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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Selektive Schlaglichter der Standortbestimmung – ein kurzer Einwurf von der Seitenlinie

Selektive Schlaglichter der Standortbestimmung – ein kurzer Einwurf von der Seitenlinie

von Dr. Michael Schubert, Fachbereichsleiter Teilhabeverfahrensbericht, Systembeobachtung und Forschung, Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) bis 09/2018, jetzt Geschäftsführer Schubert-Verlag

Genug erreicht in 50 Jahren Arbeit?

Nunmehr ein halbes Jahrhundert besteht der Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR), den wir heute als Aufgabendreieck von Kooperation, Koordination und Konvergenz im gegliederten Rehabilitationssystem beschreiben. Will man die BAR als große Erfolgsgeschichte der Sozialpartner zur Überwindung von Heterogenitäten und Divergenzen im Bereich der Rehabilitation und Teilhabe bilanzieren, stellt sich die Frage: Warum braucht es sie dann nach 50 Jahren immer noch?

Diese Zuspitzung leitet allerdings fehl. Der Gesetzgeber hält aus einer Reihe guter Gründe bis heute am gegliederten System fest. Mit diesem verbunden sind trägerspezifische Leistungsgesetze und damit unterschiedliche Rechtsgrundlagen für Leistungen zur Teilhabe. Im Wandel der Zeit sind so – ausgehend von (auch) gesetzlich angelegten trägereigenen Systemlogiken – trägerübergreifende Gemeinsamkeiten und gemeinsame Handlungsstränge unterhalb der abstrakten Gesetzesebene immer neu zu finden und herzustellen. Dies benötigt einen Ort. Dabei scheint es bemerkenswert, dass verschiedenen, heute als aktuell wahrgenommenen Herausforderungen bei Lichte betrachtet längst kein Novitätenstatus zugeschrieben werden kann. Aber auch dies stellt die Erforderlichkeit und Notwendigkeit der BAR als institutionalisierten Ort der Verständigung keineswegs in Frage. Wenngleich der Auftrag der BAR deutlich darüber hinausgeht, ist sie bereits allein für die Herstellung der Basis eines trägerübergreifenden Zusammenfindens und Zusammenwirkens unverzichtbar: für Begegnung, Austausch und Perspektivwechsel.

Der sozialgesetzliche Handlungsrahmen, die Handlungsmöglichkeiten und auch die Erwartungen der Mitglieder wie der weiteren Fachöffentlichkeit an die BAR als Zusammenschluss der Rehabilitationsträger in Deutschland haben sich ←169 | 170→mit Blick auf die Erfüllung ihrer satzungsmäßigen und nun auch gesetzlichen Aufgaben deutlich vergrößert. Dies vereinfacht zwar nicht per se die Aufgabenerfüllung, entwickelt aber die Spielregeln weiter, wodurch breitere Möglichkeitsräume für eine höhere Wirksamkeit und Ergebnisqualität entstehen. Diese gilt es zukünftig konsequent zu nutzen und auszubauen.

Alle Rehabilitationsträger gleichermaßen unter einem Dach?

Das SGB IX Teil 1 als für alle Rehabilitationsträger gleichermaßen gültiges Leistungsverfahrensrecht kennt in aller Regel keine Trägerspezifik. Soweit es die verfassungsmäßige Gesetzgebungskompetenz des Bundes zuließ, folgt so der gesetzliche Rahmen einem egalitären Narrativ. Gespiegelt auf die Aufgaben trägerübergreifender Verständigung bestehen jedoch trotz des günstigeren Handlungsrahmens auch wesentliche systemimmanente Herausforderungen weiter, zu denen noch Lösungen zu finden sein werden, damit das Dach der Verständigung alle Träger der Leistungen zur Teilhabe gleichermaßen überspannt. Institutionell formuliert: Der Ort der Verständigung muss dem gesetzlichen Narrativ folgen können.

Während die Träger der Sozialversicherung über aufbauorganisatorische und verbandliche Strukturen in Aushandlungsprozesse weithin einbindbar sind, ist dies für die circa 1000 steuerfinanzierten und in Länderhoheit organisierten Träger der Eingliederungs- und Jugendhilfe bislang so nicht gegeben. Allein, dies hilft nicht in der Sache. Bei aller Unterschiedlichkeit der Rehabilitationsträger im Detail sind viele Potenziale trägerübergreifender Verabredungen für die jeweils eigene Arbeit längst nicht geborgen. Durch den gerade in den letzten Jahren verstärkten Bedeutungszuwachs eines trägerübergreifend abgestimmten Agierens der Rehabilitationsträger erscheint die Notwendigkeit der Zusammenarbeit bei allen Rehabilitationsträgern unbestreitbar. Dabei ist der effektivste Weg der Interessenvertretung eine Mitwirkung und Mitgestaltung. Auch gilt es gleichermaßen zu erkennen und Schlussfolgerungen daraus abzuleiten, dass die steuerfinanzierten Trägerbereiche durch die aktuellen rechtlichen Änderungen mehr denn je Produktives zum trägerübergreifenden Konzert beizutragen haben. Die Themenfelder Bedarfsermittlung und Teilhabeplanung sind hierfür nur zwei Beispiele.

