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Erziehung zur Mündigkeit und Kants Idee der Freiheit

Markus Speidel

Obwohl der Mündigkeitsbegriff seine herausragende Stellung in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion mittlerweile eingebüßt hat, ist er immer noch als Erziehungsziel gegenwärtig. Wer von Mündigkeit redet, meint – mal mehr, mal weniger explizit – das Verantwortung begründende Freiheitsvermögen, sich selbst regieren zu können. Angenommen, die moderne Hirnforschung hätte Recht und Freiheit wäre tatsächlich nur eine Illusion, müsste mit der Unmöglichkeit von Freiheit und Verantwortung
konsequenterweise auch der Mündigkeitsbegriff verworfen werden. Kants Idee der Freiheit zeigt, warum Freiheit trotz (neuronaler) Determination widerspruchsfrei gedacht werden kann. Diese Fundierung des Mündigkeitsbegriffs in der Idee der Freiheit schränkt zugleich auch die Bandbreite dessen ein, was Mündigkeit sein kann und nimmt dem Begriff so seine Beliebigkeit.

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1 Einleitung

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Dem Mündigkeitsbegriff wurde schon vor vielen Jahren dasselbe Schicksal vor- ausgesagt, das alle Schlagwörter trifft – nach einer kurzen Blüte verschwinden sie so schnell wieder, wie sie gekommen sind (Ebersold 1980, S. 277). Heute, nachdem seit dieser „Prophezeiung“ mehr als dreißig Jahre vergangen sind, ist der Begriff allerdings immer noch nicht verschwunden; er lebt nicht nur in gän- gigen „Floskeln“ wie dem „mündigen Bürger“ oder dem „mündigen Patienten“ weiter, sondern er ist ebenso in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion immer noch als Erziehungsziel gegenwärtig, auch wenn er die herausragende Position, die er zeitweise inne hatte, mittlerweile an andere Schlagwörter abtre- ten musste1. Dass „Mündigkeit“ als Erziehungsziel – sogar häufig als oberstes Erziehungsziel – gehandelt wird, scheint, zumindest auf Basis unserer freiheit- lich demokratischen Grundordnung und soweit eine „auf Moral verpflichtete Erziehung“ (Höffe 1996b, S. 19) gemeint ist, naheliegend. Man könnte mit Ot- fried Höffe sagen, dass sich dieses Erziehungsziel aus dem Umstand, dass wir als hilfsbedürftige Säuglinge und nicht als fertige Erwachsene zur Welt kom- men, so gut wie von selbst ergibt (Höffe 1996b, S. 19). Er ist der Auffassung, dass die Interessenkonvergenz, die darin besteht, dass Kinder nicht für immer auf fremde Hilfe angewiesen bleiben wollen und Erwachsene nicht ewig helfen möchten, zum „Generalziel ‚Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit‘“ führt, wobei hier mit „Selbständigkeit“ insbesondere die Fähigkeit gemeint sei, sich nicht nur von seinen „momentan vorherrschenden Impulsen“ leiten zu las- sen, d....

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