Show Less
Open access

Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

Show Summary Details
Open access

Teilhabe am Beispiel des Inklusionsprojekts !nkA (2013 bis 2019)

Teilhabe am Beispiel des Inklusionsprojekts !nkA (2013 bis 2019)

von Annetraud Grote, Inklusionsbeauftragte Paul-Ehrlich-Institut

Entstehung des Projekts und Ausgangslage

Das UnternehmensForum e.V. (UF), ein branchenübergreifender Zusammenschluss von Konzernen, mittelständischen Firmen und anderen Arbeitgebern, der sich für mehr Inklusion von Menschen mit Behinderung in das Arbeitsleben engagiert, hat mit Unterstützung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) in einem stabilen Netzwerk mit Unternehmen, Behörden, Schulen, der Arbeitsagentur, Integrationsämtern, Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern und weiteren Akteuren aus der Berufsbildung das Inklusionsprojekt „Inklusive Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung“ (!nkA) gestartet, das vom Paul-Ehrlich-Institut koordiniert wird. In den Jahren 2013, 2014 und 2015 wurden bundesweit insgesamt 38 schwerbehinderte Auszubildende in verschiedenen Berufen eingestellt, die gemeinsam mit nicht behinderten Jugendlichen ihre Ausbildung absolvierten. Ausgangspunkt für das Projekt war die Erkenntnis, dass bei Arbeitgebern das Leistungspotenzial von jungen Menschen mit Behinderungen häufig unterschätzt wird. Viele Betriebe können sich offensichtlich nicht vorstellen, behinderte Auszubildende – schon gar mit Hilfebedarf – einzustellen. Die Instrumente der Arbeitsassistenz oder manche technischer Hilfen erscheinen auch heute noch vielfach unbekannt. Unterschätzt wird, dass Menschen mit Behinderungen ebenso wie andere Jugendliche eine betriebliche Ausbildung absolvieren können, wenn sie die passenden Rahmenbedingungen am Ausbildungsplatz vorfinden. Zudem hatten viele Unternehmen im Vorfeld des Projekts erlebt, dass es schwierig war, Jugendlichen mit Behinderungen tatsächlich einen Ausbildungsplatz anzubieten, da nur wenige bereit waren, ihre Behinderung in der Bewerbung anzugeben.

Welche besonderen und nachhaltigen Wege ging !nkA?

Das Projekt !nkA hat dazu beigetragen, bestehende Barrieren für die unterschiedlichen Akteure zu identifizieren und abzubauen.

←77 | 78→

Arbeitsplatz einer sehbehinderten Auszubildenden 2018

Junge Menschen mit Behinderungen wurden bei der Suche nach einem passgenauen Ausbildungsplatz durch Ausschreibungen, die sich speziell an behinderte Jugendliche richteten, unterstützt. Die duale Ausbildung selbst durchliefen die schwerbehinderten Jugendlichen bei den verschiedenen Arbeitgebern jedoch ganz regulär mit den anderen nicht-behinderten Auszubildenden. Dabei war die klare Kommunikation von Unternehmen, offen für die Bewerbung von Menschen mit Behinderung zu sein, ein wichtiger Erfolgsfaktor. Ebenso war der gezielte Abbau von Vorurteilen gegenüber der Ausbildung von Menschen mit Behinderungen wichtig. Dass flexible Ausbildungsstrukturen sinnvoll für den Ausbildungserfolg sind, zeigte das Beispiel der Umstrukturierung von Voll- in Teilzeitausbildungen in einigen Fällen. Neben der Vermittlung fachlicher Fähigkeiten war die Stärkung der Sozialkompetenz ein wesentlicher Bestandteil des Ausbildungskonzepts. Gleichzeitig wurde durch die Teilnahme am Berufsschulunterricht und den Kontakt zu Auszubildenden in anderen Betrieben die Erkenntnis, dass es nicht unmöglich ist, junge Menschen mit einem besonderen Förderbedarf auszubilden, auch in andere gesellschaftliche Bereiche getragen.

←78 | 79→

Bei der Beantragung von Nachteilsausgleichen und Hilfsmitteln hat die Projektkoordination unterstützt. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Projektpartnern hat dabei viele Wege erleichtert. In den meisten Ausbildungsverhältnissen ergaben sich keine Schwierigkeiten oder Besonderheiten.

Im Laufe der Projektdauer fanden insgesamt acht gemeinsame Seminare für alle schwerbehinderten Auszubildenden des !nkA-Projekts statt, bei dem erfreulicherweise bereits früh festgestellt wurde, wie sehr sich die Auszubildenden der verschiedenen Betriebe von Beginn an mit den Zielen von !nkA identifizierten. Während der Seminare tauschten sie sich über Faktoren einer guten Unterstützung bei der Ausbildungsplatzsuche aus und diskutierten über ihre Erfahrungen beim Übergang von der Schule in die Ausbildung.

