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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Reha ist die Gesundheitspolitik des 21. Jahrhunderts

Reha ist die Gesundheitspolitik des 21. Jahrhunderts

von Eckehard Linnemann, Alternierender Vorsitzender BAR- Mitgliederversammlung

Fachkräftemangel, die Sicherstellung eines auskömmlichen Alterseinkommens und die selbstbestimmte Gestaltung des Übergangs vom Erwerbsleben in die Rente erfordern einen möglichst langen Erhalt der Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit. Die wichtigste Aufgabe von Reha für Erwerbstätige ist die Sicherstellung der Erwerbsfähigkeit bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze und damit einer nachhaltigen Teilhabe am Arbeitsleben.

Das von vielen angestrebte und bisher weit verbreitete Leitbild eines möglichst frühen Ausstiegs aus dem Arbeitsleben (vorzeitiger Rentenbeginn mit Abschlägen, Erwerbsminderungsrente/EM-Rente) ist für die meisten Versicherten keine wirkliche Alternative. Reha ist einer der wichtigsten Ansätze, um EM-Renten zu vermeiden oder möglichst lange hinauszuzögern. Reha kann insofern auch einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Altersarmut leisten.

Es kommt deshalb zukünftig verstärkt darauf an, die Erwerbsfähigkeit in den individuellen Arbeits- und Lebenswelten der Beschäftigten zu erhalten, abzusichern und damit künftige Altersarmut zu verhindern. Reha ist eine lohnende Investition in die Erhaltung der Erwerbsfähigkeit und Teilhabe am Arbeitsleben und damit in die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft.

Mit dem längeren Verbleib im Erwerbsleben gelangen neue Themen in die Arbeitswelt. Chronische Erkrankungen, die bislang erst in der Rentenphase deutlich wurden, wachsen gewissermaßen in die Arbeitsphase hinein. Durch die Erhöhung des Rentenzugangsalters ergibt sich ein erweitertes Krankheitsspektrum im Bereich der Erwerbstätigen. Die mehrjährige Beschäftigung von Langzeitkranken mit mehreren chronischen Erkrankungen wird immer mehr zu einem realistischen Szenario für die nächsten 30 bis 50 Jahre.

Der Bedarf nach Reha-Leistungen wird in den nächsten zehn Jahren durch Baby-Boomer und die Notwendigkeit, Reha-Maßnahmen für Jüngere früher anzubieten (Adipositas, Diabetes 2, psychische Erkrankungen), vermutlich nicht geringer, sondern vielleicht sogar ansteigen. Da viele dieser Erkrankungen mit direkter oder indirekter psychischer Beeinträchtigung verbunden sind, wächst der Stellenwert der psychotherapeutischen Versorgung und Prävention.

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Die Erhaltung der Gesundheit kann für viele Beschäftigte jedoch nur durch gezielte Maßnahmen und Interventionen kompetenter Sozialversicherungsträger (SV-Träger) sichergestellt werden. Dabei nimmt die Rentenversicherung (RV) mit ihrem gesetzlichen Auftrag, die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, eine besondere und herausragende Rolle ein, trägt sie doch letztlich neben dem Beschäftigten die Verantwortung für die Zielerreichung.

Um dies zu organisieren und sicherzustellen, bedarf es einer engen Zusammenarbeit von Gesetzgeber, Sozialpartnern und SV-Trägern. Der Gesetzgeber wendet sich den angesprochenen Themenkomplexen bereits seit vielen Jahren zu. Beispielhaft genannt seien hier nur die Regelungen im Arbeitsschutz mit dem Arbeitsschutzgesetz, die Regelungen zur Altersteilzeit und das SGB IX im Jahr 2001. Die praktischen Erfahrungen mit der Umsetzung der Gesetze, die Wirkungen des demographischen Wandels und die oben dargestellten Zusammenhänge und Notwendigkeiten haben den Gesetzgeber insbesondere in der letzten Legislaturperiode zu weiteren Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen veranlasst.

Prävention und Wiedereingliederung

Mit Bundesteilhabegesetz (BTHG), Präventionsgesetz und Flexirentengesetz wurden gesetzliche Grundlagen geschaffen, um insbesondere die Zusammenarbeit der SV-Träger verlässlicher und verbindlicher zu gestalten. Viele ←208 | 209→Regelungen konnten erst in Ansätzen realisiert werden. Die Konzepte und Erfahrungen für eine zukunftsfähige Prävention und Rehabilitation bedürfen angesichts des gesellschaftlichen Wandels und neuer Anforderungen einer ständigen Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung.

Reha wird zu einem zentralen Element für eine Gesundheitsstrategie des 21. Jahrhunderts. Sie ist als Teil eines Gesamtbehandlungsprozesses zu betrachten und in diesen zu integrieren. Notwendig ist eine engere, systematisch angelegte Zusammenarbeit zwischen Renten- und Krankenversicherung bezogen auf den Gesamtprozess. Für die Reha der Rentenversicherung ist die Sicherstellung einer qualitativ guten Krankenbehandlung vor der Reha durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) eine wesentliche Voraussetzung, um eine an den gesundheitlichen Einschränkungen orientierte Reha und Wiedereingliederung mit Aussicht auf Erfolg umzusetzen. Das erfordert in der Praxis eine engere, verlässlichere und verbindlichere Zusammenarbeit der Sozialversicherungsträger.

Die konsequente Umsetzung des BTHG durch alle Reha-Träger kann dazu wichtige Beiträge leisten. Die Entwicklung einer trägerübergreifenden, sektorüberschreitenden Informations-, Kommunikations- und Kollaborationskultur sollte als gemeinsames Ziel der Reha-Träger verfolgt werden. Aufgabe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation ist es, die SV-Träger und weitere Akteure dabei zu unterstützen und den Prozess voranzutreiben.

Die Zusammenarbeit der SV-Träger braucht auf der regionalen Ebene einen institutionellen Rahmen. Benötigt werden Kooperationsstrukturen in der Region, zum Beispiel in Form regionaler Netzwerke. Dabei kann an die in den letzten Jahren entstandenen Ansätze wie regionale Koordinierungsstellen der GKV, den Firmenservice der DRV und Ansprechstellen nach dem BTHG angeknüpft werden.

Solche regionalen Netzwerke können als institutionelle Basis Sozialpartner und Betriebe einbeziehen und die Zusammenarbeit zum Thema „Gesundheit im Betrieb“ vor Ort organisieren. Auch Kommunen und Integrationsämter sollten beteiligt werden.

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