Vielzahl der Methoden und Themen der Forschung, die sich insbesondere mit der Rolle des kolonialen Wissens und der Wissenschaften für die Inbesitznahme, Erschließung und Kontrolle der Kolonialgebiete sowie mit der Herausbildung und Etablierung einzelner wissenschaftlicher Disziplinen im Kontext der Kolonialexpansion auseinandergesetzt hat. Grundlegend dafür waren und sind die Studien Edward Saids und Michel Foucaults. Said beschrieb die westliche Wissensordnung und hegemoniale Diskurse als Voraussetzung und konstitutives Element kolonialer Herrschaft, während sich Foucault dem Zusammenhang von Wissen und Macht mit Blick auf den europäischen Raum widmete.24 In den vergangenen Jahrzehnten erhielt der Charakter von Wissen(schaften) als Herrschaftsinstrument für koloniale Kontrolle und Ausbeutung große Aufmerksamkeit und wurde für einzelne Disziplinen und Kolonialreiche dargelegt.25 Veröffentlichungen zur Botanik insbesondere im British Empire folgten dieser Ausrichtung, konzentrierten sich dabei jedoch zusätzlich auf die Bedeutung von Netzwerken, transnationalen Wissenstransfers und Wechselwirkungen zwischen Kolonien und Metropole.26

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Diese Aspekte erkunden verstärkt auch neuere Arbeiten zum Bereich Wissen(schaften) und Kolonialismus und fragen überdies danach, wie einzelne Wissenschaften von der Kolonialexpansion profitierten und durch sie geprägt wurden.27 Es bedarf darüber hinaus weiterhin einer eingehenden Analyse, welche Motive die beteiligten Wissenschaftler leiteten und wie sich die Inbesitznahme von Kolonialgebieten auf Forschungsfelder und Arbeitsschwerpunkte von wissenschaftlichen Einrichtungen – zu denen auch die naturkundlichen und ethnologischen Museen als Orte der Wissensproduktion und Vermittlung zählten – auswirkten. Dies soll hier am Beispiel des Botanischen Gartens und Museums mitsamt der Botanischen Zentralstelle erfolgen. Dabei gerät mit der Botanik eine Disziplin in den Blick, die im Rahmen der deutschen Kolonialgeschichte noch kaum Beachtung gefunden hat.28 Neben den Regularien und Mechanismen der Institutionalisierung von auf die Kolonien bezogenen Aufgaben stehen die Interessen der wichtigsten Akteure – der Direktion des Botanischen Gartens und Museums, des Preußischen Kultusministeriums und des Auswärtigen Amtes – im Mittelpunkt der Studie. Welche Erwartungen, Ansprüche, Ziele verbanden sie mit der Erforschung der kolonialen Pflanzenwelt und mit landwirtschaftlichen Versuchen? Das Ausloten der jeweiligen Interessenlagen erweitert die einseitige Auffassung von Wissenschaften und Technik als Zulieferer von Erkenntnissen für Staat und Wirtschaft, wie sie beispielsweise Jens Ruppenthal mit seiner Arbeit zum Hamburger Kolonialinstitut in Anlehnung an Wolfgang Mommsen vertritt. Dafür werden die wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Ambitionen aufzeigt, die den Berliner Botanikern und dem Preußischen Kultusministerium eine Unterstützung kolonialer Vorhaben attraktiv erscheinen ließen.29 Darüber hinaus sollen das Selbstverständnis ←26 | 27→einzelner Wissenschaftler am Botanischen Garten und Museum und ihre Wahrnehmung der Rolle ihrer Institution im Zuge der Kolonialexpansion des Deutschen Reiches erhellt werden.

Zahlreiche Aufgabenbereiche der Botanischen Zentralstelle und des Botanischen Museums beruhten auf Austauschbeziehungen zu botanischen Institutionen weltweit und zu weiteren Partnern in Übersee und im Deutschen Reich. Dazu gehörten unter anderen Missionare, Pflanzungsunternehmen, koloniale Interessenvereine, Forschungsreisende, kommerzielle Sammler und die Kolonialverwaltung. Die lokalen, nationalen und globalen Netzwerke, in denen die Berliner botanischen Einrichtungen operierten und in denen Pflanzenmaterial, botanisches und technisches Wissen sowie Praktiken und Personal zirkulierten, bilden einen zweiten Schwerpunkt der Untersuchung. Die meisten professionellen Beziehungen kennzeichneten kooperative Austauschprozesse, doch es fand auch eine vielfältige Auseinandersetzung mit tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenten statt. Die Arbeit ermittelt die wichtigsten Akteure in diesen Beziehungsgeflechten, beschreibt Häufigkeit und Charakter der Kontakte und bestimmt die Art und Menge der transferierten Materialien sowie die Inhalte und Medien von Wissenstransfers. Bei Letzteren geht es zudem nicht allein um die Rezeption von botanischem und landwirtschaftlichem Fachwissen europäischer Experten, sondern auch um die Integration indigener Wissensbestände. Innerhalb einer sich international verstehenden scientific community verliefen die Transfers von Wissen, Praktiken und Materialien transnational und interimperial. Eine internationale Zusammenarbeit wurde zeitgenössisch als inhärentes Merkmal wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlichen Fortschritts gesehen.30

