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Bildungslügen

Ausgewählte Texte von Alfred Schirlbauer zu Erziehung, Unterricht und Bildung

von Alfred Schirlbauer (Autor:in) Heribert Schopf (Herausgeber:in)
©2024 Sammelband 340 Seiten
Reihe: Grundfragen der Pädagogik, Band 25

Zusammenfassung

Der Band versammelt ausgewählte Vorträge und Aufsätze aus dem Werk von Alfred Schirlbauer (1948-2022), die zwischen 1981 und 2018 entstanden sind. Die Texte spannen den Bogen ins Heute und sind hinsichtlich ihrer Aktualität bestechend. Systematisch und kritisch nimmt sich Schirlbauer Innovationen und Reform-Pakete mit skeptischem Blick vor und bringt deren Widersprüchlichkeiten pointiert zum Vorschein. Die dabei vorfindlichen Transformationen betreffen Gesellschaft, Politik, Schule und Bildung. Da viele Aufsätze und Reden von Schirlbauer nicht mehr zugänglich sind, wurden in diesem Band die wichtigsten zusammengestellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Prolog
  • Einleitung
  • Danksagung
  • 1 Vom Enttäuschen und Täuschen: Gesellschaft, Politik, Schule und Bildung – zur Dekonstruktion von Freiheit, Autonomie und Mündigkeit
  • Vom elitären Charakter der Bildung (1987)
  • Die totale Schule (1994)
  • Die große Transformation (1995)
  • Die banale Schule (1996)
  • Die Moralpredigt. Invektiven zum Ethikunterricht (2000)
  • Lernen und Bildung im Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft (2004)
  • Bildungslügen. Über pädagogische Illusionen (2005)
  • Bildung im „Industriefaschismus“ (2009)
  • Erziehung Macht Disziplin – Bemerkungen zum pädagogischen Machtbegriff ohne ständige Rücksicht auf Foucault (2009)
  • Die Schule des Fortschritts – Ein Essay (2018)
  • 2 Vom Schwinden zum Verschwinden: Erziehung und Unterricht, Lehren und Verstehen im Fragehorizont pädagogischer Substanz
  • Das Rollenverständnis des Lehrers und der Stellenwert der Inhalte im Unterricht (1981)
  • Der redende Lehrer – He’ll never come back (1988)
  • Von Klempnern, Schwätzern, Kurpfuschern und Animateuren. Der Lehrer und sein wandlungsfähiges Selbstverständnis (1989)
  • Im Schatten des pädagogischen Eros (1994)
  • Reinheit und Vermischung (1996)
  • Die Umerziehung des Lehrkörpers – Von der Lehrerfortbildung zur Organisationsberatung (1996)
  • Vom Verschwinden des Lehrers und seiner Epiphanie (1998)
  • Disziplin - Bemerkungen zum heimlichen Ziel aller Erziehung (1998)
  • Distanz als didaktische Kategorie Bemerkungen zum Mußecharakter von Schule (2000)
  • 37 Elefanten. Oder – Kann man ohne Lerntheorie unterrichten? (2008)
  • Ein Schuss Kynismus für klare Luft (2008)
  • Aus dem Ultimativen Wörterbuch der Pädagogik. Diabolische Betrachtungen
  • Epilog (Teresa Schirlbauer)
  • Anhang

Einleitung

„Über das Elend unserer Bildungsanstalten“ haben sich bereits viele Gedanken gemacht. Ein Wesenszug kritischer pädagogischer Wissenschaft war und ist das interesselose Interesse am Untersuchungsgegenstand. Anders gesagt: an einem Bildungswesen ein gutes Haar lassen, bedeutet immer, in es verstrickt zu sein. Womit ist zu rechnen, wenn man ein Bildungswesen ohne Bildung unterhalten möchte? Der vorliegende Band versucht darauf, die eine oder andere Antwort zu geben.

