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Global denken, nachhaltig handeln

Ein kritisch-interdisziplinärer Blick auf die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen

von Meike Bukowski (Band-Herausgeber:in) Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in) Anita Rötzer (Band-Herausgeber:in)
©2024 Sammelband 492 Seiten

Zusammenfassung

Aus Beiträgen der Ringvorlesung „Die Welt retten!? Ein kritisch-interdiszi-plinärer Blick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDGs)“ sowie der 17. Entwicklungspolitischen Hochschulwochen „Reduce Inequalities. Global denken, nachhaltig handeln“, die beide im WS 2019/20 an der Universität Salzburg durchgeführt wurden, entstand dieser Band. Die
Anliegen dieser globalen Ziele, die im September 2015 von der UN verabschiedet wurden, sind aktueller und drängender denn je: Armut, Hunger, unzulängliche Bildung, die Verletzung von Menschenrechten, Ungleichheit und Diskriminierung, Unterdrückung von Frauen und Minderheiten, Krankheiten, Kriege und nicht zuletzt der Klimawandel fordern dazu heraus, Lösungen für eine gute Zukunft aller Menschen zu finden.
Oft bleiben die UN-Nachhaltigkeitsziele nur eine Vier-Buchstaben-Randnotiz, SDGs. Dem wirkt der Sammelband entgegen, indem die Beiträge lebensnah auf einzelne Ziele eingehen. Dass hier Wissenschafter:innen, Studierende und die Zivilgesellschaft zu Wort kommen, wird der Vielfalt unserer globalen, nationalen und regionalen Entwicklungen noch besser gerecht.
(Martina Berthold, Projektmanagerin, Abgeordnete zum Salzburger Landtag)

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Grußwort: Die SDGs im Parlament. 17 Ziele für eine bessere Welt
  • Einleitung von UniNEtZ
  • 40 Jahre Südwind
  • Nachhaltige Entwicklungsziele der UNO
  • Globale Ungleichgewichte im Zeitalter nachhaltiger Entwicklungsziele: Eine essayistische Auseinandersetzung mit den SDGs
  • Entwicklung und soziale Ungleichheit: Herausforderungen und Handlungsalternativen
  • Armut in Österreich? Kontextualisierung und Einführung zum SDG 1 „Keine Armut“
  • Das Recht auf Wohnen als politische Verpflichtung in der Armutsbekämpfung
  • SDG 2 – Überwindung des Hungers rückt in weite Ferne
  • Besuchen – Beobachten – Abbilden – Beschreiben – Klischees? Die Elektromüll-Deponie Agbogbloshie in Accra
  • Die Elektronikindustrie und ihre Konsequenzen
  • Das Menschenrecht auf Gesundheit und das SDG 3 in Zeiten von COVID-19
  • Bildungsbezogene Auslandsaufenthalte und ihr Potential zur Bewusstseinsentwicklung für globale Zusammenhänge und die SDGs
  • Ein menschenwürdiges Leben für alle ist möglich. Der Stand der Umsetzung der Agenda 2030 und der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung in Österreich aus Sicht von SDG Watch Austria
  • Geschlechterverhältnisse neu denken. Was wir in der Covid-19-Krise lernen
  • Das lückenhafte Transformationsversprechen der SDGs: Nachhaltigkeit, „Entwicklung“ – und Gerechtigkeit?
  • Mind the gap – statistische Betrachtungen zu Sustainable Development Goal 10
  • Wasser ist Gewässer ist Wasser ist Trinkwasser ist Wasser ist Regen ist Wasser ist Lebensraum ist Wasser ist Quelle ist Wasser ist Ursprung ist Wasser ist … Wasser ist SDG?
  • Nachhaltiges Wachstum – Quadratur des Kreises? Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit im globalen Kontext. Anmerkungen zu SDG 8
  • Sozial-ökologische Transformation mit der Agenda 2030? Eine kritische Betrachtung von Potenzial und Leerstellen des SDG 10 „Reducing Inequalities“
  • Die nachhaltige Stadt alltäglich denken
  • Förderung von Urteilskompetenz durch das Unterrichtsmodell „Values and Knowledge Education“ (VaKE) in der Auseinandersetzung mit einem globalen Thema: Das Dilemma mit dem Klima …
  • SDG 13: Maßnahmen zum Klimaschutz – der Klimawandel aus naturwissenschaftlicher Perspektive
  • „Eigentlich bin ich klimafreundlich. Aber …“
  • Klima-Tatendrang – wie wir gemeinsam etwas bewegen können und warum es sich lohnt zu handeln
  • Perspektiven einer friedlichen, inklusiven und gerechten Gesellschaft. Interkulturell-theologische Annäherungen an SDG 16
  • Give peace a chance. Perspektiven einer friedlichen, inklusiven und gerechten Gesellschaft – Impulse zu SDG 16
  • Mach’s dir selbst – eine nachhaltige Zukunft? Für forum n
  • Anhang
  • Programm
  • Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

