Show Less
Open access

Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

Series:

Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

Show Summary Details
Open access

Regionale Unterschiede und Veränderungen im Wortschatz des Mecklenburgischen (André Köhncke)

André Köhncke

Regionale Unterschiede und Veränderungen im Wortschatz des Mecklenburgischen

Abstract: The article focuses on the lexical development of Low German in Mecklenburg over the last 50 years. It compares dialect recordings from the 1960´s against new data from 2004–2012. Using lexical examples from different semantic fields (predominantly agriculture), the paper demonstrates the regional variation in the lexicon of the Mecklenburg dialect and shows the continuing disappearance of regional lexical differences as well as an ongoing lexical approximation of the Low German dialect towards the High German standard language. Lexical differences can not only be detected between the old dialect records from the 1960´s and the new records from 2004–12, but also within the new records between the language samples of speakers from different generations.

1 Einleitung

1.1 Frühere Untersuchungen zur Wortgeographie

Der nachfolgende Beitrag fokussiert jüngere und rezente Entwicklungen im Bereich des Wortschatzes des Mecklenburgischen, insbesondere dessen wortgeographische Differenzierung und deren sukzessive Auflösung sowie die diachrone lexikalische Advergenz der mecklenburgischen Dialektvarietäten an die hochdeutsche Standardsprache.

Der Wortschatz des Mecklenburgisch-Vorpommerschen ist seit langer Zeit Untersuchungsgegenstand – sowohl von Laien als auch Wissenschaftlern. Schon im 16. Jahrhundert zeichnet der aus dem oberdeutschen Sprachgebiet stammende Rostocker Professor Nathan Chytraeus in seinem „Nomenclator latinosaxonicus“ niederdeutsche Wörter auf, die er nach Sachgebieten (Religion, Wasser und Flüsse, Metalle, Körper, Krankheiten, Tiere usw.) ordnet, und zwar vom Allgemeinen zum Speziellen (z. B. Tiere allgemein, vierfüßige Tiere, Pferde, Decken und Zierrat der Pferde usw.).1 Das Buch erlebte seit seiner Erstausgabe im Jahre 1582 zahlreiche Auflagen in Norddeutschland (z. B. in Bremen, Hamburg, Lübeck, Lemgo) und wurde in einigen Abschnitten erweitert, wobei das←71 | 72→ Verhältnis zwischen den Druckorten und dem darin enthaltenen Wortschatz bislang noch nicht vollständig geklärt worden ist.2

Bernhard Raupach führt in seiner 1704 erschienenen Dissertation sowohl Wörter als auch ganze Sätze an, um sie den hochdeutschen Entsprechungen gegenüberzustellen: „Se schmeten twlff schwarte Katten int Water; Miſnicè: Sie schmissen zwlff schwartze Katzen ins Wasser.“3 Hierbei kam es ihm aber darauf an, allgemein den Wert des Niederdeutschen zu betonen.4 Der Bützower Juraprofessor Ernst Johann Friedrich Mantzel behandelt 1757 in einer Dissertation und später seinen „Bützowschen Ruhestunden“5 vor allem „Idiotismen“ bzw. „Provinzial-Wrter“ und verzichtet deshalb auf Einträge, die „von einem Hochteutschen, auch andern, bald zu errahten oder nachzurahmen [sic]“ sind.6 Vielmehr konzentriert er sich auf Ausdrücke, „worauf ein mit der Meckl. geist- und weltlicher Rechtsgelahrtheit und Geschichte, auch Oeconomick, umgehender sonderlich achten muß“.7 Dabei geht er jedoch nicht auf lexikalische Unterschiede ein, die innerhalb des Landes herrschten.8 Auch nachfolgende Wörtersammlungen, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen sind, sind eher allgemein gehalten und differenzieren nicht wortgeographisch: Friedrich Frehse und Carl Friedrich Müller erfassen den Wortschatz der Werke Fritz Reuters,9 verfolgten mithin das Ziel, seine Schriften Lesern verständlich zu machen, die des Niederdeutschen nicht mächtig sind.10 Sibeth erhebt mit seinem Wörterbuch den Anspruch, „tiefer […] auf die Eigenthümlichkeiten und den Sprachschatz der mecklenburgischen Sprache“ einzugehen,11 doch verzeichnet er allenfalls gelegentlich orthographische Abweichungen zwischen städtischem und←72 | 73→ ländlichem Dialekt,12 macht aber keine Angaben, ob beispielsweise Wörter mit gleicher Bedeutung einfach als Synonyme aufzufassen oder auf eine bestimmte Region beschränkt sind. So erfasst er für das hochdeutsche ‚Geleise‘ Läus‘ und Trad; ob diese Wörter aber überall unterschiedslos oder spezifisch in verschiedenen Regionen gebraucht werden, lässt sich aus den Einträgen nicht erschließen.13

Erst im 20. Jahrhundert folgen Arbeiten, die sich mit regionalspezifischen Unterschieden im niederdeutschen Wortschatz beschäftigen: So untersucht Hugo Jacobs den südwestmecklenburgischen Raum.14 Im Vordergrund stehen in seiner Dissertation zwar die lautlichen Veränderungen seit mittelniederdeutscher Zeit. Jacobs widmet den lexikalischen Unterschieden in seiner Arbeit jedoch ein kleines Kapitel und zeigt besonders die Unterschiede zur Prignitz auf, behandelt aber auch diejenigen innerhalb seines Untersuchungsgebietes.15 Eine ausschließlich auf die Lexik konzentrierte Arbeit legt 1933 Rudolf Blume vor, der das alte Stargarder Land, d. h. den Hauptteil des ehemaligen Mecklenburg-Strelitz, untersucht hat. Er geht dabei sowohl auf Unterschiede innerhalb des Strelitzer Gebietes als auch zu dem angrenzenden Schweriner und Brandenburger Umland ein.16 Ergänzend hierzu hat sich Hermann Teuchert dem Lautstand im südlichen Stargard gewidmet, aber auch den Wortschatz untersucht, wobei er wie schon Blume die Gemeinsamkeiten mit brandenburgischem Wortgut auf niederfränkische Siedler zurückführt.17

Im Zuge der Arbeit am Mecklenburgischen Wörterbuch hat Teuchert einige wortgeographische Aufsätze veröffentlicht.18 Das Material für das Wörterbuch fußt auf der Zettelsammlung Richard Wossidlos, daneben wurden jedoch auch Fragebogen versandt, um die räumlichen Grenzen des Gebrauchs von Wörtern, die dieselbe Bedeutung aufweisen, genauer bestimmen zu können.19 Die Einteilungen, die Teuchert aufgrund der zusammengetragenen Belege ermittelt hat, sind später von William Foerste und anderen Autoren übernommen worden.20←73 | 74→

Eine der Fragen, denen dieser Beitrag nachgehen wird, ist daher, inwieweit diese Ergebnisse heute noch gültig sind, da das Material heute über achtzig Jahre alt ist und andererseits bereits damals in einer wenig beachteten kurzen Rezension aus dem Jahre 1929 einige Aussagen Teucherts präzisiert worden sind.21

Ein weiterer Aspekt, den dieser Aufsatz untersuchen möchte, ist die aktuelle Entwicklung des Wortschatzes, d. h. die Frage, inwieweit die deutsche Standardvarietät auf die mundartliche Lexik wirkt und wie Dialektsprecher mit neuen Entwicklungen im hochdeutschen Wortschatz und in der Sachkultur umgehen. Dieser Frage ist 1964 bereits Ulrich Bentzien nachgegangen, der dafür besonders den landwirtschaftlichen Sektor untersucht hat.22 Die Arbeit wird dazu an seine Ergebnisse anknüpfen.

1.2 Materialgrundlage

Um die Entwicklung des Wortschatzes seit der Zeit seiner Erhebung durch Wossidlo und Teuchert bestimmen und die damaligen Untersuchungsergebnisse gegebenenfalls präzisieren zu können, müssen neuere Sprachdaten herangezogen werden. Eine wichtige Grundlage für die nachfolgenden Ausführungen bilden Tonbandaufnahmen, die Jürgen Gundlach 1962/63 in Mecklenburg durchgeführt hat. Dazu befragte er in 61 Orten insgesamt 245 Probanden. In jedem Ort wurde mindestens ein Sprecher der ältesten, mittleren und jüngeren Generation aufgenommen.23 Das bedeutet natürlich, dass auch diese Belege inzwischen schon recht alt sind. Neuere flächendeckende Aufnahmen existieren aber nicht, so dass die Aufnahmen Gundlachs nach wie vor unverzichtbar sind. Außerdem sind die meisten Sprecher, die Niederdeutsch noch als Erstsprache erlernt haben, heute mindestens 70 Jahre alt, so dass die damals noch vorhandene Möglichkeit, mehrere Generationen von Mundartsprechern aufzunehmen,←74 | 75→ für neue Erfassungen oftmals gar nicht mehr gegeben ist. Probanden, die heute befragt werden können, gehörten am Beginn der 1960er Jahre größtenteils der jüngeren Generation an, sind aber in der Gegenwart trotz ihres hohen Alters zugleich zumeist die letzten, die das Niederdeutsche noch als Erstsprache erlernten.24 Die Anzahl derjenigen, die nach 1950 geboren sind und das Mecklenburgische noch auf muttersprachlichem Niveau beherrschen, ist dagegen recht gering. Zwar wird in Kindergärten und Schulen zum Teil Niederdeutsch gelehrt; dieses ist jedoch eine Variante, die die Besonderheiten der Ortsdialekte gar nicht mehr erfasst. Der in dieser Arbeit dargestellte Zustand stellt also eine Momentaufnahme dar, die aufgrund der weiter schwindenden Sprecherzahlen bald nicht mehr aktuell sein wird. Die dargelegten Unterschiede werden dann nur noch vereinzelt – wenn überhaupt – in der hochdeutschen Umgangssprache fassbar sein.25 Ferner ermöglichen es die Aufnahmen Gundlachs, einen Vergleich zwischen den Generationen von Sprechern an einem Ort zu ziehen, der heute ebenfalls kaum noch zu realisieren ist. Die Veränderungen im Wortschatz können so besser nachvollzogen werden, als wenn lediglich noch eine Sprechergeneration pro Ort untersucht werden kann.

