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Formen der Interkulturalität und Mehrsprachigkeit im Kontext der Germanistik

von Ana Mansilla Perez (Band-Herausgeber:in) Carola Strohschen (Band-Herausgeber:in)
©2026 Sammelband 678 Seiten

Zusammenfassung

In einer globalisierten Welt sind Interkulturalität und Mehrsprachigkeit zentrale Themen in Bildung, Wissenschaft und Gesellschaft. Dieser Sammelband beleuchtet ihre Rolle in der spanischen Germanistik aus vier Perspektiven: Literaturwissenschaft, Translatologie, Linguistik und Fremdsprachendidaktik. Die 30 Beiträge untersuchen, wie interkulturelle Kommunikation, Mehrsprachigkeitsbewusstsein und kulturelle Kompetenzen gefördert werden können. Thematisiert werden unter anderem interkulturelle Literatur, Übersetzungsstrategien, vergleichende Phraseologie und didaktische Konzepte. Der Band bietet neue Impulse für Forschung und Lehre und richtet sich an Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Lehrende und Studierende, die sich mit den Herausforderungen und Chancen interkultureller Kommunikation und Mehrsprachigkeit in der Germanistik auseinandersetzen.

Inhaltsverzeichnis

  • Deckblatt
  • Halbtitelseite
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhalt
  • Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Germanistik: Wo sind wir und wohin geht die Reise?
  • Teil 1. Interkulturelle Deutschsprachige Literatur
  • Ein afrodeutsches Leben: Trauma, Schwangerschaft und Hoffnung in 1000 serpentinen angst (Olivia Wenzel, 2020)
  • Los Frauenzimmer Gesprächspiele de Georg Philipp Harsdörffer como medio de transferencia literaria entre España y Alemania
  • La violencia en los personajes de la novela Im Grenzland de Sherko Fatah. Un análisis intercultural
  • Heimat und Identität zwischen Ost- und Westdeutschland: Klaus Kordons Auf der Sonnenseite (2009)
  • La viabilidad discursiva del concepto goethiano de la Literatura Mundial
  • „Eine Grenze, das ist ein fremdes Land“ – Migration und Transkulturalität bei Stefan Zweig
  • Teil 2. Translatologie
  • Übersetzungsstrategien von Idiomen für das Sprachenpaar Deutsch/Spanisch. Eine Analyse auf der Grundlage vom Korpus PaGeS
  • Paratextualität auf Buchumschlägen ab den 1990er-Jahren
  • Von Sinnen: Die Weinprobe als terminologisches Feuerwerk und Herausforderung für das interkulturelle Übersetzen
  • Gesetzliche EU-Qualitätsregelungsbezeichnungen und natives Olivenöl extra: Fachbegriffe auf Websites andalusischer Aufsichtsratsbehörden für Olivenölunternehmen und ihre Übersetzung ins Deutsche
  • Fallstudie zur Dark-Serie (bo Odar & Friese, 2017): Untertitel für Gehörlose als wörtliche Übersetzung oder sprachliche Anpassung?
  • Translationsorientierte Sprachausbildung (TILLT): Ziele, Methoden, Entwicklungen
  • Zugängliches Kulturerbe und Leichte Sprache: Archäologie für alle Besucher
  • Struwwelpeter y Struwwelliese y sus traducciones españolas: educación y estereotipos en la literatura para niños del siglo XIX
  • La violencia de género en la legislación española y alemana: un acercamiento contrastivo a la terminología jurídica como recurso para el intérprete profesional
  • Propuesta didáctica para la clase de traducción: iniciación en la práctica de traducción virtual
  • Teil 3. Vergleichende Sprachwissenschaft
  • Wortspiele unter Verwendung von Phraseologismen in deutschen und spanischen Zeitungsüberschriften. Das Problem der Ambiguität
  • Mit Leib und Seele: Intensificación a través de la construcción [PREP N1 und N2] en el discurso especializado del turismo
  • Musterhaftigkeit und Kreativität: Zwei gegenläufige Tendenzen im Sprachgebrauch?
  • Deutsche Vergleichskomposita und ihre Entsprechungen im Spanischen
  • Sprachwandel, Sprachdomänenverlust und Demokratie
  • Unpersönliche man-Konstruktionen im mehrsprachigen Vergleich: Deutsch, Spanisch, Portugiesisch
  • Teil 4. Didaktik
  • Kollaborative Materialentwicklung zur Vorbereitung auf das Deutsche Sprachdiplom im Rahmen der Zusammenarbeit der Deutschen Schule Sevilla und der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Schwierigkeiten hispanophoner DaF-Lernender beim Gebrauch von Verben mit Präpositionen: Analyse und Verbesserungsvorschläge
  • Förderung von Lernstrategien im Bereich Wortschatz und Sprachbewusstheit – Eine Lehrwerksanalyse
  • La gamificación y el enfoque plurilingüe en la enseñanza de las expresiones idiomáticas del alemán
  • Grenzungspoetik als Analysewerkzeug für Graphic Memoirs in der Hochschullehre
  • Das Nutzen des QR-Codes als (nachhaltiges) Medium für interkulturell und partizipativ ausgerichteten DaF-Unterricht im Museo Vostell
  • Förderung der Nicht-Umgebungssprache bei zweisprachig aufwachsenden Kindern: DaF- und DaZ-Materialien auf dem Prüfstand
  • Linguistic Risk-Taking Aufgabenkatalog für Lernende im deutschsprachigen Zielland – Förderung der aktiven Sprachverwendung während Studienreisen

Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Germanistik: Wo sind wir und wohin geht die Reise?1

Ana Mansilla Pérez und Carola Strohschen

Universidad de Murcia (Spanien)

anamansi@um.es/carola@um.es

Einleitung

Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Germanistik

Interkulturelle Studien erleben derzeit einen Aufschwung, was sich nicht nur in der zunehmenden Zahl internationaler Kongresse und Tagungen zu verschiedenen Themenbereichen zeigt, sondern auch im stetig wachsenden Angebot an Studiengängen, Zusatzqualifikationen und Kursen im Bereich der interkulturellen kommunikativen Kompetenz. Begriffe wie Interkulturalität, Multikulturalität, Transkulturalität und Plurikulturalität verdeutlichen die Komplexität des Forschungsfeldes und die Vielfalt der Perspektiven in kulturbezogenen Studien. Daher erscheint eine klare definitorische Abgrenzung des Begriffs Interkulturalität als notwendig.

Ein zentrales Merkmal der Definitionen interkultureller Kompetenz, das sich in nahezu allen relevanten Publikationen wiederfindet, ist die untrennbare Verbindung zwischen Plurilinguismus und interkultureller Kompetenz. Im Unterschied zu den oben genannten Konzepten zeichnet sich Interkulturalität durch eine wechselseitige Prägung der beteiligten kulturellen Identitäten und die bewusste Wahrnehmung des Fremden aus. Wierlacher & Bogner (2003: 257) definieren Interkulturalität als „Bezeichnung eines auf Verständigung gerichteten, realen oder dargestellten menschlichen Verhaltens in Begegnungssituationen […], an denen einzelne Menschen oder Gruppen aus verschiedenen Kulturen in diversen zeitlichen Continua beteiligt sind.“ Es geht also nicht um das bloße Gegenüberstellen verschiedener Kulturen, sondern um einen wechselseitigen Austausch, der eine Perspektivenerweiterung und das reziproke Erleben der eigenen und der fremden Kultur ermöglicht.

Das vergleichsweise junge Forschungsfeld der Interkulturalität, das sich insbesondere im Kontext der Germanistik gegen Ende des 20. Jahrhunderts etablierte, hat durch die Herausforderungen der Globalisierung, zunehmende Migration und eine wachsende soziale Diversität erheblich an Bedeutung gewonnen. Dieser Aufschwung zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch international und unterstreicht die wachsende Relevanz von Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in Bildung und Gesellschaft. Die zunehmende Internationalisierung hat dazu geführt, dass diese Themen zu zentralen Elementen der Bildungspolitik geworden sind, wobei der Schwerpunkt auf der Förderung interkultureller Kompetenz liegt. Seit den 1980er- Jahren haben Organisationen wie die UNESCO und der Europarat bildungspolitische Rahmenwerke entwickelt, die interkulturelle Kompetenz als essenziellen Bestandteil der Bildung definieren (vgl. Strohschen 2023: 118).

