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Heinrich Hausers frühe Reportagen: An der Grenze des Futurismus

by Sanja Springer-Lipovac (Author)
©2026 Thesis 456 Pages

Summary

Das Buch analysiert fünf umfangreiche faktuale Schriften Heinrich Hausers aus den Jahren 1928 bis 1933. Der Fokus liegt auf den avantgardistischen, insbesondere futuristischen Impulsen, die ihnen zugrunde liegen. Es wird aufgezeigt, wie Hausers literarische Darstellungen – etwa von Technik, maschinengeleitetem Fortschritt und Männlichkeit – Ideen der historischen Avantgarde implizit aufgreifen und weitertragen. Ergänzend berücksichtigt der Band den Film Weltstadt in Flegeljahren (1931) sowie Fotografien, die Hauser im Kontext seiner Reportagen anfertigte. Das Buch möchte eine bislang wenig beachtete Verbindung zwischen Heinrich Hausers faktualen Texten und den ideologischen sowie ästhetischen Programmen der futuristischen Avantgarde lesbar machen. So soll Hausers frühes literarisches und journalistisches Schaffen für eine neue Deutungsweise geöffnet werden.

Table Of Contents

  • Umschlag
  • Titelseite
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Erste Verbindungslinien: Heinrich Hauser und die Visionen der Avantgarde
  • 1.2 Übersicht der Forschungsliteratur zu Heinrich Hauser
  • 2. „Avantgardismus“: Die „panische Besitzergreifung der Welt durch einen Gedanken“
  • 2.1 Zum historisch-terminologischen Ort der Avantgarden
  • 2.2 Avantgardismus als „Manifestantismus“
  • 2.3 Eine Theorie der Avantgarde
  • 2.4 „Besitzergreifen der Welt“ durch Offenheit und Verschränkung
  • 3. „Nach dem Reich der Lebewesen beginnt das Reich der Maschinen“ – Zum Futurismus
  • 3.1 Mensch und Maschine
  • 3.1.1 Neuerstehung durch Technik
  • 3.1.2 Verweiblichung der Maschine
  • 3.1.3 Der mechanisierte Mann
  • 3.1.3.1 „Ich preise den gewalttätigen Tod am Ende der Jugend“ – Mafarka der Futurist
  • 3.2 Männlichkeitsideale und die Zerstörung des Menschlich-Weiblichen
  • 3.3 Krieg und Gewalt
  • 3.4 Die Schönheit des „Zweckmäßigen“
  • 3.5 Bewegung, Geschwindigkeit und Selbstverbrauch
  • 3.6 Avantgardistischer Bewegungskult und die Form des Werks
  • 3.6.1 „… wie eine dynamische fragmentarische Symphonie“ – Futuristisches synthetisches Theater
  • 3.6.2 „Technisierte Wahrnehmung“: „… Drahtlose Phantasie – Befreite Worte“
  • 3.7 Zusammenfassung
  • 4. Zur avantgardistischen Unterströmung in Heinrich Hausers frühen Reportagen
  • 4.1 „Die Menschheit beginnt mit der Anwendung der einfachen Maschine“ – Friede mit Maschinen (1928)
  • 4.1.1 Das Humane der Maschine
  • 4.1.2 Werkstoffgefühl und Autocharakter
  • 4.1.3 Die Verwicklung von Mensch und Maschine
  • 4.1.4 Mann und Maschine – Ent- und Begrenzung im Fahrenlernen
  • 4.1.5 Komplexität der Maschinenseele
  • 4.1.6 Rationalisierung menschlicher Arbeitskräfte durch die Maschine – Das „System Taylor“
  • 4.1.7 Schönheit des „Nützlichen“
  • 4.1.8 Geschwindigkeit, Bewegung und Alter
  • 4.1.9 Metaphern des Krieges
  • 4.1.10 Amerika: Gegenpol zur Tradition
  • 4.1.11 Fazit
  • 4.2 „Wenn ich ein Dichter wäre, dann würde ich die Walzwerkmänner besingen“ – Schwarzes Revier (1930)
  • 4.2.1 Natur(-metaphorik) und Überlagerung der Natur durch Technik
  • 4.2.2 Kriegsmetaphorik und Imaginationen von Kämpfen
  • 4.2.3 Der Mensch und der Umgang mit der Maschine
  • 4.2.3.1 „Im Anfang war die Zeche“
  • 4.2.3.2 Im Röhrenwalzwerk
  • 4.2.3.3 Rationalisierung und die Rolle des Menschen im Arbeitsprozess
  • 4.2.3.4 Erspüren des Materials und Schönheit des Stofflichen
  • 4.2.3.5 Im „Drahtwalzwerk“
  • 4.2.4 Der Arbeiter
  • 4.2.5 Fazit
  • 4.3 „Der Typ der Zukunft wird ein leidender sein“ – Feldwege nach Chicago (1931)
  • 4.3.1 „[…] der häßlichste Ford, der je gebaut worden ist“ und der Blick des „Neuverlobten“ – (Be-)Deutungen des Automobils
  • 4.3.2 Entgrenzungserfahrungen durch Techniken der Mobilisierung
  • 4.3.3 Die Fordfabrik – „der verlängerte Schatten des Mannes“
  • 4.3.4 Gesellschaftliche Grenzgänger_innen und der „leidende Typus der Zukunft“
  • 4.3.5 Fazit
  • 4.4 Die „Kehrseite der Wolkenkratzerfront“ – Weltstadt in Flegeljahren (1931)
  • 4.5 „[…] man müßte den Grund abtasten nach dem Ursprung des Bebens, das die ganze Welt durchschüttelt“ (WO 4) – Wetter im Osten 1932
  • 4.5.1 Die „neue Jugend“ der Segelflieger
  • 4.5.2 „Etwas Ungeheures, drohend wie die Wolkenbank vor einem Orkan“ – Ahnung einer Revolution
  • 4.5.3 „Diese Schicht als Schicht muss untergehen“
  • 4.5.4 Kämpfe und Kriege
  • 4.5.5 Maschinen im Osten?
  • 4.5.6 Fazit
  • 4.6 „Jeder, der heute fliegen lernt, lebt und kämpft für diese Zukunft“ – Ein Mann lernt fliegen (1933)
  • 4.6.1 Annäherungen an den Luftraum
  • 4.6.2 Die Verbindung von Mann und Maschine
  • 4.6.2.1 Gefahren
  • 4.6.2.2 Gefühle und Instinkt
  • 4.6.3 Das Flugzeug als Lebewesen
  • 4.6.4 (Kollektive) Männlichkeit und das Fliegen
  • 4.6.5 Fazit
  • 5. Abschlussbetrachtungen
  • Literaturverzeichnis
  • Sekundärliteratur
  • Onlinequellen

Sanja Springer-Lipovac

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zugl.: Bochum, Univ., Diss., 2025.

