Politische Gewalt, leibliche Erfahrung und textueller Widerstand bei Marcel Beyer, Herta Müller und Juli Zeh
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Hingabe
- Inhalt
- Danksagung
- Kapitel 1 Einleitung
- 1. Gewalt (in) der Literatur: Leitideen und ästhetische Dimensionen
- 2. Gewalt- und widerstandstheoretischer Umriss: zum Gewalt- und Widerstandskonzept der Arbeit
- Kapitel 2 Stimme – Die Stimme der Gewalt oder akustischer Widerstand in Marcel Beyers Flughunde
- 1. Vorbemerkungen zu Stimme
- 2. Laut/Sprecher-Dispositiv und rassistisches Menschenbild in Marcel Beyers Flughunde
- 2.1. Das Laut/Sprecher-Dispositiv
- 2.2. Stimmenbasierter Rassismus
- 3. Stimme als dekonstruierendes „Gegengift“ in Marcel Beyers Flughunde
- 3.1. Karnau und die Stimme der Banalität
- 3.2. Jenseits der Stimme der Nazi-Herren
- 3.3. Gegengiftartiges Erzählen
- Fazit
- Kapitel 3 Atmosphäre – Gestimmte Atmosphäre der Diktatur und Widerstand in Herta Müllers Herztier
- 1. Vorbemerkungen zu Atmosphäre und Widerstand in Herta Müllers Poetologie
- 1.1. Wahrnehmungsästhetik und Atmosphäre bei Herta Müller
- 1.2. Unerzählbarkeit von Traumata: Sprachskepsis und Widerstand?
- 2. Atmosphäre der Diktatur in Herta Müllers Herztier
- 2.1. Gewaltsam gestimmte (Natur)Räume
- 2.2. Gewaltsamkeit des Textes
- 2.3. Narrative Verunsicherungseffekte und Atemporalität
- 2.3.1. Verunsicherungseffekte und Vergegenwärtigung im Haupterzählstrang
- 2.3.2. Atemporalität und Vergegenwärtigung im Kindheitsnarrativ
- 3. Ästhetisch-politischer Widerstand des Textes
- Fazit
- Kapitel 4 Körper – Der Körper im Geflecht von Diskursen – Widerstand innerhalb und außerhalb von Juli Zehs Corpus Delicti. Ein Prozess
- 1. Vorbemerkungen zur Körper-Leib-Differenz
- 1.1. Politisierung des Körpers – Zum gegenwärtigen Kontext von Juli Zehs Corpus Delicti
- 1.2. Körper oder Leib?
- 2. Den Körper erobern – ein Text inmitten von Macht- und Körperdiskursen
- 2.1. Die Methode: die Biopolitik einer Diktatur
- 2.2. Machtinkorporation als biopolitische Strategie
- 2.3. Nazifizierung des Vokabulars
- 2.4. Liebe aus dem Blickwinkel der Macht
- 3. Widerstand binnen- und außenfiktional
- 3.1. Das Leben heißt leiben
- 3.2. Textuell-ästhetischer Schwäche entgegenwirken: schriftstellerisches Engagement als außenliterarischer Widerstand
- 4. Eine widersprüchliche Poetologie des Engagements
- Kapitel 5 Zwischen Ästhetik und Engagement: Korrespondenzen und Divergenzen bei Beyer, Müller und Zeh
- Literatur
- Primärliteratur
- Sekundärliteratur
Danksagung
Ich danke allen Personen und Institutionen, die zum Entstehen dieser Arbeit beigetragen haben. Besonderer Dank gilt Dr. Beatrix Kricsfalusi für ihre wissenschaftliche Strenge und fachliche Unterstützung. Für wertvolle Hinweise und kritische Anmerkungen danke ich Dr. habil. Karl Katschthaler, Dr. Szabolcs Oláh, Dr. habil. Erika Hammer, Prof. Dr. habil. Endre Hárs, Dr. habil. Edit Kovács, Prof. Dr. Péter Szirák und Dr. Silke Luy.