Ein zentrales Ziel besteht darin, „Lernende auf ein Leben in kulturell und sprachlich vielfältigen Gesellschaften und mit multiplen sprachlichen und kulturellen Identitäten vorzubereiten“ (Krumm 2003: 413). Dabei stellt die Mehrsprachigkeit sowohl für Lehrende als auch für Lernende eine Herausforderung dar, die innovative pädagogische und didaktische Konzepte erfordert (vgl. Creese & Blackledge 2010). Auch im Bereich der universitären und beruflichen Ausbildung wächst die Notwendigkeit, Interaktionskompetenz zu vermitteln – eine Schlüsselkompetenz, die Fachkräfte benötigen, um in komplexen, mehrsprachigen und multikulturellen Arbeitsumgebungen erfolgreich zu agieren (vgl. Dai, Suzuki & Chen 2024).

Mehrsprachigkeit als zentrales Konzept der multikulturellen Forschung durchdringt nahezu alle Bereiche der schulischen, universitären und beruflichen Bildung. In der Germanistik ist beispielsweise die Untersuchung der Mehrsprachigkeit anhand der transkulturellen deutschsprachigen Literatur ein wichtiges Instrument, um zentrale Unterscheidungsmerkmale herauszuarbeiten und interkulturelle bzw. transkulturelle Prozesse zu analysieren.

Die Förderung der Interkulturalität in der Übersetzungswissenschaft, welche als Schnittstelle zwischen Literatur-, Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik fungiert, ergibt sich aus der bereits erwähnten engen Verknüpfung von Sprache und Kultur. Übersetzer und Dolmetscher agieren als Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen, weshalb die Kenntnis kulturbedingter sprachlicher Verhaltensweisen eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Übersetzungstätigkeit ist. Dazu gehören kulturelle Aspekte wie traditionelle Alltagskultur, Bräuche und Riten, nationale Weltbilder und die spezifische Wahrnehmung der Umwelt durch die jeweiligen Kulturen der Ausgangssprachen.

Die Interkulturalitätsforschung in der Translatologie stützt sich unter anderem auf Erkenntnisse aus der Sprachwissenschaft, insbesondere aus dem Bereich der kontrastiven Linguistik, deren Ziel es ist, Sprachen aus verschiedenen Perspektiven miteinander zu vergleichen. Dieser linguistische Teilbereich ist unweigerlich mit kulturellen und psychologischen Interpretationen von Sprache verknüpft. Die kulturelle Linguistik als analytisches Werkzeug zur Untersuchung der kulturellen Verankerung von Sprache befasst sich mit Konzepten wie kultureller Kognition, kulturellen Schemata, kulturellen Kategorien und kulturellen Metaphern.

Im Bereich der Fremdsprachendidaktik wurden mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER) im Jahr 2001 neue Maßstäbe gesetzt. Obwohl das Konzept der interkulturellen Kompetenz im GER verankert ist, fehlten lange Zeit detaillierte, operationalisierbare Kompetenzbeschreibungen. Erst mit der 2020 veröffentlichten Überarbeitung – dem Begleitband zum GeR (2020) – wurden diese ergänzt. Ein Blick in aktuelle europäische Dokumente zur Sprachbildung zeigt, dass die kommunikative Kompetenz als integraler Bestandteil der plurilingualen und plurikulturellen Kompetenzen verstanden wird. Der Fokus liegt dabei auf dem gleichzeitigen Erlernen mehrerer Sprachen und Kulturen.

Interkulturalität und Mehrsprachigkeit stellen somit sowohl Herausforderungen als auch Chancen im Bildungsbereich dar. Sie erfordern jedoch innovative Ansätze, die über die Fremdsprachendidaktik hinausgehen und als übergreifendes Lernziel in allen Fächern etabliert werden sollten. Dabei sollte „die eurozentrische Sicht der Lernenden auf die Welt zugunsten einer Wahrnehmung der unterschiedlichen kulturellen Normen und Werte geschärft und damit der Respekt vor dem Anderssein sowie die Toleranz gegenüber sprachlichen und ethnischen Minderheiten entwickelt [werden]“ (Krumm 2003: 413).

Der vorliegende Band unterstreicht diese Notwendigkeit und widmet sich konkreten Fragestellungen zur Interkulturalität und zur Mehrsprachigkeit in den vier bereits skizzierten Forschungsfeldern: Literaturwissenschaft, Translatologie, Linguistik und Fremdsprachendidaktik. In insgesamt 30 Beiträgen werden spezifische Themen behandelt, die aufzeigen, wie Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Germanistik durch die Förderung interkultureller Kommunikation, die Entwicklung eines Mehrsprachigkeitsbewusstseins und die Integration kultureller Kompetenzen in die Sprachdidaktik, Literatur-, Sprach- und Übersetzungswissenschaft gestärkt werden können.

1. Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der deutschsprachigen Literatur

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit „Interkulturalität“ im Bereich der Literatur hat seit den 1970er-Jahren entscheidende Impulse erhalten. Interkulturalität beschreibt den dynamischen Austausch zwischen Kulturen und versteht sich als fortwährender Prozess, der maßgeblich durch Konzepte wie Globalisierung, Postkolonialismus oder Migration geprägt ist. Diese Themen sowie Fragen kultureller Identität rücken dabei in den Mittelpunkt.

Deutschland ist in diesem Kontext zunehmend vielfältiger geworden, was sich deutlich in der sozialen Landschaft des Landes widerspiegelt. Das Phänomen der Interkulturalität hat eine lange Geschichte im deutschsprachigen Raum und geht eng mit der kulturellen sowie sprachlichen Hybridität der Literatur einher. Cesana (2000: 435) stellt fest: „Kulturen befinden sich seit jeher im Kontakt und Austausch mit anderen Kulturen. Aber im Zeitalter der Globalisierung hat die Interkulturalität einen neuen Status gewonnen.“ Kultur wird dabei nicht normativ, sondern als Praxis verstanden, in der sich Machtbeziehungen und -asymmetrien widerspiegeln.

Chiellino (2000) analysiert in seinem Handbuch zur interkulturellen Literatur deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Europa und sogar anderen Kontinenten, die die deutsche Sprache und Kultur als Ausdrucksmittel verwenden, um vielschichtige Erfahrungen zu reflektieren.

Die Arbeitsfelder der interkulturellen Literaturwissenschaft werden in diesem Sammelband anhand von sechs Beiträgen vorgestellt, die sich mit folgenden Themenbereichen befassen:

  • Interkulturelle Literatur und Migrationsliteratur
  • Interkulturelle Rezeption, Weltliteratur und Literaturtransfer
  • Heimat und Identität
  • Transkulturalität in der deutschen Literatur
1.1. Interkulturelle Literatur und Migrationsliteratur

Die Werke von Autoren nichtdeutscher Muttersprache, die in Deutschland leben, sich etabliert haben und auf Deutsch oder in den Sprachen ihrer Herkunftsländer schreiben, werden heute als „interkulturelle Literatur“ bezeichnet. In ihren Anfängen wurden sie als Gastarbeiterliteratur etikettiert. Sie repräsentieren Minderheiten, Migranten und Exilanten und thematisieren Begegnungen, Konflikte sowie Chancen, die sich aus dem kulturellen Austausch ergeben und damit auch die soziale Struktur der Gesellschaft prägen.

Innerhalb der deutschsprachigen Literatur nimmt die Migrationsliteratur eine zentrale Stellung ein. Autorinnen und wie Emine Sevgi Özdamar, Rafik Schami und Feridun Zaimoglu u.a. setzen sich intensiv mit Fragen der kulturellen Identität und des kulturellen Austauschs auseinander. Sie schildern die vielfältigen Erfahrungen von Migranten in Deutschland und beleuchten die Spannungen und Synergien, die aus dem Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen entstehen. Zu den Vertretern der Migrationsliteratur gehören: Terézia Mora und Zsuzsa Bánk (Ungarn), Ilija Trojanow (in Bulgarien geboren), Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoglu (Türkei), Nino Haratischwili und Abbas Khider (Georgien) oder Sherko Fatah (Irak), Libuše Moníková (Tschechien), José F.A. Oliver (Spanien), Yoko Tawada (Japan) sowie Saša Stanišić (Bosnien).

