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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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DOROTHEA SCHOLL

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Zwischen Historiographie und Dichtung: Jules Michelet J’étais mon monde en moi. [Ich war meine Welt in mir.] Jules Michelet 1 Jules Michelet (1798–1874) gilt als einer der bedeutendsten Historiker Frankreichs. Nachdem er aufgrund seiner Rezeption durch den Positi- vismus lange Zeit verpönt war, da man seine Methode für unwissen- schaftlich befunden hatte, wurde er im 20. Jahrhundert von Lucien Febvre und anderen Vertretern der nouvelle histoire wiederentdeckt und als ein Vorläufer dieser Richtung gefeiert; nicht zuletzt durch die Ungewöhn- lichkeit seiner Dokumentationsmethoden und seiner Berücksichtigung des Marginalen. Zu Michelets Dokumentationspraxis ist auch die Einbeziehung von Werken der Literatur zu zählen. Dank der Fokussierung auf Marginales hat er hier sogar in manchen Bereichen Pionierarbeit geleistet. Aus phi- lologischer Sicht wird diese Pionierarbeit gewöhnlich Sainte-Beuve zuge- schrieben, der in seinen Portraits und den Causeries du lundi verschiedenen vergessenen und aus dem nationalen Bewusstsein verdrängten französi- schen Dichtern der Vergangenheit einzelne Artikel widmete, dessen Me- thode aber anders geartet war. Wie Michelet auf der einen Seite die Geschichte im Licht fiktionaler Texte deutete, so hat er auf der anderen Seite fiktionale Texte verfasst, um die Möglichkeiten der Historiographie als einer kreativen künstlerischen Tätigkeit auszuschöpfen. In seinen metahistorischen Reflexionen kommt er immer wieder auf sein Selbstver- ständnis als historien artiste zurück und thematisiert die kognitive Dimension von künstlerischer Fiktion und Wissenschaft. Auch in seinen poetischen Schriften reflektiert er über den Zusammenhang von Historiographie, Dichtung und Wissenschaft....

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