Meike Bukowski/Franz Gmainer-Pranzl/Anita Rötzer

Vorwort

Mit diesem Sammelband „Global denken, nachhaltig handeln. Ein kritisch-interdisziplinärer Blick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen“ legen wir Beiträge vor, die aus zwei Veranstaltungen in Salzburg hervorgingen: Zum einen die Ringvorlesung „Die Welt retten!? Ein kritisch-interdisziplinärer Blick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDGs)“ im Wintersemester 2019/2020, bei der Vortragende aus universitären und zivilgesellschaftlichen Bereichen verschiedene Entwicklungsziele bzw. bestimmte Aspekte der SDGs in den Blick nahmen; zum anderen die Vorträge der „17. Entwicklungspolitischen Hochschulwochen: Reduce Inequalities. Global denken, nachhaltig handeln“, die von 5. bis 22. November 2019 von Südwind Salzburg in Kooperation mit der Universität Salzburg durchgeführt wurden und sehr konkret auf Aspekte, Herausforderungen und Problemfelder eingingen, für die die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ formuliert wurden.

Bald zehn Jahre nach der Verabschiedung der „Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung“ durch die UNO am 25. September 2015 sind die Anliegen der SDGs aktueller denn je. Armut, Hunger, mangelnde Bildung, Verletzung von Menschenrechten, Ungleichheit und Diskriminierung, Unterdrückung von Frauen, Krankheiten, Kriege und nicht zuletzt der unübersehbar gewordene Klimawandel fordern viele Menschen und Regierungen heraus, Lösungen für eine gute Zukunft aller Menschen zu finden. Auch wenn dieser Band und die zwei Veranstaltungen, die die Grundlage für diese Veröffentlichung bilden, nur den berühmten „Tropfen auf den heißen Stein“ darstellen, geht es hier um das Signal, dass es vielen Menschen nicht egal ist, wie das Leben auf nationaler und globaler Ebene gestaltet wird. Von daher freuen wir uns in besonderer Weise über das Engagement Studierender, die sich in dieses Publikationsprojekt eingebracht und dadurch dem Buch eine ganz besondere Prägung gegeben haben.

Wir drei Herausgeber*innen stehen stellvertretend für drei Arbeits- und Forschungsbereiche, in denen die Nachhaltigen Entwicklungsziele eine besondere Bedeutung haben:

Meike Bukowski, Senior Scientist an der Universität Salzburg (Fachbereich Soziologie und Sozialgeographie/Zentrum Ethik und Armutsforschung) mit einem Fokus auf SDG 1;

Franz Gmainer-Pranzl, Leiter des Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, in dessen Lehre und Forschung die Auseinandersetzung mit Global Studies und Development Studies eine wichtige Rolle spielen; und

Anita Rötzer, Regionalstellenleitern von Südwind Salzburg und seit vielen Jahren verantwortlich für die Durchführung der „Entwicklungspolitischen Hochschulwochen“ in Salzburg. Seit der Gründung im Jahr 1979 ist die Auseinandersetzung mit Themen der Nachhaltigen Entwicklungsziele ein Schwerpunkt in der entwicklungspolitischen Bildungs- und Kampagnenarbeit von Südwind Salzburg.

