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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Nationalsprache und nationale Identität. Die Debatten im Vorfeld des Sprachengesetzes (1974–1984) (Fernand Fehlen)

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Fernand Fehlen

Nationalsprache und nationale Identität. Die Debatten im Vorfeld des Sprachengesetzes (1974–1984)

1.  Einleitung

1984 wurde das wichtigste und weitreichendste sprachenpolitische Gesetz, das bis heute den offiziellen Sprachengebrauch des Staates regelt, verabschiedet.1 Gegenstand dieses Beitrages ist nicht dieses Gesetz oder der Gesetzgebungsprozess im engeren Sinne, sondern die ihnen vorausgegangenen öffentlichen Debatten. Dabei wurde das Jahr 1974 als Anfangspunkt gewählt, weil es symbolisch für das Ende einer Epoche und für eine tiefgreifende Zäsur in der politischen Geschichte Luxemburgs steht. In der damaligen Debatte waren die beiden Topoi der nationalen Identität und der Nationalsprache eng miteinander verschränkt, wurden teilweise sogar synonym gebraucht, da für manche Zeitgenossen die Sprache nicht nur das wichtigste, sondern sogar das einzige Wesensmerkmal der Luxemburger Identität war. Somit lässt sich die teilweise mit abgehobenen juristischen oder sprachwissenschaftlichen Argumenten geführte Debatte auch als die Euphemisierung einer fundamentalen Fragestellung um die Inklusion in Gesellschaft und Wirtschaft lesen: Wie soll Luxemburg sich weiterentwickeln und welchen Platz will man den neu hinzugekommenen Migranten einräumen?

2.  Ausbau im Schatten der legitimen multilingualen Sprachenkompetenz

Jede historische Diskursanalyse läuft Gefahr, heutige Konfliktlinien in die Vergangenheit zu projizieren. Diese Versuchung ist beim vorliegenden Thema besonders gegeben, da der Wandel des realen Sprachgebrauchs schneller als die Änderung der Sprachattitüden war und heute noch immer – teilweise mit denselben Worten, teilweise von denselben Kontrahenten – die scheinbar gleichen Kontroversen ← 411 | 412 → ausgefochten werden. Heute geht es beispielsweise darum, das Luxemburgische als Nationalsprache nicht mehr in ein einfaches Gesetz, sondern in die Verfassung einzuschreiben. Doch diese Parallelen bleiben an der Oberfläche, da der sozio-demographische und politische Kontext sowie die Sprachensituation im Zeitalter der Globalisierung andere sind. Damals war Französisch die allgemein anerkannte Bildungs- und Kultursprache Luxemburgs, wurde aber, abgesehen von z.B. dem Baugewerbe, in einer von Luxemburgern dominierten Wirtschaft wenig gesprochen. Heute ist es die allgegenwärtige Verkehrssprache, hat aber Schwierigkeiten, sich gegen das Englische als neue Prestigesprache zu behaupten.2

Vor der eigentlichen Untersuchung der Diskussion um den Status des Luxemburgischen bedarf es einer Beschreibung des damaligen soziolinguistischen Kontextes und der Bereitstellung einer Theorie, mit der die Verzahnung zwischen Sprachgebrauch und Sprachdiskurs geleistet werden kann.

Die damals noch junge soziolinguistische Wissenschaft besaß das nötige Instrumentarium, die sprachenpolitische Situation korrekt zu beschreiben und sprachenplanerische Maßnahmen vorzuschlagen. Dieses Wissen war auch in Luxemburg angekommen, wovon die Arbeiten von Jean-René Reimen3, Fernand Hoffmann4 und anderen5 zeugen. Der damaligen Forschungsstand lässt sich etwa folgendermaßen zusammenfassen: Das „Letzeburgisch“, wie es meist in der deutschsprachigen soziolinguistischen Literatur genannt wurde, war eine im Ausbau begriffene Sprache6, deren Entstehen als Ergebnis der Eigenstaatlichkeit des Großherzogtums und als „gegenläufige Wirkung des einstigen deutschen Sprachimperialismus“7 zu verstehen ← 412 | 413 → ist. Dieser Prozess wurde durch die nationalsozialistische Besatzung beschleunigt und im kollektiven Bewusstsein symbolisch verdichtet durch das Datum vom 10. Oktober 1941, als die Bevölkerung sich mit einem „dreifachen Nein“ gegen das Ansinnen zur Wehr setzte, ihr kraft eines administrativen Aktes ein Bekenntnis zur deutschen Sprache, zur deutschen Volkszugehörigkeit und zur deutschen Staatsangehörigkeit abzuringen. Von Polenz sieht darin die „praktische Anerkennung des Letzeburgischen als Nationalsprache“.8

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die seit 1848 in der Verfassung eingeschriebene formale Gleichberechtigung der französischen und deutschen Sprache als nicht mehr tragbar angesehen. Einerseits war das Deutsche als die Sprache des Besatzers diskreditiert, andererseits wurde das Luxemburgische von der breiten Bevölkerung als Sprache aufgefasst, obwohl die Eliten sowie die Sprachwissenschaftler dies nicht gelten lassen wollten.9 Deshalb wurde 1948 der die Zweisprachigkeit definierende Verfassungsartikel aufgehoben und durch einen nichtssagenden Arbeitsauftrag an den Gesetzgeber ersetzt, den Gebrauch der Sprachen durch ein Gesetz zu regeln. Weshalb es 36 Jahre gedauert hat, bis das Gesetz verabschiedet wurde, ist eine Frage, die dieser Beitrag zu beantworten versucht.

Damals noch nicht in Luxemburg angekommen war die von Pierre Bourdieu Ende der 1970er entwickelte Theorie des „Sprachenmarkts“, die das Augenmerk auf eine oft vergessene Funktion der Sprache oder des Sprechens lenkt.10 Die Sprache ist demzufolge nicht nur ein Symbolsystem zur Kommunikation zwischen Menschen und ein Instrument zur Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung der Welt. Sie ist auch ein Herrschaftsmittel und damit ein Vektor der Reproduktion der Sozialstruktur, genauer gesagt ein Mittel zur Perpetuierung gesellschaftlicher Ungleichheit. Dies geschieht durch einen symbolischen Tausch von sprachlichem Kapital, dem auch eine zentrale Funktion in der schulischen Auslese zukommt. Der Wert dieses Kapitals wird über die legitime Sprache, die Sprache der Herrschenden definiert. Im Falle des west-europäischen Nationalstaats des 19. Jahrhunderts ist dies in der Regel die vom Bildungssystem als Teil der nationalen Kultur institutionalisierte Standardsprache. Im Großherzogtum wird der Wert des sprachlichen Kapitals nicht durch eine legitime Sprache sondern eine legitime mehrsprachige Kompetenz definiert, die die Beherrschung der drei Landessprachen ← 413 | 414 → und des Englischen beinhaltet sowie die Fähigkeit, in verschiedenen Bereichen die jeweils ‚richtige‘ Sprache im ‚richtigen‘ Register zu gebrauchen und verschiedene Attitüden gegenüber den drei Sprachen einzunehmen. Durch das Aufwachsen in einer Gesellschaft werden deren Werte und Handlungsmuster unbewusst übernommen und werden so zu einer zweiten Natur, zu einem Habitus, der als präreflexive Matrix zukünftiger Reaktionen auch auf neue und unerwartete Situationen dem Handeln der Individuen eine Palette von Möglichkeiten vorgeben wird.

Die verinnerlichten kollektiven Dispositionen bestimmen auch die sprachlichen Äußerungen, so dass man von einem sprachlichen Habitus sprechen kann, der für die Untersuchungsperiode eine Abwertung des Luxemburgischen als Dialekt und eine Überhöhung des Französischen zur universellen Kultursprache, die es gediegen und fehlerfrei zu schreiben gilt, beinhaltet (siehe Abschnitte 2.4 und 2.5).

Mit dem Modell des Sprachenmarkts kann man die hier untersuchte Debatte als ein Ringen um die Neugewichtung der drei Landessprachen innerhalb der legitimen multilingualen Kompetenz interpretieren. Dabei hilft ein weiteres In­strument aus dem Bourdieu‘schen Werkzeugkastens: die Feldtheorie, die u. a. besagt, dass die Stellungnahmen der Akteure von ihrer Stellung im Feld abhängen. Wer eine zentrale, dominierende Position einnimmt, wird die Regeln, die ihm diese garantieren, tendenziell verteidigen, während marginale und neuhinzukommende Mitspieler diese tendenziell unterwandern und durch für sie günstigere zu ersetzen trachten. So wundert es beispielsweise nicht, bis heute unter den Französischlehrern viele Hüter der Vormachtstellung des Französischen innerhalb der legitimen Sprachkompetenz und Verteidiger der Vorstellung von Luxemburg als einem frankophonen Staat zu finden.

