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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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2. Kapitel. Linearität

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2. Kapitel. Linearität

Neben der Subjektivität ist die Linearität eine zweite ästhetische Grundbedingung des literarischen Übersetzens. Was darunter zu verstehen ist, soll in diesem Kapitel durch den Gegensatz zum kulturwissenschaftlichen Begriff des „Übersetzens“ geklärt werden, wie er heute weitverbreitet ist.

2.1 Der Autor als „Übersetzer“, der Übersetzer als „Autor“?

Nähern wir uns dem Problem der Übersetzung durch einen Vergleich. Die Ausdrücke „Übersetzen“ / „Übersetzung“ / „Übersetzer“ usw. haben durch den cultural turn der Übersetzungswissenschaft und den translational turn der Kulturwissenschaft eine solche Ausweitung erfahren, dass es nötig ist, die konkrete sprachlich-kulturelle Tätigkeit der literarischen Übersetzer und Übersetzerinnen gegen die theoretische Auflösung abzugrenzen. Es geht hier also zunächst darum, die Tätigkeit des Literaturübersetzens möglichst realitätsnah von ähnlichen und anderen sprachlichen Verwandlungen zu unterscheiden.28

In Reinhard Babels gedankenreichem Buch Translationsfiktionen (2015) werden am Beispiel von Novalis, E. T A. Hoffmann, Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Chinua Achebe und David Mitchell Analysen Zur Hermeneutik, Poetik und Ethik des Übersetzens (so der Untertitel des Buches) vorgetragen, gestützt auf die theoretischen Leitfiguren Benjamin, Bhabha, Derrida usw., ohne dass auch nur eine einzige tatsächliche interlinguale Übersetzung (zum Beispiel der besprochenen oder zitierten Werke) in die Argumentation einbezogen worden wäre. Ich versuche daher zu klären, was das „Übersetzen“ der Autoren (in Anführungsstrichen) mit dem Übersetzen der Übersetzer (ohne Anführungsstriche) zu tun hat, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede eventuell zu...

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