Umschlagabbildung: Heinrich Hauser | © Geller+Geller, Estate of the Folkwang Auriga Publishing Archive, Garlstorf am Walde – Germany; Fotoforum SchwarzBunt Publishing House, Düsseldorf

DE-294

ISSN 0177-686X

ISBN 978-3-631-93964-2 (Print)

ISBN 978-3-631-93965-9 (ePDF)

ISBN 978-3-631-93966-6 (ePUB)

DOI 10.3726/b23415

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Inhaltsverzeichnis

  1. 1. Einleitung

    1. 1.1 Erste Verbindungslinien: Heinrich Hauser und die Visionen der Avantgarde

    2. 1.2 Übersicht der Forschungsliteratur zu Heinrich Hauser

  2. 2. „Avantgardismus“: Die „panische Besitzergreifung der Welt durch einen Gedanken“

    1. 2.1 Zum historisch-terminologischen Ort der Avantgarden

    2. 2.2 Avantgardismus als „Manifestantismus“

    3. 2.3 Eine Theorie der Avantgarde

    4. 2.4 „Besitzergreifen der Welt“ durch Offenheit und Verschränkung

  3. 3. „Nach dem Reich der Lebewesen beginnt das Reich der Maschinen“ – Zum Futurismus

    1. 3.1 Mensch und Maschine

      1. 3.1.1 Neuerstehung durch Technik

      2. 3.1.2 Verweiblichung der Maschine

      3. 3.1.3 Der mechanisierte Mann

        1. 3.1.3.1 „Ich preise den gewalttätigen Tod am Ende der Jugend“ – Mafarka der Futurist

    2. 3.2 Männlichkeitsideale und die Zerstörung des Menschlich-Weiblichen

    3. 3.3 Krieg und Gewalt

    4. 3.4 Die Schönheit des „Zweckmäßigen“

    5. 3.5 Bewegung, Geschwindigkeit und Selbstverbrauch

    6. 3.6 Avantgardistischer Bewegungskult und die Form des Werks

      1. 3.6.1 „… wie eine dynamische fragmentarische Symphonie“ – Futuristisches synthetisches Theater

      2. 3.6.2 „Technisierte Wahrnehmung“: „… Drahtlose Phantasie – Befreite Worte“

    7. 3.7 Zusammenfassung

  4. 4. Zur avantgardistischen Unterströmung in Heinrich Hausers frühen Reportagen

    1. 4.1 „Die Menschheit beginnt mit der Anwendung der einfachen Maschine“ – Friede mit Maschinen (1928)

      1. 4.1.1 Das Humane der Maschine

      2. 4.1.2 Werkstoffgefühl und Autocharakter

      3. 4.1.3 Die Verwicklung von Mensch und Maschine

      4. 4.1.4 Mann und Maschine – Ent- und Begrenzung im Fahrenlernen

      5. 4.1.5 Komplexität der Maschinenseele

      6. 4.1.6 Rationalisierung menschlicher Arbeitskräfte durch die Maschine – Das „System Taylor“

      7. 4.1.7 Schönheit des „Nützlichen“

      8. 4.1.8 Geschwindigkeit, Bewegung und Alter

      9. 4.1.9 Metaphern des Krieges

      10. 4.1.10 Amerika: Gegenpol zur Tradition

      11. 4.1.11 Fazit

    2. 4.2 „Wenn ich ein Dichter wäre, dann würde ich die Walzwerkmänner besingen“ – Schwarzes Revier (1930)

      1. 4.2.1 Natur(-metaphorik) und Überlagerung der Natur durch Technik

      2. 4.2.2 Kriegsmetaphorik und Imaginationen von Kämpfen

      3. 4.2.3 Der Mensch und der Umgang mit der Maschine

        1. 4.2.3.1 „Im Anfang war die Zeche“

        2. 4.2.3.2 Im Röhrenwalzwerk

        3. 4.2.3.3 Rationalisierung und die Rolle des Menschen im Arbeitsprozess

        4. 4.2.3.4 Erspüren des Materials und Schönheit des Stofflichen

        5. 4.2.3.5 Im „Drahtwalzwerk“

      4. 4.2.4 Der Arbeiter

      5. 4.2.5 Fazit

    3. 4.3 „Der Typ der Zukunft wird ein leidender sein“ – Feldwege nach Chicago (1931)

      1. 4.3.1 „[…] der häßlichste Ford, der je gebaut worden ist“ und der Blick des „Neuverlobten“ – (Be-)Deutungen des Automobils

      2. 4.3.2 Entgrenzungserfahrungen durch Techniken der Mobilisierung

      3. 4.3.3 Die Fordfabrik – „der verlängerte Schatten des Mannes“

      4. 4.3.4 Gesellschaftliche Grenzgänger_innen und der „leidende Typus der Zukunft“

      5. 4.3.5 Fazit

    4. 4.4 Die „Kehrseite der Wolkenkratzerfront“ – Weltstadt in Flegeljahren (1931)

    5. 4.5 „[…] man müßte den Grund abtasten nach dem Ursprung des Bebens, das die ganze Welt durchschüttelt“ (WO 4) – Wetter im Osten 1932

      1. 4.5.1 Die „neue Jugend“ der Segelflieger

      2. 4.5.2 „Etwas Ungeheures, drohend wie die Wolkenbank vor einem Orkan“ – Ahnung einer Revolution

      3. 4.5.3 „Diese Schicht als Schicht muss untergehen“

      4. 4.5.4 Kämpfe und Kriege

      5. 4.5.5 Maschinen im Osten?

      6. 4.5.6 Fazit

    6. 4.6 „Jeder, der heute fliegen lernt, lebt und kämpft für diese Zukunft“ – Ein Mann lernt fliegen (1933)

      1. 4.6.1 Annäherungen an den Luftraum

      2. 4.6.2 Die Verbindung von Mann und Maschine

        1. 4.6.2.1 Gefahren

        2. 4.6.2.2 Gefühle und Instinkt

      3. 4.6.3 Das Flugzeug als Lebewesen

      4. 4.6.4 (Kollektive) Männlichkeit und das Fliegen

      5. 4.6.5 Fazit

  5. 5. Abschlussbetrachtungen

  6. Literaturverzeichnis

  7. Sekundärliteratur

  8. Onlinequellen

Kapitel 1 Einleitung

1.1 Erste Verbindungslinien: Heinrich Hauser und die Visionen der Avantgarde

[U]m zu wissen […], ob der Künstler wirklich zur Avantgarde gehört, ist es notwendig zu wissen, wohin die Menschheit marschiert, welche die Bestimmung der Spezies ist.1

Avantgarde ist Bewegung; bemüht man eine Annäherung an die geistigen und ästhetischen Bestrebungen der Gruppierungen, die unter dem Begriff der „Avantgarde“ versammelt werden, so wird dies unweigerlich bewusst. Die „militärtheoretische Begriffsherkunft“2 leiht ihr den Gedanken der „Vorhut“, jener „hochmobilen Einheit“, die sich ganz vorn befindet, „vor dem sich bewegenden Heere auf[klärt]“.3 Mit ihrem Aufbruch im Jahr 1909, der sich mit dem ersten Manifest des Futurismus4 konstituiert, beginnt die historische Avantgarde ihren gewaltsam anmutenden geistig-künstlerischen Weg nach vorne, auf dem das avantgardistische Schaffen die Lebenswelt grundlegend umgestalten, in Aufruhr bringen wollte, aus dem Kunstwerk heraus wirkend eine Revolution herbeizuführen suchte – man wollte, so formulierte es Peter Bürger in seiner Theorie der Avantgarde, „von der Kunst aus eine neue Lebenspraxis organisieren“.5

