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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Demokratie braucht Inklusion

Demokratie braucht Inklusion

von Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen

Besonders in diesem Jahr – dem Jahr, in dem die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland seit zehn Jahren in Kraft ist – wird viel über Inklusion diskutiert. Das ist gut und wichtig. Zu häufig wird die Diskussion jedoch auf das Thema Schule und Bildung verengt. Ein sehr wichtiges Thema, keine Frage, aber nicht das einzige. Kinder sollten von Beginn an gemeinsam lernen und gemeinsam groß werden, das ist der Grundstein für eine inklusive Gesellschaft. Darüber hinaus jedoch ist es für Menschen mit Behinderungen natürlich relevant, dass wir in ausnahmslos allen Bereichen des Lebens inklusiv denken und handeln. Es geht um Teilhabe am Arbeitsleben, am politischen Leben, am sozialen Leben – für jede und jeden so eigenständig wie möglich. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen.

Rehabilitation darf kein Sparmodell sein

Eine zentrale Voraussetzung für mehr Teilhabe und eine wirklich gelingende Inklusion ist oftmals ein qualitativ hochwertiges Rehabilitationssystem. Rehabilitation darf kein Sparmodell sein. Dazu gehört, dass das bestehende Reha-Recht praxisnah und im Sinne der Menschen angewendet wird. Es heißt aber auch, dass das geltende Recht ständig weiterentwickelt werden muss. Die Idee von Leistungen aus einer Hand kann durchaus noch ausgebaut werden.

Durch das Bundesteilhabegesetz soll die Zusammenarbeit der Rehabilitationsträger nun straffer geregelt werden, so dass Leistungen zielgenauer möglich werden. Für Menschen mit Behinderungen ist seit 2018 nur noch ein Reha-Antrag notwendig, um alle erforderlichen Leistungen von den verschiedenen Rehabilitationsträgern zu erhalten – ein hohes Ziel im gegliederten Sozialsystem. Denn das jetzt eingeführte trägerübergreifende Teilhabeplanverfahren, das die Schnittstellen im System reduzieren soll, gilt für alle Rehabilitationsträger ohne Ausnahme. Zudem werden jetzt mit Zustimmung der Leistungsberechtigten Fallkonferenzen durchgeführt, auf denen der individuelle Unterstützungsbedarf der Antragstellenden beraten wird. Das stärkt die Partizipation der Betroffenen deutlich. Aufgabe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) als Zusammenschluss von Trägern der Rehabilitation wird es sein, zu einer besseren trägerübergreifenden Zusammenarbeit beizutragen und ein sinnvolles ←57 | 58→Ineinandergreifen ihrer Leistungen für eine umfassende Rehabilitation und Teilhabe zu sichern. Wünschenswert wären für Arbeitgeber ähnliche Strukturen im Leistungsrecht. Leistungen „wie aus einer Hand“ wären auch hier notwendig und sinnvoll.

Vorurteile halten sich hartnäckig

Wenn wir näher auf den Arbeitsmarkt schauen, ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Trotz Fachkräftemangels sind noch immer viele gut ausgebildete Menschen mit Behinderungen arbeitslos. Auch wenn sie vom Aufschwung am Arbeitsmarkt profitieren können, ist die Arbeitslosenquote immer noch höher als bei Menschen ohne Behinderungen. Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit ist deutlich länger. Arbeit ist nicht nur ein Menschenrecht, auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive müssen wir alles dafür tun, vorhandene Potenziale zu nutzen.

