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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Denken, planen und handeln im gegliederten Sozialleistungssystem – Aufgaben und Selbstverständnis der BAR

Denken, planen und handeln im gegliederten Sozialleistungssystem – Aufgaben und Selbstverständnis der BAR

von Prof. Dr. Helga Seel, Geschäftsführerin Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e.V. (BAR)

Rehabilitation – eine Investition in die Zukunft

Teilhabe und Rehabilitation sind keine Nischenthemen und Menschen mit Handicap sind keine Randgruppe. Etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland sind Menschen mit Behinderungen. Die Ursachen von Behinderungen sind unterschiedlich: Behinderungen können angeboren sein oder im Laufe des Lebens durch Unfall, Krankheit oder andere Ursachen entstehen. Jeder kann in die Situation kommen, eine Behinderung zu erwerben, in seiner Teilhabe beeinträchtigt zu sein und Hilfe zu benötigen.

Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung in ihrer Teilhabe beeinträchtigt sind, haben Anspruch auf Unterstützung. Im Sinne von Inklusion ist es ein klarer Auftrag an die Gesellschaft und an den Sozialstaat, Barrieren abzubauen, die Menschen mit Handicap behindern und Hilfen anzubieten für deren bestmögliche Teilhabe.

Dabei ist Rehabilitation nicht nur ein Unterstützungssystem, um Menschen zu helfen. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist es eine notwendige und lohnende Investition in die Zukunft, denn Prävention und Rehabilitation sind auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Dieses Image von Rehabilitation muss durch Überzeugung und gezielte Information gesteigert werden. Als trägerübergreifende Organisation fühlt sich die BAR diesen Zielen verpflichtet. Mit ihrem Verständnis, Teilhabe braucht Rehabilitation, sowie ihren Aufgaben, Möglichkeiten und Ergebnissen will sie zur Zielerreichung beitragen.

Rehabilitationsträger als Weichensteller

Das Spektrum an spezifischen Förder-, Rehabilitations- und Teilhabeleistungen im deutschen Sozialleistungssystem ist beachtlich und wird mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) noch ausgeweitet. Mit diesem Gesetz hat der Gesetzgeber auch entschieden, am gegliederten Sozialleistungssystem festzuhalten: Acht Leistungsträger, unterschiedliche Zuständigkeiten, ein für die Träger untereinander ←31 | 32→definiertes Verhältnis von Vorrangigkeit und Nachrangigkeit sowie zahlreiche Schnittstellenkonstellationen prägen das System.

Wenn Heribert Prantl die Rehabilitation als Instrument einer Schicksalskorrektur (vgl. Seite 24) bezeichnet1, dann sind die Reha-Träger Weichensteller für die Teilhabe des einzelnen Menschen mit Handicap. Sie tragen innerhalb dieses Systems eine hohe Verantwortung, wenn sie entscheiden,

ob und welche Teilhabeleistungen sie bewilligen,

wie sie die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zum Wohl des Menschen mit Behinderung anwenden und eben auch, wenn sie diese nicht nutzen,

wie sie die ihnen zur Verfügung stehenden Beiträge ihrer Versicherten bzw. Steuergelder verantwortungsvoll einsetzen,

wie sie den individuellen Reha-Prozess mit allen Beteiligten planen und umsetzen.

Es ist hinreichend erwiesen, dass auch und gerade bei komplexem Hilfebedarf – neben den einzelnen Leistungen – die „drei K“ Kooperation, Koordination und Konvergenz als Kernauftrag der BAR zwingende Voraussetzung für gute Entscheidungen sind.

Handlungsleitend für die BAR: Trägerspezifisch und trägerübergreifend verbinden

Entschieden fordert der Gesetzgeber mit dem BTHG mehr und besseres gemeinsames Planen und Handeln der Träger ein. Dafür sind wesentlich konkretere Vorschriften als bisher im neuen Gesetz verankert. Vernetzung und Zusammenarbeit sind also nicht ins Belieben der Akteure gestellt und sind nicht zum „Nulltarif“, das heißt ohne Verständigung und gegebenenfalls Anpassung bisheriger Vorgehensweisen, zu erfüllen.

