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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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3. Kapitel. Das elastische Problem der (Un)Übersetzbarkeit

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3. Kapitel. Das elastische Problem der (Un)Übersetzbarkeit

Im vorhergehenden Kapitel wurde am Beispiel von Achebe und seiner deutschen Übersetzerin gezeigt, dass die Produktions- und Konstruktionsprobleme des Autors völlig anderer Art sind als die Reproduktionsprobleme der Übersetzerin. In diesem Kapitel wird untersucht, mit welcher Art von Widerständen ein Literaturübersetzer zu rechnen hat. Was be- oder verhindert die Übersetzbarkeit? Denn nicht alle Texte sind gleichermaßen gut übersetzbar.

3.1 „No untranslatables!“

Barbara Cassin, die Herausgeberin des vielbeachteten Vocabulaire européen des philosophies. Dictionnaire des intraduisibles (2004), das 2014 als Dictionary of Untranslatables in englischer Übersetzung erschien, beruft sich auf die Sprachphilosophie der deutschen Romantik, auf Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt, um auf den historisch gewachsenen Unübersetzbarkeiten der Einzelsprachen zu bestehen. Dabei geht es jedoch nicht um Literatur, sondern um die Geschichte wichtiger philosophischer Begriffe, etwa um die Übersetzung des Hegelschen Begriffs „Geist“, der im Englischen als „spirit“ oder „mind“ jeweils unterschiedliche Nuancen entfaltet. Wenn die Sprachen ontologisch als Erkenntnisquelle und -mittel benutzt werden (wie von Heidegger), stößt man in der Tat auf große punktuelle Terminologie- und Übersetzungsschwierigkeiten, weil einzelsprachliche Inhalte – wie die etymologische oder philosophische Verbindung und Unterscheidung von Sein und Dasein, Welt und Weltlichkeit, von man und selbst usw. – in anderen Sprachen nicht in gleicher Weise gegeben sind. Die Begriffe sind in unterschiedlichen Sprachen verschieden vernetzt. Übersetzungen solcher Texte müssen in der Tat vieles in Klammern oder Fußnoten erläutern, weil die philosophischen Begriffe im Laufe...

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