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Jüdisches Kulturerbe MUSIK – Divergenzen und Zeitlichkeit

Überlegungen zu einer kulturellen Nachhaltigkeit aus Sicht der Jüdischen Musikstudien

von Sarah M. Ross (Band-Herausgeber)
Sammelband 238 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Sarah M. Ross

„Jüdisches Kulturerbe“ vis-à-vis „Jewish heritage“

Einleitende Überlegungen zur Idee einer kulturellen Nachhaltigkeit in den Jüdischen Musikstudien

Abstract: This chapter contrasts and problematizes the German phenomenon “Jüdisches Kulturerbe” and the English concept of Jewish heritage, drawing attention to the dangers of often well-meant cultural appropriations of Jewish cultural heritage in post-war Europe. The discussion draws on a constellation of discourses and practices through which society generally accepts Jewish history and culture in a positive way; however, the orientation of these discourses is often limited to non-Jewish constructions and imaginations of Jews and Jewishness. The chapter thus forms the prelude to a change of perspective that will be developed throughout the book, namely, looking at Jewish musical heritage through the prism of the concept of cultural sustainability. In so doing, the focus is reoriented to emphasize the future of Jewish heritage, rather than looking at “Jüdisches Kulturerbe” exclusively through the prism of the past. Jewish heritage here refers not only to a cultural heritage that is of value to non-Jewish cultures in Europe, but one that is rooted in the Jewish communities themselves and that is passed down from generation to generation in one form or the other. From this perspective, the existence of culture in general, and Jewish musical heritage in particular, is not perceived in terms of a commodity available for consumption by non-Jewish society, but in terms of cultural sustainability.

Key words: Jewish cultural heritage, cultural sustainability, cultural appropriation, Jewish music, post-war Europe, holocaust heritage, commemorative culture

Oh! demain, c’est la grande chose!
De quoi demain sera-t-il fait?

(Victor Hugo, „Napoléon II“, in: Les Chants du crépuscule, 1835)

Nach Victor Hugo gehört die Zukunft niemandem außer Gott. Sie ist ein Geheimnis.1 Doch nicht nur die Zukunft, das Morgen, ist eine große Unbekannte. Auch das Heute – das Morgen von gestern, das sich stets an der Schwelle zur Zukunft ←19 | 20→befindet – scheint eine flüchtige Gestalt, deren Beschaffenheit sich uns augenscheinlich nur mit Blick auf die Vergangenheit, das Gestern, erschließt. Dies gilt einmal mehr für Leben und Kultur der Juden in Europa. Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Entdeckung und Bewahrung des jüdischen Kulturerbes der Vergangenheit hat sich zum Ziel gesetzt, im Europa der Gegenwart ein Fundament für die Erneuerung jüdischen Lebens zu errichten, auch wenn Letzteres das Schicksal eines jeglichen Lebens teilt und, mit den Worten Hugos, „heute, in den Ideen ebenso wie in den Dingen, in der Gesellschaft wie in den Individuen, im Untergang begriffen“ ist.2 Die Initiator*innen und Realisator*innen der Maßnahmen zum Erhalt des jüdischen Kulturerbes knüpfen große Erwartungen an ihre Initiativen, etwa die Bekämpfung von Antisemitismus, die Förderung kultureller Vielfalt und interkulturellen Dialogs oder die Bewahrung vermeintlich fundamentaler europäischer Werte wie Demokratie und Toleranz (s. Wohlgemuth 2013).3 Doch vergessen sie meist danach zu fragen, von welcher Beschaffenheit oben genannter Untergang ist und was auf ihn folgen wird.4 Die Frage, ob die Träger*innen der jüdischen Kultur unfreiwillig oder freiwillig den Erhalt ihrer sakralen Stätten oder die Weitergabe ihrer Traditionen preisgaben, wird im Kontext des europäisch-jüdischen Kulturerbes nur allzu selten gestellt, ganz im Unterschied zu Diskursen rund um das Kulturerbe anderer Gemeinschaften. Auch wird nicht danach gefragt, inwiefern Maßnahmen zum Erhalt des jüdischen Kulturerbes positive, negative oder gar keine Auswirkungen auf das gegenwärtige und zukünftige jüdische Leben vor Ort haben. Die Vernichtung ←20 | 21→des jüdischen Lebens und seiner Kultur während der Schoa scheint die Antwort auf diese Fragen bereits vorzugeben. Der uneingeschränkte Blick auf die Vergangenheit aber versperrt unweigerlich den Blick auf die Gegenwart und die Zukunft:

[Die Schoa] hat in der deutschen Erinnerungskultur zu einer Vereinseitigung hin zur Vergangenheit geführt, zu einer „Memorymania“ (A. Assmann), in der Vergangenes nicht auf seinen Gebrauchswert hin befragt, sondern an sich für erinnernswert gehalten wird. Dabei entsteht Zukunftsvergessenheit, eine seltsam indifferente Haltung allem gegenüber, was Zukunftsbewältigung sein könnte, und die Vergangenheit hat ein solches Gewicht, dass sie die Gegenwart dominiert und die Zukunft dezimiert (Welzer 2012: 34–35).