Der 1985 gegründete Adalbert von Chamisso-Preis würdigte bis zum Jahr 2017 deutsche Schriftsteller mit Migrationshintergrund, deren Werke durch kulturelle Wechsel geprägt sind. Nichtsdestotrotz sorgte dieser Preis für viel Kontroverse. Es wurde dabei diskutiert, ob es sich nicht um eine Art „Literaturpreisghetto“ handelte.

Ein weiterer kritischer Aspekt ist das Phänomen der Ausgrenzung bei den Vertretern der ehemaligen „Gastarbeiterliteratur“, das kritisch überprüft wurde. Oft verschwimmen die Grenzen zwischen beiden Kulturen. In diesem Sinne weist Ortrud Gutjahr (2002: 352) auf den dialogischen Charakter des Kulturbegriffs hin und stützt sich dabei auf den Begriff „Grenzüberschreitung“:

So wird mit dem Begriff Interkulturalität eine Grenzüberschreitung in den Blick genommen, bei der weder ein wie auch immer gefasstes Innerhalb oder Außerhalb der Grenze noch die Grenze zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand wird, sondern das Inter selbst. Mithin geht es um die Funktionsweise von Differenzbestimmungen, die Kulturationsprozesse abstützen, verändern oder neu in Gang setzen.

In diesem Band widmen sich zwei Beiträge diesem Thema und beleuchten zentrale Aspekte der interkulturellen Literatur bzw. der Migrationsliteratur.

Der Beitrag von Guillem Atienza Gómez befasst sich mit Olivia Wenzels Debütroman 1000 serpentinen angst (2020), der zur zeitgenössischen afrodeutschen Literatur gehört und sich mit dem Thema der Ausgrenzung auseinandersetzt. Im Mittelpunkt steht die namenlose Protagonistin, eine dreißigjährige Afrodeutsche, deren Leben durch rassistische Ausgrenzung und eine daraus resultierende chronische Angststörung geprägt ist. Atienza betont in seiner Untersuchung, wie die fragmentierte Struktur des Romans – insbesondere seine episodische, nicht-lineare Erzählweise – die Orientierungslosigkeit und das Trauma der Protagonistin widerspiegelt. Wenzel hebt in ihrem Roman zudem die gesellschaftliche Dimension des Werkes hervor, das Rassismus und Identitätsfragen thematisiert, gleichzeitig aber Hoffnung auf Veränderung durch familiäre Nähe und persönliche Reflexion bietet. Ihr autofiktionaler Roman geht so über eine bloße Darstellung von Leid hinaus, indem er alternative Perspektiven für die Verarbeitung von Traumata aufzeigt.

Im folgenden Beitrag diskutiert Maria Falcón die Möglichkeiten, die das Konzept der Interkulturalität in den Texten von Sherko Fatah bietet. Fatah, der in der DDR lebte, später nach Wien zog und schließlich nach Westberlin übersiedelte, beschreibt selbst seine literarische Motivation. Im Grenzland zeichnet ein Bild des Irak als Ort extremer Spannungen, insbesondere im Dreiländereck zwischen Irak, Iran und der Türkei. Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen Schmugglers in einem verminten Gelände, das von Freischärlern und Grenzsoldaten umgeben ist. Themen wie der Krieg, Folter und Willkür werden sprachlich verarbeitet, wobei die Unterschiede zwischen Heimat und Fremde verschwimmen. Hass kann in einem interkulturellen Kontext auch als Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit interpretiert werden: nicht nur als Verachtung des Fremden, sondern als gewaltsame und grausame Vernichtung.

1.2. Interkulturelle Rezeption, Weltliteratur und Literaturtransfer

Rezeptive und gesellschaftliche Kontexte zählen zu den interkulturellen Aspekten in der Literatur. Darüber hinaus liefert die interdisziplinäre Debatte im Bereich der Literatur- und Kulturwissenschaften entscheidende Impulse für eine Neukonzeptualisierung der Transferforschung. Der Begriff des Kulturtransfers (transfer culturels, culturel exchange etc.) wurde von den französischen Germanisten und Kulturhistorikern Michel Espagne und Michael Werner (1988) geprägt und beschreibt vielfältige und komplexe Austauschprozesse, die in erster Linie als Übertragung von einem (kulturellen, nationalen, politischen, etc.) Bereich in einen anderen aufgefasst werden. Dieser Thematik widmen sich insgesamt zwei Beiträge.

Im Rahmen des interkulturellen Literaturtransfers arbeitet Rodrigo Carmen Cerdán den Bezug zwischen der Beschäftigung mit der Literatur im 17. Jahrhundert und dem Zugang zu interkulturellen Erfahrungen und Erkenntnissen heraus. Er stützt sich dabei auf das Werk Frauenzimmer Gesprächsspiele (1641–49) von Georg Philipp Harsdörffers (1607–1658), welche als ein zentrales Element des interkulturellen Literaturtransfers zwischen Spanien und Deutschland im 17. Jahrhundert gilt. Cerdán hebt insbesondere die Rolle der Frauenzimmer Gesprächspiele als Vorbild hervor, das nicht nur literarisches Wissen, sondern auch höfische Werte an ein breites Publikum vermittelte. Der Beitrag verdeutlicht Harsdörffers Bestrebungen, die deutsche Literatur durch die Integration europäischer literarischer Traditionen, insbesondere der hispanischen, zu bereichern und aufzuwerten.

Der anschließende Beitrag von Alejandro López widmet sich dem Konzept der „Weltliteratur“ im Kontext von Goethes Entwicklungsphasen sowie der weltbürgerlichen Dimension der deutschen Klassik. Goethe führte den Begriff der Weltliteratur (1827) in die kulturpolitische Debatte ein. Seither ist dieser Terminus Gegenstand fortwährender kritischer Diskussionen und eng mit der allgemeinen weltbürgerlichen Dimension der deutschen Klassik verknüpft. Die Wiederbelebung dieses Begriffs zu Beginn des 21. Jahrhunderts bietet die Gelegenheit, eine kritische Bilanz zu ziehen.

1.3. Heimat und Identität

Chiellino (2000: 58) setzt sich mit der Definition interkultureller Literatur auseinander und unterstreicht u.a., dass zentrale Inhalte dieser Literatur Aspekte einer neuen Identität und einer neuen Heimat umfassen:

Zu den zentralen Inhalten der interkulturellen Literatur zählen: die Auseinandersetzung mit der persönlichen Vorgeschichte, die zu Auswanderung, Exil oder Repatriierung geführt hat; die Begegnung mit einer fremden Kultur; die Reise in die Fremde; Gesellschaft und Sprache; das Projekt einer neuen paritätischen Identität zwischen einheimischen und ausländischen Personen, die Eingliederung in die Arbeitswelt und in den Alltag des Aufnahmelandes, bzw. der alten und der neuen Heimat; die Auseinandersetzung mit der politischen Entwicklung im Herkunftsland; die gesellschaftsspezifische Wahrnehmung der eigenen Anwesenheit innerhalb eines ethischen Wertesystems mit anderen Prioritäten und Zielsetzungen.

Im Zentrum des Beitrags von Leonie Heinecke steht die Bedeutung von Heimat und Identität im Kontext der deutsch-deutschen Geschichte, analysiert anhand des Romans Auf der Sonnenseite (2009) von Klaus Kordon. Der Roman reflektiert das Leben in Ost- und Westdeutschland und setzt sich mit der Frage nach einer „deutschen Identität“ sowie dem Aspekt des Displacements auseinander. Darüber hinaus verweist die Autorin auf Identitätsbrüche und die Grenzziehungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Heinecke zeigt, wie Heimat als tief emotionales Konzept durch Kindheitserinnerungen, zwischenmenschliche Beziehungen und konkrete Orte geprägt ist und wie der Verlust dieser Heimat Identitätskrisen auslöst. Sie hebt hervor, dass Kordons Werk einen wichtigen Beitrag zur literarischen Reflexion über Heimat, Identität und deutsch-deutsche Geschichte leistet.