Wir danken allen, die sich an der Ringvorlesung im WS 2019/2020 und an den Entwicklungspolitischen Hochschulwochen im November 2019 beteiligt haben, sowie allen, die zu dieser Publikation beigetragen oder unterstützt haben. Ein herzlicher Dank gilt Frau Mirjam Erdinc und Frau Veronika Reiser für die Korrekturen und die Bearbeitung des Manuskripts. Den Leser*innen dieses Bandes wünschen wir gute Inspirationen und vor allem die Ermutigung, im Geist dieser globalen Initiative mehr Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit zu wagen.

Salzburg, im September 2023

Meike Bukowski/Franz Gmainer-Pranzl/Anita Rötzer

Carmen Jeitler-Cincelli/Petra Bayr/Astrid Rössler/Yannick Shetty

Grußwort: Die SDGs im Parlament. 17 Ziele für eine bessere Welt

Wie kann die politische Diskussion konstruktiver geführt werden und sich stärker an Nachhaltigkeit orientieren? Aus dieser Frage entstand eine Kerngruppe von Abgeordneten im Nationalrat, die den gesamtheitlichen Ansatz der Sustainable Development Goals (SDGs) in die parlamentarische Arbeit integrieren wollten.

Abb. 1: Info-Veranstaltung SDG 11 „Nachhaltige Städte und Gemeinden“. Gruppenfoto (29.03.2023) mit Parlamentarier*innen und Parlamentsvizedirektorin Susanne Janistyn-Novák © Parlamentsdirektion/Thomas Topf: https://www.parlament.gv.at/erleben/veranstaltungen/1116534/galerie

Gemeinsam mit den Expert:innen der SDG-Partneruniversitäten von UniNetz und der Parlamentsdirektion wurde ein Format entwickelt, um die SDGs für alle Abgeordneten sichtbar und zugänglich zu gestalten, um politische Akteur:innen zielgerichtet über die Globalen Nachhaltigkeitsziele zu informieren und sie darin zu involvieren. Seit Sommer 2022 wird an Plenartagen jeweils ein SDG in der Lounge des Nationalratssaals ausgestellt. Die Auswahl der Inhalte steht den zuständigen Abgeordneten frei, die Gestaltung ist vielfältig, sie reicht von Plakaten bis zu interaktiven Modulen. Expert:innen der jeweiligen Partneruniversität stehen für persönlichen Austausch zur Verfügung. Auf jedem Sitzplatz wird eine Informationskarte zum aktuellen SDG mit inhaltlichen Anknüpfungen an die parlamentarische Arbeit aufgelegt. Zusätzlich wurden der Freiwillige Nationale Umsetzungsbericht sowie zwei Rechnungshofberichte zum Stand der Umsetzung im Nationalrat behandelt. Ziel ist es, die SDGs strukturiert und regelmäßig in allen Ausschüssen zum Gegenstand zu machen und um Nachhaltigkeits-Vorhabensberichte aus den Ministerien zu ergänzen.

Abb. 2: SDG-Würfel © Astrid Rössler (privat)

Anders als die formalen Ausschüsse des Nationalrats fördert dieses Format die parteiübergreifende Kooperation und interdisziplinäre Betrachtung – ganz im Sinne der 17 Ziele für eine bessere Welt. „SDGs im Parlament“ ist ein Format, das den unmittelbaren Austausch zwischen Politik und Wissenschaft ermöglicht und die Diskussion über Zielkonflikte und interdisziplinäre Zusammenarbeit fördert. Am Beispiel des Ziels 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) wird deutlich, wie besonders jüngere Menschen Sorge um die Zukunft haben. Genau dafür sollen die SDGs als Leitplanken für politische Kooperation dienen und stärker in die parlamentarische Arbeit einfließen.