Als eine bis an die Gegenwart heranführende Ergänzung und Vergleichsgrundlage zu den Aufnahmen Gundlachs dienen in meiner Studie neuere Aufnahmen, die zwischen 2004 und 2012 angefertigt wurden.26 Zur Unterscheidung von Gundlachs „alten Aufnahmen“ der frühen 1960er Jahre werden meine eigenen Aufnahmen im folgenden Text als „neue Aufnahmen“ bezeichnet. Der Forderung aus den 1960er Jahren, dass die Sprecher in dem jeweiligen „Aufnahmeort geboren, in ihm aufgewachsen und nicht lange von ihm abwesend gewesen sein“ sollten,27 ließ sich für die neuen Aufnahmen nicht immer erfüllen, da einige Gewährspersonen ihren Wohnort gewechselt haben. Insgesamt wurden 20 Probanden aus zehn Orten erfasst, deren geographische Lage ermöglichen sollte, die Aussagen der älteren Forschungsliteratur zur Wortgeographie Mecklenburg-Vorpommerns zu überprüfen. Diese Orte befinden sich←75 | 76→ hauptsächlich im heutigen Kreis Ludwigslust-Parchim bzw. den früheren DDR-Kreisen Schwerin-Land (Banzkow, Demen, Rastow, Sukow, Tramm), Parchim (Kossebade) und Ludwigslust (Menkendorf). Um einen Ausblick auf das weitere Umfeld der zentralmecklenburgischen Verhältnisse zu ermöglichen, wurden auch einzelne weiter entfernte Orte in die Betrachtung einbezogen (z. B. Bützow, Rostock, Wismar).

Der Großteil meiner Probanden ist am jeweiligen Aufnahmeort geboren und aufgewachsen. Das trifft insbesondere zu für die Aufzeichnungen aus Demen, Kossebade, Tramm und Menkendorf. Weiterhin erfasst wurden die Orte Bützow, Rastow, Rostock, Banzkow und Wismar, allerdings gelten hier Einschränkungen: Die Sprecherin aus Bützow lebt heute in Demen, der Wismarer in Crivitz, die beiden in Rostock aufgezeichneten Personen sind in Gnoien bzw. Bad Doberan aufgewachsen und sprechen deshalb auch nicht die Rostocker Mundart, der Rastower Sprecher kommt ursprünglich aus Goldenstädt, das aber in der Nähe des Aufnahmeortes liegt, und der Banzkower lebt seit fünfzig Jahren in Sukow, woher seine ebenfalls aufgezeichnete Ehefrau stammt. Dadurch kann also nicht in allen Fällen die übliche Ortsmundart erfasst werden, allerdings lassen sich durch die Ortswechsel Aussagen darüber treffen, inwieweit die Umzüge diese Probanden in ihrem Sprachverhalten beeinflusst haben. Ergänzend zu den genannten Aufnahmen wurden zwei Personen aufgezeichnet, die an der westlichen Grenze des mecklenburgischen Dialektgebietes leben, wobei eine aus dem Lübecker Stadtteil Schlutup stammt und auch dort ihr gesamtes Leben verbracht hat, die andere im niedersächsischen Woltersdorf (Kreis Herzogtum Lauenburg) lebt und in der Nähe zur mecklenburgischen Grenze aufgewachsen ist.

Die Gundlachschen Aufnahmen beinhalten einen hochdeutschen „Festen Text“ (FT), den die Sprecher in ihre Ortsmundart zu übersetzen hatten, sowie eine „Freie Erzählung“ (FE), in der frei mit dem Interviewer auf Niederdeutsch gesprochen wurde. Ergänzend dazu hat Gundlach Sätze für das Mecklenburgische Wörterbuch abgefragt, die sich jedoch von Region zu Region unterschieden.28 Für die neuen Aufnahmen wurde, um Einheitlichkeit zu gewährleisten, genauso verfahren, das heißt, nach einem freien niederdeutschen Gespräch wurden die Probanden gebeten, den selben Text und die Wörterbuchsätze zu übersetzen wie die Probanden Gundlachs vor gut 40 Jahren.←76 | 77→

2. Regionale Unterschiede im Wortgebrauch

2.1 Wortgeographische Binnengliederungen des Mecklenburgischen

Für die dialektgeographische Binnengliederung des Mecklenburgisch-Vorpommerschen werden von der Forschung neben lautlichen Unterschieden29 auch die Lexik herangezogen. Von den dabei üblicherweise zugrundgelegten Wörtern sind jedoch nicht alle auf den Aufnahmen der 1960er Jahre zu hören, so dass hier eine Auswahl getroffen wird, die Vergleiche zwischen den verschiedenen Zeitstufen ermöglicht. Dabei ist zu überprüfen, ob die gängigen Angaben in der Fachliteratur noch gültig sind.

Für Dieter Stellmacher ist das Mecklenburgische charakterisiert durch einen „Nord-Süd-Gegensatz, den die Linie Wittenburg-Crivitz-Goldberg-Friedland festlegt. Sie trennt die nördlichen Kütik, Tram, Trad, Arnbier von den südlichen Harrik, Sprat, Lois, Austkost ‚Hederich, Leitersprosse, Wagenspur, Erntefest’.“30 Auf den neuen Aufnahmen und weiteren Gesprächen ist daher gezielt nach diesen Wörtern gefragt worden oder sie bildeten z. T. das Gesprächsthema (z. B. das Erntefest), auf den alten Aufnahmen Gundlachs sind sie zumindest in einigen Orten abgefragt oder verwendet worden.

Teuchert unterscheidet hingegen zwischen einem „West-Ost-Gefälle“, worunter die Wörter Wädik/Arpel ‚Enterich‘ und Äwer/Bir ‚Eber‘ fielen, und dem von Stellmacher ausgemachten „Nord-Süd-Gegensatz“, wozu neben „Kütik Ackersenf, sinapis arvensis / Haddik, Harrik Hederich, raphanistrum arvense“31 und „Trad’/Leus’ Wagenspur, Geleise, Tram/Sprat Leitersprosse“ auch „Band/Seil Strohseil zum Binden des Strohbundes“ gehörten.32 Hans Joachim Gernentz stellt ebenfalls←77 | 78→ „– besonders deutlich im Wortschatz – Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden des Dialektgebietes“ fest, wobei er die bereits genannten Beispiele Teucherts übernimmt.33 Die Gruppe der in den neuen Aufnahmen erfassten Orte in Mecklenburg ist so gewählt, dass sie sowohl von den wortgeographischen Nord-Süd-Isoglossen als auch von den genannten West-Ost-Gegensätzen durchquert werden, die die ältere Dialektgeographie festgestellt hatte.

2.1.1 Ernte

Zunächst soll der wortgeographische Nord-Süd-Gegensatz untersucht werden. Die Beispiele hierfür gleichen sich bis auf ein Wortpaar, das nur Stellmacher nennt, und zwar die Bezeichnung für das Erntefest. Da die Ernte in einer ländlich geprägten Region wie Mecklenburg eine große Rolle spielte, soll auch die Bezeichnung dafür hier Untersuchungsgegenstand sein. Die beiden von Stellmacher angeführten Komposita Arnbier und Austkost unterscheiden sich in beiden Gliedern, das Bestimmungswort für „Ernte“ lautet demnach im Norden Arn, im Süden Aust. Das Wort ist dabei mittels der vorgegebenen Sätze für das Mecklenburgische Wörterbuch abgefragt worden. Auf den neuen Aufnahmen verwenden die Probanden fast ausschließlich Aust. Lediglich der Rastower und der Banzkower Sprecher sagen Oorn.34 Anzumerken ist, dass der Proband aus Banzkow schon seit über fünfzig Jahren im nordöstlicher gelegenen Nachbarort Sukow lebt. Seine Frau und seine Schwiegermutter sagen aber beide Aust. Er ist deshalb auch unsicher, als im Gespräch nochmals nachgefragt wird und wägt ab: „Oorn oder Aust. Nu geht’t inne Aust. Ja, un in de, inne Oorn. Ja.“ Schließlich entscheidet er sich für das von ihm bereits in den übersetzten Sätzen vorgetragene Wort Oorn. Die Unsicherheit ist demnach wohl auf den Umzug zurückzuführen. Dennoch scheint er das in Sukow gebräuchliche Wort jedenfalls nicht vollständig übernommen zu haben. Bereits diese Belege zeigen, dass die Verbreitung des Bestimmungswortes nicht mit der von Stellmacher angegebenen Isoglosse übereinstimmt, denn Demen liegt beispielsweise nördlich der Linie, dort verwenden die Probanden aber noch das von Stellmacher im Süden lokalisierte Aust. Auf den alten Aufnahmen dominiert dieses Wort ebenfalls großräumig. Es herrscht←78 | 79→ im Osten und der Landesmitte Mecklenburgs ausschließlich vor. Lediglich im Westen ist auf den Aufnahmen von 1962/63 Oorn zu hören. Östlichste Orte bilden hierbei Züsow, Pinnow und das später erfasste Banzkow. Allerdings schwanken die Sprecher zwischen beiden Bezeichnungen. Das ist auch in vielen anderen noch westlicher gelegenen Aufnahmeorten so. Stellvertretend sei hier ein Proband Gundlachs aus Hoben genannt, der im freien Gespräch immer wieder wechselt: „Un nåhher tau de Aust, tau de Oorn, denn säd‘ wi: ‚Ach, nu låt all een poor Dååg, acht Dååg, denn geht wedder bi de Aust, denn is dat Fischen wedder vörbi.‘“ Selbst in den westlichsten mecklenburgischen Aufnahmeorten Selmsdorf, Lüttow und Bennin lässt sich neben Oorn auch Aust nachweisen. Teilweise wechseln die einzelnen Sprecher zwischen beiden Wörtern, teilweise bevorzugt am selben Ort der eine Sprecher Aust der andere Oorn. Ausschließlich verwendet wird Oorn in den westlichen Grenzorten Schlagsdorf und Zweedorf, des Weiteren in Möllin und Woez. In Selmsdorf, Hoben, Alt Meteln und Pinnow überwiegt es, während Aust in Lüttow, Bennin und Pritzier dominiert. Im Südwesten ist dagegen in den alten Aufnahmen ausschließlich Aust zu hören, d. h. in Alt Jabel, Glaisin, Eldena, Lüblow und Prislich. Auch die Menkendorfer Probanden verwenden auf den 2012 angefertigten Aufzeichnungen dieses Wort. Die Sprecher in den an Mecklenburg angrenzenden holsteinischen bzw. lauenburgischen Orten Schlutup und Woltersdorf sagen in den neuen Aufnahmen Oorn. In Sumte, das von Gundlach ebenfalls erfasst worden ist, da es damals zur DDR gehörte, dominiert Aust, wenngleich auch Oorn vorkommt.

