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Von «liederlichen Land-Läuffern» zum «asiatischen Volk»

Die Repräsentation der ‘Zigeuner’ in deutschsprachigen Lexika und Enzyklopädien zwischen 1700 und 1850- Eine wissensgeschichtliche Untersuchung

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Vera Kallenberg

Die Kategorie ‘Zigeuner’ der deutschsprachigen Enzyklopädien vor 1780 war vorwiegend eine Sammelbezeichnung. Sie diente dazu, unterschiedliche Gruppen von sogenannten «freiwilligen Vaganten», die man als besonders kriminell und die Sicherheit gefährdend etikettierte, zu erfassen. Vor dem Hintergrund des humanwissenschaftlichen Paradigmenwechsels um 1800 wurde in der «Sattelzeit» aus der primär sozialen eine ethnische Kategorie. Im Ergebnis wurden ‘Zigeuner’, in Rekurs auf die vergleichende Sprachwissenschaft und die Berichte englischer Missionsgesellschaften, als der ‘innere Orient’ des ‘zivilisierten Europas’ konstituiert. Diese diskursanalytische Arbeit leistet eine Re- und Dekonstruktion enzyklopädischer Wissensproduktion zu ‘Zigeunern’ zwischen 1700 und 1850. Sie sieht sich damit als Beitrag zu den gegenwärtigen Debatten in den Geschichts- und Kulturwissenschaften um Gedächtnis und Erinnerung, die auf eine kritische Reflexion von Entwicklungen «langer Dauer» zielen.

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DRITTES KAPITEL: Das Lemma "Zigeuner" zwischen den 1780er und 1850er Jahren 97

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DRITTES KAPITEL: Das Lemma "Zigeuner" zwischen den 1780er und 1850er Jahren Das Quellenmaterial aus dem zweiten Untersuchungszeitraum ist umfang- und fa- cettenreicher als die Lexika und Enzyklopädien vor 1780. Dies gilt für die Anzahl der Artikel, ihre jeweilige Länge und für die Bandbreite der dort verhandelten The- men. Die lexikalischen Nachschlagewerke räumen bereits bekannten Themen nicht nur mehr Platz ein, sondern verhandeln eine Vielzahl neuer Fragestellungen und Diskurse, die – wie zu zeigen sein wird – wiederum in unterschiedliche Kontexte eingebunden sind. Im Unterschied zum ersten Untersuchungszeitraum lässt sich der lexikalische Zigeunerdiskurs zwischen 1780 und 1850 in diesem Rahmen nicht vollständig rekonstruieren. Die Untersuchung muss daher auf bestimmte Bereiche fokussiert werden. Die Eigenschaft lexikalischer Texte, über eine Anfangsdefinition zu verfügen, in der relevante Informationen bereits enthalten sind, ermöglicht es je- doch, signifikante Entwicklungen und Verschiebungen nachzuzeichnen. Dabei sollen zwei Dinge berücksichtigt werden. Einmal geht es darum, die The- men des ersten Teils (lexikalische Definition, Herkunftssuche, Ordnungsnormie- rung) beizubehalten, um Kontinuitäten und Brüche deutlich machen zu können. Zweitens soll den massiven Verschiebungen innerhalb des lexikalischen Zigeuner- diskurses Rechnung getragen werden. Um den Wandel in der lexikalischen Thema- tisierung auszuloten, ist es nötig, die Informationsgrundlagen der Quellen zu re- cherchieren. Wie sich die Rezeption neuer Forschung in der Anfangsetikettierung niederschlägt, wird im zweiten Kapitel untersucht. Anschließend soll dem Wandel der Begründungsmuster und –kategorien nachgegangen werden, mit deren Hilfe die Herkunftssuche intensiviert wird. Daraufhin wird die Situierung von...

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