1.4. Transkulturalität in der deutschen Literatur

Bereits vor zwei Jahrzehnten etablierte sich der Begriff „Transkulturalität“ (vgl. Welsch 2010) in der Kultur- und Literaturforschung. Welsch stellt die Konvergenzen kultureller Einflüsse heraus und stellt damit eine Erweiterung des Interkulturalitätsbegriffs dar. Ähnlich argumentiert auch Martinson (2008: 75), der von der „wechselwirkenden Interaktion verschiedener kultureller Elemente“ spricht, die zwei oder mehr Kulturen impliziert und eine transkulturelle Identität schafft. Vor diesem Hintergrund befasst sich Lászlo V. Szabós Beitrag mit dem Thema der Migration und Transkulturalität im Werk und Leben des österreichischen Schriftstellers jüdischer Herkunft Stefan Zweig. Im ersten Teil beleuchtet er Zweigs Erfahrungen als Migrant, seine Reisen und das Exil, das in seinen Essays wie Die Welt von Gestern reflektiert wird. Der Autor zeigt, wie Migration in Zweigs Leben zu einem zentralen biografischen und kulturellen Thema wurde. Im zweiten Teil geht es um die Darstellung von Migration in Zweigs Erzählung Episode am Genfer See. Hier hebt Szabó hervor, wie Zweig Transkulturalität und Humanismus als Ansätze zur Überwindung kultureller Fremdheit betont, zugleich aber die Grenzen des Humanismus angesichts historischer Realitäten aufzeigt.

2. Translatologie

Die Bedeutung der Interkulturalität in der Translatologie wurde ab den 1980er-Jahren zunehmend als essenzieller Bestandteil der Übersetzungstätigkeit anerkannt. Übersetzen wird nicht mehr nur als sprachliche, sondern auch als kulturelle Transferleistung verstanden. Theorien von Lawrence Venuti (2021) und Hans J. Vermeer (1996) betonen die Rolle des Übersetzers als Kulturvermittler. Die Skopostheorie und das Konzept der kulturellen Übersetzung zeigen, dass Übersetzungen stets in einem interkulturellen Kontext stattfinden, wobei kulturelle Nuancen sowie Unterschiede berücksichtigt werden müssen.

Es steht außer Frage, dass das Übersetzen nicht nur als linguistischer, sondern auch als kultureller Einflussfaktor anzusehen ist. Interkulturelles Übersetzen sollte stets als dynamischer Prozess, aber niemals als eine „Einbahnstraße“ betrachtet werden. Laut Siever (2010: 223) ist „jedes Übersetzen per se interkulturell“. Für den Translationsprozess seien fundierte und tiefe Kenntnisse der betreffenden Kulturen sowie kontrastive Analysen von Bedeutung.

Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefundene Emanzipation der Translationswissenschaft von der Linguistik fußte auf den soziokulturellen Bedingungen, unter denen die Übersetzungswissenschaft entstand und rezipiert worden ist. In den 1980er-Jahren wurde verstärkt versucht, dem dialektischen Verhältnis von Translation und Kultur Rechnung zu tragen (Toury 1998: 1). Daraus ist der Begriff translation turn (vgl. Cronin, 2003; Snell-Hornby, 2006) entstanden, der als Forschungsmaxime allerdings nicht in allen Bereichen positiv aufgenommen wurde.

Innerhalb dieses Themenfelds behandeln zehn Beiträge in diesem Sammelband die Schnittstellen von Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in der Übersetzungswissenschaft. Die Themenschwerpunkte umfassen folgende Themenbereiche:

  • Interkulturelle Phraseologie und kontrastive Korpusanalysen
  • Visuelle und paratextuelle Aspekte der Übersetzung
  • Fachübersetzung und interkulturelle Terminologie
  • Audiovisuelle Übersetzung und Barrierefreiheit
  • Literarisches Übersetzen und kulturelle Narrationen
  • Dolmetschen im interkulturellen Kontext
  • Didaktische Ansätze in der Übersetzerausbildung
2.1. Interkulturelle Phraseologie und kontrastive Korpusanalyse

Ein zentraler Aspekt der interkulturellen Übersetzungsforschung ist die Übertragung von idiomatischen Wendungen und Mehrworteinheiten, also der zur Phraseologie gehörenden sprachlichen Phänomene. Insbesondere Routineformeln und Idiome gelten als Träger kulturspezifischer Aspekte und stellen daher eine besondere Herausforderung für Übersetzer dar. Gleichzeitig weisen viele dieser Elemente aufgrund gemeinsamer kultureller und historischer Wurzeln auch eine gewisse Ambivalenz auf, da sie im europäischen Sprachraum in ähnlicher oder sogar identischer Form vorkommen (vgl. Korhonen 2007; Koller 2007; Burger 2015).

Der Beitrag von Irene Doval analysiert Übersetzungsstrategien für idiomatische Ausdrücke im Deutschen und Spanischen unter Berücksichtigung interkultureller Unterschiede. Basierend auf dem bidirektionalen Parallelkorpus PaGeS untersucht sie verschiedene Äquivalenztypen, von direkter Entsprechung über Anpassungen bis hin zu Paraphrasen.

Das Korpus PaGeS enthält überwiegend Belletristik und Sachtexte beider Sprachen und ermöglicht zuverlässige semantische, syntaktische und pragmatische Vergleiche zwischen Phrasemen. Besonderes Augenmerk liegt auf der interlingualen Äquivalenz, die kulturelle Unterschiede sichtbar macht und Übersetzer vor die Herausforderung stellt, Sinn und Konnotation eines Phrasems zu bewahren (predicar en el desierto – in der Wüste predigen; comportarse como un elefante en una cacharrería – sich wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen). Doval unterstreicht die Rolle von Parallelkorpora als unverzichtbares Werkzeug für die kontrastive Phraseologie und die Translatologie. Sie bieten eine reichhaltige Datenbasis, um kontextabhängige Übersetzungsentscheidungen zu treffen und interkulturelle Verständigung zu fördern.

2.2. Visuelle und paratextuelle Aspekte der Übersetzung

Hinsichtlich der methodisch-didaktischen Relevanz der Translatologie ergeben sich Übersetzungsschwierigkeiten, beispielsweise Wort- bzw. Sprachspiele (vgl. Koller 2004), soziolinguistische Phänomene (Newmark 2003) oder kulturspezifische Termini (House 2004; Kußmaul 2014), spezifische grammatisch-lexikologische Phänomene wie Modalpartikeln, Interjektionen, Anspielungen, u.a. (vgl. Halverson 2004) und schließlich nonverbale Elemente (Schmitt 1999), wie z.B. visuelle Elemente. Übersetzungen sind folglich nicht nur sprachliche, sondern auch visuelle und paratextuelle Phänomene. Christina Holgado und Leonie Heinecke diskutieren die Paratranslationstheorie und deren Anwendung auf die Paratranslation der Buchumschläge des Romans Der Vorleser (1995) in verschiedenen Sprach- und Kulturräumen. Die Autorinnen analysieren die visuellen und verbalen Paratexte der ersten Ausgaben in Deutschland, Portugal, Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Großbritannien und den USA und bewerten deren Wirkung auf die Wahrnehmung des Romans. Dabei zeigt sich, dass ikonische Paratexte oft ideologische und kulturelle Botschaften vermitteln, die die Rezeption eines Werkes in der Zielkultur maßgeblich prägen.

Besonders deutlich wird dies bei der symbolischen Bildwahl, wie etwa dem Hakenkreuz in den spanischen und italienischen Ausgaben. Hier wird die interkulturelle Herausforderung sichtbar, zentrale Themen wie den Holocaust oder den Analphabetismus von Hanna Schmitz angemessen zu übertragen. Der Beitrag betont die Bedeutung von Paratexten in der Übersetzung als wesentliche kulturelle Brücken, um die Botschaft und die Semantik des Originalwerks getreu in die Zielkultur zu transportieren.