Während das Genus von Oorn stets Femininum ist, gibt das Mecklenburgische Wörterbuch für Aust an, es werde „heute häufig f[eminin]. gebraucht, wohl in Anlehnung an Oorn, […], sonst meist m[askulin]“.35 Auf den alten Aufnahmen überwiegt das Femininum. Es zeigt sich jedoch eine räumliche Verteilung für beide Genera: Das Maskulinum ist fast ausschließlich in Orten nachweisbar, die in Mecklenburg-Strelitz liegen. In Klein Trebbow, Triepkendorf und Peetsch übersetzen alle Probanden „nach der Ernte“ mit „nåh den Aust“, in Granzin und Röbel, das als einzige Ortschaft außerhalb des alten Stargarder Landes liegt, überwiegt es gegenüber femininem „nåh de Aust“, in Warlin, Cammin und Weisdin dominiert eben diese Form gegenüber dem Maskulinum. Diese Verteilung könnte mit der Verbreitung des Wortes Aust zusammenhängen: Da es von Südosten aus Oorn verdrängt hat und mittlerweile auch im Westen verwendet wird, haben die Sprecher offenbar zwar das Wort übernommen, aber nicht dessen Genus. In←79 | 80→ Mecklenburg-Strelitz, wo es schon länger verwendet wird, hat sich dagegen das ursprüngliche Maskulinum halten können.

Für das Wort „Ernte“ lässt sich somit feststellen: Noch in den 1960er Jahren ließ sich ein West-Ost-Gegensatz zwischen beiden Bezeichnungen ausmachen, der aber bereits damals zusehends schwand. Aust dominiert im Untersuchungsgebiet sowohl auf den alten Aufnahmen wie auch auf den neueren Erhebungen, lediglich im Westen Mecklenburgs ist noch Oorn im Gebrauch, so dass sich dieser Landesteil wortgeographisch vom Rest abhebt. Auf den neueren Aufzeichnungen verwendet dieses Wort nur noch ein aus Banzkow stammender Sprecher. In Menkendorf, das den westlichsten Ort der neueren Erhebungen darstellt, gilt bereits Aust, wobei die Probanden des in Nachbarschaft gelegenen Eldena bereits in den 1960er Jahren ebenfalls ausschließlich dieses Wort nutzten. Beide Orte liegen auf dem südlichsten Planquadrat der Erhebung Gundlachs und setzen sich von den nördlicheren Orten z. B. auch in der Aussprache von „mähen“ und „zehn“ ab.36 Im gesamten Westen war allerdings schon in den 1960er Jahren Aust bereits üblich. Das dominierende Genus für Oorn und Aust ist das Femininum. Eine maskuline Form existiert nur für Aust, die aber wiederum nur in Mecklenburg-Strelitz und Röbel zu hören ist.

2.1.2 Erntefest

Es wäre nur folgerichtig, dass die Verteilung von Aust und Oorn auch für das Ernte-fest gilt. Es zeigt sich aber, dass das Bestimmungswort Oorn- weiter verbreitet ist als das Simplex. Auf den alten Aufnahmen ist es in Züsow, Pinnow, Zahrensdorf und Mestlin zu hören, auf den neueren in Banzkow Demen, und Kossebade, das heißt, es kommt auch in Orten vor, die westlich von Schwerin liegen, was beim Simplex „Oorn“ nicht der Fall war. In diesem Gebiet herrscht noch heute ein Nebeneinander von Aust ‚Ernte‘ und Oornbier ‚Erntefest‘ vor. Die östlichste Ortschaft, in der das Erstglied Oorn- nachgewiesen werden kann, ist auf den alten Aufnahmen Satow, das östlich des Plauer Sees liegt. Es kommt in den oben genannten Orten allerdings nur in diesem einen Wort vor, andere Komposita mit ‚Ernte‘ als Bestimmungswort werden dagegen mit Aust gebildet. So heißt die ‚Kartoffelernte‘ in Demen Tüffelaust. Das Bestimmungswort in ‚Ernte←80 | 81→fest‘ ist also erstarrt und nicht mehr produktiv – ganz im Gegensatz zum Westen, wo Oorn nach wie vor auch für Wortbildungen verwendet wird.

Im Norden Mecklenburgs ist Aust- schon weiter westlich belegt und begegnet in Retschow und Letschow als Austbier. Im Osten wechselt das Grundwort und lautet in Jördenstorf, Bansow, Nossentiner Hütte, Carolinenhof und Peetsch Austköst. In den anderen Strelitzer Orten sowie Kölzow und Eldena verwenden die Sprecher bereits auf den alten Aufnahmen das hochdeutsche Wort Erntefest. Für den Südwesten wird auf den alten Aufnahmen bis auf Eldena kein Wort für das Erntefest genannt. In Menkendorf gibt der Proband an, dass man Erntefest sage oder Austfest, wobei ihm aber auch Oornbier geläufig ist, das aber im Ort nicht gesagt werde.37

Anhand der Befunde lässt sich feststellen, dass bei ‚Erntefest‘ kein Nord-Süd-Gegensatz vorliegt, da Oornbier auch in nördlichen Orten zu finden ist, z. B. in den 1960er Jahren in Welzin, Züsow, Zahrensdorf und noch heute in Demen, während im südöstlichen Peetsch Austköst üblich ist. Vielmehr ist wie bei Aust/Oorn ein Unterschied zwischen Ost und West auszumachen, wie er – allerdings nur sehr grob – bereits in einer Karte im Mecklenburgischen Wörterbuch dargestellt ist.38 Die neueren Befunde zeigen einen Wechsel von Oornbier zu Austbier, das schließlich zu Ausköst übergeht, im Süden folgt auf Oornbier Austköst.39 Die Variante Oornklaatsch, die als Streubeleg im Norden auf der besagten Karte des Mecklenburgischen Wörterbuchs angegeben wird, war auf keiner der alten und neuen Aufnahmen mehr zu hören.

2.1.3 Hederich, Leitersprosse und Strohband

Über die anderen in der Literatur genannten Wörter können keine präzisen Angaben zur regionalen Verbreitung gemacht werden, da diese nur in wenigen Ortschaften abgefragt und kaum im freien Gespräch verwendet wurden: Hochdeutsch Hederich (Ackersenf, Ackerrettich) erscheint in der überwiegenden Zahl der Aufnahmeorte Gundlachs als Harrick, die umgelautete Form Härrick ist in den südwestlichen Orten Alt Jabel, Glaisin und Eldena zu hören. Die Probanden auf←81 | 82→ den neuen Aufnahmen kennen das Wort teilweise gar nicht mehr und weichen entweder auf andere Bezeichnungen aus (z. B. in Demen Quäck und Unkruut) oder verwenden das Wort der hochdeutschen Vorlage Hederich. In Kossebade lautet das Wort Harrick, in Demen war dieses Wort nur auf Nachfrage hin bekannt, in Menkendorf verwendet der Sprecher wie in den auf den alten Aufnahmen erfassten Nachbardörfern Härrick. Das Wort Kütik, das laut Stellmacher nördlich der Linie Crivitz-Goldberg für Hederich genutzt werde, war im nördlich davon gelegenen Demen gänzlich unbekannt; der einzige neuere Nachweis für dieses Wort stammt von einem Sprecher aus Rostock, der jedoch ursprünglich aus Bad Doberan kommt. Die altdialektalen Lexeme Kütik und Harrick/Härrick scheinen seit der Befragung Gundlachs weiter aus dem mecklenburgischen Wortschatz zu schwinden, entsprechend beginnen hier auch die regionalen Differenzen zu verschwimmen.

Die Leitersprosse wurde auf den alten Aufnahmen lediglich im Osten Mecklenburgs abgefragt, daher lassen sich für das übrige Untersuchungsgebiet nur bedingt Aussagen machen. In Bansow, Bristow, Brudersdorf und Jördenstorf übersetzen die Probanden Gundlachs das Wort mit Leddertråm bzw. -trån. Die Sprecher im südlicher gelegenen Carolinenhof schwanken, hier verwendet eine ältere Frau Tråm, ein anderer Proband jedoch Ledderspråt. Letzteres gilt ausschließlich in Mecklenburg-Strelitz und in den südlichen Orten Ostmecklenburgs. Daneben nutzen vor allem jüngere Sprecher bereits in den 1960er Jahren halbhochdeutsches Ledderspross, so z. B. in Bansow, Bristow, Carolinenhof, Granzin, Nossentiner Hütte, Peetsch, Triepkendorf und Weisdin. Diese Bezeichnung verdrängt damit sowohl nördliches Tråm als auch südmecklenburgisches Språt. Diese Tendenz setzt sich auf den neuen Aufnahmen fort: In Demen, Kossebade und Rastow wird diese Form ausschließlich benutzt, wobei Språt zumindest noch bekannt ist. Die rein niederdeutsche Bezeichnung ist noch in Menkendorf und Tramm zu hören. Für Tråm gibt es in den neuen Aufnahmen auch in nördlichen Teilregionen keinen Nachweis mehr. Das hochdeutschnähere Språt (vgl. Sprosse) scheint abbauresistenter zu sein als Tråm.

Über die Verbreitung von Trad/Läus‘ ‚Geleise, Wagenspur‘ und Band/Seil (zum Binden von Stroh), für die die frühere Wortgeographie jeweils eine nord-südliche Raumgliederung annahm, können kaum aktuellere Aussagen getroffen werden, da diese Wörter auf den Aufnahmen der 1960er Jahre nicht abgefragt wurden. Läus‘ ist auf keiner der neuen Aufnahmen zu hören, der Sprecher aus dem recht weit südlich gelegenen Rastrow sagt im freien Gespräch Trad. Diese Bezeichnung herrscht auch in Demen und Kossebade vor. Neben der geringen Belegdichte ergibt sich bei Band/Seil eine zweite Schwierigkeit, da die Probanden auf den neuen←82 | 83→ Aufnahmen beide Bezeichnungen verwenden, es sich dabei jedoch offensichtlich nicht um Synonyme handelt. Seil benutzen sie, um darzustellen, dass die Garben mittels Strohhalmen gebunden wurden, später nutzte man dazu das künstliche Band. Hier ist zwischen den ehemals regionalspezifischen Wörtern offensichtlich eine semantische Differenzierung eingetreten.

Trotz der teilweise dünnen Belegdichte kann festgehalten werden, dass der von Stellmacher beschriebene „Nord-Süd-Gegensatz“ für Ornbier/Austköst empirisch nicht bestätigt werden kann. Für die anderen bei Stellmacher in nord-südlicher Dimension gegliederten Wörter ist diese wortgeographische Linie für heutige Verhältnisse zumindest zu ungenau, da die nördlichen Kütik und Tråm im nördlich gelegenen Demen unbekannt sind und dort stattdessen die für den Süden angegebenen Bezeichnungen noch gelten. Das nördlich der Isoglosse lokalisierte Tråd wird hingegen selbst noch in den viel südlicher gelegenen Ortschaften Rastow oder Kossebade verwendet. Meine neuen Aufnahmen deuten darauf hin, dass bei allen genannten Belegwörtern für einen wortgeographischen „Nord-Süd-Gegensatz“ ein Abbauprozess eingesetzt hat, mit dem die altdialektalen Lexeme fortschreitend außer Gebrauch kommen.

