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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Der Umgang mit der Shoah im Nachkriegs-Luxemburg (Renée Wagener)

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Renée Wagener

Der Umgang mit der Shoah im Nachkriegs-Luxemburg1

1.  Haltung der Luxemburger Exilregierung

Am 7. November 1944, also zwei Monate nach der Befreiung Luxemburgs, richtete der Belgier Aryeh Leon Kubowitzki, Mitbegründer und späterer Präsident des kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entstandenen „World’s Jewish Congress“ (WJC), einen Brief an den luxemburgischen Botschafter in Washington. Darin schlug er vor, dass die Luxemburger Regierung in Verhandlungen mit Deutschland treten solle, um deutsche Zivilpersonen, die sich in den Händen der Luxemburger Regierung befanden, gegen 775 jüdische Deportierte aus Luxemburg in Litzmannstadt (Lodz) und Theresienstadt auszutauschen. Eine solche Aktion müsse with great speed and determination ausgeführt werden, as it appears from reliable sources that the German reign of terror against the so-called civilian detainees has greatly increased in violence since July 20th, and that there is every reason to fear for the worst.2 Am 10. November fragte Botschafter Hugues Le Gallais bei Außenminister Bech nach, wie er auf diese Aufforderung reagieren solle. Am 7. Dezember, also fast einen Monat später, antwortete Bech: Je vous prie de répondre au ‚Jewish Congress‘ que cette suggestion sera examinée avec toute la promptitude et bienveillance possible. Vous voudrez noter pourtant qu’en dehors des quelques centaines de déportés de religion israélite nous avons en Allemagne et dans les territoires occupés par elle un nombre estimé à environ 30.000 compatriotes internés ou déportés qui en cas d’échange méritent ces mêmes considérations d’humanité. ← 219 | 220 →

Die Antwort, die heute in ihrer bürokratischen Distanziertheit befremdend wirkt, ist in historiografischer Hinsicht mehrfach interessant. Bech war, so wird hier deutlich, keinen Schritt zu tun gewillt, durch den er den Eindruck hätte erwecken können, jüdischen Deportierten vor nicht-jüdischen Gefangenen Hilfe zu leisten. Zweitens operierte er mit dem Argument der Masse: Einige Hundert hatten gegenüber 30.000 kein Gewicht. Bech schätzte dabei nicht nur die Zahl der jüdischen Deportierten zu niedrig und die der restlichen Deportierten und Umgesiedelten zu hoch ein (siehe Tabelle 1).3 Er thematisierte auch nicht, dass die jüdischen Deportierten große Qualen erlitten und durch die gegen sie gerichtete systematische Vernichtungspolitik ein höheres Risiko als andere trugen, das Konzentrationslager nicht zu überleben.

Bechs Darstellung verdeutlicht zudem exemplarisch, wie die verschiedenen Opfergruppen von einer Persönlichkeit wahrgenommen wurden, die die Kriegszeit im Exil erlebt hatte. Doch die Zahlen zeigen deutlich, dass die zahlenmäßig kleine jüdische Minderheit Luxemburgs überproportional vom Terror des nationalsozialistisch geführten Deutschlands betroffen war (Tab. 1). ← 220 | 221 →

Tabelle 1:  Verfügbare Statistiken zu den Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs.4

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In diesem Beitrag soll neben der Haltung der Luxemburger Regierung auch jene der anderen politischen Akteure und der Luxemburger Gesellschaft gegenüber der Shoah bei Kriegsende und in der Nachkriegszeit betrachtet werden. Dabei wird für Luxemburg die These überprüft, die Jan Lanicek generell für die Exilregierungen aufgestellt hat, dass die Position der Regierung den gesellschaftlichen Umgang mit der Shoah in der Nachkriegszeit mitgeformt habe.5 Zugleich stellt sich die generelle Frage der Einbeziehung der jüdischen Minderheit in die Nation. ← 221 | 222 →

Der Historiker Thierry Grosbois hat sich kürzlich eingehend mit der Haltung der Exil-Regierung gegenüber der Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs befasst. Anhand von zahlreichen Beispielen illustriert er, dass die Luxemburger Exil-Regierung sich durchaus intensiv damit beschäftigte, jüdischen Flüchtlingen, die nach dem unbesetzten Frankreich geflüchtet waren, zu helfen und sie bei ihren Bemühungen, nach Übersee auszureisen, zu unterstützen.6 Dabei ergriff sie häufig Initiativen gegenüber möglichen Empfangsländern, die jedoch aufgrund deren häufig ablehnenden Haltung selten von Erfolg gekrönt waren. Auch betrachtete sie sich lediglich als zuständig für jüdische Flüchtlinge luxemburgischer Nationalität, die 1940 nur ein Viertel der in Luxemburg lebenden jüdischen Glaubensangehörigen darstellten.7 Die Regierungen Bech und Dupong hatten jedoch in den Dreißigerjahren eine restriktive Einbürgerungspolitik betrieben hatten, die auch den Zugang eingewanderter Juden und Jüdinnen zur luxemburgischen Staatsbürgerschaft verhinderte.8

Zurückhaltend verhielt sich die Luxemburger Exil-Regierung auch bei der Frage der jüdischen Deportierten aus Luxemburg. Sie nahm zwar an multilateralen Initiativen teil, die sich um eine internationale Verurteilung der nationalsozialistischen Verbrechen bemühten. Jedoch wurde in diesen Texten die jüdische ← 222 | 223 → Verfolgung zunächst nicht spezifisch angesprochen.9 Luxemburgs Haltung fügte sich hier ein in die von den alliierten Staaten eingenommenen, oft von taktischen Überlegungen geprägten Positionen.

In dem kürzlich von Jan Lanicek und James Jordan herausgegebenen Buch „Governments-in-Exile and the Jews during the Second World War“, das den Fall Luxemburg allerdings nicht behandelt, wird die Lage und Haltung verschiedener Exilregierungen dargelegt.10 In Laniceks Zusammenstellung der Haltung der verschiedenen Regierungen werden mehrere Zusammenhänge deutlich:

1. Spätestens seit dem 26. Juni 1942, als die BBC über einen von der polnischen Exilregierung weitergegebenen Bericht zu den Judenvernichtungsaktionen in den polnischen Gebieten berichtete, waren nicht nur die Exil-Regierungen, sondern auch die internationale Öffentlichkeit über den massenhaften Judenmord informiert.

2. Im Dezember 1942 verurteilte der Völkerbund in einer Deklaration diese NS-Verbrechen.

3. Im Juni 1944 erschienen in der Schweiz die sogenannten Auschwitz-Protokolle, die das Funktionieren dieses Vernichtungslagers beschrieben.

Doch setzten sich die Exilregierungen kaum für die Rettung der jüdischen Deportierten ein. Dies kann nicht nur auf eine antisemitische Grundhaltung der betreffenden Politiker zurückgeführt werden. Lanicek, Emmanuel Debruyne und Nele Beyens nennen eine Reihe von Faktoren, die mitspielten:

  1. der Wunsch, als demokratische, keine Minderheit bevorzugende Regierung vor ihrer Bevölkerung zu stehen und sich damit für ihre Rückkehr abzusichern;
  2. das Bewusstsein über die bereits in der Vorkriegsgesellschaft existierende, mehr oder weniger latente Judenfeindlichkeit der Bevölkerung;
  3. die Angst vor der NS-Propaganda, die behauptete, dass die alliierten Regierungen von der jüdischen Weltverschwörung „ferngesteuert“ würden;
  4. die Sorge, die deutschen Behörden in den besetzten Ländern zu provozieren;
  5. ein gewisser Unwille gegenüber dem Einsatz der jüdischen Organisationen, der als lästig empfunden wurde;
  6. der anhaltende Widerstand der Politiker, Ausmaß und Systematik der Judenvernichtung als Tatsache zu akzeptieren.11 ← 223 | 224 →

Dennoch ging z.B. die niederländische Exilregierung im Sommer 1944 auf die Initiative der „Jewish Agency“ ein, Gruppen von jüdischen Gefangenen gegen deutsche auszutauschen. Auch wenn Außenminister van Kleffens ähnlich wie Bech reagierte – während der betreffenden Kabinettsitzung bemerkte er, er sehe keinen Grund, den jüdischen Verfolgten a preferential treatment zu geben – kam die Regierung dann doch dazu, einen Plan zur Freipressung von 500 jüdischen Kindern gutzuheißen. Dieser scheiterte allerdings, weil die Niederlande zunächst nicht bereit waren, im Gegenzug Gefangene an Deutschland auszuliefern. Im Sommer 1944 dagegen gelang es auf die Initiative der „Jewish Agency“ hin, 300 jüdische Gefangene freizubekommen und nach Palästina ausreisen zu lassen. Daraufhin folgten mehrere solcher Transporte, die von der niederländischen Regierung unterstützt wurden.12

Die Niederlande waren, wie auch Großbritannien, in der günstigen Lage, dass in ihren Kolonien deutsche Gefangene festgehalten wurden.13 Diese Möglichkeit bot sich der Luxemburger Regierung nicht. Allerdings scheint sie, anders als die niederländische Regierung, überhaupt nicht auf dem Standpunkt gestanden zu haben, dass eine eigene Initiative von ihr verlangt oder auch nur denkbar sei. Bech kündigte im oben genannten Brief lediglich an, die Interessen Luxemburger Gefangener in Deutschland durch die Schweiz vertreten lassen zu wollen.14

2.  Unterstützung für jüdische Hilfsbedürftige nach dem Krieg

2.1  Haltung der Regierung

Nach dem Krieg stellte sich in allen Staaten die prinzipielle Frage des Status jener Menschen, die als Staatenlose oder mit ausländischem Pass zurückkehrten, besonders aber der jüdischen Verfolgten. Deshalb trat der „World’s Jewish Congress“ bereits 1944 an die verschiedenen alliierten Regierungen heran und befragte sie zu ihrer Haltung in dieser Problematik. Auch die Luxemburger Regierung musste Position beziehen zur Wiederaufnahme der Nicht-Luxemburger Juden und Jüdinnen in Luxemburg, die vor dem Krieg dort ansässig gewesen waren. Für ← 224 | 225 → Luxemburg leitete der Luxemburger Arzt und Kapitän Henri Cerf die Frage an Premierminister Pierre Dupong weiter. Dieser antwortete: Dr. Cerf. J’ai soumis à mes collègues la question qu’au nom du World Jewish Congress vous m’avez posée au sujet des Juifs étrangers qui, avant l’invasion avaient leur résidence à Luxembourg.

