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Mehrdeutigkeit übersetzen

Englische und französische Kinderliteraturklassiker der Nachkriegszeit in deutscher Übertragung

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Agnes Blümer

Viele englisch- und französischsprachige Kinderliteraturklassiker waren an Erwachsene und Kinder zugleich gerichtet, was in den Ausgangskulturen für selbstverständlich gehalten wurde. Galt dies auch noch für ihre Übertragung ins Deutsche? Agnes Blümer unterzieht sechs Klassiker der kinderliterarischen Phantastik der Nachkriegszeit sowie ihre Übersetzungen einer eingehenden literatur- und übersetzungswissenschaftlichen Analyse: «The Borrowers», «Tom’s Midnight Garden», «Tistou les pouces verts», «A Wrinkle in Time», «Where the Wild Things Are» und «Conte numéro 1». Im vorangestellten Theorieteil legt sie den Stand der Mehrdeutigkeits- und Übersetzungsforschung dar. Einen weiteren Bezugspunkt bilden Theoriediskurse der 1950er- und 1960er-Jahre und deren Einfluss auf die damalige Übersetzungspraxis.

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2. Kapitel: Theorien der Phantastik. Phantastik als Kinder-Erwachsenen-Literatur

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a. Phantastik und ihr Potenzial zur Doppelsinnigkeit

Die bekanntesten mehrdeutigen Texte der Kinder- und Jugendliteratur gehören zur Gattung der Phantastik. Eine Untersuchung dieser Gattung mag daher auch Aufschluss über die Doppelsinnigkeit im Allgemeinen geben. Die Phantastik avancierte zudem zu einer der dominierenden Gattungen der Kinderliteratur der 1950er- und 1960er-Jahre – sie eignet sich also zweifach für eine Untersuchung der Übersetzungen von Doppelsinnigkeit in der Kinderliteratur der Nachkriegsjahrzehnte. Vorläufig muss allerdings dahingestellt bleiben, ob es überhaupt zulässig ist, von einem Zusammenhang zwischen Doppelsinnigkeit und Gattung – ganz gleich, um welche Gattung es sich dabei handelt – auszugehen. Möglich wäre prinzipiell auch, dass es sich bei doppelsinnigen Texten jeweils immer um Einzelerscheinungen in verschiedenen Gattungen handelt. Dies scheint allerdings durch das vermehrte Vorkommen von doppelsinnigen Texten in der phantastischen Literatur, die auch in der Forschung vielfach kommentiert wurde, eher unwahrscheinlich.1

Phantastischen Erzählungen, Fantasy und Science Fiction wird am häufigsten die Fähigkeit zugeschrieben, Erwachsene und Kinder als ihre Rezipienten zu vereinen. So suggeriert etwa die von Maren Bonacker herausgegebene Aufsatzsammlung Peter Pans Kinder. Doppelte Adressiertheit von phantastischen Texten (2004) einen Zusammenhang zwischen phantastischen Gattungen und Doppelsinnigkeit.2 Ulf Abraham (2012) listet verschiedene Texte des 19. Jahrhunderts als „Vorläufer einer all-age-Fantastik“ (101) auf und konstatiert (ebd.): „Fantastik gilt heute auch dann, wenn sie als intentionale KJL entstanden ist, als relativ offen in Bezug auf sogenannte Zielgruppen.“ Als einzige Erklärung für ← 45 | 46 → dieses Phänomen führt Abraham (102) an,...

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