2.3. Fachübersetzung und interkulturelle Terminologie

Im Bereich der Fachübersetzung ist die präzise Übertragung von kulturspezifischen Begriffen essenziell, da „rein“ sprachliches Wissen als Orientierungsrahmen für die fachsprachliche Translation nicht ausreicht. Übersetzer und Dolmetscher arbeiten nicht nur mit Sprachen, sondern auch mit verschiedenen Kulturgemeinschaften. Bereits Göhring (1978) vertrat die These, dass kulturelle Unterschiede eine größere Barriere für die interkulturelle Kommunikation darstellen als sprachliche Unterschiede. Dieser Problematik widmen sich insgesamt drei Beiträge.

Linus Jung und Leonie Heinecke behandeln die Fachterminologie im Bereich der Önologie mit einem besonderen Fokus auf die Übersetzung von Weinbegriffen zwischen Spanisch und Deutsch, insbesondere im Hinblick auf sensorische Beschreibungen bei der Weinverkostung und die damit verbundenen Herausforderungen der Übersetzung spezifischer, präziser Aromenbeschreibungen, die oft interkulturelle Übersetzungsprobleme birgt. Der Beitrag illustriert, wie die komplexe Translationstheorie helfen kann, adäquate Übersetzungslösungen zu finden. Ein zentrales Thema ist die interkulturelle Dimension der Übersetzung, bei der Text- und Weltwissen miteinander verknüpft werden. So kann beispielsweise die Beschreibung des Geschmacks von Schwarzer Johannisbeere mit grosella negra zu Missverständnissen bei Lesern und Weinkennern führen, da der kulturelle Kontext und die sensorische Wahrnehmung eine entscheidende Rolle spielen. Der Beitrag unterstreicht die Bedeutung einer präzisen fachspezifischen Terminologie und interkultureller Kompetenz in der Übersetzungswissenschaft, insbesondere bei der Überwindung sprachlicher und kultureller Barrieren in Fachbereichen wie der Önologie.

Auch der Beitrag von Christiane Limbach reiht sich in die Thematik von Fachbegriffen ein. Die Autorin beschäftigt sich mit den gesetzlichen EU-Qualitätsbezeichnungen für Olivenöl auf Websites andalusischer Aufsichtsratsbehörden. Dabei bietet sie eine tiefgehende Analyse der digitalen Kommunikation und deren Übersetzung, die oft von kulturellen und linguistischen Nuancen durchdrungen ist. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Übersetzungen vom Spanischen ins Deutsche unter besonderer Berücksichtigung der Fachbegriffe wie „Denominación de origen protegida“ (geschützte Ursprungsbezeichnung). Mithilfe eines spanisch-deutschen Parallelkorpus, erstellt mit dem Korpusanalyseprogramm Sketch Engine, zeigt Limbach auf, dass Übersetzungen oft inkohärent oder unpräzis sind. Fehler wie wörtliche Übersetzungen („virgen“ als „Jungfrau“) oder die Verwendung englischer Abkürzungen („EVOO“ statt „natives Olivenöl extra“) verdeutlichen, dass automatische Übersetzungen ohne Kontextbezug problematisch sind.

Limbach betont, dass nur wenige Websites deutschsprachige Versionen anbieten, obwohl Deutschland ein bedeutender Importeur von spanischem Olivenöl ist. Sie fordert eine verstärkte Professionalisierung bei der Lokalisierung und Übersetzung, um die internationale Vermarktung andalusischen Olivenöls zu verbessern. Der Beitrag unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung qualitativ hochwertiger Übersetzungen für den Exportmarkt.

Ein weiterer Beitrag, der sich mit der Übersetzung von Fachtexten befasst, stammt von Silvia Toribio Camuñas, Catalina Jiménez Hurtado und Claudia Seibel. Sie untersuchen die Übersetzung von Fachtexten über archäologisches Kulturerbe in Leichte Sprache (LS) und betrachten dabei die interkulturellen Herausforderungen der barrierefreien Wissensvermittlung. Im Fokus steht die römische Villa als archäologisches Ereignis, das auf Grundlage eines deutschen Textkorpus analysiert wurde. Die Autorinnen entwickeln ein methodisches Modell, das auf Korpuslinguistik und frame-basierter Terminologie basiert, um zentrale Begriffe wie pars urbana oder pars rustica zu definieren. Mithilfe von Konkordanzen, semantischen Relationen und Wissensmustern aus dem Korpus (310 000 Wörter verteilt auf Fachtexte, halbfachliche Texte sowie populärwissenschaftliche Texte) gelingt es den Autorinnen, ein Definitionsmodell zu entwickeln, das an die unterschiedlichen Sprachregister angepasst ist. Dabei werden semantische Relationen wie „Funktion“ oder „Bestandteile“ systematisch erfasst und in variable Definitionen übersetzt, die an unterschiedliche Adressaten angepasst sind, von Experten bis hin zu Personen mit kognitiven Einschränkungen. Ein Beispiel: Während eine Villa für Experten ein komplexer römischer architektonischer Bereich ist, wird sie in LS als „ein großes Gebäude aus der Römerzeit“ beschrieben. Der Beitrag zeigt, wie durch strukturierte Vereinfachung zentrale kulturelle und historische Konzepte vermittelt werden können, ohne wesentliche Informationen zu verlieren. Diese Methodik ermöglicht eine interkulturelle Verständigung und fördert den Zugang zum Kulturerbe für diverse Nutzergruppen, insbesondere in Museen.

2.4. Audiovisuelle Übersetzung und Barrierefreiheit

Auch in Filmen und Serien spiegelt sich in jüngster Zeit die Globalisierung der heutigen Welt durch mehrsprachige Produktionen wider, in denen verschiedene Übersetzungsverfahren wie Synchronisierung, Untertitelung oder Audiodeskription eingesetzt und teilweise kombiniert werden (vgl. Iturregui-Gallardo 2018). Auf diese Weise kann der plurilinguale und -kulturelle Inhalt eines Films bei der Übersetzung bewahrt werden. Formen der Untertitelung, sowohl die Audio-Untertitelung – eine akustische Wiedergabe der geschriebenen Untertitel – die eingesetzt wird, um den Zugang für Menschen mit Seh- oder Leseschwierigkeiten zu ermöglichen, als auch die audiovisuelle Untertitelung für Gehörlose und Schwerhörige, stellen eine besondere Herausforderung im Bereich Medienzugänglichkeit dar.

Im Fokus des Beitrags von Silvia Martínez und Linus Jung steht die audiovisuelle Untertitelung und die damit verbundenen Herausforderungen für Gehörlose. Dabei werden intersemiotische, interlinguistische und intralinguistische Übersetzungsstrategien herausgearbeitet, die notwendig sind, um die Handlung barrierefrei zugänglich zu machen. Dank der Einführung von Untertiteln für Hörgeschädigte und Gehörlose sowie von Audiodeskriptionen ist die Zugänglichkeit von Streaming-Plattformen erheblich verbessert worden. Die Untertitelung für Gehörlose stellt Übersetzer jedoch vor große Herausforderungen, da Geräusche in den Dialogen wie Musik und Soundeffekte präzis erfasst werden und in eine für das Verständnis zugängliche sprachliche Form übertragen werden müssen. Nach Ansicht von Martínez und Jung sollten u.a. mehr Zeit und Ressourcen in die Entwicklung von Techniken zur Vereinfachung der allgemeinen linguistischen Parameter investiert werden. Der Beitrag hebt die Bedeutung einer sorgfältigen Anpassung von Untertiteln hervor und zeigt, wie Übersetzungsentscheidungen die Rezeption durch gehörlose Zuschauer maßgeblich beeinflussen können.