Mes collègues partagent avec moi l’idée qu’il ne peut exister de controverse à ce sujet. Les juifs étrangers, qui avaient leur domicile à Luxembourg jusqu’au moment où ils ont du [sic] fuir devant la menace nazie, peuvent, la guerre terminée, retourner et s’établir à Luxembourg à Nouveau [sic].

Londres, le 6 juin 1944. P. Dupong.15

Die Antwort ist bemerkenswert, weil die Regierung wohl aufgrund der Kenntnis der jüdischen Verfolgung völlig von der vor dem Krieg vertretenen Position abwich, dass sich Personen ausländischer Nationalität nur unter ganz bestimmten Bedingungen in Luxemburg niederlassen konnten, vor allem den Beweis ihrer materiellen Existenzmittel erbringen mussten. Spätestens ab 1938 waren jüdische Flüchtlinge systematisch ausgewiesen oder bereits an der deutschen Grenze zurückgewiesen worden.16 Ausländische Juden und Jüdinnen, welche schon zuvor in Luxemburg gelebt hatten, sollten sich nun also wieder in Luxemburg etablieren können. Spätere Dokumente zeigen jedoch, dass die Regierung nach 1944 recht schnell von ihrem Versprechen abrückte, das nie gesetzlich verankert worden war, und wieder die alte ablehnende Haltung gegenüber minderbemittelten Ausländerinnen und Ausländern einnahm. In Dänemark dagegen erhielte 1946 alle Vorkriegs-Flüchtlinge ein Bleiberecht.17 Auch die Problematik der vom nationalsozialistischen Regime ihrer Staatsbürgerschaft beraubten jüdischen Deutschen wurde in Luxemburg nicht diskutiert.18

In den Archiven finden sich einige Unterstützungsgesuche an die jüdische Hilfsorganisation „Esra – Association pour le secours de juifs nécessiteux“.19 Dabei ging es nicht nur um eine fehlende Arbeitserlaubnis oder Handelsermächtigung, ← 225 | 226 → sondern auch um Aufenthaltsgenehmigungen. So wandte sich Sophie H., verheiratet mit einem Nicht-Juden und vor dem Krieg in Luxemburg ansässig, an die „Esra“, als sie am 10. April 1946 aufgefordert wurde, das Land zu verlassen.20 Hirsch B., Kramhändler polnischer Nationalität, lebte vor dem Krieg seit den Zwanzigerjahren mit seiner Frau in Esch-Alzette. Ihre zwei Kinder kamen dort in den Dreißigerjahren zur Welt. Die Familie erhielt von Juni 1946 bis Mai 1947 von der „Esra“ eine substantielle Unterstützung. Auch B. hatte zunächst Schwierigkeiten, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, die „Esra“ musste sich darum bemühen. Daneben ging es auch um die Handelsermächtigung. In einem Brief an die „Esra“ vom 29. Oktober1946 schrieb B., der diese bereits im Juni beantragt hatte: Wie Sie wissen habe ich meine Handelsermächtigung immer noch nicht, man verspricht sie mir von einem Monat auf den andern aber immer vergebens. […] Wir haben immer noch gezögert zu schreiben, denn wir glaubten die Handelsermächtigung zu bekommen. Jetzt befinden wir uns in großer Not. Meine Kinder brauchen Schuhe u. Mäntel, von uns gar keine Rede.21 Erst am 4. Dezember1946 konnte B. der „Esra“ berichten, dass die Handelsermächtigung eingetroffen sei.

Jüdische Religionsangehörige mit deutschem Pass mussten zudem belegen, dass sie „gute“ Deutsche waren und nicht kollaboriert hatten. So stellte die „Esra“ dem jüdischen Verfolgten Elias R. die Bescheinigung aus, er sei connu comme une personne honorable. Er habe das Land 1940 verlassen müssen und sei in Frankreich in verschiedenen Lagern festgehalten worden, bevor er nach der Schweiz habe flüchten können: Il n’a jamais participé à une collaboration anti-patriotique. Die Esra musste somit bestätigen, dass jüdische Deutsche nicht mit dem NS-Regime kollaboriert hatten. Das Beispiel zeigt, dass die staatliche Verwaltung nicht zwischen deutschen Tätern und deutschen Opfern unterschied und wirft ein Licht auf ihre Haltung gegenüber der Shoah.22

2.2  Jüdische Selbsthilfe

Angesichts dieser Haltung der luxemburgischen Behörden ist es wenig erstaunlich, dass es bei der ersten Zusammenkunft zwecks Wiederaufbaus der jüdischen Gemeinde nach dem Krieg vor allem um Rechtsfragen ging. Am 10. Mai, so hieß ← 226 | 227 → es im Versammlungsbericht, hatte im Café des Casemates eine Zusammenkunft stattgefunden, um das religiöse Leben in Luxemburg wieder einzuführen. Es waren über 30 Personen anwesend und es wurde ein provisorisches Konsistorium gebildet. […] Der neue Vorstand nimmt sich zur Aufgabe allen Mitgliedern mit Rat und Tat beizustehen damit dieselben alle wieder in ihre früheren Rechte kommen mögen. Es wird beschlossen, einen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen […].23 Das provisorische Konsistorium unter Präsident Cerf Israel übernahm auch die Funktionen der früheren „Esra“.

Bereits in den Jahren nach Hitlers Machtergreifung waren in Luxemburg verschiedene Organisationen aktiv geworden, um Juden und Jüdinnen zu helfen, die als Flüchtlinge in Luxemburg angekommen waren. Hervorzuheben sind hier die „Ligue des droits de l’homme et du citoyen“, in der der radikale Abgeordnete Paul Flesch aktiv war24, sowie einzelne Rechtsanwälte, besonders der Abgeordnete der Arbeiter-Partei Victor Bodson. Die wichtigste Rolle spielte aber die in der Synagoge untergebrachte jüdische Hilfsorganisation „Esra“.25 Sie unterhielt Filialen in Esch und Ettelbrück und wurde auch von jüdischen Frauenvereinen unterstützt.

Diese Art von Selbsthilfe war nicht erst durch die Verfolgung in den Dreißigerjahren entstanden. Jüdische Hilfsorganisationen waren in Europa und den USA bereits als Reaktion auf die Pogrome in Osteuropa im 19. Jahrhundert sowie beim Aufbau der jüdischen Siedlungen in Palästina entstanden. Der Gedanke der Solidarität zwischen jüdischen Glaubensangehörigen war in der religiösen Praxis des Judentums verwurzelt. Die „Esra“ unterstützte aber nicht nur die in Not geratenen exilierten Juden und Jüdinnen finanziell, sondern versuchte auch, deren Abschiebung zu verhindern, indem sie direkt mit dem Justizministerium Kontakt aufnahm. Damit hatte sie in einer Reihe von Fällen Erfolg.

Die „Esra“ nahm nach dem Krieg sofort ihre Aktivitäten wieder auf. Das ist aus mehreren Gründen nicht verwunderlich. Während die staatlichen Stellen oft eher hinderlich als helfend tätig gewesen zu sein scheinen, wurden die ausländischen Rückkehrerinnen und Rückkehrer von anderen Hilfsorganisationen zurückgewiesen – das war zum Beispiel bei der „Oeuvre Grande-Duchesse Charlotte“ der ← 227 | 228 → Fall. So hieß es 1950 auf eine Bitte der „Esra“ um Unterstützung für Frau K.: À notre très grand regret il nous est impossible d’intervenir en faveur de cette dame nécessiteuse, vu que notre Oeuvre a été instituée pour venir en aide aux victimes de la guerre de nationalité luxembourgeoise.26

In den Karteikarten von Hilfsempfängerinnen und -empfängern der „Esra“, die im Nationalarchiv erhalten sind, erkennt man, dass es neben den nach 1933 aus Deutschland geflüchteten Jüdinnen und Juden durchaus auch eingesessene Glaubensangehörige gab, die bei ihrer Rückkehr auf diese Hilfe angewiesen waren.27 Émile G., war 1922 in Differdingen zur Welt gekommen; das verhinderte nicht, dass auf der Karteikarte als Staatsangehörigkeit Apatride, d’origine russe eingetragen wurde. Émile G. war ein Auschwitz-Überlebender, der nach dem Krieg wieder in seine Heimatgemeinde zurückgekehrt war. Er erhielt von der „Esra“ einen Zuschuss zu seinem Einkommen. Die in Esch-Alzette geborene Luxemburgerin Camille B., deren Mann das KZ nicht überlebt hatte, hatte überhaupt kein eigenes Einkommen und war mit ihren beiden Söhnen auf Hilfe angewiesen. Hélène P. dagegen war, wie viele, polnischer Nationalität, ihre vier Kinder waren aber bereits in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in Luxemburg zur Welt gekommen. Sie wurde während fast zwei Jahren mit vergleichsweise hohen Beträgen von der „Esra“ unterstützt, die auch die Matzoh, das ungesäuerte Brot für das jüdische Osterfest, finanzierte.

Es entsteht sowohl für die Vor- als für die Nachkriegszeit der Eindruck, dass die Existenz der „Esra“ dem luxemburgischen Staat in gewisser Weise willkommen war, da sie eine Reihe von jüdischen Familien selbst betreute und mit eigenem Geld unterstützte.28

3.  „Epuration29

Die im Exil erlassene großherzogliche Anordnung vom 14. Juli 1943, die die Bestimmungen des Strafgesetzbuches hinsichtlich der Verbrechen und Vergehen gegen die äußere Sicherheit des Staates erweiterte, sah keinen spezifischen Tatbestand ← 228 | 229 → der Verfolgung von Juden vor.30 Genauso wenig war bei der von der Regierung durchgeführten „Epuration“, die sofort nach Kriegsende begann, jüdische Verfolgung ein zentrales Element.31 Im Bereich der wirtschaftlichen „Epuration“ wurden zwar eine Reihe von „Arisierungen“ von jüdischen Geschäften behandelt, ohne dass aber die spezifischen nationalsozialistischen Judengesetze präzise genannt wurden. So sprach man im Fall der Übernahme von Geschäft und Waren des Schuhhändlers Joseph C. aus Ettelbruck von freiwilliger Teilnahme der Schuldigen à l’exécution des mesures irrégulières prises par l’ennemi.32 Im Fall Johann U., der als deutscher Spion die belgische Hilfsorganisation Degreef unterwandert hatte, welche jüdische Flüchtlinge nach dem unbesetzten Frankreich schleuste, lautete die Standard-Anklage: in Kriegszeiten freiwillig die Treue der Bürger zur Herrscherin und zum Staat erschüttert und freiwillig der Politik und den Zielen des Feindes gedient zu haben.

