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Literaturübersetzen

Ästhetik und Praxis

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Rainer Kohlmayer

Das Buch erläutert die Ästhetik des Literaturübersetzens, wie sie seit dem 18. Jahrhundert praktiziert wird. Sie beruht auf den Prinzipien der Subjektivität, Linearität und Oralität, die in Novalis’ Begriff der «schriftlichen Stimme» konvergieren. Der Weg zur lebendigen rhetorischen Schriftlichkeit des Übersetzens beginnt bei Leonardo Bruni und führt über Luthers Bibel zur performativen Übersetzung Herders, die von A. W. Schlegel bis in die Gegenwart das Gutenberg-Zeitalter prägt. Am Beispiel der Dialektübersetzung wird auch die elastische Grenze der (Un)Übersetzbarkeit untersucht. Der zweite Teil behandelt exemplarisch die Übersetzung von Drama, Narrativik und Lyrik. Der dritte Teil feiert das narzisstische Vergnügen, das mit der Kunstform des literarischen Übersetzens einhergeht.

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8. Kapitel. Zur Übersetzung von Lyrik

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8. Kapitel. Zur Übersetzung von Lyrik

Die Übersetzung von Gedichten gehört zum Schönsten und Schwierigsten, was Übersetzer sich zumuten können. Im Grunde ist es eine Aufgabe für Dichter, also für Menschen, die selbst von einer gewissen Leidenschaft für diese konzentrierteste Form des Schreibens gepackt sind. „Wenn man etwas über ein Auto erfahren will, wendet man sich da an einen Mann, der eines gebaut und gefahren hat, oder an einen Mann, der nur davon gehört hat?“, fragt Ezra Pound mit gewollter Provokation gegenüber wissenschaftlichen Besserwissern (Pound / Hesse 1976: 37).86 Ich empfehle daher jedem, der Lyrik schreiben oder übersetzen oder über Lyrikübersetzungen schreiben möchte, Ezra Pounds ABC OF READING zu lesen. Es gibt keine bessere Vorbereitung auf diese drei Aufgaben als die Lektüre von Pounds erfahrungsgesättigten Aphorismen. „Große Literatur ist einfach Sprache, die bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn geladen ist“, schreibt er (33). In diesem Kapitel gehe ich mit voller Absicht von meinen eigenen Übersetzungsversuchen an drei englischen Sonetten aus, die mich zutiefst faszinierten. Bei keiner Gattung dürfte die Rolle der Subjektivität größer sein als bei der Übersetzung von Lyrik, die aber dennoch auch den ästhetischen Prinzipien der analogen Linearität und Mündlichkeit verpflichtet bleibt, wenn auch das Prinzip der rhetorischen Oralität in der Lyrik zur fast schon oratorlosen Musikalität werden kann.←167 | 168→

8.1 William Shakespeare (1564–1616)

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