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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Und darin fühlen totsicher die alteingesessenen luxemburger Juden parallel mit ihren arischen Mitbürgern. Die Abwehr jüdischer Einwanderung in den 1930er Jahren als Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus (Marc Gloden)

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Marc Gloden

Und darin fühlen totsicher die alteingesessenen luxemburger Juden parallel mit ihren arischen Mitbürgern.1 Die Abwehr jüdischer Einwanderung in den 1930er Jahren als Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus

1.  Einleitung

Als der sogenannte Artuso-Bericht2 im Februar 2015 mit der Feststellung veröffentlicht wurde, dass die luxemburgische Verwaltungskommission und die ihr unterstellten Behörden während der deutschen Besatzungszeit bei der Identifizierung der Juden, ihrem Ausschluss aus dem öffentlichen Dienst, den liberalen Berufen und den Schulen sowie bei der „Arisierung“ jüdischen Vermögens kollaboriert hatten,3 löste dies ein anhaltendes Echo in der Öffentlichkeit aus. Der Bericht rief viele positive Reaktionen von Seiten der Presse und den übrigen Teilen der Zivilgesellschaft hervor4 und stieß einen politischen Reflexionsprozess an, der am 9. Juni 2015 zu einem einstimmig gefassten Beschluss der Abgeordnetenkammer führte, der das Leid anerkannte, das der jüdischen Bevölkerung während der Besatzungszeit in Luxemburg widerfuhr. Zugleich bat das Parlament die jüdische Gemeinschaft in aller Form um Entschuldigung für die actes fautifs der luxemburgischen Behörden ← 175 | 176 → während der deutschen Besetzung Luxemburgs.5 Die ersten, teils kritischen Anmerkungen von Historikern6, besonders aber die Abwehrreaktion einiger Luxemburger in Zeitungsartikeln und Leserbriefen7 zeigen zudem, dass die Judenverfolgungen während des Zweiten Weltkrieges und die damit zusammenhängende Frage, ob und inwiefern der bereits in den Vorkriegsjahren in Luxemburg existierende Antisemitismus8 das Verhalten der Luxemburger beeinflusste, immer noch Emotionen auslösen und als Forschungsgegenstand aktuell bleiben werden.

In diesem Beitrag soll gezeigt werden, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in den 1930er Jahren nicht immer klar voneinander zu trennen waren.9 Aufgrund der doppelten Befürchtung, die zuwandernden Juden stellten eine wirtschaftliche Bedrohung und eine besonders schwer zu assimilierende Gruppe dar, existierte in der luxemburgischen Gesellschaft der fremdenfeindliche Grundkonsens, die jüdische Immigration müsse eingedämmt werden. Wie weiter gezeigt werden soll, führte dieser Grundkonsens zu dem scheinbaren Paradox, dass der radikale Antisemitismus der Nationalsozialisten einerseits milieuübergreifend verurteilt wurde, während andererseits antisemitische Ressentiments bis zu einem ← 176 | 177 → gewissen Grad hingenommen, ja teilweise in den fremdenfeindlichen Diskurs integriert wurden und so die Gestaltung der Immigrations- und Flüchtlingspolitik beeinflussen konnten.

Wer sich mit dem Phänomen des Antisemitismus beschäftigt, der stellt fest, dass antisemitische Ressentiments seit dem Ende des Ersten Weltkrieges nicht länger ausschließlich im katholischen Milieu existierten, sondern zum Bestandteil der Propaganda der „Letzeburger Nationalunio’n“10 wurden, ja gelegentlich sogar in der linken Presse auftauchten.11 Hinzu kommt, dass der traditionelle Antijudaismus des „Luxemburger Wort“ seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vom modernen Antisemitismus abgelöst worden war und an Schärfe gewonnen hatte, da das „Luxemburger Wort“ die rassistische Terminologie und einige Legenden des rassischen Antisemitismus, wie etwa das Motiv der jüdischen Weltverschwörung, übernommen hatte. Es sprach von einer Judenfrage und betrachtete die Juden als eine Nation innerhalb der christlichen luxemburgischen Nation.12

So unterstellte das „Luxemburger Wort“ den Juden in den 1920er Jahren eine führende Rolle in den sozialistischen und kommunistischen Parteien, daneben aber auch eine Dominanz in Wissenschaft, Kultur und Handel. Da es in den Juden die eifrigsten Verfechter einer materialistischen und religionsfeindlichen Moderne sah, griff es besonders die entarteten Juden an, womit es jene Juden meinte, die nur der Rasse nach […] noch Juden seien, nicht mehr der Gesinnung nach, weil sie mit ihrem kapitalistische[n] und materialistische[n] Geist sowie ihrer religiöse[n] Indifferenz die gleiche Haltung an den Tag legten wie die vielen abgestandenen Christen. Da die entarteten Juden genauso bekämpft werden müssten wie die abgestandenen Christen, ermahnte das „Luxemburger Wort“ auch die gläubigen Juden zu einem stärkeren Abrücken von den entwurzelten Elementen, von den Unruhestiftern und den Ausbeutern des Volkes.13 ← 177 | 178 →

Trotz seiner Hinwendung zum modernen Antisemitismus lehnte das „Luxemburger Wort“ nicht nur den religiösen Antisemitismus ab, sondern im Prinzip auch den Rassenantisemitismus. Es verurteilte letzteren als einen Abfall vom Christentum im Sinne einer Rückkehr zum Heidentum und setzte ihm den politisch-wirtschaftlichen Antisemitismus entgegen, den es als einen Akt der Notwehr verstand.14

Diese Passage deutet darauf hin, dass der ökonomische Antisemitismus, ein Motiv, das das „Luxemburger Wort“ bereits im 19. Jahrhundert benutzte15, in den wirtschaftlich oftmals schwierigen Jahren von 1914 bis 1940 eine wichtige Rolle spielte. So wurde bereits 1918 in der Debatte um die aus Galizien eingewanderten Juden oftmals ökonomisch ‚argumentiert‘. Während das damals noch linksliberale „Escher Tageblatt“ die galizischen Juden als Hauptakteure des Kettenhandels und als wirtschaftliche Bedrohung ansah16 und so die Figur des galizischen Wucherers in den antikapitalistischen Diskurs integrierte,17 stufte die „Letzeburger Nationalunio’n“ jene Juden als wirtschaftliche und politische Gefahr für die Nation ein.18

Während diese Beispiele andeuten, dass der ökonomische Antisemitismus in Krisenzeiten auch in nichtkatholischen Kreisen dazu benutzt wurde, um jüdische Einwanderer zu diffamieren, verbanden die Kreise um das „Luxemburger Wort“ diese Form des Antisemitismus mit gesellschaftlichen Machtfragen, die weit über Fragen der Ökonomie und Einwanderungspolitik hinausreichten. Dies zeigte die „Luxemburger Frau“, die Wochenbeilage des „Luxemburger Wort“, als sie im August 1929 vor einer jüdischen Verschwörung warnte und den vorherrschenden Zeitgeist attackierte, weil sie jenen im Dienst des modernen Heidentums wähnte. Das Blatt war sich sicher, dass Gottesleugner, allen voran Juden und Freimaurer, die Kontrolle über fast alle Machtmittel der öffentlichen Meinung gewonnen hätten und sich nun anmaßten, der Mehrheitsgesellschaft „ihre“ Weltanschauung aufzuzwingen und die politischen Geschicke des katholischen Luxemburgs zu ← 178 | 179 → steuern: In Handel und Industrie ist das „Judentum“ vielfach an der Spitze, auch bereits hier in Luxemburg, wo beinahe alle Eckgeschäfte, die bestgehendsten von allen, israelitischen Ausländern angehören. Und aus dem Handel geht dieses reich gewordene Judentum in die Politik über, und will Gesetzgeber und Volksführer in einem „katholischen“ Land werden. Klingt so was nicht wirklich unglaublich?19

Diese Zeilen demonstrierten, dass in den Kreisen um das katholische „Luxemburger Wort“ am Vorabend der Weltwirtschaftskrise ein „politisch-wirtschaftlicher Antisemitismus“ präsent war, obwohl der Anteil der Juden an der luxemburgischen Bevölkerung nach wie vor sehr gering war. Er betrug im Jahre 1930 nur 0,7 Prozent und stieg im Laufe des Jahrzehnts aufgrund der Einwanderung auf etwas mehr als 1,1 Prozent an, so dass der ohnehin recht hohe Ausländeranteil innerhalb der jüdischen Gemeinschaft von etwa 68 Prozent im Jahr 1930 auf rund 74 Prozent im Jahr 1940 anstieg.20 Diese Zahlen legen den Schluss nahe, dass die Ablehnung von Juden in den 1930er Jahren auf eine Mischung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zurückzuführen ist. Und dies nicht nur, weil die politische Rechte Ausländer als Bedrohung für Kultur und „Volkstum“ verstand und das „Luxemburger Wort“ die „Fremdenfrage“ mit der „Judenfrage“ verband.21 Hinzu kam auch, dass der Schutz der wirtschaftlichen Interessen der Luxemburger, der ein wichtiges Ziel aller wichtigen Medien22 und Parteien war, während der Wirtschaftskrise das Potenzial hatte, die Luxemburger gegenüber den Ausländern zu einen.

2.  Der Mittelstand am Abgrund

Die konsensstiftende Wirkung des wirtschaftlichen Protektionismus sollte sich zu Beginn der 30er Jahre zeigen, in einer Phase, als die einheimischen Mittelständler aufbegehrten, weil sie unter der Krise und den protektionistischen Maßnahmen der Behörden litten. Beide Faktoren hatten die Rückkehr zahlreicher ausländischer ← 179 | 180 → Arbeiter in ihre Herkunftsländer ausgelöst und einen demographischen Niedergang im Süden des Landes bewirkt, der dazu führte, dass die ohnehin schon krisenbedingte Nachfragelücke sich vergrößerte und die Umsätze der Kaufleute und Gewerbetreibenden zusätzlich einbrachen.23

Angesichts der steigenden Zahl von Konkursen24 verfestigte sich nach 1930 bei den Mittelständlern der Eindruck, Handel und Gewerbe seien überbesetzt, so dass umfassende staatliche Schutzmaßnahmen – nicht nur, aber auch – gegenüber der ausländischen Konkurrenz erforderlich seien. Dabei tat sich besonders der „Kaufmännische Landesverband“ hervor, an dessen Spitze bis 1934 der aus dem Süden Luxemburgs stammende Fraktions- und Parteivorsitzende der Rechtspartei, Eugène Dondelinger25, stand. Am 25. Januar 1931 forderte dieser Verband die Regierung in einer Resolution dazu auf, die Tätigkeit der ausländischen Kaufleute einer ministeriellen Genehmigung zu unterwerfen, sowie von einem Leumundszeugnis und einem Strafregisterauszug abhängig zu machen. Gemäß dieser Resolution sollte jeder Kaufmann belegen, dass er hinreichend vermögend sei, um seinen Handel auf gesunder finanzieller Basis zu betreiben, und dass er nicht bereits vorher im Ausland Bankrott gemacht habe. Diese Tendenz, zuwandernde Geschäftsleute unter Generalverdacht zu stellen, kam deutlich in der Forderung zum Ausdruck, jeden Ausländer abzuschieben, der sich in Luxemburg des betrügerischen Bankrotts schuldig macht, gelte es doch, den guten Ruf unserer alteingesessenen Kaufmannschaft zu wahren sowie die Zulieferer und Kunden vor Verlust und Betrug zu schützen.26 Die Abwehrhaltung der einheimischen Geschäftsleute war nicht auf einen spezifischen Geschäftstypus ausgerichtet, ← 180 | 181 → da die Kaufleute sowohl die ausländische Kleinkonkurrenz, wie die Hausierer und Krammarkthändler, als auch die großen Geschäftseinheiten im Visier hatten. An der Art ihrer Proteste fällt jedoch auf, dass die luxemburgischen Kaufleute immer dann besonders sensibel reagierten, wenn sie jüdische Geschäftsleute unter den Konkurrenten wähnten.

Dies zeigte sich im September 1932, rund zwei Monate, nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen zur stärksten Kraft aufgestiegen war und sich die ohnehin schwierige Situation der Juden in Deutschland weiter verschlechterte.27 Im Vorfeld der für Anfang Oktober 1932 in Esch/Alzette geplanten Eröffnung des Einheitspreisgeschäftes „Prix Unique“ machten die Kaufleute gegen dieses Geschäftsmodell und die deutsch-jüdischen Eigentümer dieses Unternehmens mobil.28 Mit dem Hinweis auf die großen Gewinne der Einheitspreisgeschäfte stellten sie diese Unternehmen als eine Riesengefahr für den selbständigen Detailhandel dar, die zudem makroökonomisch wertlos seien, da sie das Qualitäts- und infolgedessen auch das Preisniveau mit minderwertiger Ware senkten und schlecht ← 181 | 182 → ausgebildetes sowie gering bezahltes Personal hätten. Die Kaufleute beanstandeten sowohl das System des Einheitspreisgeschäftes selbst als auch die Führung des Geschäftes durch frisch zugewanderte fremde Elemente und forderten deswegen das Verbot dieser Art Warenhäuser.29

Auf einer zu diesem Thema angesetzten außerordentlichen Versammlung des Escher Geschäftsverbandes schlugen die einheimischen Geschäftsleute am 13. September 1932 kämpferische Töne an, um ihre materiellen Interessen zu wahren. Der Vizepräsident des Escher Geschäftsverbandes, Bedessem, sah das Land von einer Vertrustung bedroht und warnte die Regierung unter dem Beifall der – laut den Veranstaltern etwa 350 – Anwesenden davor, die luxemburgischen Kaufleute einigen ausländischen Großkapitalisten aus[zu]liefern. Der Vizepräsident des Kaufmännischen Landesverbandes, Pierre Mart30, spielte zudem auf die Herkunft der Konkurrenten an, indem er forderte, dass die Regierung nicht hinnehmen dürfe, dass Ausländer, die drüben in die Enge getrieben würden, sich hier niederlassen, und ohne weiteres Geschäfte eröffnen, welche den inländischen Geschäftsstand in seiner Existenz bedrohen.31

Diese alarmierenden Appelle überzeugten sowohl den Syndikus der Handelskammer, Paul Weber, als auch die anwesenden Parteipolitiker. Neben Eugène Reichling, der damals Abgeordneter der Rechtspartei und Schöffe der Stadt Esch war und im Jahre 1939 den Vorsitz über die luxemburgische Kaufmannschaft übernehmen sollte32, demonstrierten auch der Abgeordnete Hubert Loutsch von der „Unabhängigen nationalen Vereinigung“ und der sozialistische Abgeordnete ← 182 | 183 → und Schöffe der Stadt Esch, Hubert Clément, ihre Solidarität mit den Mittelständlern. Clément unterstrich, die Arbeiterpartei wolle wie die Kaufleute den Überkapitalismus eindämmen. Er verwies dabei auf den von ihm in der Kammer eingebrachten Antrag33, der Maßnahmen zum Schutz des einheimischen Handels vor den einwandernden Geschäftsleuten, insbesondere den Besitzern von Einheitspreisgeschäften, forderte.34

Die rechtsliberale Regierung reagierte umgehend und unterwarf die Niederlassung von Händlern und Handwerksmeistern einer ministeriellen Genehmigung. Im Sinne der Kritik der Kaufleute sollte eine solche Genehmigung nach Anhörung einer eigens dafür eingesetzten Sachverständigenkommission erteilt und bezeichnenderweise nur für jene ausgestellt werden, welche die notwendige Gewähr für Moralität und geschäftliche Ehrlichkeit bieten.35

Die Entstehungsgeschichte jenes Großherzoglichen Beschlusses zeigt, dass sich im Kontext der Wirtschaftskrise im Großherzogtum eine große, informelle Koalition bildete, die auch Teile der Opposition umfasste und deren Ziel es war, den „Mittelstand“ vor der zuwandernden Konkurrenz zu schützen. Paul Weber bekräftigte später, dass die Angst vor der jüdischen Zuwanderung das Hauptmotiv jenes Beschlusses war, ging es doch darum, das Land im Falle der Machtübernahme der Nationalsozialisten vor einer „Flut“ von Immigranten zu bewahren.36 ← 183 | 184 →

Da der Beschluss breite parteipolitische Unterstützung genoss, waren dazu auch kaum kritische Stimmen in der Öffentlichkeit zu vernehmen. Während die Mittelständler diese Maßnahme im höheren Interesse des Landes feierten und sich bei allen Parteien mit Pathos dafür bedankten, gewissermaßen eine „Union sacrée“ einzugehen37, nahmen die übrigen Zeitungen dies kommentarlos oder – wie das von Clément geleitete „Escher Tageblatt“ – prinzipiell zustimmend zur Kenntnis. Allerdings wunderte sich die Redaktion über die verteufelt fix[e] Reaktion der Regierung und wünschte sich eine gleiche Beflissenheit[…]in Arbeiterfragen, stellte aber zustimmend fest, dass gewisse „Geschäftsleute“ vor den schärfsten Missbräuchen nicht zurückschrecken. Man kennt genügend Fälle, in denen obskure Ausländer sich hier etablierten, kostspielige Inneneinrichtungen anbringen ließen, Personal einstellten und mit großem Tamtam und geschwellten Segeln in den Konkurs gondelten, dabei ihre Lieferanten um ihr Geld, das Personal um den Lohn und die Behörden um Steuern und soziale Beiträge prellten.38