Gemäß dieser Ambition suchte jede Ausprägung der Avantgarde ihre Tendenz, um dem Anspruch gerecht zu werden: Die Futuristen priesen in ihrem ersten Manifest, neben dem Krieg als „einzige[r] Hygiene der Welt“6, insbesondere „die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag“7 in der Kunst und über diese hinausgehend; sie erkannten für sich, dass „sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert [habe], die Schönheit der Geschwindigkeit“8, die sie in Ausprägungen des Technischen, insbesondere in dem durch Technik bewegten „alltäglichen“ Leben zu vernehmen meinten – all das, so befand Marinetti im Vergleich, sei „schöner als die Nike von Samothrake9; „Schönheit“ – sie ist für die Futuristen grundsätzlich nur noch möglich im Absoluten des „Gewöhnlichen“, das sich in der Anbetung technischer Materialität sowie Funktionalität ausdrückt, gleichsam auch im Extrem der Gewalt in Erscheinung tritt – „im Kampf“.10 Der Futurismus erzählt von Bildern des Werdens und (immer bewegten, temporären) Seins, das sich aus der Dynamik des technischen Fortschritts heraus entwickelt, der zur Grundlage jeder menschlichen Weiterentwicklung wird; dies schließt Visionen einer von Technik und dem Neuen getriebenen Zukunft ein, die nicht aus der Gegenwart erwachsen, sondern nur auf ihren Trümmern, in einem Bruch entstehen kann. Der Futurismus postuliert neue Freiheiten, imaginiert wie alle Strömungen der Vorkriegs-Avantgarde11 auf diesem Fundament ein notwendig bourgeoisiekritisches, dezidiert antibürgerliches Leben, für das nur noch das Regelmaß der neuen technisch-industriellen Präzision und Schnelligkeit gilt; es ergibt sich aus von permanenter Bewegung bestimmten Denkweisen und Erscheinungsformen des „Zukünftigen“, jenes „Neuen“, für das der „Futurismus als Innovator“12 bereits mit seinem Namen einsteht. Das stetige, zum Teil mäandernde Vorwärtsdrängen des Futurismus’ lässt diesen, wie Alfred Döblin schrieb, nicht bloß erscheinen wie eine „Richtung, sondern eine Bewegung. Besser: er ist die Bewegung des Künstlers nach vorwärts“.13

Mit ähnlicher Radikalität, wenn auch mit anderer Akzentuierung, hielten es die Dadaisten mit ihrer Wahrnehmung von Leben und Welt, riefen 1916 aus: „Dada Weltkrieg und kein Ende. Dada Revolution und kein Anfang“14; Hugo Ball erklärte im Rahmen des Eröffnungs-Manifests des Dadaismus’: „Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. […] Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen“15 und verwies damit auf die Bestrebungen um einen „dadaistischen Aufbruch“, einer Um- und Neuformung aller „gängigen“ sprachlichen und gedanklichen Konzepte der gegebenen Realität. Im Surrealismus schließlich war es, wie Breton 1924 in seinem ersten Manifest ausrief, der „reine Ausdruck“16, der aus der Bewegung hervorbrechen sollte, der erwachsen sollte aus „der Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“.17 Unabhängig von ihrer Ausrichtung ist allen Ausprägungen der Avantgarde schließlich gemein, dass sie sich selbst mit ihrem „Denken als die Spitze der Entwicklung“18 imaginierten, was die „Überwindung des […] restlos Erkannten“19, also auch die Überwindung des „eigenen Erkennens“ immer miteinschließt, es sogar zwingend macht. Marinetti formulierte diesen Gedanken in seinem ersten Manifest des Futurismus’ so: „Die Ältesten von uns sind jetzt dreißig Jahre alt […]. Wenn wir vierzig sind, mögen andere, jüngere und tüchtigere Männer uns ruhig wie nutzlose Manuskripte in den Papierkorb werfen. Wir wünschen es so!“20 Die „avantgardistische Welttransformation“, so deutet sich hier an, kann nicht gedacht werden, ohne den Impuls der Selbstauslöschung, die eigene „Aufhebung“ miteinzuschließen.

Die oben wiedergegebenen, wohl zu den bekanntesten Zeilen aus den Manifesten der genannten avantgardistischen Strömungen gehörenden Ausrufe bilden die jeweiligen Bewegungen selbstverständlich nicht in all ihren gedanklichen Ausprägungen ab, sie erklären auch nicht das Fundament, auf dem die Avantgarden sich bewegten, aus dem sie sich begründeten; dennoch geben sie einen Hinweis auf das Pathos der avantgardistischen Bestrebungen, verweisen sie auf ihren Anspruch, Revolution zu sein, sich restlos gegen eben diejenigen wenden zu wollen, die sie für nicht mehr „vollkommen schlagfertig“ hielten.21

Im Jahr 1928, 19 Jahre nach Veröffentlichung von Marinettis Initialmanifest der futuristischen Bewegung und damit dem Beginn der historischen Avantgarden, beklagte der Autor Heinrich Hauser in seinem „manifestartige[n]“22 Band Friede mit Maschinen, dass technischem Fortschritt mit falschem Argwohn begegnet werde, dass Menschen dazu neigen, zu verkennen, wohin sich die Menschheit mithilfe maschineller Verstärkung ihrer selbst bewegen kann, weil sie „das Wesen und die Wirkungsweise der Maschine nicht“ (FM 78) verstehen. Dies führe „[i]n der Geschichte der Maschinen“ (ebd.) zu dem immer gleichen

Bild: Fischer zerstören das erste Dampfschiff, Weber den ersten mechanischen Webstuhl, Bauern zerstechen den ersten Luftballon mit Mistgabeln. Teufelsding nannte man die erste Lokomotive, Teufelskutsche das erste Auto. Maschinenfeindschaft ist ihrer ganzen Herkunft nach inferior. Wer sich in ihr Lager begibt, befindet sich in schlechter Gesellschaft (FM 78).

Mit der Artikelreihe Friede mit Maschinen, deren Titel bereits die hier verfolgte Ambition mehr als deutlich macht, wollte der Autor gegen Maschinen- und Fortschrittsfeindschaft vorgehen, suchte er gar auszuweisen, „daß ein Gegensatz zwischen Mensch und Maschine nicht existiert“ (FM 77).

