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Kein Baum ohne Wurzeln

Die 'Enthistorisierung' in der Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaft und die Bedeutung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit für das Verständnis der Moderne

von Laura Auteri (Band-Herausgeber:in) John Greenfield (Band-Herausgeber:in)
©2026 Konferenzband VI, 174 Seiten

Zusammenfassung

Aus nachvollziehbaren Gründen hat sich die Wissenschaft von der nationalhistorischen Perspektive abgewandt, die die Entwicklung der modernen Philologien im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat. Seit 1945 hat sich jedoch in den Kultur- und Literaturwissenschaften sowie in der Linguistik eine ‚enthistorisierende‘ Tendenz etabliert. Für unser Verständnis der komplexen Übergänge zwischen Vormoderne und Moderne sowie auch für das Verständnis der Moderne selbst ist aber eine historische Perspektive unverzichtbar. In diesem Band befassen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen der Germanistik, Romanistik und Slawistik mit der Rolle und der Bedeutung einer historischen Perspektive in ihren jeweiligen Fachgebieten. Dabei hinterfragen sie kritisch die Konsequenzen der sogenannten ‚Enthistorisierung‘.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung (Laura Auteri und John Greenfield)
  • Über mögliche „Unbeständigkeiten der Wurzeln“ in der Geschichte der deutschen Sprache (Verio Santoro)
  • Sprachhistorische Streiflichter: das Gendern und der/die/das Volapük (Heinz Sieburg)
  • 1. Einleitung
  • 2. „der Mutter“, „die Onkel“ – die Praxis des Genderns zur Diskussion gestellt
  • 3. Geschichtslos gleich gesichtslos? Fallbeispiel Volapük
  • 4. Schluss
  • Languages without History? (Clara Barros)
  • 1. A Brief Historical Overview of the Historical Perspective
  • 2. Historical Linguistics in Research and University Teaching
  • 3. Recent Developments in Historical Linguistics
  • 4. Final considerations
  • Only The Middle Ages? A Comparison Between Two Traditions of Romance Lyric Poetry (Francesco Carapezza)
  • 1. Romance Philology and its focus on the Middle Ages
  • 2. Only the Middle Ages?
  • 3. Occitan troubadours and Sicilian Petrarchists
  • 3.1 Types of books
  • 3.2 Anthologies and author’s books
  • 3.3 Internal orderings
  • 3.4 Anonymity and attribution
  • 3.5 Learned and demotic traditions
  • 3.6 Extravagant tradition
  • 3.7 History of the tradition
  • 4.
  • Historisierung und Enthistorisierung der germanischen Philologie (John Greenfield)
  • 1. Enthistorisierung oder Überhistorisierung der Germanistik?
  • 2. Die Historisierung der Mediävistik: Gefahren und Chancen
  • 3. Fazit
  • Deutsche Literaturgeschichte vom Mittelalter bis zum Beginn der Frühen Neuzeit mit Blick auf das slowenische ethnische Gebiet (Marija Javor Briški)
  • 1. Einleitung
  • 2. Mittelalter
  • 2.1 Kärnten
  • 2.2 Steiermark
  • 2.3 Krain
  • 3. Das sechzehnte Jahrhundert
  • 4. Fazit
  • Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Zur Relevanz einer interdisziplinären germanistischen Philologie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (Markus Stock)
  • Interpretationsdehnung am Beispiel der Nibelungen in diachroner Perspektive (Andreja Bole Maia)
  • 1. Einleitung
  • 2. Vom Nibelungenlied zur Nibelungenrezeption im 19. Jahrhundert
  • 3. Nibelungen im 20. Jahrhundert
  • 4. Schlussbemerkungen
  • Neue Kleider – Second Hand. Adaption und Eigenheit im Erzählstoff vom bloßgestellten Herrscher (Paul Gross und J. Carlos Teixeira)
  • 1. Die Zeitlichkeit der Täuschung
  • 2. Die Räumlichkeit der Täuschung
  • 3. Neue Kleider – gleiches Muster
  • Towards the Common Root: Intercomprehension Among Slavic Languages as a Didactic Tool (Oleg Rumyantsev)
  • 1. Introduction
  • 2. Activity 1
  • 3. Activity 2
  • 4. Conclusions
  • Tendenzen der Historisierung und Enthistorisierung in der italienischen Germanistik (Barbara Sasse)
  • 1. Vorüberlegung
  • 2. Ministerielle Vorgaben
  • 3. Historische Entwicklungslinien
  • 4. Ausblick