Als Kernteam und SDG-Botschafter:innen danken wir allen Initiativen, die sich für die „17 Ziele für eine bessere Welt“ aktiv einsetzen.

Carmen Jeitler-Cincelli/Petra Bayr/Astrid Rössler/Yannick Shetty

Wien, im September 2023

Meike Bukowski/Andreas Koch/Katharina Kreissl/Kyoko Shinozaki

Einleitung von UniNEtZ

In Zeiten fortschreitender globaler Umweltzerstörung, extremer Wetterereignisse, von Klimaveränderungen und wirtschaftlicher sowie sozialer Schocks und Unsicherheiten wie Pandemien, Migrationsbewegungen und wachsender Ungleichheiten können Wege zu einer Nachhaltigen Entwicklung Chancen und Lösungsansätze aufzeigen, die einen wichtigen Beitrag für den Umgang von Gesellschaften mit diesen Herausforderungen leisten können. Besonders die jungen und zukünftigen Generationen stehen vor der überwältigenden Aufgabe, sich diesen komplexen und dynamischen Herausforderungen zu stellen, die geprägt sind von ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren,1 die viele unterschiedliche, miteinander verwobene Dimensionen und Bereiche tangieren. Um angemessene Lösungsansätze und Handlungsoptionen zu finden, bedarf es daher einer systemischen Herangehensweise. Die zugrundeliegenden konzeptionellen Herangehensweisen zum Thema Nachhaltigkeit sind geprägt von drei Schemata, die das Prinzip Nachhaltigkeit verdeutlichen: Das Drei-Säulen-Modell, das Schnittmengen- bzw. Dreiklang-Modell und das Nachhaltigkeitsdreieck.2

Die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, die sogenannten SDGs (Sustainable Development Goals) greifen diese Konzeptionen auf und offerieren einen Leitfaden, der die korrelierenden Thematiken sowie unterschiedlichen Bedarfe und Problematiken erkennen lassen, und sie ermöglichen Ansätze für Handlungsoptionen und Maßnahmen.3 In diesem Zusammenhang hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNO) im September 2015 eine Agenda verabschiedet, die eine Zielformulierung für eine gerechtere und lebenswertere Welt umfasst. Um die theoretischen Nachhaltigkeitsansätze auf möglichst viele Bereiche anzuwenden und greifbarer zu machen, wurden 17 Nachhaltige Entwicklungsziele formuliert. Diese umfassen, im Gegensatz zu den damals prävalenten Millennium Development Goals (MDG), alle Länder und nicht nur den Globalen Süden.4 Die Resolution zur Agenda 2030 wurde von 193 Staats- und Regierungschef*innen der UN-Mitgliedsländer unterzeichnet und soll bis 2030 sowohl auf regionaler und nationaler als auch internationaler Ebene anhand vielfältiger Maßnahmen umgesetzt werden. Die breit gefächerten Themenfelder der 17 SDGs und ihrer 169 Unterziele umfassen diverse Themenfelder von Armut (SDG 1), Hunger (SDG 2), Ungleichheitsbekämpfung (SDG 10), nachhaltigen Wirtschafts- und Produktionsweisen (z. B. SDG 7, SDG 8, SDG 9) bis hin zu Klima- (SDG 13) und Umweltschutz (u. a. SDG 15). Dabei sollen die Reziprozität und Verwobenheit der einzelnen Bereiche sichtbar gemacht werden. Allerdings sind die Nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO auch kritisch zu betrachten, denn sie unterliegen politischen Interessen und weisen in einzelnen Unterzielen auch Widersprüche auf. Aber auch bei kritischer Betrachtung bieten sie allerdings die bis dato übersichtlichste Rahmengebung bzw. einen Leitfaden, um transdisziplinäre Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung zu systematisieren. Einige wichtige Schritte der Mobilisierungsprozesse auf UNO-Ebene, zum Beispiel die Zusammensetzung von Indikatoren, lassen sich zudem als Bottom-Up Initiativen kennzeichnen, die transformative Ziele für die Realisierung globaler sozialer Gleichheit haben.5

