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Schwabstedt und die Bischöfe von Schleswig (1268-1705)

Beiträge zur Geschichte der bischöflichen Burg und Residenz an der Treene

von Oliver Auge (Band-Herausgeber) Stefan Magnussen (Band-Herausgeber)
Sammelband 284 Seiten
Reihe: Kieler Werkstücke , Band 58

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Gedruckt mit freundlicher Unterstützung von
  • Inhaltsverzeichnis
  • Schwabstedt und die Bischöfe von Schleswig – eine Hinführung
  • Schwabstedt als Burg und Residenz der Bischöfe von Schleswig
  • Der Schalenstein aus Schwabstedt
  • Zwei vergessene Burgen aus dem Mittelalter – Die Mildeburg und die Schwabstedter Bischofsburg im Kreis Nordfriesland
  • Die Burgen des Bistums Schleswig – Einige Gedanken zur Funktion bischöflicher Burgen
  • Schwabstedt und die spätmittelalterlichen Bischofsresidenzen im norddeutschen Raum – Archäologisch-baugeschichtliche Aspekte
  • Bischofsburg und städtische Gesellschaft im spätmittelalterlichen Schwabstedt
  • Bischofsresidenz und Sakralkultur – Das Beispiel Schwabstedt
  • Eine halbdunkle Schlossanlage im Glanz großer Diplomatie. Die Bedeutung des Schwabstedter Schlosses im nachreformatorischen Herzogtum Schleswig (1542–1702/5)
  • Verzeichnis der Autorin und der Autoren

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Oliver Auge und Stefan Magnussen

Schwabstedt und die Bischöfe von Schleswig – eine Hinführung

Für die Regionalgeschichte und deren Vermittlung besitzen Jubiläen seit jeher eine wichtige Funktion. Zwar nehmen die Wege der Geschichtsforschung bisweilen ihre ganz eigenen, auf die oft individuellen Biographien und Netzwerke einzelner Forscherinnen und Forscher zurückgehenden Verläufe, allerdings werden die großen Leitlinien regelmäßig durch die Wiederkehr von wichtigen Jahrestagen oder auch Geburts- und Sterbedaten vorgegeben. Immer wieder stellen diese den Anlass, sich etwa in Form von Ausstellungen oder Fachkonferenzen aufs Neue mit womöglich länger vernachlässigten Ereignissen oder Personen zu beschäftigen. Dabei werden etablierte Paradigmen und Geschichtsbilder durch den Abgleich mit modernen Forschungsdiskursen stets auf den Prüfstand gestellt. Kaum ein Jubiläum dürfte den Stimulus von Jahrestagen in der jüngeren Vergangenheit besser verdeutlichen als das Lutherjahr 2017. Der Anlass der 500. Wiederkehr des Anschlags der 95 Thesen an die Schloss- und Universitätskirche zu Wittenberg durch Martin Luther (1483–1546) führte nicht nur zu einer neuen Auseinandersetzung mit der Person des Reformators selbst,1 sondern setzte auch die Reformation landauf und landab auf die Forschungsagenden2 wovon natürlich auch die regionalhistorische Forschung zwischen Elbe und Königsau nicht unberührt blieb.3

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Auch andernorts standen Jubiläen Pate für umfassende Neubewertungen historischer Ereignisse oder Personen, die in manchen Fällen, wie etwa bei Kaiser Maximilian I. (1459–1519), ein großes nationales wie internationales Echo erzeugten,4 in anderen wiederum zumindest auf reges Interesse innerhalb der betroffenen Regionen stießen.5 Diese Mechanismen der Aufmerksamkeit greifen ohne Einschränkung ebenfalls im „echten Norden“, denn auch hier bereiteten sich zahlreiche Historikerinnen und Historiker seit längerer Zeit auf die 100. Wiederkehr der Volksabstimmungen von 1920 vor, derer man sich in Form zahlreicher Darstellungen, Veranstaltungen, Diskussionen und Ausstellungen widmen wollte,6 ehe die globalen wie regionalen Auswirkungen des Coronavirus SARS-CoV-2 zahlreichen Veranstaltungen einen Strich durch die Rechnung machten. Schon in den vergangenen Jahren regten Ereignisse wie der 150. Jahrestag der Schlacht an der Düppeler Schanze und des darauf folgenden Wiener Friedens im Jahr 2014,7 der 350. Geburtstag der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 20158 oder das 900. Jubiläum der sog. Belehnung des Schauenburgers Adolf I. (vor 1106–1130) mit der Grafschaft Holstein im Jahr 20119 zu zahlreiche Forschungen und Veranstaltungen an. Neben derartigen Leuchtturmbeispielen landes- und regionalgeschichtlicher Jubiläen gibt es natürlich Jahr für Jahr unzählige weitere Ereignisse, Geburts- oder Sterbetage, die jedoch oft unter dem Radar der akademischen Forschung bleiben, aber von den zahlreichen sehr engagierten Lokal- und Ortshistorikerinnen und -historikern mit interessanten Beiträgen oder Vorträgen bedacht wurden.