Auf der Ebene der administrativen „Epuration“, die den öffentlichen Dienst betraf, wurde die spezifisch jüdische Verfolgung noch weit weniger thematisiert. In den von den Beamtinnen und Beamten auszufüllenden Formularen wurde vor allem die Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Organisationen, das Tragen von Uniformen oder Orden oder die Beteiligung an Demonstrationen angesprochen.

Die Frage, wie sich die Beamtinnen und Beamten gegenüber der Frage der jüdischen Verfolgung verhalten hatten, wurde dagegen gar nicht gestellt. Dies zeigt auch das Beispiel der „Epurations“-Akte von Louis Simmer.33 Simmer war bei Kriegsbeginn Mitglied der „Landesverwaltungskommission“ geworden und hatte darin das Amt des Regierungsrates für das Unterrichtswesen innegehabt; er war also verantwortlich für die Umsetzung der Bestimmung gewesen, dass jüdische Schulkinder sowie Lehrerinnen und Lehrer aus den öffentlichen Schulen verbannt werden sollten. Der Generalkommissar für Verwaltungs-„Epuration“ Robert Als hielt in seinem Beschluss vom 20. Juni 1946 fest, Simmer habe unter dem ← 229 | 230 → zunehmenden Druck des Eroberers eine Reihe von concessions graves gemacht, qui dans leur ensemble sont imcompatibles avec la dignité d’un Conseiller de Gouvernement. So sei von Kreisleiter Diehl, der zuständig für die Verwaltung des Primärschulunterrichts war, eine Serie von mit Simmers Namen unterschriebenen Rundschreiben an das Schulpersonal verbreitet worden, deren wesentliche Auszüge folgende seien:

24. Oktober 1940: Die weltlichen Lehrer und Lehrerinnen aller Schulordnungen sind auf Anordnung des Chefs der Zivilverwaltung verpflichtet, an den gewöhnlichen Schulungsabenden teilzunehmen.

5.11.1940: Im Nachtrag zu meiner Verfügung vom 24.10.1940 bestimme ich auf Anweisung des Chefs der Zivilverwaltung, dass die weltlichen Lehrkräfte aller Schularten nicht allein an den wöchentlichen Schulungsabenden der Volksdeutschen Bewegung, sondern auch an den übrigen politischen Veranstaltungen ihrer Ortsgruppe teilzunehmen haben.

25.10.1940: Alle Bücher in französischer Sprache sowie Bücher jüdischer und pazifistischer Schriftsteller sind aus den Büchereien zu entfernen und sicherzustellen.

7.11.1940: Gemäss meinem Schreiben vom 29.10.1940 sind jüdische Kinder zum Besuch des Unterrichtes an öffentlichen und privaten Schulen aller Schulgattungen nicht mehr zugelassen. In Ergänzung zu diesem Schreiben wird mitgeteilt, dass Fälle von Mischlingen besonders zu melden sind, mit Angabe ob das Kind von einem, zwei oder drei der Rasse nach volljüdischen Grosseltern abstammt.

20.11.1940: Laut Anweisung des Chefs der Zivilverwaltung vom 18.11.1940 muss erwartet werden, dass für alle Schulgebäude Hackenkreuzfahnen [sic!] zur Verfügung stehen.

Die Einschätzung des Generalkommissars für Verwaltungs-„Epuration“ war, que les deux premières circulaires semblent particulièrement graves. Denn diese Rundschreiben, die zur Teilnahme an politischen Manifestationen aufforderten und die augenscheinlich von einem „chef luxembourgeois“ stammten, hätten Mitglieder des Schulpersonals sur la pente des concessions dangereuses mitreißen können. Insgesamt erschienen die Rundschreiben Als aber als plus graves par leur accumulation et par leur influence possible sur le personnel enseignant. Man müsse Simmer jedoch eine irréprochable attitude intérieure zugestehen sowie die Dienste anrechnen, die er dem Schulpersonal später habe leisten können. Der Generalkommissar für Verwaltungs-„Epuration“ setzte schließlich die Sank­tion, die aus der Rüge folgte, auf einen Monat Lohnausfall fest. Das ebenfalls zur Liste gehörende Rundschreiben, das die Maßnahme gegen die jüdischen Schulkinder beinhaltete, erörterte er gar nicht. Als nahm also vor allem Anstoß an Simmers Zustimmung zur Indoktrinierung des Schulpersonals, während er die antisemitisch ← 230 | 231 → motivierte Maßnahme gegen die jüdischen Schulkinder gar nicht erst einzeln bewertete. Das Beispiel zeigt, dass der „Epurations“-Kommissar selbst entweder die Tragweite dieser Maßnahme nicht erfasste, oder gar die Judenverfolgung nicht als strafwürdiges Vergehen einschätzte. Wie anders sind sonst die milde Sanktion sowie das Absehen von einer Strafverfolgung zu erklären?

In den Dossiers der „Epuration“ finden sich auch einige seltene Fälle, in denen die Frage der Judenverfolgung und -vernichtung explizit aufgeworfen wurde. Am 1. Juli 1945 verfasste der Gendarm Jean-Pierre S. einen Polizeibericht in eigener Sache an den Chef der Luxemburger Gendarmerie-Kompagnie, unter dem Titel „Betrifft Erschiessungen von Juden während der Dienstverpflichtung in den angegliederten Gebieten“. Der Gendarm schilderte, wie er als Gendarmeriemeister in Polen auf Order eines deutschen Amtskommissars die Erschießung von vier bis fünf Männern und einer Frau befohlen habe, die aus einem KZ geflohen waren und sich in einem Erdloch versteckt hatten. Diese Personen, so hieß es in dem Bericht, erklärten in schlechtem Deutsch, sie seien Juden und vor einigen Monaten aus dem Konzentrationslager geflüchtet. Der Amtskommissar habe befohlen, auf Anordnung der Gestapo seien diese Juden, die nachweislich Banditen seien, sofort an Ort und Stelle zu erschießen. Der Anordnung der Gestapo, schrieb der Gendarm, […] musste ich gehorchen. Ich gab deshalb den Gendarmen, welche die Arbeit der Juden überwachten, Kenntnis von dem Befehle. Das Leben dieser Juden zu retten war für mich unmöglich. Er selbst habe es nicht fertig gebracht, einen dieser Juden zu erschiessen und feuerte aus diesem Grunde eine Garbe mit meiner Maschinenpistole in eine Ecke des Loches.34

Dieser Bericht war der einzige Fall einer Selbstbezichtigung, der in den bislang gesichteten Akten zu finden war. Aus ihm geht ein deutliches Unrechtsbewusstsein gegenüber den Judenverfolgungen hervor, auch wenn der Autor nach Gründen suchte (angebliche strafbare Handlungen der Opfer), um die Tat zu rechtfertigen. Sein Dienstoberer, der Gendarmerie-Chef, reichte den Bericht kommentarlos und pour information an den Staatsanwalt. Dieser wiederum gab ihn am 12.7.1945 an das „Office national pour la répression des crimes de guerre“ weiter mit der Bemerkung: Comme il ne s’agit pas de crime commis ni dans le Grand-Duché ni envers des ressortissants luxembourgeois, il y aurait lieu de saisir les autorités alliées resp. ‚l’United War Crimes Commission‘ de cette affaire. Die Akte enthält keine weiteren Einträge.35 ← 231 | 232 →

4.  Entschädigungspolitik

Diese Politik des regelrechten Ausblendens der Shoah, die in den gesetzlichen Grundlagen und in der Ausführungspraxis der „Epuration“ sichtbar wird, zeigte sich auch in der bereits während des Krieges entwickelten Entschädigungspolitik.

4.1  Das Kriegsschäden-Gesetz von 195036

Das luxemburgische Kriegsschäden-Gesetz von 1950 sah individuelle Entschädigungen an materiell oder physisch Kriegsgeschädigte sowie an Personen vor, die aufgrund ihrer patriotischen Haltung Einkommenseinbußen erlitten hatten. Zu letzteren wurden Personen gerechnet, die aufgrund dieser Haltung ins Konzen­trationslager gekommen waren, die ihrer Funktionen enthoben oder mit Berufsverbot belegt worden waren, sowie die freiwilligen Kombattanten in den alliierten Armeen oder die Widerständlerinnen und Widerständler, die sich versteckt hatten oder flüchten mussten.

Im ursprünglichen Gesetzentwurf, der auf der Annahme beruhte, dass nicht genügend Geld für eine breit ansetzende Entschädigungspolitik vorhanden sei, hatte die Regierung bereits verschiedene Prämissen gesetzt:

  1. Entschädigungen im Prinzip nur für Personen mit Luxemburger Staatsbürgerschaft;
  2. Entschädigungen nur für materielle oder physische, nicht moralische Schäden;
  3. Wiedererstattung ausgefallener Einkommen nur für luxemburgische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die aufgrund eines Widerstandsaktes ins Konzentrationslager gekommen oder andere Sanktionen erlitten hatten;
  4. Opfer spezifisch nationalsozialistischer Verfolgung sollten nicht entschädigt werden. Als große Ausnahme von diesem Prinzip war eine einmalige Entschädigungszahlung an die Zwangsrekrutierten und Refraktäre geplant.