Damit Österreich seinem Beitrag zur Implementierung der SDGs im eigenen Land wissenschaftlich fundiert nachkommt, wurde ein bisher einmaliges Großprojekt initiiert: UniNEtZ6 (Universitäten und Nachhaltige Entwicklungsziele), welches als Universitäts-Netzwerk angelegt ist und 18 Hochschulen sowie über 200 Wissenschaftler*innen und Künstler*innen in der Aufgabe vereint, den 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zur Umsetzung zu verhelfen. Ziel ist es hierbei, die österreichische Regierung mit einem wissenschaftlichen Optionenbericht zu unterstützen. Die teilnehmenden Universitäten haben dafür diverse SDG-Patenschaften übernommen, so auch die Universität Salzburg, welche sich auf die SDG 1 (keine Armut) und SDG 10 (Reduzierung von Ungleichheiten) fokussierte.

Im Bewusstsein, dass Nachhaltige Entwicklung und die SDGs nicht von heute auf morgen umsetzbar sind und die diversen Herausforderungen (z. B. Klimawandel) vor allem jüngere und zukünftige Generationen treffen, wurde im WS 2019/2020 eine Ringvorlesung zu den SDGs durchgeführt: „Die Welt retten!? Ein kritisch-interdisziplinärer Blick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDGs)“. Diese wurde in Kooperation mit den Fachbereichen Geografie und Geologie sowie Soziologie (heute: Soziologie und Sozialgeographie) und dem Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg sowie Südwind Salzburg organisiert und veranstaltet. Es wurden Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus dem Hochschulbereich, dem UniNEtZ sowie NGOs (z. B. SDG Watch, KommEnt usw.) eingeladen, um einen Einblick in ihre Arbeit mit den SDGs zu geben. Die Ringvorlesung fand zudem unter Einbindung der 17. Entwicklungspolitischen Hochschulwochen statt und verknüpfte somit verschiedene Initiativen, Themen und Vorträge, die alle das Ziel haben, Inhalte und Anliegen der Nachhaltigen Entwicklungsziele für eine größere Öffentlichkeit zugänglich und nachvollziehbar zu machen.

Literatur

Carlowitz, Hans Carl von, Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Hg. Hamberger, Joachim, München 22022 [1713].

Fukuda-Parr, Sakiko /McNeill, Desmond, Knowledge and Politics in Setting and Measuring the SDGs. Introduction to Special Issue, in: Global Policy 10 (2019) Supplement 1, 5–15.

United Nations, The Future is Now. Science for Achieving Sustainable Development (Globale Sustainable Development Report 2019).

World Commission on Environment and Development, Unsere gemeinsame Zukunft (Brundtland-Bericht), Greven 1987.


1 Der Begriff der Nachhaltigkeit geht auf den Freiberger Oberberghauptmann Carl von Carlowitz (1645–1714) und die Waldwirtschaft zurück. Der Brundtland-Bericht von 1987 formulierte dies erstmals formaljuristisch: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ – Inhaltlich ist bei dieser Definition der Aspekt der globalen räumlichen wie zeitlichen Gerechtigkeit maßgebend.

2 Vgl. Carlowitz, Sylvicultura oeconomica; World Commission on Environment and Development, Unsere gemeinsame Zukunft, 46.

3 Vgl. United Nations, The Future is Now.

4 Dies ist die derzeit gängige Begrifflichkeit für heftig kritisierte Bezeichnungen wie z. B. „Entwicklungsländer“, wobei Teile des geographischen „Globalen Südens“ (z. B. Australien, Neuseeland usw.) diese Bezeichnung ebenfalls als diskriminierend kritisieren.

