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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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7. Kapitel. Zur Übersetzung von narrativen Texten

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7. Kapitel. Zur Übersetzung von narrativen Texten

Die Programmierung der „schriftlichen Stimme“ ist in Erzählungen und Romanen meist wesentlich unauffälliger und oft komplexer als in Bühnentexten, aber dennoch vorhanden. Daher gibt es einen großen Markt für Hörbücher von unterschiedlichsten Romanen und unterschiedlichsten Erzähltechniken, die von fast naturalistischer Mimesis über erlebte Rede bis zum Verzicht auf figurensprachliche Gestaltung reichen. Im letzteren Fall, wie er etwa in Jelineks DIE KLAVIERSPIELERIN (und ihren anderen Prosawerken) vorliegt, wird aber der Text durch akustische Klangmittel so angereichert, dass eine bestimmte, fast schon musikalische Art der Lektüre programmiert wird, die mit Alliterationen, Assonanzen, Binnenreimen, rhythmischen Mustern und dgl. gespickt ist. Das Verschwinden der deutlichen Erzählerstimme aus einem Roman bedeutet also nicht, dass die Art der Lektüre und damit auch der Übersetzung beliebig geworden wäre. Der Übersetzer wird zwar akustisch weniger deutlich als in Bühnentexten durch den Text navigiert, aber er hat umso mehr auf die Erhaltung der rhetorisch-poetischen Signale zu achten (vgl. Kohlmayer 2018b: 247–253).

7.1 Die Erzählperspektive als Übersetzungsproblem

Eine der größten Schwierigkeiten bei narrativen Texten scheint die Übersetzung von ‚erlebter Rede‘ zu sein, weil bei dieser Erzähltechnik die Perspektive des Erzählers und die der Figur auffällig oder unauffällig übereinandergeblendet werden können. So lässt etwa Thomas Mann seine Erzählung DAS WUNDERKIND (1903) aus der leicht ironischen Perspektive eines Zuschauers erzählen, der anscheinend mitten im Publikum...

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