4.2  Die parlamentarische Debatte

Auch der Staatsrat erwähnte in seinem Gutachten die Gruppe der aufgrund rassistischer oder religiöser Motive Verfolgten nicht. In der Abgeordnetenkammer waren derweil die Zwangsrekrutierten das vorrangige Thema. Daneben kam jedoch kam auch die Judenverfolgung zur Sprache. Hier ein Ausschnitt aus einer kurzen Auseinandersetzung: M. Fohrmann: De Projet geseit bestëmmt Kategorie ← 232 | 233 → vir, de‘ vun der Entschiedegong ganz ausgeschalt solle gin, mä de‘ onser Mênong no ower och enner de Begreff vun enger mesure politique de l’ennemi falen. Do denke mer un e’schter Stell z. B. un d’Judden. De Projet seet z.B. Folgendes: De’je’neg, de‘ aus rasseschen Ursachen vum Preiss geholl go’wen, an enner him gelidden hun, oder de‘ we’nt hirer Zugehöregkêt zu irgendenger Partei verhaft a verschlêft go‘wen, ge’wen net entschiedegt. Berichterstatter Tony Biever warf ein, dass sie durchaus entschädigt würden, wenn ein Widerstandsakt vorliege.37 Daraufhin erwiderte Fohrmann: Da soen ech iech dat hei, Här Rapporteir, dass e Judd, dén den 10. Mê 1940 geholl go‘f, keng Resistenz mâche konnt, well hien net me‘ hei war.38

Fohrmanns Stellungnahme war eine Fürsprache für jüdische und andere NS-Verfolgte. Der Abgeordnete der „Luxemburger Sozialistische Arbeiterpartei“ (LSAP) betonte zunächst, dass Mitglieder bestimmter verfolgter Gruppen gar nicht widerständig werden konnten, weil sie entweder die Flucht hatten ergreifen müssen oder deportiert worden waren. Es ging ihm aber auch darum aufzuzeigen, dass die Logik des Gesetzentwurfs bestimmte Gruppen von vorneherein ausgrenzte, weil ihre Verfolgung nicht als politisch motiviert dargestellt werde.

Im Verlauf der Diskussionen, die sich bis 1949 hinzogen, wurde deutlich, dass die LSAP die Kriterien für die Vergabe von Entschädigungen für Einkommens-Ausfall auf eine Reihe von Opfergruppen ausdehnen wollte: vor allem die Zwangsrekrutierten in Wehrmacht und RAD, aber auch Personen, die aufgrund von Parteimitgliedschaft oder Religionsangehörigkeit verfolgt worden waren (damit waren implizit wohl vor allem jüdische Glaubensangehörige gemeint), oder aber ← 233 | 234 → solche, die Sanktionen wie etwa eine Dienstverpflichtung erlitten hatten. Ähnlich argumentierte auch die „Kommunistische Partei Luxemburg“ (KPL).

Dagegen kam für die Regierungsparteien „Christlich-Soziale Volkspartei“ (CSV) und „Groupement patriotique“ (aus dem später die „Demokratische Partei“, DP) wurde) eine Ausweitung der Kriterien nicht in Frage. Von ihrer Seite ging auch kein Sprecher auf Aspekte der Religionsangehörigkeit ein – mit Ausnahme des CSV-Abgeordneten Nicolas Jacoby, allerdings aus einer völlig anderen Perspektive. Jacoby war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg mehrfach wegen xenophober und antisemitischer Äußerungen aufgefallen.39 In der Debatte zum Kriegsschäden-Gesetz kündigte Jacoby an, er werde in zweiter Lesung gegen den Gesetzentwurf stimmen, und zwar wegen der Bestimmung, dass Personen, die verurteilt worden waren, weil sie sich während des Krieges am enteigneten, sogenannten „Juden- und Emigrantenbesitz“ bereichert hatten, von Entschädigungen ausgeschlossen wurden.40 Trotz des Hinweises des Berichterstatters Tony Biever, dass es um Personen ginge, die gerichtlich für ein Vergehen bestraft worden seien, fand der Abgeordnete Jacoby die Maßnahme ungerecht, denn die Betroffenen seien bereits im Krieg von den Nationalsozialisten belangt worden und hätten nach dem Krieg nochmals zahlen müssen. Nur Pierre Grégoire distanzierte sich in der Frage der zu entschädigenden Gruppen vom Projekt und erwähnte dabei explizit auch die rassisch Verfolgten.41

Dass auch in den Abgeordnetenkreisen ein gewisser Antisemitismus wirkte, zeigt ein Zwischenruf während der eben zitierten Rede Fohrmanns von 1948. Der sozialistische Abgeordnete führte aus, dass es Juden und Jüdinnen nicht möglich war, ihre patriotische Haltung zu beweisen: Ên, dén 1940 geholl ass gin, kann elo net de Beweis brengen, datt hien e gudde Resistenzler gi wär. En huet d’Hänn gebonne kritt an en ass fortgeschlêft gin. Virum Krich wore schliesslech d’Judden grad eso‘ gutt Letzeburger ew‘ mir. Worauf sein Parteikollege Nic. Biever einwarf: ← 234 | 235 → Se woren allegur gutt Judden, och scho virum Krich. Der Kammerbericht vermerkt als Reaktion im Saal Hilarité.42

Wie oben erläutert, war das Gesetz allein für die „eigenen“ Staatsangehörigen gedacht. Sonderregelungen sah man lediglich in solchen Fällen vor, in denen Ausländerinnen und Ausländer, die seit 1930 in Luxemburg gewohnt hatten, dem Land besondere Dienste erwiesen hatten. Kurz vor dem Krieg verfügten allerdings 74,3 Prozent der jüdischen Minderheit nicht über die luxemburgische Staatsbürgerschaft.43 Dieses nationale Kriterium war nicht ungewöhnlich: In Belgien, wo der nicht-belgische Anteil über 90 Prozent ausmachte, spielte die Staatsbürger-Regelung ebenfalls eine entscheidende Rolle.44

Die Zwangsrekrutierten waren die einzige Opfergruppe, die erwähnt wurde. Die Verfolgung von Juden war im Luxemburger Gesetz von 1950 nur relevant, wenn sie als Konsequenz eines patriotischen Aktes erfolgt war. Die Gesetzesvorlage diskriminierte somit jüdische Opfer von Krieg und Verfolgung in zweifacher Hinsicht: Sie ließ das Kriterium einer spezifisch auf Juden gerichteten Verfolgung nicht gelten, und sie schloss im Prinzip alle aus, die nicht die luxemburgische Staatsbürgerschaft besaßen.

Der Fokus der Regierung lag vor allem auf dem Wiederaufbau und auf der Belohnung aktiven Widerstands. Die nationalsozialistische Verfolgung versuchte sie so weit wie möglich auszuklammern. Die Gründe hierfür mögen finanzieller oder auch ideologischer Natur gewesen zu sein,45 eventuell orientierte sich die Regierung auch noch an der Kriegsschädenpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Trotzdem sticht aus heutiger Sicht die Nichtberücksichtigung der jüdischen Verfolgten ins Auge: Die Frage drängt sich auf, ob sie aus strategischen Gründen ← 235 | 236 → außen vor gelassen wurden, damit die luxemburgische Regierung nicht auf die Forderungen der Zwangsrekrutierten eingehen musste.

4.3  Der deutsch-luxemburgische Vertrag und seine Folgen

Die wichtigsten Instrumente der europäischen Reparationspolitik waren:

1. das Luxemburger Abkommen zwischen der BRD und Israel von 1952, durch das jüdische Verfolgte, die in Israel lebten, entschädigt und notleidende jüdische Verfolgte außerhalb Israels unterstützt werden sollten;

2. das Londoner Schuldenabkommen von 195346, dessen Hauptzweck die Abgeltung von Teilen der deutschen Vor- und Nachkriegsschulden war und das Rückzahlungen an die an dem Abkommen beteiligten Staaten vorsah. Weitere Forderungen der Siegerstaaten sollten in einem Friedensvertrag geregelt werden, der aber nie zustande kam;

3. das deutsche Bundesentschädigungsgesetz (BEG) von 1953/56, das im Anschluss an das Londoner Abkommen entstand und das auf persönliche Schäden durch rassische, religiöse oder politische Verfolgung abzielte, aber nur auf deutschem Territorium in den Grenzen von 1937.47

Anders als in Luxemburg standen im Land des ehemaligen Aggressors also nicht die Widerstandshandlungen einzelner, sondern die Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime im Mittelpunkt. Die Logik des Ausschlusses der Opfer, der das Luxemburger Kriegsschäden-Gesetz gefolgt war, wurde daneben durch das breitere Bekanntwerden der Shoah sowie durch den Kampf Israels um Wiedergutmachung in Frage gestellt. Die spezifischen Formen der Verfolgung rückten nun stärker in den Fokus der Regierungen. Vor allem aber begann die Kampagne der ehemaligen „Zwangsrekrutierten“, die sich für moralische und materielle Entschädigungen einsetzten. Diese Forderung wurde zu einem Politikum, das alle anderen Fragen in den Hintergrund rücken ließ. ← 236 | 237 →

Der 2009 erschienene „Rapport sur les spoliations“ vermerkt, dass durch das Luxemburger Kriegsschäden-Gesetz von 1950 die jüdischen, wie alle anderen aufgrund rassischer, religiöser oder weltanschaulicher Motive Verfolgten von einem Teil der Entschädigungen ausgeschlossen waren. Weiter heißt es dann zu dieser Problematik: Cette situation fut redressée par la conclusion du traité germano-luxembourgeois du 11 juillet 1959.48 Dies ist m. E. eine verkürzte Darstellung, denn nicht die Luxemburger Regierung erweiterte ihre Kriterien gegenüber den Entschädigungsberechtigten, sondern diese wurden von Deutschland in der Logik des „Überleitungsvertrags“ und des Londoner Schuldenabkommens festgelegt. Weil diese Verträge keine bilateralen Entschädigungsregelungen erlaubten, die auf neuen, noch zu schaffenden Gesetzen beruhen würden, musste sich der 1959 zustande kommende deutsch-luxemburgische Vertrag auf das BEG beziehen, das rassische, religiöse und politische Verfolgung behandelte, sowie, was die Zwangsrekrutierten anging, auf das Bundesversorgungsgesetz (BVG) von 1950.49

Die Luxemburger Regierung wurde dabei gezwungen, den Vergabekriterien von BEG und BVG zu folgen. Dies wird deutlich bei der Stellungnahme des jungen liberalen Abgeordneten Gaston Thorn, der bei der Parlamentsdebatte von 1961 zur Ratifizierung des Vertrags Berichterstatter zum entsprechenden Gesetzentwurf war. Thorn spielte darin auf die Frage der Entschädigung der Zwangsrekrutierten an: Au fond quoi de plus normal que dans cette législation, on n’ait pas tenu compte d’une certaine catégorie de victimes ou qu’on ne les ait pas classifiées comme il se devait, alors que cette catégorie de victimes, telle qu’elle existe chez nous ou ailleurs, n’existait pas en Allemagne. Eine erneute Diskussion der im BEG bzw. im BVG gesetzten Personenkategorien von „Opfern des Nationalsozialismus“ und „Kriegsopfern“ sei aber durch den Londoner Vertrag ausdrücklich verboten gewesen.50 Jedoch, fügte der Berichterstatter hinzu, seien diese Kategorien nicht wirklich entscheidend: Les classifications des nationaux […] dépendent uniquement de l’état national ou alors du traité de paix conclu entre toutes les parties. La classification ← 237 | 238 → des enrôlés de force luxembourgeois dépend donc uniquement, devant l’histoire, de la classification qu’on leur donne ici sur la base d’une loi luxembourgeoise.51

Und er fügte zur Nutzung der im Vertrag vorgesehenen Entschädigung von 18 Millionen DM hinzu, die deutsche Entschädigung mache ein Siebtel der vom Luxemburger Staat bereits vorgestreckten Zahlungen aus: Sauf pour une faible part à distribuer à certains qui ne répondaient pas aux conditions de l’ancienne loi luxembourgeoise sur les dommages de guerre,52 mais qui répondent maintenant aux conditions de la présente loi,53 donc sauf pour une très faible part […], la grande majorité de ce montant reviendra donc à l’État subrogé en droit, c.à.d. à la communauté nationale.