Es gibt Bücher, die man haben möchte, nach denen man Ausschau hält, wenn sie bereits vergriffen sind. Diese möchte ich an dieser Stelle zu den Schätzen zählen. Der vorliegende Band will so eine Wiederentdeckung alter Schätze sein. Er stellt Texte vor, die bereits publiziert wurden, ist somit eine Art Re-Produktion. Er bringt wichtige Aufsätze und Schriften des bedeutenden österreichischen Erziehungswissenschaftlers und Pädagogen Alfred Schirlbauer (1948-2022) wieder neu heraus. Nach achtjähriger Tätigkeit an Pflichtschulen lehrte und forschte er als Universitätsprofessor für Pädagogik bis 2009 an der Universität Wien und betrieb, wie man damals sagte, systematische Pädagogik. Er verstarb 74-jährig im November 2022. (Eine komplette Bibliografie seiner Bücher, Herausgeberschaften und Texte findet sich im Anhang.)

Die wieder aufgenommenen Texte haben eine beabsichtigte systematische Klammer, auf die man beim Lesen erst wird stoßen müssen, und sie sind gleichzeitig pädagogische Unikate, also Einzelstücke, eines besonderen Denkers und Intellektuellen, der Thema für Thema mit wenigen Verweisen und wohlüberlegten Überschneidungen, bestens gegliedert, vorstellen konnte. Die Originalität im Denken ist in der Zeit tatsächlich etwas Besonderes geworden. Sie ist es, die zur Wieder-Herausgabe Anlass gegeben hat. Während in all den Jahren die Analysen von Alfred Schirlbauer keine historisierende Patina angenommen haben, sind die Werke seiner damaligen Kritiker:innen längst in Vergessenheit geraten. Der Aktualitätsbezug seiner systematischen bildungstheoretischen Kritik war immer frappierend. Er kann hinkünftig eine Anregung zu beständiger Forschung sein.

Worum es geht

Alfred Schirlbauer hat sich von Anfang an wissenschaftlich dem Täuschen und Enttäuschen sowie dem Schwinden und Verschwinden gewidmet. Im Stil anders als seine Zeitgenossen, wohl ähnlich den hier nur exemplarisch angeführten Zugriffen von Hermann Giesecke („Das Ende der Erziehung“; „Wozu ist die Schule da?“; „Pädagogische Illusionen“), wohl auch lesefreundlicher als die früheren kritischen H.J. Heydorns („Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft“) sowie skeptischen Einsätze von Theodor Ballauff („Schule der Zukunft“; „Skeptische Didaktik“), Wolfgang Fischer und Jörg Ruhloff („Unterwegs zu einer skeptisch transzendental-kritischen Pädagogik“; „Skepsis und Widerstreit“).

Schirlbauers skeptischer Blick streifte durch die damalige Universitäts- und Schulpädagogik und erspähte ansatzweise das eigentlich schier Unfassbare: die zunehmende Verniedlichung der pädagogischen Grundgedankengänge, das problematische Unbedeutsam-Machen einheimischer Begriffe seiner Erziehungs-wissenschaft und die Marginalisierung theoretischer Forschung gegenüber den aufkommenden „Binsen“-Ergebnissen einer überbordenden normativen Empirie (Koch). Er fasste diese Kritik in eine lesbare Sprache und beschrieb sie mit den Mitteln kynischer Provokation. Er war ein Lehr-Meister des Vortrags, er schrieb, wie er sprach, Inhalt und Form entsprachen einander. Man hört beim Lesen Alfred Schirlbauer heute noch sprechen, auch dann, wenn man seine markante, sonore Bass-Stimme nie gehört hat.

Als Hörer seiner damaligen Vorlesung „Theorien und Modelle der Didaktik“ bekam man einen Eindruck von der Kraft seiner Sprache, der pädagogischen Begriffe, der spielerischen Vermittlung und der verstehenden Aneignung. Der Hörsaal 33 des Universitäts-Hauptgebäudes wurde in den Jahren seiner Lehrtätigkeit zu einer Art Pilgerstätte für jene, die an der Clou- und Ereignislosigkeit des gesamten Pädagogik-Studiums zu verzweifeln drohten. Da war plötzlich einer, der kein Blatt vor den Mund nahm, der mitunter – subjektiv betrachtet – auch schlechte neben den guten Witzen lieferte und der seinen Hörer:innen gleichsam im Zuhören Modelle und Theorien der Didaktik beibringen konnte. Das schallende Lachen des bis auf den letzten Platz überfüllten Hörsaals drang in die Flure der alten Uni und beseelte sie dermaßen, dass nicht wenige Studierende sich diese Vorlesung, so wie ich, gleich öfter ‚gegeben‘ haben. Schirlbauers Vorlesung war die spannendste und unterhaltsamste des ganzen Studiums. Seine Seminare wiederum hatten etwas Andächtiges, man konnte sich dem Meister nicht unvorbereitet nähern. Seine Art zu lehren und zu diskutieren – vielleicht kann man sie sokratisch nennen – war gewiss von einer absoluten Nichtlehrerhaftigkeit gekennzeichnet. Man lernte und begann zu verstehen, was Pädagogik ist, was sie sein könnte, was man als Bedingung ihrer Möglichkeit zu bedenken hat. Nebenbei war diese Lehre auch unterhaltsam und man bekam einen Eindruck davon, was es heißt, unterrichten zu können. Die Lektüren waren anspruchsvoll und neu, Kant, Hegel, Nietzsche und Heydorn, Deleuze dazu Petzelt, Ballauff, Koch, Meyer-Drawe, Heitger u.v.a.m.