Dem Institut für Germanistik der Universität Debrecen, insbesondere der Institutsleiterin Dr. habil. Andrea Horváth, danke ich für das entgegengebrachte Vertrauen und die Unterstützung. Für die Begleitung meiner Recherchen danke ich der Universitäts- und Nationalbibliothek der Universität Debrecen, insbesondere der Österreich-Bibliothek, sowie Dr. Gabriella Szögedi.
Meiner Familie und meinen Freunden danke ich für ihren Rückhalt.
Besonders hervorheben möchte ich meine Frau, Adrienn Mikoly-Hetei, deren Geduld und Rückhalt mir eine große Hilfe waren.
KAPITEL 1 Einleitung
1. Gewalt (in) der Literatur: Leitideen und ästhetische Dimensionen
„Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ (Mose 4: 8) Körper gegen Körper: so geschah der erste Mord, somit die erste Gewalttat der Menschheitsgeschichte überhaupt. Gewalt droht schon hier, was Popitz in seiner soziologischen Untersuchung mit Bedauern feststellen musste,1 eine anthropologische Konstante zu sein, was die nachfolgenden blutigen Jahrhunderte und Jahrtausende der Geschichte eindeutig bewiesen hatten. Seitdem lieferte, liefert und wird Gewalt weiterhin ein typisches Plotmuster literarischer Texte liefern. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gewaltsame Themen wie Mord (Brüdermord, Kindermord, Vätermord etc.), Naturkatastrophen, Apokalypsen, Kriege schon seit der Antike ein beliebtes Sujet literarischer Texte bilden. In den letzten ungefähr fünf bis sechs Jahrzehnten ist dieser fast uferlose Kanon von Gewaltrepräsentationen durch Gewalterzählungen ergänzt, die im Hinblick auf die vielen Jahrhunderte der Literaturgeschichte davor als neu gelten. Diktaturerzählungen sind in erster Linie Errungenschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In diesen sind Figuren fokussiert, die Folgen ideologisch verankerter Systeme körperlich wie mental und existenziell erleiden müssen. Diesem Themenfeld widmet sich die vorliegende Arbeit und möchte daher Erzählweisen politischer Gewalt näher untersuchen.
Dabei erweist sich die Aufdeckung literarischer Manifestationen der politischen Gewalt als ungenügend, weswegen die Arbeit auch ihre mediale Latenz zum Untersuchungsgegenstand macht. An dieser Stelle, an der Nebeneinanderstellung von Manifestation und Latenz2 zeigt sich eine doppelbödige Struktur in Bezug auf das Verhältnis der Literatur zu Gewalt. In diesem Kontext ist es unausweichlich die „Gewalt in der Literatur“ von der „Gewalt der Literatur“, d. h. der literarischen Gewalt zu unterscheiden. Während sich die erste auf die Manifestation von Gewalt, also die Gewaltthematik bezieht, beschränkt sich die literarische Gewalt auf ihre textuelle Verborgenheit.3
Die Gewalt der Literatur ist keine ästhetisierte, im Sinne von „verschönerter“ Gewalt. Vielmehr bezeichnet sie eine spezifische Gewaltförmigkeit des Textes selbst. Diese ist meines Erachtens die unvermeidbare Folge einer Endlichkeit ausgelieferten Sprache, die erkennt, dass sie Geschehnisse – insbesondere Gewaltgeschehnisse – nur eingeschränkt darzustellen vermag.4 Es geht dabei um ein latentes ästhetisches Kalkül, das kraft des Textes Gewalt als Destruktion im Prozess des Lesens performativ hervorbringt und/oder das Erzählte sowie das Gewaltsame des Erzählten bloßstellt und dabei eine kritische Praxis aktiviert.
