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Boccaccios «De mulieribus claris»

Einführung und Handbuch

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Heinz Willi Wittschier

Dieses Handbuch untersucht Boccaccios «De mulieribus claris» umfassend und kann so zeigen, dass sich das Werk über 106 besondere Frauen als «präfeministisch» erweist. Die unterstellte Misogynie Boccaccios ist einer Unkenntnis des lateinischen Originals oder eklektizistischem Umgang mit bloßen Fragmenten geschuldet. Umfassende Analysen von Übersetzungen und Forschungen erhellen jenen Irrtum: Boccaccio hatte, anders als Petrarca, ein bipolares Verständnis vom Menschen und setzte das Weltbild Plutarchs als gemeinsames Agieren von Männern und Frauen humanistisch fort. Vergleichende Blicke auf Christine de Pizans «Cité des Dames» zeigen, dass ein nur von und für Frauen vertretener Feminismus kein ausgewogenes Begreifen der Welt ermöglicht.

Das Handbuch schließt mit einer kommentierten Bibliographie zu Werk, Autor und angrenzenden Themenkreisen.

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1. Erste Annäherung an De mulieribus claris: Literatur- bzw. textgeschichtliche Voraussetzungen für eine Einschätzung und Wertung von Giovanni Boccaccios ‘Frauenbuch’. Plutarch, Petrarca, Boccaccios ‘De casibus’, Tugendkataloge der Bibel

Extract

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Wenn man sich mit Giovanni Boccaccios De mulieribus claris beschäftigt, es im Ganzen oder teilweise deutet, darf das nicht geschehen, ohne dass man vorausgegangene literarische Leistungen – gemeint sind zuvor geschriebene Porträtsammlungen (von Frauen) – außer Acht lässt. Allerdings sind in dieser Hinsicht manche Unterschlagungen festzustellen. Boccaccio äußerte sich, innerhalb der romanischen Literaturen gesehen, tatsächlich erstmals explizit und ausführlich über weibliche Schicksale in Form einer Zusammenstellung von Biographien oder Viten und schuf damit für die nachmittelalterlichen Epochen in durchaus pionierhafter Weise etwas Neues, nämlich ein, thematisch gesehen, betont feminines Schrifttum. Aber:

Bereits Plutarch aus Chaironeia (das ist Lucius Mestrius Plutarchus = Λούκιος Μέστριος Πλούταρχος: um 46 – nach 120 n. Chr.) hatte sich ausführlich über Frauen der Antike in Prosaform ausgelassen und dabei die Leistungen der Dargestellten Wertungen unterzogen. Wichtig ist diese Tatsache deswegen, weil auch Boccaccio die meisten seiner Viten Frauen des Altertums widmete. Bei Plutarch sind es vornehmlich Griechinnen, bei dem Italiener u. a. mythologische oder historische Gestalten der griechischen u n d der römischen Antike. Es ist in diesem Zusammenhang zunächst ohne Bedeutung, ob Boccaccio als ein Schriftsteller des 14. Jh.s die in Italien ziemlich spät wiederentdeckte Literatur in griechischer Sprache auch in Bezug auf Plutarch kannte oder nicht. Letzterer wurde jedenfalls alsbald nach ihm ein Autor der Weltliteratur: Sein Schaffen stand sozusagen in Europas kulturellem Raum.

Der Nestor des europäischen Humanismus, Francesco Petrarca (1304–74), verfasste bedeutende Werke auf Latein über antikes Kulturgut...

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