5 Vgl. Fukuda-Parr/McNeill, Knowledge and Politics in Setting and Measuring the SDGs.

6 Vgl. https://www.uninetz.at/ (25.08.2022).

Carolina Lebesmühlbacher

40 Jahre Südwind

Abstract: This article describes the history of the organisation Südwind from its founding in 1979 – as the Austrian Information Service for International Development Policy – up to the present day. Over the years Südwind has evolved and adapted to changing circumstances in order to be able to respond to fresh challenges, but its guiding principle of defending just and sustainable development worldwide has remained the same.

Keywords: Südwind Salzburg, development policy, global learning, migration, global citizenship education

Im Jahr 1979 wurde der Österreichische Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE, heute: Südwind – Verein für Entwicklungspolitik und globale Gerechtigkeit) gegründet. Seither ist der Verein in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit für eine nachhaltige, gerechte und globale Entwicklung aktiv. Einer der wichtigsten Akteure in der österreichischen entwicklungspolitischen Inlandsarbeit feiert damit seinen 40. Geburtstag.

„Entwicklungspolitik beginnt im eigenen Land.“ Herbert Berger, langjähriges ÖIE-Vorstandsmitglied und später Vorsitzender der AGEZ, des ersten Dachverbandes entwicklungspolitischer Organisationen, erinnert sich: „Grundidee war, dass man dem sogenannten Süden nur wirklich dann effizient helfen kann, wenn die Menschen bei uns Bescheid wissen, wenn sie Informationen haben.“ Den Menschen hierzulande globale Zusammenhänge und vor allem die Auswirkungen des eigenen Handelns über Ländergrenzen hinweg begreiflich zu machen, sollte die Voraussetzung dafür schaffen, im Sinne einer gerechteren Welt zu handeln. Bildungs-, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit in Österreich bildeten in Folge die neuen Aufgabenbereiche. Alleinstellungsmerkmal des damaligen ÖIE und des heutigen Südwind ist dabei das Netz an Regionalstellen in sieben Bundesländern, das zu einer Breitenwirkung führt und so Bildungs- und Informationsangebote flächendeckend in weiten Teilen Österreichs anbietet.

In den 40 Jahren entstand eine Palette an Angeboten: Workshops für Schulen, Bildungsmaterialien zum Südwind-Bildungsschwerpunkt „Globales Lernen“, Weiterbildungsseminare für Pädagog*innen, interaktive Ausstellungen, Veranstaltungen sowie Kampagnen. „Jute statt Plastik“ (1979), „Hunger ist kein Schicksal“ (1980), „Stimmen für den Regenwald“ (1992), „Clean Clothes“ (seit 2001), „Make Chocolate Fair!“ (2013) oder „Make ICT Fair“ (2017) sind einige davon. Diese Kampagnen waren der Einstieg in entwicklungspolitische Zusammenhänge, erinnert sich Birgit Kastner-Lindenthaler, langjährige Bildungsreferentin von Südwind Salzburg. „Bereits als Schülerin kam ich in den 1980ern mit Südwind in Kontakt. Meine Geographielehrerin führte damals mit uns das Weltspiel durch, und an mein Gefühl von absoluter Ungerechtigkeit kann ich mich heute noch erinnern. Außerdem war es dann als Jugendliche cool, für eine bessere Welt einzutreten und mit den Jutetaschen durch die Stadt zu bummeln. Durch diverse Reisen und meine pädagogische Ausbildung fand ich dann den beruflichen Weg in den Südwind. Leider sind einige Themen von früher immer noch aktuell, was mich bestärkt, weiter gemeinsam mit vielen Engagierten an der Bildungsarbeit dranzubleiben.“