Diese Gewaltförmigkeit der Literatur ist zugleich an ein dem Verstehen widerstehendes Potential des Textes gekoppelt. Dieses ist nur durch eine erschwerte, vielleicht gewaltsame, aber dennoch intelligible Interpretation zugänglich, die neben den Gewaltkontexten auch die Form- und Strukturebene, die narrativen Verfahren sowie die Gemachtheit des Textes dezidiert einbezieht. Dieses Potential literarischer Texte zwingt den Leser5 so zu neuen Wahrnehmungsmodi, die – über die Politik (la politique) hinaus –einen Raum für das Politische des Textes (le politique) eröffnen.6
Selbstverständlich eignen sich nicht alle Texte für die gerade beschriebene Annäherung. Diese Art von ästhetischer Tauglichkeit ist aber bei einigen Texten fast zur ethischen Frage geworden. Besonders auffallend ist diese Problematik bei den literarischen Texten, die die Gewaltexzesse des zwanzigsten Jahrhunderts, mithin politische Themen reflektieren möchten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs der Anspruch auf die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der nahen Vergangenheit, in der dem literarischen Feld ein besonderer Status zugewiesen wurde. Es lässt sich eine Konjunktur jener Texte beobachten, die beeinflusst von der Adornoʼschen Vergangenheitsbewältigung7 einerseits, und von dem Anspruch auf die literarische Aufarbeitung der Repression in der DDR andererseits motiviert waren, die vergangenen oder gegenwärtigen Gewaltereignisse bzw. die bedrückende Atmosphäre der politischen Lage literarisch greifbar zu machen.
Diese literarische Inszenierung konnte und kann sich jedoch nicht in Schreibstrategien verwirklichen, die auf der Textoberfläche verharren und primär von einer Darstellungsästhetik bestimmt sind. Dieser Ansatz zeigt Ähnlichkeiten mit Peter Handke, der 1966 bei der Sitzung der Gruppe 47 den damaligen prominenten Schriftsteller:innen der deutschen Literatur „Beschreibungsimpotenz“8 vorgeworfen und eine Reflexionskraft in ihren Texten bemängelt hatte. Man kann feststellen, dass mehrere Texte über die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts – bewusst oder unbewusst – in gewissem Maße dieser inzwischen programmatisch gewordenen Haltung Handkes folgen.
1989/1990 bedeuten eine Schwelle, die nicht nur in der Politik, der Gesellschaft, der Mediennutzung, sondern auch in der literarischen Praxis eine mehr oder weniger nachvollziehbare allmähliche Veränderung mitgebracht und sich daher auch schon in der Literaturgeschichtsschreibung etabliert hatte. Wie es von Herrmann und Horstkotte auf den Punkt gebracht wird, hatten die Jahre 1989/90
neue Rahmenbedingungen, Gegenstände und Funktionszuweisungen von Literatur zur Folge […]. Die fundamentalen politischen Veränderungen und die hoch dynamischen ökonomischen und medialen Entwicklungen der Folgejahre warfen Probleme und Herausforderungen auf, die bis heute in literarischen Texten aufgegriffen und ästhetisch reflektiert werden. Neue Themen und Gegenstände, neue Schreibweisen, poetologische Überzeugungen und Selbstbestimmungen literarischen Schreibens entstanden.9
Betont wird von ihnen außerdem der immer stärkere Gegenwartsbezug literarischer Texte. Dadurch wird der herkömmliche Epochenbegriff von Gegenwart – Texte der jeweiligen Jetzt-Zeit – durch eine weiter gefasste Definition ergänzt. In diesem Sinne gerät „Gegenwärtigkeit“, d. h. die Bezogenheit literarischer Texte auf Diskurse ihrer eigenen Zeit10 und somit das Wechselverhältnis zwischen Faktualem und Fiktionalem in den Mittelpunkt literaturwissenschaftlicher Fragestellungen.
