Apparat Musikwissenschaft
Eine Geschichte der Musikforschung in der DDR
Zusammenfassung
Dieser Band untersucht erstmals systematisch die institutionellen und thematischen Strukturen der Musikforschung der DDR. Im Zentrum steht nicht die Einzelbiografie, sondern die Funktionsweise eines wissenschaftlichen ‚Apparats‘, dessen Entwicklung im zeithistorischen Kontext der Deutschen Teilung entscheidend geprägt wurde. Die Studie verbindet quellenkritische Archivarbeit mit einer digital gestützten Inhaltsanalyse der Berichte über die musikwissenschaftlichen Arbeiten in der DDR. Sie versteht sich gleichermaßen als Beitrag zur interdisziplinär geöffneten Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und zur historischen Selbstreflexion des Fachs im Kontext der aktuellen DDR-Forschung.
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhaltsübersicht
- 1 Musikwissenschaft in der DDR. Begriffe, Rahmenbedingungen, Zugänge
- 1.1 Theoretische Überlegungen zur Aufarbeitung von Fachgeschichte
- 1.2 Forschungsfragen, Quellenlage und Methodik
- 2 Zur akademischen Sozialisation des musikwissenschaftlichen Nachwuchses der DDR
- 2.1 Die Ausgangslage
- 2.2 Iterativer Umbau des Wissenschaftssystems
- 2.3 Das Musikwissenschaftsstudium in der DDR
- 3 Musikforschung im „Netz staatlicher und gesellschaftlicher Einrichtungen“
- 3.1 ‚Musik-Wissenschaftspolitik‘ im Einparteienstaat
- 3.1.1 Musikwissenschaft und SED
- 3.1.2 Zwischen Kultur und Wissenschaft. Die zuständigen Ministerien
- 3.1.3 Elfenbeintürme im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Die Akademien
- 3.2 Musikforschung an den Universitäten
- 3.2.1 Berlin als Zentrum der Musikwissenschaft
- 3.2.2 Diplom-Musikwissenschaft jenseits der Hauptstadt in Leipzig und Halle
- 3.2.3 Die Peripherien der Musikforschung in Greifswald, Rostock und Jena
- 3.3 Musikverbände im Dienst der „Aneignung des großen klassischen Erbes“
- 3.4 Wissenschaftliche Gesellschaften zwischen internationaler Repräsentanz und regionaler Musikpflege
- 3.4.1 Die Gesellschaft für Musikforschung in der DDR
- 3.4.2 DDR-Musikwissenschaft international
- 3.4.3 Von Schütz bis Schumann. Gesellschaften zu einzelnen Komponisten
- 3.5 Das Zentralinstitut für Musikforschung
- 3.5.1 Zur Idee musikwissenschaftlicher Zentralinstitute
- 3.5.2 Gründungsgeschichte des Zentralinstituts
- 3.5.3 Aufgabenprofil und Vorhaben des Zentralinstituts
- 3.5.4 Vom Zentralinstitut für Musikforschung zum Institut für Ästhetik und Kunstwissenschaften
- 4 Zwischen „wuchernde[m] Interesse“ und „bestürzende[r] Gleichgültigkeit“. Themenschwerpunkte der DDR-Musikforschung
- 4.1 Zur Erschließung der Berichte über die musikwissenschaftlichen Arbeiten in der DDR
- 4.2 Zwischen Musik und Gesellschaft. Facetten publizierter Musikforschung
- 4.2.1 Musikgeschichte aus DDR-Perspektive
- 4.2.2 Methodische Zugänge zu Musik
- 4.2.3 Sozialistischer Kanon? Zentrale Komponisten der DDR-Musikforschung
- 4.2.4 Hausgemacht. Forschungsfragen mit nationalem Bezug
- 4.3 Der Zukunft zugewandt. Die laufenden Forschungsarbeiten der DDR-Musikwissenschaft
- 4.3.1 Ostdeutsche Sozialisation, ostdeutscher Blick? Themen mit DDR-Bezug
- 4.3.2 Promotionen im Auftrag des musikalischen Erbes
- 4.3.3 „Neue Perspektiven“ des musikwissenschaftlichen Nachwuchses
- 4.4 Rekapitulation. Diskurse der DDR-Musikforschung im Überblick
- 5 Apparat Musikwissenschaft. DDR-Musikforschung im Lichte der Aufarbeitung
- 6 Verzeichnisse
- 6.1 Quellenverzeichnis
- 6.1.1 Allgemeine Quellen
- 6.1.2 Archivmaterial
- 6.1.3 Noten
- 6.1.4 Monographien und Sammelbände