Grundlage für die Reha-Träger sind die jeweiligen Sozialgesetzbücher, die trägerspezifische Vorgaben enthalten und damit auch Binnenlogiken für die einzelnen Trägerbereiche etablieren. Als Klammer und zentrale, trägerübergreifende Vorschrift beinhaltet das novellierte SGB IX auf der einen Seite verbindliche Regeln für das Zusammenwirken. Es lässt den Akteuren auf der anderen Seite aber immer noch ausreichend Raum, ihr Zusammenwirken selbst zu gestalten, über Gemeinsame Empfehlungen (GE), über Vereinbarungen, über Abstimmungen. Dies zu unterstützen ist eine der zentralen Aufgaben der BAR.

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Die „Kunst“ Zusammenarbeit im Bereich von Rehabilitation und Teilhabe über diese Instrumente zu gestalten, besteht darin, kreativ die Nutzung der eigenen Möglichkeiten in den Vordergrund zu stellen und weniger den Schutz der eigenen Grenzen. Zu verkennen ist nicht, dass sich Trägerspezifik und Trägerübergreifendes an manchen Stellen gegenseitig im Weg stehen und dies macht den Trägern das Zusammenwirken nicht einfach. So sind zum einen die neuen Vorschriften des BTHG komplex, und zum anderen gibt es im Sozialleistungssystem durchaus Verwerfungen in Bezug auf Wirkungszusammenhänge. Und dennoch: Trägerspezifisch und trägerübergreifend sind keine unvereinbaren Gegensätze. Die Güte liegt vielmehr darin, beides klug miteinander zu verbinden.

Das kann dann gelingen, wenn Ausgangspunkt für trägerübergreifende Vereinbarungen eben nicht vorrangig die Binnenlogik eines einzelnen Trägerbereichs ist, sondern die Verantwortung, die jeder Träger hat: die Teilhabe für den Menschen mit Beeinträchtigung bestmöglich zu unterstützen und das, was von den Trägern selbst ja auch als Leistungsangebote beworben wird, dafür offensiv und umfassend einzusetzen.

Nichts anderes meint das Prinzip, sich an den Bedarfen und Bedürfnissen des Menschen mit Behinderung zu orientieren und bei den Überlegungen von ihm auszugehen. Der Mensch denkt nicht in den Säulen des gegliederten Sozialleistungssystems. Sein Unterstützungsbedarf richtet sich nicht nach dem Sozialgesetzbuch eines einzelnen Trägerbereichs, sondern nach den Erfordernissen für seine bestmögliche Teilhabe.

Den Menschen mit Behinderung in den Mittelpunkt zu stellen ist deshalb keine leere Floskel, sondern Leitsatz, den jeder in seiner Aussage nicht nur unterschreibt, sondern erkennbar beachtet. Für die BAR gilt er als „Handwerkszeug“, wenn es zum Beispiel darum geht, Grundlagen für die Gestaltung des Reha-Prozesses zu erstellen oder Informationen aufzubereiten.

Partizipation ist keine Einbahnstraße

Auch auf Ebene der BAR darf es kein Feigenblatt sein, Menschen mit Behinderung an Vorhaben zu beteiligen, die auf ihre Teilhabe ausgerichtet sind. Wenn es um die Erarbeitung von Regelungen wie zum Beispiel für die Gestaltung des Reha-Prozesses geht, ist die Expertise der Betroffenen notwendig. Mit „Nichts über uns ohne uns“ wird die Beteiligung ja auch eingefordert, und getroffene Regelungen werden auch in den Dienst der Betroffenen gestellt.