Hauser, geboren 1901 in Berlin, gestorben 1955 in Dießen am Ammersee, lebte kurz, aber dicht23: Ein Leben in ständiger Bewegung im Äußeren, die anhand von Aufenthalten in „geographisch weit auseinander liegende[n] Regionen wie Europa, Australien oder Südamerika“24 ablesbar ist, sich aber auch in der Erfahrung „unterschiedliche[r] politische[r] Gesellschaften“25 zeigt – „als Kind im Kaiserreich, als junger Mann in der Weimarer Republik, später unter der Nazidiktatur, dann im amerikanischen Exil und schließlich in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit“26 hat Hauser gelebt. Auch der Blick auf ihn als „Schreibenden“, wie Hausers Bio- bzw. Bibliographin Grith Graebner ihn in ihrer umfangreichen Schrift vornimmt, offenbart ein inneres Getriebensein, den hochgradigen Schaffensdrang Hausers, der sich in Tätigkeiten „als Roman-Autor, Schriftsteller, als Feuilletonist, Reporter, Journalist, Essayist, Erzähler, Ghostwriter, […] Verfasser von Science-Fiction-Texten, Dokumentationen, Firmen- und Werbeschiften, Drehbüchern etc.“27 zeigt und demgemäß in Werken resultiert, die sich „sowohl literatur-historisch wie auch in den unterschiedlichen Genres“28 verschieden gruppieren lassen. Dies liegt auch daran, dass Hausers Schreiben nicht ausschließlich um Texte konzentriert bleibt, oft im Medienverbund erfolgt, sein Wirken zudem nicht ausschließlich das des Autors war. Auch wenn Heinrich Hauser sich bis zu seinem Tod im Jahre 1955 u. a. „umfangreiche[n] Arbeiten im Auftrage verschiedener Firmen und Industrieunternehmen“29 gewidmet hat, bis zuletzt produktiv war, bleibt seine erfolgreichste Schaffensphase auf die Jahre von 1925 bis 1934 konzentriert.30 Die Karriere Hausers beginnt mit der Veröffentlichung seines Romans Das zwanzigste Jahr (1925), der sich dem Spätexpressionismus zurechnen lässt, und setzt sich mit Publikationen von Romanen der Neuen Sachlichkeit fort, zu denen neben Brackwasser, für den Hauser als Träger des Gerhart-Hauptmann-Preises zu Aufmerksamkeit gelangte31, auch die Schrift Donner überm Meer (1929) zählt; daneben umfasst Heinrich Hausers Werk auch Reportagen wie Die letzten Segelschiffe (1930), die mit der 15. und 16. Auflage neben dem Text auch Fotografien enthielt32 oder die Ruhrgebietsreportage Schwarzes Revier (1930), in der der Reporter dem Schaffen seiner Texte bereits einleitend eine gewisse Beiläufigkeit unterstellt (vgl. SR 4), Fotografien gar wie das deutlich interessantere und geeignetere Medium erscheinen, etwas derart Pulsierendes wie das Ruhrgebiet in seiner Regung für die Rezeption zu projizieren. Die den Werken zugrundeliegenden Eindrücke ergeben sich demgemäß über verschiedene mediale Zugänge, die Hauser in Reportagen, Fotografien sowie Dokumentarfilmen zu binden weiß. Nicht nur als Schriftsteller also, auch als „Journalist, Fotograf, Regisseur, Kameramann“, ebenso jedoch als „Matrose, Stahlarbeiter, Farmer“33 hat er gewirkt und gelebt, das alles teilweise nicht nach-, sondern nebeneinander: Biografische Realität findet sich dementsprechend immer wieder in Hausers fiktionalen Texten einerzählt, „Autobiografie“ und faktuale Schriften wiederum nehmen Impulse von Fiktion auf; dies führt zu einer Verwobenheit von Realität und Fiktion in Leben und Werk Heinrich Hausers, oft auch in der Deutung dieser, die das eine nicht trennscharf von dem anderen scheiden lässt – so gilt, „[w]o die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verläuft, ist bis heute für Ereignisse in Hausers Leben unklar und enthüllt sich nur langsam“.34 Der bildhafte wie auch wörtliche Bewegungsreichtum sowie die Dichte in dem Wirken Hausers äußern sich in einer Vielgestaltigkeit, die sich nicht nur über die Gleichzeitigkeit verschiedenartiger außerliterarischer Tätigkeiten sowie divergierender Rollen als Schreibendem ergibt, sondern sich ebenfalls in einer gleichermaßen das Leben und Werk umfassenden Widersprüchlichkeit offenbart. In Hausers Texten ist diese so beispielsweise in Form einer Sehnsucht nach Heimat zu ermitteln, in einer Suche nach Personen und Orten, die zu einer solchen werden können, gleichsam präsent wie die beinahe zeitgleich empfundene Unruhe, in die er seine Sprecher immer dann geraten lässt, sobald ihrem Sein ein Zustand der Endgültigkeit droht, oder auch ein Miteinandersein Alltag zu werden beginnt. Ebenso oft spannt sich das (literarische) Ich Hausers zwischen dem Wunsch nach einem „natürlichen Leben“, dem Verlangen, die Welt in einem Urzustand zu erfahren sowie einer beinahe rasenden Faszination für Technik, Modernität und Zivilisation, dem nicht auszuweichenden Drang, Maschinen affektiv und sensuell zu erspüren und diesen „technischen Sinn“ in extensive Analysen zu übertragen. Das Spannungsverhältnis in Hausers Werk entsteht dabei nicht nur aufgrund der Gleichzeitigkeit offensichtlich divergierender Weltdeutungen und -haltungen; Spannung entsteht auch in Inkonsistenzen, die sich in der Auseinandersetzung mit demselben Gegenstand entwickeln, in gegensätzlichen Haltungen zu demselben Sachverhalt, die unkommentiert nebeneinandergestellt werden. Diesen Umstand beobachtet Matthias Uecker z. B. in Bezug auf Hausers Amerikabericht Feldwege nach Chicago, er lässt sich jedoch in ähnlicher Form auch in anderen Werken erkennen. Hausers „impressionistische Zugangsweise zur beobachteten Realität“35, wie der Autor in der Reportage seine Annäherung an den Gegenstand etwa auch selbst beschreibt, bedinge eine „Aneinanderreihung kurzer, in sich geschlossener Aufzeichnungen und Eindrücke, die nur locker zusammengehalten werden durch die Chronologie der Reise und die Konstanz des Autors als Beobachtungs- und Reflexionsinstanz“.36 Jedoch sei auch diese nicht konstant,

denn Hauser bemüht sich kaum um eine reflektierte Urteilsbildung, die die einzelnen Eindrücke nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Unbekümmert um Zusammenhänge oder Widersprüche beschreibt und bewertet Hauser vielmehr alles so, wie er es im Moment des Wahrnehmens oder Schreibens erlebt, und reiht lauter kleine Gegenwarten aneinander, ohne dass sich aus ihrer Abfolge eine Entwicklung oder gar eine Geschichte ergäbe.37

Der Band Friede mit Maschinen, dem das einführende Zitat Hausers entnommen ist, sucht technizistische Glaubensätze in die Wirklichkeit „gewöhnlicher“, insbesondere aber bürgerlicher Menschen zu übersetzen, möchte technischen Fortschritt als oft hinterfragten und missverstandenen, aber beständig wirkenden Katalysator menschlichen Fortschritts propagieren und feiert Maschinen als Objekte in ihrer Materialität, ihre Oberflächen, Bewegungen, ihre Funktionalität und Produktivität. Hauser zeigt die Größe des technisch Möglichen auf, indem er diejenigen beobachtet, die an ihm partizipieren, oder sie selbst in der eigenen Aktion erprobt. Reflexionen über Maschinen und Technik, wie sie jene in Hausers Friede mit Maschinen darstellen, sind auch anderen faktualen sowie fiktionalen Texten des Autors zu entnehmen; sie veranlassen dazu, Hausers „Gesamtwerk von den mit Technisierung verbundenen Fragestellungen durchdrungen“38 zu lesen, ihn in seinem Wirken als Autor zu untersuchen, „der sich in seinem künstlerischen Schaffen wie kaum ein zweiter mit zentralen Fragen des technischen Fortschritts und des Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine auseinandergesetzt hat“.39 Wenn im Zuge von Hausers Technik-Reflexionen nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine gefragt wird, so ist der Mensch, der hier gemeint ist, vorwiegend auf die immer gleiche Weise skizziert: Er ist als junger, hypermaskuliner Mann der Tat gedacht, der sich außerhalb der bürgerlichen Schicht bewegt, in den Reportagen Hausers z. B. vorwiegend als „Arbeiter“ tätig ist und zugleich als Pionier mit der Maschine verfährt, der bereit ist, sich in seiner Tätigkeit zu verausgaben, sich komplett zu verbrauchen. Seine Physis, sein körperliches Handeln und sein Wesen leiten sich aus den Merkmalen der Maschine ab, durch eine Integration der Technik in das gewöhnliche Leben bis hin zu ihrer „Inkorporation“ in sein Ich macht er die Welt mobil. Die sich daraus ergebenden Visionen einer durch Technik formierten Welt gehen einher mit einem bestimmten Männerbild, das eine spezifische Form von „Männlichkeit“ der „Weiblichkeit“ überordnet. „Weiblichkeit“ bleibt oft nur dann geduldet, wenn ihre Merkmale der Maschine übergestülpt werden, die Maschine die Funktion einer Partnerin übernimmt. Oft erscheint in den Darstellungen Hausers damit die Maschine mithilfe verschiedener literarischer Mittel belebt; so wird sie u. a. über diese textuellen Reflexionen als bedeutsamstes Mittel stilisiert, das das Gewesene auf dem Weg zu einer gesellschaftlichen Progression ersetzt, ebenso wird sie ästhetisiert, zu einem legitimen Gegenstand von Literatur erhoben.