Nicht alle Wege führen nach Rom: Vom Output zum Outcome

Prozessual betrachtet ist neben dem Erfordernis der Entwicklung von Antworten auf Fragen der Mandatierung und der Handlungskompetenzen von ←170 | 171→Trägervertretern auf trägerübergreifender Ebene der Wille zur Verständigung grundlegend. Eine wirksame Aufgabenerfüllung benötigt Ergebnisse, die Antworten auf praktische Probleme geben oder solchen präventiv begegnen. Auf dem Weg der Neubestimmung des Verhältnisses von trägerspezifischen Logiken und trägerübergreifenden Einheitlichkeiten ging es gerade in den letzten Jahren ein gutes Stück voran.

Der Prozess des Zustandekommens von Vereinbarungen ist oftmals komplex und schwierig. Zurecht vorbei ist die Zeit, in der Vereinbarungen nur Gesetzestext paraphrasierten. Gleichsam überholt erscheint es, wenn trägerübergreifende Vereinbarungen ausschließlich bestehende trägerspezifische Regelungen addieren. Vielmehr müssen trägerübergreifende Arbeitsergebnisse im systematischen Zusammendenken von Trägerübergreifendem und Trägerspezifischem entstehen. Konvergenz entsteht nur dann, wenn Trägerübergreifendes Bedeutsamkeit erlangt und es auch Trägerspezifisches weiterzuentwickeln vermag.

Die auf die Erarbeitung von Verabredungen folgende konsequente und erforderlichenfalls ebenfalls trägerübergreifend abgestimmte Umsetzung dieser Verabredungen ist der eigentliche Gradmesser von Sinn und Unsinn von Papierarbeit. Der Mehrwert entsteht in der Praxis. Allein: Zur institutionellen Wirkung von Verfahrensrecht sowie von Verfahrensabsprachen ist im Bereich der Rehabilitation und Teilhabe bislang wenig bekannt; beispielsweise dazu, wie Recht und dessen Konkretisierung in Strukturen und Prozessen mit welchen Ergebnissen und Konsequenzen umgesetzt wird.

Selbstverständnis und Beinfreiheit

Die BAR ist eine Organisation im Wandel. Infolge der sich verändernden Erwartungen, der Notwendigkeit des Belegs der institutionellen Bedeutsamkeit und auch infolge der jüngsten rechtlichen Aufwertung der BAR erscheint ein Fortschreiten im Prozess der Prüfung der eigenen Rollendefinitionen innerhalb des Zusammenschlusses BAR bedeutsam. Damit sind wir bei Fragen der Haltung und des Selbstverständnisses. Konsequenterweise kann es sich dabei nicht allein um eine Selbstvergewisserung zum Bestehenden handeln, sondern es muss auch um ein Hinterfragen und Justieren des Selbstkonzeptes gehen. Wahrnehmbares Resultat dieses Weges ist Kommunikation, welche oftmals, aber keineswegs ausschließlich in Arbeitsweisen innerhalb von Arbeitsprozessen auf der Ebene der BAR ihren Niederschlag findet. Die BAR-Geschäftsstelle ist in diesem Prozess den Kinderschuhen längst entwachsen. Ein Vordenken aktueller Fragen, die eigenständige Entwicklung von Lösungsansätzen, das Anstoßen notwendiger Diskussionen sowie ein Vertreten von eigenen Positionen ist zeitgemäße ←171 | 172→Zwangsläufigkeit, welche es im Dienst der Sache auszubauen und zu fördern gilt. Dabei belegen Beispiele der jüngeren Vergangenheit die Potenziale für eine effektive und effiziente Arbeit gemeinsam mit der Gemeinschaft der Rehabilitationsträger und für sie.

Da ich die gesamten 50 Jahre des Bestehens der BAR nicht detailliert zu überblicken vermag, so wage ich zumindest angesichts der vergangenen zwei Jahrzehnte eine Zukunftsprognose: Die nächsten werden für die BAR eine noch spannendere Zeit als die vergangenen 20 Jahre. Es wird sich erweisen, wie es gelingt, eingetretene Pfade zu justieren, Brücken des Gemeinsamen zu verbreitern, (neues) Recht lebendige Praxis werden zu lassen und nicht zuletzt dem Gesetzeswillen auch einen empirischen Spiegel vorzuhalten. Auf dem Weg trägerübergreifenden Handelns zum Wohle von Menschen mit Behinderung wünsche ich stets die notwendige Beharrlichkeit, eine hohe argumentative Durchschlagskraft und, wenn nötig, den erforderlichen Rückenwind.

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