Wenngleich das „Escher Tageblatt“ in dieser Passage von obskuren Ausländern sprach und eher fremdenfeindlich argumentierte, so ist es doch bemerkenswert, dass das Gewerkschaftsblatt nicht zum Antisemitismus Stellung nahm, der in jenen Tagen allseits spürbar war. Anders als die Kaufleute, die in erster Linie materielle Interessen gegenüber potenziellen ausländischen Konkurrenten verteidigt und dabei subtil die antijüdische Karte gespielt hatten, hatte das „Luxemburger Wort“ sich im Vorfeld des Beschlusses ganz offen fremdenfeindlich und antisemitisch geäußert. Nachdem es am 1. September 1932 sowohl in wirtschaftlicher als auch in nationaler, völkischer Hinsicht ein Überlaufenwerden befürchtet und eine Drosselung der Einwanderung verlangt hatte,39 stellte es wenig später fest, dass einige Nachbarländer bereits eine Zuwanderung aus Deutschland registrierten. Daher warnte es davor, dass sich das Judentum immer und überall wirtschaftlich eine Vorzugs- und Vormachtstellung […]verschaffen konnte, die nicht selten den Charakter einer systematischen Verdrängung annahm und ganz natürlich […] die Mißstimmung und Reaktion nichtjüdischer Wirtschaftskreise hervorrief. Man braucht nur statistisch die Bewegung des kaufmännischen Judentums in den Städten Mitteleuropas, oder auch bei uns […] zu verfolgen, um für dieses wirtschaftliche und kulturelle Unbehagen die nötige Erklärung zu finden. Und diese andauernd wachsende Vormachtstellung jüdischen Wirtschaftskapitals […] wird allmählich zum Problem. ← 184 | 185 →40

Am Tag nach der außerordentlichen Generalversammlung des Escher Geschäftsverbands hatte das „Luxemburger Wort“ zudem vor der zu jener Zeit in jüdischen Kreisen diskutierten Idee gewarnt, ein jüdisches Weltparlament zu gründen. In den Augen des „Luxemburger Worts“ schienen die wirtschaftlichen und finanziellen Voraussetzungen für eine derartige Organisierung der jüdischen Macht durchaus gegeben zu sein. Weil es deswegen die organisierte Einflussnahme des Judentums auf die christliche Welt heraufziehen sah, blickte das Bistumsblatt jenen Plänen vom Standpunkt der abendländisch-christlichen Kultur mit Sorge entgegen und forderte, die betroffenen christlichen Völker sollten eine Gegenorganisation gründen.41

Dass der Beschluss vom 21. September 1932 während einer Phase getroffen wurde, in der sich fremdenfeindliche und antisemitische Aussagen zu einer regelrechten Kampagne verdichteten, wurde jedoch nicht einmal von einem seiner erklärten Gegner thematisiert, dem das Recht zugestanden worden war, seine abweichende Position im Januar 1933 in einer dreiteiligen Artikelserie im „Escher Tageblatt“ darzulegen.42 Dieser Redakteur wertete den Beschluss zunächst als Verstoß gegen Gesetz und Verfassung und monierte, dass er die in unserer Verfassung verbrieften libertés individuelles aufhebt. Diese Kritik lief darauf hinaus, die Regierung verbiete im Nachhinein eine bereits Monate zuvor gegründete und eingetragene Gesellschaft, obwohl kein Gesetz oder Beschluß retroaktive Wirkung haben könne. Dabei stütze sie sich auf ein Kriegsgesetz, dessen Daseinsrecht seit dem Kriegsende nicht mehr gegeben sei.43 Somit ging jener Journalist auf ein politisches Problem der Zwischenkriegszeit ein,44 vermied es aber, die fremdenfeindlichen ← 185 | 186 → und antisemitischen Begleitumstände des Beschlusses anzusprechen. Er beschränkte sich darauf, seinen juristischen Einwänden eine wirtschaftliche und marxistische Kritik hinzuzufügen.

Obschon diese fremdenfeindlichen und antisemitischen Motivationen offensichtlich waren, wurde dies in der Öffentlichkeit kaum angefochten. Lediglich ein anonymer Kritiker beanstandete diese Motivationen, indem er den Beschluss in der „Voix des Jeunes“, dem Organ der linksliberalen Studentenorganisation „Assoss“, als le plus odieux abus de pouvoir qui se puisse imaginer bezeichnete. Dieser Kritiker warf den Behörden vor, die Gewerbefreiheit auf Drängen der Mittelständler in die Hände einer commission vague gelegt zu haben, die nur noch diejenigen zu Handel und Gewerbe zulasse, die über Beziehungen verfügten. Somit habe die Regierung nicht nur sämtliche verfassungsrechtliche Prinzipien über Bord geworfen und die bewährten Prinzipien des freien Wettbewerbs zugunsten der Vetternwirtschaft abgeschafft, sondern sie habe es auch zugelassen, dass Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus instrumentalisiert werden konnten, um wirtschaftliche Konkurrenten auszuschalten: L’origine de ces idées d´une bassesse peu commune leur imprime le caractère nationaliste. Sous le prétexte de préserver le pays de l’invasion étrangère, on se défait du concurrent dangereux. Et de taper sur les juifs qui ont amené la baisse des prix par une surenchère déloyale ! Et voilà les enseignes : buy Luxembourg […]. Il y avait un temps où on riait de la devise de notre Siggy national et tricolore. Nous avons fait du chemin.45

Die vorangehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, dass die Entstehung des Septemberbeschlusses einer Mischung von Fremdenfeindlichkeit, Protektionismus, Antikapitalismus und Antisemitismus geschuldet war, wobei die zunehmende Einwanderung von Juden aus Deutschland das auslösende Moment jener Maßnahme war. Auch wenn nicht alle Akteure aus antisemitischen Motiven handelten, so wurden der unterschwellige Antisemitismus der Mittelständler und der offene Antisemitismus des „Luxemburger Worts“ doch kaum beanstandet, da es Konsens war, die Einwanderung und die Organisation des einheimischen Arbeitsmarktes sei so zu gestalten, dass Zuwanderer nicht zu einer „Bedrohung“ für die materiellen Interessen der Einheimischen werden konnten. An dieser Grundhaltung sollte sich auch in den Folgejahren nur wenig ändern.

Die Freude der Mittelständler nach dem Septemberbeschluss von 1932 war nämlich nur von kurzer Dauer, wie sich im Anschluss an eine Interpellation des Fraktionsvorsitzenden der Rechtspartei, Jean Origer, zeigte. Tatsächlich forderte Origer am 24. Mai 1933, unsern Luxemburgern die im Lande sich darbietenden ← 186 | 187 → Erwerbsmöglichkeiten zu erhalten und unsere Mittelstände in diesen Krisenzeiten vor unzulässigen Bedrängungen zu schützen.46 Für Origer hieß dies, nur in den alleräußersten Notfällen noch Einreisegenehmigungen an Ausländer auszustellen47 sowie eine strenge Kontrolle […] bezüglich der Eröffnung neuer Geschäfte oder neuer Handwerksbetriebe walten zu lassen. Letzteres schlug sich denn auch in seiner Anregung nieder, die Regierung möge doch die Zahl der seit dem Septemberbeschluss neu zugelassenen mittelständischen Betriebe nennen.48

Finanzminister Pierre Dupong, der den abwesenden liberalen Handels- und Industrieminister Etienne Schmit vertrat, lieferte in seiner Stellungnahme die von Origer gewünschten Zahlen und unterstrich, Ausländer müssten drei Jahre im Großherzogtum ansässig sein, um eine Gewerbegenehmigung zu erhalten. Dupong beklagte, man leide bereits genügend unter der Masse an Bewerbern und man sei deswegen auch bereit, die Niederlassungsbedingungen zu verschärfen. Mit dem Hinweis auf bestehende internationale Verträge und Übereinkünfte erklärte er es aber für unmöglich, die Niederlassung ausländischer Geschäftsleute und Handwerker gänzlich zu untersagen.49

Die Mittelständler konnten sich jedoch nicht mit Dupongs Aussagen abfinden, so dass sie die Regierung und die von ihr eingesetzte Sachverständigenkommission zunehmend kritisierten. Diese bis 1940 andauernde Kritik lief darauf hinaus, dass die Kommission insbesondere bei der Vergabe der Handels- und Gewerbegenehmigungen an Ausländer zu lax verfahre. Da die Mittelständler sich am Abgrund wähnten, verlangten sie nichts Geringeres als eine rücksichtslose Sperre für die Niederlassung von fremden Handels- und Gewerbetreibenden.50 Wohl ahnend, dass es sich dabei um eine unrealistische Forderung handelte, versuchten sie zumindest die Kontrolle über die Sachverständigenkommission zu verstärken. In diesem Sinne verlangten sie mehr Transparenz bei der Vergabe der Genehmigungen und riefen die Behörden dazu auf, monatlich die Ermächtigungen mit Begründung im Memorial zu veröffentlichen.51 Doch damit nicht genug: um ein größeres Gewicht innerhalb der Kommission zu erlangen, erwarteten sie von der ← 187 | 188 → Regierung, sie solle den Handwerksmeistern und den Kaufleuten jeweils einen zusätzlichen Vertreter in dem Gremium zugestehen.52

Die Mittelständler blieben mit ihren Forderungen nicht alleine. Wenige Tage nach Origers Interpellation erschien erstmals das national-populistische „Luxemburger Volksblatt“. Dieses vom „Luxemburger Wort“- Dissidenten Léon Müller geführte Blatt war Carole Mersch zufolge zwar nicht offen antisemitisch, aber seine Terminologie ließ doch eine gedankliche Nähe zu den Rassentheorien der Nationalsozialisten erkennen.53 Hinzu kam, dass das Blatt die Fremdenpolitik aller Regierungen vor 1940 als zu liberal ablehnte54 und die Interessen der Mittelständler besonders vehement vertrat.55 Gleich zu Beginn seines Erscheinens sprach es sich richtungsweisend für ein Verbot der Beschickung der Krammärkte durch Ausländer sowie ein Verbot der Einheitspreisgeschäfte aus. Es rief die Behörden dazu auf, eine Überprüfung aller Handelsgenehmigungen vorzunehmen sowie eine einjährige Gründungssperre für Geschäfte aller Art zu verhängen.56 Neben derartigen protektionistischen Forderungen stand auch der Schutz des Volkstums oben auf der Prioritätenliste des „Luxemburger Volksblatt“. So mahnte es eine fünfjährige totale Einreisesperre und Naturalisierungssperre an.57 Da das „Luxemburger Volksblatt“ eine restriktive Einwanderungspolitik skizzierte, deren Wirkung gerade gegenüber dem Gros der jüdischen Einwanderer zum Tragen kommen sollte, lehnte es auch die Einwanderung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland ab. Als im Juni 1933 ein in Mondorf wohnender anonymer Leserbriefschreiber dem Blatt zutrug,58 es sei einem jüdischen Immigranten aus Deutschland offenbar gelungen, mithilfe eines seiner Stammesgenossen eine Genehmigung zur Eröffnung einer Familienpension zu erhalten, solidarisierte das „Luxemburger Volksblatt“ sich umgehend mit dessen Anliegen und ließ dabei jegliche Kritik an den Aussagen des Leserbriefschreibers vermissen.59

Das „Luxemburger Volksblatt“ stellte insofern ein Novum dar, als mit ihm seit Mai 1933 erstmals eine Tageszeitung erschien, die sich in offener Opposition zu der seit ← 188 | 189 → 1926 amtierenden rechtsliberalen Regierung befand und deren Einwanderungspolitik von einem rechtsextremen Standpunkt aus kritisierte. Da die Mittelstandsvertreter, das „Luxemburger Volksblatt“ und nicht zuletzt auch die Fraktion der Rechtspartei die Regierung zu weiteren protektionistischen Maßnahmen aufforderten und auch sonst in der Öffentlichkeit keine nennenswerte Kritik an derartigen Maßnahmen zu vernehmen war, schritt die Regierung zu der von Dupong erwogenen Verschärfung der Niederlassungsbedingungen für die ausländischen Mittelständler. Im Sommer 1933 bestimmte sie zunächst, dass Ausländer im Prinzip seit mindestens zehn Jahren im Lande ansässig sein mussten, um in den Genuss einer Gewerbe- und Handelsgenehmigung zu kommen. Obschon diese Verfügung ein Instrument darstellte, um dem Großteil der Flüchtlinge aus Deutschland den Marktzugang zu verwehren, ließ sie doch Ausnahmen zu. Während die Belgier gleichsam en bloc von der Residenzklausel befreit wurden, bestand auch die Möglichkeit, Ausländer, die mit einer Luxemburgerin verheiratet waren, fallweise von dieser Pflicht zu entbinden. Im Hinblick auf die übrigen Ausländer waren die Richtlinien streng, aber nicht starr, da in der Mitteilung betont wurde, die Residenzdauer […] in Ausnahmefällen nicht anzuwenden, wenn dies im Interesse der Allgemeinheit ist, wie z.B. bei der Erschließung von neuen Erwerbszweigen und Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für luxemburgische Arbeitslose.60

Doch damit war das Ende der repressiven Maßnahmen noch immer nicht erreicht. Nachdem die Kaufleute 1934 ihre Forderung nach einem Verbot von Einheitspreisgeschäften erneuert hatten61 und unter Anspielung auf osteuropäische Juden eine Säuberung der Krammärkte verlangt hatten62, wurden die Bestimmungen von 1932 im August 1934 verschärft. Von nun an mussten nicht nur die Handels- und Gewerbegenehmigungen alljährlich erneuert werden, sondern es wurde auch der Kreis der Genehmigungspflichtigen um die Geschäftsvertreter, Handlungsreisenden, Kommissionäre, die sogenannten fahrenden Händler und sogar die Architekten erweitert. Den Forderungen der Kaufleute Rechnung tragend, schloss der Beschluss zudem eine Eröffnung von Filialen, Einheitspreisgeschäften, Bazaren, Kooperativen von vornherein und auf unbestimmte Zeit aus.63 ← 189 | 190 →

Neben dieser Verschärfung der arbeitsmarktpolitischen Bestimmungen versuchte die Regierung, ihre Kontrolle über die Immigration im selben Jahr auch durch die Einführung einer Identitätskarte für Ausländer auszuweiten. Sie kam einer Aufenthaltsgenehmigung für jeden Aufenthalt gleich, der länger als zwei Monate dauerte. Da diese Karte unter anderem an die Bedingung geknüpft war, auf legalem Weg eingereist zu sein, einen Auszug aus dem Strafregister sowie ein Führungszeugnis der Verwaltung des letzten Aufenthaltsortes im Ausland vorlegen zu können,64 war sie sicherlich auch vor dem Hintergrund der Präsenz zahlreicher nichtjüdischer deutscher Wirtschaftsmigranten und der Auslandsorganisation der NSDAP zu sehen. Die Identitätskarte konnte so zwar ein Instrument sein, straffällig gewordene Nationalsozialisten auszuweisen, doch schlug sich dies kaum in der politischen Praxis nieder.65 Es fällt zudem auf, dass derartige Bestimmungen mit dem Diskurs der Mittelständler korrelieren, zuwandernde potenzielle Konkurrenten zu kriminalisieren. Indem die Regierung zudem im Rahmen ihrer Reform des luxemburgischen Staatsbürgerschaftsrechts die obligatorische Aufenthaltsfrist für den Erhalt der Staatsbürgerschaft im Jahr 1934 von fünf auf zehn Jahre erhöhte66, errichtete sie parallel dazu eine weitere legislative Hürde, die zwar nicht alleine den jüdischen Flüchtlingen galt, jene aber besonders hart traf, da sie ohne staatlichen Schutz waren und die arbeitsmarktpolitischen Bestimmungen nicht mehr durch eine rasche Einbürgerung umgehen konnten.