Gesetzliche Vorschriften wie untergesetzliche Regelungen haben eine dienende Funktion. Von daher kann der Auftrag nicht primär darin bestehen, ein Gesetz und seine Vorschriften umzusetzen. Auch aktuell kann nicht die ←33 | 34→Umsetzung des BTHG das Ziel sein. Um technokratische Auswüchse darf es also nicht gehen – die Gefahr ist gegeben, denken wir an die Vorschriften rund um die Planung von Teilhabe. Stattdessen soll es gelingen, die Regelungen im Sinne der Menschen mit Behinderung, aber auch der Reha-Berater vor Ort so pragmatisch zu gestalten, dass sie flexibel anzuwenden sind, und dass Spielräume proaktiv, zugewandt und individuell genutzt werden können. Reha-Maßnahmen zum Erfolg führen und selbstbestimmte Teilhabe des Menschen mit Handicap erreichen – diesem Ziel dienen die Regelungen.

Im Selbstverständnis der BAR hat Partizipation noch einen anderen Stellenwert. Das Sozialleistungssystem als „Buch mit sieben Siegeln,“ das BTHG als Einladung der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden zur aktiven Mitwirkung an „ihrem eigenen Fall“? Mitwirken kann und möchte, wer sich orientiert und gut informiert fühlt. Menschen mit Behinderung sind Experten in eigener Sache – sie müssen nicht Experten im Sozialleistungssystem sein, um an die ihnen zustehenden Hilfemöglichkeiten zu kommen. Dies gilt auch für betreuende Personen, wenn der Betroffene seine Interessen nicht oder noch nicht selbst vertreten kann.

Wenn Menschen das Sozialleistungssystem mit seinen Zuständigkeiten als Dschungel und Wirrwarr wahrnehmen, dann müssen wir uns damit auseinandersetzen und tätig werden. Die Herausforderung an die Leistungsträger und an die BAR liegt darin, Mitwirkung „attraktiv“ zu machen. Wenn dafür auch die Bekanntheit der Leistungsangebote erhöht werden soll, dann muss die Information darüber möglichst einladend sein. Das beginnt mit adressatenorientierter Aufklärung. An Material mangelt es nicht. Es gilt vielmehr, die Fülle an Informationen über Rehabilitation zu bündeln, Orientierung zu bieten und Informationen überschaubar zu gestalten, sie adressatengerecht, klar und verständlich aufzubereiten.

Dies ist nicht nur für die Bekanntmachung von Unterstützungsmöglichkeiten von Bedeutung. Damit die gesetzlichen Vorschriften ihre Wirkung erzielen, müssen auch sie in Alltagsrecht übersetzt und praxistauglich ausgestaltet werden. Die Erwartung ist eine bürgernahe Verwaltung. Ein Mensch mit Behinderung muss nicht – es sei denn er will – wissen, wie interne Verwaltungsverfahren bei und zwischen den Trägern ablaufen. Wohl aber ist es für ihn wichtig zu wissen, wie er das, was für ihn und seine Teilhabe maßgeblich ist, in den Reha-Prozess einbringen kann. Vereinfachung gilt deshalb auch für die – unvermeidliche – Bürokratie. Bürokratie bürgerfreundlich und verwaltungsökonomisch gestalten: In diesen Kontext sind auch die immer wieder erhobenen Forderungen nach einem einheitlichen Reha-Antrag zu stellen, denen die Träger auf Ebene der BAR derzeit nachgehen.

Mitwirkung ist schließlich auch eine Form von Zusammenarbeit und braucht Kompromissbereitschaft: Antragsteller auf Reha-Leistungen und Reha- Träger dürfen sich nicht als Gegner verstehen. Für die Reha-Träger darf nicht die ←34 | 35→Restriktion handlungsleitend sein. Gleichzeitig gilt aber auch: Nicht alles, was Menschen mit Behinderung für sich wünschen, wird durch die Reha-Träger erfüllbar sein. Der Reha-Prozess ist gelegentlich auch ein Prozess des Miteinander-Aushandelns, in dem es den Reha-Trägern obliegt, auf der Grundlage des Wunsch- und Wahlrechts in Alternativen zu denken und Möglichkeiten anzubieten.