Daraus resultierten zahlreiche interimperiale Wissenstransfers, für die sich wesentliche Anregungen aus der Vorbildwirkung botanischer Einrichtungen anderer europäischer Kolonialmächte und der Beobachtung ihrer Aktivitäten ergaben. Bestimmend für die Berliner Institutionen waren dabei die Royal Botanic Gardens Kew bei London31 und der niederländische Botanische Garten Buitenzorg/Bogor auf Java. Ulrike Lindner hat das Vergleichen der Kolonialmächte untereinander als „imperiale Strategie“32 bezeichnet, die für die ←27 | 28→Ausformung der eigenen Kolonialherrschaft entscheidend wirkte, wobei Großbritannien als erfahrene Kolonialmacht zumeist den Bezugspunkt für den „Nachzügler“ Deutsches Reich bildete.33 Inwiefern dieser formende Einfluss des British Empire auch für den Bereich der auf die Kolonialgebiete ausgerichteten Botanik zutrifft, wird am Beispiel der Berliner Einrichtungen eruiert und damit ein Beitrag zu einem sich erst entwickelnden Forschungsfeld erbracht, das unter transimperialer Perspektive Kolonialreiche vergleicht sowie Interaktionen und Austauschprozesse zwischen europäischen Akteuren unterschiedlicher Imperien untersucht, beispielsweise interimperiale Kooperationen oder Konkurrenz. Den Vergleich zwischen Berlin und Kew nutzt die Untersuchung zudem als Analyseinstrument, um die mit der Botanischen Zentralstelle verbundenen kolonialen Unternehmungen zu denen von Kew als erklärtem Modell in Bezug zu setzen. Dadurch treten Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Organisationsform der Einrichtungen und ihrer Arbeit zu Tage und es lassen sich Aussagen darüber treffen, wie beispielsweise Befugnisse, Budget oder Umfang des Pflanzentransfers einzuordnen und zu bewerten sind.

Schlagwortartig zusammengefasst ergeben sich somit als leitende Aspekte der Untersuchung: Institutionalisierungspraxis – Interessen der Akteure – Netzwerke – Pflanzen- und Wissenstransfers – transimperiale Vergleiche. Eingegrenzt wird die Studie auf den Zeitraum des Bestehens der Botanischen Zentralstelle zwischen ihrer Gründung 1891 und ihrer Auflösung 1920. Über die genannten Eckdaten hinaus schärft ein einführendes, auf den Berliner Botanischen Garten und das Botanische Museum heranzoomendes Kapitel den Blick für den breiteren Hintergrund der botanischen Unternehmungen der europäischen Kolonialmächte einschließlich der wissenschaftlichen Arbeitsweisen, Praktiken und Funktion botanischer Gärten und Museen. Die Kolonialexpansion des Deutschen Reiches und weitere bestimmende Faktoren werden knapp umrissen, um einer eindimensionalen Argumentation und Wahrnehmung entgegenzutreten, die Entwicklung des Botanischen Gartens und Museums vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg lasse sich allein aus dem kolonialen Kontext heraus erklären.34 Spiegelbildlich dazu analysiert ein herauszoomendes Kapitel inhaltliche, personelle und strukturelle Kontinuitäten nach der Schließung der Botanischen Zentralstelle. Ein Ausblick verortet die Auseinandersetzung mit ←28 | 29→der kolonialen Vergangenheit der Institution in gesamtgesellschaftlichen Erinnerungsdiskursen und aktuellen Diskussionen.

Methode

Die Institutionen-, Kolonial- und Wissenschaftsgeschichte des Botanischen Gartens und Museums nimmt diese Studie als Basis für eine methodisch vielfältige Herangehensweise. Bestimmend ist dabei eine transnationale und transimperiale Perspektive. Die wissenschaftliche Praxis der Botanik basierte auf einem Austausch von Pflanzenmaterial und Wissen innerhalb einer internationalen scientific community und die Wissensproduktion insbesondere zur tropischen Flora und Landwirtschaft stützte sich auf den Austausch von Kenntnissen zwischen den Kolonialmächten. Interimperiale Transfers und Kooperationen innerhalb globaler Netzwerke prägten wesentlich die Arbeitsweise der Berliner Einrichtungen und erfahren deshalb besondere Aufmerksamkeit. In der Geschichtswissenschaft haben transnationale Ansätze die zuvor dominante Ausrichtung am Nationalstaat seit längerem durchbrochen.35 Untersuchungen zum Deutschen Kaiserreich verweisen auf dessen transnationale und globale Bezüge gerade in der Zeitspanne von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg, die als Hochphase von Globalisierung und Imperialismus bezeichnet wird. Neue Transport- und Kommunikationsmittel sorgten für einen beschleunigten Austausch von Informationen und Waren. Dieser durch die Ausweitung der globalen Vernetzung und ökonomischen Verdichtung gekennzeichnete Globalisierungsschub ist als Kontext für die Betrachtung der Berliner botanischen Einrichtungen in dieser Zeit ebenso wesentlich wie die Einbettung der deutschen Kolonialexpansion in den europäischen Imperialismus.36

Erst in letzter Zeit ist durch den Einfluss der transnationalen Geschichte, insbesondere der new imperial history und der Globalgeschichte, ein verstärktes ←29 | 30→Interesse an der Erforschung von Verbindungen zwischen Imperien zu beobachten, vornehmlich zu Kooperationen und Konkurrenzen.37 Einzelne Studien haben gezeigt, dass es trotz nationaler Rivalitäten eindrückliche Beispiele für interimperiale Kooperationen gab. Interaktionen und Austauschprozesse zwischen europäischen Akteuren aus unterschiedlichen Imperien wurden zuletzt verstärkt untersucht und der europäische Imperialismus als kooperatives, internationales Phänomen diskutiert, gerade mit Blick auf den Bereich der Wissenschaften.38 Der transimperiale Ansatz ermöglicht es, die für die Gründung und Tätigkeit der Botanischen Zentralstelle wesentliche Rezeption von Erfahrungen und Praktiken anderer Kolonialmächte im Bereich der tropischen Nutzpflanzenforschung und Landwirtschaft sowie die Verbindungen zu deren botanischen Einrichtungen für den Austausch von Pflanzenmaterial und Wissen aufzuzeigen. Für die Analyse des Wissens- und Wissenschaftstransfers wird insgesamt ein breites Verständnis von Wissen zu Grunde gelegt. Einbezogen werden neben Fachwissen und theoretischem Wissen auch praktisches Wissen, das beispielsweise in Werkstätten oder Sammlungen gewonnen wurde, ebenso wie Alltagswissen und indigene Wissenssysteme. In Abgrenzung zu George Basallas Diffusionsmodell, das eine stufenweise Verbreitung westlicher „moderner“ Wissenschaft von Europa als Zentrum aus in außereuropäische Regionen beschreibt, geht die Studie in Anlehnung an neuere postkoloniale Ansätze zudem von vielfältigen Verflechtungen von Wissensformen und -systemen aus.39