2.2 Tier- und Pflanzenbezeichnungen

2.2.1 Enterich und Eber

Nach Teuchert existiert im Mecklenburgischen auch ein „West-Ost-Gefälle“, wofür er u. a. unterschiedliche Bezeichnungen für den Enterich anführt. Daher soll im Folgenden die Verbreitung der niederdeutschen Äquivalente Wädik und Arpel untersucht, aber auch auf die regionale Gliederung anderer Tier- und Pflanzenbezeichnungen eingegangen werden.

Die westliche Bezeichnung Wädik ist auf den alten Aufnahmen Gundlachs noch in den westmecklenburgischen Orten Alt Meteln, Boldela, Groß Lantow, Hoben, Möllin, Warnow und Zahrensdorf zu hören; in Boldela, Groß Lantow und Lüblow erscheint sie auch als Wäding. Arpel und Erpel dominieren im Osten, sind aber auch in der Landesmitte nachweisbar. Besonders hochdeutsches Erpel dringt dabei immer weiter nach Westen vor, wie bereits die Aufnahmen aus den 1960er Jahren belegen, da das Wort damals bereits in Selmsdorf, Möllin, Alt Jabel, Prislich, Warnow und Zahrensdorf vorkommt. Auf den neuen Aufnahmen seit 2004 ist Erpel im gesamten Untersuchungsgebiet fast ausschließlich zu hören. In Kossebade ist Wädik auf Nachfrage hin noch bekannt und wurde dem Vernehmen nach noch in den 1960er Jahren von den Eltern der beiden Sprecherinnen genutzt, in Tramm korrigiert der ältere Sprecher Erpel zu Wäding. In Demen gilt ausschließlich Erpel, Wädik hingegen ist völlig unbekannt, ein Sprecher meint sogar,←83 | 84→ dass es nicht Mecklenburgisch sei. Wossidlo stellte bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Warener Raum fest, dass diese Bezeichnung einigen Gewährsleuten nicht bekannt war.40 Weiterhin stellte er fest, „[b]eide Namen [d. h. Wädik und Arpel, A. K.] gehen durcheinander in der Gegend Lübz-Parchim-Crivitz, und Dargun-Gnoien-Laage-Tessin-Rostock“.41 Das erklärt auch, warum Wädik in Kossebade noch bekannt ist, in Demen aber nicht. Offenbar ist Erpel in der letztgenannten Ortschaft schon länger in Gebrauch.

Im Südwesten Mecklenburgs heißt der Enterich laut Mecklenburgischem Wörterbuch hauptsächlich Wänker.42 Diese Bezeichnung gilt den Aufnahmen Gundlachs zufolge noch im Südwesten in Alt Jabel, Eldena, Menkendorf, Glaisin und Prislich, allerdings dringt auch hier schon in den 1960er Jahren wie oben erwähnt Erpel vor. Die Sprecher in den nordwestlichsten Aufnahmeorten Schlagsdorf und Selmsdorf verwenden die aus Wädik gekürzte Form Wäät. Das gilt auch für das außermecklenburgische Sumte. Im holsteinischen Schlutup ist in den neuen Aufnahmen Enterich zu hören, der Woltersdorfer Sprecher verwendet bereits Erpel.

Eine klare West-Ost-Verteilung von Wädik/Erpel bzw. Arpel ist also nicht mehr vorhanden. Die entsprechende Karte im Mecklenburgischen Wörterbuch ist damit nicht mehr aktuell.43 Allerdings handelte es sich schon in der Entstehungszeit des Wörterbuch offenbar um keine strikte regionale Unterscheidung, weil auf der genannten Karte ein geschlossenes Wädik-Gebiet dargestellt wird, dessen Ostgrenze sich über Laage und Güstrow erstreckt, wobei aber auch im östlichen Arpel-Territorium noch Streubelege für die Bezeichnung Wädik verzeichnet wurden. Wossidlo hat andererseits bereits für einige Gegenden innerhalb des westlichen Wädik-Gebietes ein Durcheinander beider Formen festgestellt, so dass die Karte auch dort zumindest Streubelege für Arpel aufweisen müsste.

Auch der von Teuchert angeführte West-Ost-Unterschied zwischen Bir und Äwer ‚Eber‘ schwindet zusehends. Das Wort wurde auf den alten Aufnahmen allerdings nur im Südwesten abgefragt, jedoch lässt sich anhand der neuen Aufnahmen die Tendenz zum Abbau des West-Ost-Gegensatzes aufzeigen. Laut Karte im Mecklenburgischen Wörterbuch gilt im Großteil Mecklenburg-Vorpommerns←84 | 85→ Bir,44 im Westen Mecklenburgs Bir und Äwer nebeneinander, im Südwesten von der Gegend um Lübtheen bis nach Röbel die Entsprechung Kemp.45 Das letztgenannte Wort ist in Alt Jabel, Eldena, Glaisin, Lüblow, Marnitz und Prislich in den alten Aufnahmen noch zu hören, allerdings nur von den älteren Sprechern. Die jüngeren nutzen bereits in den 1960er Jahren das der Standardsprache nähere Äwer. Auf den neuen Aufnahmen dominiert diese Bezeichnung bereits. In Tramm bevorzugen es beide Sprecher, der ältere kennt Kemp aber zumindest noch. In Demen und Kossebade übersetzen alle Sprecher „Eber“ mit Äwer, wenngleich Bir wiederum noch allen bekannt ist. Der Wismarer Sprecher und der aus Gnoien stammende Rostocker kennen nur Äwer. Lediglich zwei Probanden verwenden dieses Wort nicht: Im südwestlichen Menkendorf nutzt der Sprecher Kemp, der aus Bad Doberan stammende Rostocker Bir. Das laut Mecklenburgischem Wörterbuch im Untersuchungsgebiet dominierende Bir ist demnach heute zumindest in der Gegend Crivitz – Parchim größtenteils nur noch im passiven Wortschatz vorhanden, das heißt, das westliche Äwer setzt sich auch in östlichen Regionen Mecklenburgs immer weiter durch und verdrängt die beiden anderen Bezeichnungen Bir und Kemp.

2.2.2 Ameise, Frosch/Kröte und Regenwurm

Ausgleichstendenzen lassen sich auch für die Bezeichnungen für Ameise, Frosch/Kröte und Regenwurm feststellen, allerdings herrscht hier teilweise noch eine recht große Formenvielfalt, die im Folgenden dokumentiert werden soll.

Für die Ameise werden im Mecklenburgischen drei verschiedene Grundwörter genutzt: Eemk, Mirr und Mink. Diese können sowohl als Simplex aber auch als Kompositum auftreten. Mink wird als einfaches Wort jedoch nur vom Banzkower Probanden verwendet. Die nachfolgenden Angaben gelten für den Osten und die Mitte Mecklenburgs, für den Westen und Südwesten konnten lediglich die neuen Aufnahmen herangezogen werden, da das Wort von Gundlach nicht abgefragt worden ist. Eemk und Mirr treten in zahlreichen Varianten auf: Äänken (Nossentiner Hütte), Eenken (Nossentiner Hütte), Inken (Broock, Nossentiner Hütte, Satow) bzw. Määrden (Granzin), Miern (Carolinenhof, Granzin). Häufig werden sie mit den Verben miegen oder pissen ‚urinieren‘ verbunden, wobei einige Sprecher Eemk kürzen: Miechäämken (Jördenstorf), Miecheemken←85 | 86→ (Bansow), Miecheem (Jördenstorf), Miecheenken (Bansow), Pisseemk (Rostock [Gnoien]), Pissmirrn (Warlin). Mink erscheint fast ausschließlich als Kompositum Pisseminken (Demen, Kossebade, Nossentiner Hütte, Rostock [Bad Doberan], Satow, Tramm sowie im außermecklenburgischen Woltersdorf). In Bansow, Bruderstorf und Jördenstorf wird Eemk als Grundwort schließlich zu -imm gekürzt: Miechimm. Damit ergibt sich ein Anschluss an Imm ‚Biene‘. So ist wohl auch die Übersetzung Miechhäuhner zu erklären, die in Bruderstorf zu hören ist, d. h., das Grundwort wird in Anlehnung an Imm weiter variiert.46 Ein von dieser Bildungsweise abweichendes Kompositum benutzt der Menkendorfer Sprecher: Er übersetzt das Wort mit Sprockeemk.

Für die beiden Grundwörter Eemk und Mirr gilt dabei nach den Befunden der älteren und neueren Aufnahmen folgende geographische Verteilung: Letztgenanntes tritt ausschließlich in Mecklenburg-Strelitz auf und wird auch noch in Kieve, Röbel und Carolinenhof verwendet, im übrigen Untersuchungsgebiet gilt Eemk bzw. Mink/Pissemink. Daneben treten weitere Mischformen auf, die vor allem auf hochdeutschen Einfluss zurückzuführen sind: Aminken (Rastow, Nossentiner Hütte), Emsen (Wismar, lautlich [Emz]) sowie das standardsprachliche Wort selbst. Dieses lässt sich bereits auf den alten Aufnahmen in fast allen Ortschaften nachweisen,47 auf den neuen Aufnahmen in allen Untersuchungsorten. Ameise wird von den Sprechern als „feiner“ empfunden, das mundartliche Wort gilt – gerade wegen des Erstgliedes Miech-/Piss- – teilweise als anstößig, so dass es bei den Übersetzungen auf den neuen Aufnahmen zumindest von einigen Probanden bewusst gemieden worden ist.48

Auch „Frosch“ und „Kröte“ werden schon gelegentlich mit den hochdeutschen Wörtern wiedergegeben. Daneben sind aber auch die mundartlichen Lexeme noch geläufig. Wie schon bei Ameise werden unterschiedliche Grundformen ge←86 | 87→nutzt, die dann ihrerseits noch variiert werden. Als Simplex kommen den Aufnahmen Gundlachs zufolge in Kieve zum Beispiel Pogg und Hücks vor. Letzteres wird andernorts als nicht mehr erkennbares Kompositum in Verbindung mit quad ‚böse‘ immer wieder abgewandelt. Als Beispiele seien genannt: Quaducks (Lüttow, Glaisin, Selmsdorf), in Demen lautmalerisch erweitert zu Quaggadux, in Nossentiner Hütte zu Quaddahucks und Quarraducks. Stärker abgewandelt findet es sich als Quollducks in Menkendorf und Kollducks in Bristow, Jördenstorf, Kossebade, Sukow und Tramm bzw. Kollduck und Kullhücks in Jördenstorf sowie Kullhucks in Bansow. Des Weiteren wird das Grundwort mit Padde ‚Frosch‘ verbunden, so dass wiederum verschiedene Komposita entstehen: Parraducks (Broock, Satow), Parucks (Broock), Parrahucks (Satow), Pårrahücks (Röbel). Das in Zweedorf belegte Quedütschen setzt sich aus quad und dem nicht als Simplex belegten Ütze zusammen.49 Pogg wird ebenfalls in Verbindung mit anderen Wörtern als Kompositum gebraucht: Schottspogg (Jördenstorf), Rietpogg (Bansow, Jördenstorf) und Irdpogg (Bansow).