Indem das Großherzogtum ab 1932 die zunehmende Immigration von Juden aus Deutschland einzudämmen begann, reagierte es bereits vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und somit sehr früh auf dieses Phänomen, schlug aber keinen Sonderweg ein. Die Reaktion von Mittelständlern und Regierung sowie der mitunter zutage getretene ökonomische Antisemitismus weisen Parallelen ← 190 | 191 → zu Belgien67 und besonders zu Frankreich auf, wo sich die Reaktion auf jüdische Einwanderer zum Teil auch am Aufkommen der Einheitspreisgeschäfte entzündete. Sie war jedoch nicht so heftig wie in Frankreich, wo massive, teils gewalttätige Proteste von Mittelständlern, Studenten und Vertretern der liberalen Berufe zu erheblichen Einschränkungen der Gewerbefreiheit und zu mehrjährigen Übergangsfristen führten, während derer naturalisierte Ausländer ihren Beruf nicht ausüben durften.68 Insgesamt folgte Luxemburg dem Trend der Zeit, da die meisten westeuropäischen Länder vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in den frühen 1930er Jahren arbeitsmarkt- und einwanderungsrechtliche Maßnahmen ergriffen, um Zuwanderer und Flüchtlinge aus Deutschland abzuwehren.69

3.  Die weitgehende Duldung einer antisemitisch gefärbten Fremdenfeindlichkeit

Aus der bisherigen Untersuchung geht hervor, dass die rechtsliberale Regierung selbst nach Hitlers Machtantritt mit protektionistischen Maßnahmen auf die jüdische Zuwanderung reagieren konnte, ohne größere Proteste auszulösen. Dies zeigte sich auch, als der Rechtsparteiler Nicolas Jacoby die Regierung im Januar 1934 im Parlament dazu aufrief, die Zuwanderung ausländischer Juden, besonders deutscher und polnischer zu erschweren und strenger zu überwachen. Jacoby zufolge war dies sowohl im Interesse der inländischen, luxemburgischen Juden, als auch der übrigen luxemburgischen Geschäftsleute, da die ausländischen Juden, im Gegensatz zu den Angaben, die sie zunächst gemacht hätten, schon kurze Zeit nach ihrer Niederlassung geschäftlich tätig seien und angeblich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ihre unehrlichen Geschäfte auf Kosten der Einheimischen abwickelten.70 ← 191 | 192 →

Während die Straßburger „Tribune juive“ Jacoby vorwarf, die zugewanderten Juden zu kriminalisieren71, stieß Jacobys Aussage im Lande selbst lediglich auf die Zustimmung seines Parteifreundes und Haushaltsberichterstatters, Eugène Reichling72, der ja schon im September 1932 die Kampagne gegen das „Prix unique“ unterstützt hatte.73

Solche Begebenheiten dokumentieren, dass antisemitische Ressentiments und Stereotypen in den 30er Jahren in Luxemburg eine gewisse Akzeptanz fanden, wenn sie in den fremdenfeindlichen und protektionistischen Diskurs eingeflochten waren und die einheimischen Juden gewissermaßen ausklammerten. Man kann dies an den Positionen des „Escher Tageblatt“ erkennen, welches in den 30er Jahren zwischen den beiden Polen des „internationalisme humaniste“ und des „repli national-protectionniste“ schwankte.74 Obwohl es die Judenverfolgungen in Deutschland75 und den Antisemitismus in Luxemburg76 regelmäßig kritisierte, für Milde im Umgang mit den politischen Flüchtlingen im engeren Sinne plädierte77 und in jenen Jahren einigen jüdischen Journalisten, wie Karl Schnog, Walther Victor und Max Reinheimer, seine Spalten öffnete78, so kritisierte es nie ← 192 | 193 → die Beschlüsse der Jahre von 1932 bis 1934, geschweige denn deren zweifelhaften Ursprung. Es übernahm zudem das Konzept der „Überfremdung“, das seit den 20er Jahren von der einheimischen katholischen Rechten verbreitet wurde. Dabei unterschied es tendenziell zwischen den als „schlechte“ Zuwanderer eingestuften Deutschen und den „guten“ Flüchtlingen.79 Während es erstere als eine ökonomische, „volkstümliche“ und politische Gefahr bekämpfte, war es den Flüchtlingen gegenüber wohlwollender, da es jene als diskreter und anpassungswilliger empfand. Das „Escher Tageblatt“ relativierte zudem die von den Flüchtlingen ausgehende wirtschaftliche Gefahr mit dem Argument, es handele sich bei ihnen zumeist um gut situierte Dauertouristen. Flüchtlinge seien nur dann ökonomisch tätig, wenn sie niemandem Konkurrenz machten, sei es, dass sie als Künstler und Freiberufler arbeiteten, sei es, dass sie eine sonst nicht mehr zu haltende luxemburgische Firma weiterführten oder eine dem Lande dienliche Industrie gründeten. Trotz dieser positiveren Grundhaltung schwang doch implizit mit, dass Flüchtlinge nur ausnahmsweise – und zwar zum Wohle des Landes – wirtschaftlich aktiv sein dürften. Und damit nicht genug: da das „Escher Tageblatt“ zudem der Meinung war, es seien genug Ausländer in Luxemburg, zeigte es sich selbst im Hinblick auf die Flüchtlinge nicht gewillt, eine Ueberfremdung von dieser Seite der anderen vorzuziehen, oder für sie Partei zu ergreifen.80

Auch der Antifaschist Nicolas Molling, der beruflich wie privat enge Beziehungen zu jüdischen Flüchtlingen unterhielt81 und kein Antisemit war, folgte dieser Linie. Im Februar 1937 reagierte Molling empört auf die von der antisemitischen Luxemburger National-Partei (LNP) vorgebrachten Vorwürfe, das „Escher Tageblatt“ sei von Juden finanziert und es tue alles in seiner Macht stehende für die jüdischen Flüchtlinge. Molling berief sich auf den Standpunkt der „Déclaration des droits de lHomme“ und hielt den rechtsextremen Kritikern entgegen, es sei ← 193 | 194 → nur menschlich […], daß einer Anzahl der aus ihrer Heimat vertriebenen deutschen Juden vorübergehend bei uns Asyl gewährt werden muß. Von diesem Umstand abgesehen teile jedoch das „Escher Tageblatt“ wie auch die „Arbeiterpartei“ die Ansicht der einheimischen Mittelständler, der zufolge unsere Geschäftswelt nicht durch ausländische Elemente überflutet werden darf, nicht durch zweideutige Elemente und nicht einmal durch ehrliche Geschäftsleute.82 Bei allem Verständnis für die Lage der Juden bekannte sich auch Molling zu einer Politik, die auf den Schutz der materiellen Interessen des Mittelstandes zielte und zudem nicht alle, sondern nur „eine Anzahl“ jüdischer Flüchtlinge „vorübergehend“ im Lande aufnahm.83 Obschon diese Haltung keinesfalls antisemitischen Ursprungs war, bezeugt sie doch, dass auch bei den Linken nur dann die Bereitschaft vorhanden war, jüdische Flüchtlinge von den Konsequenzen des Protektionismus auszunehmen, wenn dies den nationalen Interessen nicht zuwider lief.

Die von den Zuwanderern angeblich ausgehende „Überflutungsgefahr“ beschäftigte auch die Journalistin Carmen Ennesch, die im Grunde genommen selbst eine europäische Migrantin deutsch-luxemburgischer Herkunft war.84 In der bereits erwähnten „Voix des Jeunes“, einem Blatt also, das nicht antisemitisch war85, warnte Ennesch 1935 vor den Motiven vieler „selbsternannter“ politischer Flüchtlinge und den wirtschaftlichen Folgen der Flüchtlingswelle. Ennesch ← 194 | 195 → äußerte zwar Verständnis dafür, dass verarmte Menschen sich ohne allzu große Skrupel eine Existenz aufbauen wollten, sah in deren Vorgehen letztlich aber eine Ursache für Spannungen. Obschon die Handelskammern einer Reihe von Städten in Elsass-Lothringen vor jener Gefahr gewarnt hätten und die Regierungen von Belgien und Luxemburg Maßnahmen ergriffen hätten, um die Wirtschaft und die einheimischen Arbeitskräfte vor Schaden zu bewahren, schien dies laut Ennesch kaum zu fruchten, da grâce à laide damis politiques ou de coreligionnaires, de nombreux émigrés allemands ont réussi à outrepasser les mesures législatives. Certaines qualités essentiellement allemandes ou particulièrement juives les ont aidé [sic !] à simposer là où des émigrés russes, italiens ou espagnols ont échoué dans leurs tentatives de se créer une existence et où des ressortissants des pays eux-mêmes nont pas pu aboutir. Ce fait a rendu les émigrés allemands non seulement impopulaires auprès des habitants du pays qui les accueillait, mais aussi auprès des Allemands fixés depuis longtemps.86

Indem sie den Zuwanderern typisch „deutsche“ und „jüdische“ Eigenschaften zuschrieb und diese im Vergleich zu den Einheimischen und anderen Einwanderergruppen als besonders findige Geschäftsleute darstellte, verbreitete Carmen Ennesch nicht nur klischeehafte Denkfiguren, sondern argumentierte auch ähnlich wie das „Luxemburger Volksblatt“, indem sie behauptete, diese Ausländer würden die Einwanderungsbestimmungen mit der Hilfe von Einheimischen umgehen.87 Da Ennesch sowohl als Korrespondentin im Frankreich der 1930er Jahre88 als auch in ihren Publikationen der unmittelbaren Nachkriegszeit antijüdische Reflexe ← 195 | 196 → offenbarte,89 stellten die oben zitierten Zeilen keinen eimaligen Fauxpas dar und lassen auf eine reale Verinnerlichung jener Denkschemen schließen.

4.  Drei Wege zur „Lösung“ der „Judenfrage“

Die Tatsache, dass in den 1930er Jahren antisemitische Reflexe auch von Teilen der Linken geduldet und mitunter sogar propagiert wurden, soll uns Anlass sein, eine Klassifizierung der verschiedenen antisemitischen Tendenzen zu wagen, um so ein besseres Verständnis für den jeweils intendierten Umgang mit der jüdischen Minorität zu erhalten. Ein solches Unterfangen ist für den „luxemburgischen“ Fall zwar neu, jedoch wurde Ähnliches bereits in Bezug auf den Antisemitismus in Deutschland geleistet. Olaf Blaschke hat Donald L. Niewyks drei Varianten der Integration, Segregation und Exklusion vor dem Hintergrund der Goldhagen-Debatte leicht abgewandelt und mit jeweils zwei Unterkategorien versehen. Blaschke unterscheidet (1) die Integration mit dem Ziel (a) der authentische(n) Emanzipation oder (b) der Assimilation der Juden; (2) die (a) partial(e) z.B. auf Boykotte von Waren abzielende oder (b) die total(e) Exklusion, auf Ausnahmegesetze und Ghettos abzielende Politik; (3) die Elimination durch (a) Expulsion oder (b) Extermination. Blaschke hält fest, der katholische Antisemitismus (des 19. Jahrhunderts) habe sich zwischen partialer und totaler Exklusion bewegt.90

Da uns die Quellenlage nicht erlaubt, Blaschkes Konzept exakt auf Luxemburg zu übertragen, werden wir im Folgenden versuchen, drei unterschiedliche Wege herauszuarbeiten, die im Luxemburg der 1930er Jahre als „Lösung“ der „Judenfrage“ diskutiert wurden: die Assimilation, die Exklusion und die Elimination.

Wir möchten zunächst klarstellen, dass Äußerungen wie die von Molling und Ennesch nichts an der Tatsache ändern, dass die einheimischen Linken die deutschen Nationalsozialisten und nicht die deutschen Juden als Hauptgefahr ansahen und bekämpften. Die antijüdischen Reflexe der Linken traten zudem in der Regel im Kontext eines protektionistisch gefärbten Einwanderungsdiskurses zutage ← 196 | 197 → und waren im Ton weitaus gemäßigter als der Antisemitismus der katholischen Rechten und vor allem der rechtsextremen LNP. Da letztere offen mit dem nationalsozialistischen Regime und dessen antisemitischer Politik sympathisierte, stellte „der Jude“ für sie ein rassistisch konstruiertes „Problem“ dar, das nicht mit den Instrumenten der Einwanderungspolitik, sondern nur mit der restlose(n) Entfernung aller Juden, also mit der Elimination der Juden, gelöst werden könne.91 Aus diesem Grund war der ökonomische Antisemitismus der LNP auch besonders aggressiv und gegen alle Juden gerichtet. Auf einem der Flugblätter, die von der LNP in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1936 in den Straßen der Hauptstadt ausgelegt wurden, war Folgendes zu lesen: Luxemburger wehre Dich! Wer ist der Herr im Hause Werft den Juden heraus. Wo er einmal festgesessen Hat er sich stets vollgefressen Kauft nicht beim Juden.92

Die LNP hatte zwar keinen größeren politischen Einfluss, und das von ihr herausgegebene „National-Echo“ erreichte eine Auflage von nur 5.000 Exemplaren, von denen zudem mehr als die Hälfte gratis verteilt wurden.93 Dennoch war das Blatt angesichts der deutschen Expansionsbestrebungen politisch relevant, da die LNP, wie ihre kurzlebigen Vorgängerorganisationen, antidemokratisch und offen pro-deutsch eingestellt war.94 Dies trug sicherlich dazu bei, dass neben dem „Escher Tageblatt“ auch die „Luxemburger Zeitung“ und mitunter gar das „Luxemburger Wort“ deren Antisemitismus verurteilten95, obschon die beiden letzteren sich dem Antisemitismus in Deutschland gegenüber höchst indifferent zeigten.96 Die Kritik aus dem katholischen Milieu bedeutete also keine Abkehr vom Antisemitismus, sondern war nur ein weiterer Versuch der Katholiken, sich vom Rassismus abzugrenzen, den man als eine Gefahr für die katholische Religion ← 197 | 198 → verstand. Diese Abgrenzungsversuche blieben jedoch „matt und halbherzig“.97 Dies verdeutlicht etwa die Haltung der Rechtspartei, die sich der von der Arbeiterpartei im Parlament angeregten politischen Diskussion über die antisemitische Hetze der LNP verschloss.98

Hinzu kommt, dass die katholische Presse nicht von ihrer rassistischen Wortwahl abrückte und sich weiter in einer bedenklichen rhetorischen Nähe zu den Nationalsozialisten bewegte. Dies belegen etwa die antisemitischen Artikel der katholischen Jugendpresse, in denen die Juden als Schädlinge[n] und Mörder[n]99 sowie als fremdrassige[n] und fremdgeistige[n] Elemente bezeichnet wurden.100 Und auch für das „Luxemburger Wort“ schienen die Juden immer noch ein kultureller und rassenmäßiger Fremdkörper zu sein. Es warf ihnen vor, sich seit jeher selbst ohne Ghettozwang, sogar bei den weitherzigsten Völkern […] zu religiösen und kulturellen Gruppen zusammenzuschließen, die auch der stärksten Assimilationskraft widerstanden.101

Diese Tendenz, die Juden als „fremd“ anzusehen, führte das „Luxemburger Wort“ schließlich dazu, deren Exklusion im Sinne von Blaschke zu befürworten. Anfang April 1933, zum Zeitpunkt des antisemitischen Boykotts der Nationalsozialisten in Deutschland, verurteilte das „Luxemburger Wort“ zwar die Gewaltakte der Nationalsozialisten, regte gleichzeitig jedoch andere Mittel an. Offensichtlich strebte es dabei eine Kontrolle der Juden an, indem es eine Einschränkung ihrer Grundrechte in Erwägung zog. So befürwortete es den friedlichen Weg der Reglementierung und Gesetzgebung, der Präventivmaßregeln, der Konfessions- und Rassenbestimmungen für gewisse Berufe, die beschränkte Zahl wenigstens im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer, vor allem der jüdischen, der Wirtschaft- und Finanzkontrolle besonders in ← 198 | 199 → seiner jüdisch-internationalen Verknüpfung.102 Die Neigung, den Juden jeglichen Assimilationswillen abzusprechen, führte das „Luxemburger Wort“ aber nicht dazu, die Exklusion sämtlicher Juden beständig und mit Nachdruck zu fordern. So äußerte es sich in den späten 1930er Jahren positiv über das künstlerische Schaffen des luxemburgisch-jüdischen Malers Guido Oppenheim.103 Jener war unser bekannter und beliebter Landschaftsmaler104 und schien ähnlich assimiliert zu sein wie unsere israelitischen Mitbürger, die am 11. Mai 1939 eine Hundertjahrfeier zur luxemburgischen Unabhängigkeit begingen.105

Die ambivalente Haltung des „Luxemburger Wort“ verdeutlicht, dass der rassistische Antisemitismus der Nationalsozialisten aufgrund seiner Radikalität und der geographischen Nähe zu Deutschland zu einem wichtigen Bezugspunkt in der innenpolitischen Debatte über die „Judenfrage“ wurde. Als das „Escher Tageblatt“ dem „Luxemburger Wort“ im April 1933 vorwarf, Hitlerargument[e] zu gebrauchen106, bekräftigte jenes seinen traditionellen ökonomischen Antisemitismus und versuchte die Kritik des „Escher Tageblatt“ mit der Behauptung zu entwerten, daß das jüdische Element gerade im Sozialismus und Kommunismus eine führende Rolle spielt.107 Auch das „Luxemburger Volksblatt“ wurde aufgrund seines reaktionären Weltbildes, seiner unnachgiebigen Haltung in Einwanderungsfragen und nicht zuletzt aufgrund des oben zitierten Leserbriefs bereits 1933 vom „Escher Tageblatt“ des Faschismus108 und des Antisemitismus109 bezichtigt. Anders als das „Luxemburger Wort“ bekannte sich das „Luxemburger Volksblatt“ indes nie offen ← 199 | 200 → zum Antisemitismus. Als es im Jahr 1936 von der Zeitung „Luxembourg“ in die ideologische Nähe des kurz zuvor erstmals erschienenen „National-Echo“ gerückt worden war, reagierte es mit Empörung auf diesen Vergleich: es erteilte der Rassenunterscheidung eine demonstrative Absage und betonte, keine Juden- wohl aber eine Fremdenfrage zu kennen.110 Dieser Logik folgend definierte Léon Müller die von ihm angeführte Nationaldemokratische Bewegung in dem Sinne als „national“, als sie an erster Stelle und ausschließlich die Interessen unseres Volkes wahr[nimmt], zu dem wir ohne Unterschied der Anschauung, des Bekenntnisses und der Rasse alle rechnen, die treu zu ihrem Lande stehen.111

Trotz solcher Distanzierungsversuche war auch das „Luxemburger Volksblatt“ nicht vor antisemitischen Reflexen gefeit. So hatte es Ende 1934 den wirtschaftlich-politischen und geistigen Antisemitismus nämlich in einer Verdrehung von Ursache und Wirkung als eine Folge der sich abschliessenden Haltung der jüdischen Minderheiten in sämtlichen Ländern der Welt „erklärt“, dann aber seine Worte zu entschärfen versucht, indem es Luxemburg als eine Art Sonderfall dargestellt hatte: Die Antisemiten dieser Richtung [d.h. des wirtschaftlich-politischen und geistigen Antisemitismus, Anm. d. Verf.] wurden angeregt durch das übersteigerte Selbstbewusstsein dieser Minderheit. Diese Frage des Antisemitismus weist zwei Seiten auf: Die der als „Inländer“ anzusehenden und die der ausländischen Juden. Wir stehen also – und das trifft ganz besonders für Luxemburg zu – vor einer „Ausländerfrage“, welche gar nichts mehr mit Antisemitismus zu tun hat.112

Die Vorstellung, die Juden trügen aufgrund ihrer „abschließenden Haltung“ zumindest eine Mitschuld an ihrer Verfolgung, wurde nicht nur von der rechten Presse formuliert, sondern war teilweise auch in linken Kreisen zu vernehmen. Dies zeigt ein Vortrag des Publizisten Frantz Clément zum Antisemitismus, den jener im November 1934 im Auftrag der „Assoss“ vor großem Publikum im hauptstädtischen „Casino“ hielt. Das „Assoss“-Mitglied Clément konzentrierte sich dort zunächst auf eine eingehende Analyse der verschiedenen Formen des Antisemitismus und bezog dann persönlich Stellung zu diesem Problem. Dem Bericht der ← 200 | 201 → „Luxemburger Zeitung“ zufolge sprach Clément sich dabei radikal gegen jede Form des Antisemitismus aus, da Juden weder moralisch schlechter noch […] geistig minderwertiger seien. Obschon Clément die Lösung dieses Problems Judentum und Antisemitismus […] nicht [in der] Ausrottung, sondern [in der] Assimilation sah, erhob er gegenüber dem deutschen Judentum dennoch den Vorwurf, daß es sich nicht genug assimiliert habe.113

Dass ausgerechnet ein ausgewiesener Linksliberaler wie Frantz Clément, der zeitweise Mitglied der Radikalliberalen war und sich publizistisch sowohl gegen eine Reihe linker und rechter Diktaturen in Europa als auch gegen das Ordnungsgesetz der Regierung Bech engagierte, diesen Vorwurf erhoben haben soll, mag verblüffen. Das gilt umso mehr, als Clément in seiner Pariser Zeit als Berater des „jüdischen“ Ullstein Verlages gearbeitet114 und in den 1930er Jahren den Antisemitismus der Nationalsozialisten wiederholt verurteilt hatte.115 Ähnlich überraschend erscheint auch, dass die überwältigende Mehrheit der Zuhörer Cléments Aussagen offensichtlich begeistert zustimmte116 und niemand in der luxemburgischen Öffentlichkeit an der Verwendung des „Schuldmotivs“ Anstoß nahm.