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Für das British Empire sind Wissenstransfers und wissenschaftliche Netzwerke bereits eingehender analysiert worden und der Ansatz einer „networked conception of empire“40 hat wichtige neue Einblicke in die Funktionsweise der zunächst informellen, dann immer stärker institutionalisierten und zentralisierten Beziehungsgeflechte vermittelt. Wegweisend für die vorliegende Untersuchung ist das von David Chambers und Richard Gillespie vorgeschlagene Modell, koloniale wissenschaftliche Beziehungen als „polycentric communication networks“41 zu begreifen. In Hinblick auf diese Konzepte wird der Charakter der für die botanischen Einrichtungen in Berlin und die Erforschung der Flora der deutschen Kolonialgebiete wesentlichen (inter)imperialen und internationalen Netzwerke genauer untersucht. Der Austausch von Materialien, Wissen, Praktiken und wissenschaftlichem Personal wird nachgezeichnet und die Intensität von Austauschbeziehungen ermittelt, indem regelmäßige und fortdauernde Verbindungen von sporadischen Kontakten unterschieden werden.42 Aufgezeigt werden dabei nicht nur interimperiale und internationale Verflechtungsstrukturen von Institutionen und einzelnen Akteuren, sondern auch Beziehungsgeflechte auf nationaler und lokaler Ebene, die den Botanischen Garten und das Botanische Museum mit wissenschaftlichen Einrichtungen, kolonialen Interessenvereinen sowie Akteuren der Kolonialpolitik und -verwaltung verbanden.43

Neben der Vorstellung von (interimperialen) Wissenstransfers in Netzwerken ist als weiteres Modell, das begrifflich an die digitale Gegenwart angelehnt ist, eine „imperial cloud“ als „shared reservoir of knowledge“44 der Kolonialmächte diskutiert worden. Damit sollen geteiltes Wissen und Praktiken beschrieben werden, auch wenn in den Quellen keine direkten Verbindungen zwischen ←31 | 32→den Imperien erkennbar sind. Im Fall der Berliner botanischen Einrichtungen gehen Transfers und Netzwerke zwar zumeist explizit aus den Quellen hervor, womit für die Sammlungen von Wissen und Objekten an den Museen in Berlin wie auch in anderen Kolonialmetropolen das Konzept des kolonialen Archivs passender erscheint.45 Der Cloud-Ansatz liefert dennoch wichtige ergänzende Anregungen: So ist es sinnvoll, genauer auf die tatsächlich erkennbaren Akteure, Objekte und Medien interimperialer Wissenstransfers zu schauen und die Bewegungen von Wissenschaftlern und Wissensdingen zwischen den Imperien sowie die Herstellung eines „common pool of imperial knowledge“46 zu erkunden. Welches Wissen wurde rezipiert? Von welchen Vorbildern wurden Wissen und Praktiken übernommen? Bestimmten das Prestige einer Kolonialmacht und ihrer botanischen Aktivitäten auch die Orientierung der Berliner Einrichtung an deren Musterinstitutionen? Sind vollständige oder partielle Übernahmen zu beobachten? Diese Fragen versprechen fruchtbare Ergebnisse auch hinsichtlich der Untersuchung von Wegen und Wirkmechanismen interimperialer Wissenstransfers.

Der Beitrag der Studie zum neueren Feld der transimperialen Geschichte wird durch den punktuellen Vergleich des Berliner Botanischen Gartens und Museums samt der Botanischen Zentralstelle mit den Royal Botanic Gardens Kew noch vertieft. Beide Institutionen waren – wenn auch mit noch darzulegenden Unterschieden – im Bereich der Botanik als nationale Zentren der auf die Kolonien bezogenen Forschung und Praxis konzipiert worden, sodass sich an ihnen beispielhaft die Unternehmungen Großbritanniens und des Deutschen Reiches vergleichen lassen. Komparative Kolonialismusstudien sind bislang nur vereinzelt erschienen und auch in den bisherigen Veröffentlichungen zur Botanik treten Verbindungen zwischen dem britischen, französischen, niederländischen und deutschen Kolonialreich in den Hintergrund gegenüber den Verflechtungen und Netzwerken innerhalb der einzelnen Imperien, vorrangig zwischen Metropole und Kolonien.47 Für die Berliner Einrichtungen wird kein ←32 | 33→durchgängiger Vergleich sämtlicher Aspekte der auf die Kolonien bezogenen Aufgaben und ihrer Institutionalisierung vorgenommen. Vielmehr wird zum einen den zeitgenössischen Hinweisen zur Vorbildfunktion von Kew gefolgt, zum anderen erlaubt die punktuelle Gegenüberstellung ausgewählter Aspekte die Einordnung der Ergebnisse vergleichend mit der erklärten Musterinstitution, beispielsweise zu Organisationsstruktur und Finanzierung der Botanischen Zentralstelle sowie zu Inhalt und Ausgestaltung ihrer Tätigkeitsfelder. Ähnlichkeiten, Unterschiede und Übernahmen lassen sich mittels dieses asymmetrischen Vergleichs herausstellen, wobei auf die bereits vorhandene Forschung zu Kew zurückgegriffen werden kann. Dabei wird zudem die Rolle des British Empire als alleiniges Modell hinterfragt und nach weiteren Vorbildern gesucht sowie nach Praktiken oder Diskursen der Abgrenzung von Kew oder anderen Institutionen. Im Vordergrund steht insgesamt die eingehende Analyse der Berliner botanischen Einrichtungen zur Zeit der Kolonialexpansion des Deutschen Reiches, auch um angesichts bisher fehlender grundlegender Forschungsarbeiten die Basis für zukünftige komparative Untersuchungen zu schaffen.

