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Die Ästhetik des Stillstands

Anti-Entwicklungstexte im Literaturunterricht

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Markus Schwahl

Der Entschluss zum biographischen Stillstand ist ein literarischer Topos, der in Texten der Klassischen Moderne, aber auch in postmoderner Gegenwartsliteratur zu finden ist. Entwicklungsverweigerer wie Peter Pan oder Oskar Matzerath sind zu Ikonen der Literatur- und Filmgeschichte avanciert. Diese Studie formuliert wesentliche Gattungskriterien der Anti-Entwicklungsliteratur und entwirft eine Typologie der Verweigerung, indem sie die individuellen Motive der literarischen Entwicklungsverweigerer mit den gesellschaftlichen und ästhetischen Konzepten ihrer Entstehungszeit verknüpft. Der entwicklungspsychologische und literaturwissenschaftliche Ansatz der Studie wird ergänzt durch didaktische Überlegungen, die einem kompetenzorientierten und schülerzentrierten Unterricht verpflichtet sind. Methodische Hinweise, Unterrichtsprotokolle, Aufsatzbeispiele sowie ein umfangreicher Materialteil ermöglichen eine direkte Umsetzung des Modells im Literaturunterricht der Sekundarstufe II.

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1. Anti-Entwicklungsliteratur als literarischer und didaktischer Sonderfall

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5 1.1. Das Entwicklungsaxiom in der Jugendliteratur Anti-Entwicklungstexte sind in der Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik noch nicht als eigene Gattung wahrgenommen worden. Angesichts eines ausgesprochen kleinen Korpus an Romanen und Erzählungen, die sich dem Thema der Entwicklungs- verweigerung widmen, vermag dies auch kaum zu überraschen: Obgleich es sich bei Anti-Entwicklungstexten fast ausschließlich um kanonische Repräsentanten der deut- schen Literaturgeschichte handelt, schien das Quantum an Referenztexten bislang wohl schlicht zu gering, um von der Anti-Entwicklungsliteratur als einem autonomen literarischen Genre sprechen zu können. Stattdessen werden die wenigen Titel der An- ti-Entwicklungsliteratur in der Regel den einschlägigen Kategorien der Jugendliteratur (Bildungsroman, Schulroman, Adoleszenzroman, problemorientierte Jugendliteratur etc.) zugeschlagen. Diese Klassifizierung von Anti-Entwicklungstexten als „Jugendliteratur“ ist allerdings irreführend, fußen jugendliterarische Erzählungen und Romane doch gerade auf dem Grundsatz des äußeren und inneren Vorankommens ihrer Protagonisten. Jugendlitera- tur ist Entwicklungsliteratur: Geschichten, die von jugendlichen Lebenserfahrungen handeln und in der Regel auch für jugendliche Leser konzipiert sind, werden getragen von einem starken Wunsch nach biographischer Progression. Dieser Entwicklungs- wunsch prägt nicht nur den gesamten Handlungsverlauf eines jugendliterarischen Tex- tes; er bildet in der Regel auch den eigentlichen Erzählanlass für das jugendliterarische Werk und stellt nicht zuletzt ein bedeutendes Lesemotiv für dessen Rezipienten dar. Das Entwicklungsaxiom in der Jugendliteratur gilt unabhängig vom jeweiligen Genre, dem der jugendliterarische Text zuzurechnen ist. Den phantastischen Jugendromanen von Otfried Preußler (Krabat, 1971) und Joanne K. Rowling (Harry Potter, 1999 ff.) wohnt der unbedingte Entwicklungswille ihrer Figuren...

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