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Seit einiger Zeit verfolgt die Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel das Ziel, diese orts- oder lokalhistorischen Jubiläen enger mit der universitären Geschichtsforschung zu verknüpfen, was über die Jahre zur Abfassung von mehreren Sammelbänden und Monografien führte.10 Dies brachte zwar so manch liebgewonnenen Ortsmythos oder manches feierlich erinnertes Jubiläum ins Wanken,11 birgt für die Gemeinden (und mittlerweile auch Institutionen) selbst jedoch den Vorteil einer fachgerechten Aufarbeitung der eigenen Geschichte durch ausgebildete Fachhistorikerinnen und Fachhistoriker auf Basis moderner geschichtswissenschaftlicher Methoden, wodurch die eigene Gemeinde dann auch stärker ins allgemeine landes- und regionalhistorische Bewusstsein gerät. Gleichwohl profitiert aber auch die Regionalgeschichtsforschung von dieser stärkeren Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Denn ebenso wie die Regionalgeschichte der räumlich übergeordneten Forschung ihre Fallbeispiele liefert, so ist auch die Regionalgeschichtsforschung auf die Verfügbarkeit zahlreicher Orts- und Lokalgeschichten angewiesen, aus der sie die eigenen Konzepte und Modelle entwickeln kann.12 Traditionell basieren diese vor allem auf den Erkenntnissen relativ gut erforschter Zentralorte wie etwa Lübeck, Kiel, Schleswig oder Flensburg und natürlich auch Ripen (Ribe) und Hadersleben (Haderslev) nördlich der heutigen Staatsgrenze. Hier liegt gerade in der stärkeren Einbeziehung der Geschichten der zahlreichen kleineren (Markt-)Orte und Gemeinden eine große Chance zur weiteren Schärfung und Differenzierung unseres Wissens über die Geschichte der Region.

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Beinahe wäre auch das Jubiläum, das im Blick des von der Kieler Regionalgeschichte am 18. August 2018 in Schwabstedt veranstalteten Symposiums stand, ein rein lokalgeschichtliches geblieben. Denn nur durch einen Zufall reifte im Jahr 2016 während eines Aufenthalts in der Bibliothek des Archäologischen Landesmuseums auf Schloss Gottorf die Erkenntnis, dass sich im Jahr 2018 ein Jahrestag anbahne, der bislang eher als Randnotiz behandelt wurde. Denn am 20. November 1268 – ein Datum, welches bei der Lektüre des Bandes vielfach begegnen wird – einigte sich der Schleswiger Herzog Erich (I.) Abelsen (reg. 1260–1272) mit dem Schleswiger Bischof Bonde (amt. 1265–1282) auf die Umsetzung eines Tauschvertrages, den der Herzog bereits wenige Jahre zuvor mit dem Amtsvorgänger des Bischofs, Niels II. (amt. 1255–1265), vereinbart hatte. Nur der historische Zufall wollte es, dass die Bischöfe als Kompensation für den bis dato bischöflichen Hof Gottorf statt der ursprünglich angedachten Gebiete in Schwansen jene Ländereien erhielten, wo sich heute der Ort Schwabstedt befindet.13