Das Gesetz zur Ratifizierung des deutsch-luxemburgischen Vertrages54 blieb auf der Linie des Gesetzes von 1950, das eine Entschädigung prinzipiell nur für Personen Luxemburger Nationalität vorsah.55 Dies betonte die Regierung noch 1963 ausdrücklich in der Antwort auf eine Anfrage des „Verbandes Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen“, wie Luxemburg die Bestimmungen des deutsch-luxemburgischen Vertrages anwende. ← 238 | 239 →56

Tabelle 2:  Motive und Zielgruppen der Entschädigungsgesetze

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Im Gefolge der Ratifizierung kam es jedoch zu mehreren Gesetzesentwürfen, um die zu entschädigenden Opfergruppen neu zu definieren. Erst im Gesetz von 1967 wurden die Zielgruppen des Kriegsschäden-Gesetzes von 1950 – jedoch nur, was die Anrechnung der Kriegsjahre für die Berechnung der Rente betraf – auf jene Menschen ausgedehnt, die wegen ihrer patriotischen Gesinnung, ihrer religiösen Zugehörigkeit oder aus rassistischen Motiven verfolgt worden waren, ebenso auf Ausländerinnen und Ausländer sowie Staatenlose (Tab. 2).57 Dagegen wurde den jüdischen Opfern, im Gegensatz zu den Zwangsrekrutierten, keine Gleichstellung mit den Widerständlerinnen und Widerständlern zuerkannt, was die Entschädigung körperlicher Schäden anging.58 ← 239 | 240 →

5.  Erinnern und Gedenken

In der Phase der Diskussion um die Umsetzung des 1959 unterschriebenen deutsch-luxemburgischen Wiedergutmachungsvertrags entwickelte sich der Kampf der Zwangsrekrutierten um Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Rahmen richtete die „Association des parents des déportés militaires luxembourgeois“ am 12. September 1960 einen scharf formulierten Brief an den Luxemburger Außenminister Eugène Schaus (DP). Darin hieß es zum geplanten Vertrag, dieser habe seinen Namen nicht verdient: [L]e Traité qu’il désigne ne répare en aucune façon le pire crime du régime nazi, l’enrôlement de force de notre jeunesse.59 In einem der Anträge, die im Parlament zur Frage der Umsetzung des Vertrages an die Regierung gerichtet wurden, sprach man auf kommunistischer Seite vom ‚génocide‘ seitens Hitlerdeutschlands gegenüber dem luxemburgischen Volke.60

Man kann sich angesichts dieser Terminologie fragen, inwieweit Anfang der Sechzigerjahre in der Luxemburger Gesellschaft bereits eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Shoah stattgefunden hatte. Wahrscheinlich ist, dass eine solche auch in dieser Phase – trotz des international Aufsehen erregenden Eichmann-Prozesses 1961–1962 – von der Zwangsrekrutierten-Diskussion ausgeblendet wurde. Dass auch in der Luxemburger Gesellschaft die beschriebene Ausklammerungspolitik praktiziert wurde, darauf lässt zumindest auch ein Blick auf die Nachkriegsliteratur in Luxemburg schließen.

Die im Jahr 1987 von Jul Christophory veröffentlichte „Radioscopie“ gibt einen Überblick über die zum Thema des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Nachkriegsliteratur.61 Christophorys an sich interessante Übung versäumt es zwar, sich aufdrängende Fragen über die Ausrichtung der Luxemburger Kriegsdarstellungen zu stellen und auf sprechende Lücken hinzuweisen, zeigt aber auf, dass die Luxemburger Nachkriegsliteratur von Augenzeugenberichten aus dem Widerstand, der Verfolgung, Deportation und Umsiedlung nicht-jüdischer Opfer sowie der Zwangsrekrutierung dominiert wurde. In den lokalen Darstellungen des Lebens unter der Okkupation wurde die jüdische Verfolgung höchstens beiläufig erwähnt, während nicht-jüdische Deportation, Zwangsrekrutierung und Umsiedlung im ← 240 | 241 → Vordergrund standen, wie etwa in der Broschüre „Ettelbruck sous l’Occupation 1940–1945“.62

Bei den Augenzeugenberichten zur Deportation oder Gefangenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Vor allem aber in den Berichten über die Zwangsrekrutierung in die Wehrmacht und die damit verbundene Teilnahme am Krieg im Osten, die auch die gezielte Ermordung von Juden und Jüdinnen beinhalten konnte, wurde das Thema Judenverfolgung und –vernichtung ausgeklammert. Der Fokus lag auf den Demütigungen durch das deutsche Kommando, den Härten des Krieges oder den Fluchtversuchen, wie zum Beispiel in „Dâper Jongen. Eng Erzielung aus dem schrecklechsten vun alle Kricher“.63

Eine Ausnahme bildet der Augenzeugenbericht zum KZ-Lagerleben des bereits erwähnten sozialistischen Abgeordneten Jängi Fohrmann, der selbst im Konzentrationslager Groß-Rosen inhaftiert gewesen war. Auch hier gibt es keine Positionierung zur spezifischen Judenverfolgung, allerdings offenbart die Veröffentlichung – neben der Erläuterung des KZ-Systems und einer um Realitätstreue bemühten Darstellung – Einblicke in die Sichtweise der nicht-jüdischen auf die jüdischen Häftlinge.64 Während in Auschwitz etwa 90 Prozent der Getöteten jüdisch waren, kamen in anderen Lagern Gefangene verschiedener Kategorien zusammen, sie wurden nach dem bekannten System der Winkel gekennzeichnet. In Fohrmanns Darstellung der Kategorien heißt es zu den jüdischen Gefangenen: Die Juden hatten nicht nur unter der SS, sondern auch unter den Häftlingen selbst viel zu leiden. Da, wo sie trotzdem in leitende Stellung kamen, vergalten sie Gleiches mit Gleichem, was natürlich nicht geeignet war, das Verhältnis zu bessern. Auch sie hatten Hang zur Sektiererei, d.h. sie kannten in ihrer Hilfsbereitschaft nur Rassen- und Religionsbrüder und es kam in vielen Lagern zu gespannten Verhältnissen zwischen Juden und anderen Häftlingen. Die Schuld lag aber nicht zuletzt bei jenen, die bei jeder Gelegenheit mit ‚Saujud‘, ‚Judenschwein‘ und ähnlichen Ausdrücken um sich warfen, wohl wissend, dass die SS dies gerne hörte und ihrem Treiben keinen Einhalt gebot.65

Fohrmann berichtete dann, dass es im KZ Gross-Rosen in Schlesien in der Gruppe der Neuankömmlinge, zu der er gehörte, auch Juden gab: Auch zwei Juden haben wir bei uns. Sie sind uns Blitzableiter. Bei jeder Gelegenheit heißt es ‚Die 2 ← 241 | 242 → Juden vortreten‘. Wir möchten nicht in die Details gehen, aber die beiden haben viel zu leiden. Der eine ist nach ein paar Wochen gestorben, während der andere ins Krankenrevier kam. Was aus ihm geworden ist, wissen wir nicht. Fohrmann stellte die gesellschaftliche Segregation zwischen jüdischen und nichtjüdischen Personen, die sich im KZ reproduzierte, nicht in Frage, die beiden von ihm dargestellten Juden blieben anonym und fremd. Aber er thematisierte zumindest, teilweise auch selbstkritisch, die Beziehung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deportierten. Möglicherweise trug sein Einsatz für jüdische Opfer als Abgeordneter in der Frage der Entschädigungen dieser Erfahrung Rechnung.

Eine völlig andere Einstellung verrät das Kriegstagebuch des Arztes Franz Delvaux von 1946.66 Das Buch stützte sich wohl auf Tagebucheintragungen, doch wurde es insbesondere in seinen ersten Kapiteln später überarbeitet oder durch rückblickende Passagen ergänzt. Der Autor verteidigte auch 1945 noch seinen früheren Standpunkt. Delvaux machte kein Hehl aus seiner demokratiekritischen, antimodernen Haltung und trat für die Thesen J.B. Eschs zur „berufsständischen Ordnung“ ein.67 Er verlangte aber auch, daß die Prinzipien des Arbeitsdienstes von uns übernommen […] werden. […] Auch drängt sich nach dem Kriege eine menschliche Lösung der Judenfrage auf. Die Juden, denen, bei beschränkter Zahl, das Verweilen in unserer Mitte nach dem Kriege noch gestattet würde, müßten sich jedenfalls anderer Geschäftspraktiken befleißigen und dürften nicht mehr die Nimmersatten herauskehren wie vor dem Kriege.68

Delvaux‘ antisemitische Grundhaltung wurde von einem Liebäugeln mit nationalsozialistischem Gedankengut begleitet. So fand er, daß der Nationalsozialismus, theoretisch genommen, eine Weltanschauung darstellt, welche manche schöne Seite aufzuzeigen hat und geeignet ist, von einer hohen Warte aus das Leben zu beherrschen und zu regeln. […] Ohne in Einzelheiten eingehen zu wollen, müssen wir eingestehen, daß in Zukunft die ungerechte Macht der Plutokraten gehemmt werden muß, desgleichen der unheimliche und keineswegs verdiente Einfluß des Judentums auf alle wichtigen Lebensvorgänge.