Die Bedeutung der beiden Grundwörter schwankt, d. h., sie bedeuten nicht überall ausschließlich ‚Frosch‘ oder ‚Kröte‘. Ersterer heißt in Bansow beispielsweise Kollducks/Kullhucks, letztere Irdpogg bzw. Rietpogg. Auch in Bristow und Jördenstorf verwenden die Sprecher für den Frosch Varianten von Kollducks, die Kröte heißt dagegen Rietpogg, Schottpogg bzw. einfach Pogg. In den südlicheren Orten Röbel und Granzin ist mit dem Simplex Pogg aber der Frosch gemeint, während die Kröte als Kröt oder Pårrahücks bezeichnet wird. Anhand der Belege lässt sich folgende wortgeographische Einteilung gewinnen: Im Nordosten Mecklenburgs nennen die Probanden den Frosch Kollducks (das aber in unterschiedlichen Varianten auftreten kann), die Kröte Pogg, oder sie bilden mit diesem als Grundwort ein Kompositum. Im übrigen Mecklenburg ist Pogg häufig der Name des Frosches, die zahlreichen Komposita mit Hücks, mitunter auch das Simplex, bezeichnen die Kröte. Die Unterscheidung zwischen beiden Tieren ist schon aufgrund der gewissen Ähnlichkeit nicht immer konsequent,50 teilweise sind die Sprecher auf den neuen Aufnahmen auch unsicher.51

Der Regenwurm wird häufig schon mit dem der Standardsprache nahestehenden Wort Rägenworm bezeichnet, so u. a. in den alten Aufnahmen bereits in Eldena, Alt Jabel, Lancken und durchgängig auf den neuen Aufnahmen aus den←87 | 88→ Jahren nach 2004. Die mundartlichen Bezeichnungen sind am Beginn der 1960er Jahre allerdings in all diesen Orten noch bekannt gewesen. Gundlach hat das Wort nur im Westen abgefragt, so dass für den Osten und Mecklenburg-Strelitz keine Belege aus den 1960er Jahren vorliegen. Der am weitesten verbreitete dialektale Ausdruck ist in den Aufnahmen Gundlachs noch Maddik, der in Alt Meteln, Boldela, Groß Lantow, Hoben, Pinnow, Warnow und Zahrensdorf als [marɪk] artikuliert wird, in den neueren Erhebungen ist er noch zu hören in Kossebade; in Demen und Tramm erscheint er als [marɪŋk]. Diese Ausspache ist auch einmal auf den Gundlach’schen Aufnahmen in Boldela zu hören.52 Im Südwesten herrscht 1962/1963 Mett (bzw. als flektierte Form Metten) in fast allen Orten vor, so auch im lauenburgischen Woltersdorf; in Eldena findet sich leicht abgewandeltes Metk. Die Sprecher in Glaisin übersetzen das Tier mit Melger, in Lüblow ist die nicht umgelautete Form Matt üblich. In Spornitz heißt es Måd [mɔː]. Die aus der Prignitz stammende Bezeichnung Piermåd erscheint in Marnitz und Prislich an der Südgrenze Mecklenburgs.53 All diese Bezeichnungen werden aber, wie oben dargestellt, durch standardnahes Rägenworm verdrängt.

3 Entwicklungstendenzen im mecklenburgischen Wortschatz

3.1 Wortneubildungen

Ulrich Bentzien hat bereits in den 1960er Jahren den Einfluss der modernen Technik auf den Wortschatz des Mecklenburgischen untersucht und drei Möglichkeiten der Bildung bzw. der Übernahme neuer Wörter aus dem Hochdeutschen ermittelt:

1. „Volkssprachliche Eigenbewältigungen“,54

2. Verkürzungen, „Verniederdeutschungen“ und Übersetzungen der standardsprachlichen Bezeichnung55 sowie

3. einfache Übernahme des „offiziellen“ Begriffs56←88 | 89→

Neue Wortschöpfungen, die unabhängig von der Standardsprache gebildet werden, kommen im Niederdeutschen heute nur noch selten vor und sind zumeist humorige oder literarische Schöpfungen wie z. B. Ackersnacker ‚Handy‘, Kiekschapp ‚Fernseher‘ oder Hulbessen ‚Staubsauger‘.57 Sie haben nach Gernentz kaum Aussicht, sich dauerhaft im alltäglichen Sprachgebrauch durchzusetzen.58 Größere Verbreitung hat lediglich Rucksackbull ‚Besamungstechniker‘ erfahren.

Weitaus gebräuchlicher sind Verkürzungen, Verniederdeutschungen und Übersetzungen der standardsprachlichen Ausdrücke. Die im Folgenden gewählten Beispiele stammen aus den neuen wie alten Aufnahmen. Aufgrund des technischen Fortschritts veralten viele Maschinen und damit auch die dazugehörigen Bezeichnungen sehr schnell, doch sollen auch sie hier erwähnt werden, um die lexikalischen Bildungsweisen zu verdeutlichen.

Oftmals übernehmen die Sprecher einfach die Wörter der Standardsprache, passen sie aber lautlich an die Mundart an. Ein Mittel der phonetischen Adaption ist dabei das Fortlassen des Schwas am Ende des Wortes, z. B. Maschin, E-Anlåg, Grenz oder Thermosflasch. Dies ermöglicht eine schnelle Übernahme neuer Wörter ins Niederdeutsche. Daneben werden besonders bei Komposita Teile oder alle Bestandteile ins Niederdeutsche übertragen: Gewerbeschaul ‚Gewerbeschule‘, Zentrålschaul ‚Zentralschule‘, Fischgrädenmelkhus ‚Fischgrätenmelkstand‘, Fohrerlaubnis ‚Fahrerlaubnis‘, Fohrradbereifung ‚Fahrradbereifung‘. Teilweise ist nicht zu entscheiden, ob es sich um eine rein lautliche Verniederdeutschung oder um eine Übersetzung handelt, d. h. ob einfach Laut für Laut in das niederdeutsche Äquivalent umgesetzt wird oder aber die standardsprachlichen Wörter ausschlaggebend sind und es sich damit um eine Wort-für-Wort-Übersetzung handelt. Bentzien führt z. B. Dampkätel als Laut-für-Laut-Übertragung an, aber es könnte sich dabei auch um eine wörtliche Übersetzung handeln,59 da die Formative in diesem Fall in Mundart und Hochsprache übereinstimmen.

Schaut man sich jedoch die Neubildungen an, dann scheinen die Sprecher zumeist die Wortbestandteile in die Mundart zu übertragen, d. h., sie wenden keine phonologischen Strategien an, sondern lexikalische: Fohrrad [fɔɐrat],60 Utpuff←89 | 90→ ‚Auspuff‘, Fautball ‚Fußball‘. Deutlich wird das an der Bezeichnung für den Mähdrescher, bei der drei Varianten zu hören sind: das standardsprachliche und somit unveränderte Wort Mähdrescher, das halbniederdeutsche Meihdrescher sowie das seltener vorkommende Meihdöscher.61 Die unterschiedlichen Bezeichnungen resultieren in dem Fall daraus, wie konsequent der Sprecher das Kompositum übersetzt hat. Dabei zeigt sich an den unterschiedlichen Stufen, dass Wort für Wort vorgegangen wird, wobei hochsprachliche Bestandteile entweder einfach integriert oder übersetzt werden. Deutlich wird das auch an Fernsehkieken ‚das Fernsehprogramm schauen‘ und Fernsehkieker ‚Fernsehzuschauer‘.62 Diese Strategie ist deshalb nur eindeutig erkennbar, wenn Bestandteile des Kompositums vom standardsprachlichen Formativ abweichen, z. B. Käuhlschapp ‚Kühlschrank‘ und Trüggslag ‚Rückstoß beim Gewehr‘. Beispiele für solche Wortbildungen sind: Borgeld ‚Bargeld‘, Fohrliehrer ‚Fahrlehrer‘, Kinnergorden ‚Kindergarten‘, Schlagtüg ‚Schlagzeug‘ und Stoppstråt ‚Stoppstraße‘. Dabei treten gelegentlich auch Wortneuschöpfungen auf: Ein Niendorfer berichtet z. B. über die Vorzüge tschechischer Motorräder: „Se warden ja nich mehr handperrt“ (‚sie werden nicht mehr durch das Treten des Motors gestartet‘).

Häufig übernehmen die Sprecher aber auch einfach das standardsprachliche Wort unverändert in Niederdeutsche, z. B. Anlasser, Anreiz, Fernsehen, Geigerzähler, Gerichtsvollzieher, Hydraulik, Schwermaschinenbau, Staubsauger, Tagung, Wirkungsbereich. Das trifft auch für die schon in der Standardvarietät einfach aus dem Englischen übernommenen Wörter wie Computer zu.63

3.2 Einfluss der hochdeutschen Standardvarietät auf den mecklenburgischen Wortschatz

Bereits bei der Untersuchung der regionalen Unterschiede im Wortschatz fiel auf, dass hier nicht nur ein regionaler Ausgleich stattfindet, sondern dass dieser gerade auch durch das Einwirken der Standardvarietät forciert wird. Regionalspezifische Lexeme des Dialekts werden dabei zunehmend durch standardnahe oder stan←90 | 91→dardidentische Wörter ersetzt, die überregional in Gebrauch sind. Begünstigt wird dieser Prozess durch den immer häufigeren Gebrauch der hochdeutschen Umgangssprache, den die Sprecher z. T. selbst herbeigeführt haben, indem sie mit ihren Kindern nicht mehr Niederdeutsch sprachen, damit diese es leichter in der Schule hätten. Der bereits angesprochene wissenschaftlich-technologische Fortschritt wirkte ebenfalls stark auf den mecklenburgischen Wortschatz ein. Dabei wurden neue hochdeutsche Wörter und Termini vielfach in den Dialekt übernommen.

