Show Less
Open access

Fürs Leben gelernt - Die berufsbildende Waldorfschule

Series:

Edited By Klaus Peter Freitag, Wilfried Gabriel and Jürgen Peters

Die gegenwärtigen Herausforderungen unseres Bildungswesens benötigen zukunftsweisende Konzepte, die Lernen und Arbeiten, allgemeine und berufliche Bildung miteinander verbinden. Die vorliegende Publikation zeigt, welche konkreten Ansätze und langjährigen Erfahrungen die (berufsbildende) Waldorfschule hierzu beisteuern kann. Durch eine empirisch biografische Langzeitstudie der Absolventen der Hiberniaschule − als Waldorfschule ehemals Träger eines BLK-Modellversuchs − wird deren Nachhaltigkeit wissenschaftlich bestätigt. Aktuelle Modelle und Konzepte verweisen auf Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu einem neuen Bildungsverständnis im Kontext gesellschaftlicher Reformbemühungen.

Show Summary Details
Open access

Vorwort. „Lernen und Arbeiten“: Die Aktualität der berufsbildenden Waldorfschule … (Peter Schneider)

←6 | 7→

Vorwort



„Lernen und Arbeiten“: Die Aktualität der berufsbildenden Waldorfschule …

Peter Schneider

…. zeigt sich gerade in Deutschland besonders deutlich: Denn unser Schul- und Bildungswesen zerfällt nach wie vor in ein gymnasiales und in ein berufsbezogenes Lernsystem, die je eine ganz unterschiedliche pädagogische Prägung, ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bewertung haben und von ganz bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und Schichten absolviert werden. Und das, zum wiederholten Mal, in eine tiefe Krise geraten ist („Akademisierungswahn“). Die traditionelle Waldorfschule kommt als Alternative zum sogenannten weiterführenden (gymnasialen) Schulwesen nur den ihm zugeordneten Teil der Bevölkerung zugute. Die berufsbildende Waldorfschule knüpft an den ursprünglichen volkspädagogischen Impuls Rudolf Steiners an: Berufsbildung als allgemeine Menschenbildung. Denn das größte Defizit der Entwicklung des gesellschaftlichen Bildungswesens der letzten 400 Jahre ist das Herausfallen der praktischen Arbeit und des Berufes aus dem Zusammenhang allgemeiner Menschenbildung („Allgemeinbildung“). Mit dem Aufkommen der modernen Technik, der „zweiten Schöpfung“, entsteht die Notwendigkeit einer neuen Allgemeinbildung und einer neuen sozialen Ordnung als Grundlage einer technischen Kultur. Bekannt ist die These von Rudolf Steiners Zeitgenossen Georg Kerschensteiner: „Die Berufsbildung steht an der Pforte zur Menschenbildung“.

Dazu ist es notwendig, die Bedeutung der (beruflichen) Arbeit als zentrale vertikale und horizontale Resonanzachse (H. Rosa) und damit ihre individuelle und gesellschaftliche Wertigkeit für den modernen wie auch spätmodernen Menschen zunächst zu thematisieren und zu begründen. Wenn Beruf und Arbeit diese Bedeutung im Leben haben, muss eine Schule, die auf das Leben vorbereitet, exemplarisch dafür bilden. Diese Aufgabe wird umso wichtiger, weil durch die künftige Digitalisierung der Arbeitswelt die Kluft zwischen der digitalen Allmacht des Fingerdrucks und der existenziellen Ohnmacht der Selbsterfahrung/Selbstwirksamkeit immer größer wird – gefordert ist deshalb pädagogisch ein neuer Zugang zur persönlichen Verantwortung und zur Welt, als neue berufliche Bildung.

Die berufsbildende Waldorfschule geht dabei den Weg einer personalen Berufsausbildung (Gabriel 1985). Damit soll es dem Heranwachsenden ermöglicht werden, die schöpferische Produktivität seiner eigenen Intelligenz ←7 | 8→und die Fähigkeit seines eigenen Handelns zu entdecken und zu entwickeln, um dann mit „intelligenten“ Maschinen, mit „künstlicher“ Intelligenz umgehen zu können und sie in den Dienst des Menschen und seiner Umwelt zu stellen. Die Autoren konkretisieren vor diesem Hintergrund Rudolf Steiners Forderung, Lernen und Arbeiten zum didaktischen Zentrum der Waldorfschule zu machen bis hin zu einer exemplarischen Berufs-Qualifikation, als berufliche Lernkompetenz. Dabei ist ihnen deutlich, dass eigentlich für Berufe ausgebildet wird, die es noch gar nicht gibt und von denen noch nicht gewusst wird, wie sie aussehen. Durch einen „dynamischen Bildungsbegriff“ (s. Beitrag Gabriel) wird schließlich die Dimension der Freiheit mit einer Erziehung zur Arbeit verbunden. Und dass die Berufswahl aus Freiheit, also aus der „Einsicht in die Notwendigkeit“ (Hegel) heraus geschehen soll, indem man „berufen wird durch den objektiven Werdegang der Welt … durch das, was den Menschen abfordert, was den Menschen ruft“ (Rudolf Steiner, 12.11.1916). Damit sind die Grundlagen gelegt, den aus dem deutschen Idealismus stammenden und revolutionären Begriff der „Allgemeinbildung“ (Wilhelm von Humboldt) um die Dimension von Arbeit und Freiheit zu erweitern. In der empirischen Nachverfolgung ihrer Ehemaligen wird diese Zielsetzung, auch nach Jahrzehnten, voll bestätigt. (s. Beitrag Peters).

