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Deutschsprachige Gedächtnisliteratur im Spiegel der aktuellen Debatten

Widerläufige Formen von Erinnerung. Unter Mitarbeit von M. Ángeles Sánchez Laguna, Irina Ursachi und Adrián Valenciano Cerezo

von Georg Pichler (Band-Herausgeber:in) Lorena Silos-Ribas (Band-Herausgeber:in)
©2026 Sammelband X, 452 Seiten

Zusammenfassung

Die gedächtnispolitischen Debatten der letzten Jahre haben gezeigt, dass soziale Erinnerungen und Gedächtnistraditionen in ihrem Wesen widersprüchlich sind. Gerade aufgrund ihrer Divergenz führen sie zu einer fortdauernden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Ausgehend von Konzepten wie multidirectional memory oder entangled memory werden in diesem Band Werke der deutschsprachigen Literatur untersucht, in denen widerläufige Erinnerungen zum Ausdruck kommen. Sie können gegenläufige Sichtweisen auf historische Ereignisse vorstellen und so eingefahrene Gedächtnisformen hinterfragen; oder sie reflektieren literarisch über das Wesen der persönlichen bzw. sozialen Erinnerung. Der Band analysiert Werke von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Texten, die sich mit den umfassenden Folgen des Nationalsozialismus auseinandersetzen; doch wird auch auf die Aufarbeitung des geteilten Deutschlands und das Zusammenspiel von Gedächtnis und Identität eingegangen.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Widerläufige Formen von Erinnerung – Deutschsprachige Gedächtnisliteratur im Spiegel der aktuellen Debatten. Eine Einleitung (Georg Pichler, Lorena Silos-Ribas)
  • The Multidirectionality of Memory. Michael Rothberg in conversation with Johanna Vollmeyer (Michael Rothberg, Johanna Vollmeyer)
  • Johanna Vollmeyer
  • Michael Rothberg
  • Johanna Vollmeyer
  • Michael Rothberg
  • Johanna Vollmeyer
  • Michael Rothberg
  • A question from the floor: Brigitte Jirku
  • Michael Rothberg
  • Johanna Vollmeyer
  • Gedächtnis und Postgedächtnis im transnationalen Zusammenhang: postkoloniale Verflechtungen (António Sousa Ribeiro)
  • Frühe Formen von Gedächtnis
  • Erinnerungsformen im carmen heroicum der Frühen Neuzeit. Martin Opitz’ Trost-Gedichte in Widerwertigkeit des Krieges (Rodrigo Carmen-Cerdán)
  • Einleitung
  • Das carmen heroicum im deutschen Sprachraum des 17. Jahrhunderts
  • Gedächtnis- und Erinnerungsformen in Opitz’ Trost-Gedichte
  • Fazit
  • Schlachtidyllen. Zur Verwobenheit literaturgeschichtlicher und kolonialistischer Gedächtnisstränge in J. G. Herders Neger-Idyllen (1797) (Fabio D’Addona)
  • Einleitung
  • Herders Idylle als erinnerungsaffine Gattung
  • Zimeo als „Schlachtidylle“
  • Idyllische Erinnerung – europäische Kolonialismuskritik
  • Alexander Lernet-Holenias Prinz Eugen als widerläufige Dekonstruktion eines Nationalmythos (Jacques Lajarrige)
  • Ricarda Huchs Im Alten Reich. Lebensbilder deutscher Städte (1927) und Werner Bergengruens Deutsche Reise. Ein Erinnerungsbuch (1934) (Stefan Lindinger)
  • Nationalsozialismus, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Widerstand, Exil
  • Kreuzende Erinnerungen: Nelly Sachs, Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa in Paul Celans Lyrik (Adrián Valenciano Cerezo)
  • Einführung
  • Die Identität von Celan, Sachs, Mandelstam und Zwetajewa: Dichter und Juden
  • Celan und Sachs
  • Celan und Mandelstam
  • Celan und Zwetajewa
  • „Armes Deutschland“? Rache und Ko-Erinnerung in Edgar Hilsenraths Berlin … Endstation (Hazar Oghan)
  • Träumereien à la Remarque
  • Solidarisches Erinnern
  • Schlussbemerkungen