Weiterentwicklung als ständiger Begleiter

Die Gesellschaft ist geprägt von Entwicklungen, die immer wieder neue Fragen aufwerfen, Umsteuerung notwendig machen und Anpassung erfordern. Auch Rehabilitation und Teilhabe müssen sich dieser Dynamik stellen. Woher nehmen wir Ansatzpunkte, dass und wie Anpassungen und Veränderungen vorgenommen werden müssen?

Mit unserer sich verändernden Gesellschaft steigt auch das Aufkommen gesundheitlicher Beeinträchtigungen, verändern sich und entstehen neue Krankheitsbilder; schließlich hat auch der medizinische Fortschritt Auswirkungen. Dazu ein aktuelles Beispiel aus der Arbeit der BAR: Wenn schwerstverletzte Menschen heute dank unserer Hochleistungsmedizin überleben, dann muss konsequenterweise gefragt werden, welche Form von Rehabilitation es für die Teilhabe der häufig noch schwer beeinträchtigten Überlebenden braucht. Hierfür sind entsprechende Konzepte notwendig, denn Hochleistungsmedizin und Hochleistungsrehabilitation sind zwei Seiten einer Medaille, wie Wolfgang Seger feststellt (vgl. Seite 185).

Und da wäre noch die Beobachtung des eigenen Tuns und des Tuns der Partner: Die Neigung zu Eigenlob ist nur allzu menschlich – aber: Eigenlob ist verführerisch. Wer sein Handeln nicht kritisch beobachtet und überprüft, wer seine Ergebnisbewertung eher auf das stützt, was er gerne hätte, der wird spätestens dann Fragen ausgesetzt sein, wenn andere die Einschätzung nicht teilen, sie zumindest aber hinterfragen. Transparenz ist für Handelnde wie für Beobachter eine wesentliche Grundlage für Erkenntnisse darüber.

Mit dem Teilhabeverfahrensbericht eröffnen sich für alle Beteiligten Chancen, die gute Qualität der Arbeit zu belegen, aber auch Ansatzpunkte zu entdecken für Verbesserungsbedarfe. Diese können sich an das eigene Tun richten, sie können aber genauso eine Aufforderung an die Partner und auch den Gesetzgeber sein, ihr Tun zu überprüfen und anzupassen.

Wenn Anpassungsnotwendigkeiten erkannt werden, ist „weiter so“ keine Lösung. Dann geht es um Veränderungsbereitschaft – und zwar als Stärke, nicht als Schwäche. Staatssekretär Dr. Rolf Schmachtenberg spricht von einer neuen Diskurs- und Denkweise, die sich auf Ebene der BAR zu etablieren beginnt (vgl. Seite 28).

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Das gilt auch für den Gesetzgeber: „Der Schlüssel liegt in der Einführung einer lernenden Gesetzgebung, die gesellschaftlichen Wandel akzeptiert, den Bürger aktiv in seiner Betroffenheit beteiligt, Lebensläufe zum Ausgangspunkt der Hilfeleistung nimmt und damit einen ganzheitlichen Ansatz realisiert“, wie Karl Hermann Haack formuliert (vgl. Seite 111).

Wir sind, was wir tun

Wir müssen uns schon an die Regeln halten, die wir uns selbst gegeben haben, betonen etliche Verfasser von Beiträgen zu unserer „Festschrift“. Diese Forderung kommt nicht von ungefähr. Dass Gemeinsame Empfehlungen eben nur „Empfehlungen“ sind, eilte einer GE bislang allzu oft voraus.

Die Qualität von Regeln besteht aber nicht darin, dass es sie gibt. Entscheidend ist das Tun: Vereinbarungen, Empfehlungen, Abstimmungen müssen in Handlungspraxis umgesetzt werden, und erst wenn sie sich für die Akteure als Handlungs- und Entscheidungshilfe und für den einzelnen Menschen als Unterstützung bewähren, haben wir es geschafft, gute Regelungen zu etablieren. Menschen mit Behinderung haben ein sehr feines Gespür, ob und wie sich Abstimmungsprozesse im Reha-Geschehen verbessern. Es ist wichtig, wenn Träger für sich selbst festhalten, auf einem guten Weg zu sein. Wenn die Betroffenen diese Einschätzung aus ihrer Erfahrung heraus bestätigen, dann ist sie richtig.