Mit Hilfe der Feldtheorie wird es möglich, die in der Presse geführte Auseinandersetzung zwischen Lex Roth, Fernand Hoffmann und Guy Rewenig nicht als eine Privatfehde zu verstehen, sondern als Ausdruck von Positionen im kulturellen Feld, die wir als erstes rekonstruieren wollen. Danach werden wir uns dem politischen Feld zuwenden, dessen interne Agenda schließlich zur Verabschiedung des Sprachengesetzes geführt hat.11 ← 414 | 415 →

3.  Kontroversen im kulturellen Feld

3.1  Fernand Hoffmann – ein Kulturpapst

Der 1929 als Sohn eines Volksschullehrers geborene Fernand Hoffmann war zuerst Gymnasiallehrer, bevor er 1970 Dozent an der pädagogischen Hochschule Institut Pédagogique (ab 1983 Institut supérieur d’études et de recherches pédagogiques, ISERP genannt) und am Centre Universitaire wurde. Seine wissenschaftlichen Studien beschäftigten sich mit der Luxemburger Sprache und Literatur. Seine breite schriftstellerische Tätigkeit widmete er praktisch allen Gattungen: er schrieb Romane, Kurzprosa, Gedichte sowie Theaterstücke und Hörspiele. In der Radioserie „De Mischi a seng Leit“ trat er mit seiner Familie selber auf und wurde somit zur weit über bildungsbürgerliche Kreise hinaus bekannten Figur des öffentlichen Lebens. Daneben war er als Feuilletonist sowie als Theater- und Literaturkritiker tätig, dies hauptsächlich in der katholischen Tageszeitung „Luxemburger Wort“ und dessen wöchentlicher Kulturbeilage „Die Warte“.

Fernand Hoffmann war unbestritten der wichtigste Luxemburger Sprachwissenschaftler seiner Generation. Seine kurz zusammengefasste Vita erlaubt es, vorab auf ein konstitutives Merkmal der kleinen Luxemburger Gesellschaft aufmerksam zu machen: die fehlende funktionelle Ausdifferenzierung, die auch mit dem Feldbegriff verdeutlicht werden kann. Die Gesellschaft oder genauer der soziale Raum besteht aus mehr oder weniger autonomen, von Bourdieu „Felder“ genannten Mikrokosmen, die ihre eigenen (Spiel)Regeln und Funktionslogiken aufweisen.12 Man kann z. B. ein wissenschaftliches, ein künstlerisches, ein literarisches oder intellektuelles Feld unterscheiden. Daneben gibt es ein Feld der Bildung, das sich weiter ausdifferenziert in ein akademisches Feld der Hochschulbildung, ein Feld der Gymnasialbildung usw. Nicht so im Luxemburg der 1970er Jahre, wo es nur ein kaum ausdifferenziertes großes kulturelles Feld gab, in dem meist Lehrer und Journalisten um das Definitionsmonopol der nationalen Identität in Konkurrenz traten. Dabei verliefen inhaltliche Kontroversen meistens entlang der Konfrontationslinie zwischen den beiden traditionellen weltanschaulichen Lagern, den Katholiken und den Antiklerikalen. ← 415 | 416 →

Die international anerkannte Kompetenz des Sprachwissenschaftlers Hoffmann wurde in Luxemburg nicht richtig wahrgenommen. So kam es während des Gesetzgebungsprozesses niemandem in den Sinn, auf ihn oder ausländische Experten der Sprachenplanung, zu denen er gute Kontakte hatte, zurückzugreifen. Um seine Rolle als Kulturpapst des Luxemburger Feuilletons zu verteidigen, stritt er sich hauptsächlich mit Lehrern, die seine Schüler an der pädagogischen Hochschule gewesen waren, und argumentierte mit ihnen holzschnittartiger und vor allem polemischer als in seinen wissenschaftlichen Publikationen,13 wie die Lektüre seines im „Luxemburger Wort“ erschienenen Artikels „Sprachenkampf in Luxemburg?“ zeigt.14

Dieser Text bietet einen guten Einstieg in die Debatte um die Nationalsprache, da er praktisch alle Argumente der sich über eine Dekade hinziehenden Diskussion vorwegnimmt. Zunächst der Anlass: Angesichts der zunehmenden Einwandererzahl ergriff das „Luxemburger Wort“ die Initiative, regelmäßig eine französischsprachige Sonderseite („Voix du Luxembourg“) zu publizieren, um des Deutschen nicht mächtige Einwohner am Luxemburger Geschehen teilnehmen zu lassen. Dazu erschien eine Reihe positiver und negativer Leserbriefe. Hoffmann antwortet jenen, die in der französischsprachigen „Voix“ eine Aufwertung des Französischen und eine Bedrohung des Luxemburgischen sahen. Er warnte vor dem Ruf nach einem breiteren Raum für das Luxemburgische, der auf der Verkennung der realen Sprachensituation basiere: das Luxemburgische [sei] ein Dialekt mit beschränktem Vokabular, rudimentärer Morphologie und Syntax. Er warnt vor einer vom Nationalstolz her gespeisten Politisierung unserer sprachlichen Situation im Sinne einer überbetonten Valorisierung des Luxemburgischen, vor einer Politisierung […] aus nationalistischen Impulsen, die dem Luxemburgischen nur schaden könne. Damit würden sich die Verteidiger der Sprache zu deren Totengräbern machen.

Letztlich sprach er dem Luxemburgischen den Status der Sprache ab und stellte zumindest die sprachliche Tragweite des patriotischen Widerstandsaktes vom 10. Oktober 1941 – der Sprachenschlacht vom Oktober 1941, wie er es nannte – in Frage: Dies sei ein rein politischer Akt gewesen und die Erhebung unsere moselfränkische Mundart zur Hoch-, Schrift- und Kultursprache ein Schlag ins Gesicht der Sprachwissenschaft. Darüber hinaus negierte er das bei den wohl meisten Sprachpflegern mehr oder weniger bewusst vorhandene Aufbegehren gegen die Hierarchie der Sprachen in Luxemburg, wenn er z. B. schrieb: Die luxemburgische ← 416 | 417 → Zweisprachigkeit beschränkt sich auf den Schriftverkehr und den mündlichen Umgang mit Ausländern. Im gesprochenen innerluxemburgischen Sprachverkehr herrscht klare Einsprachigkeit. In dieser Hinsicht entspricht die Sprachsituation Luxemburgs voll und ganz derjenigen eines einsprachigen Landes. Dies bedeutet, daß es im Sprachenverkehr jene Spannungen nicht gibt, die daraus entstehen, daß eine Bevölkerungsschicht sei es, weil sie demographisch, wirtschaftlich oder kulturell überlegen ist, einer andern ihre Sprache aufzwingt. So gibt es auch keine sprachlich überwältigte Schicht und mithin keine Frustrations­erscheinungen, die früher oder später zur Aggression führen.15

In dieser zuspitzenden Zusammenfassung blendet er den von ihm sehr wohl in seinen wissenschaftlichen Schriften unter dem damals gebräuchlichen Begriff der Sprachbarriere erforschten Aspekt des Französischen als Selektionssprache in der Schule und darüber hinaus als gesellschaftliches Platzzuschreibungsin­strument aus. Mit dem Begriff der Sprachbarriere wollte die frühe Soziolinguistik darauf aufmerksam machen, dass bestimmten Schichten in Schule und Beruf und überhaupt im Leben und in jeder Art Laufbahn Hindernisse im Wege stehen, die mit ihrer von einer bürgerlichen Standardnorm abweichenden Art zu sprechen zu tun haben.16 Fernand Hoffmann beschreibt Situationen, in denen das Französische [die] Funktion des Knebels übernimmt. Die Schüler müssen mit dem Lehrer Französisch sprechen, weil sie dann nicht widersprechen können (Da kënnen se net erëmmaulen!) und die Dienstbesprechungen mit den Lehrern werden vom Schulleiter auf Französisch geführt, damit sie nicht zu lange dauern (Soss hun se op emol all eppes ze soen, an da komme mer nie heem.).17

Sein im Artikel „Sprachenkampf in Luxemburg?“ 1972 ausgesprochenes Votum gegen einen weiteren Ausbau des Luxemburgischen wird er auch nach der Verabschiedung des Gesetzes beibehalten. Obschon der von ihm für diesen Fall angekündigte Bürgerkrieg nicht stattfand, warnt er noch immer vor einer Standardisierung des Luxemburgischen. Würde der widerspruchslos hingenommene pragmatische Ausgleich [der Mundarten] in einen offiziell-amtssprachlichen umgewandelt […], wäre der sprachliche Landfrieden in Frage gestellt.18 ← 417 | 418 →

3.2  Lex Roth und die „Actioun Lëtzebuergesch“

Die „sprachlich überwältigte Schicht“, die es sehr wohl auch in Luxemburg gab (und immer noch gibt), fand ihr Sprachrohr in der „Actioun Lëtzebuergesch“ (AL). Die Hobsbawmsche These, dass es keine besondere Begeisterung für einen sprachlichen Nationalismus, weder auf Seiten der Aristokratie oder des Großbürgertums noch auf Seiten der Arbeiter und Bauern gab, sondern dass dieser seine Verfechter unter den sozial bescheiden lebenden, aber gebildeten Mittelschichten fand19, wird, mutatis mutandis, am Fallbeispiel Luxemburg bestätigt. Dies gilt für das 19. Jahrhundert, als es hauptsächlich die Lehrer und Staatsbeamten aus dem unteren und mittleren Dienst waren, die sich für den Ausbau der Luxemburger Sprache einsetzten, und für die hier untersuchte AL, wie es deren Mitgliederstatistik ebenso wie der Lebenslauf ihrer zwei Hauptprotagonisten Lex Roth und Henri Rinnen zeigen.20