  • Ivan Ivanjis Corona in Buchenwald: Erinnerungsarbeit im Hotel Elephant (Ana R. Calero Valera)
  • Das Hotel Elephant, die Pandemie und Ivan Ivanji
  • Corona in Buchenwald: „So könnte es gewesen sein.“
  • Fazit
  • „…mehr als eine Geschichte.“ Multidirektionale Erinnerung in Christa Wolfs Kindheitsmuster und in Bernhard Schlinks Der Vorleser (Rolf G. Renner)
  • Individuelles und soziales Gedächtnis in der juristischen Erinnerungskonstruktion: Der Vorleser von Bernhard Schlink (Ricarda Hirte)
  • Verortung des Romans
  • Individuelles und soziales Gedächtnis in der Erinnerungsstruktur
  • Scham und Jurisprudenz
  • Widerläufigkeit im Roman und in der Jurisprudenz
  • Die Wir-Stimmen der verflochtenen Erinnerung in Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten (Irina Ursachi)
  • Einleitung: Historischer Hintergrund des Romans
  • Wir-Perspektive
  • Wir, die TäterInnen
  • Wir, die Opfer
  • Schriftstellerische Pflicht
  • Fazit
  • Elfriede Jelineks Angabe der Person – Was ist Vergangenheit, was Gegenwart? (Jordi Jané-Lligé)
  • Jelineks Angabe der Person: Hybridisierung als poetologisches Leitprinzip
  • Literarischer Stoff
  • Eine hybridisierte Erzählinstanz?
  • Zeit- und Ortsdialektik
  • Erich Hackls doppelt widerläufige Erinnerungsarbeit am Beispiel von Die Hochzeit von Auschwitz (Georg Pichler)
  • Eine österreichische multidirektionale Erinnerung bei Ludwig Laher (Johann Georg Lughofer)
  • Nachgeholte Trauerarbeit: Der Brotkasten-Traum in Heike Schmitz’ Unsereiner (Simonetta Sanna)
  • Der Umgang mit Tätern in der Familie. Die widersprüchliche Repräsentation eines Nazi-Spions in Ulla Lenzes Roman Der Empfänger (M. Ángeles Sánchez Laguna)
  • Ulla Lenze als implicated subject
  • Eine widersprüchliche Figur
  • Die Charakterisierung eines Täters durch seine Verwandte
  • Schlussfolgerungen
  • Von der dritten zur nächsten Generation. Yael Ronens widerspenstige Erinnerungsarbeit (Arno Gimber)
  • Einleitung
  • Theater und Gedächtnistheorien
  • Formale Elemente der Provokation
  • Fazit
  • Die Matroschka als Metapher der multidirektionalen Erinnerung in Sasha Salzmanns Roman Im Menschen muss alles herrlich sein (Olga Hinojosa)
  • Sasha Salzmann im Kontext der postmigrantischen Gesellschaft in Deutschland
  • Die Matroschka als Metapher der multidirektionalen Erinnerung
  • Lena: Ein gutes Gedächtnis macht einsam
  • Edi: Nimm mich, das bedeutet immer: nimm mich zusammen mit meiner Kindheit
  • Fazit
  • Das Ende des Dritten Reichs in der (trans-)nationalen Erinnerungskultur und in der deutschen Literatur (Volker Jaeckel)
  • Einführung
  • Das Kriegsende in Flensburg
  • Ein Kriegsende
  • Steilküste
  • Der Gott jenes Sommers
  • Totenwelt
  • Schlussfolgerungen
  • Strategien des Schweigens und kollektive Erinnerung in W. G. Sebalds Werk (Şebnem Sunar)
  • Einführung: Schweigen als eine Politik des Vergessens
  • Zerstörung und Gedächtnis
  • Abschließende Bemerkungen
  • Dezentrierte Perspektiven auf den NS-Faschismus: Reflexionen aus dem außereuropäischen Exil (Linda Maeding)
  • Widerläufige Erinnerungen im Anschluss an den Nationalsozialismus
  • Exilforschung, Holocaust-Studien, postkoloniale Theorie: Kontaktzonen
  • Am Beispiel Vilém Flussers. Verflechtungen
  • Ein ethisches Korrektiv? Knappes Fazit
  • Fakten oder Fiktion? Perspektiven der Erinnerung in Eveline Haslers Roman Mit dem letzten Schiff (Isabel Hernández)
  • Deutschland, zweigeteilt
  • Zwischen Exil und geliebtem Vaterland. Erinnerungen im Konflikt in Angelika Schrobsdorffs Grandhotel Bulgaria (Mireia Vives Martínez)
