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Sprachmythen – Fiktion oder Wirklichkeit?

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Edited By Lieselotte Anderwald

Die Beiträge in diesem Band untersuchen Mythen und Mythenbildung im Reiche der Sprache: Hat Englisch wirklich keine Grammatik, ist Latein logischer als andere Sprachen, verdirbt das Internet die Sprache, und werden Fragen immer mit ansteigender Intonation gesprochen? Die Beiträge kommen aus der Germanistik, Anglistik, Romanistik, Latinistik, Frisistik sowie der experimentellen Phonetik. Sie beschäftigen sich mit historischen und gegenwärtigen Sprachen, mit Teilbereichen der Grammatik sowie der Aussprache und untersuchen Dialekte, Dialektwahrnehmung, gesprochene und geschriebene Sprache sowie Sprache im Internet.

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Helmut Lüdtke (Kiel): Vom Mythos des Vulgärlatein

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Vom Mythos des Vulgärlatein † Helmut Lüdtke (Kiel) 1. Die dunklen Jahrhunderte Die Wirren der Völkerwanderung, das Eindringen germanischer Stämme in die Romania hat zwar nicht – systemlinguistisch betrachtet – „die Grammatik ver- dorben“, wie in der Vergangenheit viele Leute vermutet haben, wohl aber hat das die Wissensüberlieferung nachhaltig beeinträchtigt, und zwar ganz einfach dadurch, dass jahrhundertelang viel weniger Geschriebenes produziert und über- liefert worden ist als vorher und nachher. In welche Kommunikationskrise die lateinische Sprachgemeinschaft im 7.-8. Jahrhundert geraten […] und welcher Ausweg dann gefunden worden war […], darüber fehlt jegliche detailgetreue zeitgenössische oder spätere historische Überlieferung. Nur indirekt können wir heute das damalige Geschehen rekonstruieren. Das ist kein Sonderfall. In der Zeit vor dem Buchdruck war die Unterbre- chung von Wissenstraditionsketten – wie Michael Giesecke (GIESECKE 2002: 114- 119) am Beispiel der Seefahrt ausführlich dargelegt hat – vielmehr ein durchaus normaler Vorfall. Angesichts der Kontinuität der Textüberlieferung, der Schreibpraxis (Orthografie) und des Sprachunterrichts (mit den seit der Antike tradierten Lehrbüchern von DONAT und PRISCIAN) konnte die Illusion einer un- unterbrochenen Überlieferungskette der Schriftsprache (parallel zur – tat- sächlichen, aber ignorierbaren! – Stafettenkontinuität des Gesprochenen) auf- kommen. Dass unter KARL dem Großen und seinem „Kultusminister“ ALKUIN die seit der Antike tradierte, gemäß den Lautgesetzen gewandelte Aussprache der geschriebenen Wörter (Graphophonie) abgeschafft und durch eine neu er- fundene, am Schriftbild orientierte ersetzt worden war (…), blieb bis ins 20. Jahrhundert verborgen. Ein entscheidender Grund dafür ist wohl, dass die neue Graphophonie...

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