Auch wenn gewisse Zweifel bestehen, ob Clément jenen Vorwurf tatsächlich erhob, so spricht doch einiges dafür. Zwar griff das „Escher Tageblatt“ in seinem Artikel über die Konferenz Cléments Vorwurf an die Adresse der deutschen ← 201 | 202 → Juden nicht auf,117 aber sowohl der bereits erwähnte Artikel im „Luxemburger Volksblatt“118 wie ein kurz danach dort publizierter Leserbrief119 scheinen die von der „Luxemburger Zeitung“ überlieferte Version zu bestätigen.

Davon abgesehen bleibt hervorzuheben, dass Clément den Schlüssel für die „Lösung des Judenproblems“ in der Assimilation der Juden sah. Diese Haltung war damals nicht ungewöhnlich, da das Konzept der Assimilation seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitet war und bis weit ins 20. Jahrhundert breite Akzeptanz fand. So war es in Frankreich von namhaften Intellektuellen, wie dem Soziologen Emile Durkheim und dem Schriftsteller Marcel Proust, verwendet worden. Gerade in der Migrationsdebatte der Zwischenkriegszeit wurde es häufig dazu genutzt, um zwischen jenen Fremden zu unterscheiden, die sich der Mehrheitsgesellschaft weitgehend angepasst hatten und ein positives „Image“ genossen, und jenen – oftmals jüdischen – Ausländern, die dies (noch) nicht getan hatten und tendenziell negativ beurteilt wurden. Dabei konnte die Sicht auf die Menschen, die sich assimilieren sollten, dermaßen negativ sein, dass die kulturellen oder „rassischen“ Eigenschaften der zu assimilierenden Menschen als schädlich oder als dem nationalen Zusammenhalt abträglich eingestuft werden konnten.120 ← 202 | 203 →

Wenngleich die Idee der Assimilation sehr unterschiedlich interpretiert werden konnte, so lautete ihr Kerngedanke doch, dass die Zuwanderer sich der Mehrheit weitgehend anzugleichen hätten und keinen „Fremdkörper“ im „Volk“ bilden dürften. Diesen Gedanken und eine darauf aufbauende antijüdische Kritik äußerte im Jahre 1933 auch ein gewisser X in der „Voix des Jeunes“. Jener anonyme Autor brachte seine Empörung über die deutsche Judenhatz zum Ausdruck und schlug eine Analyse jenes Antisemitismus vor. Er regte an, man sollte dabei auch analysieren, ob die Juden nicht selbst ihren Teil Schuld am Antisemitismus trügen und verwies dabei auf den jüdischen Nationalismus. X wies dabei auf ein Gespräch hin, das er mit einem von religiösen und Rassenvorurteilen freien Juden geführt habe. Nachdem er ihn gefragt hatte, wieso die Juden sich nicht restlos […] assimilieren würden, akzeptierte er wohl seine Antwort, der zufolge der Semitismus als eine Folge des Antisemitismus anzusehen sei. Dies hielt den anonymen Schreiber X jedoch nicht von den Vorwürfen ab, es gebe in der jüdischen Bevölkerung keine nennenswerte Strömung […] gegen den Semitismus. Den Juden hafte etwas Logenhafte[s] und eine lächelnde Skepsis gegenüber den Nichtjuden an.121

X hatte damit einen wunden Punkt getroffen. Unter dem vielsagenden Titel Schaffen die Juden auch in Luxemburg den Boden für den Antisemitismus? leitete er in der darauffolgenden Ausgabe die Reaktion eines anonymen Leserbriefschreibers ein, der X widersprach. Obschon jener Verfasser im Antisemitismus einen Faktor sah, der den jüdische[n] Nationalismus legitimiere, wandte er gegenüber X ein, dass nur wenige luxemburger Juden Anhänger jenes Nationalismus seien. Der Vorwurf der mangelnden Offenheit der Juden gegenüber den Nichtjuden entbehre demnach jeder Grundlage. Er greife zudem zu kurz, weil es darauf ankommen müsse, den Juden überall […] die Möglichkeit zur vollständigen Assimilierung zu geben, ein Unterfangen, das beileibe nicht nur des Wollens der Juden [bedürfe], sondern der aktiven Mitarbeit ihrer Mitbürger, ein Problem, das dem Leserbriefschreiber zufolge, uns alle angeht.122

Derartige Dispute sowie die Haltung des „Luxemburger Volksblatt“ sprechen dafür, dass die Assimilation die Forderung implizierte, die Juden sollten sich nicht von den übrigen Luxemburgern „abkapseln“ und sich dem Staat gegenüber „loyal“ und patriotisch verhalten. Während dies zum einen eine patriotisch motivierte Kritik am Zionismus begünstigte, der sich in einem potentiellen Konkurrenzverhältnis zum luxemburgischen Nationalismus befand, mündete es zum anderen ← 203 | 204 → aber auch in den Aufruf, die Nichtjuden sollten eine größere Akzeptanz gegenüber den Juden aufbringen, um so deren Assimilation zu erleichtern. Dies geht auch aus einer Rezension eines Doppelwerks über den Antisemitismus123 hervor, die Anfang 1936 im „Escher Tageblatt“ erschien. In dieser schloss der anonyme Rezensent sich den Ausführungen der Autoren jenes Werks weitgehend an und stellte fest, dass sich in Europa dreierlei Wege zur Lösung der Judenfrage herausgebildet hätten. Während Osteuropa den Weg des Zionismus wähle und Deutschland die Emanzipation rückgängig mache, versuchten die Gesellschaften im Norden und Westen Europas jene „Frage“ mittels der Assimilation der Juden zu „lösen“. Dazu merkte er an: Zur Assimilation der Juden gehört jedoch nicht [nur] der Assimilationswille der Juden: sondern es bedarf auch einer Umwelt von religiöser Toleranz und von natürlichem Respekt vor den Menschenrechten.124

Die vorangegangenen Ausführungen zeigen, dass im Luxemburg der 1930er Jahre darüber diskutiert wurde, welche „Lösung“ für die „Judenfrage“ anzustreben sei. Obschon die Grenzen in dieser Debatte fließend waren, so lassen sich doch drei unterschiedliche Wege erkennen, wie man zu einer solchen „Lösung“ gelangen könnte:

Den bei weitem radikalsten Weg schlugen die einheimischen Sympathisanten der Nationalsozialisten vor, da sie sich in ihren Zeitungsartikeln und Flugblättern stets bemühten, den vermeintlichen Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden zu beschwören und die Juden als Inbegriff des „Fremden“ schlechthin zu stilisieren. Indem sie die Assimilation der Juden ablehnten und die Elimination aller Juden forderten, unterschieden sie sich in einem zentralen Punkt von den übrigen Akteuren. In katholischen Kreisen lehnte man den rassistischen Antisemitismus und den von ihm angestrebten Weg zwar zumeist ab, man hegte aber traditionell große Zweifel an der Assimilationsfähigkeit der Juden und sah sie als politische und wirtschaftliche Gefahr an, die kontrolliert werden müsse. Auch wenn das „Luxemburger Wort“ gegen Ende der 1930er Jahre etwas zurückhaltender war, so hatte es noch im Jahr 1933 eine Exklusion der Juden offen befürwortet. Bei Teilen der nationalistischen Rechten, in liberalen Kreisen und bei den Linken hielt man im Gegensatz dazu – mit zunehmender Tendenz von rechts bis links – zumindest verbal immer am Ziel einer „vollständigen“ Inklusion der Juden fest. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus, der allgemeinen Fremdenfeindlichkeit und ← 204 | 205 → des jüdischen Einwanderungsdrucks geriet das Vertrauen in das Gelingen der Assimilation der Juden jedoch selbst bei einigen Linken und Liberalen in eine Krise.125 Daher bestand in jenen Kreisen einerseits die Tendenz, den Prozess ihrer Assimilierung zu forcieren und so mal die Juden, mal die Nichtjuden dazu aufzufordern, mehr zum Gelingen dieses Prozesses beizutragen, während andererseits die Assimilationsfähigkeit der jüdischen Zuwanderer teils bezweifelt wurde.126

5.  Ein zweischneidiges Schwert: Die Ablehnung jüdischer Zuwanderung bei gleichzeitiger Distanzierung vom rassischen Antisemitismus

Dass das abnehmende Vertrauen in die Assimilation der Juden sich besonders in der Immigrationsdebatte manifestierte, zeigt das „Escher Tageblatt“, welches Anfang 1935 dafür plädierte, die Naturalisierungen – die Verleihungen der luxemburgischen Staatsbürgerschaft also – vorerst auf Eis zu legen. Zwar beklagte es zunächst den Umstand dass im Volk eine Strömung bemerkbar wird, die gegen eine bestimmte Rasse gerichtet ist. Ungeachtet dessen fand es dennoch, dass deren Vertreter selbst daran Schuld sind, weil sie sich zum Teil aufdringlich, unzuverlässig und unkonsequent benehmen. Der offene aufrichtige Luxemburger hat für solche Mentalität kein Verständnis und findet sich abgestoßen. Er kann sich schwer vorstellen, dass solche Leute je mit Herz und Gefühl Luxemburger werden können. Dasselbe Bedenken gilt in noch stärkerem Maße für die Deutschen, die sogen. arischen Deutschen, die fast ausnahmslos durch und durch Nazis sind. ← 205 | 206 →127

Obwohl das prinzipiell antisemitismus-kritische „Escher Tageblatt“ sich hier dem Diskurs der katholischen und extremen Rechten annäherte, indem es die Juden – ohne sie zu nennen – als Angehörige einer „Rasse“ bezeichnete und das gängige antisemitische Motiv übernahm, die Juden trügen wegen ihres „aufdringlichen“ und „unzuverlässigen“ Benehmens eine Teilschuld an ihrer Verfolgung, hatte es nicht vollständig mit seiner linken Tradition gebrochen. Denn, dass auf der politischen Linken vereinzelt antisemitische Töne zu vernehmen waren, war weder ein Novum der 1930er Jahre128 noch ein spezifisch luxemburgisches Phänomen.129 Es bleibt zudem einschränkend zu bemerken, dass sich dieser Passus mit der Frage der Einbürgerung von Zuwanderern befasste und somit nicht auf die einheimischen Juden zielte. Eine Differenzierung zwischen jüdischen Zuwanderern und einheimischen Juden praktizierte auch die liberale „Luxemburger Zeitung“. Sie stellte nach Cléments Vortrag fest, Luxemburg habe vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland zwar einen jüdischen Volksteil, aber keine Judenfrage gekannt. Die alteingesessenen jüdischen Familien Luxemburgs seien nämlich kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich so im Lande verwurzelt gewesen, dass der größte Teil der – in religiösen Fragen toleranten – Luxemburger deren Isolierung als rein konfessionell aufgefasst habe. Von der Feststellung ausgehend, jene „verwurzelten“ jüdischen Familien seien ebenso Teil des Volkes wie die übrigen Luxemburger, konnte es sich für die „Zeitung“ bei der Zuwanderung von Juden „nur“ um eine klassische „Fremdenfrage“ handeln. Daraus schloss sie ähnlich wie das „Luxemburger Volksblatt“, die Abwehr einer als massenhaft empfundene[n] Einwanderung jüdischer Elemente, die das Land vor allem in wirtschaftlichen Dingen der Gefahr der Überfremdung aussetze, sei keinesfalls Ausdruck einer antisemitischen Haltung: Die Rassenmystik hat mit unserer Einstellung zur Judenfrage nichts zu schaffen. Aber wenn unsere Geschäftswelt sieht, wie jüdisches Kapital von außen hereinströmt und wie durch dessen Anlage allerlei Verdienstmöglichkeiten zum Nachteil der autochthonen Wirtschaft und zum Vorteil Fremder sich verschieben, so empfindet sie das ganz natürlich als eine Gefahr […]. Damit ist in drei Worten festgestellt, dass es für Luxemburg keine Judenfrage als solche, demnach auch keinen Antisemitismus gibt. Sondern nur […] eine Frage der ← 206 | 207 → Selbsterhaltung. Und darin fühlen totsicher [sic!] die alteingesessenen luxemburger Juden parallel mit ihren arischen Mitbürgern.130

Da eine Kritik an der jüdischen Immigration akzeptabel schien, wenn damit kein Bekenntnis zum Antisemitismus verbunden war, äußerten manche Kritiker sich überaus gewunden und versahen ihre Aussagen mit einschränkenden Bemerkungen. Andere wiederum verlegten sich darauf, einen Fremdendiskurs zu führen und die Juden mit keinem Wort zu erwähnen, dabei aber auf eine Weise zu argumentieren, die signalisierte, welche Ausländer gemeint waren. Nicht nur die Mittelständler taten dies regelmäßig, sondern auch der bereits erwähnte Eugène Reichling.131 Auf eine besonders prägnante Weise tat dies der Ehrenvorsitzende der „Assoss“, Batty Weber, der auch bei Cléments Vortrag im Jahr 1934 anwesend war. Weber stand offensichtlich noch unter dem Eindruck der im Jahr 1935 besonders starken Immigration jüdischer Flüchtlinge aus dem Saargebiet, als er Anfang 1936 die Einwanderung mit einer Heuschreckenwanderung verglich und die Ansicht vertrat, das fremde Element nehme quasi im Wochentakt um einen Grad zu. Nicht nur, dass Weber diese Zuwanderung als eine handgreifliche Gefahr […] für die einheimische Wirtschaft und als Ursache für die Überfremdung […] unserer völkischen Wesenheit darstellte; auch sah er in der Erteilung von Handelsgenehmigungen die Ursache einer sehr schlimmen moralischen Brunnenvergiftung, da diese zu einer regelrechten Vertrauenskrise gegenüber den Behörden geführt habe.132 Obschon Weber die jüdische Zuwanderung nicht immer als Gefahr darstellte133, ← 207 | 208 → so bediente er sich zumindest hier einer antisemitische[n] Semantik134 und fand Vincent Artuso zufolge Anschluss an einen Diskurs, der für das „Luxemburger Wort“ und das nationalistische Milieu um das „Luxemburger Volksblatt“ charakteristisch war.135

Derlei Aussagen waren ein zweischneidiges Schwert. Wenn selbst Linke und Liberale ihre Skepsis gegenüber dem Zustrom ausländischer Juden öffentlich zum Ausdruck brachten, wurde auf den ersten Blick zwar „nur“ die restriktive Einwanderungspolitik legitimiert. Die dabei angewandte Rhetorik konnte aber auf Dauer auch für die einheimischen Juden gefährlich werden, da sie zur Banalisierung und Verbreitung antisemitischer Ressentiments beitrug, und dies besonders dann, wenn sie aus dem Munde einer allseits respektierten Person wie Batty Weber kam und nur von wenigen Zeitgenossen hinterfragt wurde.