  • Auf den Spuren einer zeitlichen Heimat
  • Erinnerungsdiskurse im Konflikt
  • Fazit
  • Der Ort der Utopie im post-utopischen Zeitalter: Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts (M. Loreto Vilar)
  • Lebensgeschichte und Fiktion
  • Herbst 1989
  • Weihnachten 1991
  • Ausblick
  • Erinnerung an den Sozialismus im deutsch-polnischen Vergleich. Zonenkinder von Jana Hensel und Znaki szczególne von Paulina Wilk (Magdalena Latkowska)
  • Einleitung
  • Generationserfahrung und Wende: Autorschaft, Narrativ und Kritik
  • Der Westen als Paradies …
  • … und als Fluch
  • Die Wende als Schock …
  • … und als Chance
  • Zum Schluss
  • Erinnerung als Widerspruch: Darstellungen einer DDR-Kindheit in Lea Streisands Roman Hufeland, Ecke Bötzow (Juliane Fehlig)
  • Einleitung
  • Eindimensionale DDR-Erinnerungsdiskurse
  • Die Generation der Wende- und Nachwendekinder
  • Lea Streisand: Hufeland, Ecke Bötzow (2019)
  • Fazit
  • Die (vergessenen) Erinnerungen der Ostdeutschen of Color: Ein Gegengedächtnis an die DDR? (Alessandra Goggio)
  • Ein ostdeutsches ‚Schokoladenkind‘ im Haus der deutschen Erinnerungspolitik
  • Wir DDR-Kinder vom Schloss Bellin
  • Erinnerungsblütenstaub aus Mosambik
  • Erzählte Geschichte: narrative Rückblicke auf ein Leben in Unfreiheit (Cristina Naupert)
  • Vorbetrachtungen
  • Diktaturerfahrung und widerläufiges Erinnern
  • Literarische Beispiele für ein multidirektionales Gedächtnis und ein widerläufiges Erinnern an das unfreie Leben in der DDR
  • Fazit
  • F. C. Delius und die 68er: „Warum die Inflation der revolutionären Phrasen, Begriffe und Utopien?“ (Guillem Atienza-Gómez)
  • 1944–1968: Perpetuierung des Unrechts
  • Gewalt oder peace for everyone
  • Eine Logik der Konfrontation
  • Schlussfolgerung
  • Formen von Identität
  • Reisen in ein fremdes Land. Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch (Rolf-Peter Janz)
  • Fremdheit
  • Geschichte der Familie
  • Hybride Identität
  • Jüdischer Friedhof
  • Konflikte
  • Schluss
  • Kolonial- und Rassendiskurse in Romanen von Uwe Timm (Inge Stephan)
  • Erinnerung als Form des Schreibens
  • „Wie kommt es zur Tötung?“
  • Eine Ballonfahrt ins „Offene“
  • Die Schatten des europäischen Gedächtnisses. Ko-Erinnerung in Emine Sevgi Özdamars Perikizi (Ana Giménez Calpe)
  • Einleitung
  • Der Beginn der Odyssee und die Begleitung der Toten
  • Die Spuren der Vergangenheit im halb verbrannten Wald
  • Schlussfolgerungen
  • Binnenkolonialismus? Zur Darstellung von ‚Zigeunern‘ in der Literatur (Hans Richard Brittnacher)
  • „Die Löcher in der Geschichte stopfen.“ Dialogische Postmemory in Ursula Krechels Roman Geisterbahn (Rosa Pérez Zancas)
  • Geisterbahn als postmemorialer Beitrag ‚dialogischer Erinnerung‘
  • Geisterbahn als ‚postmemorialer‘ Dialog
  • Fazit
  • Multiethnizität als widerläufige Erinnerung: Salonica vs. Thessaloniki (Jannis Pangalos)
  • Schicksal und Gedächtnis einer Stadt
  • Gedächtnis als Textur: The Thread von Victoria Hislop
  • Migration – Gedächtnis – Identität: Lebt von Orkun Ertener
  • Geschichtspoetik und (trans-)nationale Erinnerungskultur bei Hans Bergel (László V. Szabó)
  • Geschichte und Fiktion
  • Schluss
  • Autofiktion anhand von Erinnerungsrekonstruktionen in Saša Stanišićs Roman Herkunft (Isabella Leibrandt)
  • Autofiktion, Hybridisierung und Selbstreflexivität
  • Die Unzuverlässigkeit des Erzählens und die Selbstdarstellung
  • Erinnerung, Gedächtnis und Selbstreflexion
  • Fazit
  • Namensverzeichnis