Nachdem der Entschluss gefasst war, sich diesem landeshistorisch wichtigen, bis heute jedoch peripher behandelten Datum näher zu widmen, entschlossen wir uns, dies abweichend von den bisherigen Ortsgeschichten nicht in Form einer Monographie oder eines von mehreren Autorinnen und Autoren verfassten Sammelbandes zu realisieren, sondern auf dem Wege eines wissenschaftlichen Symposiums. Und dieses sollte nicht auf Schloss Gottorf oder an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stattfinden. Beides hätte sich zwar durch die akademische Anbindung oder auch historisch fraglos angeboten, denn erst dieser Vertrag von 1268 ebnete den Weg Gottorfs zum namensgebenden Stammsitz der späteren Dynastie der Gottorfer. Stattdessen sollte die Veranstaltung an dem Ort realisiert werden, der vom Vertrag wohl am stärksten betroffen war, jedoch bislang am wenigsten berücksichtigt worden ist: Schwabstedt! Denn während die Geschichte Gottorfs und der Schleswiger Bischöfe seit jeher zum festen Kanon der landes- und regionalhistorischen Erzählungen gehört, kam Schwabstedt trotz seiner Funktion als weltlicher Residenz der Schleswiger Bischöfe und Administratoren bislang oft lediglich eine Nebenrolle zu. Zwar wurde es in den Bestand des Handbuches der Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich aufgenommen,14 jedoch sucht man die „civitas“ Schwabstedt vergeblich im jüngsten Handbuch zu den Residenzstädten,15 in welches es doch, wie nach dem Studium des Beitrages von Bjørn Poulsen klar sein dürfte, eigentlich fraglos hingehört. Auch in vielen weiteren Standardwerken zur Landes- und Regionalgeschichte wird Schwabstedt nur peripher behandelt, und auch die wichtige Burg fristet trotz ihrer historischen Sonderrolle in Skandinavien ein Schattendasein in der regionalen wie überregionalen Burgenforschung.16

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Den historisch interessierten Schwabstedterinnen und Schwabstedtern blieb dieses besondere Datum natürlich keineswegs verborgen, denn die auch für uns sehr hilfreichen Arbeiten der engagierten, ortsansässigen Lokalhistoriker Theodor und Hans Meyer haben das Ereignis vom November 1268 fest im historischen Gedächtnis dieses Ortes verankert. Nach dem ersten Aufbau eines Kontaktes mit der Gemeinde, vor allem in Person des damaligen Bürgermeisters Jürgen Meyer, konnten wir so auch die sehr erfreuliche Unterstützung der Gemeinde gewinnen und die fachwissenschaftliche Veranstaltung als Teil des Programms der ohnehin angedachten Festivitäten zum 750. Jahrestag integrieren.

Der Blick dieser Veranstaltung sollte sich vollständig auf Schwabstedt richten und neben der Burg auch den Ort in den Mittelpunkt rücken. Zu diesem Zweck konnten wir ein Programm konzipieren, für welches wir schnell die Zusage zahlreicher arrivierter internationaler und nationaler Expertinnen und Experten aus Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichtswissenschaft gewinnen konnten, die im Laufe der Tagung die verschiedenen Facetten der Orts- und Burgengeschichte in Schwabstedt näher beleuchteten.17

Zum Auftakt der Veranstaltung widmeten sich gleich drei Beiträge aus unterschiedlicher Perspektive einer umfassenden Untersuchung der Schwabstedter Burg. Der Mittelalterarchäologe Prof. Dr. Ulrich Müller (Christian-Albrechts Universität zu Kiel) ging zunächst auf eine „archäologische Spurensuche in Schwabstedt und um Schwabstedt herum“ und stellte die Burg in einen lokalen Kontext. Trotz der leider nur spärlich vorhandenen Informationen zur baulichen Gestalt der Burg gelang es ihm, ein aktualisiertes Bild derselben zu skizzieren. Er berücksichtigte erstmals für Schwabstedt die vorliegenden Befunde moderner Forschungsmethoden wie der Geophysik oder die Auswertung von Sichtfeldanalysen auf Basis digitaler Geländemodelle. Sehr zu unserer Freude ergänzt der Diplom-Prähistoriker Dr. Rüdiger Kelm vom Steinzeitpark Dithmarschen in Albersdorf nun die schriftliche Fassung des Beitrages um weitere Überlegungen zur Lage der Mildeburg, in der Hans Meyer einst den Vorgänger der Burg in Schwabstedt vermutete. Auf Basis jüngster Feldforschungen verortet er diese nun erstmals im Umfeld von Seeth, also in Stapelholm.