Obschon die Mittelständler wiederholt auf ihre eigene konfessionelle Neutralität pochten136, überrascht es somit nicht, dass in deren Reihen mitunter Stimmen ertönten, die noch radikaler waren und nicht vor der offenen Kritik an den einheimischen Juden zurückschreckten. Die von Frantz Clément geleitete Wochenschrift „Die Tribüne“, die auch Verständnis für die Situation der einheimischen Handwerker zeigte und die Regierung zu einer strengen Vergabepraxis bezüglich der Handelsgenehmigungen aufrief, sah sich im September 1935 dazu genötigt, die einheimischen Schreinermeister zu kritisieren, da es auf deren Verbandstag zwei Wochen zuvor zu antisemitischen Ausfällen gegen ein alteingesessenes Möbelhaus gekommen war, welches es gewagt hatte, parallel zur Schobermesse und zur luxemburgischen Handwerksmesse eine Verkaufsaktion zu starten.137 Die Schreinermeister versuchten, ihre Polemik zu rechtfertigen und warfen den etwa 30 führenden einheimischen Möbelgeschäften vor, größtenteils billige Möbel minderwertige[r] Qualiät aus ausländischer Produktion zu verkaufen, so dass die einheimischen Schreinerbetriebe kaum noch eine Chance hätten, ihre qualitativ hochwertigen Produkte abzusetzen. Die Schreinermeister beanstandeten zudem, dass die von ihnen eingeführte Möbelmesse, deren Ziel es war, während rund 10 ← 208 | 209 → Tagen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für ihre Produkte zu erhalten, von jenen 30 führenden Möbelgeschäften, wovon die größten direkt oder indirekt im Besitze von Juden sind, gestört würde, da jene auf eine zweifelhafte und forsche Weise eine Form der Werbung betrieben, die ein Hohn auf die Luxemburger Denkart sei. Im Kampf gegen eine solche Konkurrenz hielten die Schreinermeister es für legitim, die aus ihrer Sicht Schuldigen benennen zu dürfen, ohne des Antisemitismus verdächtigt zu werden, denn da die Besitzer dieser Geschäfte zufällig Juden sind, wurde nicht auf die Nazis oder Lutheraner, auch nicht auf die Abessinier und Mohamedaner, sondern auf d i e s e Juden geschimpft.138

Solche Begebenheiten illustrieren, dass manche Vertreter des Mittelstands nicht fähig oder willens waren, zwischen den ausländischen und den luxemburgischen Juden zu unterscheiden.139 Aufgrund dieser Tendenzen erklärt es sich, dass der Mittelstand eine wichtige Zielgruppe für die Propaganda der einheimischen nationalsozialistisch inspirierten Gruppierungen war.140 Wie sehr diese den ökonomischen Antisemitismus instrumentalisierten, um den Mittelstand für ihr Gesellschaftsmodell zu gewinnen, wurde im Rahmen einer Kampagne deutlich, welche die Mittelstands-Organisationen Ende 1938, Anfang 1939 für ihre Interessen durchführten. Nachdem auf der Abschlussveranstaltung die kaum verhohlene Forderung erhoben worden war, unehrliche jüdische Flüchtlinge abzuschieben141, hatte dem antifaschistischen Blatt „Die neue Zeit“ zufolge ein Berufsantisemit mit seinen Begleitern eine antisemitische Radauszene veranstaltet und antisemitische Flugblätter unter die Anwesenden gebracht. Aufgrund dessen warnte das Blatt davor, dass der Mittelstand von Leuten mit dunklen Zielen als ← 209 | 210 → Nährboden für antisemitische Agitation missbraucht wird. Zwar mochte „Die Neue Zeit“ den Mittelständlern nicht unterstellen, selbst eine regelrechte antisemitische Agitation zu betreiben, jedoch kritisierte das Blatt deren doppeldeutige Wortwahl und empfahl ihnen, sich eindeutig vom organisierte[n] Antisemitismus abzugrenzen.142 „Die neue Zeit“ warf zudem die Frage auf, ob die Parole Lëtzeburger kâft bei de Lëtzeburger!, die in den 30er Jahren von den Mittelständlern143, aber auch von „Luxemburger Wort“,144 „Luxemburger Zeitung“145 „Escher Tageblatt“146 – und zumindest sinngemäß auch vom „Luxemburger Volksblatt“147 – propagiert wurde, nicht etwa auch als Kâft net beim Jud! gedeutet werden könnte. Diese Passage führt uns die Ambivalenz der in jenen Jahren allgemein akzeptierten fremdenfeindlich-protektionistischen Denkmuster vor Augen. Angesichts des jüdischen Einwanderungsdrucks, einer mehrheitlich aus Ausländern bestehenden jüdischen Gemeinschaft sowie eines radikalen Antisemitismus, der die Juden ← 210 | 211 → pauschal als „Fremde“ stilisierte, riskierten jene Denkmuster zum Türöffner für den Antisemitismus zu werden.148

6.  Von der Fremdenpolitik zur „Judenpolitik“

Vor dem Hintergrund dieser vielschichtigen Stimmungslage entwickelte sich die Fremdenfeindlichkeit in den 30er Jahren zu einem Vehikel für antisemitische Reflexe, was sich auch in der Immigrations- und Flüchtlingspolitik niederschlug. Diskriminierende Tendenzen sind sowohl bei der Abschottung des Arbeitsmarktes erkennbar, als auch daran, dass die jüdischen Zuwanderer in den 30er Jahren bei der Umsetzung der Einwanderungsbestimmungen als eine besonders problematische Kategorie von Ausländern angesehen wurden. Die Behörden fürchteten bereits 1933 den verstärkten Zuzug von Juden nach Luxemburg und schreckten nicht nur vor der Erteilung von Einreisevisa an osteuropäische Juden zurück149, sondern auch davor, polnische Juden als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft anzuwerben.150 Hinzu kam, dass die Behörden dazu übergingen, die ausländischen Juden gesondert zu zählen. Nachdem das Polizeikommissariat der Stadt Luxemburg bereits am 15. März 1935 eine Liste ausländischer Juden abgeschlossen hatte, die zwischen dem 1. August 1934 und jenem Tag nach Luxemburg gezogen waren151, wurden die monatlichen Zuwanderungsstatistiken des staatlichen „Service de la Carte d’Identité“, in denen die Zahlen der zugewanderten Ausländer nach Nationalitäten aufgeschlüsselt waren, ab dem Jahr 1936 dahingehend geändert, ← 211 | 212 → dass die ausländischen Juden als einzige nichtnationale Kategorie aufgeführt wurden.

Diese unter dem liberalen Justizminister Dumont initiierte Praxis war nicht gänzlich unumstritten. Als der seit November 1937 amtierende sozialistische Justizminister René Blum wenige Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich vom sozialistischen Abgeordneten Victor Bodson im Parlament gefragt wurde, ob die Unterscheidung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Ausländern denn wirklich notwendig sei, entgegnete Blum lapidar: Je ne suis pas partisan de cette distinction, mais la statistique la renseigne.152 Somit zeigte auch Blum keine Absicht, die zweifelhafte Praxis jenes ihm unterstellten Statistikdienstes zu beenden, da die Kenntnis des Umfangs der Flüchtlingsströme die Möglichkeit bot, die Öffentlichkeit mit den erhobenen Zahlen zu beruhigen.153 Vor dem Hintergrund der abnehmenden Aufnahmebereitschaft der übrigen Demokratien, der sich fortlaufend radikalisierenden Judenverfolgungen in Deutschland und der dadurch ansteigenden Flüchtlingszahlen einerseits, sowie den innenpolitischen Machtverhältnissen andererseits, bot dies zudem die Möglichkeit, die Flüchtlingspolitik so auszurichten, dass sie vom Koalitionspartner, der Rechtspartei, und der Öffentlichkeit akzeptiert wurde. Da die meisten Luxemburger die Unmenschlichkeit der Judenverfolgungen in Deutschland anerkannten, gleichzeitig aber eine Kontrolle der jüdischen Zuwanderung forderten, sah die Regierung den Ausweg darin, das Großherzogtum im Prinzip nur für Flüchtlinge über 60 Jahre zum Aufnahmeland zu erklären, während es für die übrigen Menschen lediglich ein Transitland sein durfte.154 Die luxemburgische „Transitlandpolitik“ ging folglich äußerst selektiv vor und grenzte tendenziell jene Menschen aus, die von der Öffentlichkeit als eine Gefahr für die einheimische Wirtschaft und das „Luxemburgertum“ eingestuft werden konnten.155 ← 212 | 213 →

Dies war indes nicht neu. Die Regel, im Prinzip nur ältere Menschen dauerhaft aufzunehmen, war bereits von Norbert Dumont formuliert und mit dem Argument gerechtfertigt worden, man verhindere so, dass Flüchtlinge ökonomisch aktiv würden und Nachkommen zeugten.156 Dass diese Politik auf einem fragwürdigen Menschenbild beruhte, zeigte René Blum, als er die Hilfsorganisationen im März 1938 für ihre Zusammenarbeit in der Flüchtlingspolitik lobte: Je peux vous dire que toutes ces organisations […] philantropique(s), confessionelles ou non, ont fait de très grands efforts pour […] faciliter l’émigration, soit dans les pays d’outre-mer, soit dans d’autres pays d’Europe […] et nous aident à nous débarrasser détrangers qui restent dans notre pays provisoirement et qui ne veulent pas rester définitivement dans notre pays. Vous voyez que la situation nest pas alarmante et que la façon dont nous procédons, nous donne l´occasion de nous débarrasser au fur et à mesure de tous les étrangers indésirables, et de cette façon nous pourrons arriver à une épuration complète au point de vue moral et également sanitaire de notre territoire luxembourgeois.157

Wenn selbst ein linker Politiker wie René Blum bereits vor der Flüchtlingskrise vom Sommer 1938 glaubte, derart argumentieren zu müssen, so zeugt dies davon, dass gegen Ende der 1930er Jahre in Parlament und Öffentlichkeit die Auffassung dominierte, Flüchtlinge seien kaum zu assimilieren und es bestehe nur die Möglichkeit, entweder auf ihre „freiwillige“ Weiterwanderung hinzuarbeiten oder, falls dies nicht möglich war, ihre Abschiebung ins Auge zu fassen. Die Regierung befürchtete jedoch, Flüchtlinge im Falle einer Verschlechterung der außenpolitischen Lage nicht mehr abschieben zu können und begann während der Sudetenkrise vom September 1938 einen Reflexionsprozess über deren Internierung.158 Wenige Tage vor dem Einmarsch der Wehrmacht schloss sie diesen Prozess ab und verschaffte sich die juristische Basis, neben den ausländischen Deserteuren auch unerwünschte Ausländer in dem Fall zu internieren, wenn deren Zurückschieben, Landesverweisung, oder Ausweisung umständehalber […] unmöglich ist […].159 ← 213 | 214 →

Wenngleich die Regierungen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre mitunter versucht waren, das Universalitätsprinzip auf dem Gebiet der Einwanderungspolitik auszuschalten160 und die Einwanderungsgesetzgebung auch nach 1938 weiter verschärften161, so befand sich das Großherzogtum Ende der 1930er Jahre doch nicht auf einem Weg, der zwingend zu einem Staatsantisemitismus hinführte. Da die Gesetzgebung zu Gunsten der Flüchtlinge ausgelegt wurde, wenn dies den nationalen Interessen nicht zuwider lief, konnte die Regierung in Kooperation mit der jüdischen Hilfsorganisation „ESRA“ gegen Ende der 1930er Jahre unter sehr widrigen Bedingungen eine beachtliche Zahl an Flüchtlingen zumindest vorübergehend aufnehmen.162 Hinzu kommt, dass die Behörden möglicherweise weniger streng bei der Vergabe der Arbeitsgenehmigungen und der Anwendung der finanziellen Aufnahmekriterien waren,163 ein Umstand, der auch dazu beigetragen hat, dass Blum eine Verbesserung der Flüchtlingspolitik bescheinigt wird.164 In der Tat trug Blums Politik wie diejenige seiner liberalen Amtsvorgänger Etienne Schmit und Norbert Dumont dazu bei, dass sowohl die Zahl der ausländischen Juden entgegen dem allgemeinen Immigrationstrend, als auch diejenige der Juden insgesamt bis 1940 auf den höchsten Stand seit 1871 ansteigen konnte.165 Ein Blick auf die zunehmend ← 214 | 215 → restriktivere Einbürgerungspolitik lässt zudem keine offen antisemitische Tendenz erkennen. Als die konservativ-sozialistische Regierung im März 1940 die gesetzliche Residenzpflicht vor dem Erhalt der Staatsbürgerschaft auf Druck der „Rechtspartei“ noch einmal erhöhte – von 10 auf 15 Jahre –, beruhte dies zwar auf der Überlegung, die Assimilation von Ausländern sei ein äußerst schwieriger Prozess, war im Endeffekt jedoch eine Maßnahme, die nicht spezifisch auf die Exklusion der Juden abzielte.166 Die schrittweise Verschärfung des Staatsbürgerrechts in den 1930er Jahren erschwerte zwar die Einbürgerung von Juden, doch hielten die nationalen Eliten sich bei der Umsetzung der gesetzlichen Bestimmungen weiterhin im Wesentlichen an die verfassungsrechtlichen Prinzipien, da sie die jüdischen Antragsteller bei der Vergabe der Staatsbürgerschaft nicht diskriminierten.167

Dass der Antisemitismus gewissermaßen in die Einwanderungspolitik eingehegt wurde, könnte teilweise an jenen liberalen Persönlichkeiten gelegen haben, die in der Zwischenkriegszeit im Staatsrat saßen und dort im Geiste ihres politischen Ziehvaters Paul Eyschen mäßigend auf die Politik einwirkten.168 Hinzu kam, dass die antisemitische LNP über keinen nennenswerten politischen Einfluss verfügte. Ein Teil der Wähler sah weiterhin kein Problem darin, assimilierte jüdische Politiker wie Emile Godchaux und Marcel Cahen169 zu wählen, und die dominante Rechtspartei arbeitete nicht auf ein antisemitisches Regime hin. Da ein solches Regime durch die in der Verfassung verankerten Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz untersagt war, musste jeder Schritt in diese Richtung auf Widerstand stoßen. Dies legt nicht nur die Kritik von „Escher Tageblatt“ und Arbeiterpartei am Antisemitismus in Luxemburg und an der Diskriminierung der Juden in Deutschland nahe, sondern auch die Geschichte des gescheiterten Ordnungsgesetzes. ← 215 | 216 →

Es lässt sich somit festhalten, dass die Situation der Juden im Luxemburg der 1930er Jahre sehr uneinheitlich war. Während den ausländischen Juden und besonders den jüdischen Flüchtlingen die wirtschaftliche und politische Partizipation sowie die Inklusion in die luxemburgische Nation im Laufe der 1930er Jahre zunehmend erschwert wurde, waren die luxemburgischen Juden nicht von dieser Evolution betroffen. Sie blieben den übrigen Luxemburgern auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet gleichgestellt und ihre Exklusion aus der Nation stand nicht bevor, da die in den 1930er Jahren stärker werdenden Zweifel an der Assimilationsfähigkeit der Juden vor allem eine Reaktion auf den Flüchtlingszustrom darstellten. Sicherlich gingen diese Zweifel im katholischen Lager traditionell über die Gruppe der Zuwanderer hinaus. Da die dort erkennbare Tendenz zur Exklusion der Juden jedoch nicht in die Tat umgesetzt wurde, blieb der Staatsantisemitismus unter den Bedingungen der Demokratie nur das erklärte Ziel einer rechtsradikalen einflusslosen Minderheit, die von der Elimination aller Juden träumte.

Aufgrund dieser Zusammenhänge setzte die Etablierung eines Staatsantisemitismus einen autoritären und gewaltsamen Umbruch des politischen Systems voraus. Dies sollte sich nach dem deutschen Einmarsch rasch erweisen. Die Militärverwaltung signalisierte auf Albert Wehrers besorgte Nachfrage am 10. Mai zwar, kein antisemitisches Regime errichten zu wollen. Trotzdem witterten die aus dem Dunstkreis der LNP stammenden radikalen Antisemiten nach dem deutschen Einmarsch ihre Chance. Ihre antisemitische Propaganda, Gewaltaktionen und Plünderungen stießen zumindest noch bei den Spitzen der Militärverwaltung sowie bei der von Albert Wehrer präsidierten Verwaltungskommission auf eine prinzipielle Missbilligung. Dennoch wurden bereits in jener Phase offensichtlich nicht mehr alle antisemitischen Straftaten von den Behörden verfolgt, und einige luxemburgische Beamten neigten dazu, nur auf ausdrücklichen Befehl von oben solche Straftaten zu unterbinden.170

Der definitive Schritt hin zur systematischen Judenverfolgung wurde jedoch erst vollzogen, als die Ende Juli 1940 von Hitler eingesetzte Zivilverwaltung unter NSDAP-Gauleiter Gustav Simon die Initiative dazu ergriff und diese parallel zur Beseitigung der luxemburgischen Demokratie und Pressfreiheit und der durch die Verfassung garantierten Grundrechte vorantrieb. Angesichts der beginnenden „Germanisierungs“-Politik, einer Atmosphäre der Repression171 und ← 216 | 217 → der Einschätzung der Verwaltungskommission, dass Deutschland den Krieg gewonnen habe, und die Bewahrung der Eigenständigkeit Luxemburgs nur noch durch die behördliche Kollaboration im Rahmen der von den Deutschen geschaffenen „neuen Ordnung“ möglich sei, waren die Rahmenbedingungen für einen entschlossenen Widerstand gegen Simons Vertreibungspolitik denkbar ungünstig. Darüber hinaus war noch nicht absehbar, dass diese ein Jahr später schrittweise in eine Vernichtungspolitik münden würde.172 Als Mahner wie Frantz Clément längst verstummt waren173, spielte den Nationalsozialisten zudem in die Hände, dass bereits vor dem deutschen Einmarsch viele Luxemburger den Eindruck hatten, die Assimilation der Juden sei zumindest pro­blematisch, wenn nicht gar unmöglich. Dies gilt umso mehr, als es sich bei den Juden mehrheitlich um Ausländer handelte, von denen viele erst kurz zuvor aus Deutschland geflohen waren und die selbst jenen Luxemburgern „fremd“ erschienen, die keine Antisemiten waren. Da die ab Ende August 1940 fast täglich publizierten antisemitischen Artikel174 regelmäßig die „Volksfremdheit“ der Juden betonten und geschickt den traditionellen ökonomischen Antisemitismus aufgriffen, trugen diese Vorbehalte gegen die Juden wohl auch dazu bei, dass die Verwaltungskommission und die ihr unterstellten Behörden das von Simon vorgegebene antisemitische Paradigma im Jahr 1940 akzeptierten und ← 217 | 218 → dessen „Judenpolitik“ umsetzten, bisweilen sogar aktiv kollaborierend unterstützten.175 75 Jahre nach diesen folgenschweren Fehlhandlungen gibt es immer noch keinen stichhaltigen Beleg dafür, dass auch nur ein einziger Beamter sich dieser Tendenz widersetzt hätte und gegen die von Gustav Simon initiierten „Judenpolitik“ aktiv und unmissverständlich protestiert hätte.