- 6.1.5 Zeitungen und Zeitschriften
- 6.1.6 Einzelne Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden
- 6.2 Literaturverzeichnis
- 6.2.1 Allgemeine Literatur
- 6.2.2 Internetseiten
- 6.3 Abbildungsverzeichnis
- 6.3.1 Referenzierte Abbildungen
- 6.3.2 Eigene Darstellungen
- 6.4 Forschungsdatenbank
- 6.4.1 Referenzierte Übersichtsseiten
- 6.4.2 Referenzierte Literatureinträge
Apparat Musikwissenschaft
Eine Geschichte der Musikforschung in der DDR

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de abrufbar.
Zugl.: Mainz, Univ., Diss., 2025.
Die vorliegende Arbeit wurde im März 2024 dem Fachbereich 07 Geschichts- und Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Inauguraldissertation zur Erlangung des Akademischen Grades eines Dr. phil. vorgelegt und am 17. Januar 2025 verteidigt.
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
D77
ISSN 1618-842X
ISBN 978-3-631-94863-7 (Print)
ISBN 978-3-631-94864-4 (ePDF)
ISBN 978-3-631-94865-1 (ePUB)
DOI 10.3726/b23614

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Kapitel 1 Musikwissenschaft in der DDR. Begriffe, Rahmenbedingungen, Zugänge
Im März des Jahres 1977 passierte der Ost-Berliner Musikwissenschaftler Harry Goldschmidt zweimal mit seinem Pkw die Grenze der DDR in die Bundesrepublik Deutschland nach West-Berlin.1 In seinem Gepäck führte der für ostdeutsche Verhältnisse mit überdurchschnittlicher Freizügigkeit privilegierte Schweizer Staatsbürger auf beiden Fahrten jeweils eine Hälfte des Manuskripts zu Rudolf Bahros2 regimekritischem Buch Die Alternative mit sich.3 Man stelle sich einen typisch ungemütlichen, graupeligen Berliner Frühjahrstag vor, an dem Goldschmidt die brisanten Blätter von Bahros kurz darauf berühmt gewordenem Buch ohne Aufsehen der ostdeutschen Grenzpolizei in den Westen brachte.
Über einen westberliner Freund Goldschmidts fand das Manuskript seinen Weg zur Europäischen Verlagsanstalt, die Bahros’ Werk schließlich unter dem Titel „Kritik des real existierenden Sozialismus“ 4 noch im Jahre 1977 10veröffentlichte. Der Vorabdruck eines Manuskript-Auszugs im Spiegel sowie ein Fernsehinterview Bahros bei ARD und ZDF unterstrichen dessen Regimekritik öffentlichkeitswirksam und führten zu seiner Verhaftung in der DDR.5 Im Herbst des Jahres 1979 wurde Bahro aus dem Gefängnis direkt nach Westdeutschland abgeschoben.6 Harry Goldschmidt dagegen musste sich, durch seine schweizerische Staatsangehörigkeit geschützt, zwar vor dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) für seinen Kurierdienst erklären, kam aber trotz seines Beitrags zu Bahros Widerstand gegen die Diktatur der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vergleichsweise unbescholten davon.7
1.1 Theoretische Überlegungen zur Aufarbeitung von Fachgeschichte
Anekdoten wie diese erzählen auf anschauliche Weise von individuellen Schicksalen und vom Leben in der DDR. Es sind solche Geschichten von Freiheit und Mut, aber auch von Unrecht und Schuld, die bewegen, sich verbreiten und die Aufarbeitung lebendig machen. Dennoch will die folgende Arbeit keine reine Sammlung solcher Anekdoten über individuelle Schicksale darstellen, sondern die Geschichte der Musikwissenschaft in der DDR aus verschiedenen Perspektiven in den Blick nehmen. Unter der Prämisse, ‚eine‘ von vielen möglichen Geschichten dieser akademischen Disziplin zu erzählen,8 ist sie konzeptionell darauf ausgerichtet, über Ausbildungswege, 11Organisationen und Diskurse der Musikforschung in der DDR zu berichten und so einer systematisch orientierten Aufarbeitung der Geschichte der DDR-Musikforschung zu dienen.