2.5. Literarisches Übersetzen und kulturelle Narrationen

Nicht nur im Bereich des literarischen Übersetzens, sondern in der Translationswissenschaft im Allgemeinen haben Geschlechterfragen in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen, insbesondere im Bereich der Übersetzung geschlechterstereotypischer Darstellungen. (vgl. Zhu 2024)

Pino Valero analysiert die spanischen Übersetzungen von Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter, insbesondere im Hinblick auf Geschlechterstereotype und erzieherische Normen im 19. Jahrhundert. Die erste spanische Übersetzung erschien 1871 unter dem Titel „Juan el Desgreñado“, später folgte „Pedrito el Greñoso“. „Struwwelpeter“ verbindet erzieherische Maßnahmen der Abschreckung mit der Darstellung grotesker Bestrafung, wie etwa in der Geschichte vom Daumenlutscher, in der einem Kind die Daumen abgeschnitten werden. Dieses Muster der auf Angst basierenden Erziehung findet sich auch in „Die Struwwel-Liese“ wieder, einem Pendant für Mädchen der damaligen Zeit.

Der Beitrag beleuchtet die Herausforderungen bei der Übersetzung solcher Werke, insbesondere im Hinblick auf die Vermittlung moralisierender Botschaften über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Valero schlägt vor, eine feministische Übersetzung der „Struwwel-Liese“ ins Spanische zu entwickeln, welche die traditionellen Geschlechterklischees überdenkt und die Indoktrination von Kindern kritisch beurteilt. Der Beitrag sensibilisiert für die kulturelle Bedeutung dieser Texte und ihre Rolle bei der Prägung moralischer Werte im 19. Jahrhundert.

2.6. Dolmetschen im interkulturellen Kontext

Der nächste Themenbereich untersucht die Rolle von Dolmetschern im juristischen institutionellen Kontext und ihre zentrale Funktion in spezifischen Situationen, insbesondere wenn Opfer geschlechterspezifischer Gewalt beteiligt sind.

Gerade im Bereich des juristischen Dolmetschens spielen rechtliche, politische und sozioökonomische Veränderungen eine entscheidende Rolle. Dazu zählen unter anderem Unterschiede in der Gesetzgebung zwischen dem Herkunftsland der Beteiligten und dem Zielstaat, die Einführung neuer Dolmetschregelungen, Anpassungen in der Migrationspolitik (vgl. Monteoliva-García 2018) sowie Herausforderungen bei der Übereinstimmung und Übersetzung juristischer Terminologie.

Ein besonders praxisrelevantes Thema ist die Bedeutung professioneller Dolmetschdienste im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt. María-José Varela Salinas und Dalia Soto López vergleichen die Gesetzgebungen Spaniens und Deutschlands und erstellen ein zweisprachiges juristisches Glossar für Dolmetscher, wie z. B. Näherungsverbot – orden de alejamiento; Migrationshintergrund – trasfondo migratorio; Kindeswohl – bienestar del menor. Interessanterweise wird der Begriff „sexueller Missbrauch“ im deutschen Kontext vorwiegend auf Kinder als Opfer bezogen, während er in anderen Rechtssystemen ein breiteres Altersspektrum umfasst. Die Autoren betonen, dass eine effektive Bekämpfung von Gewalt nicht nur durch angemessene gesetzliche Regelungen, sondern auch durch eine Sensibilisierung der Betroffenen für ihre Rechte erreicht werden kann. Dabei spielt die interkulturelle Kommunikation eine zentrale Rolle, da viele Opfer ausländischer Herkunft sind und häufig mit Sprachbarrieren konfrontiert werden. Professionelle Dolmetscher, die sowohl die rechtlichen Rahmenbedingungen als auch die kulturellen Unterschiede kennen, sind unerlässlich, um eine präzise und verständliche Informationsvermittlung zu gewährleisten. Der Beitrag unterstreicht die Dringlichkeit einer spezialisierten Dolmetscherausbildung im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt, um die Rechte der Opfer zu wahren und ihren Schutz sicherzustellen.

2.7. Didaktische Ansätze in der Übersetzerausbildung

Zwei weitere Beiträge widmen sich neuen didaktischen Ansätzen zur Förderung interkultureller Kompetenz in der Übersetzerausbildung. Zweifelsohne gewinnt die Entwicklung professioneller interkultureller strategischer Kompetenz für Übersetzer und Dolmetscher zunehmend an Bedeutung. Dabei besteht eine enge Verbindung zwischen Fremdsprachendidaktik und Übersetzungsdidaktik, da in beiden Bereichen linguistische und kulturelle Kompetenz untrennbar miteinander verknüpft sind, um die Sprachkompetenz optimal zu fördern.

Der Beitrag von Astrid Schmidhofer beleuchtet die Entwicklung und den aktuellen Stand der Sprachausbildung in translationswissenschaftlichen Studiengängen und verbindet somit didaktische und translatorische Aspekte. Sie betont die Notwendigkeit exzellenter Sprachkenntnisse für das Übersetzen und Dolmetschen und beschreibt die Herausforderungen und Lösungsstrategien in der Ausbildung. Der Beitrag zeigt, wie wichtig es ist, Sprachunterricht nicht nur auf die sprachliche Präzision, sondern auch auf das Verständnis kultureller Unterschiede und Gemeinsamkeiten auszurichten. Dies fördert die Fähigkeit der Studierenden, in verschiedenen kulturellen Kontexten effektiv zu kommunizieren und zu übersetzen. Die Autorin plädiert für eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Integration von sozialen und lernpsychologischen Aspekten in die Sprachausbildung.

Der Beitrag von Almudena Vázquez Solana und Violeta Sánchez Esteban stellt eine didaktische Methode für die virtuelle Übersetzungspraxis vor, die auf professioneller Simulation basiert. Diese Methode kombiniert projektbasiertes und kollaboratives Lernen, wobei die Studierenden durch praktische Erfahrungen Übersetzungsfähigkeiten und berufliche Kompetenzen erwerben. Ein zentraler Aspekt ist die Förderung des autonomen Lernens und der kritischen Reflexion. Die Studierenden arbeiten mit authentischen Texten und nutzen spezifische Übersetzungswerkzeuge, wobei sie sowohl Selbst- als auch Peer-Bewertungen durchführen. Diese Methode betont die interkulturelle Kompetenz, indem sie die Studierenden dazu anregt, kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erkennen und zu berücksichtigen. Die Methode betont zudem die Bedeutung der Übersetzungsqualität und der Teamarbeit, indem die Studierenden unterschiedliche Rollen wie Project Manager, Übersetzer oder Terminologe übernehmen.

Ein weiterer Vorteil ist die Verbindung verschiedener didaktischer Ansätze, die die Studierenden mit den Anforderungen des Berufslebens vertraut machen. Die praxisorientierte Simulation fördert nicht nur fachliche, sondern auch soziale Kompetenzen und erleichtert den Übergang ins Berufsleben. Die Teamarbeit wird gefördert, und das erworbene Wissen wird von einem Fach auf ein anderes angewandt. Ein weiterer positiver Aspekt ist die Integration unterschiedlicher Methoden. Ihnen stehen nützliche Hilfsmittel zur Verfügung, die den Einstieg in das Berufsleben erleichtern.

Die hier skizzierten Beiträge leisten einen wertvollen Beitrag zur Diskussion über Mehrsprachigkeit und Interkulturalität innerhalb der Übersetzung und des Dolmetschens. Sie verdeutlichen die vielfältigen Anforderungen an Übersetzer und Dolmetscher und unterstreichen die Bedeutung sprachlicher Präzision und kultureller Sensibilität. Dabei wird hervorgehoben, dass diese Aspekte in jedem Übersetzungstyp essenziell sind, um die kommunikative und interkulturelle Qualität zu gewährleisten.

3. Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Sprachwissenschaft

Interkulturalität und Mehrsprachigkeit sind zentrale Konzepte der Sprachwissenschaft, insbesondere bei der Untersuchung von Sprachkontaktphänomenen sowie bilingualen bzw. multilingualen Kontexten. Linguisten wie Uriel Weinreich (1968) und Suzanne Romaine (1995) haben gezeigt, dass interkulturelle Kommunikation tiefgreifende Auswirkungen auf Sprachentwicklung und -veränderung hat.