Widerläufige Formen von Erinnerung – Deutschsprachige Gedächtnisliteratur im Spiegel der aktuellen Debatten. Eine Einleitung

Georg Pichler, Lorena Silos-Ribas

Universidad de Alcalá

Kurz nach dem Jahr 2020 setzte im deutschen Sprachraum eine gedächtnispolitische Debatte ein, die nicht nur in der akademischen Welt, sondern auch in der Öffentlichkeit der Medien und der Politik mit überraschender Schärfe ausgetragen wurde – und immer noch wird. Es ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung zwischen zwei sich angeblich diametral gegenüberstehenden Sichtweisen auf eine Vergangenheit, die als solche zwar vergangen, als ihr Widerschein jedoch bis heute präsent ist. Es geht dabei um die Bedeutung des Holocaust im Umfeld anderer historischer Gewaltverbrechen vor allem in kolonialen Zusammenhängen, zugleich aber auch um die Deutungshoheit über die Interpretation dieses größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte. Auslöser der Debatte war der Versuch, aus einer postkolonialen Perspektive die Singularität des Holocaust zu hinterfragen und ihn in den Rahmen der Grausamkeiten des Kolonialismus und anderer historischer Genozide zu stellen. Ob dieser bald als „Historikerstreit 2.0“ getaufte Disput zu einem ebensolchen Paradigmenwechsel führen wird, wie es infolge des originalen Historikerstreits der 1980er Jahre der Fall war, ist im Moment noch ungewiss; gewiss ist hingegen, dass seit langem kein gedächtnispolitisches Thema in Deutschland derart hohe Wellen geschlagen hat sowie derart heftig und emotional diskutiert worden ist.1

Dabei wurde übersehen, dass ein erster umfassender Versuch, diese Gedächtnistraditionen zusammenzudenken und als sich ergänzende Phänomene zu analysieren, bereits 2009 von Michael Rothberg unter dem Begriff multidirectional memory angestellt worden war; auf Deutsch erschien das Buch freilich erst 2021. Statt beide Positionen als unvereinbare, inkommensurable Paradigmen aufzufassen, plädierte Rothberg dafür, „Erinnerung als multidirektional [zu] verstehen: als Erinnerung, die ständigen Aushandlungen, Quervergleichen und Anleihen unterworfen und dabei produktiv und nicht ablehnend ist“2. Erinnerung wird so als ein dynamischer Prozess in einem multinationalen Kontext interpretiert, in dem die unterschiedlichen Gedächtnisformen eng miteinander verflochten sind. Diese Dynamik führe laut Rothberg dazu, „Öffentlichkeit als gestaltbaren Diskursraum zu denken, in dem Gruppen nicht nur feststehende Positionen artikulieren, sondern durch ihre dialogische Verbindung mit anderen überhaupt erst entstehen“3 würden.

Ähnlich dynamisch ist das 2014 von Gregor Feindt, Félix Krawatzek, Daniela Mehler, Friedemann Pestel und Rieke Trimçev vorgeschlagene Modell des entangled memory, das man mit „verflochtenes Gedächtnis“ übersetzen könnte. Es setzt sich von den bis dahin erstellten, eher eindimensionalen Gedächtnismodellen ab und proklamiert ein vielschichtiges, in sich widersprüchliches und aus eben diesen Widersprüchen heraus stimmig werdendes Modell. Ihm zufolge schreibt jeder Gedächtnisakt das Individuum in zahlreiche soziale frames ein, eine Polyphonie, die zu einer simultanen Existenz von miteinander konkurrierenden und kommunizierenden Vergangenheitsmodellen führe. Diachron erzeuge diese Art von Gedächtnis eine dynamische Beziehung zwischen einzelnen Erinnerungsakten und sich wandelnden Gedächtnismustern.4