Der Autor nahm also die Positionen des christlich-wirtschaftlichen Antisemitismus der Vorkriegszeit nach dem Krieg eins zu eins wieder auf. Ebenfalls auffallend ist in Delvaux‘ Kriegstagebuch, das die nach Meinung des Autors wichtigen Ereignisse und Entwicklungen darstellt, dass zwar von der Zwangsrekrutierung ← 242 | 243 → und der Umsiedlung geschrieben wird, mit keinem Wort aber von der jüdischen Verfolgung. Dies ist besonders bemerkenswert, weil hier ein Arzt schrieb, der tagtäglich in Kontakt mit der Bevölkerung kam.

Delvaux scheint mit seiner Veröffentlichung einen gewissen Erfolg gehabt haben, denn 1989 erschien auf Initiative des Verlags Borschette eine, abgesehen von einem Vorwort des Herausgebers unveränderte Neuauflage.69 Auch Christophory würdigte den Autor mit einer Heraushebung in seiner Einleitung und lobte les diagnostics empreints d’une sagesse à la fois populaire et philosophique et aiguisés par le don d’observation du praticien François Delvaux.70

Von jüdischer Seite dürfte mit Max Brahms‘ „Action Station Go: Flashes aus dem Tagebuch eines Parachutisten 1940–45“ von 1971 die erste Publikation veröffentlicht worden sein.71 Brahms verwies jedoch nur beiläufig auf die Tätigkeit Albert Nussbaums, der jüdischen Familien aus Luxemburg zur Ausreise nach Übersee verhalf72, ansonsten beschäftigte er sich nicht mit der Judenverfolgung.

Von nicht-jüdischer Seite ist wohl der 1970 erschienene Roman „Als überall die Feuer brannten“ von René Burg der erste, allerdings äußerst ambivalente Versuch einer Thematisierung jüdischer Verfolgung. Erst 1974 erschien mit Paul Cerfs „Longtemps j’aurai mémoire“ die erste explizite, historiografische Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung in Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs. Ein Vierteljahrhundert lang war also die nationalsozialistische Judenverfolgung in Buchveröffentlichungen in und über Luxemburg so gut wie nicht thematisiert worden. ← 243 | 244 →

6.  Bilanz

Während die Exil-Regierung sich für jüdische Flüchtlinge luxemburgischer Nationalität einsetzte, unternahm sie in der Frage der jüdischen Deportierten aus Luxemburg, gleich welcher Nationalität, keine konkreteren Schritte. Die Haltung der ersten Nachkriegsregierungen wiederum zeichnete sich, wie das Beispiel der Entschädigungspolitik verdeutlicht, durch Nichtbeachtung der Opfer von Verfolgung, auch der jüdischen, aus. Die Aspekte der „Epurations“-Politik und des Umgangs mit jüdischen Hilfsbedürftigen zeigen ebenfalls, dass die jüdische Verfolgung kein Kriterium für eine spezifische Behandlung war.

In der Parlamentsdebatte über das Kriegsschäden-Gesetz blendeten die christlich-sozialen und liberalen Regierungsmitglieder und Abgeordneten das Thema aus, während die Versuche einzelner Abgeordneter der Oppositionsparteien, jüdische Verfolgung zu thematisieren, fehlschlugen. Es ist anzunehmen, dass beide Seiten neben ihrer noch aus der Vorkriegszeit herrührenden prinzipiellen Einstellung zum Judentum auch eine strategische Agenda hatten: CSV und DP wollten partout – vielleicht aus finanziellen Gründen oder aus Loyalität gegenüber den Widerständlerinnen und Widerständlern – eine weitergehende Entschädigung der Zwangsrekrutierten verhindern und blockten deshalb eine Diskussion über die Opfergruppen insgesamt ab; LSAP und KP machten sich für die Verfolgten insgesamt stark, weil sie auf die Wählergruppe der Zwangsrekrutierten abzielten, aber auch auf ihre eigenen politisch verfolgten Mitglieder. Selbst die eigene Deportationserfahrung – mehrere Deputierte und Minister waren hier betroffen – sorgte nur in Einzelfällen, wie bei Jängi Fohrmann, für eine erhöhte Sensibilität bei diesem Thema.

Eher als die Ausblendung der jüdischen Opfer in der Nachkriegsgesellschaft selbst herbeizuführen, wie es Lanicek für die Exilregierungen festhält, unterstützte die Haltung der Regierung und des Parlaments m. E. eine aus der Vorkriegszeit herrührende ambivalente Haltung in der Luxemburger Gesellschaft: einerseits den noch dem Gedanken der Aufklärung verhaftete Anspruch auf Gleichheit aller Luxemburger Staatsangehörigen, in dessen Logik eine Hervorhebung der Religionsangehörigkeit als unziemlich erschien, andererseits den latenten gesellschaftlichen Antisemitismus, und schließlich das Ignorieren einer religiösen Minderheit, die zahlenmäßig als „quantité négligeable“ wahrgenommen wurde. Dass die jüdischen Religionsangehörigen oft keinen Luxemburger Pass hatten, verstärkte diese Wahrnehmung in der nationalistisch geprägten Nachkriegszeit weiter.73 ← 244 | 245 →

Neben der Ausblendung der jüdischen Verfolgung war das Kriterium der Staatsbürgerschaft – in Kontinuität zur Politik der Dreißigerjahre – ein wesentlicher Faktor in der Nachkriegspolitik. Seine Wirkungskraft wurde noch dadurch verstärkt, dass der Zugang zur Luxemburger Nationalität durch Einbürgerung ebenfalls in der Vorkriegszeit erschwert worden war.74 Die sich daraus ergebende unterschiedliche rechtliche Behandlung von luxemburgischen und nicht-luxemburgischen Kriegsgeschädigten blieb zunächst unhinterfragt und erfuhr erst in den Sechzigerjahren eine Neubewertung.

Die Frage der Staatsangehörigkeit betraf zudem noch weitere Bereiche, wie das Aufenthaltsrecht von nicht-luxemburgischen Zurückgekehrten, die Berufsausübung oder soziale Unterstützungsmaßnahmen. Die jüdische Minderheit war nicht die einzige, die durch diese Politik der nationalen Bevorzugung getroffen wurde, jedoch war sie spezifisch von der nationalsozialistischen Vertreibungs-, Entnationalisierungs-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen Regimes, visiert gewesen. Diese nationalsozialistische Judenpolitik wurde, obwohl sie auch in Luxemburg in zahlreichen Verordnungen und Maßnahmen der Besatzer sichtbar geworden war, über Parlament und Regierung hinaus fast nicht thematisiert.

Der Umgang von Politik und Mehrheitsgesellschaft mit der Shoah im Nachkriegs-Luxemburg erweist sich so als Illustration einer weiterhin unvollständigen Integration der jüdischen Minderheit in die Nation. Wenn bei den Hürden, die sich dieser Integration in den Weg stellten, allgemein nationalistische und xenophobe Haltungen eine bedeutende Rolle spielten, so erscheint die Ausblendung der nationalsozialistischen Judenpolitik doch symptomatisch: Sie ermöglichte es nicht nur, über den auch in Luxemburg vorhandenen Antisemitismus zu schweigen, sondern ebenso, der jüdischen Minderheit eine geringere nationale Anerkennung als Opfergruppe zukommen zu lassen, als sie die Frauen und Männer erfuhren, die im Widerstand gewesen waren.

Die jüdische Gemeinde ihrerseits bewegte sich weiter im Vorkriegsschema der Selbsthilfe. Möglicherweise, darauf deuten die Gemeindeprotokolle hin, versuchte sie daneben, ihre politischen Anliegen im direkten Gespräch mit Regierungsverantwortlichen zu klären. Unterm Strich saßen die jüdischen Überlebenden in Luxemburg, die selbst in punkto Kriegserfahrungen keinen homogenen Block darstellten, zwischen allen Stühlen: Als Exilierte, Veteranen, Widerständler oder Deportierte fühlten sie sich eigentlich den Resistenz-Gruppen näher als den Zwangsrekrutierten, ← 245 | 246 → deren patriotische Haltung im Krieg manche anzweifelten. Als Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes jedoch wurden Juden und Jüdinnen in der Kategorie der Opfer verortet – dort aber überdeckte die große und immer fordernder auftretende Gruppe der Zwangsrekrutierten alle anderen Opfergruppen.

In einer öffentlichen Diskussion schlug Guy Aach im Dezember 2014 den Begriff des „benign neglect“ zur Beschreibung des Luxemburger Umgangs mit dem Phänomen des Antisemitismus vor.75 Dieser Begriff wurde 1970 im Zusammenhang mit der US-amerikanischen Rassendiskriminierung geprägt und meinte zunächst den temporären Verzicht auf zugespitzte Debatten und Rhethorik, der zu Entspannung und Fortschritten in den Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen führen würde.76 Ob dieser Begriff auch auf den Umgang mit der jüdischen Minderheit in Luxemburg zutrifft, ist eine interessante und weiter zu verfolgende Forschungsperspektive: Auf die Nachkriegszeit in Luxemburg angewandt, könnte damit das Schweigen über das problematische Verhältnis zwischen Staat, Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit als Ausdruck der Hoffnung verstanden werden, dass sich der Konflikt durch konsequentes Ignorieren seiner Existenz von selbst lösen würde.


1 Dieser Artikel beruht auf Recherchen zu einer im Juli 2016 eingereichten Dissertation über die Beziehungen zwischen Staat, Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit in Luxemburg im 19. bis zum 21. Jahrhundert.

2 Archives nationales de Luxembourg (ANLux), AE 07045: Divers, 1944–1945. Verhandlungen um Gefangenenaustausch gab es bereits seit 1943, zum Beispiel zwischen Jugoslawien und Deutschland. Der Wert eines Menschenlebens als Geisel war z. T. auch der Grund dafür, dass nicht alle Juden und Jüdinnen sofort ermordet wurden.