1 D., R., Luxemburg und Antisemitismus, in: Luxemburger Zeitung, 9.11.1934.

2 Artuso, Vincent, La question juive au Luxembourg (1933–1941). L’Etat luxembourgeois face aux persécutions nazies, Luxemburg 2015, URL: https://www.gouvernement.lu/4437050/rapport.pdf [Stand am 9.7.2016].

3 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 229.

4 Aus Platzgründen wollen wir aus den zahlreichen – zumeist einhellig positiven – Reaktionen, die in den Tagen nach dem 10. Februar in der Presse veröffentlich wurden, besonders diejenige des Vorsitzenden des israelitischen Konsistoriums hervorheben: Schumacher, Dani, „La protection des élites“. Le président du Consistoire israélite, Claude Marx, souhaite une continuation des recherches, in: Luxemburger Wort, 20.2.2015. Exemplarisch für die positive Reaktion der Presse ist der folgende Leitartikel: Siweck, Jean-Lou, Aufarbeitung, in: Luxemburger Wort, 21.3.2015.

5 In der Resolution, die die Abgeordnetenkammer am 9.6.2015 einstimmig verabschiedete, werden die Handlungen der luxemburgischen Verwaltungen im Rahmen der von den Deutschen initiierten antisemitischen Politik als actes fautifs verurteilt. URL: http://www.chd.lu/wps/wcm/connect/f22ace6c-9bab-428e-b3e1-84602db541d7/R%C3%83%C2%A9solution+Artuso.pdf?MOD=AJPERES [Stand am 9.7.2016].

6 Zu den ersten Reaktionen von Historikern, siehe folgende Artikel: Thomas, Bernard, „Bescheiden, fleißig und in hohem Grade pflichtbewusst“. La Collaboration et l’Etat – Notes de lecture sur le rapport Artuso, in: d’Lëtzeburger Land,13.2.2015; Wehenkel, Henri, Controverses autour d’un rapport. Le rapport Artuso – limites et perspectives, in: d’Lëtzeburger Land, 17.4.2015.

7 Folgende Reaktionen können als beispielhaft angesehen werden: Roth, Lex, Bedaueren jo. Mä keng kollektiv Entschëlligung!, in: Lëtzeburger Journal, 20.2.2015; Schaus, Raymond, Résistance et collaboration: la fabrication d’un mythe, in: Lëtzeburger journal, 26.2.2015; Fischbach, Vic, Judenhass?, in: Luxemburger Wort, 20.6.2015.

8 „Antisemitismus“ kann man definieren als den „Sammelbegriff für negative Stereotypen über Juden, für Ressentiments und Handlungen, die gegen einzelne Juden als Juden oder gegen das Judentum insgesamt sowie gegen Phänomene, weil sie jüdisch seien, gerichtet sind.“ Nach: Blaschke, Olaf, Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 122), Göttingen 1997, S. 23.

9 Eine Verquickung von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit hat Tony Kushner im Falle Großbritanniens während der Vorkriegszeit festgestellt. Siehe: Kushner, Tony, The Impact of British Antisemitism, 1918–1945, in: Cesarani, David (Hg.), The Making of Modern Anglo-Jewry, Oxford u. a. 1990, S. 191–208, bes. S. 198f.

10 Blau, Lucien, Histoire de l’extrême-droite au Grand-Duché de Luxembourg au XXe siècle, Luxemburg 2005, S. 234–247.

11 Siehe dazu besonders Wagener, Renée, Jüdische Emanzipation (3/6). „Hyänen“ und „Parasiten“, in: woxx 1276, 18.7.2014, URL: http://www.woxx.lu/tag/geschicht_juedische_minderheit/ [Stand am 9.7.2016].

12 Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 123–144; Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 31–32. Scuto, Denis, La nationalité luxembourgeoise (XIXe-XXIe siècles). Histoire d’un alliage européen, Brüssel 2012, S. 273f. Zum Antisemitismus des „Luxemburger Wort“ siehe zudem auch: Muller, Tanja, „Nichts gegen die Juden als solche…“. Das Judenproblem im Luxemburger Wort und in der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert, in: Forum 312 (2011), S. 54–57.

13 Zur Judenfrage, in: Luxemburger Wort, 15.7.1921.

14 Der Vormarsch des Judentums, in: Luxemburger Wort, 17.8.1922.

15 Siehe zum Beispiel: Die Juden, die Könige unserer Zeit, in: Luxemburger Wort, 5.1.1888.

16 Wochen-Revue, in: Escher Tageblatt,18.5.1918. Zum Antisemitismus, der gegen Ende des Ersten Weltkriegs vom „Escher Tageblatt“ gegenüber den galizischen Juden artikuliert wurde, siehe auch: Wagener, „Hyänen“ (Anm. 11); Thilman, Dan, L’Escher Tageblatt et la communauté juive du Luxembourg (1913–1939). Trente-six années de journalisme politique passées en revue, in: Scuto, Denis u. a. (Hg.), Le siècle du Tageblatt, Bd. 2: Un journal dans son siècle. Tageblatt 1913–2013, S. 104–117, bes. S. 105–110.

17 Wagener, „Hyänen“ (Anm. 11).

18 Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 236–237.

19 W., Ad., Katholisches Kulturprogramm, in: Luxemburger Frau, 30.8.1929.

20 Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung betrug 1,1 Prozent im Jahre 1935. Nähme man die Einwohnerzahl des Jahres 1935 (296.913 Menschen) als Basis, um den Anteil der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1940 abzuschätzen (3.907 Menschen), so hätte der zu dem Zeitpunkt ca. 1,3 Prozent betragen. Siehe dazu: Statec (Hg.), Statistiques historiques 1839–1989, Luxemburg 1990, S. 574; La spoliation des biens juifs au Luxembourg 1940–1945. Rapport final, Luxemburg 2009, URL: http://www.gouvernement.lu/844206/rapport_final.pdf [Stand am 9.7.2016], S. 12.

21 Scuto, La nationalité luxembourgeoise (Anm. 12), S. 93.

22 Mersch, Carole, Le national-socialisme et la presse luxembourgeoise de 1933 à 1940, Luxemburg 1977, S. 129.

23 Ein Kommentar um den Mittelstand, in: Handels- und Gewerbeblatt, 4.8.1933. Zu diesen Zusammenhängen siehe auch: Volkmann, Hans-Erich, Luxemburg im Zeichen des Hakenkreuzes. Eine politische Wirtschaftsgeschichte 1933 bis 1944, Paderborn u. a. 2010, S. 41 f.

24 Die Zahl der Konkurse stieg von 57 im Jahr 1930 auf 105 (1931) und 138 (1932). Siehe: Weber, Paul, Histoire de l’Economie luxembourgeoise, Luxemburg 1950, S. 282.

25 Eugène Dondelinger war seit 1911 auf nationaler Ebene aktiv und von 1919 bis zu seinem Tode im Jahre 1934 Abgeordneter der Rechtspartei. Von 1919 bis 1925 Vizepräsident der Abgeordnetenkammer, führte Dondelinger ab dem Jahr 1929 die Fraktion der Rechtspartei in der Abgeordnetenkammer an und wurde 1930 zum Präsidenten der „Rechtspartei“ gewählt, siehe: Bové, Alfred, Die Rechtspartei in der Zwischenkriegszeit, in: Trausch, Gilbert (Hg.), CSV. Spiegelbild eines Landes und seiner Politik? Geschichte der Christlich-Sozialen Volkspartei Luxemburgs im 20. Jahrhundert, Luxemburg 2008, S. 185–240, bes. S. 215 f.

26 Kaufmännischer u. Gewerblicher Mittelstandskongreß, in: Handels- und Gewerbeblatt, 1.2.1931.

27 In diesem Kontext ist darauf hinzuweisen, dass viele Deutsche vor dem Hintergrund der antijüdischen Agitation der NSDAP in den letzten Jahren der Weimarer Republik von ihren jüdischen Mitbürgern abzurücken begannen und bereits vor dem Regierungsantritt der NSDAP auf Reichsebene ein Verdrängungsprozess von Juden in der Wirtschaft zu beobachten war. Siehe dazu: Zimmermann, Moshe, Die Deutschen und die Juden 1914–1945, München 1997 (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 43), S. 16; Jochmann, Werner, Die Funktion des Antisemitismus in der Weimarer Republik, in: Brakelmann, Günter / Rosowski, Martin (Hg.), Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie, Göttingen 1989, S. 147–178, bes. S. 164–178. Mommsen, Hans, Auschwitz, 17. Juli 1942. Der Weg zur europäischen „Endlösung der Judenfrage“, München 2002, S. 10–27.

28 Die offene Handelsgesellschaft „Prix Unique, Esch an der Alzette (Luxemburg)“ wurde am 19. Juli 1932 von den aus Karlsruhe stammenden deutschen Geschäftsleuten Isidor David, Margot Kuttner (geb. Scholz) und Georg Sandberger gegründet, siehe: Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg, Recueil spécial 47 (1932), S. 1069f. Während unsere Recherchen über Sandberger und David ergebnislos verliefen, konnten wir in Erfahrung bringen, dass Margot Kuttner-Scholz und ihr Ehemann Dagobert, der als Geschäftsführer für das Kaufhaus in Esch/Alzette vorgesehen war, im Oktober 1933 nach Amsterdam zogen. Nach der Festnahme und vorübergehenden Internierung im Lager Westerbork wurde das Paar am 21. April 1943 von dort nach Theresienstadt deportiert, wo Margot Kuttner am 17. September 1944 starb. Ihr Ehemann überlebte die Deportation und kehrte nach dem Krieg nach Amsterdam zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1953 lebte, siehe: Gedenkbuch für die Karlsruher Juden, URL: http://my.informedia.de/gedenkbuch.php?PID=12&name=2315&seite=4&suche=K [Stand am 9.7.2016].

29 Die drohende Gefahr, in: Handels- und Gewerbeblatt, 17.9.1932.

30 Pierre Mart wurde nach dem Tode Eugène Dondelingers Präsident des Kaufmännischen Landesverbandes, und führte diesen bis zu seinem Tod am 9. August 1938 an. Das „Handels- und Gewerbeblatt“ würdigte ihn nach seinem Ableben mit viel Pathos. Es stellte u. a. fest, Mart sei ein echter Luxemburger von altem Schrot und Korn (gewesen), ein Sohn der roten Erde, der vor allem versuchte, Luxemburg als Heimat aller Luxemburger und auch des luxemburger Geschäftsstandes zu erhalten. Mit klarem Blick erkannte er all die Gefahren, welche unserem Lande durch die Überfremdung drohten und mit seiner ganzen Kraft und unermüdlichen Arbeit suchte er gegen die Überschwemmung Dämme zu errichten. Siehe: Pierre Mart †, in: Handels- und Gewerbeblatt,13.8.1938.

31 Escher Geschäftsverband, in: Handels- und Gewerbeblatt, 17.9.1932.

32 Der am 26. Januar 1882 geborene Reichling, der seit 1929 Schöffenratsmitglied von Esch-Alzette und seit 1931 Abgeordneter war, starb jedoch am 24. Dezember 1939, nur wenige Monate nach seiner Wahl zum Präsidenten des Kaufmännischen Landesverbandes. Siehe: Abgeordneter Eugen Reichling †, in: Luxemburger Wort, 25.12.1939; Eugen Reichling †. Präsident des Kaufmännischen Landesverbandes, in: Handels- und Gewerbeblatt, 26.12.1939.

33 Escher Geschäftsverband (Anm. 31).

34 In der Kammersitzung vom 15. September 1932 forderte Clément die Regierung dazu auf, de prendre des mesures pour protéger le commerce indigène contre létablissement des commerçants étrangers dans le pays, dont lhonorabilité laisse souvent beaucoup à désirer, et qui font une concurrence déloyale au commerce indigène. Jattire votre attention en particulier sur les magasins à prix unique qui mettent en émoi en ce moment le commerce indigène, surtout dans notre région. Der zuständige Minister, Norbert Dumont, bekräftigte daraufhin, Maßnahmen zu treffen, sobald man über die Stellungnahme der Handelskammer verfüge. Siehe: Compte rendu des séances de la Chambre des Députés. Session extraordinaire de 1932, Sp. 43.

35 Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg 52 (1932), S. 583f.: Großherzoglicher Beschluß vom 21. September 1932, wodurch die Niederlassung als Händler oder Handwerksmeister einer Ermächtigung der Regierung unterworfen wird.

36 Weber, Histoire de l’Economie (Anm. 24), S. 281. Auch Hans-Erich Volkmann kommt zu dem Schluss, dass die Schutzforderungen des luxemburgischen Mittelstands sich in erster Linie gegen die zuwandernden Juden richteten. Volkmann geht sogar noch weiter in seiner Annahme als Weber, da er sich die Sichtweise der Deutschen Gesandtschaft zu eigen macht, laut der selbst die einheimischen Juden sich gegen zuwandernde jüdische Konkurrenten gewehrt hätten, siehe: Volkmann, Luxemburg im Zeichen (Anm. 23), S. 43.

37 Der Großh. Beschluß vom 21. September 1932, in: Handels- und Gewerbeblatt, 1.10.1932.

38 Mittelstand und Arbeiterschaft, in: Escher Tageblatt, 24.9.1932.

39 Vorschläge zur Milderung der Wirtschaftskrise, in: Luxemburger Wort, 1.9.1932.

40 Das bedrohte Judentum, in: Luxemburger Wort, 5.9.1932.

41 Eine jüdische Internationale, in: Luxemburger Wort, 14.9.1932.

42 Freie Tribüne, in: Escher Tageblatt, 3.1.1933, 4.1.1933 und 5.1.1933. Die Redaktion stellte den Artikeln die Bemerkung voran, bei den darin angestellten politischen und juristischen Überlegungen handele es sich nicht um die offizielle Position der Zeitung, sondern nur um die Meinung eines – namentlich nicht erwähnten – ständigen Mitarbeiter[s], dem man dies zugestanden habe, weil die Frage wichtig genug ist, von allen Seiten beleuchtet zu werden.

43 Werden wir regiert? I. Skandal in Sicht, in: Escher Tageblatt, 3.1.1933.

44 Es handelt sich um das verfassungstechnische und demokratische Problem, dass die zumeist von der „Rechtspartei“ angeführten Regierungen das Kriegsgesetz vom 15. März 1915 über das Kriegsende hinaus aufrechterhielten und während der 30er Jahre noch ausbauten und dadurch in wesentlichen Fragen am Parlament vorbei regieren konnten. In rezenter Vergangenheit haben zunächst Denis Scuto und dann Vincent Artuso auf diesen Umstand aufmerksam gemacht, siehe: Scuto, Denis, Les années 1930 du Escher Tageblatt. Entre mémoire et histoire, in: Scuto, Denis u. a (Hg.), Le siècle du Tageblatt, Bd. 1: Radioscopie d’un journal. Tageblatt (1913–2013), S. 74–88, bes. S. 83–87; Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 34.

45 Anon., L’entrave à la liberté du commerce, in: Voix des Jeunes 4 (Okt.1933), S. 5.

46 Compte rendu des séances de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1932–1933, Sp. 1627.

47 Compte rendu (Anm. 46), Sp. 1628.

48 Compte rendu (Anm. 46), Sp. 1630.

49 Compte rendu (Anm. 46), Sp. 1635f. Seit dem 21. September 1932 wurden Dupong zufolge 783 Genehmigungen erteilt, davon 164 an Ausländer.

50 Mehr Schutz dem Kaufmännischen und Gewerblichen Mittelstand, in: Handels- und Gewerbeblatt, 17.6.1933.

51 Mehr Schutz (Anm. 50).

52 Handelskammer. Bericht über die Sitzung der Kleinhandelskommission vom 17. Januar 1939, in: Handels- und Gewerbeblatt, 4.2.1939.

53 Mersch, Le national-socialisme (Anm. 22), S. 135.

54 Siehe dazu: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 290–297.

55 Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 280–281.

56 An unsere Leserinnen und Leser!, in: Luxemburger Volksblatt, 27.5.1933.

57 Die Fremdenfrage in Luxemburg, in: Luxemburger Volksblatt, 7.6.1933.

58 Was unsere Leser sagen…, in: Luxemburger Volksblatt, 21.6.1933.

59 Auf diesen Fall ist zuletzt auch Daniel Thilman eingegangen, siehe: Thilman, L’Escher Tageblatt (Anm. 16), S. 110.

60 Amtliche Mitteilungen. Handelsermächtigungen, in: Escher Tageblatt, 24.8.1933.

61 Kaufmännischer Landesverband. Bericht über die Generalversammlung vom 25. Februar 1934, in: Handels- und Gewerbeblatt, 10.3.1934.

62 Verbandstag des Kaufmännischen Landesverbandes in Rodingen (Fortsetzung), in: Handels- und Gewerbeblatt, 18.8.1934; Der Bericht über die Tagung wurde auch in anderen Medien veröffentlicht. Siehe: Escher Tageblatt, 1.8.1934.

63 Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg 45 (1934), S. 819–822: Großh. Beschluß vom 14. August 1934, wodurch die Ausübung gewisser Berufe einer regierungsseitigen Ermächtigung unterworfen wird.

64 Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg 35 (1934), S. 671–675: Großh. Beschluß vom 31. Mai 1934, wodurch die Identitätskarte für Fremde eingeführt wird.