Gemeinsam ist beiden Ansätzen die Einsicht, dass soziale Erinnerungen und Gedächtnistraditionen durchaus widersprüchlich und in sich gebrochen sind und dass gerade aufgrund dieser Divergenz neue Interpretationen der Vergangenheit entstehen können. Dies verweist auf die Komplexität und intrinsische Anfälligkeit für Widersprüche jedes Gedächtnisdiskurses, da kollektive und individuelle Ausformungen von Gedächtnis meist nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Die immer mehr synonym verwendeten Begriffe Gedächtnis bzw. Erinnerung sind Voraussetzung für die Formung von gesellschaftlicher und individueller ebenso wie von nationaler und transnationaler Identität und beinhalten eben aufgrund ihrer Diversität oft große soziale und politische Sprengkraft.

Dieser Widerläufigkeit von Gedächtnisakten wurde bislang im Bereich der Literatur, der Kunst oder des Films kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Daher möchte der vorliegende Band untersuchen, welche Werke es in der deutschsprachigen Literatur gibt, die solch widerläufige Formen von Gedächtnis reflektieren und Gestalt werden lassen. Literatur ist seit jeher eines der wichtigsten Medien, um Erinnerungsnarrative zu begründen und zu bewahren. Folglich stellt sich in Bezug auf die deutschsprachige Literatur einerseits die Frage, ob Ansätze dieser Deutungsmuster bereits in Werken aus früheren Jahrhunderten zu finden sind, sei es, dass sie kolonialistische Themen aufgreifen oder sich auf unterschiedliche Weise mit der Erinnerung an gewalttätige historische Ereignisse auseinandersetzen. Eine diachrone Betrachtung kann analysieren, wie sich diese frühen Werke von ‚gedächtnistheoretisch geschulten‘ Texten der Gegenwart unterscheiden. Andererseits ist es auf der Textebene selbst möglich zu untersuchen, wie Werke auf der Basis widerläufiger Erinnerungen konstruiert werden, indem sie Themenkomplexe wie Krieg, Holocaust, Diktaturerfahrungen, Kolonialismus, erzwungene Migration oder Exil entgegen den herkömmlichen Deutungsmustern verarbeiten oder aus einer individuellen Perspektive widersprüchliche Erinnerungsstrategien abhandeln.

Ausgehend von diesen Überlegungen versucht der Band, widerläufige Erinnerungen in ihren vielfältigen Erscheinungsformen in der deutschsprachigen Literatur zu präsentieren. Eingeleitet wird er von einem Gespräch mit Michael Rothberg über dessen Konzept von multidirectional memory, ein Gespräch, das im November 2023 anlässlich des XVIII. Kongresses der Spanischen Goethe-Gesellschaft in Alcalá de Henares geführt wurde. Ein weiterer grundlegender Beitrag zum Zusammenspiel von Holocaustforschung, Transnationalität und Postkolonialismus leitet über zu vier Studien, die sich mit Formen von Gedächtnis zwischen der Frühen Neuzeit und den 1920er Jahren auseinandersetzen und Autoren wie Martin Opitz, Johann Gottfried Herder, Alexander Lernet-Holenia, Ricarda Huch und Werner Bergengruen behandeln.

Der Urgrund der Beschäftigung mit gedächtnispolitischen Fragen im deutschen Sprachraum ist nach wie vor der Nationalsozialismus mit all den von ihm losgetretenen historischen Verwerfungen: Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Holocaust, antifaschistischer Widerstand und Exil gehen thematisch ineinander über und sind oft nicht eindeutig voneinander zu trennen. Somit ist denn auch der umfassendste Abschnitt diesem traumatischen Themenkomplex gewidmet. In ihm werden so unterschiedliche Aspekte wie der Einfluss anderer Dichter auf die lyrische Auseinandersetzung mit dem Holocaust bei Paul Celan ebenso untersucht wie Edgar Hilsenraths Form einer Ko-Erinnerung oder Ivan Ivanjis Aufarbeitung seiner Haft bei späten Besuchen in Buchenwald und Weimar. Werke von Christa Wolf, Bernhard Schlink und Elfriede Jelinek werden auf ihren komplexen und sehr unterschiedlichen Umgang mit der Vergangenheit hin analysiert. Die etwas anders gelagerte Aufarbeitung des Widerstands und der Mittäterschaft von Österreichern im Dritten Reich wird anhand der Beispiele von Erich Hackl und Ludwig Laher dargestellt. Neuere, teils avantgardistisch anmutende, teils aus persönlicher Betroffenheit entstandene Formen von Erinnerungsarbeit der dritten Generation in Romanen und Theaterstücken von Heike Schmitz, Ulla Lenze, Yael Ronen und Sasha Salzmann bilden gleichsam den diachronischen Ausklang dieser Aufarbeitungsliteratur. Ihnen folgen Studien zur Verarbeitung des Kriegsendes in Deutschland, zu Themen wie den Strategien des Schweigens bei W. G. Sebald oder der Verarbeitung des Exils in Frankreich bei Eveline Hasler; und es wird über die in der Peripherie Brasiliens angesiedelten Reflexionen Vilém Flussers über das Wesen des Exils berichtet.