Inwieweit die Fluchtbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg nachhaltige Wirkung auf den regionalen Wortschatz zeigt, lässt sich nur schwer einschätzen, da hier viele Faktoren eine Rolle spielen. So lernte z. B. der Ehemann meiner jüngeren Probandin aus Kossebade das Mecklenburgische und sprach es auch innerhalb der Familie; der zugewanderte Ehemann der älteren Probandin aus Kossebade verblieb jedoch beim Hochdeutschen, obwohl beide Männer vom Alter her sehr jung waren, als sie nach Mecklenburg kamen. Auf die Dialektkompetenz beider Sprecherinnen hatte das Sprachverhalten der Ehepartner offenbar keinen Einfluss, da diese sich hierin nicht unterscheiden. Die Entscheidung, nicht mehr Niederdeutsch mit den Kindern zu sprechen,64 scheint jedenfalls einschneidender für den Rückgang des mecklenburgischen Dialektgebrauchs gewesen zu sein als das Sprachverhalten der Flüchtlinge und Vertriebenen, zumal diejenigen Zuwanderer, die das Niederdeutsche erlernt hatten, die Sprecheranzahl des Dialekts sogar vergrößert haben.65 ←91 | 92→

Die alten wie die neuen Aufnahmen zeigen, dass jüngere Sprecher tendenziell der Standardsprache näherstehende Formative bevorzugen. Davon zeugt der Rückgang regionalspezifischer Mundartausdrücke, die zum Teil sogar direkt durch die standarddeutschen Wörter verdrängt werden. Nur die älteste Generation hat auf den alten Aufnahmen noch vermehrt die für ihre Region typischen niederdeutschen Bezeichnungen verwendet. Die skizzierte Entwicklung hängt zum einen damit zusammen, dass die hochdeutschen Wörter ein höheres Prestige besitzen, sehr deutlich z. B. bei Ameise, zum anderen lässt sich in einer Sprachumgebung, in der der Sprecher zwischen mehreren Varietäten umschalten muss, der Wechsel einfacher realisieren. Es kommt zur hochdeutsch-niederdeutschen „Diasystematisierung“ auf der Ebene des Wortschatzes.66 Deutlich wird das an den Numeralien, die häufig hochdeutsch ausgesprochen werden, besonders wenn der Sprecher zwischen Mundart und Hochdeutsch im Gespräch wechseln muss. Nur in einem längeren auf Niederdeutsch gehaltenen Gespräch erfolgt dann der dauerhafte Wechsel auf die mundartlichen Bezeichnungen. Zwar beeinflusst der Dialekt auch die hochdeutsche Umgangssprache,67 doch wirken sowohl Standardvarietät als auch die regionale Umgangssprache stärker auf die Mundart ein. Daher werden zunehmend mundartliche durch hochsprachliche Wörter verdrängt bzw. stehen neben diesen („lexikalische Parallelschaltung“68), z. B. heizen statt bäuten, zeigen statt wiesen, Schrank statt Schapp. Diese Entwicklung ist jedoch von Ort zu Ort und Sprecher zu Sprecher verschieden. So wird in Demen heute bereits stricken gesagt, im etwa 20 Kilometer entfernten Kossebade ist dafür noch knütten gebräuchlich. Im Großteil Mecklenburgs wird die Lerche heute bereits standardnahe als Lerch bezeichnet, in Menkendorf herrscht noch Leink vor.69 In Mecklenburg-Strelitz sagen die Sprecher dreißig, vierzig, fuffzig,←92 | 93→ während die Einerstelle der Zahl weiterhin niederdeutsch bleibt, z. B. fiefundreißig. Das ehemals nur vorpommersche Reflexivpronomen sik wird im Osten Mecklenburgs durch das hochdeutsche sich verdrängt.70 In Mecklenburg-Strelitz gilt letzteres ausschließlich, in Brudersdorf, Carolinenhof, Granzin und Kölzow dominiert es auf den Aufnahmen aus den 1960er Jahren bereits. Für das Erntefest wird ebenfalls vielfach schon das standardsprachliche Wort verwendet, das gilt auch für das Simplex Ernte, das teilweise lautlich an die Mundart angepasst wird.71

4 Fazit

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die regionalen Unterschiede im niederdeutschen Wortschatz Mecklenburgs zwar noch greifbar sind, aber zusehends verschwinden. Dieser Prozess wurde beim Vergleich der Wortschatzerhebungen Wossidlos und Teucherts zum Mecklenburgischen Wörterbuch mit den Aufnahmen der 1960er Jahre und der Jahre nach 2004 bzw. besonders auch im Vergleich der Sprechergenerationen an den Untersuchungsorten immer wieder erkennbar. Vielfach werden die regionalspezifischen Wörter durch die hochdeutsche Bezeichnung ersetzt (Frosch, Kröt, Ameisen) oder zumindest eine der Standardsprache lautlich relativ nahestehende Variante gewählt (Äwer, Rägenworm). Diese lexikalische Annäherung des mecklenburgischen Niederdeutsch an die überregionale Standardvarietät führt zu einer fortschreitenden Entregionalisierung des mecklenburgischen Wortschatzes, sodass auch wortgeographische Grenzen innerhalb des Mecklenburgisch-Vorpommerschen zunehmend verblassen.

Da einige der Wortbelege in Gundlachs und in meiner Erhebung mittels hochdeutscher Sätze abgefragt wurden, kann nicht immer zweifelsfrei geklärt werden, inwieweit die Vorlage die Probanden beeinflusst hat. Hierbei sind zwei Richtungen der Beeinflussung durch die Übersetzungsvorlage möglich: In Demen übersetzt ein Sprecher z. B. ‚Regenwurm‘ mit Rägenworm. Auf die Form Maddik angesprochen, meint dessen Frau, dass er dieses Wort im täglichen Gespräch noch verwende. Hier könnte der Proband also – gegen seine alltägliche Sprachgewohnheit – im Test das der hochdeutschen Textvorlage näherstehende Lexem verwendet haben. Andererseits verlangt ein Übersetzungstest generell den bewussten Umgang mit der eigenen Sprache, so dass zumindest einige Probanden Formen←93 | 94→ wählen, die „plattdeutscher“ (= standardferner) klingen, d. h., Ausdrücke wählen, die sie in der täglichen niederdeutschen Konversation selten oder gar nicht mehr verwenden. Ungeachtet dieser Problematik der Übersetzungstests lässt sich die oben dargestellte Entwicklungstendenz auch in den freien Gesprächen immer wieder feststellen.

Bei der Übernahme neuer Begrifflichkeiten für neue technische und gesellschaftliche Entwicklungen ist der Einfluss der Standardsprache ohnehin unverkennbar. Selbst die hierfür neu geschaffenen niederdeutschen Wörter basieren in der Regel als Lehnübersetzungen auf den hochdeutschen Vorbildern. Durch den häufigen Gebrauch der hochdeutschen Umgangssprache fällt es so auch leicht, standardsprachliche Wörter einfach mit lediglich kleinen Anpassungen in den Wortschatz zu übernehmen. Bentzien nennt als Grund für die Adaption bzw. Übernahme hochdeutscher technischer Wörter neben der kurzen zeitlichen Spanne gegenüber der Entstehung bzw. Entwicklung der technischen Neuerung die „Kompliziertheit der betreffenden Sache“.72 Schaut man sich jedoch den Aufbau älterer z. B. landwirtschaftlicher Gerätschaften und Fahrzeuge an, so zeigt sich auch darin eine große technische Komplexität. Größere Komplexität neuere technischer Geräte hat wohl kaum den Ausschlag dafür gegeben, warum z. B. die Teile des Motors heute ausschließlich, die des Autos zumindest überwiegend hochdeutsch erscheinen.73 Viel wichtiger scheinen die zeitliche Spanne, die Vielzahl neuer Wörter sowie der Einfluss der Standardvarietät und der hochdeutschen Umgangssprache zu sein. Teile technischer Geräte, für die es aus anderen Sachgebieten bereits niederdeutsche Entsprechungen gibt, werden einfach mit diesen benannt, z. B. Dör ‚Tür‘ und Finster ‚Fenster‘ beim Auto, teilweise werden einige Wörter übersetzt, wenn sie häufig vorkommen, wie z. B. Kufferruum ‚Kofferraum‘ oder Utpuff ‚Auspuff‘. Technische Fachbegriffe, die sonst nicht so häufig verwendet werden, bleiben dagegen hochdeutsch, so z. B. der Kühler. Hier spielt weniger die Komplexität des Bezeichneten eine Rolle als die Häufigkeit der Wortverwendung. Außerdem besteht oftmals für die Niederdeutschsprecher gar kein Zwang, die Wörter zu übersetzen, da sie verstanden werden und zudem den Wechsel in eine andere Varietät erleichtern. Ähnliche Beobachtungen lassen sich heute auch für die Standardsprache machen, in der Fachbegriffe aus dem Englischen einfach übernommen werden. ←94 | 95→

Literatur

Beckmann, Paul: Die Weiterentwicklung der Mecklenburger Mundart nach dem Tode Fritz Reuters. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 4 (1954/55), S. 129–133.

Bentzien, Ulrich: Wörter der modernen Technik in der mecklenburgischen Mundart. In: Niederdeutsches Jahrbuch 87 (1964), S. 87–106.

Blume, Rudolf: Wortgeographie des Landes Stargard. In: Teuthonista 9 (1933), S. 1–33, S. 65–89, S. 129–143, S. 193–207.

Buddin, Fr[itz]: Der mecklenburgische Sprachraum. Von Hermann Teuchert. In: Mitteilungen des Heimatbundes für das Fürstentum Ratzeburg 11, Nr. 3 (1929), S. 45.

Chytraeus, Nathan: Nomenclator latinosaxonicus. Mit einem Vorwort von Gilbert de Smet. Hildesheim, New York 1974. (Nachdruck der Ausgabe Rostock 1582)

Ehlers, Klaas-Hinrich: „Dürfen wir essing?“ Beobachtungen zur Übernahme des mecklenburgischen -ing-Diminutivs in das regionale Hochdeutsch. In: Niederdeutsches Jahrbuch 134 (2011), S. 79–92.

Ehlers, Klaas-Hinrich: Führte die Immigration der Heimatvertriebenen nach 1945 zu Dialektverlust und Nivellierung regionalsprachlicher Differenzen? Beobachtungen aus einer Untersuchungsregion in Mecklenburg. In: Niederdeutsches Jahrbuch 136 (2013), S. 97–116.