Diese grobe Skizze einzelner thematischer Schwerpunkte sowie literarischer Verfahrensweisen mit ihnen trägt Anstöße, wie sie ähnlich aus den Proklamationen der frühen historischen Avantgarde hervorgebrochen sind.40 Dies lässt es möglich erscheinen, einer bisher wenig beachteten Tendenz41 im Wirken Hausers nachzuspüren, einer von „avantgardistischen Regungen“ durchdrungenen Unterströmung in seinen Texten, die es denkbar macht, einige der bisher maßgebend untersuchten Werkaspekte in einen neuen Deutungsrahmen zu setzen und Hausers Schriften damit eine weitere Lesart beizugeben. Wenngleich Heinrich Hauser selbst nie als aktiver Teil der Avantgarden gewirkt hat, so ist anhand seiner Texte doch ebenjene, die frühe Avantgarde kennzeichnende Gesinnung zu ermitteln, die sich insbesondere am Beispiel ihres Gegenstandes und der hier aufkommenden zentralen Motive zeigt. Viele seiner Produktionen sind in Teilen gerührt von einem Streben danach, beinahe bis zur Selbstaufhebung als Schrittmacher für ein von der Technik dynamisiertes vorwärtsdrängendes Denken und Handeln zu wirken, das restlos Erkannte zu überwinden, im Gegenzug dafür Neues anzupreisen und ihm gleichermaßen den Weg zu bereiten, damit letztlich „Aktion“ zu sein – möglicherweise gar selbst in Bewegung zu versetzen. Konkrete Anknüpfungspunkte, von denen aus diese Aspekte gedacht werden können, bestehen zunächst im Bereich der literarischen Auseinandersetzung mit „Technik“ und den thematischen Sphären, die diese streift, wie sie zuvor als Hausers Texten inhärent benannt wurden, und wie sie mit Blick auf die historischen Avantgarden vor allem auch in literarischen Schriften und Proklamationen des Futurismus’ manifest werden. Diese Überschneidung scheint nicht verwunderlich, denn, so formulieren es Wolfgang Asholt und Walter Fähnders in Bezug auf die Wirkungskraft futuristischen Gedankenguts, „[d]em avantgardistischen Großmanager Marinetti ist es gelungen, seine Bewegung national und international bekannt zu machen; das war sicher nur möglich, weil es auch anderswo vergleichbare Erwartungen […] gab“42 – Hausers Wirken macht diesen Umstand greifbar.

Eine Auseinandersetzung mit „Technischem“ findet in beinahe jedem von Hausers Werken auf gewisse Weise statt; in dem genannten Zusammenhang relevant erscheinen jedoch insbesondere die frühen Reportagen Hausers, die von ihm im Auftrag verschiedener Verlage geschrieben worden sind. Als „literarische Gebrauchsform“ verfolgt die Reportage den „Anspruch auf dokumentarische Authentizität“ und macht neben sozialen Konflikten und gesellschaftlichen Ereignissen auch Städte und Länder zum Gegenstand ihrer Darstellungen, bewegt sich damit in ihrer thematischen Ausrichtung besonders am Puls der Zeit; in diesem Rahmen artikuliert der Bericht des Reporters seine „subjektiven Wahrnehmungen“ und zielt über diese nicht nur darauf ab, dem Rezipienten „Erfahrungen und Erkenntnisse zu vermitteln, die im normalen Alltag unzugänglich bleiben“, sondern sucht auch danach, „die Haltung des Publikums [zu] beeinflussen“.43 Die Reportagen Hausers sind auch aufgrund der Tatsache interessant, dass sie nicht nur erhebend von technizistischer Fortschrittsprogrammatik schreiben, sondern den Reporter selbst in der begeisterten Anwendung innovativer Maschinen zeigen. In Verbindung mit ihrem Entstehungskontext, der sich meist aus einer Nutzung von Techniken der Fortbewegung ergibt, erscheinen die Reportagen Hausers durch den Gebrauch von (meist automobiler) Technik den Raum für das zu erschaffen, das er in seinen Texten beschwört, es zu propagieren. So vermitteln seine Reportagen bisweilen den Eindruck, als ließen sie in Wechselwirkung zugleich die in der Bewegung erschaffene Wirklichkeit Text werden und den so entstandenen Text in der Rezeption auf die Wirklichkeit „übergreifen“.

Hauser schreibt nicht nur über die Dinge, die um ihn herum sind, sondern schreibt sich selbst in der Aktion in Gesehenes mit ein: So u. a. auch in der Reportage Schwarzes Revier, im Rahmen derer er eigene Erfahrungen als Arbeitender (z. B. am Hochofen) wiedergeben kann, während er gleichzeitig aus der distanzierten Position des Reporters heraus das Ruhrgebiet, seine „äußere Gestalt“ und die hier arbeitende Bevölkerung erforscht und schreibend bewertet – Perspektiven, die voneinander verschieden wirken, Sehen, das in Bewegung erfolgt, das dynamisch ist; ein Umstand, der sich sowohl an dem Gehalt seiner Schriften zeigt – im Verfolgen der Arbeitsprozesse von Menschen, von Maschinen, im Nachvollzug der raschen Wandlung des Ruhrgebiets im Schwarzen Revier, auch hier im Springen zwischen den Jahren, zwischen Vergangenheit und Gegenwart seines Berichts – gleichermaßen in dem Text-Bild-Gefüge Reflexion findet, das diesen Gehalt umspannt. In seiner künstlerischen Realisierung, auch als „Experiment“ in der Nutzung verschiedener Textformen und Blickwinkel und ebenso durch den Einsatz unterschiedlicher Medien, wirkt Hausers Schaffen „mobil“ in seiner Art, Gesellschaft zu erfassen, gegebene Lebenswelten zu lesen und sie sowohl literarisch wie in seinem eigenen Handeln zu erschaffen. Dem zugehörig ist auch der durch die Technik „verlängerte“ Blick, die maschinell erweiterte Perspektive, die dazu beiträgt, ein Begreifen und Vermitteln der Welt in dem genannten Umfang zu ermöglichen. Hausers Sehen erfolgt mit Film und Fotografie nicht nur durch eine Maschine hindurch, auch ergibt es sich aus einer Maschine heraus, im „Erfahren“ des lebensweltlichen Kontexts. So durchfährt der Autor in der Reportage Schwarzes Revier das Ruhrgebiet in seinem Cabrio, sucht die Feldwege nach Chicago in dem seinem Empfinden nach „hässlichsten Ford“, der je gebaut wurde (vgl. FnC 22); dem Wetter im Osten nähert er sich u. a. im Zug, in Ein Mann lernt fliegen steht ihm das zur Zeit seiner Entstehung wohl modernste Fortbewegungsmittel, das Flugzeug, zur Verfügung; teilweise vollzieht sich die „technisierte Wahrnehmung“ auch simultan, so wenn Hauser, z. B. in der Reportage Feldwege nach Chicago, „zu Filmaufnahmen vom fahrenden Wagen“ aus „verlockt[]“ wird (FnC 79). Die Bedeutsamkeit, die Technik in dem Wirken Hausers innehat, findet bereits in ebendieser Art des Zugänglichmachens Reflexion. Allen Welten, die der Autor dabei erschreibt, ist so auch ein „Pathos des Zukünftigen“ innerlich: einer aus dem Technischen, aus der Verbindung von Mensch und Maschine erwachsenden, im Schreiben Normalität und so auch gegenwärtig werdenden bevorstehenden Zeit. Ein „Pathos des Futurs“44, das dem des Futurismus’ in nichts nachsteht.