Früh bemerkten seine Hörer:innen, dass Schirlbauer vor den Fächergrenzen seiner Disziplin nicht Halt machen wollte. Nicht um diese neuen Provinzen zu erobern, sondern deren Potenzial für spezifische pädagogische Lesarten methodisch erkennbar zu machen. Seine Pädagogik, man kann es in diesem Band lesen, hat eine Affinität zur Soziologie – Sollen und Sein zu verbinden, hat auch Charme. Basil Bernstein faszinierte ihn u.a. deshalb, weil seine eigenen Überlegungen einer fachlichen methodischen Ordnung (Wagenschein „Verstehen lehren“) sich mit Bernsteins Theorie pädagogischer Codes („Beiträge zu einer Theorie pädagogischer Prozesse“) nicht nur nicht erhärten ließen, sondern sie in überzeugender Weise bestätigten. Mit Sofsky/Paris („Figurationen sozialer Macht“) soziologischen Überlegungen zur Autorität wiederum bestätigte sich wiederum seine Theorie der Autoritäts-Zuschreibung von Lehrpersonen, um die es, in der Zwischenzeit, immer prekärer wurde. Heute haben wir es in Ermangelung praktikabler Erziehungsvorstellungen im Unterricht mehr mit dem Versuch psychotechnischer Verhaltensänderung zu tun als mit erziehendem Unterricht, in dem es um Wissen und Haltung geht.

Bourdieu/Passeron, Baudrillard und Deleuze lernte man bei Schirlbauer lesen und studieren. Sie gehörten zum großen Besteck bildungstheoretischer Analyse in soziologischer Begrifflichkeit. Wer verstanden hatte, dass Pädagogik- Studieren lesen und denken bedeutete, konnte im Zusammenhang mit der wachsenden Reproduktion von Ungleichheit von Schule Zusammenhänge erkennen und Gründe für das Scheitern so mancher gutgemeinter Bildungsreformen vorwegnehmen. Foucault, Pongratz und Bröckling lieferten die Hintergründe für Gouvernementalität und Zeitgeistdiagnosen mit pädagogisch- kritischem Anspruch. Beispielsweise in Agnieszka Dzierzbicka, Richard Kubac, Elisabeth Sattler (Hg.): „Bildung riskiert“; sowie in: „Pädagogisches Glossar der Gegenwart“ gemeinsam herausgegeben mit Agnieszka Dzierzbicka 2006, und im Band „In bester Gesellschaft“ 2008 von Agnieszka Dzierzbicka, Josef Bakic und Wolfgang Horvath herausgegeben.

Mit Alfred Schirlbauer wurden die „Untiefen des Mainstreams“ (Pongratz) entdeckt, dekonstruiert, „Tabus“ und „Halbbildung“ besprochen (Adorno), „Bauformen des Unterrichts“ bedacht (Prange) und damit auch die Methode der Kritik durch Anwendung gelernt. Apropos Dekonstruktion: Mit dem ab den 2000er Jahren neuen Trend, konstruktivistisch Bildungswissenschaft zu betreiben, hatte Schirlbauer keine so rechte Freude, sehr wohl aber mit dem Auffinden der jeweiligen Stilblüten und performativen Fehlschlüsse, wenn z.B. erklärte Konstruktivist:innen nicht zwischen radikalem und sozialem Konstruktivismus unterscheiden konnten. War das vielleicht ein Spaß, zu fragen, wer jetzt recht hätte.