65 Es sei hier nur daran erinnert, dass Staatsminister Bech dem deutschen Gesandten Ow-Wachendorf im Frühjahr die Gründung einer Auslandsorganisation der NSDAP mit der Auflage erlaubte, andersdenkende Deutsche zu respektieren und Ausschreitungen zu unterlassen. Bech gestand Ow-Wachendorf zudem zu, keine Deutschen wegen ihrer politischen Betätigung auszuweisen. In der Praxis führte dies dazu, dass die Behörden die Gesetzgebung strenger gegenüber den Antifaschisten als gegenüber den Anhängern des Nationalsozialismus auslegten. Siehe: Krier, Emil, Deutsche Kultur- und Volkstumspolitik von 1933–1940 in Luxemburg, Bonn 1978, S. 46, 91 u. 607; Wehenkel, Henri, Der antifaschistische Widerstand in Luxemburg (1933–1944). Dokumente und Materialien, Luxemburg 1986, S. 13.

66 Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg 25 (1934), S. 535–543: Gesetz vom 23. April 1934, über die luxemburgische Staatsangehörigkeit.

67 Mittelständische Abwehrbewegungen waren zu Beginn und am Ende der 1930er Jahre in Belgien zu verzeichnen. Siehe: Caestecker, Frank, Alien Policy in Belgium. The Creation of Guest Workers, Refugees and Illegal Aliens, New York etc. 2000, S. 170f. u. bes. S. 247–251.

68 Caron, Vicky, The Antisemitic Revival in France in the 1930s: The Socioeconomic Dimension Reconsidered, in: The Journal of Modern History 70 (1998), S. 24–73; Schor, Ralph, L’antisémitisme en France dans l’entre-deux-guerres. Prélude à Vichy, Brüssel 2005, S. 136–152.

69 Caestecker, Franck / Moore, Bob, A Comparative Analysis of Immigration Policies of Liberal States in Western Europe and the Flight from Nazi Germany, in: Dies. (Hg.), Refugees from Nazi Germany and the Liberal European States, New York u. a., S. 191–323, bes. S. 200–202 u. 207–234.

70 Kommentar von Jacoby am 31. Januar 1934, siehe: Compte rendu des séances de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1933–1934, Sp. 506.

71 Erschwerung der Einwanderung für Juden in Luxemburg, in: La tribune juive, 16.2.1934.

72 Compte rendu des séances de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1933–1934, Sp. 506.

73 Vincent Artuso hat zudem darauf hingewiesen, dass Reichling fast zwei Monate später, am 22. März 1934, im Parlament ein ähnliches „Plädoyer“ wie Jacoby hielt. Obschon Reichling eher allgemein von Ausländern sprach und die Juden nicht explizit nannte, dürfen wir auch aufgrund Reichlings vorherigen Positionen mit Artuso annehmen, dass dessen Ausführungen auf die immigrierenden Juden gemünzt waren, siehe: Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 49; siehe dazu auch: Compte rendu (Anm. 72), Sp. 1068.

74 Scuto, Denis, Le Tageblatt et la question de l’immigration (1927-années 1970), in: Scuto u. a. (Hg.), Le siècle du Tageblatt, Bd. 2 (wie Anm. 16), S. 181–192, bes. S. 183–188.

75 Escher Tageblatt, 1.4.1933. Dort stand neben dem Titel des Gewerkschaftsblatts folgende Bemerkung: Man stelle sich vor, dass die Nationalsozialisten parteiamtlich die Aufstellung von S.A.- u. SS-Trupps vor j ü d i s c h e n Geschäften anordnen, um die K ä u f e r abzuhalten. Wir kennen keinen europäischen Kulturstaat, in dem solche Anordnungen einer allmächtigen Regierungspartei jemals ergangen wären. (Hervorhebungen im Original).

76 Die Verteidiger Hitlers, in: Escher Tageblatt, 4.4.1933; Antisemitismus in Luxemburg, in: Escher Tageblatt, 6.4.1933.

77 Auch nach der Konferenz von Evian war das „Escher Tageblatt“ durchaus dafür, Flüchtlingen mit unzweideutig politischem Charakter vorübergehend Schutz zu gewähren, siehe: „Evian – anders gesehen.“, in: Escher Tageblatt, 22.7.1938.

78 Zu diesen Personen siehe folgende Beiträge: Goetzinger, Germaine u. a., Exilland Luxemburg, 1933–1947. Schreiben – Auftreten – Musizieren –Agitieren – Überleben, (Ausstellungskatalog), Mersch 2007, bes. S. 27–64; Sowa, Carlo, Karl Schnog. Ein deutscher Satiriker in Luxemburg, in: Galerie 7 (1989), S. 190–122; Sowa, Carlo, Maria Gleit und Walther Victor. Ein Schriftstellerehepaar auf Zwischenstation in Luxemburg, in: Galerie 9 (1991), S. 404–417.

79 Scuto, Le Tageblatt et la question de l’immigration (Anm. 74), S. 186–188.

80 Ueberfremdungsgefahr – nochmals!, in: Escher Tageblatt, 13.5.1935.

81 In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Neue Zeit“ publizierte z.B. der deutsch-jüdische Schriftsteller Karl Schnog; auch beabsichtigte Molling im Jahre 1938, die deutsche Jüdin und Antifaschistin Edith Cohn zu heiraten, was Henri Wehenkel zufolge vermutlich scheiterte. Siehe: Wehenkel, Henri, Nic Molling, destin d’un homme libre (1902–1964), in: Scuto u. a. (Hg.), Le siècle du Tagblatt, Bd. 1 (wie Anm. 44), S. 89–99, bes. S. 90.

82 Nic Molling, Wer lügt und verdreht?, in: Escher Tageblatt, 9.2.1937.

83 Goetzinger u. a. haben darauf hingewiesen, dass Molling (wie auch Tony Jungbluth) einen gewissen fremdenfeindlich gefärbten Neid gegenüber ihrem jüdischen Journalistenkollegen Max Reinheimer verspürte und ihn beschuldigte, ohne Ermächtigung gegen Provision Inserate von jüdischen Geschäftsinhabern für das Konto des Verlegers des Diekircher Landwirts aufzunehmen. Siehe Goetzinger u. a., Exilland Luxemburg (Anm. 78), S. 29.

84 Carmen Ennesch war die Tochter der Deutschen Maria Bergmann und des luxemburgischen Ingenieurs Alponse Ennesch. Sie studierte in den 1920er Jahren in Innsbruck, Brüssel und Frankfurt und heiratete 1926 den französischen Ingenieur Pierre Paul Desmulie, mit dem sie in Brüssel und später in Paris lebte. Siehe: Reuter, Antoinette, De la „5e colonne“ aux indésirables. Regards de la journaliste luxembourgeoise Carmen Ennesch (1992–2000) sur les migrations (1946), in: Scuto u. a. (Hg.), Le siècle du Tageblatt, Bd. 1 (wie Anm. 44), S. 179–184, bes. S. 180.

85 Die „Voix des Jeunes“ veröffentlichte 1933 zum Beispiel auch Gedichte des damals 19 Jahre alten deutsch-jüdischen politischen Flüchtlings Paul Scholl. Dieser wurde aufgrund eines in der „Voix des Jeunes“ publizierten antiklerikalen Gedichts von der rechtsliberalen Regierung Bech im August 1933 ausgewiesen, da ihm vorgeworfen wurde, eine kommunistische Agitation (!) zu betreiben. Siehe: Goetzinger u. a, Exilland Luxemburg (Anm. 78), S. 26.

86 Ennesch, Carmen, L’Emigration allemande dans les pays frontières, in: La Voix des Jeunes 15 (Juli 1935), S. 3.

87 Das „Luxemburger Volksblatt“ forderte etwa, die Regierung solle feststellen auf Grund welcher Ermächtigung die Einreise erfolgte, ob dieser Ermächtigungsgrund noch besteht und welcher einflußreiche Luxemburger, besonders aber welcher Deputierte die betreffende gefördert oder gar zwangsweise durchzusetzen gewußt hat. Siehe: Fremdenfrage (Anm. 57).

88 Nach Vicky Caron hat zuletzt auch Antoinette Reuter darauf hingewiesen, dass Ennesch am 18. September 1934 in der radikalen Zeitschrift „L’Ere nouvelle“ den Artikel La Naissance de lantisémitisme et ses raisons veröffentlichte. Dort postulierte sie, die osteuropäischen Juden hätten sich ihren wirtschaftlichen Erfolg auf Kosten der einheimischen Bevölkerung erarbeitet, siehe: Caron, Vicky, Uneasy Asylum. France and the Jewish Refugee Crisis, 1933–1942, Stanford 1999, S. 74 u. 418 (FN 48); Reuter, De la „5e colonne“ aux indésirables (Anm. 84), S. 183.

89 Ennesch, Carmen, Emigrations politiques d’hier et d’aujourd’hui, Paris 1946, S. 111f. Sowohl Renée Wagener als auch Antoinette Reuter haben in jüngster Zeit Enneschs überaus problematische Positionen in der Einwandererdebatte der Nachkriegszeit thematisiert. Reuter stellte dabei fest, dass diese bereits in den 1930er Jahren heranreiften, siehe: Reuter, De la „5e colonne“ aux indésirables (Anm. 84), S. 179–184; Wagener, Aux sources du féminisme luxembourgeois, in: Woxx, 26.7.2002.

90 Siehe: Blaschke, Katholizismus und Antisemitismus (Anm. 8), S. 66; Blaschke bezieht sich dabei auf den folgenden Aufsatz: Niewyk, Donald L., Solving the „Jewish Problem“ – Continuity and Change in German Antisemitism 1871–1945, in: Leo Baeck Institute Year Book 35 (1990), S. 335–370.

91 Diese Forderung wurde u.a. auf einem Flugblatt erhoben, das in der Nacht vom 19. auf den 20. März 1938 in der Hauptstadt verteilt wurde. Siehe: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 403. Als besonders prägnantes Beispiel dieser Variante könnten wir folgenden Artikel zitieren: Des Druckstifters Traum, in: National-Echo, 23.1.1937, zitiert nach: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 414–416. In dem Artikel wird beschrieben, wie ein Druckstifter während eines Nickerchens an seinem Arbeitsplatz von der Abwanderung der gesamten jüdischen Gemeinde Luxemburgs träumt.

92 Zitiert nach: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 403.

93 Krier, Deutsche Kultur- und Volkstumspolitik (Anm. 65), S. 349.

94 Siehe dazu in aller Ausführlichkeit: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 367–491.

95 Die antisemitische Hetze, in: Escher Tageblatt, 14.12.1935; Luxemburger Zeitung, 13.12.1935; Unerlaubte Hetze, in: Luxemburger Wort, 16.12.1935.

96 Mersch, Le national-socialisme (Anm. 22), S. 114.

97 Olaf Blaschke charakterisiert diese aversiv[e] Attitüde der Katholiken als doppelte[n] Antisemitismus, da er auf einer Ablehnung des rassistischen Antisemitismus bei gleichzeitiger Bejahung des modernen Antisemitismus beruhte. Siehe: Blaschke, Katholizismus und Antisemitismus (Anm. 8), S. 26f. u. 70–106. Siehe auch: Mersch, Le national-socialisme (Anm. 22), S. 121f.

98 Gloden, Marc, L’immigration contrôlée des réfugiés juifs au Grand-Duché des années trente, in: Fuchshuber, Thorsten / Wagener, Renée (Hg.), Emancipation, Eclosion, Persécution. Le développement de la communauté juive luxembourgeoise de la Révolution française à la 2e Guerre mondiale, Brüssel 2014, S. 173–202, bes. S. 181.

99 Untermenschen, in: Jung Luxemburg, 4.5.1935, z.n: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 149.

100 Die Woche, in: Jung Luxemburg, 30.1.1937, z.n.: Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 150.

101 Das bedrohte Judentum, in: Luxemburger Wort, 5.9.1932.

102 Viel Geschrei, in: Luxemburger Wort, 1.4.1933.

103 Die Kunstausstellungen, in: Luxemburger Wort, 6.5.1938., Kunstausstellung Guido Oppenheim, in: Luxemburger Wort, 20.5.1936.

104 Ausstellung Guido Oppenheim, in: Luxemburger Wort, 15.5.1935.

105 Die Feier fand unter Teilnahme von institutionellen Repräsentanten wie Auguste Collart, in Vertretung der Staatschefin, Staatsminister Pierre Dupong, Kammerpräsident Emil Reuter, Staatsratspräsident Hamelius und Bürgermeister Gaston Diderich statt. Siehe: Unabhängigkeitsfeier, in: Luxemburger Wort, 12.5.1939. Das „Luxemburger Wort“ merkte, trotz seiner überaus wohlwollenden Darstellung, anders als das „Escher Tageblatt“, nicht an, dass Rabbiner Dr. Serebrenik die Liebe der luxemburger Juden zu Land und Volk darlegte, in dem sie in den letzten 150 Jahren das Schicksal des lux. Volkes teilten und in Freud und Leid zu Herrscherhaus und Heimat stehen. Siehe: Jahrhundertfeier unserer Unabhängigkeit, in: Escher Tageblatt, 12.5.1939.

106 Die Verteidiger Hitlers, in: Escher Tageblatt, 4.4.1933.

107 Große Buchstaben – Dicke Lügen, in: Luxemburger Wort, 4.4.1933.

108 Faschismus, leicht verzuckert, in: Escher Tageblatt, 27.5.1933.

109 Das antisemitische Volksblatt, in: Escher Tageblatt, 22.6.1933; Si tacuisses…, in: Escher Tageblatt, 3.6.1936.

110 Müller, Léon, Eine unerhörte Frechheit, in: Luxemburger Volksblatt, 16.11.1936. Das „Volksblatt“ druckte dabei einen Artikel nach, den „Luxembourg“ tags zuvor veröffentlicht haben soll, in der entsprechenden Ausgabe aber fehlt. Etwas mehr als eine Woche danach versuchte es erneut, den Vorwurf zu entkräften, ein Hitlerblatt zu sein, und behauptete, die Rassenpolitik und auch den Antisemitismus grundsätzlich ab[zulehnen]. Siehe: Hitler und wir, in: Luxemburger Volksblatt, 28./29.11.1936.

111 Müller, Léon, Die nationaldemokratische Bewegung, in: Luxemburger Volksblatt, 12.11.1936.

112 E., Antisemitismus, in: Luxemburger Volksblatt, 7.11.1934.

113 Vortrag Frantz Clément über Antisemitismus, in: Luxemburger Zeitung, 7.11.1934.

114 Clément entfaltete in den 1930er Jahren eine rege publizistische Aktivität im „Escher Tageblatt“ und der „Voix des Jeunes“, dem Organ der „Assoss“. Darüber hinaus war er während einigen Monaten Herausgeber der Zeitschrift „Die Tribüne“ und veröffentlichte diverse Artikel in dem ab 1936 erscheinenden und von Nicolas Molling geleiteten antifaschistischen Blatt „Die Neue Zeit“. Zu seinem persönlichen und publizistischen Werdegang, siehe: Thill, Robert, Frantz Clément. Chefredakteur und Feuilletonist (1882–1942), in: Scuto u. a. (Hg.), Le siècle du Tageblatt, Bd. 1 (Anm. 44), S. 38–48.

115 Neben seinen Artikeln in „Die Neue Zeit“ kritisierte er unter dem Pseudonym Erasmus Ende März 1938 im „Escher Tageblatt“, dass etwa eine Woche zuvor Geschäfte jüdischer Mitbürger mit Hakenkreuzen beschmiert und antisemitische Flugblätter in der Stadt Luxemburg verteilt worden waren. Siehe: Schmierfinken, in: Escher Tageblatt, 26.3.1938. Seine Kritik am Antisemitismus kommt zudem in dem folgenden Artikel zum Ausdruck: Noch einmal die deutsche Glaubensbewegung, in: Escher Tageblatt, 23.9.1937.

116 Das Publikum beschränkte sich nämlich keinesfalls darauf, Clément bloßen Höflichkeitsbeifall zu spenden, im Gegenteil: jener wurde immer wieder […] beifällig unterbrochen, bis zum Schluß der Beifall nicht enden wollte. Siehe: Vortrag Frantz Clément (Anm. 113).

117 Antisemitismus. Ein Vortrag von Frantz Clement vor der „Assoss“, in: Escher Tageblatt, 7.11.1934.

118 Dem betreffenden Artikel zufolge enthielt Cléments Rede ein regelrechtes Kapitel „Die Schuld der Juden“, in welchem es sinngemäß hieß: Das Benehmen der Juden den Nichtjuden gegenüber hat gewiss den Judenhass genährt. Als nationale Minderheiten benahmen sie sich den Mehrheiten nicht immer den Umständenentsprechend. Siehe: E., Antisemitismus (Anm. 112).

119 In einem – von einem angeblich jüdischen Verfasser namens D. Hakaen stammenden – Leserbrief hieß es: Wenn also die Juden sogar von einem so wohlwollend gerechten Beurteiler wie Herrn Clement als volksfremd empfunden werden, so müßten sie sich sagen: was haben wir getan, daß dem so ist und was können wir etwa tun, daß dem anders werde, immer ohne unsere Religion aufzugeben […]. Und eine von Selbstbetrug freie Antwort müßte lauten: Viele von uns […] haben es nicht über sich gewonnen, in einer Zeit in der die großen Völker den Nationalismus zur fast alleinigen Triebfeder ihres (weltlichen) Lebens erwählt haben, sich dem anzuschließen […]. Wer nicht zur Volksgemeinschaft gehören will, wer sich bewußtermaßen auf den eigenen, vor Jahrtausenden zugrundegegangenen Volkscharakter zurückzieht […] der darf doch nicht Klage darüber führen, daß ihm das „Wirtsvolk“ kein öffentliches Amt anvertrauen, ihn nicht zum freien Beruf zulassen will. Siehe: Hakaen, D. Noch einmal „Frantz Clement: Antisemitismus, in: Luxemburger Volksblatt, 11.11.1934.