Einleitung

Laura Auteri und John Greenfield

In den vergangenen achtzig Jahren hat sich die Forschung in den modernen Philologien aus gutem Grund von der nationalhistorischen Perspektive entfernt: Vom Anfang des neunzehnten bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, als die akademischen Fächer der Germanistik, der Romanistik und der Slawistik an europäischen Universitäten entstanden sind und sich wissenschaftlich und institutionell etabliert haben, war der nationalgeschichtliche Ansatz oft dominant. Nach 1945 wurde jedoch erkannt, dass dieser ideologisch verfärbte Blick weitreichende, z. T. äußerst negative Konsequenzen für unser Verständnis der philologischen Studienobjekte hatte, für die Interpretation ihrer jeweiligen Entstehungsprozesse, für diese wissenschaftlichen Disziplinen selbst sowie für unsere Einschätzung des Zusammenhangs zwischen den unterschiedlichen philologischen Bereichen. Und so haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg die modernen Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaften von dieser nationalbedingten Perspektive verständlicherweise weitgehend distanziert.

Doch diese Wende blieb ihrerseits nicht ohne unerwünschte Ergebnisse. Es setzte nämlich oft eine vor allem auf die Gegenwart bezogene, enthistorisierende Tendenz ein, die sich in den Kultur- und Literaturwissenschaften sowie in der Linguistik, immer deutlicher bemerkbar gemacht hat. Dabei ist der akademischen Diskussion um die älteren Epochen in den modernen Philologien in letzter Zeit immer weniger Beachtung geschenkt worden. In neueren Studien, auf wissenschaftlichen Konferenzen und im universitären Unterricht geht es immer öfters nur um synchrone Untersuchungen vor allem zeitgenössischer Themen: Man scheint zu übersehen, dass in der heutigen akademischen Auseinandersetzung eine kritische sprach-, literatur- und kulturwissenschaftliche Diskussion des breiteren historischen Kontexts unabdingbar ist – nicht nur für die Interpretation der älteren philologischen Forschungsobjekte, sondern auch für die Deutung der vielen Transferbewegungen zwischen Kulturräumen und für unsere Auslegung der komplexen Übergänge zwischen unterschiedlichen Kulturepochen (wie etwa zwischen der Vormoderne und der Moderne) und zudem für unser Verständnis der Moderne selbst.

Das ist sicherlich ein Problem geworden für die Forschung, in zunehmendem Maße jedoch auch für die Lehre, denn im akademischen Unterricht in der Germanistik, der Romanistik und der Slawistik gerät das Studium älterer Epochen immer häufiger in Vergessenheit. Wie meistern wir aber die kritische Konfrontation mit früheren Zeitaltern? Obwohl Hans Robert Jauß bereits auf die Gefahr verwies, die Alterität des Mittelalters misszuverstehen, ist die bedrohliche ideologische Verfärbung früherer Texte und Kontexte aus heutiger Sicht nicht zu übersehen. Dessen ungeachtet muss gefragt werden, ob und inwieweit der Blick auf frühere Epochen überhaupt noch produktiv eingesetzt werden kann. Bestünde vielleicht eine Lösung für die Forschung und Lehre in einem komparativen, transnationalen Ansatz innerhalb des europäischen (in der Vormoderne viel einheitlicheren) Kulturraums?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Germanistik, der Romanistik und der Slavistik – von denen manche in internationalen, vergleichenden Studiengängen mit Hauptgewicht auf die älteren Epochen bereits gelehrt haben (während andere noch als Studierende jene Kurse besucht haben), nahmen unsere Einladung wahr, sich mit diesen Fragestellungen auseinanderzusetzten. Dabei sollten Rolle und Bedeutung einer historischen Perspektive in den Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaften in den verschiedenen Philologien hinterfragt werden, um über die Vorteile eines diachronischen Ansatzes im Rahmen der Lehre und der Forschung in den unterschiedlichen Teilfächern zu reflektieren.

Die Beiträge liefern Berichte und Stellungnahmen zur Bedeutung der historischen Sichtweise in verschiedenen germanistischen, romanistischen und slawistischen Bereichen, mit perspektivreichen Überlegungen zur Geschichte des diachronischen Ansatzes und auch mit vielseitigen, praktischen Vorschlägen zur zukünftigen akademischen Arbeit in den europäischen Philologien.

