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Mehrdeutigkeit übersetzen

Englische und französische Kinderliteraturklassiker der Nachkriegszeit in deutscher Übertragung

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Agnes Blümer

Viele englisch- und französischsprachige Kinderliteraturklassiker waren an Erwachsene und Kinder zugleich gerichtet, was in den Ausgangskulturen für selbstverständlich gehalten wurde. Galt dies auch noch für ihre Übertragung ins Deutsche? Agnes Blümer unterzieht sechs Klassiker der kinderliterarischen Phantastik der Nachkriegszeit sowie ihre Übersetzungen einer eingehenden literatur- und übersetzungswissenschaftlichen Analyse: «The Borrowers», «Tom’s Midnight Garden», «Tistou les pouces verts», «A Wrinkle in Time», «Where the Wild Things Are» und «Conte numéro 1». Im vorangestellten Theorieteil legt sie den Stand der Mehrdeutigkeits- und Übersetzungsforschung dar. Einen weiteren Bezugspunkt bilden Theoriediskurse der 1950er- und 1960er-Jahre und deren Einfluss auf die damalige Übersetzungspraxis.

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3. Kapitel: Theorien des kinderliterarischen Übersetzens

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a. Allgemeine Theorien literarischen Übersetzens. Geschichte und Überblick

Betrachtet man die Geschichte des Übersetzens seit der Antike, so wird deutlich, dass die sogenannte Übersetzungstheorie zunächst teils aus der Übersetzungskritik, teils aus der Rechtfertigung von Übersetzenden entstanden ist. Nicht nur hermeneutische Praktiken wie die der Allegorese des ‚mehrfachen Schriftsinns‘ (siehe dazu I.1.h), sondern auch übersetzungstheoretische Reflexionen stehen teils in einer religiösen Tradition. Insbesondere die Übersetzung ‚heiliger‘ Texte, etwa der Bibel, provoziert zur Auseinandersetzung mit diesem speziellen Übertragungsprozess; sie führt aber auch zur theoretischen Reflexion über das Übersetzen im Allgemeinen – so etwa bei den Bibelübersetzern Hieronymus im „Brief an Pammachius“ und Martin Luther in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“. Beide plädieren prinzipiell für eine Orientierung an der Zielsprache, also für eine sinngemäße1 und möglichst verständliche Übersetzung. In Martin Luthers berühmt gewordener Formulierung, in der gewissermaßen auch schon Kinder als Zielgruppe mitgedacht werden, heißt es:

Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie soll man Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet. (Luther 1969, 21) ← 73 | 74 →

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