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Henning Andresen B.A. (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) weitete in seinen Ausführungen dann die Perspektive auf die Region aus. Er ging der bislang viel zu selten gestellten Frage nach, weshalb ein mittelalterlicher Bischof überhaupt eine Burg benötigte, wofür er die fünf heute bekannten Burgen des Bistums Schleswig näher untersuchte – unter denen die Burg in Schwabstedt natürlich eine hervorgehobene Stellung einnahm. In seinem Beitrag, der auf dem Vortrag und noch mehr auf einer von ihm an der Abteilung für Regionalgeschichte verfassten Bachelorarbeit basiert, legt Henning Andresen dar, auf welch vielfältige Art und Weise ein Bischof einen Nutzen aus seinen Burgen zog. Diese waren nämlich nicht nur reine Militärbauten, sondern besaßen auch Wirtschafts-, Verwaltungs- und Herrschaftsfunktionen und waren nicht zuletzt auch repräsentativer Wohnort der Bischöfe.

Der ausgewiesene Burgenexperte PD Dr. Felix Biermann (Uniwersytet Szczeciński) ordnete die Schwabstedter Burg dann in den überregionalen Kontext ein, indem er die baulichen Strukturen mit denen weiterer Bischofsresidenzen in Norddeutschland verglich, insbesondere die der Erzdiözesen Bremen-Hamburg und Magdeburg. Dabei gilt grundsätzlich, dass sich die Bischöfe stets am Burgenbau ihrer Zeit orientierten, weshalb es einen genuinen Typus der „Bischofsburgen“ in baulicher Hinsicht nicht gab – schließlich waren die Bischöfe, so betonte Biermann, letzten Endes nicht nur Kirchenfürsten, sondern als weltliche Fürsten auch mit landesherrlicher Gewalt ausgestattet. Er wies jedoch auf die Präsenz der oft opulent errichteten und reich ausgestatteten Kapellen hin, die stellenweise den Rang einer „Ersatzkathedrale“ erlangen konnten. Einen solch schillernden Kapellenbau sucht man in Schwabstedt zwar vergeblich, allerdings macht Felix Biermann in seinem jetzt verschriftlichten Beitrag klar, dass sich auch Schwabstedt in nahezu idealtypischer Weise in das Bild der norddeutschen Bischofsburgen einreiht und allein schon aus diesem Grund mehr Beachtung seitens der Burgenforschung verdient hätte.

Den Reigen der Vorträge des Vormittagsprogramms schloss der Mittelalterhistoriker Prof. Dr. Bjørn Poulsen (Aarhus Universitet, Dänemark) ab. Als erster richtete er seinen Fokus jedoch nicht auf die Rolle der Burg, sondern untersuchte die regionalhistorisch bislang weitgehend unbeachtete Siedlung in Schwabstedt. In seinem darauf fußenden Aufsatz geht er der Frage nach, um was es sich bei Schwabstedt eigentlich handelte: War es ein Dorf, eine Stadt oder vielleicht ein stadtähnlicher Marktort? Auf Basis vergleichender Kriterien wie etwa der kirchlichen Infrastruktur, Stadtrechte, der Selbst- und Fremdbezeichnung in den schriftlichen wie dinglichen Quellen oder auch dem Nachweis von Handel und Handwerk kommt Bjørn Poulsen dabei zu dem Schluss, dass es sich beim mittelalterlichen Schwabstedt in der Tat um eine Stadt handelte, wenn auch um eine eher späte und kleine Gründung der Zeit um 1300, die vor allem durch den Aufstieg des nahegelegenen Husum im 15. Jahrhundert ins Hintertreffen geriet.

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Die Kunst- und Bauhistorikerin Dr. Katja Hillebrand (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) nahm in ihrem Referat die Sakralkultur in Schwabstedt unter die Lupe. Ihr Augenmerk richtete sich dabei insbesondere auf die bischöfliche Kapelle, die sie erstmals in einen größeren Kontext einbettete. Es gelang ihr anhand eines Vergleichs der Bauelemente zu zeigen, dass die Bischöfe beim (Aus-)Bau der Kapelle nicht nur auf das ihnen aus Schleswig vertraute Personal zurückgriffen. Auch bestehe kein Zweifel an der bewussten baulichen Verknüpfung von Schwabstedter Residenz und Schleswiger Domareal. Dabei hob sie vor allem die wichtige Rolle des Schleswiger Bischofs Nikolaus Wulf (amt. 1429–1474) hervor, der nicht nur das Domareal in Schleswig repräsentativ ausbaute, sondern offenbar auch in Schwabstedt Spuren hinterließ. Die im Folgenden abgedruckte Untersuchung Katja Hillebrands legt nahe, dass Wulf den Kapellenbau aufwändig renovieren, verzieren und mit repräsentativem Inventar ausstatten ließ, wozu wohl auch der heute auf Schloss Gottorf befindliche Alabasteraltar gehörte. Auf diesem Wege, so betont die Verfasserin, schufen sich die Bischöfe fernab ihres Amtssitzes ein repräsentatives Statussymbol, welches nicht nur Macht, sondern im Kontext der Sakraltopographie an der Westküste auch Exklusivität ausstrahlte.