Mittels eines transimperialen Zugangs lässt sich zugleich ein weiteres, von Helen Tilley aufgezeigtes Desiderat bearbeiten: Tilley sieht in der bisherigen Forschungsliteratur die Prämisse vertreten, hinsichtlich transnationaler Verbindungen und Praktiken von Wissenschaft vornehmlich von Spannungen zwischen nationalen Interessen und internationalen Kooperationen auszugehen. Sie spricht sich demgegenüber dafür aus, eine dreigeteilte Struktur der Wissensproduktion anzunehmen: national, imperial und international. Wie Tilly richtig feststellt, haben Arbeiten zu nationalen und internationalen Aspekten von Wissenschaft bislang zumeist die imperiale Dimension vernachlässigt, während die Fokussierung auf transimperiale Orientierungen und Transfers den Charakter internationaler wissenschaftlicher Netzwerke nicht vollständig erfasste.48 Am Beispiel des Botanischen Gartens und Museums Berlin samt der Botanischen Zentralstelle soll daher genauer untersucht werden, welche nationalen Anliegen die Erforschung der Flora der Kolonien antrieb, inwiefern internationale Austauschbeziehungen zu botanischen Einrichtungen weltweit die Transfers von Pflanzenmaterial und Wissen bestimmten und in welcher Hinsicht eine imperiale beziehungsweise interimperiale Komponente zum Tragen kam. Dabei ist ←33 | 34→zu beachten, dass internationale Beziehungen schon vor der Kolonialexpansion des Deutschen Reiches bestanden und bis heute die wissenschaftliche Praxis der Botanik prägen. Angesichts vielfältiger Überlagerungen wird es nicht immer möglich sein, die genannten Aspekte eindeutig zu unterscheiden.

Gerade dies unterstützt allerdings ein weiteres Anliegen der Studie – ebenfalls anknüpfend an Tilley – die Abgrenzung der sogenannten kolonialen Wissensproduktion und der sogenannten Kolonialwissenschaften oder gar „colonial forms of knowledge“ im Gegensatz zu „proper“ oder „real science“ aufzubrechen.49 Es wird davon ausgegangen, dass Kolonien und Metropole untrennbar miteinander verbunden waren und die Botanik in Berlin durch die Kolonialexpansion des Deutschen Reiches einen Einfluss auf ihre Arbeitsfelder, Methoden sowie Wissensinhalte und Wissensrepräsentationen erfuhr, wie auch von Berlin ausgehende Transfers von Pflanzen, Praktiken und Kenntnissen die Kolonialgebiete prägten. Kolonien und Metropole werden Frederick Cooper und Ann Stoler folgend daher als sich wechselseitig konstituierende Größen sowie als ein und dasselbe analytische Feld betrachtet.50 Wie Dirk van Laak anmerkte, sind die Forschungs- und Arbeitspraxis der Kolonialzeit überdies als wesentlicher inhärenter Teil der Fachgeschichte zu verstehen, die auch aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive mehr Beachtung verdienen.51 Missverständliche Begriffe und Konzepte, die eine klare Trennung der auf die Kolonien bezogenen Forschungen von anderen Arbeitsbereichen der Botanik suggerieren, werden daher vermieden, um die bis heute bestehenden Verbindungen nicht zu verschleiern. So dienten und dienen aus den Kolonien stammende Sammlungen pflanzlichen Materials als Grundlage vieler Zweige der Botanik. Überdies haben sich Schauplätze und Akteure der deutschen Kolonialgeschichte durch die Benennung von Pflanzen unauslöschlich in die botanische wie auch die zoologische Nomenklatur eingeschrieben. Im Folgenden wird der Begriff Kolonialbotanik vermieden und nur in Ausnahmefällen verwendet, um Forschungsfelder zu bezeichnen, die sich der Pflanzenwelt tropischer Regionen und insbesondere den deutschen Kolonien widmeten, um diese von Untersuchungen anderer Gebiete – die zeitgleich stattfanden – zu unterscheiden. Dies entspricht auch tendenziell der ←34 | 35→Verwendung des Begriffes Kolonialbotanik durch die zeitgenössischen Botaniker, die darunter beispielsweise nicht nur auf die angewandte Botanik beschränkte Unternehmungen verstanden, sondern ebenso systematische und pflanzengeographische Untersuchungen. Dass selbst unter Zeitgenossen diese Auffassung und das Verhältnis von Grundlagenforschung und angewandter Wissenschaft durchaus umstritten waren, zeigen die in den nachfolgenden Kapiteln eingehend untersuchten Auseinandersetzungen insbesondere zwischen Botanikern und Akteuren aus Politik und Verwaltung wie dem Auswärtigen Amt und den Gouvernements in den Kolonien.52

Zu den vielfältigen wechselseitigen Beziehungen zwischen Kolonien und Metropole, die der Perspektive der entangled history folgend hier von Interesse sind, gehört neben den Transfers von neuen Pflanzen und Wissensbeständen aus Europa in die Kolonien auch die Einspeisung in den Kolonien vorkommender Pflanzen in die weltweite Zirkulation von Pflanzenmaterial sowie die Aneignung indigenen Wissens durch deutsche Botaniker.53 Mit Bezug auf ein Beispiel aus der frühneuzeitlichen Botanik argumentiert Kapil Raj dafür, das Dogma des westlichen Ursprungs moderner Wissenschaft zu überwinden und lokale Informanten nicht als passive Helfer zu beurteilen, sondern vielfach von einer Koproduktion von Wissen durch Europäer und die lokale Bevölkerung in den Kolonien auszugehen.54 Die vorliegende Arbeit nimmt diese Anregung auf und sucht nach Hinweisen hierfür sowie nach anderen Formen der Übernahme von indigenem Wissen.

Kulturelle Spuren der Kolonialherrschaft lassen sich in Europa nicht nur durch die Integration einheimischer Wissensbestände oder in Form von Objekten aus den Kolonien in den Sammlungen von Museen, Universitäten und Privatpersonen ausmachen. Die Auswertung zeitgenössischer Wissenspräsentationen in Museen und anderen Ausstellungskontexten zeigt, wie koloniale ←35 | 36→Machtverhältnisse und Diskurse die Ordnung und die Präsentation kolonialer Sammlungen durchdrangen und zugleich in der Zurschaustellung bekräftigt beziehungsweise fortgeschrieben wurden.55 Der Botanische Garten und das Botanische Museum wirkten nicht allein als wissenschaftliche Einrichtungen, sondern waren auch Bestandteil der urbanen Unterhaltungskultur des Kaiserreiches. Sie wollten ein größeres Publikum ansprechen und koloniale Bilderwelten mitgestalten. Die Untersuchung dieser Aspekte ermöglicht es, dem Anspruch der new imperial history gemäß, die Prägungen kolonisierter Gesellschaften wie auch der Metropole durch die koloniale Erfahrung zu erfassen.56 Dementsprechend wird die Wissenspräsentation in der Kolonialabteilung des Botanischen Museums und die Beteiligung der Institution an Kolonial- und Gewerbeausstellungen daraufhin analysiert, mit welchen Mitteln und Inhalten die Berliner Einrichtungen an der Popularisierung von Wissen über die Kolonialgebiete und an der Konstruktion wirkmächtiger Vorstellungen von tropischen Regionen und vom kolonialen „Anderen“ teilhatten. Dabei kann auf neuere Arbeiten am Schnittpunkt von postcolonial studies und museum studies zurückgegriffen werden, die sich mit kolonialen Sammlungen wie auch mit damaligen und heutigen Ausstellungspraktiken beschäftigen.57