Es gibt, dieser Umstand kann und soll nicht verneint werden, dennoch zahlreiche Passagen in den faktualen wie auch fiktionalen Texten Hausers, auf die dieser Gedanke nicht bezogen werden kann, Werke, in denen eine Gegenwelt zu der technisierten entworfen wird – eine „Urwelt“, in die das Individuum auch vor der Welt des Technischen zu fliehen sucht –, in denen die wechselseitige Anpassung von Mensch und Maschine zwar einerseits erstrebt wird, die hierdurch entstandene Entgrenzung für den Sprecher aber auch angstbesetzt ist, Passagen, in denen der Stillstand die Dynamik bewusst überstimmt; die nachfolgenden Überlegungen wollen diese Tendenzen nicht negieren, sie möchten den Blick insbesondere auf die Textmerkmale und -inhalte richten, die Hausers bejahende Haltung gegenüber dem „Modernen“, dem Technischen und der Verbindung von Mensch und Maschine ganz eindringlich exponieren und so eine verbindende Betrachtung futuristischer Programmatik und dem Schaffen Hausers möglich erscheinen lassen. Der Autor Heinrich Hauser und sein Werk zeigen sich in vielen Bereichen gezeichnet von einer ungemeinen Ambivalenz, wie die vorangegangenen Ausführungen angedeutet haben sollen; die zum Teil bestehende Nähe insbesondere der frühen Schriften Hausers zu dem Gedankengut des Futurismus’ fügt sich in diesen Zustand der Spannung.

Für eine genauere Untersuchung der avantgardistischen Untersetzung in Heinrich Hausers Texten scheint es bezüglich „außerinhaltlicher“ Aspekte zunächst sinnvoll, eine Eingrenzung der zu betrachtenden Texte über ihren Entstehungszeitraum vorzunehmen, da die Gesinnung, die auch die Avantgarde und ihre textlichen Erzeugnisse in ihrem Ursprung trägt, an einen spezifischen kulturellen Raum mit seinem sozialen und historischen Kontext gebunden ist; dieser umfasst mit Blick auf das Wirken der futuristischen Avantgarde die Jahre 1909–1934, setzt bei den Werken Hausers etwa ab der Mitte der zwanziger Jahre an. Insbesondere die früheren faktualen Schriften Heinrich Hausers zeigen sich dabei von Technikdiskursen bestimmt und aufgrund ihrer Konzeption auch selbst durch den Einsatz verschiedener Maschinen, der wiederum die thematische und teilweise auch narrative Ausrichtung der Texte anleitet. Daher sollen als Grundlage der vorliegenden Untersuchung die diesem Zeitraum zuzuordnenden umfangreicheren faktualen Texte Heinrich Hausers bestimmt werden, die im Auftrag verschiedener Verlage entstanden sind. Zu diesen zählen insgesamt fünf Schriften, beginnend mit dem 1928 erschienenen Band Friede mit Maschinen, den Hauser unter dem zu Beginn aufgeführten Leitgedanken verfasst hat, aufzuzeigen, „daß der feindliche Gegensatz Mensch-Maschine im Grunde ein künstlich konstruierter Gegensatz ist“.45 Diese Zusammenfassung einer Artikelserie, die Heinrich Hauser für die Frankfurter Zeitung geschrieben hat, ist damit in ihrer „Machart“ von den folgenden Reportagen verschieden, beinhaltet aber Verweise auf viele der Motive aus den späteren Texten. Ebenso werden die im S. Fischer Verlag erschienene Ruhrgebietsreportage Schwarzes Revier (1930) sowie der Amerikabericht Feldwege nach Chicago (1931), weiterhin die im Eugen Diederichs-Verlag veröffentlichte Reportage über Ostpreußen, Wetter im Osten (1932), und Hausers vom S. Fischer Verlag finanzierter Bericht über das Fliegenlernen Ein Mann lernt fliegen (1933) untersucht. Hauser schildert in den genannten Texten die Unsicherheiten seiner Zeit, Widersprüche und „Spaltungen“ der Gesellschaft, die sich in Armut, ökonomischen und politischen Krisen zeigen; gleichzeitig kreist sein Denken immerfort um die Größe und Möglichkeiten technischer Entwicklungen, sich daraus ergebender, antibürgerlich gedachter gesellschaftlicher Neuerungen, die Brücken zu avantgardistischen Fortschrittsvisionen schlagen. Dass Heinrich Hauser dabei „multimedial“46 dachte, zeigt sich nicht nur anhand der Bilder, die den aufgeführten Reportagen beigegeben sind – auch die von ihm aufgenommen Filme bestätigen dies; so soll der im Kontext seiner entsprechenden Auftragsreise entstandene Film Weltstadt in Flegeljahren (1931) ergänzend zu der Reportage Feldwege nach Chicago betrachtet werden. Wenngleich auch die 1930 veröffentlichte Reportage Die letzten Segelschiffe in den zeitlichen Rahmen der ausgewählten Auftragsschriften fällt, soll dieser Text in der Untersuchung nicht berücksichtigt werden; Die letzten Segelschiffe steht als Versuch einer utopischen Zivilisationsflucht und befasst sich dementsprechend nicht in dem Maße mit technisch zivilisatorischen Entwicklungen, wie Hausers frühe Maschinen- und Fabrik bzw. Industrietexte es tun, die den Ausgangspunkt der nachfolgenden Untersuchungen bilden werden.

Die ausgewählten Werke sollen im Einzelnen textnah und aufeinander folgend untersucht werden, um so möglichst umfassend Hinweise auf ihre avantgardistischen Impulse herausarbeiten zu können; die insgesamt fünf Texte nehmen in unterschiedlicher Intensität zum Teil gleiche Motive auf, variieren diese jedoch auch oder verhandeln Themen und Bilder, die nur innerhalb eines Textes in der Form auftreten. Auch zeigen sich bisweilen bereits innerhalb eines Textes die für Hauser typischen Inkonsistenzen, einander widerstrebende Haltungen in Bezug auf denselben Gegenstand, die in der Analyse und Deutung Widersprüche bedingen können. Um einer damit einhergehenden möglichen Selbstwidersprüchlichkeit in der Auseinandersetzung mit den Texten zu entgehen, sollen die genannten Motive zunächst im Kontext des jeweiligen Werkes untersucht werden.