Anders als manche einfache Mitglieder stellt deren Sprecher Lex Roth die Funktion des Französischen als Staats- und Bildungssprache nie in Frage. Sein Ziel war es, lediglich Luxemburgisch als politisches Staatssymbol zu stärken. Als Beweis dafür, dass die Sprachschützer die von der Schule vermittelte Hierarchie zwischen den Sprachen akzeptierten, kann die praktische Abwesenheit von Forderungen zur Änderung der auf 1843 und 1912 zurückgehenden Gewichtung des Deutschen und Französischen im Unterricht oder zur Verstärkung des Luxemburgischen gewertet werden.21 Bis heute tritt Lex Roth offensiv der mittlerweile denkbar und sagbar gewordenen Vorstellung des Luxemburgischen als Alphabetisierungssprache entgegen.22

In der ersten Nummer ihrer Verbandszeitschrift („Eis Sprooch“) druckte die AL jene Rede ab, in der der Abgeordnete Caspar Mathias Spoo 1896 vergeblich die Einführung der Luxemburger Sprache ins Parlament gefordert hatte. Überhaupt versuchte sie, Spoo als Vorkämpfer der eigenen Sache zu vereinnahmen und reduzierte dadurch dessen eigentliche politische Intention – den Kampf für das allgemeine Wahlrecht und soziale Rechte – auf eine sprachpatriotische. ← 418 | 419 →

Dagegen wehrte sich der zur neuen Schriftstellergeneration (s.u.) gehörende, politisch engagierte Sekundarschullehrer Cornel Meder. Anlässlich von Spoos 60. Todestag versucht er, unter dem Motto „Weem säi Spoo ass de Spoo?“, die Sprachenfrage wieder für die politische Linke salonfähig zu machen.23 Allerdings ohne viel Erfolg. So blieb es der Kommunistischen Partei Luxemburg (KPL) vorbehalten, sich für die kleinen Leute, die sich nur im Luxemburgischen geläufig ausdrücken können, einzusetzen, was im Rahmen der damaligen politischen Debatten als exotische Ansicht empfunden wurde.24 Das Parteiorgan der KPL betonte: Es ist aber falsch, das Interesse an dem Luxemburgischen einzig den vielen Reaktionären der „Actioun Lëtzebuergesch“ zu überlassen. Denn das Luxemburgische ist eines der ganz seltenen Kulturgüter, die aufs engste mit der Geschichte des einfachen luxemburgischen Volkes verknüpft sind und aus dieser Ursache hat es sicher verdient, erhalten zu werden. Und wie heute viele Einwanderer und Ausländer vor einer Sprachbarriere stehen, gibt es auch unzählige Luxemburger, die sich, auch durch den Klassencharakter unseres Bildungswesens, nur im Luxemburgischen geläufig ausdrücken können.25

Sich für alles Luxemburgische und insbesondere die Sprache einzusetzen, ist der statutarische Zweck der 1971 gegründeten „Actioun Lëtzebuergesch“.26 Trotz der genauso statutarischen Bekräftigung von politischer und religiöser Neutralität und auch nach dem Ausschluss einiger militant ausländerfeindlicher Mitglieder – den 150-%-igen, wie sie vom langjährigen Vorsitzenden Henri Rinnen genannt werden27 – sprach sie sich weiter zwar mit gemäßigten Tönen, aber dennoch entschieden gegen das kommunale Ausländerwahlrecht aus, was ihr den Vorwurf eines „faschistoiden Clubs“ einbrachte.28 Auch wenn die Vehemenz ihrer Gegner heute überzogen scheint, kann man nicht leugnen, dass die AL dieser Feindseligkeit durch ihre Rhetorik Vorschub leistete: Ihre ethnische Definition der Staatsbürgerschaft, ← 419 | 420 → gepaart mit einer ahistorischen Definition der Sprache, kam einer Blut- und Bodenideologie oft sehr nahe.29 Auch wenn Lex Roth eine mäßigende Haltung in politischen Auseinandersetzungen einnahm und sich gegen extreme Positionen zur Wehr setzte, lief er wegen seiner Freude an einer polemischen und altertümelnden Ausdrucksweise immer wieder Gefahr, falsch verstanden zu werden.

Die Aktivität der AL beinhaltete neben der politischen Lobbyarbeit für die Sprache, viele einzelne Aktionen zur Förderung des Sprachgebrauchs (z. B. die viel Resonanz findenden Textvorlagen für private Familienanzeigen) sowie die Organisation von damals oft belächelten Sprachkursen für Ausländer.30 Doch dieser konkrete Einsatz für die Sprache wurde von einem oft revanchistisch anmutendem antideutschen Ressentiment und einem rückwärtsgewandtem Purismus überschattet, dem jede Anpassung an sprachlichen Wandel verdächtig war. Damit erschien die AL als Hort von den der Vorkriegsagrargesellschaft Nachtrauernden. Die Konflikte mit einer neuen Generation von Luxemburger Literaten waren damit vorgezeichnet.

3.3  Guy Rewenig und die Geburtswehen des literarischen Feldes

In den 1970er Jahren erfuhr die Luxemburger Literatur einen Neuaufbruch mit einer jungen Generation von Schriftstellern, die den Anschluss an die internationale Literaturszene über die deutsche Sprache suchte. Allen voran Roger Manderscheid, der angetreten war, die Luxemburger Literatur aus dem Ghetto der Provinzliteratur31 heraus zu führen, und der, ebenso wie Guy Rewenig und Michel Raus, Mitglied des P.E.N.-Zentrum Deutschland wurde. In den Augen der von Krieg und Besatzung gezeichneten Generation eine Todsünde. Wie Frank Wilhelm feststellt, war die Luxemburger Sprache diesen jungen Literaten mehr als suspekt: Le luxembourgeois, encore associé à des textes plutôt conservateurs au point de vue idéologique et conventionnels au point de vue esthétique, était plus que suspect à la jeune gauche qui lui préférait l’allemand, le français étant essentiellement l’apanage de la bourgeoisie libérale.32 Und trotzdem fanden viele der Autoren und Autorinnen zur Luxemburger Sprache, allen voran Rewenig („Hannert dem Atlantik“, 1985) und Manderscheid („Schacko Klak“, 1988), obschon auch sie die herrschende Sprachideologie teilten. ← 420 | 421 → So beschrieb Rewenig Luxemburgisch als Käfig und Zwangsjacke und als Metapher für Enge, Engstirnigkeit, Stillstand, politische Lethargie.33

Rewenig wurde zum Sprachrohr dieser neuen Generation von Literaten und sonstigen Kunstschaffenden und legte sich bereits 1974 mit der „Actioun Lëtzebuergesch“ an. Dabei griff er nicht nur den Purismus der AL an, sondern das Luxemburgische schlechthin, das er als derart arme und prekäre Mundart (bezeichnete), daß sich praktisch nur äußerst elementare Prozesse auf luxemburgisch beschreiben und verhandeln lassen.34 Als Kommunikationssystem nicht praktikabel, sei es jedweder Weiterentwicklung unfähig und versage u. a. als Rundfunksprache: unser Dialekt lebt als Raupe fort, versteinert, verkalkt, unbrauchbar.35

Auch wenn er am Rande erwähnte, dass das ‚gemeine Volk‘ eigenständig seine Sprache weiterentwickeln [werde], und zwar nicht nach den hochstapelnden Spielregeln einiger nationalistischer Lautsprecher36, so übernahm er letztlich die dem damaligen Luxemburger Nationalhabitus inhärente Abwertung der Muttersprache. Dies verhinderte nicht, dass sein literarisches Werk und sein späterer Einsatz als Verleger objektiv zu deren Ausbau beitrugen. Seine Kritik an den Sprachschützern und den damals etablierten Autoren, zu denen auch Fernand Hoffmann gehörte, ist als Aufbegehren der Neuankömmlinge im Feld zu interpretieren, denen es schließlich gelingen sollte, die Spielregeln so stark zu erschüttern, dass das große kulturelle Feld auseinanderbrach und ein neues, literarisches Feld daraus hervorging.37

3.4  Abwertung des Luxemburgischen als konstitutives Element des sprachlichen Habitus

Den drei vorgestellten Protagonisten ist gemeinsam, dass sie die Auffassung, Luxemburgisch sei keine ‚richtige‘ Sprache, mehr oder weniger tief verinnerlicht hatten. ← 421 | 422 → Nur so ist zu erklären, dass ein Schriftsteller, der dabei war, die Luxemburger Literatur auf eine neue Stufe zu heben, an den Möglichkeiten seiner Sprache zweifelte, dass ein Sprachenaktivist sich hauptsächlich auf eine symbolische Aufwertung fokussierte und ein Wissenschaftler, der die soziolinguistischen Mechanismen kannte, sich gegen den Ausbau des Luxemburgischen wandte. Doch genau diese Ambivalenzen sind Voraussetzung dafür, dass ihre Stimmen Gehör fanden und letztlich einen Beitrag zur Veränderung des Feldes leisten konnten.

