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Erhabenheit und Kunstautonomie

Schillers Poetik des Unendlichen

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Sofia Avgerinou

Friedrich Schillers Stilisierung als Dichter der Versöhnung und der ästhetischen Erziehung wird das konkurrierende Bild eines Ästhetikers des Widerspruchs immer entschiedener entgegengesetzt. In wie fern lässt sich aber die Forderung nach einer autonomen Kunst mit dem Erhabenen vereinbaren? Sind diese Begriffe dem heutigen Menschen noch ein Begriff? Auf denselben semantischen Elementen beruhend und eine Umdeutung der traditionellen Mimesis erstrebend, führen Schillers Versöhnungsaporien immer wieder zu neuen Trennungen und zu der Anerkennung der grundsätzlichen Widersprüchlichkeit des Daseins.

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3. Schillers Konzeption des Erhabenen

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„Μit des Menschen Widerstand verschwindetAuch des Gottes Majestät“.527Friedrich Schiller

Schillers Begriff von Erhabenheit, wie überhaupt seine Kunstphilosophie, steht nicht vereinzelt da, etwa als Anhang zur Kantischen oder auch nur zur deutschen Ästhetik der Spätaufklärung. Es ist heute bekannt, dass für den Ästhetiker Schiller die europäische Philosophie weit wichtiger war als die deutschen Denker, Kant ausgenommen.528 In dieser Hinsicht lohnt es sich, der jahrtausendealten Geschichte des Begriffs von ὓψος bzw. Erhabenheit auch nur andeutend nachzugehen.

Mit dem Aufschwung der Rhetorik im antiken Athen wird die Macht des sprachlichen Ausdrucks an sich für jedes erdenkliche Ziel in Anspruch genommen, ohne Rücksicht auf dessen Legitimität oder auf die Korrespondenz der Worte des Rhetors mit der Wahrheit. Die Überredung, die πειθώ, ersetzt die βία.529 Sie beschränkt sich nicht nur auf die Herbeiführung der freiwilligen ←173 | 174→Akzeptanz der Argumente des Redners, sondern sie ersetzt vielfach die rohe politische Macht der Oligarchie oder Tyrannei durch die psychologische Gewalt einer fast magisch wirkenden Sprache. Die Sprache selbst ist ein δυνάστης μέγας [großer Tyrann], sie nötigt die Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen.530 In Gorgias’ Denken tritt die Auffassung auf, dass die Sprache und die Leidenschaften, die durch den geeigneten Gebrauch der Sprache entstehen, die Freiheit der individuellen Entscheidung beeinträchtigen und den Menschen zu einer Art Unmündigkeit zurückführen können. Longin wiederum bezeichnet dasjenige große, verzehrende Pathos als erhaben, das so stark ist, dass es unaussprechlich bleiben muss. Je unaussprechlicher, desto...

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