Die Studie versucht möglichst genau die Akteure der untersuchten Transfers und Verflechtungen anzugeben, auch wenn die Quellenlage häufig nur Aussagen auf institutioneller Ebene erlaubt. Die Hauptpersonen der Untersuchung werden durch biographische Skizzen eingeführt: insbesondere Adolf Engler, der im gesamten Untersuchungszeitraum Direktor des Botanischen Gartens und Museums samt der Botanischen Zentralstelle war, sowie Georg Volkens, der über viele Jahre als Kustos die Aufgaben der Botanischen Zentralstelle organisierte. Die ←36 | 37→Arbeit geht ebenfalls näher auf Friedrich Althoff, Universitätsreferent und später Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium ein, der einen wesentlichen Anteil an der Verlegung der botanischen Einrichtungen von Schöneberg nach Dahlem hatte, sowie auf den Sammler Georg Zenker, der tausende Objekte aus Kamerun an das Botanische Museum sandte, außerdem auch auf einige an der Botanischen Zentralstelle ausgebildete Gärtner für den Kolonialdienst. Ziel ist es, die Interessen und Handlungen von Schlüsselpersonen breit auszuleuchten und andere Akteursgruppen erstmals sichtbar zu machen. Die zumindest streckenweise Skizzierung von Lebenswegen soll zudem exemplarisch zum Gesamtverständnis des historischen Kontextes beitragen. Für die Beschäftigung mit Botanikern wie Georg Volkens oder Sammlern wie Georg Zenker sowie den an der Botanischen Zentralstelle ausgebildeten Gärtnern für den Kolonialdienst liefert das Konzept der „imperialen Biographien“ wichtige Impulse, das den Zusammenhang von imperialen Kontexten und individuellen Lebensläufen untersucht. Die professionellen Karrieren und Lebenswege dieser Akteure erlebten einen entscheidenden Einfluss durch die Kolonialexpansion, sie waren in die Reichsstrukturen eingebunden und bewegten sich oftmals in verschiedenen Kolonien und Kolonialreichen.58 Die kurze Aufzählung von Akteuren zeigt bereits, dass hauptsächlich Männer die Geschicke der Berliner botanischen Institutionen lenkten und ebenso das Sammeln und Forschen in den Kolonien bestimmten. Frauen treten nur selten in Erscheinung. Die wenigen als Sammlerinnen namentlich genannten Frauen hatten zumeist ihre Ehemänner in die deutschen Kolonien begleitet.

Einzelnen Abschnitten der Studie sind zudem Biographien von Objekten aus den Sammlungen des Botanischen Gartens und Botanischen Museums vorangestellt, so zu Beginn der Einleitung bereits in Kurzform die der Nasspräparate von Kaffeezweigen. Objekt- oder Dingbiographien erleben seit Längerem im Zuge der theoretisch-methodischen Hinwendung der Geschichtswissenschaft zu den Dingen (material turn) einen regelrechten Boom. Ausgangspunkt ist dabei die Überlegung, dass materielle Artefakte zwischen Herstellung und Verfall verschiedene Stadien durchlaufen. Sie können eine Handlungsmacht (agency) oder Widerständigkeit besitzen, ihre Funktion und Bedeutung verändern oder eine Mobilität in Zeit, Raum und sozialen Sphären aufweisen. An Hand von Objektbiographien lassen sich komplexe Geschichten sichtbar machen.59 Neben der ←37 | 38→Materialisierung des Kulturbegriffs führten neuere Zugänge der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte zu einem verstärkten Interesse an wissenschaftlichen Sammlungen in Universitäten und Museen. Für Objekte in naturkundlichen Sammlungen ist insbesondere ihre epistemische Funktion und deren Wandel in unterschiedlichen Kontexten betont worden. Je nach Fragestellung können die Objekte naturwissenschaftlich untersucht oder kulturhistorisch und politisch interpretiert werden.60

Die exemplarische Auswahl von Dingen aus den Sammlungen des Botanischen Gartens und Museums und ihre Vorstellung in Objektbiographien erfolgt zum einen, weil sich die Sammlungen der Institution und insbesondere die Zugänge aus der Kolonialzeit schon auf Grund der Fülle von Objekten nicht systematisch untersuchen ließen. Allein das Herbarium umfasst 3,8 Millionen Pflanzenbelege, dazu kommen tausende Alkoholpräparate sowie die Lebendsammlungen in den Gewächshäusern und im Garten. Die Eingänge zwischen 1884 und 1914 sind nicht lückenlos dokumentiert, viele Unterlagen und Objekte verbrannten durch Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg. Auf Grundlage der Jahresberichte des Botanischen Gartens und Museums und denen der Botanischen Zentralstelle, die allerdings die Sammlungszuwächse nicht in einem einheitlichen Format angeben, ist es zumindest möglich, einen schätzungsweisen Überblick über die Zusendungen von getrockneten und lebenden Pflanzen, Früchten, Hölzern und anderen Materialien zu geben. Neben diesen pragmatischen Überlegungen bieten die Objektbiographien zum anderen exemplarisch einen Einblick in Herkunft, Funktion und Bedeutung einzelner Sammlungsgegenstände und dienen der Vertiefung wissenschafts- und wissensgeschichtlicher Ansätze ergänzend zur institutionengeschichtlichen Perspektive der Hauptkapitel, denen sie vorangestellt sind. Bewusst wurden sehr unterschiedliche Objektgattungen ausgewählt, um auch Bereiche der Sammlungen zu präsentieren, die bislang nur wenig Beachtung gefunden haben wie etwa das Bildarchiv des ←38 | 39→Botanischen Museums. Beispielhaft wird damit ein Beitrag zur Provenienzforschung erbracht, die in Hinblick auf die eingangs geschilderten Diskussionen zu kolonialen Sammlungen noch auszubauen ist.61 Insgesamt soll mittels der Vielfältigkeit der gewählten methodischen Einflüsse der Untersuchungsgegenstand in einem breiten thematischen Spektrum erfasst werden.