Als organische Entwicklung und bewussten poetologischen Niederschlag dieser literarischen Tendenz von Gegenwärtigkeit lässt sich der sog. „relevante Realismus“ der 2000er Jahre verstehen. Wie die Bezeichnung nahelegt, wünschen sich Vertreter des relevanten Realismus (Thomas Hettche, Martin R. Dean, Matthis Politycki und Michael Schindhelm) und ihre Nachfolger:innen mehr gesellschaftliche Relevanz von bzw. in literarischen Texten, was folgerichtig einen intensiveren Gegenwartsfokus in literarischen Texten mit sich bringt. Dadurch wird einerseits für mehr gesellschaftlich-politisches Engagement von Autor:innen und andererseits für mehr Wertschätzung für Dramaturgie literarischer Texte plädiert.11
Selbstverständlich kann hier nur von Tendenzen und Schattierungen poetologischer Praxen die Rede sein und weder die Jahre 1989/90 noch das Jahr 2000 stellen eine unüberschreitbare Grenze dar. Ganz zu schweigen vom Generationswechsel, der die Autorschaft der Gegenwartsliteratur zwar eindeutig auszeichnet,12 zugleich jedoch keineswegs die vollständige Ablösung einer früheren Autorengeneration impliziert. Eben aus diesem Grund erweist sich die Gegenwartsliteratur als ein diskursives Terrain heterogener poetologischer Überzeugungen. Derart können Gegenwartsautor:innen älterer Generationen – ungeachtet des Erscheinungsjahres ihrer Texte – rein ästhetisch gesehen einer früheren literarischen Praxis angehören. Daher gibt es immer noch Prosatexte in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten, die aus den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts und der unmittelbaren Nachkriegszeit schöpfen und poetologisch nicht den „allerneuesten“ Diskursen folgen. Hierzu zählen beispielsweise das Werk Marcel Beyers, vor allem seine Romane Flughunde, Kaltenburg und Spione, das prosaische Schaffen der Nobelpreisträgerin Herta Müller wie auch Julia Francks Die Mittagsfrau, Uwe Tellkamps Der Turm, Eugen Ruges In Zeiten des abnehmenden Lichts, um nur einige der renommiertesten Beispiele zu benennen.
Es erscheinen jedoch neue Autor:innen einer jüngeren Generation (zum Beispiel Juli Zeh, Karen Duve, Kathrin Röggla usw.), die sich in ihren Texten tatsächlich an die Aporien der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft wenden. Während bei ihnen relevante Problemfelder des 21. Jahrhunderts zum Gegenstand der Literatur gemacht werden, überlagert sich das schriftstellerische Augenmerk in der Tat auf die Dramaturgie und folglich den Plot.
Die Rezeption dieser „eminent politischen Literatur“13 der Gegenwart ist kontrovers. Die Befürworter heben politische Literatur von der Tagespolitik ab und unterstreichen das Politische der Literatur. Diese Literatur könne als Handeln selbst Diskurse und die „politisch/soziale ‚Wirklichkeit‘“ mitgestalten.14 Andere, wie zum Beispiel Ingo Meyer, sind schon pessimistischer und detektieren einen qualitativen Rückfall in der Gegenwartsliteratur.15
Voraussetzung des Verstehens als „wirkungsgeschichtlicher Vorgang“ ist in Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode genügend zeitlicher Abstand zwischen dem Leser und dem Text. Dies bedeutet kein altherkömmlicher, naiver Historismus, der in seinen Verstehensprozess seine eigene Geschichtlichkeit nicht miteinbezieht. Das ist vielmehr ein Verfahren des Verstehens, bei dem auch auf den Rezipienten, seine Begrifflichkeiten und seinen Bezug zum zeitlich distanzierten Text reflektiert und über den Text frei von Vorurteilen derart geurteilt wird, wie es seinem Wesen entspricht.16 Auch wenn heute die Gegenwartsliteraturwissenschaft Hochkonjunktur hat17 – diese Untersuchung liefert hierfür auch ein gutes Beispiel –, hat Gadamers Ansatz bzw. Sorge seine Gültigkeit nicht restlos verloren: „Jedermann kennt die eigentümliche Ohnmacht unseres Urteils dort, wo uns nicht der Abstand der Zeiten sichere Maßstäbe anvertraut hat. So ist das Urteil über gegenwärtige Kunst für das wissenschaftliche Bewußtsein von verzweifelter Unsicherheit.“18 Für die vorliegende Untersuchung heißt es: die zeitliche Distanz zu der momentan als „Gegenwartsliteratur“ bezeichneten Textmenge ist noch nicht genügend, um die jüngere Literatur im Vergleich zu früheren Texten mit Sicherheit zu beurteilen, geschweige denn abzuschreiben. Eine – wertfrei verstandene – qualitative Veränderung ist sicherlich ein Symptom der jüngeren Literatur, dem man sich höchstens mit vagen Ahnungen annähern kann. Neben und am Beispiel der Aufdeckung literarischer Repräsentationen politischer Gewalt möchte die vorliegende Arbeit auch einen Ausschnitt dieser literarischen Veränderung ausloten, zumindest andeuten und nicht zuletzt verstehen.