Klarer Höhepunkt der Seminare war Ende 2015 der Besuch von Andrea Nahles, der früheren Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Sie nahm sich Zeit für die Anliegen der !nkA-Azubis und tauschte sich mit den Jugendlichen über ihre Ausbildungssituation aus sowie über ganz konkrete politische Ziele und Wünsche.

Im letzten Seminar 2018 zogen die Auszubildenden das Fazit, dass das Projekt für sie nicht nur die Möglichkeit des Austauschs bietet, sondern auch der gegenseitigen Stärkung und des Einbringens eigener Lösungsvorschläge, die sich aufgrund ihrer verschiedenen Biografien und Behinderungsarten entwickelt haben. Die Teilnehmer entwickelten zudem Ideen für bessere Rahmenbedingungen einer inklusiven Ausbildung. Um die Kernbotschaft einer inklusiven Ausbildung nachhaltig zu verankern, erarbeiteten die Auszubildenden zudem ein Konzept für einen Videoclip, der Unternehmen für das Potenzial von jungen Menschen mit Behinderungen sensibilisieren soll. Die Ideen für den Film wurden mittlerweile professionell von einem Medienunternehmen umgesetzt.

Die große Mehrheit der Auszubildenden und die weiteren an der Ausbildung beteiligten Akteure bewerten die Ausbildungszeit als erfolgreich. Hiervon zeugen auch die guten Ergebnisse und Ausbildungsabschlüsse. Von anfänglich 38 schwerbehinderten Auszubildenden haben 34 die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, zwei befinden sich noch in Ausbildung und 27 konnten nach der Ausbildung eine Anschlussanstellung erhalten.

Erfolgsfaktor: ein funktionierendes Netzwerk

Als entscheidender Erfolgsfaktor hat sich aus Sicht aller Beteiligten die enge Zusammenarbeit im !nkA-Netzwerk erwiesen. Hier konnten Probleme während der Ausbildung identifiziert und gelöst werden. Das gute Zusammenspiel mit ←79 | 80→Arbeitsagenturen, Rehabilitationsträgern und Integrationsämtern machte den Mehrwert sichtbar, der aus der Verminderung der Bürokratie und einer Verbesserung der Vermittlung durch den regelmäßigen Dialog resultierte.

Nach dem Projektstart im August 2014 fanden insgesamt acht erfolgreiche Projekttreffen aller operativen und fördernden Partner statt, anlässlich derer über die Projektergebnisse, aber auch über Schwierigkeiten bei der Inklusion von behinderten Auszubildenden, beispielsweise bei der Einbeziehung von Berufsschulen und Kammern, gesprochen wurde. Weitere Themen waren unter anderem die Informationen zu Zuschüssen der Arbeitsagenturen und Integrationsämter sowie zu verschiedenen Behinderungsarten. Die Effektivität der Netzwerkarbeit wird von den unterschiedlichen Akteuren der Berufsausbildung sehr geschätzt.

Ergebnisse und Perspektiven des !nkA-Projekts

Die insgesamt positiven Erfahrungen der beteiligten Arbeitgeber und der Auszubildenden führen zur Motivation, auch in der Zukunft Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderungen anzubieten. Das Ziel Professionalisierung der Akteure in der Berufsausbildung (Arbeitgeber, Berufsschulen, Ausbildungsverbunde, Kammern) wurde erreicht. Für die Ausbildungsbetriebe hat !nkA zu einer Verbesserung des Rekrutierungs- und Ausbildungsprozesses gerade im Hinblick auf behinderte Bewerber geführt.

Bereits die gelungene Abschlussveranstaltung im September 2018 unter der Schirmherrschaft des Bundesministers für Arbeit und Soziales zeigte auf, dass das enge Netzwerk ein echtes Novum im Bereich der Inklusion ist und die begründete Hoffnung besteht, dass es auch über die Projektdauer hinaus Bestand haben und Früchte tragen wird. Alle beteiligten Arbeitgeber bieten auch in der Zukunft Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderungen an. Die Praxiserfahrung des Projekts wird für andere Akteure in Politik und Gesellschaft durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit und den Transfer der Ergebnisse im Sinne der Darstellung von Best-Practice-Beispielen nutzbar gemacht.

Es ist mithin von nachhaltigen Effekten des Projekts auszugehen. Dies bezieht sich insbesondere auf die arbeitsmarkt- und bildungspolitische Signalwirkung. Das !nkA-Projekt zeigt, wie wertvoll die Bereitschaft und der Wille zur Inklusion in der Ausbildung ist.

←80 | 81→