Dreißig Jahre nach Erscheinen seiner ersten Texte gibt es aus universitätspolitischen Versäumnissen und Politiken eine solche kritische, systematische Pädagogik samt Nachfolger:innen nicht mehr, die diesen Namen verdienen würde. Seine „wackeligen Prognosen“ sind zu Fakten geworden, das „Verschwinden des Lehrers“ erfährt genau die „Epiphanie“, die er logisch erschlossen hatte. Der Untertitel von Schirlbauers frühem Buch „Junge Bitternis“ (1992) heißt „Eine Kritik der Didaktik“. Jahre später wird Andreas Gruschka unabhängig davon in seiner Forschungsarbeit die Krisen des Unterrichts, der Didaktik und der Erziehung benennen, empirisch belegen und den Aufsatz „37 Elefanten“ in seine Publikationsreihe „Pädagogische Korrespondenz“ (2010) aufnehmen.

Nun weiß man es: Aus Lehrer:innen sind tatsächlich Lernberater:innen geworden, die weder didaktisch noch methodisch wissen, was sie tun. Die Bildungspsychologie hat inzwischen die Mittel, das Verhalten der Beschäftigten (Lehrer:innen, Schüler:innen, Direktor:innen) zu verändern. Herbart würde wohl mit einiger Betroffenheit diesem para-pädagogischen Treiben eine Absage erteilen. Aber ohne die Zwecke, die erstere nicht liefern kann, wird aus Unterricht und Erziehung ein wenig bildendes, aber auf Dauer gestelltes teaching to the test. Der gute Lehrer bereitet sich vor, nicht seinen Unterricht, so Petzelt und später Schirlbauer unisono. Die neue Lehrperson kopiert aus dem Internet Material, um den Beschäftigungsgrad der Lernenden so hoch wie möglich zu halten. Aus dieser Arbeit wird kein erziehender Unterricht mehr, man bleibt in der Zucht und in der Regierung stecken. Die Bildungslügen deckt heute niemand mehr auf, die Grenzstärke der neuen Bildungswissenschaften ist selbst löchrig wie ein Emmentaler. Die Bildungswissenschaften gleichen einem spielenden Orchester ohne Dirigenten, das verschiedene Musikrichtungen zur Aufführung bringt.

Schirlbauers Studierende beschäftigten sich mit der Verschwindens- Metapher und ließen konsequenzlogisch immer wieder etwas verschwinden (Unterricht, Methode, Sache, u. v. m.). Dabei zählte nicht das Spur-Halten bereits ausgefahrener und abgearbeiteter Thesen zum Auftrag, sondern die Erkenntnismöglichkeiten aufzuzeigen, die in den vorfindlichen Themen und Zielen die performativen Widerspruchslagen stetig befeuerten, mit dem Ziel, vor- und nachzudenken, den Einbezug ins Denken zu schaffen und widerspruchsfrei Stellung zum Gelernten und Durchdachten nehmen zu können.

Alfred Schirlbauers Bücher waren auch Teil seiner Prüfungsliteratur, für jene, die ihn als Zweitprüfer für die Diplomprüfung ausgesucht hatten. Für diese Glückspilze, natürlich subjektiv betrachtet, die letzte Gelegenheit, im Studium mit einem Pädagogen und einer Pädagogik in Kontakt zu kommen. Als Betreuer von Diplomarbeiten und Doktorvater war er für diejenigen ein Glücksfall, die es schafften, einen eigenen Grundgedankengang zu formulieren.

Worum es in diesem Band geht

Die Auswahl der hier neu herausgebrachten Originalbeiträge folgt zunächst Schirlbauers Monografien, wobei alle Abdrucke dem Original textlich und grammatikalisch folgen.

Die Programmatik von Schirlbauers Pädagogik erkennt man immer bereits anhand der Wahl seiner prägnanten Titel, die ankündigen, was sie versprechen.