Ganz zu Beginn steht dabei eine Bewusstseinsveränderung in den Köpfen von Personalverantwortlichen. Viele Vorurteile halten sich hartnäckig: Zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderungen weniger leistungsfähig seien. Jeden Tag jedoch machen in Deutschland hunderttausende Menschen mit Behinderungen einen guten Job. Insbesondere bei Akademikern mit Behinderungen sind diese Vorurteile schwer zu verstehen. Wer sich seinen Weg durch die Universität gebahnt und einen Abschluss gemacht hat, dem ist seine Leistungsfähigkeit wohl schwer abzusprechen. Immerhin ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber beschäftigen zudem keinen einzigen Menschen mit Behinderung. Das ist nicht akzeptabel. Wir müssen uns schon an die Regeln halten, die wir uns gegeben haben. Mir besonders wichtig, dass Vorurteile entkräftet und Strukturen vereinfacht werden. Als ultima ratio muss aber auch über eine deutliche Erhöhung der Ausgleichsabgabe für diese Arbeitgeber nachgedacht werden.

Barrierefreiheit für alle – überall

Auch beim Thema Barrierefreiheit im Arbeitsleben gibt es noch einiges zu tun. Im öffentlichen Dienst sind die Bedingungen in den meisten Fällen recht gut, besonders dort, wo es starke Schwerbehindertenvertretungen und Personalräte gibt. Jedoch sowohl dort wie auch im privaten Bereich wird Barrierefreiheit viel zu häufig noch als Barrierefreiheit im baulichen Sinne interpretiert. Es gibt jedoch viele Einschränkungen, die Menschen mit Sehbehinderungen, Hörbehinderungen oder starken motorischen oder auch kognitiven Einschränkungen an einer Teilhabe im Berufsleben hindern. Der öffentliche Dienst sollte hier eine ←58 | 59→Vorbildfunktion einnehmen. Doch auch die Unterstützung und intensive Beratung kleinerer und mittlerer Unternehmen durch die Integrationsämter ist von immenser Wichtigkeit – im Idealfall unbürokratisch und schnell.

Menschen mit Behinderungen leben übrigens wie jeder und jede andere auch nicht nur zu Hause, im Büro oder im öffentlichen Sektor. Sie wollen ins Kino gehen, zum Arzt ihrer Wahl oder einfach nur ins Einkaufszentrum. Deswegen sollten private Anbieter von Produkten und Dienstleistungen, die für die Allgemeinheit bestimmt sind, ebenfalls zur Barrierefreiheit verpflichtet werden. Das ist ein dickes Brett, das wir dringend durchbohren müssen.

Digitalisierung bietet Chancen

Barrierefreiheit betrifft selbstverständlich auch den digitalen Raum. Die Digitalisierung bietet große Chancen auch für Menschen mit Behinderungen, in allen Bereichen des Lebens. Dafür müssen aber die Rahmenbedingungen richtig gestaltet werden. Schauen wir zum Beispiel auf die Arbeitswelt, kann die Möglichkeit, mit barrierefreier Technik ortsunabhängig und flexibler zu arbeiten, besonders für Menschen mit Behinderungen die Frage stark beeinflussen, ob jemand berufstätig oder arbeitslos ist. Auch innovative und barrierefreie Hard- und Software-Lösungen bieten große Chancen. Wichtig ist: Wie bei allem muss die Barrierefreiheit von Beginn an mitgedacht werden. Es nützt nichts, erst das System zu entwickeln, um es nachträglich barrierefrei zu machen. Das ist oftmals gar nicht möglich. Dafür braucht es selbstverständlich auch die entsprechende Expertise – zum Beispiel von den Betroffenen selbst.

Inklusion ist die Grundlage unserer Demokratie

Für meine Amtszeit habe ich das Motto „Demokratie braucht Inklusion“ gewählt. Denn Inklusion ist nicht etwas, das man bei Gelegenheit auch mitdenkt. Inklusion ist eine Grundlage unserer Demokratie. Erst wenn alle Menschen die Möglichkeit umfassender Teilhabe haben, leben wir in einer wirklich guten Demokratie. Dafür arbeiten mein Team und ich, und ich freue mich, dass wir mit der BAR auch weiterhin einen kompetenten und verlässlichen Akteur für einen wesentlichen Aspekt von Inklusion haben: Denn Inklusion braucht auch Rehabilitation.

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