3 Die Zahl von 30.000 beruhte möglicherweise auf einem geheimen Bericht vom 2.10.1942 zur Lage in Luxemburg an die Exil-Regierung, in dem eine deutsche Liste mit 30.000 auszusiedelnden Personen erwähnt wurde. Diese Zahl war aber bereits 1943 wieder in Frage gestellt, als von 900 bereits deportierten Familien die Rede war. ANLux, AE 03999-069, Rapports sur la situation politique et morale, militaire, industrielle et alimentaire du G.-D., 1935–1943, Berichte vom 2.10.1942 und von Januar 1943. Thierry Grosbois gibt für 1944 eine Zahl von 32.000 insgesamt nach Luxemburg rückzuführenden Personen an, die sich aus 21.000 Zivilpersonen und 11.000 Zwangsrekrutierten zusammengesetzt hätten. Grosbois, Thierry, Le gouvernement luxembourgeois en exil face à la persécution et l’extermination des juifs 1939–1945 (2e partie), in: Hémecht 67/3 (2015), S. 279–318, hier S. 295.

4 Zusammenstellung aus: Als, Georges, Effets démographiques et économiques de la seconde guerre mondiale au Luxembourg. Bilan 1940–1973, in: Lëtzeburger Land 28 (1973), S. 3; Statistiques historiques 1839–1989, Luxemburg 1990; Trausch, Gérard, Le bilan démographique de la guerre, in: …et wor alles net esou einfach. Questions sur le Luxembourg et la Deuxième Guerre mondiale (Publications scientifiques du Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg, 10), Luxemburg 2002, S. 274–280; Commission spéciale pour l’étude des spoliations des biens juifs au Luxembourg pendant les années de guerre 1940–1945, La spoliation des biens juifs au Luxembourg 1940–1945. Rapport final, 19. Juni 2009, Luxemburg 2009, URL: http://www.gouvernement.lu/844206/rapport_final.pdf [Stand am 10.7.2016]; Gedenkstättenforum – Rundbrief, URL: http://www.gedenkstaettenforum.de [Stand am 10.7.2016]. Der Statistiker Gérard Trausch schätzt, dass etwa die Hälfte der luxemburgischen jüdischen Glaubensangehörigen durch Verfolgung umgekommen seien. Trausch, Gérard, La mortalité au Luxembourg. 1901–1995 (Cahiers économiques / Statec, 88), Luxemburg 1997, S. 138.

5 Lanicek, Jan, Governments-in-Exile and the Jews during and after the Second World War, in: Lanicek, Jan / Jordan, James (Hg.), Governments-in-Exile and the Jews during the Second World War, London 2013, S. 69–88, hier S. 76.

6 Grosbois, Thierry, Le gouvernement luxembourgeois en exil face à la persécution et l’extermination des juifs 1939–1945 (1ère partie), in: Hémecht 67/2 (2015), S. 155–197; Grosbois, Gouvernement (2) (Anm. 3). Grosbois betont, dass die Luxemburger Exil-Regierung zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Sinne der jüdischen Flüchtlinge aktiv wurde. Er erklärt dies damit, dass die nationalsozialistische Vertreibungspolitik in Luxemburg ebenfalls sehr früh begann, Grosbois, Gouvernement (2) (Anm. 3), S. 307. Auch der Historiker Vincent Artuso stellt in seinem rezenten Bericht die Haltung der Exil-Regierung als engagiert dar. Artuso, Vincent, La „question juive“ au Luxembourg (1933–1941). L’État luxembourgeois face aux persécutions antisémites nazies. Rapport final, Luxemburg 2015, S. 236–237.

7 Grosbois, Gouvernement (1), (Anm. 6), S. 171. Diese Haltung vertrat auch Luxemburgs Gesandter in Frankreich, Antoine Funck, der von Bech beauftragt worden war, die jüdischen LuxemburgerInnen zu unterstützen. Siehe: Barthel, Charles, Au service de l’humanité. Histoire de la Croix-Rouge luxembourgeoise, 1870–1914–2014, Luxemburg 2014, S. 245–246. Artuso zeigt auf, dass die Haltung zur Frage, ob aus Luxemburg stammende jüdische Flüchtlinge ohne Luxemburger Nationalität ebenfalls unterstützt werden sollten, zunächst innerhalb der Regierung nicht einheitlich war, Artuso, Rapport, (Anm. 6), S. 208, 236–237.

8 Vgl. Scuto, Denis, La nationalité luxembourgeoise (XIXe–XXIe siècles), Brüssel 2012, S. 192–212, 275–276; Wagener, Renée, Flüchtlingskrise in den 1930ern (1). „Unerwünschter Zustrom“, in: woxx, 28.12.2015, URL: http://www.woxx.lu/fluechtlingskrise-in-den-1930ern-unerwuenschter-zustrom/ [Stand am 10.7.2016].

9 Ein Beispiel ist die von Grosbois beschriebene Resolution von St. James vom 13.1.1942, Grosbois, Gouvernement (2), (Anm. 3), S. 279–282.

10 Näher behandelt werden Polen, die Tschechoslowakei, Frankreich, Griechenland, Belgien und die Niederlande.

11 Lanicek, Governments-in-Exile (Anm. 5), S. 69–88; Debruyne, Emmanuel, The Belgian Government-in-Exile Facing the Persecution and Extermination of the Jews, in: Governments-in-Exile and the Jews (Anm. 5), S. 197–212; Beyens, Nele, Incomprehension, Fear, Uncertainty and Impotence. The Dutch Government-in-Exile Confronted with the Persecution of the Jews, in: Governments-in-Exile and the Jews (Anm. 5), S. 240–260, hier S. 246, 249.

12 Beyens, Incomprehension (Anm. 11), S. 253–257.

13 Beyens, Incomprehension (Anm. 11), S. 254.

14 Zu den Auseinandersetzungen mit dem WJC, siehe auch Grosbois, Gouvernement (2) (Anm. 3), S. 295.

15 ANLux, FD 261–20: Correspondance échangée avec le „Congrès juif mondial“ et d’autres associations juives concernant les persécutions juives ainsi que liste des Israélites se trouvant à Luxembourg (juin 1945), 1945–1947, Kopie eines Briefes von Pierre Dupong an Henri Cerf vom 6.6.1944.

16 Mehrere Belege in ANLux, J 073–47, Problème des réfugiés en provenance d’Allemagne et des territoires occupés, 1938. Siehe auch den Beitrag von Marc Gloden in diesem Band.

17 Fraser, David / Caestecker, Frank, Jews or Germans? Nationality Legislation and the Restoration of Liberal Democracy in Western Europe after the Holocaust, in: Law and History Review 31/2 (2013), S. 391–422, hier S. 414.

18 Ebenda.

19 „Esra“ bedeutet im Hebräischen „Hilfe“.

20 ANLux, FD 261–16, Demandes d’aide adressées au Comité d’entraide israélite (classées par ordre alphabétique), demandes d’émigration et demandes de renseignements, 1945–1951.

21 ANLux, FD 261–16.

22 ANLux, FD 261–15: Bescheinigung vom 12.10.1946. Vgl. ebenfalls Grosbois, Gouvernement (2) (Anm. 3), S. 298.

23 Archive des Luxemburger Konsistoriums, [Protokolle der jüdischen Gemeinde Luxemburg], 1945, S. 1.

24 ANLux, J 071-42: Expulsions; renvois; interdictions de séjour (C), 1930–1934, Brief von Paul Flesch an Justizminister Norbert Dumont vom 18.8.1931.

25 ANLux, FD 261-15: Demandes d’aide diverses adressées au Comité d’entraide israélite (ESRA) (1945–1952). Die Luxemburger Esra war 1923 gegründet worden. Moyse, Laurent, Du rejet à l’intégration. Histoire des juifs du Luxembourg des origines à nos jours, Luxemburg 2011, S. 169.

26 ANLux, FD 261-16: Demandes d’aide adressées au Comité d’entraide israélite, demandes d’émigration et demandes de renseignements, 1945–1951, Brief der Oeuvre an die Esra vom 4.5.1951.

27 ANLux, FD 261-15.

28 Möglicherweise geschah dies mit der Unterstützung des „American Jewish Joint Distribution Committee“. Vgl. Grosbois, Gouvernement (2) (Anm. 3), S. 312.

29 Der aus dem Französischen stammende Ausdruck, der in Luxemburg durchgängig während der Nachkriegszeit diente, um die so genannten „Säuberungen“ nach dem Zweiten Weltkrieg zu benennen, wird hier als Quellenterminus und in aller gebotenen inhaltlichen Distanz benutzt.

30 Arrêté grand-ducal du 14 juillet 1943 modifiant les dispositions du Code Pénal concernant les crimes et délits contre la sûreté extérieure de l’État, 17. Juli 1943, in: Mémorial A Nr. 3, 1944, S. 24.

31 Arrêté grand-ducal du 30 novembre 1944 autorisant le Gouvernement à procéder à une enquête administrative, in: Mémorial A Nr. 20, 1944, S. 144. Dies war allerdings keine Luxemburger Spezifizität, vgl. van Doorslaer, Rudi, La Belgique docile. Les autorités belges et la persécution des Juifs en Belgique, Bd. 2, o. O. 2007, S. 817–1053.

32 ANLux, EPU 382A: Chefs d’accusation et jugements à l’encontre d’anciens collaborateurs (A-Z), 1951–1954, Sitzungsprotokoll des Kreisgerichts Diekirch vom 7.5.1953, S. [3].

33 ANLux, EPU-027: Enquête administrative sur les responsables (administrations et services), o. J. Urteil vom 21.6.1946.

34 ANLux, Jt 234: Office national pour la recherche des crimes de guerre – Recherche de criminels de guerre; audition de témoins; enquêtes… (1945–1948), Bericht vom 1.7.1945.

35 Ebenda, Br.M. des Generalstaatsanwalts vom 12.7.1945.

36 Loi du 25 février 1950 concernant l’indemnisation des dommages de Guerre, in: Mémorial A Nr. 21, 1950, S. 509–525.

37 Projet de loi concernant l’indemnisation des dommages de guerre, Discussion générale, in: Compte rendu des séances de la Chambre des Députés, Sitzung vom 29.9.1948, S. 229–230.