Zuletzt sei noch auf einige verwendete Begriffe eingegangen. Zeitgenössische rassistische Konzepte beeinflussten die Wahrnehmung der kolonisierten Bevölkerung und prägten auch die Vorstellungen von Kolonialbeamten und Botanikern, die sie insbesondere hinsichtlich der Rolle der Bevölkerung der afrikanischen Kolonien bei der landwirtschaftlichen Nutzung dieser Gebiete für deutsche Interessen hatten. In den Quellenzitaten finden sich Begriffe, die im damaligen Sprachgebrauch üblich waren, auf Grund ihrer pejorativen Bedeutung im Folgenden jedoch vermieden oder im Fall von Zuschreibungen oder sozialen Konstruktionen wie „weiß“ oder „schwarz“ mit Anführungszeichen gekennzeichnet werden.62 Ebenso sind zeitgenössische Konzepte von einer „Inwertsetzung“ der Kolonien durch den Einsatz von Wissenschaft und Technik für eine systematische „Entwicklung“ der Kolonien zu hinterfragen und eine kritische Distanz dazu anzuzeigen. Die damaligen Überzeugungen von einer „Inwertsetzung“ der Kolonien zum Wohle von Europas Handel und Industrie wie auch der „Hebung“ des moralischen und materiellen Lebensstandards der lokalen Bevölkerung hat Joseph Hodge überzeugend als Ideologie und Doktrin beschrieben, bei der es weniger um die „Modernisierung“ der Kolonien und ihrer Bewohner ging. Vielmehr sollten Ausbeutung und Unterentwicklung zu einer vermeintlich positiven „Zivilisierungsmission“ umgedeutet werden.63 Juhani Koponen hat dies mit dem Titel seiner Studie „Development for Exploitation“ treffend auf den Punkt gebracht.64

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Forschungsstand

Einleitend wurde bereits auf wesentliche Entwicklungen verschiedener Forschungsfelder eingegangen, von denen die Arbeit insbesondere in methodischer Hinsicht Anregungen aufnimmt. Sie sollen daher an dieser Stelle nicht noch einmal diskutiert werden, sondern vornehmlich die Verortung der Untersuchung zur Botanischen Zentralstelle innerhalb der von englischsprachigen Studien dominierten und daher unter dem Begriffspaar Science and Empire zusammengefassten Forschungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Kolonialismus erfolgen. Die Zahl der Einzelstudien ist inzwischen kaum mehr zu überblicken und es sind bereits mehrere Einführungen erschienen, die einen Überblick über die Ausdifferenzierung dieses Forschungszweiges vermitteln.65 Im Fokus der Untersuchungen standen lange Zeit einzelne Kolonien oder Kolonialreiche sowie einzelne Disziplinen. Forschungen zum British Empire dominieren fortgesetzt diesen Bereich, gefolgt von Arbeiten zum niederländischen und französischen Kolonialreich.66 Neben Medizin, Geographie, Kartographie, Anthropologie und Ethnographie ist stets auch die Botanik betrachtet worden, wenngleich weniger intensiv. Gleichwohl liegen zahlreiche Studien vor mit unterschiedlichen zeitlichen, geographischen und thematischen Schwerpunkten. Sie widmen sich unter anderen den frühneuzeitlichen botanischen Unternehmungen Spaniens67 und Frankreichs68 sowie übergreifenden und grundlegenden Aspekten des Zusammenspiels der Botanik mit wirtschaftlichen und politischen Interessen im Zuge der Kolonialexpansion sowie der Repräsentation tropischer Natur69 und nicht ←40 | 41→zuletzt der Bioprospektion in den Kolonialgebieten, das heißt der Untersuchung von Biodiversität und lokalem Wissen hinsichtlich kommerziell wertvoller genetischer und biochemischer Ressourcen.70 Schließlich sind eingehende Studien zu wichtigen Institutionen wie den Royal Botanic Gardens Kew71 und dem Botanischen Garten Buitenzorg/Bogor72 auf Java erschienen nebst Veröffentlichungen zu ihren Leitern und bedeutenden Sammlern dieser Einrichtungen.73 Die umfassenden Arbeiten insbesondere zu Kew – wie auch zu Buitenzorg/Bogor – erlauben es, für den Vergleich mit den Berliner botanischen Einrichtungen auf diese Abhandlungen zurückzugreifen.

Gemeinsam ist den vorgenannten Veröffentlichungen, dass sie die enge Verbindung von wissenschaftlichen Ambitionen, wirtschaftlichen Interessen und politischen Absichten betonen. Die wissenschaftliche Erforschung der Flora der Kolonien wird als Grundlage für die Inbesitznahme und wirtschaftliche Ausbeutung dieser Gebiete beschrieben und die Bedeutung der wissenschaftlichen Untersuchung tropischer Nutzpflanzen für die Kolonialexpansion hervorgehoben. Die Botanik profitierte im Gegenzug von verbesserten Zugangsmöglichkeiten zu Gegenden, die von europäischen Wissenschaftlern noch unerforscht waren, und von einem stetigen Zufluss botanischen Vergleichsmaterials aus aller Welt, das die Taxonomie wie auch die angewandte Forschung vorantrieb und die europäischen botanischen Gärten zu den führenden Einrichtungen der Standardisierung und universellen Verbreitung botanischen Wissens machte. Botaniker sind in diesem Zusammenhang ebenso wie andere Wissenschaftler als „tentacles of colonial power“74 bezeichnet worden und es verwundert daher nicht, dass Daniel Headrick in seinem einflussreichen, nahezu namensgleichen Werk The tentacles of progress75 auf die botanischen Unternehmungen verschiedener Kolonialmächte eingeht. Die Botanik ist zudem wie andere Wissenschaften als „tool ←41 | 42→of the state“76 geschildert worden und es heißt beispielsweise: „British colonial botanic gardens were as much a part of British imperialism as were the fleets of the Royal Navy or the soldiers of the queen”77. Weiterhin wird festgestellt: „the state has absorbed science, scientists and scientific scholarship“78 und in Bezug auf Kew: „Britain was marshalling all its institutions and scientific expertise toward the imperial goal, and British botanical science energetically furthered British expropriation of the world’s plant resources.“79

