Show Less
Open access

Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

Show Summary Details
Open access

Rehabilitation ist eine Investition in die Zukunft

Rehabilitation ist eine Investition in die Zukunft

von Prof. Dr. Joachim Breuer, Präsident Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS)

An zwei Tagen in der Woche fährt Kristina Vogel zum Reha-Training ins Unfallkrankenhaus Berlin. Sie macht sich warm und steigt in den Spacecurl, ein Gerät, das ihre Rumpfmuskulatur trainiert. Solche Details sind in Berichten über Vogels Leben nach ihrem Trainingsunfall zu lesen. Seit dem Unfall sitzt die Olympiasiegerin im Bahnradfahren im Rollstuhl. Kristina Vogel geht offensiv mit ihrer Geschichte um. Sie spricht über ihr neues Leben, über die Barrieren, die sie ärgern, und die kleinen alltäglichen Erfolge, die ohne eine gute Rehabilitation nicht möglich wären.

Kristina Vogel macht öffentlich, was die meisten Menschen in einer vergleichbaren Situation erleben: Rehabilitation ist unabdingbar, damit sie wieder teilnehmen können am Alltag. Rehabilitation ermöglicht ihnen eine höhere Lebensqualität. Diese Sätze hören sich heute selbstverständlich an. Aber noch vor wenigen Jahrzehnten galten rehabilitative Maßnahmen als überflüssige Investition.

Was hat diesen Sinneswandel bewirkt? Einen wesentlichen Impuls hat 2006 das „Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (UN-BRK) gegeben. Das grundlegende Ziel, das darin formuliert wird, ist die Inklusion in allen Lebensbereichen von der Barrierefreiheit bis zur Beschäftigung. Artikel 26 widmet sich explizit der Rehabilitation und Habilitation. Dort heißt es: „Die Vertragsstaaten treffen wirksame und geeignete Maßnahmen, (…) um Menschen mit Behinderungen in die Lage zu versetzen, ein Höchstmaß an Unabhängigkeit, umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten sowie die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens zu erreichen und zu bewahren.“

Bislang haben 160 Länder, darunter auch Deutschland, die Konvention unterzeichnet. Das bedeutet aber nicht, dass in all diesen Ländern die Inklusion schon erreicht wäre. Sie bleibt ein Ziel, an dessen Verwirklichung beständig gearbeitet werden muss. Das gilt auch für die Maßstäbe der Habilitation und Rehabilitation, die Artikel 26 ausführt. Wie es international tatsächlich um die Inklusion und Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen bestellt ist, zeigen einige ←45 | 46→Zahlen, die Rehabilitation International (RI)1 zusammengestellt hat: 82 Prozent aller Menschen mit Behinderung leben in Entwicklungsländern. Dort gibt es kaum barrierefreie Standards. So haben in Afrika nur ein bis zwei Prozent der Menschen mit Behinderung Zugang zu medizinischer Versorgung, Rehabilitation und Bildung. In Indien wiederum müssen Menschen mit Behinderung die Kosten für Hilfsmittel und Anwendungen selbst tragen. Das führt dazu, dass sie oft unterhalb der Armutsgrenze leben. Armut ist eine der größten Bedrohungen für Menschen mit Behinderung. Ein zentraler Grund dafür ist, dass sie daran gehindert werden, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Sei es durch natürliche Barrieren im öffentlichen Raum oder durch Vorurteile. Auch in Deutschland liegt die Arbeitslosenquote der Menschen mit Behinderung immer noch fast doppelt so hoch wie die der Menschen ohne Behinderung. Wer hieran etwas ändern will, der muss sich den Barrieren in den Köpfen zuwenden, und die sind oft härter als die aus Stein.

Dabei kann es sich keine Gesellschaft leisten, das Potenzial der Menschen mit Behinderung brach liegen zu lassen. Beschäftigung ist dabei – ebenso wie Bildung – ein Schlüssel zur Inklusion. Investitionen in Rehabilitation und Wiedereingliederung verbessern nicht nur das Leben der Betroffenen. Auch für Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes gilt: Jeder Euro, der in Beschäftigungsfähigkeit investiert wird, macht sich mehrfach bezahlt. In einer Studie2 hat die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) zusammen mit ihren Partnern zeigen können: Sozialversicherungsträger erzielen durch erfolgreiche Arbeitswiedereingliederung („Return to Work“) für jeden in Rehabilitation investierten Euro eine Rendite von 2,90 Euro. Für Unternehmen liegt der Kosten-Nutzen-Faktor sogar bei 1 zu 3,7. Ein Argument, das für sich spricht.

Mit der Ausbildung zum zertifizierten Disability Manager3, die weltweit in 64 Ländern angeboten wird, steht zudem eine Struktur bereit, die eine qualitätvolle Wiedereingliederung als Schlussstein einer erfolgreichen Rehabilitation garantiert.

All diese Argumente können helfen, noch mehr Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft davon zu überzeugen, dass Rehabilitation eine notwendige und lohnende Investition in die Zukunft ist. Zu oft wird nur auf die kurzfristigen Kosten geschaut und nicht auf die mittel- und langfristigen Wirkungen einer gut etablierten Rehabilitation und Wiedereingliederung. Mit einem Blick, der am Tellerrand verharrt, werden wir aber keine adäquaten Antworten finden auf die Bedürfnisse einer von Vielfalt geprägten Weltgemeinschaft.

←46 | 47→