120 Siehe dazu: Aprile, Sylvie / Dufoux, Stéphane, Les mots de l’immigration, Paris 2009, S. 31–34.

121 X., Offene Worte über Antisemitismus, in: La Voix des Jeunes 1 (Juni 1933), S. 5.

122 Anon., Offene Antwort über „Antisemitismus“, in: La Voix des Jeunes 2 (August 1933), S. 8 (Fettdruck im Original).

123 Richard N. Coudenhouve-Kalergi, Judenhass von heute, Wien u. Zürich 1935; Heinrich J. Coudenhouve-Kalergi: Das Wesen des Antisemitismus Wien u. Zürich 1935. Beide Werke waren zuvor schon veröffentlicht worden und wurden 1935 in einem Band veröffentlicht auf den das „Escher Tageblatt“ sich in der Rezension bezog.

124 Judenhass – Antisemitismus, in: Escher Tageblatt, 7.3.1936.

125 Tony Kushner sieht im Großbritannien der Zwischenkriegszeit einen „konservativen“ Antisemitismus am Werk, der alle Juden traf und eine exklusive Tendenz gehabt habe. Daneben habe es aber auch einen „liberalen“ Antisemitismus gegeben, der die Inklusion der Juden beabsichtigt habe, dabei aber die Tendenz offenbart habe, den Juden vorzuwerfen, sich nicht wirklich assimilieren zu wollen und somit dem Antisemitismus Vorschub zu leisten. Siehe: Kushner, British Antisemitism (Anm. 9), S. 201–206.

126 Diese Zweifel waren bei Carmen Ennesch im Jahre 1946 noch deutlich zu spüren. Ennesch sprach sich für eine gezielte Immigrationspolitik aus, die bestimmte Kategorien von Ausländern gegenüber den „Elementen“ bevorzuge, die „asozial“ und nicht zu assimilieren seien. Zu den bevorzugten Kategorien gehörten laut Ennesch die jungen Gebildeten oder etwa die Spezialisten der Milchindustrie aus den Niederlanden oder Dänmark, während die aus den litauischen und galizischen Ghettos Stammenden, die Staatenlosen und internationalen Hochstapler zu den unerwünschten Kategorien gehörten. Siehe Ennesch, Emigrations politiques (Anm. 89), S. 202f.

127 Unsere Stellung zu den Naturalisationen, in: Escher Tageblatt, 17.1.1935.

128 Renée Wagener hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass der sozialistische Abgeordnete Jean Schortgen in der Kammerdebatte vom 14. April 1916 die Geschäftsmethoden der galizischen Juden anprangerte und jene als Hyänen bezeichnete. Siehe: Wagener, „Hyänen“ (Anm. 11).

129 Schor, L’antisémitisme en France (Anm. 68), S. 47f.; Caron, Uneasy Asylum (Anm. 88), S. 300f. u. 346; Zimmermann, Die Deutschen und die Juden (Anm. 27), S. 42.

130 D.R., Luxemburg und Antisemitismus, (Anm. 1).

131 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 49.

132 Weber, Batty, Abreißkalender, in: Luxemburger Zeitung, 8.1.1936.

133 Im Mai 1935 ging Weber mit klischeebehafteten, teils schwülstig-bewundernden Worten, aber ohne erkennbaren Abwehrreflex auf die Präsenz jüdischer Hilfsarbeiter und -arbeiterinnen in der Landwirtschaft ein. Ohne die Ursache dafür anzusprechen, schrieb er, man lebe in einer großen Zeit, die vermutlich von weitreichenden Veränderungen geprägt sei. Da die Juden nun auch zunehmend als Knechte arbeiten würden, habe das Gesindewesen […] ein neues, seltsames Gesicht bekommen. Orientalisch, unarisch und urbanen Charakters. Um dies zu illustrieren beschrieb er einen Knecht als intellektuellen Brillenträger, der schwarzes Kraushaar und ein Gesicht wie einer [habe], der Nächte über die Einsteinsche Relativitätstheorie grübelt. Dann beschrieb er eine Magd mit folgenden Worten: Hübsches Gesicht, Rasse unverkennbar, Höhensonnenteint, blitzende Zähne, sprühende Augen, eine Person, die einen Dörfler an biblische Personen wie die keusche und wunderschöne Rebekka oder an die ebenfalls keusche und schöne Ruth erinnere. Siehe: Weber, Batty, Abreißkalender, in: Luxemburger Zeitung, 22.5.1935.

134 Diesen Begriff verwendete Renée Wagener, um die Rhetorik zu charakterisieren, mit der die ausländischen Juden während des Ersten Weltkrieges oftmals diffamiert wurden, Wagener, „Hyänen“ (Anm.11).

135 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 39. Siehe auch: Koch-Kent, Henri, Vu et entendu. Souvenirs d’une époque controversée 1912–1940, Luxemburg 1983, S. 189.

136 Siehe: Nachklänge zum Rodinger Verbandstag, in: Handels- und Gewerbeblatt, 8.9.1934; Kaufmännischer Landesverband. Bericht über die Sitzung des Zentralvorstands vom Dienstag, 12. Nov., in: Handels- und Gewerbeblatt, 16.11.1935.

137 Krise, in: Die Tribüne, 14.9.1935.

138 Schreinermeisterverband, in: Handels- und Gewerbeblatt, 19.10.1935, (Hervorhebung im Original).

139 Paul Dostert hat neben dem Antisemitismus religiösen Ursprungs auch darauf hingewiesen, dass einzelne Vertreter des Mittelstands „in der jüdischen Konkurrenz in erster Linie den Juden sahen, gegen den es sich zu wehren galt“. Siehe: Dostert, Paul, Luxemburg zwischen Selbstbehauptung und nationaler Selbstaufgabe. Die deutsche Besatzungspolitik und die volksdeutsche Bewegung 1940–1945, Luxemburg 1984, S. 165.

140 Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 367.

141 Der Referent des Kaufmännischen Landesverbandes, Nicolas Friden, hatte auf jener Veranstaltung im überfüllten hauptstädtischen Cercle unter anderem gefordert, dass alle unerwünschten Elemente abgeschoben werden, die von ihrem Heimatlande ausgewiesen, hier ein dankbares Feld für ihre Gaunereien gefunden haben. Doppelt streng muß das gefordert werden für Angehörige jener Länder, mit denen uns kein Interesse verbindet […] Diese Leute müssen aus unserem Straßenbilde, von unseren Märkten und aus unseren Geschäften und Handwerksbetrieben verschwinden. Siehe: Unsere Hauptversammlung in Luxemburg, in: Handels- und Gewerbeblatt, 21.1.1939.

142 Antisemitismus und Mittelstand, in: Die neue Zeit, 1.2.1939. Einige Woche zuvor hatte auch die kommunistische „Volksstimme“ die antisemitischen Tendenzen innerhalb des Mittelstandes kritisiert: Es ist dem Mittelstand […] nicht geholfen mit dem sogenannten Judenknochen. Die Juden sind schuld an unserer mißlichen Lage sagen die „Mittelständler“ ohne auch nur im Geringsten durch amtliche Ziffern zu beweisen, daß in den letzten Jahren so viele jüdische Geschäfte hinzugekommen sind. Siehe: Anmerkungen und Feststellungen um die Mittelstandsfrage, in: Volksstimme, 3.12.1938.

143 Der Vorstand des Luxemburger Mieterverbandes – Gruppe Handels- und Gewerbetreibende, Notruf, in: Luxemburger Wort, 14.3.1933 und 3.4.1933. Die „Tribune juive“ hatte diese Parole als latent antisemitisch eingestuft, siehe: Luxemburger Zwischenbilanz, in: La Tribune juive, 21.12.1934.

144 Die Fremdenfrage, in: Luxemburger Wort, 17.4.1933 und Trauben, in: Luxemburger Wort, 14.9.1934.

145 Batty Weber schrieb etwa anlässlich der „Luxemburger Woche“ 1939: Soll es sich […] nicht verstehen, daß jeder Luxemburger aus seinem angeborenen Gefühl der völkischen Schicksalsgemeinschaft heraus zuallererst am Wohlstand seiner Mitbürger mitwirken muß? Soll er sich nicht sagen, daß alles Geld, das er Fremden zu verdienen gibt, für unsere wirtschaftliche Gemeinschaft verloren ist? Siehe: Weber, Batty, Abreißkalender, in: Luxemburger Zeitung, 25.1.1939.

146 Das Gewerkschaftsblatt forderte im Januar 1939: Letzeburger alleguer! Kâft letzeburgesch Wur am letzeburger Geschäft!, siehe: Lëtzeburger, kâft letzeburgesch, in: Escher Tageblatt, 21.1.1939, siehe auch: Luxemburger kauft bei Luxemburgern, in: Escher Tageblatt, 14.4.1934.

147 Pflicht, in: Luxemburger Volksblatt, 18.2.1936. Dort hieß es: Jeder Luxemburger, besonders aber der Staat hat die Pflicht einen Bedarf bei den Luxemburgern einzudecken […] und zwar auch dann, wenn der Luxemburger teurer sein sollte als der fremde Konkurrent.

148 Vicky Caron schreibt dazu: in these economic campaigns, it is easy to see how demands to restrict the rights of foreign Jews ultimately expanded into an effort to curtail the rights of all Jews, a tendency bolstered by the fact that no less than one-half of the entire French Jewish population had been born outside the country“. Siehe: Caron, The Antisemitic Revival (Anm. 68), S. 71. Auch Michel Winock geht davon aus, dass die ökonomische Fremdenfeindlichkeit dem Antisemitismus Vorschub leistete. Siehe: Winock, Michel, La France et les Juifs de 1789 à nos jours, Paris 2004, S. 185f.

149 So schrieb zum Beispiel der Vizekonsul in Berlin an Staatsminister Bech: Den nicht-deutschen Juden (besonders Polen) wird das Einreise-Visum verweigert, wenn sie nicht die erforderlichen schriftlichen Unterlagen über den Zweck der Reise, über Moralität usw. beibringen können. Dagegen kann den Inhabern von deutschen Pässen, die nicht in Stellung oder Arbeit suchen gehen, die Einreise von hier aus nicht versagt werden, so dass in nächster Zeit ein stärkerer Zuzug deutscher Juden nach Luxemburg einsetzen wird. Siehe: Archives Nationales du Luxembourg (ANLux), Fonds du Ministère des Affaires Etrangères (AE) 3831, S. 79: Schreiben des Vizekonsuls in Berlin an Staatsminister Bech, 29.3.1933.

150 Gloden, L’immigration contrôlée (Anm. 98), S. 184–186.

151 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 38.

152 Aussage Blums im Parlament am 16.3.1938. Siehe: Compte rendu de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1937–1938, Sp. 752.

153 Das tat Blum denn auch in derselben Sitzung. Nachdem er festgestellt hatte, dass die Zahl der Abwanderungen jene der Zuwanderungen im Monat Februar übertroffen hätte, schlussfolgerte er que nous sommes en régression et que la situation commence à se normaliser, Compte rendu de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1937–1938, Sp. 752.

154 Luxemburger Zeitung, 21.11.1938.

155 Zu diesem Schluss kommt im Prinzip auch Vincent Artuso, der sich dabei auf ein Interview Blums mit der „Pariser Tageszeitung“ stützt, das jene am 22.11.1938 publizierte. Siehe: Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 83.

156 So hatte Norbert Dumont am 5. Februar 1936 bereits in der Abgeordnetenkammer betont: nous faisons dépendre en général lautorisation détablissemen de la justification dun âge assez avancé pour exclure toute velléité de se livrer à une activité lucrative et pour éviter la naissance denfants étrangers sur le territoire du Grand-Duché de Luxembourg, Compte rendu de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1935–1936, Sp. 219.

157 Aussage Blums im Parlament am 16.3.1938, Compte rendu de la Chambre des Députés. Session ordinaire de 1937–1938, Sp. 752.

158 Gloden, L’immigration contrôlée (Anm. 98), S. 198–199.

159 Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg 28 (1940), S. 309–311: Großh. Beschluß vom 25. April 1940 betreffend die Internierung der Deserteure und der unerwünschten Ausländer.

160 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 58–63.

161 Gloden, L’immigration contrôlée (Anm. 98), S. 183.

162 Alleine im Jahre 1938 gaben 575 ausländische Juden eine Erstankunftserklärung ab; 1939 betrug deren Zahl trotz des Kriegsausbruchs und der damit verbundenen Immigrationsschwierigkeiten immer noch 560, siehe: ANLux, Fonds du Ministère de la Justice (J) 73/53, S. 16.

163 Die Regel, wonach jeder Flüchtling eine Bankgarantie hinterlegen musste, um die Finanzierung seiner Aufenthaltskosten zu gewährleisten, wurde Paul Cerf zufolge unter Blum so ausgelegt, dass eine solche Bankgarantie mehreren Personen gleichzeitig zugutekommen konnte. Cerf hat es versäumt, seine Feststellungen mit den entsprechenden Quellenverweisen zu belegen, so dass sie (noch) nicht überprüfbar sind. Siehe: Cerf, Paul, L’étoile juive au Luxembourg, Luxemburg 1986, S. 16.

164 Hoffmann, Serge, Luxemburg – Asyl und Gastfreundschaft in einem kleinen Land, in: Benz, Wolfgang / Wetzel, Juliane (Hg.), Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstudien 1: Polen, Rumänien, Griechenland, Luxemburg, Norwegen, Schweiz (Reihe Solidarität und Hilfe. Rettungsversuche für Juden vor der Verfolgung und Vernichtung unter nationalsozialistischer Herrschaft, 1), S. 187–204, bes. S. 193 u. 203; Wehenkel, Der antifaschistische Widerstand (Anm. 65), S. 25; Gloden, Marc, Die Asylpolitik Luxemburgs von 1933 bis 1940. Der Anspruch auf Kontrolle, unveröffentl. Magisterarbeit, Trier 2001, S. 72; Cerf, L’étoile juive (Anm. 163), S. 16.

165 Die landesweite regelmäßige statistische Erfassung der Zahl der Mitglieder der diversen Konfessionen begann erst im Jahr 1871. Die Gesamtzahl der in- und ausländischen Juden, die zum Zeitpunkt des deutschen Einmarsches im Jahr 1940 in Luxemburg lebten, wurde seinerzeit nicht amtlich festgestellt. Jüngsten Recherchen zufolge handelte es sich wohl um 3.907 Personen, von denen 1.005 Luxemburger und 2.902 Nichtluxemburger waren. Somit waren die Zahlen noch um einiges höher als 1935, das bis dahin noch das Jahr mit der größten jüdischen Population gewesen war. Damals hatte sie 3.144 Menschen umfasst, wovon 2.274 Ausländer und 870 Luxemburger waren. Siehe: Statec (Hg.), Statistiques historiques (Anm. 20), S. 574; La spoliation des biens juifs (Anm. 20), S. 12.

166 Scuto, La nationalité luxembourgeoise (Anm. 12), S. 195–199 u. 210–212.

167 Scuto, La nationalité luxembourgeoise (Anm. 12), S. 261, 264 u. 275.

168 Scuto, La nationalité luxembourgeoise (Anm. 12), S. 54f., 96 u. 209.

169 Siehe den Beitrag von Renée Wagener in diesem Band, sowie Moyse, Laurent, Du rejet à l’intégration. Histoire des Juifs du Luxembourg à nos jours, Luxemburg 2011, S. 138 u.166; Blau, Histoire de l’extrême-droite (Anm. 10), S. 331.

170 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 157–165.

171 Siehe: Dostert, Paul, „Vive Letzeburg – Vive Charlotte“: La résistance patriotique contre l’occupant allemand 1940–1945, in: Archives Nationales du Luxembourg (Hg.), Les courants politiques et la Résistance: Continuités ou ruptures? Colloque international Esch/Alzette, avril 2002, Luxemburg 2003, S. 365–383, bes. S. 366–367.

172 Aufgrund eines Berichts des Rabbiners Dr. Serebrenik vom 6. März 1941, in dem jener die Leiden der katholischen Bevölkerung größer einschätzte als diejenige der Juden, geht Paul Dostert davon aus, dass „eine Fehleinschätzung der eigenen Lage wohl auch als Erklärung für die ziemlich passive Haltung der Luxemburger den Juden gegenüber“ dienen könnte. Siehe: Dostert, Luxemburg zwischen Selbstbehauptung (Anm. 139), S. 165.

173 Frantz Clément versteckte sich nach dem deutschen Einmarsch in Berburg, wurde aber im Juli 1941 von Gestapobeamten verhaftet und zunächst ins SS-Sonderlager Hinzert, dann in das KZ Dachau verschleppt. Von dort wurde er am 5. Mai 1942 mit 100 anderen Gefangenen in die „Euthanasieanstalt“ Schloss Hartheim bei Linz verbracht, wo er noch am selben Tag vergast wurde. Siehe: Schmit, Sandra, Frantz Clément, in: Luxemburger Autorenlexikon, URL: http://www.autorenlexikon.lu [Stand am 9.7.2016].

174 Die ersten antisemitischen Maßnahmen wurden bereits Ende August 1940 in der Presse publiziert und angekündigt. Siehe: Lokalneuigkeiten, in: Luxemburger Zeitung, 26.8.1940; Die Gestaltung des Viehhandels in der Zukunft, in: Luxemburger Zeitung, 29.8.1940; Die zukünftige Gestaltung des Viehhandels, in: Luxemburger Volksblatt, 29.8.1940.

175 Artuso, La question juive (Anm. 2), S. 165–187.