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Geschlechterbilder im Vertreibungsdiskurs

Auseinandersetzungen in Literatur, Film und Theater nach 1945 in Deutschland und Polen

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Kirsten Möller

Dieses Buch widmet sich den Geschlechterbildern im Vertreibungsdiskurs nach 1945. Dafür analysiert die Autorin literarische, filmische und theatrale Auseinandersetzungen mit den historischen Ereignissen von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung Deutscher und Polen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum steht die Frage nach den narrativen Strukturen, die das Erzählen von Heimatverlust und erneuter Beheimatung prägen. Die Autorin folgt dabei einer «gender-orientierten Erzähltextanalyse» in ihrer Einbettung in erinnerungskulturelle Zusammenhänge. Angesichts der transnationalen Dimension des Vertreibungsdiskurses überschreitet das Buch in Anlehnung an verflechtungsgeschichtliche Ansätze die Grenzen einer nationalen Erinnerungsgeschichte.
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Resümee

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Nach den politischen Umbrüchen 1989 in Europa erlebt die erinnernde Auseinandersetzung mit dem Vertreibungskomplex neue Impulse und thematische Konjunkturen. Die gesellschaftlichen Veränderungen sind Anlass für erneute Auseinandersetzungen mit der eigenen, familiären Herkunft und Verortung. Flucht, Vertreibung und Umsiedlung wurden nun zunehmend aus einer transnationalen Perspektive betrachtet. Die Ausgestaltung des deutsch-polnischen Verhältnisses als romantische Zweierbeziehung in Grass’ Erzählung Unkenrufe implizierte einen Anspruch auf Versöhnung und Verständigung. Wenn dieser Blickwinkel sich allerdings im Bild einer konventionellen heterosexuellen Liebesbeziehung mit einer herkömmlichen Geschlechterrollenverteilung ausdrückt, besteht die Gefahr einer Reproduktion althergebrachter Machtverhältnisse und Dominanzstrukturen.

Die Persistenz der Heimatverlusterfahrungen ist seit den 1990er Jahren vermehrt in Form von Familiengeschichten erzählt worden. Die schwierige Beziehung zur Mutter stand dabei oftmals als Sinnbild für die gefühlte Heimatlosigkeit der Nachgeborenen, wie beispielsweise in Hans-Ulrich Treichels Texten Der Verlorene und Menschenflug. Die Kontinuität der historischen Erlebnisse wurde dabei in Jirgls Die Unvollendeten oder Tokarczuks Letzte Geschichten in Bildern weiblicher Genealogien ausphantasiert. Signifikant sind aber auch die Väter in den vom mir betrachteten Texten: Sie sind abwesend, manchmal sogar gewalttätig. Die Protagonistinnen und Protagonisten haben kaum eine, erst recht keine gute Beziehung zu ihren Vätern. Dass Letztere auch für das ‚Vaterland‘ an sich stehen, wird in Jirgls Die Unvollendeten überdeutlich, wo die Ablehnung des Stiefvaters, einem treuen SED-Mitglied, mit der des gesamten Staats einhergeht.

Wenn die Geschichte des Heimatverlusts nach 1989 als Familiengeschichte erzählt...

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