Während sich der Schwerpunkt des Programms mit der mittelalterlichen Geschichte Schwabstedts auseinandersetzte, führte Dr. Stefan Magnussen (Universität Leipzig) in seinem Vortrag in die bislang kaum erforschte Geschichte des Schlosses Schwabstedt nach der Reformation. Die mangelnde Berücksichtigung mag verwundern, denn gerade während dieser Zeit bildete sich die historische Sonderrolle der Schwabstedter Schlossanlage aus. Anders als die durchaus existierenden Schwesteranlagen der reichsdänischen Bischöfe, die nach der Reformation vollständig den königlichen Besitzungen inkorporiert wurden, blieb Schwabstedt als einzige Burg das Zentrum eines Stiftsbezirks. Mit seinem daran anschließenden Beitrag illustriert Stefan Magnussen die historische Bedeutung des Schlosses, dem zwar immer wieder die Funktion als Residenz zugedacht wurde, das jedoch stets eine unvollendete Residenz blieb. Dennoch war Schwabstedt, wie der Beitrag zeigt, bis ins späte 17. Jahrhundert ein Schlüsselelement in den Auseinandersetzungen zwischen dänischen Königen und Gottorfer Herzögen, als welches es zum Gegenstand der europäischen Diplomatie wurde.

Mit seinem Abendvortrag verknüpfte Prof. Dr. Oliver Auge (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) die Erkenntnisse des Tages und bettete die Geschichte Schwabstedts und der dortigen Burg- bzw. Schlossanlage in einen regionalhistorischen Gesamtkontext ein. In seinem Beitrag, der nunim vorliegenden Band einführend an den Anfang der Aufsätze gestellt ist, zeigte sich, wie die Bischöfe seit den ersten Amtsträgern aus ottonischer Zeit zwischen den regionalen Mächten der Schleswiger Herzöge, dänischen Königen und Grafen von Holstein agierten und wie sich dies auf die Residenzbildung an der Treene auswirkte. Er stellt noch einmal die wesentlichen Grundzüge der Burggeschichte zusammen, von den Anfängen während der Amtszeit Bischof Johannes II. Bokholts von Schleswig (amt. 1308–1331) bis hin zum Tod des letzten katholischen Bischofs, Gottschalk von Ahlefeldt (1475–1541), aus dessen Zeit wir dank überlieferter Register auch einen Einblick in die Alltagskultur gewinnen können.

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Leider war es Dr. Anna Minara Ciardi (Lunds Universitet, Schweden) nicht möglich, ihre Ausführungen zum Schleswiger Domkapitel als Aufsatz beizusteuern. Statt ihrer konnte mit Jens Meyer (Preetz) jedoch ein fachlich ausgewiesener Autor gewonnen werden, der den Blick um eine prähistorische Komponente erweitert. In seinem Beitrag, der ursprünglich nicht auf dem Symposium vorgetragen wurde, untersucht er den 1907 gefundenen Schalenstein unter der bischöflichen Kapelle und bettet diesen in seinen prähistorischen Kontext ein. Entgegen älterer Theorien spricht sich Jens Meyer, der sich zuletzt intensiv mit vergleichbaren Steinen im ganzen Bundesland Schleswig-Holstein auseinandersetzte, dafür aus, dass es sich hierbei um einen prähistorischen Erinnerungsort handelte, der auf oberflächig ansonsten nicht wahrnehmbare Grabstätten hingewiesen haben dürfte.

