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Medizin im Konzentrationslager Flossenbürg 1938 bis 1945

Biografische Annäherungen an Täter, Opfer und Tatbestände

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Jessica Tannenbaum

Die Quellenstudie liefert einen Beitrag zur Medizingeschichte des KZ Flossenbürg. Durch die über 1945 hinausgehende Perspektive kann die Autorin in Übereinstimmung mit der aktuellen Täterforschung deutlich machen, wie Justiz und Standesvertretungen in der Nachkriegszeit mit den ärztlichen Tätern umgingen. Da das KZ Flossenbürg im Nürnberger Ärzteprozess keine Rolle spielte, hat dies die Einschätzung der medizinischen NS-Verbrechen an diesem Ort grundsätzlich verzerrt. Die Autorin zeigt, wie die Lagerärzte durch ein Netzwerk miteinander verknüpft waren und sich gegenseitig hilfreiche Dokumente sowohl während des 2. Weltkrieges als auch danach ausstellten. Am Sonderfall des Chirurgen H. Schmitz stellt sie dar, wie viele SS-Ärzte sich den juristischen Konsequenzen in Bezug auf das Lager Flossenbürg entziehen konnten.

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Das Verfahren vor dem Erbgesundheitsgericht

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1938 wurde Schmitz vom Amtsarzt der Stadt Gera, Dr. Hille, mitgeteilt, dass ihn jemand des „manisch-depressiven Irreseins“ verdächtigt habe.596 1947, während der Begutachtung durch den Psychiater I. F. Bennet, gab Schmitz an, zwischen 1932 und 1937 Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, sich aber seit 1935 vom Parteiprogramm innerlich distanziert und schließlich auch keine Mitgliedsbeiträge mehr bezahlt zu haben. Der örtliche Parteivorsitzende hätte ihn davor gewarnt, aus der Partei auszutreten. Die Behauptung, er sei „manisch-depressiv“,597 deren Urheber er nie kennen gelernt habe, führte Schmitz auf seine Weigerung, in der NSDAP zu bleiben, zurück.598 Diese Darstellung scheint jedoch wenig stichhal←136 | 137→tig, da die „innerliche Distanzierung“ ein häufig gebrauchtes Element in den Verteidigungsstrategien der Nachkriegsprozesse ist und da die Anamnese in Göttingen eindeutig die geschiedene Ehefrau als Denunziantin nennt599. Eine NSDAP-Mitgliedskarte konnte nicht eruiert werden.

Im Januar und Februar 1938 wurde Schmitz in Bad Harzburg untersucht; der Chef der dortigen Ärztekammer diagnostizierte eine ‚chronisch manisch-depressive Erkrankung’.600 Im Mai 1938 wurde die erste Ehe geschieden. Im August 1938 verließ Heinrich Schmitz seine Praxis in Gera überstürzt, überließ die Geschäfte seiner geschiedenen Ehefrau und eröffnete eine Praxis in Oldenburg. Die zweite psychiatrische Untersuchung fand 1939 statt und es wurde eine Hypomanie diagnostiziert.601

Am 6. Februar 1939 wurde Schmitz vom Amtsarzt der Stadt Gera, Dr. Hille, am Erbgesundheitsgericht (EG) Gera aufgrund der Diagnose „Manisch-depressives Irresein“ schließlich als erbkrank angezeigt. Bereits am 15. M...

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