Die Grundlage für den Nachvollzug von Hausers futuristischen Visionen bildet eine anfängliche Auseinandersetzung mit der historischen Avantgarde, aus der sich der sozialhistorische und ideologische Rahmen ergibt, in den wiederum die Bewegung des Futurismus’ sich fügt. Vor dieser Folie wird insbesondere eine Auswahl futuristischer Manifeste im Hinblick auf die hier sichtbar werdenden Weltanschauungen, literarischen Seins-Entwürfe und sprachlichen Bilder untersucht, um so immer Wiederkehrendes aus den Produktionen der Futuristen herauszufiltern und zu verbindenden „Kategorien“ zu strukturieren. Die Ergebnisse dieser Betrachtungen sollen eine Überprüfung von Heinrich Hausers Maschinen- und Industrietexten anhand textgebundener, konkreter Merkmale und Kategorien im Hinblick auf die ihnen zugrundeliegende avantgardistische Unterströmung ermöglichen, die in ihnen in unterschiedlicher Intensität immer wieder aufscheint.

Um zunächst das Werk Heinrich Hausers, seine verschiedenen Ausprägungen und Lesarten zu verorten, soll am Anfang der vorliegenden Auseinandersetzung ein Überblick über die zu Heinrich Hauser verfasste wissenschaftliche Literatur erfolgen. Die Übersicht beginnt mit den umfangreichsten Untersuchungen zu Heinrich Hausers Leben, Schreiben und anderweitigem Schaffen und ist bemüht, folgend die Veröffentlichungen seit den 1970er Jahren aufzuführen und einen Großteil dieser Beiträge im Hinblick auf die aus ihnen hervorgehenden Erkenntnisse zu skizzieren. Eine strenge Chronologie kann bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aufsätzen nicht eingehalten werden, da sie nach Möglichkeit auch hinsichtlich ihrer thematischen Ausrichtung und im Hinblick auf die Werke, die sie behandeln, gruppiert werden sollen. So werden in diesem Rahmen Analysen und Deutungen faktualer und fiktionaler Texte Hausers in den Fokus genommen, danach auch solche, die sich auf dessen Film- sowie fotografisches Material beziehen. Da insbesondere die Reportage Schwarzes Revier – wohl auch bedingt durch ihre Konzeption sowie die 2010 erfolgte Neuauflage – mit unterschiedlicher Perspektivierung und Schwerpunktsetzung auch in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erfahren hat, widmet sich die vorliegende Übersicht in ihrem vorletzten Abschnitt der Literatur zu der Ruhrgebietsreportage etwas ausführlicher. Den Schluss der Forschungsübersicht bildet ein Blick auf die Beiträge des im Jahr 2023 veröffentlichten, ersten Sammelbandes zu Heinrich Hauser, der neben Texten, die in der Forschungsliteratur vermehrt besprochen wurden, auch Einsichten zu eher „randständigeren“ Werken und Tätigkeiten Hausers beinhaltet.

1.2 Übersicht der Forschungsliteratur zu Heinrich Hauser

Wenn auch Wiederveröffentlichungen sowohl einiger der fiktionalen wie auch faktualen Texte Heinrich Hausers sowie einer seiner Filmreportagen dem Schaffenden wiederholt Aufmerksamkeit haben zuteilwerden lassen47 und Heinrich Hauser mitnichten noch als unbekannter oder gar „vergessener Autor“ gelesen werden kann, als der er auch in aktuelleren Untersuchungen bisweilen noch ausgewiesen wird, bleibt die bis heute wohl umfangreichste Auseinandersetzung mit Heinrich Hauser und seinem Werk die 2001 erschienene Studie Grith Graebners, die den Titel: „Dem Leben unter die Haut kriechen …“ Heinrich Hauser. Leben und Werk48 trägt. Diese im Untertitel als kritisch-biografische Werk-Bibliographie bezeichnete Schrift widmet sich einerseits einer sehr detaillierten Zusammenstellung der verschiedenen „Etappen“ in Hausers Leben, einem in die persönlichen sowie gesellschaftlich-historischen Lebensumstände eingeordneten Verzeichnis und Nachvollzug der Entstehung seiner Bücher, Feuilletons, Reportagen, Übersetzungen und Manuskripte sowie einer kritischen Reflexion der erarbeiteten Fakten; neben einer reflektierenden, sehr dicht belegten Übersicht über die Literatur und Publizistik Hausers sowie gleichermaßen dichten, verständnisstützenden epochen-, gattungs- und genrebezogenen Hintergrundinformationen stellt Grith Graebner Einsichten zu Filmen und Fotografien sowie Informationen zu Heinrich Hausers sonstigen Erfindungen und Patenten vor. Graebners Ausführungen haben dabei nicht ausschließlich wiedergebenden, analytisch-ordnenden Charakter, sondern enthalten immer wieder auch ausführlichere Passagen von deutenden, urteilenden Analysen der vielfältigen künstlerischen Produktionen Hausers.49 Graebner widmet so beispielsweise ein Kapitel der Untersuchung zentraler, immer wiederkehrender Motive in Heinrich Hausers Werk – in ihrer Arbeit als „besondere problemgeschichtliche Aspekte“ benannt; zu diesen zählt sie Hausers Technikbegeisterung, seine spezifische Inszenierung von Männlichkeit (nicht nur in der Literatur sondern auch in seiner Position als Schreibendem) bzw. Weiblichkeit, Hausers Schreiben und Erfahren von Unterwegssein und „Abenteuern“ sowie als letztes „Poetisches“ in seinen Schriften, womit Graebner auf „sehr einfühlsame und zarte Beschreibungen“ verweist, die ebenfalls Teil von Hausers Werken seien.50 Weiterhin untersucht sie Hausers Werk und seine Lebensgeschichte im Kontext der Exilliteratur51, des autobiografischen Schreibens52 sowie bezüglich seiner politischen Einstellung(en).53 Die Autorin schreibt dabei mit jeder dieser Ausführungen dem Bemühen entgegen, „den beeindruckenden, faszinierenden Menschen Heinrich Hauser, den Schriftsteller, den Vielfachbegabten und sein Werk, nicht wieder in Vergessenheit geraten zu lassen […]“.54 Die zweite bisher erschienene Monografie zu Heinrich Hauser ist die 2021 veröffentlichte Dissertationsschrift Mirjam Schuberts55, die eines der zentralen Motive in Heinrich Hausers Werk fokussiert, auf das bereits Grith Graebner verwiesen hat: Heinrich Hausers Haltung und sein Schreiben von Technik; so analysiert Mirjam Schubert das Verhältnis von Mensch und Maschine in dem Werk Heinrich Hausers und bezieht ihre Untersuchungen dabei auf die selbstständig veröffentlichten fiktionalen sowie faktualen Werke Hausers. Ergänzt wird diese textuelle Grundlage um einige der zu den Veröffentlichungen Heinrich Hausers gehörenden Fotografien sowie die beiden von ihm aufgenommenen Filme Windjammer und Janmaaten (1930) sowie Weltstadt in Flegeljahren (1931).56 Schuberts Arbeit verfolgt damit das Ziel, ein erweitertes Verständnis dieses wohl am prominentesten in Erscheinung tretenden Motivs in Heinrich Hausers Schaffen – der Maschine in ihren verschiedenen Ausprägungen – in seinem gesellschaftlich-historischen Kontext zu generieren. Ihre Untersuchungsschwerpunkte gliedern sich dabei in fünf Abhandlungen, die die Maschine in ihren unterschiedlichen Bestehensweisen in Hausers Werk denken und deuten: Als Mittel zum Zweck, der sich in der Arbeit mit ihr und in der Fortbewegung durch sie offenbart; als Kunstwerk, als das der Reporter, der Fotograf, aber ebenso die fiktiven Instanzen in Hausers Texten sie erfahren; als Stimulus, der Gefühl in den Menschen regt; als verlebendigte Kreatur, in Metaphorik und Analogien; auch betrachtet die Autorin das Bild eines von der Maschine losgelöst in Erscheinung tretenden Menschen, der in einer enttechnisierten Welt – oder aber in der Verbindung von Natur und Technik – zu leben sucht. Den Untersuchungen vorangestellt ist neben einer Zusammenstellung zentraler biographischer Daten Heinrich Hausers weiterhin ein quantitativer Überblick über die Maschinen, die in Hausers Werken genannt werden. Damit ist Mirjam Schuberts Buch der bisher erste analytische Zugriff auf das Gesamtwerk Heinrich Hausers, der aus seinem Schaffen die Bedeutsamkeit des Miteinanders von Mensch und Maschine herauszulesen sucht.