1992 erschien sein Buch „Junge Bitternis. Eine Kritik der Didaktik“, seine publizierte Habilitationsschrift, aus dem in unserem vorliegenden Band drei Texte ausgewählt wurden:

„Vom elitären Charakter der Bildung“– „Gegenstandsbegriff und Lehrer-Schüler-Verhältnis: Ein Plädoyer für eine fachlich-genetische Lehrerausbildung“ – „Von Klempnern, Schwätzern, Kurpfuschern und Animateuren. Der Lehrer und sein wandlungsfähiges Selbstverständnis.“

1996 erschienen „Destruktive Beiträge zu Pädagogik und Bildungspolitik“, mit dem Titel „Im Schatten des pädagogischen Eros“. Aus diesem Buch wurden sieben Texte ausgewählt:

„Die große Transformation“ – „Die totale Schule“ – „Die banale Schule“ – „Im Schatten des pädagogischen Eros“ – „Der redende Lehrer – He´ll never come back“ – „Reinheit und Vermischung“– „Die Umerziehung des Lehrkörpers – Von der Lehrerfortbildung zur Organisationsberatung“

Sein drittes Buch, erschienen 2005, aus dem wiederum der Symmetrie halber sieben Texte herausgenommen wurden, heißt „Die Moralpredigt. Destruktive Beiträge zu Pädagogik und Bildungspolitik“. Der gleichbleibende Untertitel der Bücher ist programmatisch zu lesen. Schirlbauer hatte seine Agenda gefunden:

„Guter Unterricht ist Unterricht, in dem Verstehen gelehrt wird“ – „Vom Verschwinden des Lehrers und seiner Epiphanie“ – Distanz als didaktische Kategorie. Bemerkungen zum Mußecharakter der Schule“ – „Disziplin. Bemerkungen zum heimlichen Ziel aller Erziehung“ – „Die Moralpredigt“ – „Bildungslügen“, Lernen und Bildung im Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft.“

Aus zahlreichen Sammelbänden wurden weitere sechs großartige Beiträge zusammengestellt, die exemplarisch für Schirlbauers spätes Werk stehen:

„Humboldt incorporated“ – „37 Elefanten. Oder: kann man ohne Lerntheorie unterrichten?“ – „Bildung im ‚Industriefaschismus‘“ – „Erziehung Macht Disziplin. Bemerkungen zum pädagogischen Machtbegriff ohne ständige Rücksicht auf Foucault“ – „Autonomie“ – „Die Schule des Fortschritts – Ein Essay“ und eines der seltenen Interviews mit ihm, aus einer ihm gewidmeten Festschrift „Ein Schuss Kynismus für klare Luft.“

Grundsätzlich kann man die Stoßrichtung seiner Überlegungen bereits in den Titeln erkennen. Sie kommen auf den ersten Blick einfach daher, dass alle, die bereits im Titel ihr Pulver verschießen, neidisch werden könnten. Da schimmert vielleicht einmal das didaktische Dreieck durch, ohne dass es begrifflich vorkommt, wie auch die sp(r)itzig beschriebenen Gefährdungsphänomene einer misslingenden Lehrer:innenbildung. Nicht nur Studierende merken beim Lesen gar nicht den Umstand, dass diese Texte mehr als 25 Jahre auf dem Buckel haben. Schirlbauers Kritik trifft den Punkt, weil sie gerade nicht an einem normativen Besser-Wissen oder an einer Retro-Pädagogik festhält, sondern ironisierend und kynisch die Konsequenzen einer immer weniger normkritischen Schule problematisiert. Die Titel deuten jeweils darauf hin, dass mit einer Aufgabe einheimischer Begriffe die Disziplin aufs Spiel gesetzt wird. Die Spielart seiner positionellen Skepsis, die er augenzwinkernd durchhalten konnte, ist leider aus der Mode gekommen. Er öffnet sich, bleibt aber hinsichtlich übersteigerter Erwartungshaltungen gegenüber neuen Formen der Kritik skeptisch, wenngleich er sie nicht dogmatisch ablehnt. Man könnte auch sagen, er beschritt einen Denkbogen, der mit der systematischen Pädagogik der Petzelt/Heitger-Schule begann, überschritt diese mit Ausflügen in die Fachdidaktiken und in die Nachbardisziplinen Soziologie und Lernpsychologie, um wieder an Grundgedanken von Erziehung und Unterricht neu formuliert zu erinnern.

