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Postkommunismus und verordneter Nationalismus

Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet

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Dittmar Schorkowitz

Seit dem Systemwechsel in Osteuropa werden Vergangenheitsbilder, sprachliche Zuordnung und Konfessionszugehörigkeit zum Ausbau der Herrschaft nationaler Eliten benutzt. Dieser Prozeß beinhaltet die Ersetzung der kommunistischen Ideologie durch ethnonationale Identitäten und
die Überformung der territorial-administrativen Umgestaltung durch die Renaissance der nationalen Idee. Mögen die Auswirkungen dieser Transformation in den postsozialistischen Ländern auch regional unterschiedlich sein, so ist der Entwicklung doch gemein, daß Konsens und Gemeinschaft seither im Zuge einer Abgrenzung entsteht, die das Eigene dem Anderen gegenüberstellt und dabei auf Feindbilder zurückgreift. Dieses Buch will daher das Verhältnis von Nationsbildung, Geschichtspolitik und Eskalationsdynamik erhellen, um die Funktion einer historischen Sinnstiftung im Kontext nationalistischer Gewaltentfaltung für einen Teilbereich des östlichen Europas aufzudecken.

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VORWORT 9

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9 VORWORT Die Desintegration der Sowjetunion und das Verschwinden sowohl der kommu- nistischen Staatsideologie wie des Mechanismus' planwirtschaftlicher Umvertei- lung haben die Weltsicht des homo postsoveticus nur unwesentlich verändert. Richtig ist, daß sein Denken individueller und materieller geworden ist. Doch herrschen Zentralismus und Führerprinzip immer noch vor, wie auch das Patro- nagesystem weiterhin für die Bildung geschlossener und vernetzter Klientel- gruppen sorgt. Der Wegfall imaginierter Größe macht nostalgischem Erinnern an eine imperiale Vergangenheit Platz und schafft Raum für konstruierte Rück- bezüge durch elitäre Schichten, die politisch lenkend auf eine erinnerungsarme und geschichtsunerfahrene Generation einwirkt. Der bekannt chronische Mangel an gesellschaftlicher Selbstaufklärung geht einher mit der Übernahme eines anderen Erbes aus autokratischer Zeit. Gemeint ist die Dichotomie der Feindbilder (Osten vs. Westen, Slaven vs. Nicht-Slaven, Orthodoxie vs. Islam und westliche Christenheit) sowie deren Funktion politi- scher Abgrenzung und der sie generierende Mechanismus. In ihrem Bemühen um eine rußländische Nationsbildung grenzen sich Staat und Kirche dabei nur ungenügend gegenüber Kräften ab, die den Aufruf zum Patriotismus an der post- imperialen Peripherie Nordkaukasiens, im nördlichen Schwarzmeergebiet wie in Transnistrien, aber auch in den tatarischen Republiken an der Wolga, ja in eini- gen Metropolen Rußlands selbst, auf ganz eigene und eigennützige Weise inter- pretieren und politisch ausfüllen. Daß dieser Nationalismus aber verordnet ist, erkennt man leicht daran, daß zentrale Institutionen nach wie vor damit beschäftigt sind, bestimmte Elemente der nationalen Identität Rußlands...

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