Im Rahmen der Feldtheorie stellt sich dabei nicht die Frage, inwiefern sie dies bewusst und berechnend taten. Um überhaupt in einem Feld mitspielen zu können, muss man dessen Grundspielregeln annehmen. In Bourdieus Worten: „Nicht irgendein rationales, auf die Maximierung der symbolischen Profite gerichtetes Kalkül, sondern der [über den Habitus vermittelte (Erg. d. Verf.)] Sinn für die Akzeptabilität bestimmt […] die Korrekturen und alle Arten der Selbstzensur, also jene Zugeständnisse an das soziale Universum, die man schon damit macht, dass man akzeptiert, sich akzeptabel zu machen.“38 Auch braucht man ein gewisses Einstiegskapital, um mitspielen zu dürfen. Im Falle des oben skizzierten wenig ausdifferenzierten nationalen kulturellen Feldes ist das formale, durch die Luxemburger Schule und die Universitäten der Nachbarländer zertifizierte Bildungskapital ausschlaggebend. Und dieses besitzen die drei Protagonisten in sehr unterschiedlichem Maße, wie ihre Bildungswege und ihre Berufslaufbahnen zeigen.

Lex Roth (Jahrgang 1933) war als Absolvent der Lehrerbildungsanstalt („Normalschule“) zunächst Primärschullehrer und stieg dann sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg zum Berufschullehrer auf, bevor er seit 1980 als „Professeur-Attaché“ im Kulturministerium arbeitete und 1988 Direktor des staatlichen Presse- und Informationsdienstes wurde. Circa 20 Jahre später wurde auch Guy Rewenig (Jahrgang 1947) Primärschullehrer, allerdings war seit 1958 das Abitur, das er am damals als Eliteschule des Landes angesehenen Athenäum abgelegt hatte, die Zugangsvoraussetzung zu der nunmehr Institut Pédagogique heißenden Bildungseinrichtung. 1984 wurde er einer der ersten freiberuflichen Schriftsteller des Landes.39 Im Gegensatz zu den beiden Ersten hatte Fernand Hoffman (Jahrgang 1929) an einer Universität studiert, und zwar an der Sorbonne in Paris, und wurde später in Nancy promoviert. Er lehrte nicht nur am ISERP sondern auch am Centre Universitaire, dem ‚Olymp‘ des Luxemburger Bildungswesens. Als in ← 422 | 423 → Frankreich promovierter Germanist verkörperte er die traditionelle Luxemburger zweisprachige „Mischkultur“40 in besonderer Weise.

Diese unterschiedliche Ausstattung mit kulturellem Kapital, ebenso wie der Generationseffekt, also die Dauer der Feldzugehörigkeit, erklären zumindest teilweise die drei unterschiedlichen Standpunkte, wie sie skizziert wurden. Die beiden nächsten Akteure gehören auch zu der jungen Generation, doch sind sie ob ihrer Lebenslaufbahn noch weniger im kulturellen Feld verankert, deshalb überrascht ihr kritischer Blick nicht.

3.5  Das frankophone Selbstverständnis der Luxemburger Eliten

Als deutschsprachige Romanistin hatte Claudia Hartmann die sprachlichen Voraussetzungen, sich in Luxemburg zurecht zu finden, und als Außenstehende verfügte sie über den nötigen Abstand, um die Selbstverständlichkeiten des sprachlichen Habitus zu hinterfragen. Während ihres Studiums begegnete die Soziolinguistin dem Politikwissenschaft studierenden Mario Hirsch (Jahrgang 1949) und zog mit ihm in seine Heimat, als er 1974 zum Berater des sozialliberalen Premierministers Gaston Thorn berufen wurde. Sie entdeckte Luxemburg und seine Mehrsprachigkeit, während sie über den Sprachenkonflikt in Katalonien an der Universität Frankfurt promovierte. Ihre ersten Eindrücke von der Sprachensituation, die durch die Erfahrungen in der bildungsbürgerlichen Familie, in die sie einheiratete, geprägt waren, verarbeitete sie zu einem Artikel, den sie im Letzeburger Land“ veröffentlichte.

Sprache als soziale Barriere war eine in der damaligen jungen Soziolinguistik viel diskutierte Problematik, so dass es nicht verwundert, dass Hartmann auch sensibel für Sprachbarrieren in Luxemburg war. Sie konstatierte eine mangelhafte, ungleich verteilte Zweisprachigkeit. Der kleine Mann beherrsche Deutsch, während Französisch die Sprache der gehobenen Schicht sei. Deshalb trete die Sprachbarriere, die sich in einsprachigen Ländern durch die Beherrschung verschiedener Sprachniveaus einer einzigen Sprache äußere, in Luxemburg mit frappierender Deutlichkeit zu Tage, da es sich hier um die Beherrschung verschiedener Sprachen handele.41 Daraus resultiere, daß man sich hier in bestimmten Situationen ← 423 | 424 → mit seiner eigenen Sprache nicht identifizieren kann, sie ist ‚nicht gut‘ genug; ergo bedient man sich des Französischen, man präsentiert sich auf Französisch.42

Dieser Gedanke wurde von Mario Hirsch aufgegriffen, als er in die am Ende der Thorn-Ära von dem katholischen Presseorgan „Luxemburger Wort“ und der Christsozialen Volkspartei (CSV) angezettelte Diskussion um die Luxemburger Identität eingriff. Er denunzierte die seit dem Zweiten Weltkrieg vorherrschende und ihn an die frankophonen Länder Afrikas erinnernde Französisierungspolitik, die zu einer kulturellen Anpassung an Frankreich und damit zur Entfremdung von der eigenen Kultur führe. Hirsch sprach von einer Verinnerlichung der Abwertung des Luxemburgischen (intériorisation d‘une image dévalorisante) und von dessen Verbannung in die Privatheit (la langue maternelle se trouve rabaissée au rang d‘une langue vernaculaire).43 Auch feuert er eine ironische Breitseite gegen die frankophile Kulturelite, die ihren sichtbarsten Ausdruck in der Gesellschaft der französischsprachigen Schriftsteller SELF („Société des écrivains de langue française“) mit ihren 300 Mitgliedern finde, sowie gegen das Gymnasium mit seiner Fixiertheit auf einen an kulturelle Unterwerfung grenzenden Französisch-Purismus. Dieser virulente Text wurde genauso wie die späteren soziolinguistischen Arbeiten Claudia Hartmanns kaum rezipiert. Sie passen nicht in eine von der Abwertung des Luxemburgischen dominierte öffentliche Meinung.

Diese zutiefst im Nationalhabitus verankerte Geisteshaltung wird hauptsächlich durch die Schule vermittelt. Zum Beispiel durch die Stellung der Luxemburgischen Sprache im Fächerkanon. Im Gegensatz zu den beiden ‚richtigen‘ Sprachen wird sie in der Grundschule nicht systematisch unterrichtet und dort, wo sie im Curriculum vorgesehen ist, oft nur stiefmütterlich behandelt. So auch im Gymnasium, in der nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführten einzigen Luxemburgisch-Wochenstunde auf Septima, die meist dem Belieben des Lehrers überlassen wird. Als Lex Roth öffentlich monierte, ein Französischlehrer nutze diese Stunde, um mit seinen Schülern Simenon-Krimis zu lesen44, erschien ein Feuilletonleitartikel ← 424 | 425 → im „Letzeburger Land“, der den Lehrer in Schutz nahm, Roth u. a. als Khomeiny de notre dialecte beschimpfte und der nationalen Nabelschau bezichtigte.45

Dieses Beispiel zeigt, dass die im Feld dominierende Position meist keiner Rechtfertigung bedarf. Die Evidenz des Faktischen ist Argument genug. Auf Lex Roths Beschwerde über die Nichteinhaltung der curricularen Vorgaben gibt es kein sachliches Gegenargument, deshalb die polemische Anremplung. Die Norm war auch präsent in den Ermahnungen und Abmahnungen, die deren Ignorieren oder Infragestellung sofort hervorrief. In der Privatheit war es der strafende Blick, wenn jemand sich im Ton vergriff, wenn er zum Beispiel eine Respektsperson mit „Moien“ begrüßte, anstatt mit dem damals als höflicher angesehenen „Bonjour“. Das gleiche galt, wenn jemand sich erlaubte, ins Luxemburgische zu wechseln in einer der wenigen Situationen, in denen Französisch erwartet wurde. Zu diesen gehörten damals gewisse schulische Abläufe, offizielle Reden, besonders auf diplomatischem Parkett und im kulturellen Kontext, aber auch die Begegnung mit einem Fremden, dem in zuvorkommender Weise in dessen Sprache geantwortet werden sollte.