Ehlers, Klaas-Hinrich: Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg. Varietätenkontakte zwischen Alteingesessenen und zugewanderten Vertriebenen. (in Vorbereitung)

Foerste, William: Die Geschichte der niederdeutschen Mundarten. In: Stammler, Wolfgang (Hrsg.): Deutsche Philologie im Aufriß. 1. Bd., 2., überarb. Aufl. Berlin 1957, Sp. 1729–1898.

Frehse, Fr[iedrich]: Wörterbuch zu Fritz Reuter’s sämmtlichen Werken. Ludwigslust/ Rostock/Wismar 1867.

Gundlach, Jürgen: Plattdeutsch in Mecklenburg heute. Bericht über die Tonbandaufnahmen der mecklenburgischen Mundart 1962/63. In: Rostocker Beiträge. Regionalgeschichtliches Jahrbuch der mecklenburgischen Seestädte 1 (1966), S. 173–194.

Gundlach, Jürgen: Von Aant bis Zäg’. Plattdeutsche Wörter und Wendungen. 2. Aufl. Leipzig 1984.

Gernentz, Hans Joachim: Niederdeutsch – gestern und heute. Beiträge zur Sprachsituation in den Nordbezirken der Deutschen Demokratischen Republik in Geschichte und Gegenwart. Rostock 1980.←95 | 96→

Herrmann-Winter: Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste. Kartographie Martin Hansen. Rostock 2013.

Höder, Steffen: Niederdeutsch und Hochdeutsch – ein Fall von Diasystematisierung. In: Niederdeutsches Jahrbuch 134 (2011), S. 113–136.

Jacobs, Hugo: Dialektgeographie Südmecklenburgs zwischen Lübz und Hagenow. In: Teuthonista 2 (1925/26), S. 46–55; S. 107–133 sowie Teuthonista 3 (1926/27), S. 119–152; S. 241–262.

Köhncke, André: Mecklenburgisch heute – Bestandsaufnahme eines niederdeutschen Dialekts. Rostock 2010. [Online-Ressource: urn:nbn:de:gbv:28-diss2011-0137–3 (Stand: 24.11.2016)]

Mackel, E[mil]: Die Mundart der Prignitz. In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 31 (1905), S. 65–164.

Mantzel, Ernst Johann Friedrich: Dissertatio, continens, idiotici, Mecklenbvrgensis, ivridico-pragmatici, specimen primum […], defendit, Hans Carl Larson. Rostock 1757.

Mantzel, Ernst Johann Friedrich: Btzowsche Ruhestunden, gesucht, in Mecklenburgschen, vielentheils, bisher noch ungedruckten zur Geschichte und Rechtsgelahrtheit vornehmlich gehrigen Sachen. 1. Teil. Bützow 1761.

Mecklenburgisches Wörterbuch. Hrsg. von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Aus den Sammlungen Richard Wossidlos und aus den Ergänzungen und nach der Anlage Hermann Teucherts. 7 Bde. Berlin 1942–1992. Unveränd., verkleinerter Nachdruck der Erstauflage von 1937–1992. Neumünster 1996.

Menke, Hubertus: Niederdeutsch: Eigenständige Sprache oder Varietät einer Sprache? In: Hartel, Nina/Meurer, Barbara/Schmitsdorf, Eva (Hrsg.): Lingua Germanica. Studien zur deutschen Philologie. Jochen Splett zum 60. Geburtstag. Berlin [u. a.] 1998, S. 171–184.

Mi [= Sibeth, Friedrich Georg]: Wörterbuch der Mecklenburgisch-Vorpommerschen Mundart. Leipzig 1876.

Müller, Carl Friedrich: Reuter-Lexikon. Der plattdeutsche Sprachschatz in Fritz Reuters Schriften. Leipzig [1904].

Niebaum, Hermann: Zur Lexik und Lexikographie des Niederdeutschen. In: Stellmacher, Dieter (Hrsg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart. Hildesheim/Zürich/New York, S. 149–189.

Peters, Robert: Die Lemgoer Drucke des ‘Nomenclator latinosaxonicus’: eine Quelle für den ostwestfälischen Wortschatz des späten 16. Jahrhunderts? Gilbert de Smet (1921–2003) zum Andenken. In: Niederdeutsches Jahrbuch 137 (2014), S. 81–104.←96 | 97→

Raupach, Bernhardus: Exercitationem Academicam, De Lingvæ Saxoniæ Inferioris Neglectu atq[ue] Contemtu Injusto, Von Unbilliger Verachtung Der Plat-Teutschen Sprache […]. Rostock 1704.

Reuter, Fritz: Sämmtliche Werke. Volks-Ausgabe in 7 Bänden. Ludwigslust/Rostock/Wismar 1877/1878.

Stellmacher, Dieter: Niederdeutsche Sprache. Eine Einführung (Germanistische Lehrbuchsammlung; 26). 2., überarb. Aufl. Berlin 2000.

Teuchert, Hermann: Der mecklenburgische Sprachraum. Rostock [1929] (Sonderdruck aus dem Jahresbericht der Mecklenburgischen Landes-Universitäts-Gesellschaft).

Teuchert, Hermann: Der Lautstand im Südteil des Landes Stargard. In: Teuthonista 10 (1934), S. 2–34.

Teuchert, Hermann: Einleitung zum 1. Bande. In: Mecklenburgisches Wörterbuch. Hrsg. von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Aus den Sammlungen Richard Wossidlos und aus den Ergänzungen und nach der Anlage Hermann Teucherts. 1. Bd. Neumünster 1942, S. XII–XV.

Teuchert, Hermann: Beiträge zur Geschichte der mecklenburgischen Mundart. In: Niederdeutsches Jahrbuch 82 (1959), S. 207–236.

Wossidlo, Richard: Mecklenburgische Volksüberlieferungen. Im Auftrage des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde gesammelt und herausgegeben. 2. Bd.: Die Tiere im Munde des Volkes. Erster Teil. Wismar 1899.←97 | 98→ ←98 | 99→


1 Chytraeus 1582 [1974], S. 4 (eigene Zählung).

2 Chytraeus 1582 [1974], S. XII–XIII. Die Lemgoer Drucke weisen beispielsweise alemannisches, mecklenburgisches und ostwestfälisches Wörtermaterial auf, vgl. dazu Peters 2014 , S. 91–102.

3 Raupach 1704, S. 39.

4 Vgl. Raupach 1704, S. 70–71.

5 Mantzel 1757.

6 [Mantzel] 1761, S. 57.

7 [Mantzel] 1761, S. 58.

8 Wenn, dann differenziert er allenfalls einmal zwischen Gesellschaftsschichten in der Dissertation: „Minsch (plebeje Minsk)“ (Mantzel 1757, S. 19).

9 Frehse 1867; Müller [1904].

10 Frehse schreibt z. B. im Vorwort: „Wenn ich hiermit ein Glossar zu Reuter’s Schriften herausgebe, so glaube ich damit Denjenigen einen nicht unwichtigen Dienst zu erzeigen, welche der plattdeutschen Sprache nicht mächtig sind und dennoch nicht ausgeschlossen sein möchten von den literarischen Schätzen, welche der genannte große Dichter unserm Volke in seinen Werken darbietet.“ (Frehse 1867, Vorwort).

11 Mi [= Sibeth] 1876, Vorwort.

12 So notiert er beispielsweise „Blaud, (au–o), Blut“, aber ausschließlich „bläukern, rauchen, sängen“ (Mi [= Sibeth] 1876, S. 9) und nicht auch blökern.

13 Mi [= Sibeth] 1876, S. 49 und 94. Lediglich der Bedeutungsumfang ist unterschiedlich bemessen, denn während Trad nach Sibeth ausschließlich ‚Geleise‘ bedeutet, umfasst Läus‘ daneben auch ‚Furche‘ und ‚Spur‘.

14 Jacobs 1925/26; Jacobs 1926/27.

15 Jacobs 1926/27, S. 149–152.

16 Blume 1933.

17 Teuchert 1934, S. 21–31.

18 Als Beispiel sei hier nur genannt: Teuchert [1929].

19 Teuchert 1942.

20 Foerste 1954, speziell zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen, Sp. 2040–2043. Vgl. auch Niebaum 2004.

21 Buddin 1929, S. 45. Buddin war kein Sprachwissenschaftler, kannte sich als nativer Mundartsprecher aber sehr gut mit dem im Fürstentum Ratzeburg gesprochenen Dialekt aus. Teuchert stellt beispielsweise fest, dass für die Bezeichnung der Stirnseite eines Feldes, wo der Pflug gewendet wird, im Großteil des Landes Anwenn‘ und damit zusammenhängende Formen gebraucht werden, sich das Land Ratzeburg jedoch durch das Wort Vörjord davon absondere (Vgl. Mecklenburgisches Wörterbuch, 1. Bd., Sp. 400). Buddin meint, dass neben diesem Wort dort aber „auch noch häufig Anwenn, Awenn oder kurzweg Wenn‘“ zu hören seien (Buddin 1929, S. 45).

22 Bentzien 1964.

23 Gundlach 1967. Das Aufnahme-Korpus, an dem Gundlach mitgearbeitet hat, ist im Internet zugänglich als IDS-Korpus: Datenbank Gesprochenes Deutsch, „DGD/Deutsche Mundarten – DDR“ (http://dgd.ids-mannheim.de).

24 Der jüngste Sprecher wurde in den 1950er Jahren geboren, der zweitjüngste 1948, alle anderen in den 1920ern und 1930ern; der älteste, eine Frau, 1913.

25 Als Beispiel sei hier das Wort Ameisen genannt, die von Kindern in Demen in den 1980er Jahren umgangssprachlich noch mit dem dort üblichen Mundartwort als Pissaminken bezeichnet wurden, d. h., das Wort ist heute in dem Ort selbst bei jüngeren Sprechern noch bekannt, die das Niederdeutsche nicht beherrschen.

26 Die Aufnahmen wurden im Rahmen meines Dissertationsprojekts begonnen, vgl. Köhncke 2010.

27 Gundlach 1967, S. 174.

28 Die Texte sind abgedruckt bei Gundlach 1967, S. 189–190.

29 Hier wären z. B. zu nennen: der Verlauf der Vokalerhöhung, die beispielsweise noch heute im Eldewinkel nicht durchgeführt worden ist; der Gegensatz veier/vier ‚vier‘, fäuhren/führen ‚fahren, führen‘, wobei die diphthongische Aussprache im Westen üblich, allerdings stark rückläufig ist, sowie das monophthongische Koken im Strelitzer Landesteil gegenüber Kauken, das im Großteil Mecklenburgs üblich ist (vgl. Teuchert 1942, S. VII sowie S. IX). Meine Untersuchung konzentriert sich allerdings allein auf Mecklenburg und lässt die vorpommersche Wortgeographie außer Betracht.

