Show Less
Open access

Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

Show Summary Details
Open access

Rehabilitation im Medizinstudium – Kompetenzsicherung zukünftiger Ärztinnen und Ärzte für eine teilhabeorientierte medizinische Versorgung

Rehabilitation im Medizinstudium – Kompetenzsicherung zukünftiger Ärztinnen und Ärzte für eine teilhabeorientierte medizinische Versorgung

von Prof. Dr. Wilfried Mau, Präsident Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V.

Hintergrund

Vor allem auf Grund der demografischen Entwicklung, der Zunahme von chronischen Erkrankungen und der damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen bei der Versorgung und Teilhabesicherung der Betroffenen wurde die Rehabilitation kürzlich als „die Gesundheitsstrategie des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet1. Insbesondere Ärztinnen und Ärzten in Praxen, Krankenhäusern und Betrieben haben dabei wichtige rehabilitative Steuerungs- und Versorgungsaufgaben, damit Rehabilitationsangebote bedarfsgerecht genutzt und erreichte Ergebnisse verstetigt werden. Darauf werden sie in ihrer Ausbildung allerdings vielfach nicht optimal vorbereitet, obwohl die Lehre zur Rehabilitation seit dem Jahr 2003 in der Approbationsordnung für Ärzte vor allem im 12. Querschnittsbereich „Rehabilitation, Physikalische Medizin, Naturheilverfahren“ curricular verankert ist. Deshalb engagiert sich die Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V. (DGRW) auf vielfältige Weise bei der Verbesserung der rehabilitationsbezogenen Lehre.

Durchführungsrealität der rehabilitationsbezogenen Lehre

Die konkrete Gestaltung der Lehre zur Rehabilitation ist den einzelnen Hochschulen und Universitäten überlassen. Dazu hat die DGRW die Strukturen und curricularen Prozesse an den medizinischen Fakultäten über mehrere Fragebogenerhebungen in einem Zeitraum von zwölf Jahren analysiert. Zu jedem Befragungszeitpunkt waren zwischen den einzelnen Standorten erhebliche Unterschiede festzustellen. Bei 68 Prozent der Fakultäten wurde die Lehre zu ←91 | 92→Rehabilitation, Physikalischer Medizin oder Naturheilverfahren im Jahr 2015 von Kliniken beziehungsweise Instituten koordiniert, deren Bezeichnung keinen dieser Begriffe enthielt2. Lehr-/Forschungsbereiche in mindestens einem dieser drei Teilbereiche gibt die Hälfte der Regel- und Modellstudiengänge an, aber kein Reformstudiengang oder Studiengang mit ausländischem Abschluss. Studiengänge mit diesen Lehr-/Forschungsbereichen folgen häufiger dem Lernzielkatalog der DGRW/DGPMR (s. u.) (67 % gegenüber 33 %), thematisieren ein breiteres Spektrum der rehabilitationstypischen Krankheitsgruppen und gehen häufiger auf die versorgungsrelevanten Bereiche Frührehabilitation (87 % gegenüber 47 %) und geriatrische Rehabilitation (53 % gegenüber 33 %) ein.

Die frontale Lehre in Vorlesungen steht in der Regel immer noch weit im Vordergrund der Lehrveranstaltungen, obwohl diese zu einem geringeren Kompetenzerwerb führen als aufwändigere interaktive Gruppenangebote oder die eigenständige Erarbeitung von Inhalten mit Anwendung des Gelernten unter Einsatz moderner didaktischer Methoden. Trotzdem finden solche Formate, zu denen unter anderem der Einsatz strukturierter Fallbeispiele, problemorientiertes Lernen und verschiedene Varianten des E-Learning gehören, selten Anwendung.

Empfehlungen und Angebote der Rehabilitationswissenschaften

Die Heterogenität der Lehrangebote in den Medizinischen Fakultäten und der häufig festgestellte Entwicklungsbedarf veranlasste die DGRW bereits im Jahr 2010, die Erfordernisse der rehabilitationsbezogenen Lehre mit zehn Empfehlungen in einem Positionspapier zusammenzufassen, die weiterhin aktuell sind.3 Zu ihnen gehören klare Curricula, in denen sich die Inhalte, Methoden und Leistungsnachweise an zuvor definierten Lernzielen ausrichten. Wegen der zentralen Bedeutung kompetenzbasierter Lernziele hat die DGRW im Jahr 2017 gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (DGPMR), nach einer Vorversion aus dem Jahr 2004, einen revidierten Lernzielkatalog erstellt4. Mit Bezug auf diese Lernziele wurde ←92 | 93→eine intuitiv bedienbare Online-Datenbank mit Lehrmaterialien verschiedener Medientypen, Prüfungsfragen und Links aus sechs Hochschulen erstellt5. Ihr Konzept als MediaWiki ermöglicht die ständige Weiterentwicklung durch die Nutzergemeinschaft der Hochschuldozentinnen und -dozenten, denen die Datenbank nach Registrierung kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Damit soll eine Angleichung der zentralen Lerninhalte zur Rehabilitation im Studium der Humanmedizin in Deutschland unterstützt werden, die nicht im Widerspruch zu erweiterten standortspezifischen Profilbildungen im Detail steht.