Der zweite gedächtnispolitische Schwerpunkt ist in Deutschland zweifelsohne die lange Nachkriegszeit des zweigeteilten Landes, und hier insbesondere die DDR sowie die Beziehungen zu deren sozialistischen Bruderländern. Seltsamer- oder vielleicht auch bezeichnenderweise kommt die BRD in literaturwissenschaftlichen Arbeiten selten in den Genuss einer derart umfassenden Analyse, was sicherlich mit den historischen Weichenstellungen nach der Wende zu tun hat. Und so steht ein Beitrag, der auf F. C. Delius’ Auseinandersetzung mit den revolutionären Ansprüchen der 68er-Generation in der BRD eingeht, mehreren Untersuchungen zu Aspekten der Erinnerung an die DDR gegenüber. Das Spektrum reicht hier von Berichten über verlorene Kindheiten in der DDR, in Polen und Bulgarien, dargestellt von Lea Streisand, Jana Hensel, Paulina Wilk und Angelika Schrobsdorff, über die Unmöglichkeit einer post-utopischen Utopie in Eugen Ruges Abrechnung mit seiner eigenen Familiengeschichte bis hin zu persönlichen Erfahrungen an das Leben im kleineren Teil Deutschlands und die in Vergessenheit geratenen Erinnerungen an die Ostdeutschen of color.

Gedächtnis ist ein wesentlicher Bestandteil von persönlicher und sozialer Identität, die über die Fremdheit des oder der Anderen definiert wird. Dieses Wechselspiel steht im Mittelpunkt des letzten Abschnitts. Hier geht es um Elias Canettis Spurensuche nach dem Jüdischen in Marrakesch ebenso wie um Kolonialdiskurse bei Uwe Timm und Ko-Erinnerung bei Emine Sevgi Özdamar, aber auch um die Darstellungsweise der ‚Zigeuner‘ im europäischen Gedächtnis oder um das Schicksal eines Sinti-Mädchens im Dritten Reich bei Ursula Krechel. Es wird dem Gedächtnis und der Identität Thessalonikis als multikultureller Stadt durch die Jahrhunderte nachgegangen und Hans Bergels Spurensuche der Vergangenheit Siebenbürgens beschrieben. Schließlich wird das Problem der Herkunft aus dem sich im Bürgerkrieg zerfleischenden ehemaligen Jugoslawien in Saša Stanišićs Werk analysiert.

Der Themen sind viele, und sie sind so vielfältig und widerläufig, wie es das individuelle und das soziale Gedächtnis selbst zu sein pflegen. Dieser Versuch einer Annäherung an ein bis heute nur in Ansätzen in der Literatur erforschtes Phänomen soll den Weg öffnen für eine weitere, umfassendere und interdisziplinäre Beschäftigung mit einem Gegenstand, der noch viele Möglichkeiten der Interpretation bietet.

Das Herausgeberteam dankt der Goethe-Gesellschaft in Spanien (Sociedad Goethe en España), dem Madrider Germanistenverband (Asociación Madrileña de Germanistas) und der Universidad de Alcalá, die das Zustandekommen dieses Bandes durch ihre Unterstützung möglich gemacht haben.

Im Band wird die von den Beiträgerinnen und Beiträgern jeweils gewählte spezifische Form des Genderns beibehalten, um den diversen Positionen Ausdruck zu verleihen.