Der Band kommt jeweils gegen Ende beider Textblöcke zu je einer Art Warte. Sie können die Denk-Bewegung von Schirlbauer zu abgeklärtem und aufgeklärtem Einbezug ins Denken vortrefflich nachzeichnen. Die Warte, von der aus er spähte, wird zur Leser-, vielleicht sogar zu einer Lehrerperspektive. Der pointierte Zugang seines letzten Textes „Schule des Fortschritts“ liest sich als eine Hommage an Theodor Ballauffs „Schule der Zukunft“. Ballauffs und Schirlbauers Texte sind kongeniale gegenseitige Ergänzungen.

Die Neuordnung aller Texte folgt der Logik der Zeit ihres Entstehens, erstens zwischen Politik, Gesellschaft, Schule und Bildung und zweitens davon die Begriffe Erziehung, Unterricht, Lehren und Verstehen thematisch voneinander abzugrenzen. Von Täuschungen zu Enttäuschungen kommt man im pädagogischen Bereich in die Sphäre des Schwindens zu der eines Verschwindens. Aus der chronologischen Ordnung erwächst ein logos pädagogischer Denkungsart. Die Zusammenschau von Sinnlichkeit und Intellekt, von Natur und Kultur, von Intra- und Intersubjektivität kann – wie sich zeigen lässt – gedacht werden, wenn die Übung der Urteilskraft als Kritik (in pädagogischen Fragestellungen) die Bedingung der Möglichkeit pädagogischen Handelns sein soll und sie Widersprüche in sich aufnehmen kann, die sich nicht durch Denken und Dagegen-Schreiben einfach aus der Welt schaffen lassen.

2015 erscheint die zweite Auflage seines „Ultimativen Wörterbuchs der Pädagogik. Diabolische Betrachtungen“. Aus diesem Wörterbuch habe ich mir erlaubt, den Themenblöcken entsprechend, exemplarisch relevante Begriffe voranzustellen. Die in diesen kleinen lexigrafischen Sprachkunstwerken und Einträgen notierten Übertreibungen gehören ebenso zu Alfred Schirlbauer wie seine ernsten Beiträge. Die Lektüre des gesamten Wörterbuchs sei somit empfohlen.

Details

Seiten
340
Jahr
2024
ISBN (PDF)
9783631914915
ISBN (ePUB)
9783631914922
ISBN (Hardcover)
9783631914908
DOI
10.3726/b21675
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2024 (Juni)
Schlagworte
Unterricht Schule Erziehung Transzendental-kritische Pädagogik Erziehungswissenschaftliche Kritik
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2024. 340 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Alfred Schirlbauer (Autor:in) Heribert Schopf (Herausgeber:in)

Der Autor Alfred Schirlbauer (1948-2022), Abitur am Gymnasium St. Pölten (altsprachlicher Zweig). Lehrerausbildung im Schnellverfahren (Abiturientenlehrgang an der LBA St. Pölten) von 1967-68. Von 1969 bis 1977 Lehrer an niederösterreichischen Pflichtschulen. Daneben Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Universität Wien. Ab 1977 (Promotion bei Marian Heitger) Assistent ebenda. Habilitation 1990. Professur für Pädagogik an der Universität Wien bis zur Emeritierung 2009. Publikationen (in Auswahl): Junge Bitternis. Eine Kritik der Didaktik (1992), Im Schatten des pädagogischen Eros (1996), Die Moralpredigt. Destruktive Beiträge zur Pädagogik und Bildungspolitik (2005), mit A. Dzierzbicka (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart (2006), Ultimatives Wörterbuch der Pädagogik (2012). Der Herausgeber Heribert Schopf (*1958), ab 1980 Volksschullehrer in Wien. Ab 1992 Übungsvolksschullehrer an der Päd. Akademie des Bundes in Wien. 1992-1995 Lehramt für Sonderschulen. 1995-2002 Studium der Pädagogik und Publizistik und ab 1997 der Sonder- und Heilpädagogik an der Universität Wien. 2002-2007 Doktoratsstudium. 2009 Verleihung eines Leopold Kunschak-Wissenschaftspreises für die Dissertation. Ab 2010 Hochschulprofessor und von 2013 bis 2023 Leitung der Fachgruppe Bildungswissenschaften an der PH Wien.

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