Dabei sind es nicht Systeme oder Institutionen, die miteinander arbeiten, sondern Menschen. Deshalb ist Zusammenarbeit auch sehr stark von Menschen abhängig und kann nicht einfach verordnet werden. Wer als Berater bei einem Reha-Träger Zusammenarbeit eher als Last empfindet, wird sich schwer tun – wer Lust auf das Arbeiten miteinander hat, wird Zusammenarbeit als Gewinn erkennen.

Gerade bei komplexem Hilfebedarf kommt es aber entscheidend auf die Qualität von Zusammenarbeit an. Qualität und Qualifizierung hängen eng zusammen. Neben einem breit angelegten Wissen im gegliederten Sozialleistungssystem brauchen die Reha-Berater vor Ort in steigendem Maße kommunikative Kompetenzen und Empathie-Fähigkeit. Auch setzt eine offensive Nutzung von Möglichkeiten der Rehabilitation die Verständigung auf eine entsprechende Haltung als strategische Ausrichtung in den einzelnen Trägerbereichen voraus, ebenso die Vermittlung dieser strategischen Ausrichtung und die Qualifizierung der Reha-Berater.

Mit ihrer Expertise wird sich die BAR im Bereich Fort- und Weiterbildung mit trägerübergreifenden Themenstellungen einbringen und hierbei den Anspruch „Wir sind, was wir tun“ beachten.

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Im Miteinander liegen Verstärkung und Stärke

Im Bereich von Reha und Teilhabe kann kein Akteur einen Alleinvertretungsanspruch erheben. Auch nehmen die Herausforderungen einer inklusiven Gesellschaft keine Rücksicht auf Abgrenzungen aufgrund von Zuständigkeiten. Die Anforderungen werden steigen und ganz bestimmt nicht von einem Träger alleine bewältigt werden können, auch nicht in Ausschnitten. Zum einen brauchen Antworten auf die Anforderungen einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft den Blick über den eigenen Tellerrand. Zum anderen wird die Funktionsfähigkeit des Sozialleistungssystems wesentlich davon abhängen, wie gut es den Trägern gelingt, verstärkt systemisch zu denken, zu planen und zu handeln – durchaus im Sinne einer Solidargemeinschaft. Und weiter erfordert Inklusion von den Leistungsträgern, dass sie sich an die Erfordernisse von Menschen mit Beeinträchtigung anpassen – nicht umgekehrt.

Dinge miteinander zu tun, heißt immer auch sich öffnen, voneinander lernen, sich anpassen, Kompromisse eingehen, sich bewegen in eine Richtung, die von der gemeinsamen Verantwortung vorgegeben wird. Der Mehrwert, der dadurch erzielt wird, liegt im Reha-Erfolg für den Einzelnen, in der Arbeitsökonomie für den Berater, in Transparenz für alle und letzten Endes auch im wirksamen Einsatz der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Wenn das gelingt, wird dies auch volkswirtschaftlich von hohem Nutzen sein.

Die BAR als Plattform für Verständigung

Das gemeinsame Ziel, den Menschen mit Behinderung in den Mittelpunkt zu stellen, seine Lebenssituation zu verbessern sowie die Personenzentrierung konsequent voranzutreiben verfolgt das Bundesteilhabegesetz als zentrale sozialpolitische Reform.

Die BAR als Plattform für Verständigung, gerne auch als „Denkfabrik“, wie Martin Litsch (vgl. Seite 168) sie bezeichnet, kann und will mit ihrem trägerübergreifenden Auftrag und ihrer Expertise dazu ihren Beitrag leisten. Und zwar im Geist von: „In dubio pro… – im Zweifel FÜR den Hilfebedürftigen“ wie Heribert Prantl (vgl. Seite 23) es in seiner Festrede zum 50-jährigen Jubiläum der BAR uns allen mit auf den Weg gibt.


1 Die Verweise auf Autoren beziehen sich auf deren Beiträge in diesem Buch.

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