38 Übersetzung aus dem Luxemburgischen: Das Projekt sieht bestimmte Kategorien vor, die von der Entschädigung ganz ausgeschlossen werden sollen, die aber unserer Meinung nach auch unter den Begriff einer politischen Maßnahme des Feindes fallen. Da denken wir an erster Stelle zum Beispiel an die Juden. Das Projekt sagt zum Beispiel Folgendes: Diejenigen, die aus rassischen Ursachen vom Preußen festgenommen wurden, und unter ihm gelitten haben, oder die wegen ihrer Zugehörigkeit zu irgendeiner Partei verhaftet und verschleppt wurden, würden nicht entschädigt werden. […] Dann sage ich Ihnen dies, Herr Berichterstatter, dass ein Jude, der am 10. Mai 1940 festgenommen wurde, keinen Widerstand machen konnte, weil er nicht mehr hier war. Fohrmann irrte sich, wenn er die nationalsozialistische Verfolgung bereits auf den 10.5.1940 ansetzte, diese erfolgte erst ab Herbst 1940. Jedoch flüchteten viele jüdische Glaubensangehörige bereits im Mai 1940 oder wurden zusammen mit nicht-jüdischen Personen nach Frankreich evakuiert.

39 Siehe etwa sein Plädoyer dafür, den Zustrom ausländischer Juden besonders, deutscher und polnischer zu erschweren und strenger zu überwachen. Compte-rendu des séances de la Chambre des Députés, 18e séance, 31.1.1934, S. 506.

40 Projet de loi concernant l’indemnisation des dommages de guerre, Seconde lecture. Discussion générale, in: Compte rendu des séances de la Chambre des Députés, Sitzung vom 17.1.1950, S. 491.

41 Projet de loi concernant l’indemnisation des dommages de guerre. Continuation de la discussion (Titre II), in: Compte rendu des séances de la Chambre des Députés, Sitzung vom 14.10.1948, S. 460.

42 Übersetzung aus dem Luxemburgischen: Jemand, der 1940 festgenommen wurde, kann jetzt nicht den Beweis bringen, dass er ein guter Widerständler geworden wäre. Er hat die Hände gebunden bekommen und er wurde fortgeschleppt. Vor dem Krieg waren schließlich die Juden genau so gute Luxemburger wie wir. – Sie waren alle gute Juden, auch schon vor dem Krieg, (Gelächter.) Projet de loi concernant l’indemnisation des dommages de guerre, Discussion générale, in: Compte-rendu des séances de la Chambre des Députés, Sitzung vom 14.10.1948, S. 483.

43 Commission, Spoliations (Anm. 4), S. 12. Hier ist zu beachten, worauf auch die Kommission hinwies, dass die Angaben von 1940 auf der rassistischen Definition der Nationalsozialisten beruhten. Ebenda, S. 11.

44 Debruyne, The Belgian Government-in-Exile (Anm. 11), S. 231. Auch hier wurden Opfer rassisch motivierter Verfolgung nicht als “politische Gefangene” anerkannt.

45 Lanicek unterstreicht die Rolle der Widerstandsorganisationen in diesem Prozess auch bei Regierungen anderer Länder. Lanicek, Governments-in-Exile (Anm. 5), S. 76–78.

46 Die Festlegung, dass die Reparationsfrage auf den Abschluss eines Friedensvertrags mit Gesamtdeutschland vertagt werde, wurde vom Schuldenabkommen lediglich fortgeschrieben; sie war bereits im „Überleitungsvertrag“ der Westalliierten mit der BRD aus dem Jahre 1952 enthalten, der 1955 in Kraft trat. Vgl. Bundesgesetzblatt 1955, Nr. 8, 31. März 1955, S. 405–459.

47 Goschler, Constantin, Offene Fragen der Wiedergutmachung, in: König, Helmut / Kohlstruck, Michael / Wöll, Andreas (Hg.), Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts (Leviathan Sonderhefte, 18), ohne Ort 1998, 38–52. Vgl. auch Franz, Norbert, Der deutsch-luxemburgische Vertrag vom 11. Juli 1959 und die westliche Reparationspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, in: … et wor alles net esou einfach (Anm. 4), S. 304–314.

48 Commission, Spoliations (Anm. 4), S. 89.

49 Zur Frage der Entschädigung der Luxemburger Zwangsrekrutierten, siehe Klos, Eva Maria, Die Erinnerung an die Zwangsrekrutierung im Zweiten Weltkrieg im Großherzogtum Luxemburg von 1945 bis heute, in: Tagungsband „Journées d’études internationales. L’incorporation de force dans les territoires annexés au IIIe Reich”, 5.-6. Oktober 2012, o. O. [im Erscheinen].

50 Projet de loi portant approbation 1° du Traité entre le Grand-Duché de Luxembourg et la République fédérale d’Allemagne portant règlement du contentieux luxembourgeois, signé à Luxembourg, le 11 juillet 1959 […]. Rapport de la commission spéciale, 16.5.1961, S. 2302–2318, hier S. 2307.

51 Ebenda, S. 2309.

52 Gemeint ist das Kriegsschädengesetz von 1950 (Anm. 36).

53 Gemeint ist die im Parlament debattierte Ratifizierung des Deutsch-Luxemburger Vertrages (Anm. 49).

54 Der deutsch-luxemburgische Vertrag vom vom 11.7.1959 wurde 1961 ratifiziert. Loi du 19 juin 1961 portant approbation du Traité et de l’Accord relatifs au règlement du contentieux germano-luxembourgeois, signés à Luxembourg, le 11 juillet 1959, in: Mémorial A Nr. 25, 1961, S. 494.

55 Allerdings wollte auch Deutschland in den Verhandlungen um den Vertrag nicht über die Gruppe der Personen hinausgehen, die sowohl zum Zeitpunkt der Verfolgung als zum Zeitpunkt der Wirksamkeit des Gesetzes Luxemburger Nationalität waren. Projet de loi portant approbation 1° du Traité entre le Grand-Duché de Luxembourg et la République fédérale d’Allemagne […], Exposé des motifs, 18. November 1959, in: Compte rendu des séances de la Chambre des députés. Annexes, 1959–60, S. 507–552, hier S. 511.

56 ANLux, AE AE 16099 : Traité entre le Grand-Duché de Luxembourg et la République Fédérale d’Allemagne portant règlement du contentieux germano-luxembourgeois, Luxembourg, le 11 juillet 1959 – Exécution, 1962–1966, Brief des Regierungsbevollmächtigten Pierre Pescatore an Pierre Simonin, Luxemburger Botschafter in der Schweiz, vom 27.2.1963.

57 Loi du 25 février 1967 ayant pour objet diverses mesures en faveur de personnes devenues victimes d´actes illégaux de l´occupant, in: Mémorial A Nr. 12, 1967, S. 111–116.

58 Ebenda, Art. 6.

59 ANLux, AE 13101: Contentieux germano-luxembourgeois – Enrôlés de force, 1960. Unterstr. durch die Autorin.

60 Ebenda, Motion Urbany, Useldinger.

61 Christophory, Jul, Radioscopie de la littérature luxembourgeoise sur la seconde guerre mondiale bibliographie annotée des publications autonomes des quarante dernières années, Luxemburg 1987.

62 Comité de patronage et d’organisation (Ettelbruck), Ettelbruck sous l’occupation, 1940–1945, Ettelbruck 1951.

63 Medernach, Lucien, Dâper Jongen. Eng Erzielong aus dem schrecklechsten vun alle Kricher, Luxemburg 1945.

64 Fohrmann, Jean, K.-Z. Tatsachenberichte aus deutschen Konzentrationslagern, Esch-sur-Alzette 1945, S. 47.

65 Fohrmann, Tatsachenberichte (Anm. 64), S. 17.

66 Delvaux, François, Luxemburg im zweiten Weltkrieg. 1940–1944. Ein Kriegstagebuch, Luxemburg 1946.

67 Delvaux, Luxemburg im zweiten Weltkrieg (Anm. 65), S. 22–23.

68 Delvaux, Luxemburg im zweiten Weltkrieg (Anm. 65), S. 23.

69 Diese neue Edition scheint zudem vom Kulturministerium gefördert worden zu sein, denn ich konnte mir während der „Journées du livre“ bei der Gratis-Verteilung von überschüssigen Büchern in der Nationalbibliothek ein Exemplar aneignen.

70 Christophory, Radioscopie (Anm. 60), S. 22.

71 Brahms, Max, Action Station Go! Flashes aus dem Tagebuch eines Parachutisten, 1940–1945, Luxemburg 1971.

Hier nicht berücksichtigt wurden Tagebücher und Memoiren zum Zweiten Weltkrieg von jüdischen Glaubensangehörigen, die nicht oder im Ausland oder erst später veröffentlicht wurden. So veröffentlichte Karl Schnog 1945 seine Deportationserinnerungen in den USA: Schnog, Karl, Unbekanntes KZ, Washington 1945. Das Merscher Literaturarchiv editierte 2007 das Tagebuch von Hugo Heumann. Heumann, Hugo, Erlebtes – Erlittenes. Von Mönchengladbach über Luxemburg nach Theresienstadt. Tagebuch eines deutsch-jüdischen Emigranten, Mersch 2007.Vgl. ebenfalls: Goetzinger, Germaine u. a., Exilland Luxemburg, 1933–1947, Mersch 2007, S. 250–257.

72 Brahms, Action (Anm. 70), S. 19.

73 1947 stellten die nicht-luxemburgischen jüdischen Glaubensangehörigen 383 von 870 Personen jüdischer Konfession (44 Prozent), 1970 noch 286 von 710 (40 Prozent). Statec, Statistiques historiques 1839–1989, Luxemburg 1990, S. 574.

74 Die erste Reform des Einbürgerungsgesetzes von 1940 fand erst 1968 statt. Siehe Scuto, Nationalité, (Anm. 8), S. 285–290.

75 Podiumsdiskussion über Shoah und Judenverfolgung in der Luxemburger Nachkriegszeit, Walferdange 10.12.2014, organisiert von „MemoShoah“.

76 Er wurde dann aber auch als Verzicht auf praktisches Eingreifen der Verwaltung bei Missständen verstanden. Benign neglect, in: Encyclopedia.com, URL: http://www.encyclopedia.com/topic/Benign_Neglect.aspx [Stand am 10.7.2016].