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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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BRIGITTE RATH

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„Our knowledge petrifies our rhymes“ Edmund Gosse im Kontext der Institutionalisierung von English Literature Sir Edmund Gosse (1849–1928) als poeta philologus zu betrachten, liegt nicht auf der Hand: Denn Gosse war weder ein besonders herausragen- der Dichter noch ein exzellenter Philologe. Der Blick auf Gosse lässt aber eine Konstellation im Literaturbetrieb Englands im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts sichtbar werden, die herauszuarbeiten sich lohnt. Dabei interessiert zum Einen, wie sich Gosse, der jung und ohne Ver- bindungen nach London kam, in der Literaturszene etablieren konnte und ohne jegliche akademische Ausbildung Lecturer for English Literature an der University of Cambridge wurde. Gosses erfolgreiche Strategie kann man, wie ich im ersten Teil vorschlage, als einen Versuch lesen, die Rolle eines poeta philologus anzunehmen. Der zweite Teil rekonstruiert die Hauptstränge der zeitgenössischen Kontroverse um die Institutionali- sierung von English Literature als Studienfach an den beiden großen Uni- versitäten Oxford und Cambridge – eine Kontroverse, die u. a. Philology gegen Literature stellt. Der dritte Abschnitt führt die ersten beide Teile zusammen und zeigt, wie sich diese institutionelle Diskussion auf Gosse als Inhaber der ersten explizit der englischen Literatur gewidmeten Stelle zuspitzte, ihn als Person zum Zentrum der Auseinandersetzungen machte und seine Eignung als philologus in Frage stellte – und wie dieser Zweifel Gosses Kreativität als poeta in Mitleidenschaft zog. I. „I am a poet, critic and ,littérateur‘“ Gosses heutzutage bekanntestes und immer noch wirkmächtiges1 Werk ist der autobiographisch inspirierte Roman Father and Son (erschienen 1907), der...

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