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Diachrone Migrationslinguistik: Mehrsprachigkeit in historischen Sprachkontaktsituationen

Akten des XXXV. Romanistentages in Zürich (08. bis 12. Oktober 2017)

by Roger Schöntag (Volume editor) Stephanie Massicot (Volume editor)
©2019 Edited Collection 418 Pages

Summary

Der Band vereinigt Beiträge der Sektion Diachrone Migrationslinguistik: Mehrsprachigkeit in historischen Sprachkontaktsituationen des XXXV. Romanistentages zum Thema Dynamik, Begegnung, Migration. Der Fokus liegt dabei auf der Herausarbeitung von pluridimensionalen Sprachkontaktsituationen im Migrationskontext. Die bearbeiteten Zeiträume reichen dabei vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart. Insbesondere historisch weiter zurückliegende migrationsbedingte Sprachkontaktszenarien bedürfen zu ihrer adäquaten Erfassung einer spezifischen Herangehensweise. Kernanliegen des Buches ist es deshalb, die prinzipielle Breite vielschichtiger Migrations- und Kontaktszenarien in allen Epochen der Geschichte darzustellen.

Table Of Contents

  • Cover
  • Title Page
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Roger Schöntag/Stephanie Massicot: Einleitung
  • Roger Schöntag: Diachrone Migrationslinguistik: Eine Standortbestimmung
  • Roger Schöntag: Vom Altnordischen zum Altfranzösischen: Der Sprachwechsel als Teil einer Akkulturationspolitik normannischer Expansion in Europa?
  • Michael Percillier: Dynamic modelling of medieval language contact
  • Johannes Kramer: Die Abwanderung eines Teils der Bourgeoisie Flanderns in den Norden und die Französisierung der verbliebenen Intellektuellen
  • Anja Mitschke: Die tradierte Kommunikationsgemeinschaft um den Mont Blanc
  • Linda Gennies: Frühneuzeitliche Fremdsprachenlehrwerke und ihr Potential für die Diachrone Migrationslinguistik
  • Thomas Scharinger: Migrationslinguistische Überlegungen zur France italienne des 17. Jahrhunderts im Spiegel zeitgenössischer Memoiren und Reiseberichte
  • Corina Petersilka: Die Familie Meynier als Fallbeispiel hugenottischer Integration in Erlangen
  • Stephanie Massicot: Gallizismen in Heines Spätwerk
  • Gualtiero Boaglio: Sprachideologie und Sprachkonflikte im istrianischen Landtag (1880–1910)
  • Jessica Stefanie Barzen: Samaná English und Samaná-Kreyòl – die migrationsbedingte Entstehungsgeschichte zweier Diasporavarietäten auf der Halbinsel Samaná (Dominikanische Republik)1
  • Sabine Heinemann: Italienisch und Dialekt im Migrationskontext – zum linguistischen Status des italo-americano bzw. italo-australiano
  • Sara Ingrosso: Da Gastarbeiter a expat: Micro-diacronia linguistica nello spazio urbano di Monaco di Baviera
  • Index

cover

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Jessica Stefanie Barzen
(Erlangen)

Samaná English und Samaná-Kreyòl – die migrationsbedingte Entstehungsgeschichte zweier Diasporavarietäten auf der Halbinsel Samaná (Dominikanische Republik)1

This article focuses on the emergence of the two diaspora languages Samaná Creole and Samaná English spoken on the Samaná Peninsula in the north-east of Dominican Republic. While Samaná Creole, a variety of French-based Haitian Creole, was first brought to Samaná over 200 years ago during the aftermath of the 1791 Haitian Revolution, Samaná English, a variety of African American Vernacular English, reached the peninsula in 1824 when Haitian president Jean-Pierre Boyer (1818–1843) occupied the entire island of Hispaniola and intended to populate it with black settlers of African ancestry. Nowadays, the language competence of these speakers and the domains of use have been drastically reduced and the transmission process has (almost) come to an end. However, it is noteworthy that in a largely hostile, Spanish-speaking majority society, both language communities have been able to preserve their languages and to resist language shift up to now. This article argues that the reasons for this maintenance can only be explained by a holistic, diachronic sociolinguistic approach in which political, historical, and social factors will be analyzed with a special focus on speakers’ attitudes and societal ideologies.

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1. Einleitung

In diesem Artikel soll die Sprachkontaktsituation zwischen den beiden Minderheitensprachen Samaná-Kreyòl (SK),2 einer Varietät des französischbasierten Haitianischen Kreol, und Samaná English (SE), einer Varietät des African American Vernacular English (AAVE), sowie dem Spanischen auf der Halbinsel Samaná im Nordosten der Dominikanischen Republik analysiert werden. Dabei soll der Fokus auf den diachronen soziohistorischen, -politischen und -kulturellen Faktoren liegen, die zur Entstehung des bereits mehr als zwei Jahrhunderte andauernden Sprachkontakts und zur anhaltenden, wenn auch mittlerweile gefährdeten Vitalität der beiden Varietäten bis ins 21. Jahrhundert geführt haben. Um Erkenntnisse über die komplexe Sprachkontaktsituation auf Samaná zu gewinnen, wurden im Rahmen einer größeren Untersuchung und für vorliegende Studie in den Jahren 2013 und 2015 insgesamt 3 Feldstudien in der Hauptstadt der Halbinsel, Santa Bárbara de Samaná (im Volksmund Samaná genannt), und in den umliegenden Ortsteilen durchgeführt, in denen insgesamt 31 zweisprachige (Spanish, SK) und teilweise dreisprachige (Spanisch, SK, SE) Sprecher interviewt wurden, die zum Zeitpunkt der ersten Interviews im März 2013 zwischen 38 und 84 Jahre alt waren.