3.6  Ein folkloristisches Idiom im Eingeborenen-Reservat

Um die Höflichkeit zwischen Kunden und Verkaufspersonal geht es zumindest vordergründig in einer wahren Leserbriefschlacht, die durch einen in perfektem, etwas überkandideltem Französisch geschriebenen Leserbrief ausgelöst wurde. Dessen Schreiber beschwert sich darüber, dass ihm auf seine luxemburgische Frage nach dem Preis eines Blumenstraußes mit ici on parle français geantwortet wurde. Er empfand das als unhöflich und brachte dies bereits im Titel „Un peu de courtoisie envers les Luxembourgeois“46 zum Ausdruck.

Liliane Thorn-Petit, eine bekannte Kulturjournalistin und Gattin des Premierministers, antwortete mit einer Glosse, in der sie etwas Höflichkeit gegenüber den Ausländern verlangte. Man solle ihnen dankbar sein für ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Reichtum des Landes. Darüber hinaus die Erlernung eines Patois einzufordern sei unanständig, sei Ausdruck intellektueller Faulheit und das Eingeständnis, das Klassenziel nicht erreicht zu haben: Que nous osions alors exiger en plus qu‘ils se mettent à apprendre notre langue (pour ne pas dire notre patois) voilà qui dépasse les bornes de la décence. […] Si après dix ans de cours en ces langues, nous ne sommes pas à même – ou trop complexés – de demander un bouquet de ← 425 | 426 → fleurs dans l’une ou l’autre de ces langues alors qu’elles sont utilisées à plus de 95% dans nos journaux et à la TV, nous n’avons qu’à fermer nos frontières.47

Unter dem gleichen Titel („Un peu de courtoisie envers les étrangers“) und mit ähnlichen Argumenten antwortete ein Leserbrief eines vermutlich frankophonen Ausländers im „Luxemburger Wort“, im Ton noch schärfer, fast schon drohend, wenn er feststellte, Luxemburgs Wohlstand sei allein den Ausländern zu verdanken.48

Unter den weiteren Leserbriefen sticht besonders jener von Lex Roth, der als AL- Präsident zeichnet, hervor. In ausgezeichnetem Französisch und freundlichem Tonfall bekennt er sich zur Mehrsprachigkeit. Er betont seinen Stolz, einem Ausländer in Französisch, Deutsch oder Englisch antworten zu können. Was als Anerkennung der legitimen mehrsprachigen Kompetenz der Luxemburgerinnen und Luxemburger gedeutet werden kann, beinhaltet im Kontext dieser Polemik einen Seitenhieb gegen die frankophonen Leserbriefschreiber, denen implizit Einsprachigkeit unterstellt wird.49 In einem der wenigen Briefe, die explizit von einer Bedrohung der nationalen Identität sprechen, wehrt sich ein anderes AL-Mitglied gegen die kolonialistische Mentalität der Frankophonen und gegen das den Ausländern von einer gewissen Crème des Landes vorgegaukelte falsche Sprachenbild.50

Eigentlich geht es in der ganzen Polemik nicht um Höflichkeit, sondern um formellen Status, Prestige und Gebrauchswert des Luxemburgischen. Dies wird besonders deutlich in der Aussage eines vielgereisten und sprachgewandten Luxemburgers (Spreche leider nur zehn Sprachen, außerdem so ungefähr acht Dialekte), der sich auf Deutsch zu Wort meldet, um seine Sicht der Dinge kundzutun. Französisch sei offizielle Staatssprache, Hochdeutsch Bildungssprache und das Luxemburgische nur Umgangssprache.51 Bei anderen klingt es polemischer: Luxemburgisch sei die folkloristische Sprache eines den Einheimischen vorbehaltenen Naturreservates.52 Gegen dieses Argument führt die AL jene 1.000 im Laufe des Jahres Luxemburgisch-Kurse besuchenden Ausländer an und versucht somit ← 426 | 427 → die Diskussion auf die Ebene des Gebrauchswerts der Sprache zu heben. Damit kann sie nicht überzeugen, da dieser, im Gegensatz zu heute, noch gering war.53

Selbst Fernand Hoffman mischte sich mit einer lyrischen Liebeserklärung an seine Muttersprache ein. Durch die Art der Widmung an Liliane Thorn (Dem Liliane Thorn-Petit hannert d‘Oueren) markiert er einen Widerspruch zu deren Argumentation, bestätigt sie aber letztlich durch den Tenor des Gedichtes, das Luxemburgisch als eine in einer mythischen Geschichte verankerte Mundart der Bauern und Winzer, der kleinen Leute und der Hüttenarbeiter darstellt.54

4.  Die politische Agenda

4.1  Identitätsdebatte und Ausländerwahlrecht

Das Jahr 1974 steht in Luxemburg für einen gesellschaftlichen Neuaufbruch mit einer Regierungskoalition ohne CSV und einer allgemeinen Verjüngung des politischen Personals. In diesen Jahren erschütterte die Stahlkrise die an Vollbeschäftigung gewöhnte Luxemburger Wirtschaft, und die Ölkrise provozierte die Frage nach den „Grenzen des Wachstums“. Mit den ersten Erweiterungen der Europäischen Gemeinschaft (1973 und 1981) begann der Ausbau des Gemeinschafts-Standortes in Luxemburg. Die nicht zuletzt durch die Entwicklung des Finanzsektors wachsende Wirtschaft brauchte neue Arbeitskräfte: ein Bedarf, der zum großen Teil durch ein Einwanderungsabkommen mit Portugal, aber auch durch Grenzpendler aus den Nachbarregionen gedeckt wurde. In diesem Zusammenhang wurde die traditionelle Dreisprachigkeit zum Standortvorteil. Dies war zugleich der Beginn der bis heute zunehmenden Präsenz des Französischen in der Wirtschaft und im öffentlichen Raum, da der Anteil der ← 427 | 428 → frankophonen Muttersprachler in Wohn- und Erwerbsbevölkerung steigt und den portugiesischen Migranten Französisch als Integrationssprache dient.

Unter den vielen in dieser Aufbruchsstimmung entstehenden Bürgerinitiativen und Jugendgruppen muss die aus dem Dunstkreis der katholischen Jugendbewegung hervorgegangene ASTI („Association de Soutien aux Travailleurs Immigrés“) besonders hervorgehoben werden. In ihrem Umfeld, zu dem auch Guy Rewenig und die Zeitschrift „forum“ gehören, entstand als Antwort auf die schulischen Probleme der Kinder mit Migrationshintergrund das sogenannte Modell der zweisprachigen Alphabetisierung. Unter dem Titel „Der babylonische Trichter“ veröffentlichte die Zeitschrift „forum“ im Jahre 1980 eine vernichtende Bestandsaufnahme des Sprachenunterrichts in Luxemburg und kritisierte eine intuitive, vom Luxemburgischen ausgehenden Deutschmethode, [die] für Kinder aus dem romanischen Sprachraum völlig ungeeignet sei. Die engagierten Junglehrer schlugen ein zweigleisiges Modell vor, nachdem der Sprachunterricht [sich] für Luxemburger Kinder […] während der drei ersten Jahre auf Deutsch, für Ausländerkinder auf Französisch [beschränken sollte].55

Obschon die Autoren eine Alphabetisierung in der Muttersprache als erstrebenswertes Ideal darstellen, scheint ihnen nicht aufzufallen, dass ihr Modell für die Luxemburger Kinder eine solche nicht beinhaltet. In ihren Köpfen ist die Luxemburger Sprache eine nicht zur Schriftsprache ausbaufähige Mundart des Deutschen.

Von der jungen Generation wurde das Aufbrechen verkrusteter Wertvorstellungen und die mit der Integration früherer Einwanderungsgruppen einhergehende kulturelle Diversifizierung als Ausbruch aus der Provinz erlebt.56 Viele der Älteren, die ihre Lebensgrundlage durch den Niedergang der Industrie und den Rückgang des Agrarsektors in Frage gestellt sahen, erlebten diesen Wandel als Bedrohung und antworteten mit einer rückwärtsgewandten Identitätssuche, die im Vorfeld der 1979er Parlamentswahlen von der an die Macht zurückdrängenden CSV zum zentralen Thema der politischen Auseinandersetzung gemacht wurde.57 Unter diesem Stichwort ließen sich alle möglichen wirklichen und vorgestellten Probleme bündeln: Die Angst vor Überfremdung, die Kultivierung eines patriotisch verbrämten Widerstandes während des Zweiten Weltkriegs, die Beschwörung einer urtümlichen Sprache, die es zu retten gelte. Auch wenn Roth ← 428 | 429 → das Fehlen sprachpolitischer Themen in den Wahlprogrammen bemängelte58, waren diese implizit über die Diskussion um die nationale Identität präsent. Die Organisation der Zwangsrekrutierten des Zweiten Weltkrieges, deren über 10.000 Mitglieder auch eines der ursprünglichen Rekrutierungsbecken der AL darstellten59, kämpfte in jenen Tagen noch immer für eine angemessene Entschädigung und die Anerkennung ihrer moralischen Rechte. 1978 erschien der sogenannten Calot-Bericht, der dem Land den demografischen Selbstmord für das Ende des Jahrhunderts prophezeite, und der liberale Ministerpräsident, der ihn in Auftrag gegeben hatte, musste zur Kenntnis nehmen, dass die CSV dessen Schlussfolgerungen politisch missbraucht[e] und die Debatte über die „identité nationale“ für ihre Zwecke instrumentalisierte.60

Die Organisation der Zwangsrekrutierten trat im Zentrum als Einpunktpartei bei den Wahlen 1979 an und erreichte zusammen mit einem ihr nahestehenden „unabhängigen“ Kandidaten im Süden zwei Mandate. Die CSV kam erneut an die Regierung. Lex Roth wurde Mitarbeiter des Kulturministeriums und hatte auf diese Weise regelmäßig Kontakt zu Premierminister Werner, der auch dieses Ressort leitete. Die AL setzte ihre Lobbyarbeit fort. Dennoch kam das von der Verfassung 1948 angemahnte Gesetz noch immer nicht zu Stande.