Interkulturalität im sprachlichen Sinne ist als dynamisches Konzept zu verstehen, das die Fähigkeit fördert, fremde Sprach- und Denkmuster wahrzunehmen und zu interpretieren. Ein besonders relevanter Forschungsbereich ist in diesem Zusammenhang die kontrastive Linguistik, die unterschiedliche sprachliche Strukturen und kulturelle Konzepte systematisch untersucht und vergleicht. Der Vergleich von zwei oder mehr Sprachen hat in der Sprachforschung eine lange Tradition. Während in den 1970er- und 1980er-Jahren der von Wandruszka (1969) vorgeschlagene Begriff ‚Sprachvergleich‘ gebräuchlich war, etablierte sich später der Begriff ‚Kontrastive Linguistik‘. Diese Disziplin beleuchtet nicht nur strukturelle Unterschiede zwischen den Sprachen, sondern auch deren kulturelle und kognitive Implikationen. Insbesondere in der deutsch-spanischen Sprachwissenschaft haben verschiedene Studien wesentliche Erkenntnisse zur interkulturellen Pragmatik (vgl. Siebold 2007), zur interkulturellen Phraseologie (vgl. Balzer et. al. 2004; Dobrovolskij & Piirainen 2005; Mellado Blanco et al. 2010; Mellado Blanco 2013; Mansilla 2001; Ivorra & López 2023; Strohschen & Leonhardt 2024) sowie zur Phonetik (vgl. Hirschfeld et al. 2016) geliefert.

Im Bereich der Sprachwissenschaft werden insgesamt sechs Beiträge vorgestellt, die sich aus kontrastiver, kognitiver und diachronischer Perspektive mit der Rolle der Mehrsprachigkeit und Interkulturalität befassen. Die behandelten Themen umfassen kontrastive Phraseologie, Konstruktionsgrammatik, Kognitive Linguistik und Sprachwandel, Disziplinen, die zentrale Erkenntnisse im Bereich der interkulturellen Kommunikation liefern.

3.1. Kontrastive Phraseologie, kognitive Linguistik und Konstruktionsgrammatik

Von Natur aus wird die Phraseologie als heterogene Disziplin betrachtet, deren Grenzen oft unscharf sind und die zahlreiche Überschneidungen mit anderen sprachwissenschaftlichen Bereichen aufweist. Diese Vielschichtigkeit führt zu interdisziplinären Zugängen, die die Phraseologie mit Bereichen wie der kognitiven Linguistik, der Pragmatik und der kontrastiven Linguistik verbinden. Insbesondere die Untersuchung von Form-Bedeutungspaaren innerhalb der Phraseologie eröffnet neue Perspektiven für die Sprachforschung. Darüber hinaus werden auch empirische Aspekte der Ermittlung, des Erwerbs, der Vermittlung und des zwischensprachlichen Vergleichs (spanisch-deutsch-portugiesisch) von Konstruktionen diskutiert. In den folgenden Beiträgen werden anhand konkreter sprachlicher Phänomene zentrale theoretische und empirische Fragestellungen der Phraseologie diskutiert. Dazu gehören die kognitiven Aspekte phraseologischer Einheiten (Dobrovol’skij & Piirainen 2005; 2009; Foolen 2024; Geck 2001; Mansilla 2016; 2017; Mansilla & Mellado Blanco 2015; Pamies 2002), die kontrastive Analyse von Phraseologismen (Iglesias Iglesias 2010, Larreta Zulategui 2001; Mansilla 2013; Mellado Blanco 2016) sowie Fragen des Erwerbs und der Vermittlung phraseologischer Konstruktionen im mehrsprachigen Kontext (De Knop & Mollica 2014; Mansilla & Holzinger 2024; Mellado Blanco 2019, 2021, 2023, Mellado et al. 2022; Strohschen & Leonhardt 2024). Darüber hinaus wird die Rolle der Phraseologie in der sprachlichen Kognition und interkulturellen Kommunikation untersucht. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Vergleich von Phraseologismen in den Sprachen Spanisch, Deutsch und Portugiesisch, wobei empirische Studien zur Ermittlung, zum Erwerb und zur Vermittlung phraseologischer Konstruktionen vorgestellt werden. Die analysierten Forschungsarbeiten liefern wichtige Erkenntnisse für das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Sprache, Kognition und Kultur und tragen dazu bei, die theoretischen Grundlagen der Phraseologie weiterzuentwickeln.

Im Beitrag von Sara Barroso und Sabine Geck gilt die Aufmerksamkeit der kontrastiven Phraseologie aus der Perspektive der kognitiven Linguistik. Die Autorinnen beziehen sich auf kognitive Modelle wie das Bildschema FIGURE-GROUND und die Theorie der Frames und zeigen, dass Wortspiele oft erst im Zusammenhang mit dem zugehörigen Text verständlich werden. Durch ihre Mehrdeutigkeit stellen diese Art von Sprachspielen eine intellektuelle Herausforderung für die Leser dar, da sie sowohl sprachliche als auch kulturelle Kontexte entschlüsseln müssen, um die Bedeutung der Überschriften vollständig zu erfassen. Sie heben hervor, dass die kognitive Linguistik eine zentrale Rolle dabei spielt, wie Frames und mentale Modelle die Interpretation von Ambiguität erleichtern können. Der Beitrag bietet eine fundierte Klassifikation von Wortspielen, unterteilt in modifizierte und nicht-modifizierte Phraseologismen, und beleuchtet deren stilistische und kommunikative Wirkung.

Nely Iglesias und Herbert Holzinger setzen sich in ihrem Beitrag mit konstruktionsgrammatischen sowie empirischen Fragen zur Musterhaftigkeit in der Phraseologie und ihrer Bedeutung für die sprachliche Kreativität auseinander. Ihr Fokus liegt auf Phrasem-Konstruktionen, die aus einem lexikalisch festen Teil und einer oder mehreren Leerstellen (Slot(s)) bestehen. Durch gezielte Modifikationen der kanonischen Form können stilistisch-pragmatische Effekte erzeugt werden, etwa das Wecken von Aufmerksamkeit oder die Erzeugung von Überraschung. Vorlagen für solche Modifikationen stammen aus verschiedenen Bereichen wie Literatur, Film, Musik oder Werbeslogans. Beispiele hierfür sind Sprichwörter (Wo die Liebe hinbellt, Wo gekobelt wird, fallen kaum Gegentore), Literatur (Der Besuch der jungen Dame), Film (Angst essen Schale auf) und Musik (Heuchelland ist abgebrannt). Auffällig ist die Verwendung von Snowclones – sprachlichen Mustern, die auf der Basis von Sprichwörtern oder Slogans als Vorlage kreativ weiterentwickelt werden, etwa nach dem Schema lieber X als Y (Lieber bündeln als deckel). Darüber hinaus wird ein Fünf-Phasen-Modell für den Fremdsprachenunterricht vorgestellt, das im Sprachkurs Lengua alemana B1 im Bachelorstudiengang Grado en Estudios Alemanes an der Universität Salamanca erprobt wurde. Iglesias und Holzinger betonen, dass Modifikationen fester Einheiten nicht nur ein stilistisches Werkzeug, sondern auch ein motivierender Ansatz für den Fremdsprachenunterricht darstellen.

Im Beitrag von Maricel Esteban geht es um die korpuslinguistische Analyse phraseologischer Wortpaare im Tourismusbereich. Dabei wird die Phrasem-Konstruktion [PRÄP N1 und N2] unter die Lupe genommen, die aus einer Präposition und zwei durch und verbundene Substantive besteht. Der Fokus liegt auf drei formelhaften, wiederkehrenden Wortkombinationen – mit Rat und Tat (52 Treffer), mit Leib und Seele (17 Treffer) und auf Schritt und Tritt (11 Treffer) —, die oft auf Hotelwebseiten verwendet werden. Den Untersuchungsgegenstand bilden die phraseologischen Wortpaare, die eine relativ feste Struktur aufweisen. Darüber hinaus beleuchtet der Beitrag die formelhafte und idiomatische Stabilität dieser Konstruktionen und deren Rolle als stilistisches Mittel in der Fachsprache des Tourismus.