In den Literaturangaben wurden alle Onlinequellen Mitte März 2025 auf ihre Richtigkeit überprüft.

The Multidirectionality of Memory. Michael Rothberg in conversation with Johanna Vollmeyer

Michael Rothberg

University of California, Los Angeles

Johanna Vollmeyer

Universidad Complutense de Madrid

ABSTRACT

As part of the 18th International Congress of the Goethe-Gesellschaft about German-language memory literature in the light of current debates, Johanna Vollmeyer held a conversation with Michael Rothberg on November 17, 2023. The conversation, which is reproduced here in an abridged version, took place online and was broadcast to the audience in the Faculty of Philosophy and Philology at the Universidad Alcalá.

Keywords: Multidirectional Memory, Implicated Subject, Holocaust Studies, Postcolonial Studies

Johanna Vollmeyer

A very warm welcome to you, the audience, and, of course, to our guest, Michael Rothberg. Today, we want to talk about the concept of “multidirectional memory” that you coined in your book of the same title, and we want to look back on how this concept has evolved over the years since its publication in 2009 and its translation into German in 2021.

Multidirectional Memory combines Holocaust Studies and Post-Colonial Studies, applying a comparative and interdisciplinary approach. You analyze how Holocaust memory is situated in the context of decolonization, and you show how the Holocaust has enabled the articulation of other encounters of victimization, while, at the same time, acknowledging that the public memory of the Holocaust emerged in part thanks to post-war events that at first sight have little to do with it.

What is now fiercely debated in Germany after the translation of Multidirectional Memory into German is whether the extermination of the European Jews must be considered a singular event or whether it is legitimate to compare it with other violent crimes. However, to my understanding, reducing the book to this question is to misinterpret the work altogether because you rather define memory – in your own words– “as not owned by groups, nor are groups owned by memories”1. You stress the creativity of memory and “its ability to build new worlds out of materials of older ones”2. You consider collective memory as much more open, malleable, and dialogic. Does this brief description reflect the fundamental hypothesis of your book, and could you elaborate a little further on this?

Michael Rothberg

It is fascinating to be talking about this book now because my thinking about it goes back more than twenty years. On the one hand, it feels very old. On the other hand, the conversations have often been renewed in recent years, especially in Germany. And the recent events of the last weeks (Hamas’s 7 October attack and the ensuing Israel – Hamas war) make it urgent to think about these sorts of issues again.

We can find two temporalities here, one that is a much longer, deeper history of what I have been thinking about and how Holocaust memory has changed, and the other that concerns the questions of the past few weeks and the past few years. With that preface, I think it helps to go back thirty years because I have recently come to think of the concept of multidirectional memory as a response to the response that accompanied a new globalization of Holocaust memory and Holocaust consciousness starting in the early 1990s, in the post-Cold War period. The expansion of Holocaust memory that took place after the Cold War prompted some controversial reactions. And my book was an attempt to make sense of these responses to globalization.

With this new prominence of the Holocaust and Holocaust memory, there seemed to be an anxiety that the Holocaust was crowding out other traumatic histories from commemoration and consideration in the public sphere. The reproach was that we had too much Holocaust memory and, as a consequence, too little memory of slavery. In the US, that was how the discussion of colonialism manifested itself.

Partly in response to that, people who were concerned about cultivating a prominent place for Holocaust memory in the public sphere were, in turn, themselves worried that these other histories would take away from the memory of the Holocaust and potentially relativize it, or even lead to a certain denial of it. You can see some of this in the rhetoric of our own moment.

But I came to see that these oppositional dynamics shared an underlying logic, which was the notion that memory works according to the logic of the zero-sum game. This is to say, if the Holocaust was present, other histories were not. If other histories started to become present, the Holocaust would lose its place somehow.

However, to my understanding, memory is a dynamic process, one which is productive, dialogic, and enabling. In other words, the rise of the Holocaust at that moment – far from crowding other memories out of the public sphere – was actually providing an opportunity to bring those into the conversation. That might sound counter-intuitive at first but then I ask: do we believe that if there were less engagement with the Holocaust and less Holocaust memory that there then would be more engagement with and memory of other dark histories – the history of slavery or the history of colonialism, for example?

I don’t find that a compelling argument.