Ausgangspunkt der Diskussion ist der Beitrag „Germanische Sprachentwicklung als didaktische Aufgabe“ des Professors für germanische Philologie an der Universität Salerno, Verio Santoro. Hier geht es um die eigentliche Bedeutung von Wurzeln: um das Wissen über die Vergangenheit für das Verständnis und die Vertiefung zeitgenössischer Themen und Probleme. Santoro zeigt anhand zweier Beispiele aus der deutschen Sprachgeschichte, wie stark das Konzept von Wurzeln als identitätsstiftendes Element ist und ideologisch instrumentalisiert werden kann. Er legt dar, dass gerade im sprachlichen Bereich die empfundenen Identitätsmerkmale keine objektiven Gegebenheiten darstellen, sondern stets das Ergebnis einer kontingenten Entscheidung seien, die immer durch historische und ideologisch-politische Gründe motiviert werden.

In seinem Aufsatz „Sprachhistorische Streiflichter: das Gendern und der/die/das Volapük“ kritisiert der an der Universität Luxemburg lehrende germanistische Sprachhistoriker Heinz Sieburg die zunehmende Fokussierung der letzten Jahre auf das Forschungsgebiet der Gegenwartssprache in der germanistischen Linguistik. Nach Sieburg solle Sprache als Symptom für geschichtliche Verhältnisse und Vorgänge betrachtet und als geschichtsbildend erkannt werden, und zwar auch in Hinsicht auf die Vermittlung entsprechender Lerngegenstände in der Schule und an der Universität. Sieburg tritt für eine offenere Sprachwissenschaft ein, vor allem in Bezug auf neuere, historische Fragestellungen. Er wählt das hochaktuelle Thema Gendern in der Sprache als Beispiel, um zu zeigen, dass der sprachgeschichtliche Ansatz wichtig ist, um ein umfassendes Verständnis dieser Frage zu erreichen. Darüber hinaus zeigt Sieburg, welche Rolle die praktisch völlig vergessene und geschichtslose Plansprache Volapük im sprachhistorischen Unterricht spielen kann.

Auch die an der Universität Porto lehrende Sprachhistorikerin Clara Barros liefert in ihrem Beitrag „Languages without History? On the Importance of the Historical Perspective in Romance Linguistics“ grundsätzliche Argumente gegen das Vergessen einer geschichtlichen Auseinandersetzung im Bereich der (romanischen) Linguistik. Barros zeigt in ihren Ausführungen, inwiefern diachronische Überlegungen im neunzehnten Jahrhundert vor allem die Anfänge der wissenschaftlichen Diskussion um die Sprache dominierten. Mit Ferdinand de Saussure und dem Strukturalismus traten diese jedoch in den Hintergrund. Vor allem seit den sechziger und siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stehen zunehmend synchrone Untersuchungen im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Barros argumentiert, dass das komparative Studium der Wurzeln der Sprachen unabdingbar sei und schlägt vor, dass die Linguistik (die in der Vergangenheit oft aus dem diachronischen Bereich neue Impulse erhalten habe) sich intensiver mit der auf die pragmatische Sprachgeschichtsschreibung basierenden neueren Theorien der Traditionen des Sprechens bzw. der Diskursivtraditionen (nach Brigitte Schlieben-Lange und Johannes Kabatek) auseinandersetzen solle.

Ausgehend von Barros’ kritischen Positionen, untersucht der an der Universität Palermo forschende Romanist Francesco Carapezza (in seinem Aufsatz „Only the Middle Ages? A comparison between two traditions of Romance lyric poetry“) wie der Vergleich zwischen unterschiedlichen literarischen Traditionen eine Bereicherung der Methoden und der Untersuchung historischer Objekte selbst ermöglichen kann. Anhand von Beispielen zwei räumlich weit entfernter Lyriktraditionen der älteren Romanistik – der okzitanischen Troubadourlyrik und der Sizilianischen Petrarchisten des 16.-17. Jahrhunderts – hebt er die für die Erforschung produktiven Elemente der Kontinuität bzw. der Diskontinuität hervor. Diese Elemente können zu einer umfassenderen Deutung der Entwicklung der mittelalterlichen europäischen Liebeslyrik im Mittelmeerraum beitragen.