Wie sah dies nun für den deutschen Kolonialismus aus? In welchem Maße und mit welchen Zielen wurde die Botanik in die Kolonialexpansion eingebunden, wie und wo erfolgte die Institutionalisierung der botanischen Erforschung der Pflanzenwelt der deutschen Kolonien? Diese Fragen werden im Folgenden erstmals umfassend an Hand der Berliner botanischen Einrichtungen untersucht. Die Studie erweitert dabei die Perspektive von der zwar zutreffenden, aber oftmals eindimensionalen und pauschalen Darstellung „der Botanik“ wie auch anderer Wissenschaften als „Steigbügelhalter für koloniale Expansion und Ausbeutung“80. Zu diesem Zweck werden konkrete Akteure in den Blick genommen und das Selbstverständnis führender Botaniker in Bezug auf die Erforschung der kolonialen Flora untersucht, um zu ergründen, welche persönlichen Motive wie beispielsweise die Beförderung ihrer wissenschaftlichen Karrieren oder institutionengebundene Absichten wie die Vermehrung des wissenschaftlichen Ansehens als treibende Kräfte gelten können. Bislang haben nur wenige Studien diskutiert, inwiefern der Wandel von Tätigkeitsfeldern und Methoden der Botanik und von Karrieremöglichkeiten in diesem Fach die Mitwirkung am kolonialen Projekt für Botaniker attraktiv erscheinen ließ.81 Diese Vorarbeiten werden hier ebenso berücksichtigt wie wissenschaftshistorische Arbeiten zu Gärten und Sammlungen.82 In den letzten Jahren sind zudem vermehrt umwelthistorische Studien erschienen, die sich mit den Auswirkungen der Eingriffe der Kolonialmächte in Pflanzenwelt, Landschaften, Wirtschaftsformen und Landwirtschaft ←42 | 43→der Kolonialgebiete auseinandersetzen.83 Sie können für die Bewertung der kurz- und langfristigen Folgen der von den Berliner botanischen Einrichtungen ausgehenden Aktivitäten in den deutschen Kolonien herangezogen werden. Gerade der Bereich der landwirtschaftlichen Interventionen der Kolonialmächte ist für die britischen Kolonien in Afrika bereits intensiver beleuchtet worden,84 aber auch für die deutschen Kolonien gibt es einzelne Studien, die sich neben landwirtschaftlichen Projekten und botanischen Institutionen auch den Einflüssen auf lokale Wirtschafts- und Sozialverhältnisse widmen.85

Überhaupt hat sich die Forschung zu einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen im Kontext des deutschen Kolonialismus verstärkt, wie auch generell seit den 1990er-Jahren ein gestiegenes Interesse an der Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreiches zu verzeichnen ist. Die Rezeption postkolonialer Ansätze förderte die Auseinandersetzung mit der Rolle der Wissenschaften und Formen des Wissens im Rahmen der Kolonialexpansion.86 Vorgelegt wurden Untersuchungen zur kolonialen Medizingeschichte87 und Geographie,88 Ethnologie,89 Rechtsethnologie90 und Eugenik.91 Zudem sind wissenschaftliche Institutionen wie das Hamburger Kolonialinstitut,92 das Seminar für Orientalische Sprachen an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität93 und Ethnologische Museen94 betrachtet worden. Ferner widmeten sich knappe Artikel in Sammelbänden zur ←43 | 44→deutschen Kolonialgeschichte und zu kolonialen Erinnerungsorten wissenschaftlichen Einrichtungen, Museen und weiteren Formaten der Wissenspräsentation wie Völkerschauen und Gewerbeausstellungen.95 Koloniale wissenschaftliche Netzwerke bildete ein Sammelband ab, der insbesondere globale Verbindungen und das breite Spektrum verschiedenster Akteure – neben Wissenschaftlern auch Kaufleute, Missionare und intermediaries – herausstellte.96 Zuletzt haben koloniale Sammlungen in Museen und Universitäten große Aufmerksamkeit erfahren, wobei ethnologische Objekte und human remains im Mittelpunkt standen.97

Komparative und transimperiale Studien zu einzelnen Disziplinen und wissenschaftlichen Einrichtungen während der kolonialen Ära fehlen allerdings bislang weitgehend98 und die Botanik sowie speziell die Berliner Einrichtungen sind für den Zeitraum der deutschen Kolonialexpansion noch nicht systematisch untersucht worden. Zwar thematisierten einzelne kulturwissenschaftlich inspirierte Publikationen und Ausstellungskataloge die „Pflanzenjagd“ für wissenschaftliche Institutionen und private Sammler, ohne allerdings die kolonialen Verflechtungen in der Tiefe abzubilden.99 Christoph Conte und Eugene Cittadino leisten dies in ihren wissenschafts- und umweltgeschichtlichen Studien, gehen dabei aber nur knapp auf die Botanische Zentralstelle und einzelne botanische Forschungseinrichtungen in der Kolonie Deutsch-Ostafrika ein, ohne die stetige Verbindung der letzteren mit den Berliner botanischen Institutionen detaillierter herauszuarbeiten.100