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Mit insgesamt acht Beiträgen wird die Geschichte Schwabstedts von seiner Prähistorie bis in die Frühe Neuzeit auf den Stand der modernen Forschung gebracht. Doch hat der vorliegende Band keineswegs einen abschließenden Charakter. Er soll vielmehr als Ausgangspunkt für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Burg und der Geschichte des Ortes dienen. Denn neben den vielen Antworten und neuen Thesen wurde in den einzelnen Beiträgen auch auf mögliche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen hingewiesen. Allem voran die bislang fehlende archäologische Untersuchung des bis heute noch markant am rechten Ufer der Treene stehenden Burgplateaus ist eine signifikante Leerstelle der Forschung, die den eigentlichen Bau bestenfalls als Black Box behandeln kann. Gerade archäologische Untersuchungen könnten dabei helfen, wichtige Entwicklungsschritte der Baugeschichte zu identifizieren und somit eine Chronologie der Burg zu entwerfen, die dann wiederum auf wichtige Akteure und Prozesse in Verbindung mit Schwabstedt hindeuten kann – ähnlich wie es jüngst im Fall der beiden Burgen in Tondern (Tønder) und Skjern (bei Viborg) möglich war.18 Darüber hinaus könnten Funde oder die Auswertung naturwissenschaftlicher Daten helfen, mehr über das Leben auf der Burg und in der Gemeinde zu erfahren, wie man sich dort ernährte oder inwiefern der Ort von der Präsenz von Hof, Amtsträgern und Fürsten profitierte. Doch auch anderweitig müssen noch viele Fragen geklärt werden. Hier bieten sich insbesondere Untersuchungen zum nachreformatorischen Amt Schwabstedt oder zur Zeitgeschichte des Ortes an. Von Interesse sind speziell die Amtmänner, an denen sich in einem nahezu einmaligen Umfeld die Spielräume adliger Akteure zwischen königlicher und herzoglicher Partei untersuchen lassen, aber auch die Personen Theodor und Hans Meyer liefern interessante Fallbeispiele für die Untersuchung von Einfluss und Wirken engagierter Heimathistoriker in der Orts- und Landesgeschichte der jüngeren Vergangenheit.

Indes warf das Symposium nicht nur neue Fragen auf, sondern lieferte auch wichtige Erkenntnisse, welche Schwabstedt neu im Kontext der Regionalgeschichte verorten. Durch nahezu alle Beiträge zieht sich die Feststellung, dass es sich bei Schwabstedt trotz der zumeist sekundären Behandlung um ein interessantes Fallbeispiel handelt, welches unbedingt stärkere Berücksichtigung erfahren sollte. Es zeigte sich die ausgeprägte Sonderrolle des bislang verkannten Städtchens, die sich nicht nur baulich in Form der Burg bzw. Schlossanlage ausdrückte, sondern auch zu einer vergleichsweise reichen Sakrallandschaft führte. Schwabstedt, das lässt sich am Ende des Symposiums und bei der Lektüre des aus ihm hervorgehenden Bandes sagen, ist mehr als nur ein beschaulicher Erholungsort am Ufer der Treene. Denn lange Zeit war es ein Ort von überregionaler Bedeutung, den es zukünftig stärker zu berücksichtigen und zu erforschen gilt.

