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Sprachmythen – Fiktion oder Wirklichkeit?

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Edited By Lieselotte Anderwald

Die Beiträge in diesem Band untersuchen Mythen und Mythenbildung im Reiche der Sprache: Hat Englisch wirklich keine Grammatik, ist Latein logischer als andere Sprachen, verdirbt das Internet die Sprache, und werden Fragen immer mit ansteigender Intonation gesprochen? Die Beiträge kommen aus der Germanistik, Anglistik, Romanistik, Latinistik, Frisistik sowie der experimentellen Phonetik. Sie beschäftigen sich mit historischen und gegenwärtigen Sprachen, mit Teilbereichen der Grammatik sowie der Aussprache und untersuchen Dialekte, Dialektwahrnehmung, gesprochene und geschriebene Sprache sowie Sprache im Internet.

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Thorsten Burkard (Kiel): Vom Mythos des logischen Latein

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Vom Mythos des logischen Latein Thorsten Burkard (Kiel) 1. Die Bedeutung des Mythos „Latein ist logischer als andere Sprachen“ Die Behauptung, Latein sei logischer als andere Sprachen, ist bekanntlich sehr wirkungsmächtig und erfüllt schon äußerlich die Bedingungen eines Mythos: Sie ist allgemein verbreitet, wird selten hinterfragt und schafft einen Nimbus, der sich rational nicht erfassen lässt, aber dazu beiträgt, die Notwendigkeit des Faches in der Schule zu unterstreichen1 und dem Lateinischen und seinen Ver- mittlern eine Aura des Besonderen zu verleihen.2 Latein wird in diesem Mythos zum „Königsweg zu einem vertieften Sprachverständnis“ (MAIER 2008: 24 und 28)3 oder sogar zu einer allgemeinen Denkschule4 und wird daher auf eine Stufe mit der Mathematik5 oder dem Schachspiel (vgl. etwa SCHNUR 2008: 152 Anm. 1 Lateinlehrer und humanistische Gymnasien werben sehr gerne mit dem „logischen La- tein“, wie sich bei der Durchsicht der entsprechenden Websites leicht feststellen lässt. 2 Ohne recherchiert zu haben, würde ich intuitiv behaupten, dass man die Behauptung, das Altgriechische sei eine besonders logische Sprache, deutlich seltener finden wird. Es wäre interessant, den Gründen dafür nachzugehen – vermutlich galt das Griechisch wegen des Naturgenies Homer als archaische und damit als urwüchsige, natürlichere Sprache, vgl. den folgenden Zufallsfund: „Da die lateinische Sprache einen mehr logi- schen Geist verräth, die griechische einen anschaulich-gemüthlichen, so möchte die Einführung des Semikolon in der lateinischen Sprache vollkommen begründet sein“ (ERSCH/GRUBER 1841: 421 s.v. Interpunktion). Dass sich...

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