4.2  Das Sprachengesetz

Auf einem seltsam verqueren Umweg setzte das 1979 in der wissenschaftlichen Reihe „Deutsche Sprache in Europa und Übersee“ erschienene Buch „Sprachen in Luxemburg“ von Fernand Hoffmann die Sprachenfrage wieder auf die politische Agenda. Hoffmanns seit langem bekannte These, Luxemburgisch sei keine ‚richtige‘ Sprache, war im nationalen diskursiven Kontext allen hoch willkommen, die deren Ausbau blockieren wollten. Als sie aber von der rechtsradikalen „Deutschen National-Zeitung“ zur Rechtfertigung ihres Annexionismus wohlwollend aufgegriffen wurde, kam es zum Skandal. Unter dem Titel „Luxemburgs Selbstverleugnung. Flucht des Miniaturstaates aus der deutschen Identität“ schrieb das rechtsradikale deutsche Blatt: 3 000 Luxemburger sind als Soldaten für Deutschland ← 429 | 430 → gefallen. Die Heimkehrer aber waren nach dem Sieg schwersten Verfolgungen ausgesetzt. Der deutsche Dialekt wurde als luxemburgische Sprache deklariert. Die Bevölkerung aber redet Deutsch und liest Deutsch. Die luxemburgischen Kinder werden in Deutsch unterrichtet, müssen aber schon ab dem zweiten Schuljahr Französisch büffeln, damit sie als Untertanen die Amtssprache der Obrigkeit verstehen.61

Als das Luxemburger Wort vom 18. März 1980 dem Luxemburger Publikum diesen Artikel zugänglich machte, entstand große Aufregung in der noch immer erheblich von Zwangsrekrutierten- und Widerstandsverbänden geprägten Öffentlichkeit. Das Parlament verabschiedete daraufhin (am 17. Juni 1980) einen Antrag62, der unter dem Titel „National Identitéit“ zwar nicht definierte, worin diese bestehen sollte, aber deren Förderung im In- und Ausland verlangte. Konkret wurde lediglich die Sprache angesprochen. Auf diese Weise wurde noch einmal der Nexus zwischen nationaler Sprache und nationaler Identität bekräftigt. Im Einzelnen wurden u. a. die Proklamation des Luxemburgischen zur Nationalsprache und die materielle Unterstützung der Luxemburgisch-Kurse gefordert. Die Formulierung, dass die Integration der Ausländer ohne sprachliche Anpassung problematisch sei, bezeichnete das „Letzeburger Land“ als peinliche Entgleisung: Die sprachliche Anpassung der Ausländer, die hier explizit als Voraussetzung ihrer Integration empfohlen wird, ist nicht nur vollkommen unrealistisch. Sie birgt darüber hinaus ohne Zweifel ein beträchtliches Gefahrenmoment, in dem Sinne, daß dem latenten Rassismus nunmehr von hoher Warte offiziell Bestätigung zukommt.63

Auch wenn das Sprachengesetz längst überfällig war, wurde der im „Luxemburger Wort“ zitierte Artikel der „Deutschen National-Zeitung“ zum Katalysator im Gesetzgebungsprozess64, weil er den ins 19. Jahrhundert zurückreichenden eigentlichen Grund für die Ausbildung der Luxemburger Sprache ansprach: Sie diente dem Schutz der Eigenstaatlichkeit des Landes vor dem pangermanistischen Annexionismus. Es sollte allerdings noch annähernd weitere vier Jahre dauern, bis das Sprachengesetz verabschiedet wurde, weil die den Staatsrat dominierenden hohen Staatsbeamten und Juristen den Gesetzgebungsprozess bremsten. So wollte z. B. der Staatsrat in seinem Gutachten zum Gesetzentwurf von 1982 dem Luxemburgischen den Status einer Sprache nicht zugestehen, vor allem, weil ein genau definierter Sprachschatz und eine Grammatik fehlten: Il est par ailleurs difficile de déceler avec une rigueur satisfaisante les éléments qui érigent notre langage ← 430 | 431 → en langue. Und er wies weiter darauf hin, dass das Luxemburgische trotz der seit 1945 unternommenen Anstrengungen nicht zur ‚Hochsprache‘ geworden sei. 65

Im ersten Paragraphen des Gesetzes vom 24. Februar 1984 findet sich eine Kompromissformel: La langue nationale des Luxembourgeois est le luxembourgeois. Das Luxemburgische wurde also zur Nationalsprache der Luxemburger, nicht etwa des Großherzogtums erklärt. Was diese Formulierung beinhalten soll, wird nicht näher erläutert und die juristische Schwammigkeit wurde durch die vehemente, auch von Roth und der AL mitgetragene Weigerung der Verwaltungseliten erhöht, den Begriff der langue officielle (Amtssprache) im Gesetz überhaupt zu gebrauchen.66 Darüber hinaus wurde Französisch zur alleinigen Gesetzessprache und alle drei Sprachen – Französisch, Deutsch und Luxemburgisch, und zwar in dieser Reihenfolge – zu Verwaltungs- und Gerichtssprachen erklärt. Es wurde den Bürgerinnen und Bürgern freigestellt, sich in Amtsgeschäften einer dieser drei Sprachen zu bedienen.

5.  Der Ausbau geht (trotzdem) weiter

Bislang wurde im Wesentlichen der sprachpolitische Diskurs untersucht. Der gleichzeitig weitergehenden Ausbau des Luxemburgischen soll abschliessend unter drei Gesichtspunkten kurz vorgestellt werden: Sprachgebrauch, Normierung sowie Sprachunterricht.

1) Auch wenn viel über die sprachlichen Unzulänglichkeiten des luxemburgischen Rundfunks gelästert wird, so stellen seine Sendungen einen wesentlichen Vektor des Sprachausbaus dar, worauf bereits Kloss hingewiesen hatte: Die starke Stellung des Letzeburgischen im Sender Radio Luxemburg sei bedeutender als das Blühen der Belletristik, die sich noch im typisch mundartlichen Rahmen bewege. Zusätzlich erwähnte Kloss die Fortschritte des Luxemburgischen in Parlament und Kirche.67 Der von der AL propagierte Gebrauch des ← 431 | 432 → Luxemburgischen in Familienanzeigen erfuhr einen starken Anstieg über die 1970er Jahre.68

2) Dank der Anstrengungen der AL und der in der Wörterbuchkommission versammelten Sprachwissenschaftler erfuhr die Sprache eine weitere Grammatikalisierung und Normierung: das große „Luxemburger Wörterbuch“ wurde mit seiner letzten Lieferung 1977 endlich fertiggestellt, und die AL brachte es unter das Publikum. Im Jahre 1975 schrieb eine Verordnung die Rechtschreibung fest und schuf eine amtliche Grundlage für den Luxemburgischunterricht. Auch die Erforschung der Sprache wurde weitergeführt, z.B. mit zwei Doktorarbeiten an französischen Universitäten.69

3) Trotz des Status-Quo in der Luxemburger Schule ist ein entscheidender Ausbauschritt am Rande des Unterrichtswesens zu verzeichnen, der ohne Zutun der Politik auf Privatinitiative zu Stande kommt: Luxemburgisch wird als Fremdsprache unterrichtet und in den nächsten Jahrzehnten wird dieser Unterricht zum entscheidenden Vektor des Ausbaus werden. Zunächst weil er Arbeitsplätze für Lehrende schafft, dann weil diese ausgebildet werden und die notwendigen Bücher und Unterrichtsmaterialien für die Kurse geschaffen werden müssen, und schließlich auch, weil die wissenschaftliche Unterfütterung für diesen Unterricht erarbeitet werden muss.