Basierend auf grammatischen Konstruktionen untersucht der Beitrag von Guiomar Topf das Indefinitpronomen man im Deutschen und seine Äquivalente im Spanischen und Portugiesischen. Ziel ist es, systematische Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Ausdruck unpersönlicher Konstruktionen zu analysieren. Besonders im DaF-Bereich sowie in der Übersetzungs- und Dolmetscherpraxis bereiten Konstruktionen mit man Schwierigkeiten, da sie oft durch alternative grammatische Strukturen ausgedrückt werden können (z. B. Dt. man sagt – Sp. dicen, se dice; Pt. diz-se, dizem). Die durchgeführte Analyse stützt sich auf ein dreisprachiges Parallelkorpus, das literarische Texte von A. Schwarzenbach umfasst und insgesamt 148 Belege man enthält. Zwischen dem Spanischen und dem Portugiesischen zeigen sich vor allem Unterschiede im pronominalen und im nominalen Bereich. Der Beitrag zeigt, dass man im Deutschen vielseitiger ist als seine romanischen Entsprechungen und im Spanischen sowie Portugiesischen oft durch kontextabhängige Alternativen ersetzt wird. Die Ergebnisse verdeutlichen die strukturellen Unterschiede zwischen den drei Sprachen und tragen zu einem besseren Verständnis unpersönlicher Konstruktionen im mehrsprachigen Kontext bei. Sie liefern zudem wertvolle Erkenntnisse für den Fremdsprachenunterricht und die Übersetzungspraxis.

Gerade für morphologische und insbesondere für wortbildungsbezogene Fragestellungen hat die Konstruktionsgrammatik immer größere Resonanz gefunden (vgl. Hartmann 2019; Michel 2014; Traugott & Trousdale 2013). Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag von Carmen Mellado Blanco den Idiomatisierungsgrad und die Musterhaftigkeit von Vergleichskomposita im Deutschen und im Spanischen. Dabei wird der Akzent auf deutsche Vergleichskomposita vom Typ himmelblau, messerscharf, Adleraugen und ihre Entsprechungen im Spanischen gesetzt. Deutsche Komposita bestehen aus mindestens zwei freien Morphemen und lassen sich strukturell in feste, teilidiomatische und vollidiomatische Komposita unterteilen. Typische Muster im Deutschen sind N + ADJ (pudelnass, himmelblau, messerscharf) oder N + N (Schwertfisch, Froschmann), die häufig eine intensivierende Funktion haben. Im Spanischen finden sich vergleichbare Strukturen: N + N (boda relámpago), die als compuestos sintagmáticos oder locuciones nominales gelten; N + ADJ (Höllenlarm – ruido infernal); sowie N + de + N (Luchsaugen – vista de lince). Diese Strukturen erfüllen oft eine intensivierende Funktion.

Der Beitrag zeigt außerdem, dass deutsche bildhafte Komposita wie Geizhals aufgrund ihrer idiomatischen Bedeutung und Expressivität häufig in der Phraseologie verortet werden. Im Spanischen hingegen ersetzen phraseologische Vergleiche mit como (blanco como la nieve für schneeweiß) oft die Kompositionsstruktur. Trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede weisen beide Sprachen bei transparent motivierten Vergleichen eine hohe Prototypen-Übereinstimmung auf, wie etwa bei blitzschnell (rápido como un rayo).

3.2. Mehrsprachigkeit und Sprachwandel

Schon ein Blick auf die Sprache zeigt, wie sie als Ausdruck kollektiver Identität einem kontinuierlichen Wandel unterliegt. Besonders der zunehmende Fremdspracheneinfluss – insbesondere durch Anglizismen oder Amerikanismen – verdeutlicht, dass sich der Sprachwandel und die Entwicklungstendenzen auf allen Ebenen der Sprache vollziehen. Durch zahlreiche Forschungsarbeiten wird dieses Phänomen dokumentiert (vgl. Eisenberg 2014; Kovács 2009; Pfalzgraf 2019).

Die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Beziehungen mit der englischsprachigen Welt haben die deutsche Sprache maßgeblich beeinflusst. Ebenso machen sich die zunehmende Globalisierung und die damit einhergehenden mehrsprachigen Kontexte im schulischen Bereich unterschiedlich stark bemerkbar. Eingebettet in die soziolinguistische Analyse des Sprachwandels sowie des Sprachdomänenverlusts zeigt der Beitrag von Bernd Springer, wie Sprache nicht nur das Denken einer Gesellschaft widerspiegelt, sondern auch ihre Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit. Er beleuchtet dabei den Zusammenhang zwischen den Anglizismen und deren Auswirkung auf die Gesellschaft und die Demokratie. Schwerpunktmäßig wird untersucht, welchen Einfluss gegenderte Sprache und die Übernahme englischer Vokabeln auf den Korpus-Ausbau der deutschen Sprache haben. Durch die Vorherrschaft des Englischen in prestigeträchtigen Sprachdomänen wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft entsteht in Deutschland ein schleichender Sprachwandel. Eine zentrale Rolle spielen dabei laut Springer die Medien – insbesondere Der Spiegel, Die Zeit und der öffentlich-rechtliche Rundfunk – , indem sie englische Begriffe zunehmend in Alltagsthemen wie Psychologie (Mental-Health-Krise), Erziehung (Attachment Parenting) oder Lifestyle (Meal Prep) integrieren. Springer kritisiert, dass diese Tendenz durch eine unreflektierte positive Rahmung des Englischen als modern und international verstärkt wird. Durch diese Dynamik entsteht ein Domänenverlust, in dessen Zuge deutsche Begriffe wie „Fahrschein“ oder „Flugsteig“ durch Anglizismen wie „Ticket“ oder „Gate“ ersetzt werden. Springer warnt, dass diese sprachliche Entfremdung nicht nur zu Identitätsverlust, sondern auch zu einer zunehmenden Distanzierung der Menschen von ihrer sozialen und politischen Wirklichkeit führt.

Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für mehr Sprachsensibilität und Sprachkritik, um den Erhalt der sprachlich-kulturellen Vielfalt und damit der Demokratie zu sichern. Dies erfordert, so Springer, eine kollektive Anstrengung, die Menschen die Wahl zwischen sprachlichen Varianten lässt, ohne sie durch Trends oder Sprachmoden zu bevormunden.

4. Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Fremdsprachendidaktik

Interkulturalität und Mehrsprachigkeit sind zu zentralen Leitkonzepten in der Fremdsprachendidaktik geworden. Begriffe wie interkulturelles Lernen, interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Kompetenz haben seit den 1990er Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen (vgl. Coperías Aguilar 2009).

Details

Seiten
678
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783034360180
ISBN (ePUB)
9783034360197
ISBN (Paperback)
9783034347600
DOI
10.3726/b23122
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Februar)
Schlagworte
Interkulturalität Mehrsprachigkeit Germanistik Interkulturelle Kompetenz Fremdsprachendidaktik Lernstrategien Fachübersetzung interkulturelle Terminologie Migrationsliteratur interkulturelle Rezeption kontrastive Linguistik Phraseologie
Erschienen
Lausanne, Berlin, Bruxelles, Chennai, New York, Oxford, 2025. 678 S., 85 s/w Abb., 52 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Ana Mansilla Perez (Band-Herausgeber:in) Carola Strohschen (Band-Herausgeber:in)

ANA MANSILLA PÉREZ ist Germanistin und als Dozentin für deutsche Sprache an der Universität Murcia (Spanien) tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der kognitiven Linguistik und der Phraseologie. Sie ist Mitglied der Forschungsgruppe FRASESPAL für deutsch-spanische Phraseologie, des interuniversitären Forschungsprojekts CREA-CONSTRIDIOMS (PID2024-161338OB-I00) sowie des europäischen Forschungsnetzwerks COST Action CA22115 "PhraConRep". CAROLA STROHSCHEN ist DaF-Dozentin an der Universität Murcia (Spanien). Zu ihren Forschungsbereichen gehören DaF-Didaktik, Phraseologie, Interkulturelle Studien und Mehrsprachigkeit. Sie gehört zum Team des EU-finanzierten Projekts PhraseoLab.

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Titel: Formen der Interkulturalität und Mehrsprachigkeit im Kontext der Germanistik