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All diese Erkenntnisse wären keinesfalls möglich gewesen, hätten wir bei der Konzeption und Durchführung der Tagung und Realisierung des daraus hervorgehenden Bandes nicht auf die tatkräftige wie finanzielle Unterstützung uns wohlgesonnener Partner zurückgreifen können. Dies meint zunächst die Gemeinde Schwabstedt selbst, welche sich schnell an der Kooperation interessiert zeigte. Wir hoffen, dass die Durchführung dieses Symposiums nicht nur aus unserer Sicht ein voller Erfolg war. So gilt unser herzlichster Dank insbesondere dem früheren Bürgermeister Jürgen Meyer, mit dem wir das Vorhaben seiner- zeit logistisch konzipierten, sowie dessen Amtsnachfolger Hartmut Jensen, der die Planungen gewissermaßen erbte und sehr zu unserer Freude auch seinerseits wohlwollend unterstützte. Unser Dank gilt zudem den vielen Helfern vor Ort, welche eine reibungslose Durchführung der Veranstaltung gewährleisteten. Dies meint zum einen die für das Treenehaus in Schwabstedt Verantwortlichen, in dessen Räumlichkeiten wir die Veranstaltung ausrichten durften, zum anderen die zahlreichen helfenden Hände, die einen reibungslosen Ablauf ermöglichten und für die eine oder andere musikalische Auflockerung des Programms sorgten. Ebenso bedanken wir uns für die Unterstützung durch Lena Czeppan, Tomke Jordan, Hilke Niemann sowie ganz besonders Manuel Ovenhausen, die als Hilfskräfte für den Tagungsablauf vor Ort und auch bei der Fertigstellung des Bandes ihren wertvollen Beitrag geleistet haben. Diesen hätten wir nicht ohne die erneut generöse Förderung der Burgenstiftung Schleswig-Holstein und in Sonderheit Klaus Dygutschs realisieren können, der unsere Forschungen und Vorhaben bereits seit einiger Zeit aktiv fördert und nicht selten erst ermöglicht. Auch den weiteren Geldgebern – die Gemeinde Schwabstedt, der Förderverein des Dr. Hans-Meyer-Heimatmuseums e. V., die Kulturstiftung Nordfriesland, Christine Hartmann-Meyer und Jürgen Meyer, Günter Hartwig, Manfred Hartwig und Jens Meyer –, die mit ihrer wertvollen Spende die Drucklegung des Bandes ebenfalls unterstützt haben, sagen wir natürlich ausdrücklich unseren herzlichen Dank. Sie alle sind namentlich zu Beginn des Bandes gewürdigt. Und nicht zuletzt gilt unser Dank selbstverständlich dem Peter Lang Verlag, der die Drucklegung des Bandes, wie gewohnt, souverän und kompetent begleitet hat.

Darstellungen

Auge, Oliver: Der deutsch-dänische Grenzraum. In: Europäische Geschichte Online (EGO), hrsg. v. Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 09.03.2020, http://www.ieg-ego.eu/augeo-2020-de (letzter Zugriff am 26. März 2020, 14:32 Uhr).

Ders. (Hrsg.): Glücksburg in der Geschichte. Beiträge eines Symposiums auf Schloss Glücksburg. Husum 2019.

Ders.: Heinrich der Löwe und Trittau – oder: Vom Sinn und Unsinn einer 850-Jahrfeier 2017. In: Jahrbuch für den Kreis Stormarn 37 (2019), S. 8–23.

Ders. (Hrsg.): Mit Herz! 100 Jahre Arbeiterwohlfahrt in Schleswig-Holstein 1919–2019. Kiel/Hamburg 2019.

Ders.: Fokus Ortsgeschichte. Aufgabe und Herausforderung moderner Regionalgeschichtsforschung. In: ZSHG 142 (2017), S. 283–304.

Ders. (Hrsg.): Die Maria-Magdalenen-Kirche in Bad Bramstedt 1316–2016. Die Geschichte eines Gotteshauses, seiner Pfarrei und seiner Gemeinde im südlichen Holstein (Nordelbische Ortsgeschichten, 3). Kiel 2016.

Ders./Lappenküper, Ulrich/Morgenstern, Ulf (Hrsg.): Der Wiener Frieden 1864. Ein deutsches, europäisches und globales Ereignis (Otto-von-Bismarck-Stiftung. Wissenschaftliche Reihe, 22). Paderborn 2016.

Ders. (Hrsg.): Nortorf im Mittelpunkt. 100 Jahre Stadtgeschichte (Nordelbische Ortsgeschichten, 2). Kiel 2015.

Ders. (Hrsg.): Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. 350 Jahre Wirken in Stadt, Land und Welt. Kiel 2015.

Ders./Kraack, Detlev (Hrsg.): 900 Jahre Schauenburger im Norden. Eine Bestandsaufnahme (Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins, 121 = Zeit + Geschichte, 30). Kiel/Hamburg 2015.

Ders. (Hrsg.): Brokstedt. 475 Jahre Geschichte einer Gemeinde in Holstein, 1. und 2., leicht überarb. Auflage (Nordelbische Ortsgeschichten, 1). Kiel 2013.

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Ders. (Hrsg.): Hennstedt. Kreis Steinburg. 650 Jahre in historischer Rückschau (Nordelbische Ortsgeschichte, 5). Hennstedt 2018.

Biographische Angaben

Oliver Auge (Band-Herausgeber) Stefan Magnussen (Band-Herausgeber)

Oliver Auge ist Professor für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins in Mittelalter und Früher Neuzeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Stefan Magnussen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar der Universität Leipzig.

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Titel: Schwabstedt und die Bischöfe von Schleswig (1268-1705)