Die vorliegende Arbeit ist keine reine Institutionengeschichte, sondern rückt das Fach Musikwissenschaft in seiner Gesamtheit ins Zentrum. Der Definition von Rudolf Stichweh folgend, versteht diese Arbeit akademische Disziplinen als „Formen sozialer Institutionalisierung eines mit vergleichsweise unklaren Grenzziehungen vorlaufenden Prozesses kognitiver Differenzierung der Wissenschaft“.9 Mit anderen Worten: Wissenschaftliche Disziplinen konstituieren sich nicht allein über einen institutionellen Zusammenhang, sondern bilden in erster Linie einen von einer Gemeinschaft geteilten Diskursraum. In Anlehnung an den in der DDR-Rezeption geläufigen Begriff des ‚Staatsapparats‘ sowie die nüchterne Duden-Definition des Begriffs ‚Apparat‘ als „Gesamtheit der für eine bestimmte Aufgabe, Tätigkeit, Institution benötigten Personen und Hilfsmittel“10 nimmt der Titel dieser Arbeit die terminologische Vieldeutigkeit des Apparat-Begriffs bewusst auf; auch, um die Perspektive weg vom Biographischen hin zum Systematischen, also hin zur Geschichte von Organisationen und Systemen, zu lenken.
Entgegen der Versuchung, eine vorläufige Beurteilung der Musikwissenschaft in der DDR vorzunehmen, soll damit schlicht ausgedrückt werden: Die Musikforschung entstand in der DDR an der Schnittstelle von Institutionen, Personen, tradierter sozialer Praxis und politischen Rahmenbedingungen. Zusammengenommen bildeten diese die Voraussetzung für die Musikforschung sowie für ihre Wirkung auf den Apparat der Musikwissenschaft in der DDR. Das Kernanliegen dieser Arbeit ist es, den ‚Apparat Musikwissenschaft‘ in seinen Bestandteilen zu beleuchten und darauf aufbauend ein kontextualisiertes, bibliographisch fundiertes Bild der Musikforschung in der DDR zu zeichnen. Als Musikforschung werden dabei sowohl die Praxis als auch das Produkt des Apparats Musikwissenschaft – und damit u. a. dessen Forschungsaktivitäten – verstanden, in Abgrenzung zur Geschichte 12der Musik und des musickings sowie zur Geschichte der Musikerziehung in der DDR, wenngleich es hier zweifellos Schnittmengen gibt.11
Auch wenn die Arbeit den Untersuchungszeitraum nicht strikter als auf die Zeit des Bestehens der DDR einschränkt, setzt sie dennoch zwangsläufig gewisse Schwerpunkte. Bereits der Titel der Arbeit legt nahe, dass dies eine Geschichte der Musikforschung der DDR ist und weitere historische Betrachtungen mit anderen Schwerpunkten als Desiderate verbleiben werden.12 Dazu zählen beispielsweise (1) die Geschichte der DDR-Musikforschung im deutsch-deutschen sowie im internationalen Vergleich, (2) die Geschichte der marxistisch-leninistisch argumentierenden Musikforschung im sozialistischen Europa während des Kalten Krieges, (3) die Geschichten von Zeitzeug:innen als Oral History der DDR-Musikwissenschaft. Die vorliegende Arbeit verfolgt indes den Ansatz, zentrale Diskurse der DDR-Musikforschung entlang einer Institutionen- und Sozialisationsgeschichte des Faches in der DDR sowie entlang der Zeitgeschichte zu kontextualisieren und so einen fundierten Beitrag zur Aufarbeitung der Fachgeschichte der Musikwissenschaft zu leisten.
