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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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6. Kapitel. Zur Übersetzung von Bühnentexten

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6. Kapitel. Zur Übersetzung von Bühnentexten

Im ersten Teil wurden bereits verschiedene Bühnenstücke als Beispiele für die Ästhetik des modernen Übersetzens herangezogen. In diesem Kapitel soll das Übersetzen für’s Theater systematisch und realitätsnah beschrieben werden.

6.1 Die Besonderheit der deutschen Theaterlandschaft

Die enge Zusammenarbeit zwischen Übersetzer und Regisseur wird in übersetzungswissenschaftlichen Veröffentlichungen gerne als Vorbild oder gar als Normalfall präsentiert (vgl. Bassnett-McGuire 1980: 120–132; Greiner 2004: 142 f.; Hörmanseder 2008), wobei man aber regelmäßig die Unterschiede der theatralen Infrastrukturen in den verschiedenen Ländern Europas außer Acht lässt, wie ich in Kohlmayer 2010 ausführlich dargelegt habe.65

Im deutschsprachigen Theater entstanden und entstehen zwar auch immer wieder Übersetzungen im Auftrag von Regisseuren, wie zum Beispiel 1978/79 Enzensbergers MENSCHENFEIND für Zadek, wobei Enzensberger „in mehr als einer Hinsicht“ (Enzensberger 1979: 116) Tony Harrisons THE MISANTHROPE von 1973 folgte. Aber die ständige Anwesenheit des Übersetzers bei den Proben, die mehrfache Umformulierung von Textpassagen, die Verwertung von Anregungen durch Schauspieler, wie diese Dinge von Tony Harrison im Rückblick auf seinen THE MISANTHROPE von 1973 beschrieben werden (Harrison 1973: 3–24), kommen im deutschsprachigen Theaterbetrieb höchst selten vor. Das von Susan Bassnett gerühmte Modell der „performance-oriented translation“, das sie mit Beispielen aus Harrisons Racine-Versionen veranschaulicht (Bassnett-McGuire 1980: 124 ff.), kann nicht ohne weiteres in die deutschsprachige Theaterwelt importiert werden, und zwar aus Gründen der kulturellen Infrastruktur. Da...

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