Auslöser für diesen Prozess war die zunehmende Nachfrage hauptsächlich hochqualifizierter Immigranten nach Luxemburgisch-Kursen. Während viele gebildete Einheimische auch nach der Verabschiedung des Gesetzes Luxemburgisch nicht als Sprache wahrnahmen, akzeptierten es viele Migranten, auch schon vorher, als das, was es für sie ist: eine Fremdsprache, also eine fremde Sprache. Deshalb darf man in den Pionieren des Luxemburgisch-als-Fremdsprache-Unterrichts auch Pioniere des Sprachausbaus sehen. Unter ihnen Jul Christophory, der 1973 mit „Mir schwätze Letzebuergesch“ das erste Luxemburgisch-Lehrbuch für Anglophone und Frankophone veröffentlichte und damit keinesfalls zum Überleben eines lokalen Dialektes beitragen wollte, wie er in seinem Vorwort kundtat: [This book] proceeds neither from militant proselytism nor from a revivalist movement in order to prolongate the survival of a local dialect at the heart of a swiftly changing pluralist ← 432 | 433 → society.70 Durch seinen Pragmatismus gelang es ihm, sich aus den Konflikten im kulturellen Feld herauszuhalten, was ihm allgemeine Anerkennung einbrachte. So schrieb etwa Rewenig über dieses Lehrbuch: Ob diese Publikation einem reellen Bedürfnis Rechnung trägt, sei dahingestellt. Jedenfalls muß man Christophory anrechnen, daß er Mundart und Sprache aus kommunikativer Sicht interpretiert, und sich die Mühe macht, ein möglichst weitgreifendes System einfacher Verständigungselemente auszuarbeiten. Die Legitimation der Mundart ist hier die wechselseitige Verständigung, nicht irgendein Hochlied auf Tradition und Muttererde.71

6.  Fazit

Die These, dass der Ausbau der Luxemburger Sprache beginnend mit der Schaffung eigenstaatlicher Institutionen im Jahre 1841weitgehend ungeplant und ungewollt vonstattenging, findet ihre Bestätigung in der hier untersuchten Dekade. Die auf der Folie der Bourdieuschen Feldtheorie rekonstruierten Debatten im Vorfeld des Sprachengesetzes von 1984 haben gezeigt, dass es selbst den entschiedensten Befürwortern des Sprachengesetzes von 1984 lediglich um eine symbolische Anerkennung des Luxemburgischen als Nationalsprache ging. Sie fanden sich ab mit einem Gesetz, das ohne konkrete sprachpolitische Maßnahmen oder zwingende Vorgaben für die Verwaltung72 eigentlich alles beim Alten ließ. Und trotzdem hatte diese symbolische Aufwertung des Luxemburgischen zur Nationalsprache längerfristige, indirekte und in diesem Ausmaß damals kaum vorhersehbare Auswirkungen. ← 433 | 434 →


1 Einen guten Überblick der Luxemburger Sprachgeschichte bietet der dritte Teil des Buches: Péporté, Pit u. a., Inventing Luxembourg. Representations of the Past, Space and Language from the Nineteenth to the Twenty-First Century, Leiden / Boston 2010, S. 295–311 für die hier interessierende Epoche.

2 Fehlen, Fernand, Die Stellung des Französischen in Luxemburg. Von der Prestigesprache zur Verkehrssprache, in: Sieburg, Heinz (Hg.), Vielfalt der Sprachen – Varianz der Perspektiven. Zur Geschichte und Gegenwart der Luxemburger Mehrsprachigkeit, Bielefeld 2013, S. 71–113.

3 Reimen, Jean-René, Esquisse d‘une situation plurilingue, le Luxembourg, in: La linguistique 2 (1965), S. 89–102.

4 Hoffmann, Fernand, Sprachen in Luxemburg (Beiträge zur luxemburgischen Sprach- und Volkskunde, 12 / Deutsche Sprache in Europa und Übersee, 6), Wiesbaden 1979.

5 Hoffmann, Fernand (Hg.), Dialektologie heute. Festschrift für Hélène Palgen = Pour une dialectologie moderne. Mélanges offerts à Hélène Palgen (Beiträge zur luxemburgischen Sprach- und Volkskunde, 11), Luxemburg 1979.

6 Kloss, Heinz, Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800 (Sprache der Gegenwart, 37), Düsseldorf 19782 (Erstausgabe 1952); Fehlen, Fernand, Der ungeplante Ausbau des Luxemburgischen im Spannungsfeld von Germania und Romania, in: Quo Vadis Romania? 45 (2015), S. 65–80.

7 Polenz, Peter von, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. III: 19. und 20. Jahrhundert, Berlin / New York 1999, S. 118.

8 Polenz, Sprachgeschichte (Anm. 7), S. 118.

9 Hess, Joseph, Die Sprache der Luxemburger, Luxemburg 1946; Bruch, Robert, „Deutsche Spracherziehung“ oder Sprachunterricht für Luxemburger?, in: Journal des professeurs 41 (1954), S. 36–56.

10 Bourdieu, Pierre, Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches, Wien 20052.

11 Diesem Beitrag lieg ein Textkorpus zu Grunde, der sich mit wenigen Ausnahmen auf den Untersuchungs­zeitraum von 1974 bis 1984 beschränkt: „Eis Sprooch“, die ab 1972 erscheinende Zeitschrift der Vereinigung „Aktioun Lëtzebuergesch“; diverse Dokumente des Gesetzgebungsprozesses zum Sprachengesetz von 1984; verschiedene Presseartikel, wobei das „Lëtzebuerger Land“ (damals noch: „Letzeburger Land“) wegen seiner leichteren Zugänglichkeit über www.eluxemburgensia.lu gegenüber den Artikeln und Leserbriefen in der Tagespresse privilegiert wurde; die den hier untersuchten Themen gewidmeten Sondernummern der Kulturzeitschriften forum 58 (1982): „Nationale Identität“ und Nos Cahiers 2 (1984): „Du sentiment national des Luxembourgeois“ sowie der Sammelband über die Integration der Ausländer: Institut grand-ducal, Section des sciences morales et politiques. Les étrangers et leur insertion à la collectivité luxembourgeoise, Luxemburg 1981.

12 Zur ersten Orientierung: Bourdieu, Pierre, Über einige Eigenschaften von Feldern, in: Bourdieu, Pierre (Hg.), Soziologische Fragen, Frankfurt am Main 1993, S. 107–114.

13 Seine Position im wissenschaftlichen Feld könnte man als Rückzugsgefecht der Dialektologie gegen die aufstrebende Soziolinguistik bezeichnen.

14 Hoffmann, Fernand, Sprachenkampf in Luxemburg?, in: Luxemburger Wort, 16.3.1972. Auch veröffentlicht in: Hoffmann, Fernand, Standort Luxemburg, Luxemburg 1974, S. 76–81.

15 Hoffmann, Sprachenkampf (Anm. 14).

16 Löffler, Heinrich, Germanistische Soziolinguistik, Berlin 20053, S. 161.

17 Hoffmann, Fernand, Pragmatik und Soziologie des Lëtzebuergeschen. Ein Versuch kommunikativer Sprachwissenschaft, in: Goudailler, Jean-Pierre (Hg.), Aspekte des Lëtzebuergeschen, Hamburg 1987, S. 91–194, bes. S. 152.

18 Hoffmann, Fernand, Sprachen in Luxemburg unter besonderer Berücksichtigung der Situation nach 1945, in: Jahrbuch für internationale Germanistik, 20,1 (1988), S. 45–62. S.50–59 behandeln die Folgen des Sprachengesetzes. Hier S. 51.

19 Hobsbawm, Eric, Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt am Main 1991, S. 131f.

20 Garcia, Núria, L’institutionnalisation inachevée de la langue luxembourgeoise. Une perspective de sociologie historique du politique, in: Gilles, Peter / Wagner, Melanie (Hg.), Bausteine der Luxemburgistik (Mikroglottika, 4), Frankfurt am Main 2011, S. 131–150, bes. S. 138 f.

21 Eine Ausnahme mit ausländerfeindlichem Beigeschmack: Biver, Jhemp, Lëtzebuergesch an der Schoul, in: Eis Sprooch 14 (1982), S. 37.

22 Roth, Lex, Alphabetisatioun op franséisch?, in: Eng Klack fir eis Sprooch 194 (2013), S. 1.

23 Differdinger Volksbildungsverein (Hg.), Dossier Spoo, Differdange 1974.

24 Drescher, Jacques, D‘Lëtzebuergescht soll Nationalsprooch gin. Brauche mer dofir e Gesetz? In: Letzeburger Land, 26.11.1982.

25 Zitiert nach Drescher, Lëtzebuergescht (Anm. 24).

26 „Den Zweck vun der Verenegong as fir alles anzetrieden, wat lëtzebuergesch as apaart fir eis Sprooch, geschwat a geschriwwen.“ Eis Sprooch (1) 1972, S. 37. Vgl. auch Schmit, Emil, 10 Joër Actioun Lëtzebuergesch, in: Eis Sprooch (13) 1981, S. 1–8.

27 Zitiert nach Rinnen, Henri, Actioun Lëtzebuergesch 20 Joër, in: Eis Sprooch Extra-Serie 5 (1992), S. 1–4, Hier S. 3.

28 Diese ehemaligen Mitglieder gründeten eine neue Vereinigung FELES („Fir eis Land, fir eis Sprooch“) und traten erfolglos bei den Parlamentswahlen an. Zum Konflikt und Rauswurf siehe: Lamy, Marcel, Rapport vun der Generalversammlung, in: Eis Sprooch 18 (1986), S. 71–80.

29 Siehe z. B. ein programmatisches Gedicht in der ersten Nummer der Verbandszeitschrift. Dort ist die Sprache das Mark, aus dem Luxemburg entsteht. Kartheiser, René, Eis Sprooch, in: Eis Sprooch 1 (1972), S. 2.