Um diesem Anliegen gerecht zu werden, verortet diese Arbeit ihr Korpus in dem oben skizzierten literarischen Umfeld um die Schwelle zum Jahr 2000 herum und untersucht drei Texte von drei unterschiedlichen Autor:innen. Von ihnen werden nicht nur verschiedene Diktaturerfahrungen literarisch unterschiedlich greifbar gemacht, sondern in der vergleichenden Analyse zeigt sich zugleich jene allmähliche Veränderung literarisch-ästhetischer Haltung, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten der Gegenwartsliteratur mancherorts aufschien und weiterhin aufscheint.
Untersucht werden in drei Langanalysen Marcel Beyers Flughunde (1995), Herta Müllers Herztier (1994) und Juli Zehs Corpus Delicti. Ein Prozess (2009). Drei Autor:innen aus drei unterschiedlichen Generationen mit einem Fokus auf drei unterschiedliche Diktaturen. Während Beyers Flughunde eine Geschichte im nationalsozialistischen Deutschland erzählt und Müllers Text die drückende Welt des kommunistischen Ceauşescu-Regimes inszeniert, hat Zehs Dystopie eine zukünftige Gesundheitsdiktatur zum Gegenstand. Die ersten zwei Romane behandeln die Vergangenheit – demgegenüber verortet der dritte Text seine Handlung zwar in der Zukunft, nimmt aber einen starken Bezug auf die politische Gegenwart der Autorin, wobei er motivisch auch mit Mustern der vergangenen NS-Diktatur operiert.
Drei Texte über Unterdrückung, Angst, Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mit einem Wort über (politisch-diktatorische) Gewalt. Zugleich zeigen sie drei unterschiedliche ästhetische Verfahren auf, Gewalt literarisch zu erzählen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Herta Müller und Marcel Beyer trotz ihrer Unterschiede als Synoptiker gelten können, wenn man betrachtet, wie sie über das Wechselverhältnis von Literatur, Sprache und Gewalt bzw. Politik reflektieren und wie sie dies ästhetisch zum Ausdruck bringen.
Juli Zeh verfolgt in dieser Hinsicht einen ganz anderen Ansatz; das bedeutet jedoch nicht, dass ihr Roman keinen Platz im Korpus hätte. Vielmehr ist ihr Text, ihre literarisch-ästhetisch-politische Haltung besonders geeignet, die Unterschiede zwischen diesen drei Autor:innen herauszuarbeiten, ihre jeweiligen Eigencharakteristika zu beleuchten und zugleich etwas von der allmählichen Veränderung der Literatur um 2000 herum aufscheinen zu lassen.
Vor der detaillierten Analyse der Texte und der Erzählmodi von Gewalt lohnt es sich, die grundlegenden Annahmen und analytischen Leitideen der Arbeit darzustellen. In einer Konstellation von Macht, Gewalt, Sprache und Literatur fungieren Sprache und Text – wobei Letzterer die Sprache für den Leser zugänglich macht – als Medien von Gewalterfahrungen. Eine Grundannahme dieser Arbeit besteht darin, dass Gewalt als Anti-These der Sprache verstanden wird und einer Art Nicht-Kommunizierbarkeit ausgesetzt ist.19 Literatur verharrt jedoch nicht in einer „Beschreibungsimpotenz“, sondern versucht, Gewalt ästhetisch zu erfassen. Daraus folgt, dass die Literatur zu neuen ästhetischen Verfahren gezwungen ist, die Gewalt erfassen und gleichzeitig sprachlich vermitteln können. Dabei neigt die Literatur zu subversiven Verfahrensweisen. Ihr Wesen besteht in der Auflösung dialektischer Strukturen, in der Suspendierung binärer Oppositionen, mithin in einer Art Unordnung, die in einer komplexen Verschränkung narratologischer Kategorien (Figuren, Zeit, Erzähler, Fokalisierung), Bilder und Wahrnehmungen hervortritt. Dies führt dazu, dass sich der Leser mit einem Text konfrontiert sieht, der seinen Interpretationsprozess erschwert, dem Verstehen widersteht und so selbst gewaltsam wird.20 In diesen Fällen sind die mediale Latenz von Gewalt, das Politische des Textes und seine Widerstandspotenziale zu detektieren – Aspekte, die für die Textinterpretationen entscheidend sein werden.