Zum Kernthema Globales Lernen und den Kampagnen, die vorwiegend auf gerechte Arbeitsbedingungen im Globalen Süden abzielen, sind in den letzten Jahren die Themenbereiche Migration und Klimawandel hinzugekommen. Südwind macht die komplexen Zusammenhänge zwischen Migration und Entwicklung bewusst und setzt dabei an den zahlreichen Widersprüchen an. Etwa, dass die EU ihre Grenzen mit teuren Sonderagenturen bewacht, gleichzeitig aber Wirtschaftszweige in Europa auf der Ausbeutung der Arbeitskraft von irregulären Migrant*innen beruhen. Oder dass sich viele Menschen ausländerfeindlich oder rassistisch äußern, Migration pauschal ablehnen und dabei aber nicht sehen, dass jede Familie ihre Migrationsgeschichte hat. Integration sieht Südwind als beidseitigen Bildungsprozess, bei dem sowohl die Migrant*innen als auch die Aufnahmegesellschaft lernen. Durch das Engagement für eine bessere, faire und gerechtere Welt sollte Migration eine Möglichkeit unter vielen werden und keine Notwendigkeit mehr sein, so der angestrebte Idealzustand.

Der größten Herausforderung unserer Zeit, die Klimakrise soweit wie noch möglich und so rasch wie möglich einzudämmen, stellt sich Südwind mit Beteiligung an neuen Klimaprojekten wie „1Planet4All“, „Climate of Change“ und „goEathical“. Aus entwicklungspolitscher Perspektive beleuchtet Südwind vor allem den Aspekt der Klimagerechtigkeit. Gerade diejenigen Länder, die bisher gar nicht bis kaum zur Erderwärmung beigetragen haben, bekommen die Folgen besonders stark zu spüren. Deshalb stehen insbesondere die historischen Verursacher der Klimakatastrophe in der Verantwortung, nicht nur ihre eigenen Emissionen drastisch zu reduzieren, sondern auch die weniger entwickelten Länder bei der Vermeidung von Emissionen – und zwar auch dabei, Maßnahmen zur Anpassung an die Auswirkungen der Klimakatastrophe zu unterstützen.

Doch nicht nur die Themen haben sich im Laufe der Zeit verändert und erweitert, auch die Rolle des Vereins ist nicht mehr ganz dieselbe wie damals. Heutzutage hat man über das Internet leichten Zugriff auf Tageszeitungen, Radio- oder Fernsehsender aus Ländern des Globalen Südens. Über Social Media bekommt man Informationen aus vielen Teilen der Welt quasi in Echtzeit übermittelt. Vor 40 Jahren sah das noch ganz anders aus, erinnert sich Jean-Marie Krier zurück, der damals bei SOS Kinderdorf für Projekte auf dem afrikanischen Kontinent zuständig war, ab 1986 in der ÖIE Zentrale in Wien gearbeitet und Südwind später als Vorstandsmitglied des Regionalvereins Salzburg noch lange Jahre intensiv begleitet hat:

Ich habe den ÖIE 1982 als wichtige Informationsquelle zum afrikanischen Kontinent kennen gelernt. Auf der Suche nach Informationen ist man damals in den Buchhandlungen sehr schnell fertig gewesen und ist dann eigentlich beim ÖIE gelandet.

Informationen zum Globalen Süden hat es damals so gut wie überhaupt keine gegeben. Die Arbeit des ÖIE war damals deshalb vor allem das Informieren über Länder des Globalen Südens. Mitte der 1980er Jahre haben wir jeden Tag die Tageszeitungen durchblättert und Artikel über den Globalen Süden gesammelt. Das war die Informationsbasis für die Entwicklungspolitischen Nachrichten, den Vorläufer des heutigen Südwind Magazins.