30 Rinnen, 20 Joer (Anm. 27).

31 Goetzinger, Germaine, Roger Manderscheid, in: Luxemburger Autorenlexikon, URL: http://www.autorenlexikon.lu [Stand am 10.7.2016].

32 Wilhelm, Frank, Éloge d‘un écrivain indigné: Guy Rewenig, in: forum 250 (2005), S. 44–50, bes. S. 45.

33 Rewenig, Guy, Festung und Waffe: die Heimatsprache. Über den Zusammenhang von Sprache und Identität, in: forum 58 (1982), S. 19–22.

34 Dem unter dem Pseudonym Norbert Krantz im Letzeburger Land publizierten Artikel: „Der heimliche Sprachenstreit“ folgte eine Antwort der AL und eine Gegenantwort von Krantz / Rewenig: Krantz, Norbert, Der heimliche Sprachenstreit. Zu den Zielen der „Actioun Letzebuergesch“, in: Letzeburger Land, 15.2.1974, S. 3 und S.10; Actioun Lëtzeburgesch, Mundartschlachtfest im Agrarghetto. Gegendarstellung der Actioun Lëtzeburgesch, in: Letzeburger Land, 15.3.1974, S. 9 f.; Krantz, Norbert, Von Kartoffelkäfern und Kaugummi oder: Heimatsprache aus der Retorte, in: Letzeburger Land, 22.3.1974, S. 8.

35 Krantz, Von Kartoffelkäfern (Anm. 34).

36 Krantz, Von Kartoffelkäfern (Anm. 34).

37 Fehlen, Fernand, Prolégomènes pour une étude du champ littéraire du Grand-Duché, Luxemburg 2010, URL : http://hdl.handle.net/10993/6161 [Stand am 10.7.2016].

38 Bourdieu, Sprechen (Anm. 10), S. 84.

39 Fehlen, Prolégomènes (Anm. 37), S. 19.

40 Conter, Claude D., Mischkultur, in: Kmec, Sonja u. a. (Hg.), Lieux de mémoire au Luxembourg. Usages du passé et construction nationale = Erinnerungsorte in Luxemburg. Umgang mit der Vergangenheit und Konstruktion der Nation, Luxemburg 2008, S. 23–28.

41 Hartmann, Claudia, Luxemburgisch: eine zum Tode verurteilte Sprache? In: Letzeburger Land, 30.4.1976, S. 8 f.

42 Hartmann, Luxemburgisch (Anm. 41).

43 Hirsch, Mario, Un patriotisme de circonstance. À propos d’un débat sur l’identité nationale des Luxembourgeois, in: Letzeburger Land, 11.8.1978, S. 6–7. Dieser Text ist eine Auseinandersetzung mit der im Luxemburger Wort veröffentlichten Interviewreihe mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Pierre Werner, Gilbert Trausch, Norbert von Kunitzki und Lex Roth. Reding, Viviane, Propos sur l’identité nationale, in: Luxemburger Wort, 20.6. / 22.6. / 24.6. / 27.6. / 30.6. / 7.7.1978.

44 Roth, Lex, Här Professer. J’accuse et je refuse qu’on abuse, in: Luxemburger Wort, 20.11.1982.

45 „La dictature à la Luxembourgeoise telle qu’elle est préconisée par Lex Roth est inacceptable.“ Le potinier, Roude Léiw huel se, in: Letzeburger Land, 26.11.1982, S. 2.

46 J.M.W., Un peu de courtoisie envers les Luxembourgeois, in: Luxemburger Wort, 11.2.78.

47 Thorn-Petit, Liliane, Un peu de courtoisie envers les étrangers, in: Républicain Lorrain, 19.2.1978.

48 Wörtlich n’existe que par les étrangers. M.R., Un peu de courtoisie envers les étrangers, in: Luxemburger Wort, 25.2.1978.

49 Roth, Lex, II n’y a pas que la courtoisie!, in: Luxemburger Wort, 4.3.1978.

50 Schmit, Emil, Wéi ass et méiglech?, Luxemburger Wort, 4.3.1978.

51 P.B.R., Auch du kommst mal ins Ausland, Luxemburger Wort, 4.3.1978.

52 Madame Résibois, zitiert nach Christophory, Jul, Luxembourgeois, qui êtes-vous? Echos et chuchotements, Luxemburg 1984, S. 171. Siehe auch: Eis Sprooch (9) 1978, S. 59.

53 Eis Sprooch 9 (1978), S. 59. Als Indiz für diese These kann man den Anstieg der Nachfrage nach der Luxemburger Sprache in den Stellenanzeigen des Luxemburger Wortes ansehen. Von 20% der Stellenanzeigen im Jahre 1984 stieg er auf 70% im Jahre 2014. Siehe: Pigeron-Piroth, Isabelle / Fehlen, Fernand, Les langues dans les offres d‘emploi au Luxembourg (1984–2014), Luxemburg 2015, URL: http://hdl.handle.net/10993/21300 [Stand am 10.7.2016], S. 23.

54 „Weidergereecht duerch d‘Joerhonnerten/méi al wéi d‘Riewe laanscht d‘Musel/ wéi d‘Bichen an d‘Eechen aus eise Bëscher […] Sprooch vum klenge Mann/vum Bauer hannert dem Plou/vum Wënzer am Wéngert/vum Minettsdapp/déif ënnen am Bierg/Lëtzebuergesch/Mammesprooch/du bass/déi schéinst vun alle Sproochen/du bass meng Sprooch.“ Hoffmann, Fernand, Lëtzebuergesch, Mammesprooch, in: Luxemburger Wort, 4.3.1978.

55 forum-Dossier, Mehrsprachigkeit in den Luxemburger Schulen, in: forum 44 (1980).

56 Mit spitzer feder wollte Roger Manderscheid die schweineblase provinz zum platzen bringen. Manderscheid, Roger, Der Aufstand der Luxemburger Allliteraten: eine subjektive Chronologie des Zickzackkurses der Federhalter, Esch/Alzette 2003, S. 62.

57 Reding, Propos (Anm. 43).

58 Lex Roth befand in der Wochenzeitschrift „Revue“: Mir wëssen, datt [de Statut vun eiser Sprooch, (Erg. d. Verf.)]] nët den Nuebel vun eiser Politik as, ower mir piddelen am Roff, bis datt et eppes déngt. Zitiert nach Eis Sprooch 10 (1979), S. 58.

59 Garcia, Núria, Le processus d’invention de la langue luxembourgeoise, thèse Master 2, IEP Paris 2009, S. 27.

60 Hirsch, Mario, Auf seine eigenen Kräfte zählen. Ein Gespräch mit Staats- und Außenminister Gaston Thorn, in: Letzeburger Land, 1.6.1979.

61 Luxemburgs Selbstverleugnung. Flucht des Miniaturstaates aus der deutschen Identität, in: Deutsche National-Zeitung, 7.3.1980, nachgedruckt in: Luxemburger Wort, 18.3.1980.

62 Abgedruckt in Eis Sprooch (12) 1981, S. 1.

63 m.h.[Mario Hirsch], Am Rande, in: Letzeburger Land, 13.6.1980.

64 Roth sprach von le catalyseur idéal. Zitiert nach Garcia, processus (Anm. 59), S. 134.

65 Notre langage n’est pas devenu une langue (Hochsprache), malgré les nombreux efforts entrepris dans ce sens depuis 1945. Notre territoire est petit et ce que nous sommes s’insère dans des espaces plus vastes. Avis du Conseil d‘Etat (12.10.1982). Alle Dokumente zum Gesetzgebungsprozess finden sich unter folgender Internetadresse, URL: http://chd.lu/wps/portal/public/Archives?lqs_fmid=&lqs_dpid=2535 [Stand am 10.7.2016].

66 Die Begriffe langue administrative (Verwaltungssprache) und langue judiciaire (Gerichtssprache) sowie langue de la législation (Gesetzessprache) wurden vorgezogen und die bis heute herrschende Rechtsdoktrin behauptet, dass es keine offizielle Amtssprache in Luxemburg gibt.

67 Kloss, Entwicklung (Anm. 6), S. 109.

68 Von 519 (1974) auf 3.894 (1980) laut Eis Sprooch 13 (1981), S. 7.

69 Goudaillier, Jean-Pierre, L’adhérence phonique en luxembourgeois, Thèse de doctorat, Université René-Descartes, Paris 1975; Schanen, François, Recherches sur la syntaxe du luxembourgeois de Schengen. L’énoncé verbal, Thèse de doctorat, Paris IV 1980.

70 Christophory, Jul, Mir schwätze lëtzebuergesch: nous parlons luxembourgeois: abécédaire luxembourgeois, guide bilingue de grammaire et de lecture = We speak Luxembourgish: luxembourgish primer, bilingual guide to grammar and reading, Luxemburg 1974, S. 13.

71 Krantz, Kartoffelkäfer (Anm. 34).

72 Der Versuch die Verwaltung zu verpflichten, einem Antragsteller in der Sprache des Anschreibens zu antworten, also auch auf Luxemburgisch oder Deutsch, scheiterte. Der Paragraph wurde zwar eingefügt, aber durch den Zusatz im Rahmen der Möglichkeit verwässert.