Die Autoren zeigen weiter, dass die Entwicklung der berufsbildenden Waldorfschule, exemplarisch am BLK-Modellversuch der Hiberniaschule zur Integration beruflicher und allgemeiner Bildung (Rist/Schneider 1977) immer in stimulierender Korrespondenz mit den Fragestellungen der Gesellschaft geschah und mit Blickrichtung darauf, dass sie in ein allgemeines Schul- und Ausbildungswesen zu übertragen wäre. Auf dieser Grundlage und im Kontext des Bildungskongresses 2018 (Freitag/Gabriel/Kieser) hat sich die Hiberniaschule auch zu einem neuen Modellversuch entschlossen (Freitag/Gabriel 2020). Denn eine Pädagogik, die den Anforderungen der Gegenwart entsprechen will – und das ist das Kernanliegen der (berufsbildenden) Waldorfschule – kann nicht für eine bestimmte soziale Schicht oder weltanschauliche Gruppe geplant werden. Diese Pädagogik will den wissenschaftlichen und sozialen Wandel unserer Zeit voll einbeziehen, sie will nicht das bessere „Gestern“ im „Morgen“, sondern eine Voraussetzung dafür schaffen, dass sich Menschen frei entwickeln können und in ihrer Entwicklung die Bedingungen der Arbeitswelt verändern lernen und eine „Kultur der Freiheit“ schaffen.

Damit wird auch gezeigt, dass aus der kritischen Besinnung auf den pädagogischen Impuls Rudolf Steiners sich die Lebendigkeit der Waldorfschule nicht nur in immer neuer Vergrößerung zeigt, sondern dass sie auch die Kraft hat, sich selber fortzubilden und die Aufgaben der kommenden Zeit zu erkennen. In den 100 Jahren seit ihrer Gründung als Betriebsschule der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik konnte manches nicht verwirklicht werden, jedem Entwicklungsprozess ist dieses Zurückbleiben gegenüber der impulsierenden ←8 | 9→Idee eigen. Deshalb hat das in diesem Buch Dargestellte und Konkretisierte exemplarische Bedeutung und wendet sich an alle, die sich für unser Schul- und Bildungswesen verantwortlich fühlen. Im Rahmen einer pädagogischen „Entwicklungswerkstatt“ und des neuen Modellversuches der Hiberniaschule wird eingeladen zur Mitarbeit an einer Pädagogik der Arbeit und einer Gesellschaft der Freiheit.

Aus aktuellem Anlass die folgende Anmerkungen über das Verhältnis von Freiheit und Gesellschaft: Die Waldorfschule ist eine „Freie“ Schule und auf eine freie Gesellschaft gerichtet. In einer freien Gesellschaft sind Entwicklungen und Veränderungen nur berechtigt, wenn sie von den Betroffenen selbst herbeigeführt werden, wirkliche Freiheit kann sich nur in Menschen und zwischen Menschen verwirklichen. Die friedliche Revolution 1989 in Deutschland, eine Sternstunde der deutschen Geschichte, hat dafür ein Beispiel gegeben. In einer Gesellschaft, die sich auf allen Gebieten so sehr in Entwicklung befindet wie die unsere, muss sich Schule selbst so gestalten können, dass sie in ihrer eigenen Entwicklung die kommende Entwicklung impulsierend vorwegnehmen kann. Es soll erfahren und gestaltet werden, was die nachfolgenden jungen Menschen uns als neue Impulse und Möglichkeiten entgegen tragen – und dafür soll ihnen durch „Lernen und Arbeiten“ und in einer Selbstverwaltung als „Organisation der Freiheit“ (Bauer 2006) ein geeignetes Übungsfeld gegeben werden. Die Schule ist der Ort, an dem sich das vorbereitet und hier fällt die Entscheidung, ob es gelingt, ein neues Denken und Handeln in die Gesellschaft einzupflanzen. Wenn immer wieder erlebt wird, dass die Erneuerungskräfte der jungen Generation sich nicht fruchtbar und entwicklungsfördernd in die Gesellschaft einbringen können, sondern sich in äußeren Protesten und bloßen Demonstrationen ausleben, dann ist das eine bedrückende Anklage gegen ein freies und der Gesellschaft Impulse gebendes Schul- und Bildungswesen. Deshalb kann gerade die berufsbildende Waldorfschule ein Modell und Übungsfeld für etwas wirklich Neues sein, eine Entwicklungswerkstatt der Zukunft, in der jungen Menschen sich „bilden“ und als verjüngende Kraft in einer alternden Gesellschaft schöpferisch werden können.

Literatur:

Horst Philipp Bauer: Zur Ethik selbstverwaltete Organisationen – Anspruch und Realität von Schulen und Einrichtungen in freier Trägerschaft. In: Horst Philipp Bauer/Peter Schneider (Hrsg.): Waldorfpädagogik. Perspektiven eines wissenschaftlichen Dialoges. Peter Lang, Frankfurt a.M. 2006.

Klaus-Peter Freitag, Wilfried Gabriel, Tilman Kieser (Hrsg.): Lernend arbeiten – arbeitend Lernen. Die Bildungsidee der Waldorfschule. Dokumentation: Bildungskongress Januar 2018.

←9 | 10→

Wilfried Gabriel: Personale Pädagogik in der Informationsgesellschaft. Berufliche Bildung, Selbstbildung und Selbstorganisation in der Pädagogik Rudolf Steiners. 1985.

Georg Rist, Peter Schneider: Die Hiberniaschule. von der Lehrwerkstatt zur Gesamtschule: Eine Waldorfschule integriert berufliches und allgemeines Lernen. 1977.

Hartmut Rosa: In der Arbeit finden wir die Welt. NZZ, 16.9.2019.