Aber die Hoffnung, die man damals gehabt hat, es würde genügen, wenn man den Menschen nur die richtigen Informationen in die Hand gibt, dann werden sie auch das Richtige tun, habe sich so leider nicht erfüllt, gibt Krier zu bedenken. Es ist nicht genug, wenn Menschen genügend und die richtigen Informationen haben. Wir haben nichts davon, wenn Menschen das richtige Bewusstsein haben und dennoch das Falsche tun, wie beispielsweise die Klimakrise zeigt. Fast alle Menschen und Regierungen in Europa wüssten inzwischen, was zu tun und was das richtige Verhalten wäre. Es geschehe leider viel zu wenig, daher müsse es irgendwie gelingen, Menschen in ihren verschiedenen gesellschaftlichen Rollen zum Tun zu bringen. „Wir brauchen politische Veränderungen, nicht nur Wissen in den Köpfen der Menschen“, führt Krier weiter aus. Deshalb informiert Südwind in seiner Bildungsarbeit nicht nur über globale Herausforderungen, sondern will Räume für die Beteiligung junger Menschen bei ihrem Engagement für eine bessere Welt eröffnen. Denn die Sehnsucht der Menschen, aktiv zu werden, zeigt sich in globalen Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter. Mit dem Ansatz der Global Citizenship Education, der die politische Bewusstseinsförderung in globalen Perspektiven in den Blick nimmt, werden Menschen dabei unterstützt, sich aktiv in den Gestaltungsprozess für eine faire und ökologische Welt und alternative Entwicklungswege einzubringen.

In diesem Sinne leistet Südwind seit über 40 Jahren einen beständigen Beitrag zur entwicklungspolitischen Inlandsarbeit. „Das Netzwerk aus Kooperationspartner*innen, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde, kommt dem langjährigen Bestehen unserer Organisation zugute. Bewährte Partner, wie zum Beispiel die Universität Salzburg, ermöglichen Schwerpunktwochen wie die „‚Entwicklungspolitischen Hochschulwochen‘“, berichtet Anita Rötzer, Regionalstellenleiterin in Salzburg, die diese Veranstaltungsreihe bereits einige Male koordiniert hat. Die bewährte Kooperation mit verschiedenen Fachbereichen der Universität fand 2019 bereits zum 17. Mal statt. Die Erfahrung zeigt, dass die Bereicherung der Kooperation auf beiden Seiten liegt: Südwind kann Präsenz zeigen und seine aktuellen Themen an Studierende vermitteln und die Universität nutzt die Expertise einer zivilgesellschaftlichen NGO, um verstärkt Zugänge im Sinne von Global Citizenship Education anzubieten.

Details

Seiten
492
Jahr
2024
ISBN (PDF)
9783631917923
ISBN (ePUB)
9783631917930
ISBN (Hardcover)
9783631889824
DOI
10.3726/b21714
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2024 (Juli)
Schlagworte
Menschenrechte Klimawandel Nord-Süd-Spannung globale Ungleichheit Nachhaltige Entwicklungsziele sozial-ökologische Transformation Armutsbekämpfung Frauenförderung Bildungspolitik Entwicklungsforschung Inklusion Nachhaltigkeit
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2024. 492 S., 18 farb. Abb., 10 s/w Abb., 5 Tab.

Biographische Angaben

Meike Bukowski (Band-Herausgeber:in) Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in) Anita Rötzer (Band-Herausgeber:in)

Meike Bukowski: Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und Anglistik, Doktorat in Staatswissenschaften (Ökologische Ökonomie) an der Universität Oldenburg, Postdoc/Senior Scientist an der Universität Salzburg mit Schwerpunkt SDG 1/SPII UniNEtZ/Club of Rome Austrian Chapter. Franz Gmainer-Pranzl: Studien der Katholischen Theologie und der Philosophie in Linz, Innsbruck und Wien, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Innsbruck und der KTU Linz, seit 2009 Professor und Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Universität Salzburg. Anita Rötzer: Studium der Biologie und Ökologie an der Universität Salzburg (Abschluss 2003), Master-Lehrgang Global Citizenship Education (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/KommEnt/Pädagogische Hochschule Kärnten, 2015–2018), seit 2017 Bildungsreferentin/Regionalstellenleitung bei Südwind Salzburg.

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Titel: Global denken, nachhaltig handeln