Bedeutung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) für die Gestaltung von Lehrangeboten

In der genannten Online-Datenbank wird unter anderem auf die Website der BAR (www.bar-frankfurt.de) verlinkt, die für die Gestaltung von Lehrangeboten zur Rehabilitation und Teilhabe von großer Bedeutung ist. In übersichtlicher Form sind dort aktuelle Informationen sowohl für die Dozentinnen und Dozenten als auch die Studierenden zum Beispiel für die Vor- und Nachbereitung von Lehrveranstaltungen, Fallbearbeitungen et cetera verfügbar. Exemplarisch sind zu nennen das Bundesteilhabegesetz und andere gesetzliche Grundlagen, die ICF einschließlich Fallbeispielen und Core-Sets mit Dokumentationsbögen, die gemeinsamen Empfehlungen sowie Datenbanken und Verzeichnisse einschließlich der Anlaufstellen für Rehabilitation und Teilhabe. Die Entwicklung des Teilhabeverfahrensberichts mit seinem erwartbar zunehmenden Informationsgehalt bietet die Möglichkeit, die Vielfalt und Transparenz der beantragten und bewilligten Rehabilitationsleistungen aller Träger bei Lehrveranstaltungen zu thematisieren.

Nicht zuletzt ist das von der BAR im Jahr 2018 neu herausgegebene Werk „Rehabilitation“ zu nennen, das sich primär an bereits praktizierende Berufsgruppen der Gesundheitsversorgung wendet6. Es bietet auch den Studierenden, zum Beispiel für vertiefende Recherchen, wichtige Details in einer übersichtlichen ←93 | 94→Zusammenstellung. Insgesamt ist das breite Spektrum an Informationen und Materialien der BAR mit aktuellen Entwicklungen der Rehabilitation und Teilhabe eine sehr gute Quelle, die auch für die Vermittlung der notwendigen Kompetenzen zum lebenslangen Lernen hervorragend nutzbar ist.

Ausblick

Nachdem die Rehabilitation im Verhältnis zur akutmedizinischen Versorgung in der ärztlichen Ausbildung der medizinischen Fakultäten und Hochschulen bis heute eine unterschiedliche, in der Regel geringe Berücksichtigung fand, zeichnet sich für die Zukunft ein deutlich erhöhter Stellenwert ab. Der Wissenschaftsrat hat im Jahr 2018 in den „Empfehlungen der Expertenkommission zum Masterplan Medizinstudium 2020“ zur Neustrukturierung des Medizinstudiums und Änderung der Approbationsordnung für Ärzte das Fach Rehabilitationsmedizin als eines von 30 eigenständigen Prüfungsfächern aufgenommen7. Derzeit werden mit Beteiligung der DGRW relevante Inhalte zur Rehabilitation in den neuen Gegenstandskatalog für das Medizinstudium in Verbindung mit der Revision des „Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM)“ eingebracht, der für alle Fakultäten verbindlich wird.

Die für die Rehabilitation und Teilhabeorientierung unabdingbaren Kompetenzen zur interprofessionellen Zusammenarbeit werden dabei entsprechend den Empfehlungen der Expertenkommission ebenfalls deutlich stärker betont. Damit dies gelingt, sind analoge Verankerungen in den Ausbildungsordnungen und Curricula der anderen Berufsgruppen der Rehabilitation erforderlich. Auch für die gleichzeitige grundlegende Reform des Psychologiestudiums, die zur Approbation als Psychotherapeut*in führt, sollen die für die Medizin erarbeiteten kompetenzbasierten Lernziele zur Rehabilitation, Teilhabeorientierung und interprofessionellen Kooperation im Gegenstandskatalog integriert beziehungsweise adaptiert werden. Nicht zuletzt können diese Lernziele für das Gesamtkonzept zur Neuordnung und Stärkung der Ausbildung der Gesundheitsfachberufe durch die aktuell damit befasste Bund-Länder-Arbeitsgruppe und für die Curricula in den zunehmend akademisierten Ausbildungsgängen aller rehabilitationsrelevanten Berufsgruppen eine Orientierung bieten.

←94 | 95→

1 Stucki G., Bickenbach J, Gutenbrunner C., Melvin J. Rehabilitation: The Health Strategy of the 21st Century. J Rehab Med 2018; 50:309–3016.

2 Schmidt S., Bergelt C., Deck R. et al. Aktuelle Entwicklungen der rehabilitationsbezogenen Lehre in den humanmedizinischen Studiengängen in Deutschland: Ergebnisse der DGRW-Fakultätenbefragung 2015. Rehabilitation 2017;56:47–54.

3 Mau W., Kawski S, Lay W. et al. Erfordernisse der Ausbildung zur Rehabilitation in der humanmedizinischen Lehre. Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW). Rehabilitation. 2010;49:114–9.

4 Mau W., Liebl M. E., Deck R. et al. Kompetenzbasierter Lernzielkatalog „Rehabilitation, Physikalische Medizin, Naturheilverfahren“ (RPMN) – revidierte Fassung Gemeinsame Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V. (DGRW) und der Deutschen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation e.V. (DGPMR). Rehabilitation 2017; 56, 397–411.

5 Schmidt S., Mau W. Entwicklung eines Reha-Wikis für rehabilitationsbezogene Lehrmaterialien mit Zuordnung zu kompetenzbasierten Lernzielen. Rehabilitation 2019;58:128–135.

6 Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) (Hrsg.). Rehabilitation: Vom Antrag bis zur Nachsorge – für Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und andere Gesundheitsberufe. Springer, Berlin, 2018.

7 Wissenschaftsrat. Empfehlungen der Expertenkommission zum Masterplan Medizinstudium 2020 (Drs. 7271-18), September 2018. Link [Abruf 4.7.2019]: https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7271-18.pdf.