So, I posited the notion of multidirectionality as an alternative to the zero-sum logic, which I also described as competitive memory. Certainly, there is competition, there is conflict. But what I was really trying to get at was the underlying logic. So multidirectionality is a productive, dialogic and dynamic process in which articulations of memory echo each other, build on each other and somehow produce more memory, not less. Hence, the emergence of the Holocaust did not produce less memory of other histories. It led to a greater engagement with them.

This basic insight has a couple of corollaries that I tried to play out in the book. One is to encourage us to take a different approach to writing the history of memory and particularly to writing Holocaust memory. Specifically, I argue that one should revise that standard narrative of how Holocaust memory emerged over the course of the post-war period, into the 1960s and beyond. Engagement with the Holocaust was always entangled with other things that were happening at the same time, in particular unfolding events of decolonization. I tried to write a counter-history of memory that sees Holocaust memory in its emergence and transformation as in a dialog with these other events happening around it.

That has a further corollary: in your introductory remarks, you referred to the question of the relationship between groups and memory. For me, thinking about the multidirectionality of memory challenges some taken for granted ideas about the relationship between memory and identity, particularly the relationship between memory and group identity. Of course, there are strong connections between certain groups, histories and memories, but I think it is a much more open and complicated relationship than frequently assumed. A lot of borrowing takes place across these apparent boundaries of group identities.

What is very important here, and what might not be as clear in the book as it appears to me now, is that multidirectionality works on a couple of different levels and scales. On the one hand, I use the term to refer to a macro-level process, which is the dynamic of the public sphere that I was just describing, and in which a dialog between different groups, histories and identities is taking place and where the overall dynamic is multidirectional and productive.

But a lot of the book is more focused on a micro-level of the literary text. And here I write as a literary and cultural critic. I offer close readings of a particular cultural text, whether it is literary or cinematic, visual or any other sort of text, including journalistic texts, manifestos, whatever we want to consider. What I am trying to reveal is a kind of a micro-level dynamic of multidirectionality, where you can see these different forms of borrowings, echoes and crosscuttings. For example, when I teach about the Rwandan genocide, I read Boubacar Boris Diop’s Murambi: The Book of Bones (1999) with my students. That text is, in fact, closely engaged with the Holocaust and with Holocaust memory. On the one hand, this African novel by a non-Rwandan author makes explicit references to the Holocaust, and, on the other hand, it also draws implicitly on the tropes and figures that are familiar from Holocaust memories. Hence, at a textual level, you have a dynamic that I would describe as multidirectional.

Another issue is whether multidirectionality is always a ‘good thing’. It is often interpreted that way. But I start my volume with examples that include a kind of an antisemitic and competitive articulation of memory in which I nevertheless find a multidirectional dynamic.

Johanna Vollmeyer

You said at the beginning that it feels for you as if you wrote this book many years ago but, on the other hand, I agree that it is very much up to date, especially in the light of current events that are also hotly debated in Germany, and in which this audience – all members of the Goethe-Society in Spain, most of them German literature scholars – are very interested. This is why I would like to draw attention to the reception of your book in Germany. Germany is often admired for its ability to come to terms with its past, especially here in Spain, where trying to come to terms with Francoism and the Civil War is still a complicated issue.

Details

Seiten
X, 452
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631925263
ISBN (ePUB)
9783631925270
ISBN (Hardcover)
9783631925256
DOI
10.3726/b22241
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Juni)
Schlagworte
Postkolonialismus Transnationalität Identität Nachkriegsdeutschland Nationalsozialismus DDR BRD Holocaust Entangled Memory Multidirektionale Erinnerung Memory Studies Gedächtnisliteratur Gegenwartsliteratur Deutsche Literatur
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. x, 452 S.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Georg Pichler (Band-Herausgeber:in) Lorena Silos-Ribas (Band-Herausgeber:in)

Georg Pichler ist Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universidad de Alcalá (Spanien). Er forscht zu Exilliteratur, zum Spanischen Bürgerkrieg und zu Gedächtnispolitik. Lorena Silos-Ribas ist Professorin für deutsche Sprache und Translationswissenschaft an der Universidad de Alcalá (Spanien). Sie forscht zu Gedächtnisliteratur und literarischer Übersetzung.

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Titel: Deutschsprachige Gedächtnisliteratur im Spiegel der aktuellen Debatten