Gewaltphänomene bzw. -erfahrungen (seien sie manifest oder latent; direkt oder indirekt; physisch, psychisch oder sprachlich) sind jedoch nicht auf Sprache und Text beschränkt. Sie sind – so die zweite Leitidee – auch an andere Medien gekoppelt wie Körper, Stimme, Raum oder Atmosphäre, in die sie sich diskursiv einschreiben. Diese Medien als Träger werden daher in der Untersuchung zu festen Bestandteilen des Gewaltkontextes und zu besonderen Aspekten der Textinterpretation.
Die beiden Leitideen richten den Blick auf zwei konstitutive Aspekte der Gewalt (in) der Literatur. Hinsichtlich der ästhetischen Spannung zwischen Gewalt und Literatur/Text stellt sich die Frage, wie sich die oben erwähnten diskursiven Einschreibungen (in Sprache, Text, Körper, Stimme, Raum, Atmosphäre) vollziehen. Damit ist nicht (unbedingt) die rein beschreibende versus formal-ästhetische Verfahrensweise literarischer Texte gemeint, vielmehr die Frage, ob (1) der Text die Gewalt und die sie ausübende Macht multipliziert, also erneut „herstellt“ oder (2) sie im Gegenteil kritisch dekonstruiert. Beide Textstrategien können mit dem Arrangement der Subversion operieren und schließen sich nicht zwingend aus. Sie unterschieden sich vielmehr im Rezeptionsvorgang: Während die erste Textstrategie eine Art stimmungsorientiertes Lesen21 ermöglicht und damit den Raum für das Atmosphärische22 öffnet, läuft die zweite Textstrategie auf die Kritik an Gewalt bzw. deren Entlarvung hinaus.
Vor diesem Hintergrund lassen sich für die Analyse der Texte folgende zentrale Fragen formulieren:
- Wie balanciert der Text zwischen der „Gewalt in der Literatur“ und der „Gewalt der Literatur“?
- Wie schreibt sich die Gewalt in das jeweilige Medium ein?
- Worin besteht die Medienspezifik bzw. die textuelle Codierung von Gewalt?
- Wie lässt sich die Gewalt der Literatur im Kontext des Politischen, des Widerstands und der Evokation auslegen?
- Inwiefern wird durch und/oder in dem Text Kritik an Gewalt ausgeübt und derart Widerstand geleistet?
- Inwieweit korreliert der literarische Text mit der Poetologie der Autor:innen?
Diese Leitfragen dienen als Orientierung für die Analyse der ausgewählten Texte. Sie sind zwar teilweise aus dem aktuellen Forschungsstand abgeleitet, stehen aber auch in einem weiteren Bezug zu den bestehenden Diskursen über Gewalt (in) der Literatur. Gewaltforschungen bilden ein breites Gebiet auf dem wissenschaftlichen Feld – vor allem, wenn man nicht nur die literarisch-ästhetischen, sondern auch die linguistischen, sprachphilosophischen, psychologischen und soziologischen Untersuchungen in Betracht zieht. Zahlreiche Publikationen, wie das interdisziplinäre Handbuch Gewalt23 oder das Handbuch Politische Gewalt24, verdeutlichen die wissenschaftliche Konjunktur dieses Themas.
Details
- Seiten
- 248
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631952085
- ISBN (ePUB)
- 9783631952092
- ISBN (Hardcover)
- 9783631952078
- DOI
- 10.3726/b23820
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (September)
- Schlagworte
- Literaturwissenschaft Kulturwissenschaft Politik Diktatur Gewalt Widerstand Körper Leib politische Literatur Phänomenologie Stimme Atmosphäre Marcel Beyer Juli Zeh Herta Müller Ästhetik Gegenwartsliteratur Kommunismus Nationalsozialismus
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 248 S.
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