←44 | 45→

In hauseigenen Publikationen zur Geschichte des Botanischen Gartens und Museums wurde die Kolonialzeit bislang unkritisch und kursorisch abgehandelt.101 Fachwissenschaftliche Aspekte unter der Vernachlässigung der breiteren Kontexte dominierten diese Veröffentlichungen wie auch den 1987 erschienenen kurzen Artikel zweier Wissenschaftler des Hauses zur Botanischen Zentralstelle und zu botanischen Forschungen in den deutschen Kolonien.102 Zuletzt gingen Beiträge in Sammelbänden zu Erinnerungsorten der Kolonialgeschichte beziehungsweise zu Schauplätzen kolonialer Umweltgeschichte auf die vielfältige Einbindung der Berliner botanischen Institutionen in das koloniale Projekt ein.103 Die Grundlage dieser Artikel bildeten überwiegend die publizierten Berichte zur Botanischen Zentralstelle und zum Botanischen Museum, die von deren damaliger Leitungsebene verfasst wurden und mehrheitlich als positive Selbstdarstellungen zu charakterisieren sind.104 Die für diese Studie erstmals vorgenommene Auswertung eines breiten Bestandes von Archivmaterial fördert zahlreiche neue Erkenntnisse zu Tage und belegt, dass gerade die Institutionalisierung auf die Kolonien bezogener Aufgabengebiete an den Berliner Einrichtungen keineswegs reibungslos verlief, sondern vielmehr aufschlussreiche Konflikte zwischen Auswärtigem Amt, dem Preußischen Kultusministerium und der Leitung des Botanischen Gartens und Museums diesen Prozess begleiteten. Insbesondere die Korrespondenzen dieser zentralen Akteure geben einen Einblick in Erwartungen und Ansprüche, die Botaniker sowie Wissenschafts- und Kolonialpolitiker mit der Erforschung der Pflanzenwelt der Kolonien verbanden. Sie benennen Vorbildinstitutionen und Wege von Wissenstransfers, zusätzlich treten Netzwerke und Verflechtungen zu Tage. Daher bilden sie einen wichtigen Bestandteil der Quellengrundlage dieser Studie.

Quellen

Für die Bearbeitung wurde eine Vielzahl von Archivbeständen, gedruckten Quellen und anderen Materialien herangezogen. Da das Botanische Museum bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde und große ←45 | 46→Teile der Sammlungen und der Bibliothek mitsamt wichtigen Dokumenten verbrannten, finden sich dort heute nur wenige relevante Archivalien. Erhalten geblieben sind eine kleine Zahl von Zeugnissen der Sammlungsdokumentation des Botanischen Museums im Untersuchungszeitraum wie sogenannte Eingangsbücher für Samen und Lebendpflanzen oder Aufzeichnungen über die von einzelnen Sammlern zugesandten Herbarbelege. Daneben verfügt die Bibliothek über Sonderdrucke von Veröffentlichungen des damaligen Direktors Adolf Engler und seine Redemanuskripte sowie sämtliche Ausgaben der seit 1895 herausgegebenen hauseigenen Publikation Notizblatt, die der Information eines breiteren Publikumskreises und dem Schriftentausch mit botanischen Einrichtungen weltweit diente. Der vollständige Titel lautete Notizblatt des Königl. botanischen Gartens und Museums zu Berlin, von 1900–1920 ergänzt durch den Zusatz sowie der botanischen Centralstelle für die deutschen Kolonien. Das Notizblatt führte unter anderem sporadisch die Zugänge von Pflanzen, Samen und Museumsobjekten für die Einrichtung auf und widmete sich insbesondere den Pflanzentransfers in die deutschen Kolonien, wofür Auszüge aus den Jahresberichten der Botanischen Zentralstelle und Schreiben von Mitarbeitern botanischer Versuchseinrichtungen in Übersee Abdruck fanden. Diese Bestände wurden systematisch und vollständig gesichtet, ebenso die im Bildarchiv des Botanischen Museum verwahrten Photographien aus der Zeit von etwa 1840 bis 1960. Einen Zugang zu den botanischen Sammlungen ermöglichte in einem ersten Schritt die Online-Datenbank der Institution,105 in einem weiteren Schritt erfolgte die Recherche im Herbarium sowie in der Nasspräparate- und der Holzsammlung.

Die weitaus bedeutenderen und umfangreicheren Archivbestände ließen sich verstreut in Berliner Archiven ausmachen. Die im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz befindlichen Akten des Preußischen Kultusministeriums, dem der Botanische Garten und das Botanische Museum unterstellt waren, enthalten wichtige administrative Quellen wie Erlasse und Verträge zur Einrichtung der Botanischen Zentralstelle, dazu Gutachten und Korrespondenzen.106 Umfangreich ist ebenfalls der Bestand zum Botanischen Museum und ←46 | 47→zur Verlegung der Gesamtinstitution von Schöneberg nach Dahlem. Überliefert sind hier außerdem verschiedene Dokumente zur Organisation der Zentralisierung der naturwissenschaftlichen und ethnologischen Sammlungen aus den Kolonien an den drei großen Berliner Museen, dem Botanischen Museum, dem Museum für Naturkunde und dem Museum für Völkerkunde. Des Weiteren wurden die Akten kolonialer Interessenverbände wie dem Kolonialwirtschaftlichen Komitee auf dokumentierte Verbindungen zur Botanischen Zentralstelle geprüft. Dazu kamen Aktenbestände des Reichskolonialamtes im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. Zum einen ergänzen sie die Dokumente zur Botanischen Zentralstelle im Geheimen Staatsarchiv, zum anderen finden sich hier Berichte und Korrespondenzen zu wissenschaftlichen Expeditionen und Stationen in den deutschen Kolonien, insbesondere zur Jaunde-Station in Kamerun und deren Leiter Georg Zenker, der als Sammler für die Berliner botanischen Einrichtungen ausführlich betrachtet wird. Zu einem weiteren Sammler, dem Missionar Adolf Stolz, wurden Dokumente und Photographien im Unitätsarchiv Herrnhut gesichtet.

Biographische Angaben

Katja Kaiser (Autor:in)

Katja Kaiser ist Historikerin mit den Schwerpunkten Kolonialgeschichte, Museums- und Sammlungsgeschichte sowie Gender Studies. Sie publizierte Beiträge zur Auswanderung deutscher Frauen in die Kolonien sowie zur Institutionen- und Sammlungsgeschichte des Berliner Botanischen Gartens und Museums. Sie wirkte außerdem an verschiedenen Ausstellungsprojekten mit.

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Titel: Wirtschaft, Wissenschaft und Weltgeltung.