Die Untersuchung der Fachgeschichte der Musikwissenschaft in der DDR ist insbesondere aus zwei Gründen erforderlich:
13- Zwar gibt es in der Musikwissenschaft seit geraumer Zeit eine große Initiative zur Aufarbeitung der eigenen Fachgeschichte, die DDR wurde in diesem Kontext allerdings bisher weniger stark berücksichtigt. Exemplarisch lässt sich dies anhand der Verteilung der Vortragsthemen der dezidiert fachhistorisch ausgerichteten Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung (GfM) 2016 über „Wege der Musikwissenschaft“13 ablesen. Da eine zusammenfassende historische Erschließung der Struktur und Profilierung des Faches in der DDR bis dato nicht vorliegt, ergänzt das Thema dieser Arbeit die fachinterne Aufarbeitung der Musikwissenschaft.14
- 14Musik wurde im Zuge des Aufbaus der sogenannten ‚Sozialistischen Nationalkultur‘ von der SED als wichtiges Propagandamittel eingeschätzt.15 Die Musikwissenschaft hatte dabei ein wechselseitig enges Verhältnis zur Kulturpolitik der DDR, die grundsätzlich von der Idee bestimmt war, eine sogenannte ‚Deutsche Kulturtradition‘ im Sinne einer ‚Marxistisch-Leninistischen Weltanschauung‘ fortschreiben und neu interpretieren zu können.16 Im Zuge der allgemeinen Aufarbeitung der Kulturgeschichte der DDR ist diese Vermittlungsfunktion der Musikwissenschaft ebenfalls von Bedeutung.
Eine Geschichte der Musikwissenschaft in der DDR leistet also nicht nur einen Beitrag zur Aufarbeitung der Fachgeschichte der Musikwissenschaft, sondern auch zur Kulturgeschichte der DDR insgesamt. In Anlehnung an Ute Daniel meint Kulturgeschichte in diesem Zusammenhang das Befragen
vergangene[r] Zeiten daraufhin, wie sich Menschen in ihnen wahrgenommen und gedeutet haben, welche materiellen, mentalen und sozialen Hintergründe jeweils auf ihre Wahrnehmungs- und Sinnstiftungsweisen einwirkten und welche Wirkungen von diesen ausgingen. Und sie befragt ihre eigene Gegenwart und ihr eigenes Tun danach, was das jeweilige historische Interesse und die Weisen, dies wissenschaftlich oder außerwissenschaftlich zu befriedigen, über diese Gegenwart aussagen.17
Der kulturhistorische Blick gilt in der folgenden Arbeit als Kernanliegen wissenschaftlicher Aufarbeitung.
Details
- Seiten
- 398
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631948644
- ISBN (ePUB)
- 9783631948651
- ISBN (Hardcover)
- 9783631948637
- DOI
- 10.3726/b23614
- Open Access
- CC-BY
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (August)
- Schlagworte
- Musikwissenschaft DDR Musikforschung DDR Wissenschaftsgeschichte DDR Digital Humanities Digitale Musikwissenschaft Fachgeschichte Musikwissenschaft Kulturpolitik DDR Musik DDR
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 398 S., 5 s/w Abb.
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