30 Stellmacher 2000, S. 147.

31 Kütik und Haddik sind die beiden areal unterschiedlich verbreiteten niederdeutschen Äquivalente, mit denen im Übersetzungstest die hochdeutsche Bezeichnung Hederich übertragen wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Laienbezeichnungen keinen Unterschied zwischen den äußerlich sehr ähnlichen Pflanzen sinapis arvensis und raphanistrum arvense geltend machen, die hochdeutsch heute mitunter auch als Ackersenf bzw. Ackerettich benannt werden.

32 Teuchert 1942, S. VIII.

33 Gernentz 1980, S. 28.

34 Im Folgenden wird darauf verzichtet, etwaige lautliche Unterschiede bei Oorn zu markieren. So schieben einige Sprecher ein /d/ ein [ɔɐd] oder das /ɔ/ wird dem /u/ angenähert [uɐ(d)], was besonders im Südwesten üblich ist, vgl. z. B. die Aussprache [duːɐ] ‚da, dort‘ eines Sprechers aus Lüttow sowie Jacobs 1926/27, S. 130 und Teuchert 1959, S. 234, für den d-Einschub vor /n/ siehe dort S. 225.

35 Mecklenburgisches Wörterbuch, 1. Bd., Sp. 490, Lemma „Aust“.

36 In beiden Orten werden die Wörter mit Diphthong artikuliert: [maɪd] ‚mähen‘ und [taɪd] ‚zehn‘, wohingegen z. B. im nördlich von Menkendorf gelegenen Leussow nach Auskunft eines Menkendorfer Probanden Monophthong verwendet werde: [med] und [ted].

37 Der Proband erwähnt das Wort von sich aus. Darauf angesprochen, ob er „Aust“ oder „Oorn“ sage, meint er: „Wi seggen Aust. Wo de annern, de seggen Oorn oder Oornbier, denn da, dann daher dat Erntefest is Oornbier.“ Für den Ort gibt er jedoch an: „Wi seggen einfach Erntefest. Oder Austfest.“

38 Mecklenburgisches Wörterbuch, 1. Bd., Sp. 499–500.

39 So heißt es im südöstlichen Satow Oornbier, im nördlicheren Nossentiner Hütte Ausköst.

40 So schreibt er: „Wi seggen arpel, wädick sall wol mihr hoochdüütsch sien: hörte ich in diesen Gegenden öfter sagen. Meist ist wädick den Leuten völlig unbekannt.“ Wossidlo 1899, S. 378.

41 Wossidlo 1899, S. 378.

42 Mecklenburgisches Wörterbuch, 1. Bd., Sp. 441–442.

43 Mecklenburgisches Wörterbuch, 1. Bd., Sp. 441–442.

44 Vgl. für Vorpommern die Karte „männl. Schwein“ in Herrmann-Winter 2013, S. 41, die für das vorpommersche Festland Bier/Biern und für Rügen die Sonderform Höcker nachweist.

45 Mecklenburgisches Wörterbuch, Bd. 1, Sp. 887–888.

46 Mecklenburgisches Wörterbuch. 2. Bd., Sp. 662, Lemma „Eemk“. Der Übergang von Eemk zum Imm, das lautlich mit der Bezeichnung für Biene zusammenfällt, scheint zu weiteren, und zwar freieren Wortbildungen mit anderen Tieren, z. B. Häuhner ‚Hühner‘, geführt zu haben.

47 Mindestens einmal kommt das standarddeutsche Wort vor in Bansow, Bristow, Broock, Cammin, Carolinenhof, Granzin, Kieve, Nossentiner Hütte, Satow, Schönbeck, Triepkendorf, Warlin und Weisdin.

48 So sagt die jüngere Sprecherin aus Kossebade: „Pisseminken. Hemm s’ ok ümmer seggt, Pisseminken. Ach, dat segg bloß nich den Liehrer! Wat ick seggt heff mit Pisseminken.“ In Demen bemerkt ein Proband: „Ja, dat seggt man wenn, dat is wat fiener, Ameisen is fiener, Pisseminken is so gewöhnlich, ja.“ Dort wurde das Wort aber zumindest in den 1980er Jahren selbst von Kindern noch in der hochdeutschen Umgangssprache verwendet.

49 Wossidlo 1899, S. 334.

50 Mecklenburgisches Wörterbuch, 4. Bd., Sp. 511, Lemma „Kollducks“.

51 Die jüngere Kossebaderin meint etwa: „Frosch, Frosch is ok Kollducks. Dat is woll, dat is woll beides, äh, wohl Kollducks is wohl un, un de Frosch ook. Ick weit’t œwer nich genau.“

52 Dabei ist auffällig, dass der Sprecher aus Tramm sowohl bei ‚Erpel‘ (Wäding) als auch bei ‚Regenwurm‘ (Marring) -ing als Endung bevorzugt. In Demen korrelieren offenbar Marring und Pürring ‚Fleischmade‘, in Kossebade Wädik, Marrik und Pürrik.

53 Mackel 1905, S. 111 sowie Jacobs 1926/27, S. 146. Die Angaben von Jacobs für Südwestmecklenburg gelten heute wohl nur noch eingeschränkt. Für Tramm gibt er beispielsweise Mak an. Diese Form konnte jedoch nicht mehr nachgewiesen werden.

54 Bentzien 1964, S. 88.

55 Bentzien 1964, S. 97.

56 Bentzien 1964, S. 102.

57 Vgl. Gundlach 1984, S. 36 und Niebaum 2004, S. 174.

58 Gernentz 1980, S. 144.

59 Bentzien 1964, S. 98.

60 Bentzien meint, es heiße „Fahrrad oder Rad“ (Bentzien 1964, S. 105), doch ist auf den Aufnahmen die oben angegebene niederdeutsche Variante zu hören. Sie wird auch in Demen und Kossebade ausschließlich verwendet, wenngleich die gekürzte Variante Rad häufiger ist. Diese wird aber wie im Mecklenburgischen üblich mit kurzem /a/ realisiert. Der Plural lautet dementsprechend Fohrrœhr bzw. Rœhr.

61 So auch Bentzien 1964, S. 104.

62 Das Wort Fernsehen, das nur auf den neueren Aufnahmen belegt ist, wird von meinen Probanden grundsätzlich in hochdeutscher Lautform artikuliert. Vgl. dazu Ehlers (i. Vorber.): In einem Übersetzungstest mit 47 niederdeutschkompetenten Personen aus der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration übersetzten im Raum Rostock das Wort fernsehen 74,5 % völlig standardidentisch bzw. mit leicht regiolektaler Färbung (fäänsehn) ins Niederdeutsche, lautliche bzw. lexikalische Adaptionen ans Niederdeutsche wie feernsekiken, feernsain, fiirnkiken, fiirnsain blieben seltene Ausnahmen.

63 Alle Wortbeispiele stammen aus meinen Aufnahmen im Untersuchungsgebiet.

64 Paul Beckmann konstatiert z. B. für die Zeit kurz nach dem Kriegsende zunächst einen starken Rückgang des Niederdeutschen und vermerkt, dass es in der Landwirtschaft nicht mehr allein bestimmend gewesen sei, aber seit der Mitte der 1950er Jahre wieder die führende Rolle in denjenigen Dörfern und Produktionsgemeinschaften spiele, in denen Flüchtlinge aus Ostpommern stammten. Beckmann 1954/55, S. 132–133. In Möllin meint eine Sprecherin Anfang der 1960er Jahre, dass dort durchschnittlich mehr Hochdeutsch gesprochen werde, auch in der LPG. Als Grund dafür gibt sie an: „Weil de vä, meisten un väle ok nich mehr von hier sünd. Ostpreußen un wo se denn all her sünd, nich, Pommern un…“ Die Erklärung für den Rückgang ist jedoch nicht so einfach, denn auf die Kinder angesprochen, erklärt sie, dass diese auch bereits mehrheitlich Hochdeutsch sprächen. Das schließt ihre eigene Tochter mit ein: „Mien Dochder? Jå, de kann œwerhaupt nich richtig Platt. De versteht uns je noch nich ma richtig. Wenn wi richtig Platt spräken, denn versteht se manches nich.“ Zwar begründet sie das damit, dass ihre Tochter mehrheitlich mit „Hochdeutschen“ aufwachse, die auch in ihrem Haus lebten, doch zeigt sich hier eben auch die Einstellung, dass mit den Kindern Hochdeutsch geredet wird und nicht Niederdeutsch, denn nur so ließe sich erklären, warum die Tochter laut Sprecherin selbst das zum Basiswortschatz gehörige Wort Schapp ‚Schrank‘ nicht mehr versteht.

65 Vgl. Ehlers 2013, S. 106–108.

66 Höder 2011.

67 Zu nennen wären hier z. B. Wörter wie Wrucke ‚Steckrübe‘, perren ‚treten‘, ausverschämt (gebildet aus utverschamt) ‚unverschämt‘, die in der mecklenburgische standardnahe Umgangssprache verwendet werden, oder die Übernahme des Diminutivsuffix -ing, vgl. dazu Ehlers 2011, besonders S. 85–91. Besonders häufig höre ich die Verabschiedung Tschüssing [tʃyːsɪŋ], aber auch den Ausruf Ach Gotting! Mitunter verwenden Hochdeutschsprecher – hier aber besonders diejenigen der Generation der um 1950 Geborenen – das Suffix -sch(e), um weibliche Personen zu kennzeichnen, z. B. die Doktorsche.

68 Menke 1998, S. 180.

69 Jacobs gibt Mitte der 1920er Jahre nur noch ein recht kleines Gebiet um Dütschow, Spornitz, Karrenzin, Möllenbeck, Stolpe und Brenz an, in dem „Leirk“/„Leink“ gesagt werde, sonst gelte hochdeutsches „le·әχ“ (Jacobs 1926/27, S. 151). Menkendorf liegt allerdings außerhalb dieses Gebietes.

70 Vgl. die auf den Sprachatlas Wenkers zurückgehende Karte zu sik/sich in Foerste 1954, Sp. 2015–2052.

71 So z. B. in Schönbeck (Mecklenburg-Strelitz), wo ein Sprecher das /e/ zu Irnt erhöht.

72 Bentzien 1964, S. 105.

73 Bentzien 1964, S. 104.