Eine Varietät, die sich durch Migrationsbewegungen einer Gruppe von Sprechern von der ursprünglichen Sprache entfernt, wird in der Literatur u.a. als ‚Migrationssprache‘ (Krefeld 2004:39) oder ‚Diasporavarietät‘ bzw. ‚Diasporasprache‘ (cf. Foley 1988:1) bezeichnet.3 Solche Varietäten weisen mit der Zeit immer größer werdende Divergenzen zur ursprünglichen Varietät auf (cf. Jones 1998:5). Dies kann durch verschiedene Gründe erklärt werden; zum Beispiel ←320 | 321→durch den Einfluss der Kontaktsprache, die im neuen Umfeld der Migranten gesprochen wird, durch unabhängige Entwicklungen oder durch den Erhalt eines älteren Sprachstandes in der Diasporavarietät, während sich die ursprüngliche Sprache in eine andere Richtung entwickelt.4

Beide Diasporavarietäten, Samaná-Kreyòl und Samaná English, weisen Charakteristika auf, die sich auf einen oder mehrere dieser Faktoren zurückführen lassen. Da der Fokus dieser Arbeit allerdings nicht auf den sprachstrukturellen Charakteristika der beiden Sprachen liegt, soll an dieser Stelle nur eine kurze Illustrierung der interessantesten Sprachkontaktphänomene zwischen den beiden Minderheitensprachen und der dominanten Sprache Spanisch gegeben werden.5 Beispielsweise kann in beiden Varietäten festgestellt werden, dass gerade gesprächssteuernde Elemente wie Diskursmarker und Konjunktionen aus der dominanten Sprache Spanisch entlehnt werden und nun ihren festen Platz in der Rede der dreisprachigen Informanten haben. Dies soll hier kurz beispielhaft anhand der folgenden beiden Äußerungen illustriert werden, die aus einem Interview mit einer trilingualen Sprecherin stammen:

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(1) MR.3.1.:6Entonce’… isit timoun mwen yo pa konnen. Mwen konnen isit mwen sèl pero tout frè m yo konnen pale… patwa, manman m konnen… papa m konnen… ya manman m mouri pero mwen rete.“

‚Also…meine Kinder sprechen es [Samaná-Kreyòl, Anm. J.B.] hier nicht. Hier spreche nur ich es, aber alle meine Brüder können es sprechen…. patwa, meine Mutter sprach es… mein Vater sprach es… meine Mutter ist schon gestorben, aber ich bin noch da.‘

(2) MR.3.1.: „My mother speaks English my father speaks English my brother speaks English my children speaks English… pero they want to learn and I don’t know… like I can show’ em to learn… to speaks English. I speak Spanish with them… pero I…I know anything.“7

Die sprachliche Vielfalt Samanás als „producto de la historia colonial y poscolonial en que se enmarca el Caribe“ (Valdez 2010:29) erklärt sich aus vielfältigen trans- und interkaribischen Migrationsprozessen, die zur Entstehung verschiedener ethnischer Gruppen auf der Halbinsel geführt haben. Diese hispano-, anglo- und frankokreolophonen Gruppen prägten Samanás demographisches, kulturelles und sprachliches Panoramana besonders Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts und äußern sich auch heute in der Gesellschaft Samanás in der „creación de una ideología lingüística contrahegemónica que contribuye ←322 | 323→a preservar, hasta cierto grado, sus diversas prácticas lingüísticas“ (Valdez 2010:30).

Details

Pages
418
Publication Year
2019
ISBN (Hardcover)
9783631797716
ISBN (PDF)
9783631798584
ISBN (ePUB)
9783631798591
ISBN (MOBI)
9783631798607
DOI
10.3726/b16009
Language
German
Publication date
2019 (September)
Keywords
Sprachkontakt Interferenz Migration Mehrsprachigkeit Sprachgeschichte Bilingualismus Polyglossie Varietäten
Published
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 418 S., 4 farb. Abb., 24 Tab.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Roger Schöntag (Volume editor) Stephanie Massicot (Volume editor)

Roger Schöntag studierte Romanische Philologie und Alte Geschichte an der LMU München mit dem Abschluss Magister Artium und einer Arbeit zur französischen Lexikographie. Sein Promotionsstudium mit abschließendem Rigorosum war einer Arbeit zum englisch-französischen Sprachkontakt gewidmet. Anschließend arbeitete er am IT-Zentrum Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU. Seit 2009 ist er am Institut für Romanistik der FAU Erlangen tätig, wo er seit 2013 als Assistent zur Begriffsgeschichte des Vulgärlateinischen im Rahmen der questione della lingua habilitiert. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt bildet die spanisch-portugiesische Sprachgeschichte. Stephanie Massicot studierte Französisch und Geschichte auf Lehramt Gymnasium an der FAU Erlangen. Nach dem Staatsexamen und einer Zulassungsarbeit zur Unterschichtenkriminalität in der Frühen Neuzeit erwarb sie einen Master of Education mit einer Arbeit zur Problematik von Nähe und Distanz in französischen Online-Foren. Von 2015 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der FAU und promovierte zu französischen semicolti-Texten des 19. Jahrhunderts.

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