Jüdisches Kulturerbe in Europa ist eine Angelegenheit des Gestern, eine flüchtige Erscheinung im Heute und ein Geheimnis des Morgen.

In vorliegender Studie soll die herkömmliche Perspektive gewechselt werden: Statt jüdisches Kulturerbe durch das Prisma des Gestern zu betrachten, wird in Anknüpfung an Victor Hugo die Frage nach der Beschaffenheit des Morgen gestellt. Der Philosoph Jacques Derrida und die Psychoanalytikerin und Historikerin Elisabeth Roudinesco haben diese Frage zur Grundlage ihres „Dialogs“ erhoben (Derrida und Roudinesco, 2006). Im Eingangskapitel „Sein Erbe wählen“ wirft Derrida im Gespräch mit Roudinesco ein Grundproblem auf, das sich auf das jüdische Kulturerbe übertragen lässt, nämlich unsere Treue und Untreue zum Erbe (Derrida und Roudinesco, 2006: 12). Weder die passive, unreflektierte Übernahme alles Vorangegangenen noch seine vollständige Ablehnung liegen Derridas Verständnis von Erbe zugrunde, sondern ein bewusster Akt des wiederholten Wählens und erneuten Bejahens dieses Erbes, der seinen Ausdruck in dessen wiederkehrender Re-Interpretation findet:

Man muß zunächst einmal wissen, was „vor uns“ kommt, und man muß das, was „vor uns“ kommt, aufs neue zu bejahen wissen, das also, was wir empfangen, noch bevor wir es wählen und uns als freie Subjekte verhalten. Ja, man muß (und dieses man muß ist dem empfangenen Erbe unmittelbar eingeschrieben), man muß alles tun, um sich eine Vergangenheit anzueignen, von der man weiß, das sie im Grunde nicht bleibend angeeignet werden kann […]. Aufs neue bejahen, was heißt das? Nicht nur, es anzunehmen, dieses Erbe, sondern es anders wieder in Gang zu bringen und es am Leben zu erhalten. Nicht, es zu wählen (denn das Bezeichnende für das Erbe ist als erstes, daß man es nicht wählt, sondern es erwählt uns gewaltsam), sondern es zu wählen, es am Leben zu erhalten (Derrida und Roudinesco 2006: 15, Hervorhebung im Original).

In Bezug auf das jüdische Kulturerbe Europas stellt sich nicht nur die Frage, wer diejenigen sind, die „gewaltsam“ von eben jenem Erbe erwählt wurden, sondern auch, wer diejenigen sind, die es aus freien Stücken wählen, und wie treu oder ←21 | 22→untreu sie diesem Erbe gegenüber sind. Und nicht zuletzt, wer diejenigen sind, die vererben und von wem und in welcher Art es in Zukunft gewählt werden wird; denn das Kulturerbe überdauert in der Regel die Lebenszeit seiner Träger*innen.

Jüdisches Kulturerbe?

„Jüdisches Kulturerbe“ ist ein problematischer Begriff, denn er entzieht sich einem allgemeingültigen Verständnis. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch und in Israel bezieht sich „Jewish heritage“ meist auf das „being and doing Jewish“ an sich: auf die Gesamtheit aller Lebensäußerungen von Juden und Jüdinnen in ihren jeweiligen kulturellen, religiösen, epochalen und geographischen Zusammenhängen, aber auch auf das Bildungsideal des talmud tora, des lebenslangen Lernens, wie es über das Studium der jüdischen Traditionsliteratur mitsamt seiner diskursiven Auslegungspraxis angestrebt wird – ein Ideal, das bis heute die Wertvorstellungen des Judentums und damit auch die religiösen und kulturellen Praktiken jüdischer Gemeinschaften beeinflusst. Diesem Verständnis nach umfasst „Jewish heritage“ eine Vielzahl von Quellen jüdischen Wissens und jüdischer Erfahrungen wie etwa Texte, Musik oder Rituale. Im Sinne der Traditionsvermittlung von Generation zu Generation ist es eingebunden in einen stetig andauernden, zyklischen Prozess der Bildung jüdischen Selbstverständnisses, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

Biographische Angaben

Sarah M. Ross (Band-Herausgeber)

Prof. Dr. Sarah M. Ross ist Professorin für Jüdische Musikstudien und Direktorin des Europäischen Zentrums für Jüdische Studien an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wo sie in Lehre und Forschung in den Jüdischen Musikstudien und der Musikethnologie tätig ist. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. jüdische Musik in Deutschland nach 1945, jüdisches Kulturerbe und kulturelle Nachhaltigkeit sowie musikethnologische Genderstudien.

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Titel: Jüdisches Kulturerbe MUSIK – Divergenzen und Zeitlichkeit