Vor den Auseinandersetzungen Graebners und Schuberts fanden Untersuchungen von Heinrich Hausers Werk zunächst vermehrt in den 1970er Jahren bzw. in die 1980er Jahre hineinreichend in Form einzelner Aufsätze statt, die sich insbesondere der (Reise)Reportage- oder Dokumentarliteratur57 sowie der Verhandlung von Technik und Maschinen58 in einzelnen Schriften Hausers widmeten; teilweise erfolgten die Auseinandersetzungen im weiteren Kontext einer Literatur der Neuen Sachlichkeit59, des Exils60 sowie bezüglich Hausers schreibendem Handeln im und seiner Haltung zum Nationalsozialismus.61 Hier sind insbesondere die zahlreichen, auch über die 1980er Jahre hinausreichenden Arbeiten Erhard Schütz’62 hervorzuheben, die in Zusammenhang einer Auseinandersetzung mit der Reportageliteratur, dem „Wandel im Ruhrgebiet, Mobilität und Verkehrsgeschichte“63 maßgeblich zu einer Wiederentdeckung von Heinrich Hausers schriftstellerischem Werk beigetragen haben; ebenso ist Helen Adolfs von 1978–1989 recherchierte Ausarbeitung64 zu nennen, die vor allem einen Einblick in Hausers Biografie, seine Wesenszüge sowie einige seiner Werke gibt – und neben den erhaltenen Texten Hausers auch auf dessen zu seiner Zeit in Amerika geschriebene englischsprachige Gedichte verweist.65

Anders als Helen Adolf richtet Helmut Lethen seinen Blick nicht auf Hausers Lebensdaten, sondern betrachtet zwei von dessen Werken – Friede mit Maschinen und Schwarzes Revier – im Kontext seiner Studien zur Literatur des „Weißen Sozialismus“66; er erkennt dabei in „Hausers Büchern […] das Bild der liberalen Gestalt von Technokratie“.67 Helmut Lethens Studie bezieht sich damit zwar auf Hausers Wirken vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, weist bei ihm aber dennoch eine politisch zu bewertende Gesinnung aus, die dem Nationalsozialismus dadurch, dass sie ihm nichts entgegensetzte, zugearbeitet habe.68

Zwischen Neuer Sachlichkeit und „reaktionärem Modernismus“69 situiert Gregor Streim Ende der 1990er Jahre das schriftstellerische Werk Heinrich Hausers, den er als „plastisches Beispiel für die Kontinuität ‚reaktionär-modernistischen‘ Denkens“70 sieht, fehle bei ihm doch „der Glaube an die prinzipiell reinigende Kraft des technischen Fortschritts“71, den Streim als ein Merkmal Neuer Sachlichkeit hervorhebt; zudem würden sich Hausers „Reflexionen der technischen Modernisierung […] stets an den Fixpunkten von Rasse, Volk und Nation“72 orientieren – somit

wäre Hausers Stellung in den intellektuellen Diskursen seiner Zeit statt bei der Neuen Sachlichkeit eher in der Denkrichtung des reaktionären Modernismus zu fixieren, wie sie Jeffrey Herf an einzelnen Autoren aus der Weimarer Republik und dem Dritten Reich beispielhaft entwickelt hat.73

In einer 1999 erschienenen Untersuchung über die Reisereportage zur Zeit des Nationalsozialismus’ deutet Streim das Werk Hausers in einem ähnlichen Rahmen; er erkennt am Beispiel von Süd-Ost-Europa ist erwacht, dass „[d]ie Frage nach der Kongruenz oder Differenz von technischer Modernisierung und völkischem Wesen […] das Leitprinzip“74 von Heinrich Hausers Reisebericht sei; so zeige sich in der genannten Reportage in diesem Sinne auch, dass „eine ‚organische Modernisierung‘ nur in völkisch-homogenen Nationalstaaten möglich ist“.75 Dem sehr nahe liest auch Christopher Meid den Text, verweist hier auf die auch von Hauser benannte Bereitstellung eines Fahrzeugs durch die Opelwerke76, die „das emphatische Lob deutscher Ingenieurskunst“77 durch Hausers Text zufolge hatte. Somit dienten Schriften wie Süd-Ost-Europa ist erwacht „propagandistischen Zwecken: Der Lobpreis deutscher Technik verbindet sich mit der Diskussion wirtschaftspolitischer Fragen“.78 Zu Heinrich Hausers „Anfang der 40er Jahre publizierten Reisebüchern von Kanada und Australien“79 – seinen Texten über zwei „ethnisch plurale Staaten ohne völkisch kulturelle Wurzeln“80, wie Gregor Streim es formuliert – schreibt derselbe, es sei

die Verknüpfung von technischer Modernisierung und der Begründung wirtschaftlicher Autarkie, von modernem Pioniergeist und politischer Unabhängigkeitsbestrebung, die die junge Geschichte beider Länder prägte und in seinen Augen dem Geist nach mit dem nationalsozialistischen Deutschland verband.81

Details

Pages
456
Publication Year
2026
ISBN (PDF)
9783631939659
ISBN (ePUB)
9783631939666
ISBN (Hardcover)
9783631939642
DOI
10.3726/b23415
Language
German
Publication date
2026 (September)
Keywords
Avantgarde Futurismus Technikbegeisterung Maschinenästhetik Mensch-Maschine-Verhältnis Männlichkeitsbilder Reportage Medienverbund Industriekultur Heinrich Hauser
Published
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 456 S.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Sanja Springer-Lipovac (Author)

Sanja Springer-Lipovac studierte Germanistik und Anglistik an der Ruhr-Universität Bochum (M.A., M.Ed.). Sie war Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neugermanistik und Didaktik der Literatur an der Ruhr-Universität, wo sie auch promoviert wurde. Derzeit ist sie im Schuldienst tätig.

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Title: Heinrich Hausers frühe Reportagen: An der Grenze des Futurismus