In seinem Beitrag zur Bedeutung eines historischen Ansatzes in der Philologie („Historisierung und Enthistorisierung der germanischen Philologie: Erinnern und Vergessen des kulturellen Erbes“) kommentiert der emeritierte Literaturwissenschaftler für ältere Germanistik an der Universität Porto, John Greenfield, die gegenwärtige Tendenz zum présentisme [Präsentismus], der (nach François Hartog) frühere régimes d’historicité [Geschichtlichkeitsregime] allmählich ersetzt: Dabei sei in den Geisteswissenschaften der eigentliche Sinn für die Vergangenheit abhandengekommen. Bei der Frage der Historisierung in der Germanistik gebe es nach Greenfield nicht nur das Problem des dominanten Präsentismus bei der Wahl des Studienobjekts und des Ansatzes (und der dazugehörige Tendenz zur Enthistorisierung des Untersuchungsgegenstands), sondern auch das breite Spektrum von Historisierungsmöglichkeiten der verschiedenen germanistischen Teildisziplinen. Das Objekt der Literatur- und Kulturwissenschaften solle vielmehr auch als eine Gesamtheit betrachtet werden, damit die Studierenden verstehen können, dass die Wurzeln der germanistischen Studiengegenstände (sowie die der anderen Nationalphilologien) in einer gemeinsamen europäischen Vergangenheit gesucht werden sollten, um zu einem vollständigeren Verständnis dieser Objekte gelangen zu können.

Ein Beispiel eines solchen transeuropäischen Ansatzes wird im Beitrag der an der Universität Ljubljana forschenden Germanistin Marija Javor-Briski erläutert. In ihrem Artikel „Deutsche Literaturgeschichte vom Mittelalter bis zum Beginn der Frühen Neuzeit mit Blick auf das slowenische ethnische Gebiet“ geht es genau um eine Untersuchung der gemeinsamen Wurzeln der Literaturproduktion zweier Kulturregionen: im Gebiet an der deutsch-slowenischen Sprachgrenze. Javor-Briski untersucht den Einfluss der slowenischen Kulturproduktion auf den deutschen Sprachraum, indem sie literarische Werke fokussiert, die entweder von einheimischen oder zugewanderten Autoren im slowenischen Siedlungsgebiet von Kärnten, Steiermark und Krain verfasst wurden oder deren Urheber aus diesen Regionen stammen. Über die exemplarische Darstellung ausgewählter Texte gelingt es ihr, ein Bewusstsein für deren Relevanz innerhalb der europäischen Literaturgeschichte zu schaffen.

Der Artikel „Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Untergründige Gedanken über eine amoderne Philologie“ von Markus Stock (Professor für Germanistik an der Universität Toronto) geht von einer allgemeinen Feststellung aus: Die internationale Germanistik – insbesondere in den Fachgebieten, die sich mit der Erforschung früher Epochen beschäftigen – sehe sich bedeutenden Transformationsherausforderungen gegenüber. Sie müsse sich daher bemühen, ihre Existenz in sich ständig ändernden institutionellen Kontexten neu zu begründen. Stock sieht eine Möglichkeit, diese Aufgabe durch den Anschluss der älteren Germanistik an aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen zu bewältigen. Zu diesem Zweck führt er Fallbeispiele vor. Anhand von der Analyse Texte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (von Burkhard von Hohenfels, Paulus Niavis und Georg Agricola) diskutiert er die Relevanz dieser Werke, und wie diese wichtig sein können für die Untersuchung von bestimmten Themenfeldern, die für die Gegenwart von zentraler Bedeutung sind (etwa Identität und Gender sowie Ressourcenethik und Nachhaltigkeit).

Details

Seiten
VI, 174
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783034362276
ISBN (ePUB)
9783034362283
ISBN (Paperback)
9783034362269
DOI
10.3726/b23436
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Juni)
Schlagworte
Enthistorisierende Tendenz Linguistik Literaturwissenschaft Kulturwissenschaft historischer Kontext Verständnis der Moderne
Erschienen
Lausanne, Berlin, Bruxelles, Chennai, New York, Oxford, 2026. vi, 174 S., 5 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Laura Auteri (Band-Herausgeber:in) John Greenfield (Band-Herausgeber:in)

Laura Auteri ist emeritierte Professorin für deutsche Literatur. Sie war Präsidentin der IVG, Vizerektorin für Lehre an der Universität Palermo, Mitbegründerin des Double-Degrees 'Glitema' (German Literature in the European Middle Ages) mit Porto und Bremen, und des Joint Degrees Transnational German Studies mit Porto, Luxemburg und Mainz. John Greenfield ist emeritierter Professor der Altgermanistik an der Universität Porto. Er war Leiter der deutschen Abteilung (2002-24) und koordinierte zwischen 2009 und 2024 internationale germanistische Studiengänge.

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